Halbzeitpausengespräch: Vor Sonnenuntergang – Großartige Theaterpremiere im Ruhrorter Zum Hübi

Seit geraumer Zeit möchte das Theater oft gar kein Theater mehr sein. Es holt Laien auf die Bühne, um mit ihnen als Stellvertreter für gesellschaftliche Gruppen soziale Probleme in den Blick zu nehmen. Authentizität soll das Zaubermittel sein, in der Hoffnung genutzt, mit ihm verloren gegangene gesellschaftliche Relevanz des Theaters zurück zu erobern. Der Wille dahinter ist durchaus löblich. Schließlich fühlt man sich der Aufklärung verpflichtet, der Emanzipation und dem Versuch politisch wirksam zu werden. Das Schauspiel als sinnliches Ereignis geht dabei oft verloren. Wir sehen dann auf der Bühne gesprochenen Journalismus zwischen Leitartikel-Debatte und Sozialreportage. Ich lese so etwas lieber, als es auf der Bühne zu sehen.

Wenn Theater aber neben dem Willen zur gesellschaftlichen Bedeutung weiter zum künstlerischen Anspruch der Gestaltung steht, kann aus der Arbeit mit Laien für Mitwirkende und Zuschauer ein großartiges Erlebnis werden. So geschehen am letzten Samstag im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort, wo das Theaterstück „Vor Sonnenuntergang“ in der Hafenkneipe „Zum Hübi“ Premiere hatte.

 

Sieben in die Jahre gekommene Männer betreten die Bühne. Sie nehmen ihre Plätze ein im Gegenlicht der untergehenden Sonne vor dem Hafenmund-Panorama. Das Wetter ist wie bestellt für diesen Tag. Diese Männer erinnern sich fortan an ihr Leben, an ihre ersten Lieben, an ihre Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen als junge Menschen. Sie erinneren sich an ihre Väter und manchmal an ihre Mütter.

Während die Erinnerungen kommen und gehen, bewegen sich die Männer in dem Kneipenraum. Denn Erinnerungen werden auch körperlich spürbar. Die Männer werden im wahrsten Sinne des Wortes bewegt. Einmal mündet dieses körperliche Erinnern in einen minutenlangen Tanz von Thomas Frahm, der sprachlos den Zwiespalt zwischen ekstatischer Befreiung und den wo auch immer herkommenden Grenzen einer ganzen Existenz sichtbar werden lässt. Beeindruckend.

 

Die Mitwirkenden haben zusammen mit Stefan Schroer und Sarah Mehlfeld die eigenen, verschieden gestalteten Texte mit Texten anderer Herkunft montiert. Wenn sonst Stefan Schroer mehr dramaturgisch arbeitet und Sarah Mehlfeld als Regisseurin, so haben sie  bei diesem Projekt auch den künstlerischen Bereich des jeweils anderen mitverantwortet. So sind die Erinnerungen dieser Männer auf vielfältige Weise künstlerisch bearbeitet. Die Sprache auf der Bühne ist zu Beginn und zum Ende hin sehr poetisch. Dieser künstlerische Rahmen legt nahe, die Männer spielen nicht sich selbst. Die eigenen Erinnerungen verweisen über das Biografische hinaus auf etwas Allgemeineres. Vor allen Dingen spielen sie, und der Wechsel zwischen stilisierter Bühnensprache und alltäglichem Reden wird als Mittel zur Komik genutzt. Wir sehen nicht auf das reale Leben dieser Männer. Dennoch ist dieses reale Leben jederzeit spürbar durch die Sehnsüchte der Männer und durch die Kraft der emotionalen Beziehungen, die ihr Leben geprägt haben. Wir begegnen immer wieder auch der Komik eines normalen Lebens, wenn Ideal und Wirklichkeit gegenüber gestellt sind, wenn Strategien entworfen werden, um mit dem Leben im Alter zurecht zu kommen.

Das private Erinnern ist zugleich polititisch deutbar. Wenn von der großen Liebe gesprochen wird, die sich als Hure entpuppt, gelten diese Worte der Enttäuschung zugleich linker Politik. Sie sind Metapher. Dieser Bühnentext flirrt und lässt Deutungsräume entstehen. Er gibt Anlass, weiterzudenken, etwa, wie ein Scheitern im Privaten soziale Bedeutung gewinnt. Denn das Politische ist unübersehbar. Keine der erinnerten Frauen aller sieben Leben steht so präsent im Raum wie Rosa Luxemburg. In Theo Stegmanns politischer Biografie spielt sie eine große Rolle und entsprechend gewürdigt wird sie an diesem Nachmittag.

„Vor Sonnenuntergang“ ist ein großer Wurf auf kleiner Bühne. Nicht nur der entstandene Text des Stücks ist überaus gelungen. Die Regie von Sarah Mehlfeld und Stefan Schroer hat die spielerischen Möglichkeiten aller sieben Männer genau ausgelotet und in Bühnenkunst verwandelt. Zwei Aufführungen gibt es noch am nächsten Wochenende. Noch mehr wären wünschenswert. Der Premierenapplaus wollte nicht enden.

Von und mit: Thomas Frahm, Wolfgang Grafers, Klaus Grospietsch, Fritz Hemberger, Wolfgang Müller, Theo Steegmann, Hans Twittmann – und mit Dirk Hübertz als Wirt

Regie & Dramaturgie: Sarah Mehlfeld, Stefan Schroer

Weitere Vorstellungen: 24. 11. und 25. 11., 15.45 Uhr.

Achtung: Beginn der Aufführungen ist immer um 15.45 h – das Stück spielt während des realen Sonnenuntergangs!

Hafenkneipe „Zum Hübi“, Dammstr. 27, 47119 Duisburg-Ruhrort

VVK beim „Hübi“ und im Gemeindehaus Ruhrort, Dr.-Hammacher-Str. 6
Karten-Vorbestellungen: info@theater-arbeit-duisburg.de | 0203 – 66 930 44
Eintritt: 10 € / 5 €

„Vor Sonnenuntergang“ ist ein Projekt von Theaterarbeit Duisburg.

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