Archiv für Februar 2019

Kräfte bündeln mit dem Tabellenrechner

Jahrelang habe ich im Zebrastreifenblog Kraft des Tabellenrechners Abstiege des MSV verhindert oder Aufstiege errechnet. Es waren triumphale Zeiten für mich als Gott der Zweiten und Dritten Liga. Ich glaubte immer an die Mannschaft der jeweiligen Saison. Neulich aber sah ich mich von dieser Teilzeitfreundschaft mit dem Aberglauben in der laufenden Saison Abschied nehmen. Seitdem hat die Mannschaft nur ein torloses Unentschieden in Aue erreicht.

Am Sonntag war ich  ergebnisorientiert. Ich hatte eine Einladung, die niemals abzusagen gewesen ist und war nicht online. Die letzten zwanzig Minuten des Spiels gegen Aue hätte ich mir ansehen können, sorgte mich aber um meine Gesundheit und vermied mögliche Belastungen vor einem Fernseher. Nach dem Spiel habe ich nur ein wenig herumgelesen.

Eine eindeutige Meinung zum Spiel gibt es nicht. Die Optimisten sehen leichte Verbesserungen in der Mannschaft. Die Pessimisten sehen die Fortsetzung aller möglichen Schwächen ohne eine zukünftige Chance auf einen Sieg. Die dritte Gruppe überrascht nicht mit der Feststellung, dieses Unentschieden sei nicht Fisch noch Fleisch gewesen, sowohl im Ertrag als auch in der Leistung. Nichts könne man daraus für die Zukunft als wahrscheinlich betrachten.

Ingo Walds Worte auf der Jahreshauptversammlung über die möglichen Folgen eines Abstiegs aber waren deutlich.  Es hilft also alles nichts, selbst wenn in Aue nur ein torloses Unentschieden das Ergebnis war, wir müssen alle Kräfte bündeln und das so früh wie möglich. Wer jetzt seine schlechte Laune im Stadion auslebt, wird seinen Anteil am Abstieg haben. Das Umfeld trägt zur Stimmung in der Mannschaft bei. Was nicht heißt, das die Mannschaft Verantwortung abgeben kann.

Meinen Teil trage ich heute bei. Niemals zuvor habe ich so früh zum Tabellenrechner gegriffen. Niemals zuvor umwehte mich allerdings auch die Hoffnungslosigkeit so sehr wie jetzt. Doch siehe da. Der Tabellenrechner hilft. Die Hoffnung kehrt zurück.

Der Einfachheit halber habe ich wieder nur 1:0-Siege oder torlose Unentschieden prognostiziert. Das Ergebnis: Der MSV muss gegen die direkten Konkurrenten im Abstieg die Heimspiele gewinnen. Zwei Unentschieden muss es zusätzlich geben. Ich sah sie im Auswärtsspiel gegen Paderborn und im Heimspiel gegen Heidenheim. Ich gebe zu, ich belasse Ingolstadt die Unstetigkeit trotz der aufsteigenden Formkurve während der letzten Spieltage. Dafür bin ich auch Kees Jaratz, Gott der Zweitligatabelle. Manchmal soll so ein Gott ja allmächtig sein. Vielleicht gehöre ich ja auch zu diesen Kumpanen. Endergebnis wäre mit den prognostizierten einfachen Spielergebnissen der Relegationsplatz, allerdings punktgleich mit Darmstadt und Magdeburg auf den Plätzen davor. Es überrascht nicht, dass das Torverhältnis in dieser Saison beim Abstieg wahrscheinlich eine Rolle spielen wird. Da gibt es momentan einen Malus-Punkt für den MSV. Vielleicht könnte ein anderer Gott da irgendwo an diesem Torverhältnis auch noch was drehen. Ich habe erstmal mein Bestes getan.

Wie gewohnt gibt es nach jedem Spieltag zur besseren Orientierung den Abgleich mit den Ergebnissen,. So lange, bis irgendetwas entschieden ist.

 

 

Werbeanzeigen

Mondfinsternis-Essenz weckt keine Zebraenergie

Auch heute werdet ihr feststellen, ich brauche momentan sofort Ablenkung, wenn ich an den MSV denke. Ich schreibe gerade an einem Projekt für die Akzente und machte eine Pause. Schon kam mir das Wort Aue in den Sinn. Als Übersprungshandlung wollte ich sofort etwas Spaß haben. Ich klickte mich bei youtube durch Clips, in denen es im weitesten Sinn um Energie ging. Energie für den MSV. Aue! Ihr versteht.

So führte mich mein Denken über den MSV in Bereiche unserer Wirklichkeit, die mich staunen ließen. Ich landete nämlich bei der Astrologin Susanne Gonschorek und lernte die Welt der Essenzen kennen. Susanne Gonschorek stellt solche Essenzen selbst her und sie lässt uns in dem Clip unten daran teilhaben, wie sie eine Schüssel Wasser mit kleineren Zutaten wie dem Allerweltskraut Hahnenfuß in eine Astgabel gestellt hat. Wenn ich das richtig verstanden habe, wurde diese Schüssel dem nicht vorhandenen Mondlicht ausgesetzt. Weil in dieser Nacht zudem ein paar Himmelskörper irgendwo irgendwie zueinander standen, floss deren Energie auch noch für umsonst in die Schüssel rein.

Außer Susanne Gonschorek war keiner da, der sich die Mühe gemacht hat, die vorhandene Energie aufzufangen. So ist der kleine Unkostenbeitrag von 11 Euro für ein paar Tropfen Zaubertrank mehr als verständlich. Ihr Wissen über diese Zusammenhänge musste sie sich ja auch erst einmal erarbeiten. Obwohl die Mondfinsternis-Essenz als Ausgleich für Menschen mit besonderem Energieverbrauch sehr gut geeignet ist, halte ich die Essenz bei den Spielern des MSV für unwirksam. Hahnenfuß und Zebras, das passt nicht zusammen.

Ich denke jetzt allerdings darüber nach, ob ich nicht meinen Angstschweiß während der Spiele der Zebras auffange und daraus eine Essenz herstelle. Das ist ja Überlebensschweiß, der unfassbare Kräfte wecken müsste.  Jede Niederlage überwinde ich. Selbst die schmerzhaftesten Gegentore in der Nachspielzeit hauen mich nur kurz um. Wenn, wie ich gestern in der Süddeutschen Zeitung las, es im Fan-Shop des Liverpool FC von Spielern gebrauchte Fußballschuhe für knapp 300 Pfund zu kaufen gibt, sollten doch Produkte in Sachen Fan-Regeneration auch Käufer finden.

Und nun noch ein wenig Entspannung mit Frau Gonschorek und ihrer Mondfinsternis Essenz.

 

Neues für das Fan-Gedächtnis vom MSV Duisburg: Meine Frau war immer dabei – Karl P. (*1933)

Ein wenig Ablenkung von der gegenwärtigen sportlichen Situation bringt immer auch das Erinnern an andere Zeiten. Weil ich weiß, dass der Zebrastreifenblog doch mehr Leser hat als drüben das „Fan-Gedächtnis“, stelle ich auch hier online, was Karl P. (*1933) mir  für das „Fangedächtnis des MSV Duisburg“ erzählt hat .

Meine Frau war immer dabei

Meine Frau hatte einen Vetter. Der war auch fanatisch für den MSV. Der ist mit der Fahne, einer Riesenfahne, nach Karlsruhe gefahren. Da war das erste Spiel vom MSV, als die Bundesliga begann. Der hat auch mal die Spielerfrauen an die Reeperbahn gebracht. Die Männer gingen ja nach einem Spiel immer in die Kneipen. Die kamen vor morgens vier, fünf Uhr nicht nach Hause. Und da hatte der mal so ein Mitleid mit den Spielerfrauen und hat denen gesagt: „Ich fahr euch zur Reeperbahn nach Hamburg.“ Der hatte so einen Bully. Das hatte mit Fußball nichts zu tun. Da sind die dann auch auf die sündige Meile gefahren, und die durften alle mal in den Puff gehen. Gucken natürlich. Die sind da reingegangen. Und dann hat der um 12 Uhr ganz laut gepfiffen, auf der Reeperbahn, mit so einer Flöte. Da kamen die aus allen Ecken, die Frauen, und dann sind die wieder nach Hause gefahren. Das kam ja auch in dem Film vor. Die Vizemeister. Er wollte denen mal was bieten. So haben wir das gehört.

Meine Frau und ich, wir waren ja bei allen Spielen in der Zeit. Ich habe nämlich für die Zeitung geschrieben, den Duisburger Generalanzeiger, als freier Mitarbeiter. Ich hatte in der Zeit so eine Kolumne. Ich habe nach dem Spiel die Trainer befragt und die gegnerischen Kapitäne. Die musste ich nach dem Spiel interviewen. Sepp Herberger zum Beispiel, der war damals Bundestrainer. Den habe ich interviewt.

Jetzt waren wir in Hamburg, und der MSV hatte zuvor hier gegen Köln Unentschieden gespielt. In dem Spiel ist unser bester Spieler „Eia“ Krämer von einem Hemmersbach, so hieß der Kölner, kaputt getreten worden. Der „Eia“ musste vom Platz getragen werden und konnte auch das nächste Spiel in Hamburg nicht mitmachen. Als der gefoult wurde, hatte der MSV geführt. Die Kölner haben dann noch den Ausgleich gegen die dezimierten Meidericher gemacht. Wenn die Köln geschlagen hätten und danach auch gegen Hamburg gewonnen, dann wären die sogar Meister geworden, vor den Kölnern. Die sind dann ja Zweiter geworden.

Meine Frau und ich sind dann nach Hamburg gefahren. Mit dem Auto von Wermelskirchen aus. Da haben wir damals gewohnt. Da war die Autobahn bis Hamburg noch gar nicht fertig. Bis Hannover konnte man fahren. Dann ging es durch die Heide. In Hamburg waren nicht sehr viele aus Meiderich. Jetzt spielte ja der beste Mann nicht, der „Eia“ Krämer, und da hatten wir sowieso wenig Hoffnung. Da spielten Heini Versteeg und der Gecks als Stürmer, und die spielten wie im Rausch. Die gingen mit 3:0 in Führung. Boah, haben wir gesagt, heute gehört Hamburg uns. Und da macht der krumme Hund, so sage ich jetzt mal, der Uwe Seeler, eine Viertelstunde vor Schluss das 3:1 und dann haben die noch 3:3 gemacht. Wir standen wie begossene Pudel da. Wir waren im Rausch. 3:0! Naja, wir haben dann noch einen drauf gemacht. Das 3:3 war ja auch gut.

Einmal wollten sie mich in Stuttgart von der Tribüne schmeißen. Der MSV spielte in Stuttgart. Da waren wir abends auch mit der Mannschaft zusammen, und wir kannten den Geschäftsführer Hans van Kleve. Der hatte in Meiderich eine Fahrschule, der war auch dabei. Der war unser Freund, der hat gesagt, wir sind heute Abend da und da, wollt ihr da nicht auch hinkommen. Dann haben wir da ganze Nacht gesessen, uns mit dem Gutendorf unterhalten. Meine Frau war immer dabei. Überall ist die mitgefahren.

Dann waren wir am nächsten Tag auf der Pressetribüne in Stuttgart und ich habe immer über die Stuttgarter geschimpft, wenn die gefoult haben. Da saßen natürlich nur Stuttgarter. Und da haben die nachher einen Ordner gerufen, schmeiß den mal hier von dem Platz. Aber ich habe dann meinen Presseausweis gezeigt und die haben mich sitzen lassen. Ich bin denen wahrscheinlich auf den Wecker gefallen. Ein paar Artikel habe ich damals noch geschrieben.

Fortsetzung folgt. Das schon mal ab ins „Fan-Gedächtnis“. 

Damit verbinde ich zugleich einmal mehr den Aufruf, schickt für dieses Fan-Gedächtnis eine Erinnerung an eure Zeit mit dem MSV, von der ihr wollt, dass sie nicht vergessen wird. Ihr könnt das über das Kontaktformular machen. Oder schreibt mir. Ich komme mit dem Aufnahmegerät vorbei, mache ein Interview und transkribiere das Erzählte. Ich veröffentliche die Erinnerungen erst einmal drüben im großen Fan-Gedächtnis-Archiv. Ich träume aber immer noch davon, eine Sammlung solcher Geschichten im Verlag Die Werkstatt herauszugeben. Der Erlös käme einem sozialen Projekt zugute. Wir hätten zudem eine Art Geschichtsbuch von unten. Alltagsgeschichte aus Duisburg mit dem Schwerpunkt Fußball.

Andere Mannschaften punkten und Berliner Sichtweisen gibt es auch

Bielefeld gewinnt in den letzten Wochen ein Spiel nach dem anderen. Das im Ergebnis für den MSV einzig wirklich bedeutsame Spiel gegen Magdeburg verlieren die Arminen. Dieses Ergebnis hat die Niederlage gegen Union Berlin noch schmerzhafter gemacht.

Seitdem ich den Blog hier schreibe, war der MSV schon mehrmals ein Wenn-Dann-Verein. Solche Vereine erreichen Ziele der jeweiligen Spielzeit aus eigener Kraft immer unwahrscheinlicher und nur noch wenn das eine Spiel so ausgeht, dann das andere so  und am besten auch noch das dritte Spielergebnis günstig ist.

Meine Hoffnung auf das Ziel konnte also jeweils weiter bestehen, wenn ich immer mehr Spielergebnisse anderer Mannschaften zu eigenen Erfolgen hinzurechnete. Ich weiß nicht, in wievielen Jahren dann das Saisonziel tatsächlich geschafft wurde. Ich werde jetzt auch keine Statistik dazu erstellen. Sehr wahrscheinlich ist es aber, dass der MSV als Wenn-Dann-Verein sein Saisonziel seltener erreichte als aus eigener Kraft. Momentan ist der MSV auf bestem Weg diese Saison als Wenn-Dann-Verein zu beenden. Noch ist es nicht so weit. Mein Blick nach Bielefeld gibt mir aber die Erinnerung an all die vergangenen Spielzeiten. Der Vorgeschmack ist schon da. Heute denke ich allerdings sogar, womöglich bleibt es bei diesem Vorgeschmack. Womöglich haben wir in zwei Wochen bereits Planungssicherheit für die kommende Saison.

Aber gut, dass Thorsten Lieberknecht schon auf der Pressekonferenz nach dem Spiel wieder nach vorne blickte. Er sagte: „Wer jetzt meint aufzugeben, hat viele Dinge noch nicht im erlebt im Fußball, die möglich sind, wenn eine Mannschaft weiterhin das Vertrauen bekommt von allen Seiten.“ Dann arbeite ich mal während der Woche daran, das Vertrauen wiederzufinden.

In Berlin wurde auch über das Spiel geschrieben. Eine schöne Taktikanalyse gibt es bei Eiserne Ketten.  Und die Macher von Textilvergehen.de sprechen ausführlich im Podcast über das Spiel.

Lohnt sich noch die Arbeit mit dem Tabellenrechner?

Wieviele Punkte hat der MSV Duisburg in dieser Saison in den letzten Minuten verloren? Im Hinspiel gegen Union Berlin fiel der Ausgleich zum 2:2 in der Nachspielzeit. Gestern war die 3:2-Niederlage in der 90. Minute besiegelt. Das sind nur die verlorenen Punkte gegen Union Berlin. Heute habe ich die Befürchtung, ich kann mir die letzten 10 Minuten eines Spiels vom MSV in dieser Saison nur noch bei Spielständen ansehen, die über die Punkteverteilung keine Fragen mehr offen lassen. Ich hoffte gestern so sehr auf den einen Punkt. Die Aufregung wurde mir zu groß. Das Wissen um all die Gegentore in den letzten Minuten war so lebendig in mir. Mein Körper macht das nicht mehr mit.

Der Punkt wäre hart erarbeitet gewesen, und wir hätten den Berlinern danken müssen für deren Fahrlässigkeit bei der Chancenverwertung. Wie einfach sah es aus, wenn die Berliner die Zebra-Defensive auseinander nahmen. Ballführung auf halbem Flügel, ein schneller Lauf über außen in die Tiefe, ein gesteckter Pass, danach durch den Strafraum eine Passstafette auf die andere Seite, bis ein Spieler alleine stand und eigentlich nur einschieben musste. Nur bei diesem Einschieben gibt es noch Verbesserungsbedarf. Diese Spielzüge wirkten wie als Teil eines Trainingsspiels. Die Duisburger Spieler bekamen angesichts der Geschwindigkeit eines solchen Spielzugs gar nicht erst eine Möglichkeit störend einzugreifen.

Das Siegtor dagegen war ein zufälliges Tor. Ein hoher Ball flog in den Strafraum. Kopfball. Tor. Es war also ein glücklicher Sieg der Berliner, der gleichzeitig verdient war. Heißt das nun, die Defensive des MSV hat versagt? Eigentlich nicht. Sie spielte eben so gut, wie sie konnte. Es wurde viel gearbeitet, wann möglich wurde versucht, den Ball kontrolliert ins Halbfeld zu bringen. Unter großem Druck wurde der Ball auch einfach weggeschlagen. Solche Entscheidungen wurden zum richtigen Zeitpunkt getroffen. Ich hatte den Eindruck, mehr ging nicht, als was zu sehen war.

Dasselbe gilt für die Offensive. Zunächst sieht es vielleicht so aus, als habe es nur die hohen Bälle in die Spitze gegeben als Mittel, um ein Tor zu erzielen. Das stimmt aber nicht. In der ersten Halbzeit gab es zwei oder drei Spielzüge über mehrere Stationen, bei denen der Ball schnell bis in den Strafraum gebracht werden konnte. Die Chancen wurden vergeben. Das waren klare Torchancen, von denen mindestens eine genutzt werden muss, weil der MSV viele solcher Chancen sich eben nicht erspielen kann. Als Alternative und Hoffnung auf eine Torchance blieben die hohen Bälle in den Strafraum und die ruhenden Bälle. Zwei Freistöße führten zu den Toren vom MSV Duisburg, ein direkt verwandelter Freistoß durch Harvard Nielsen und ein in den Strafraum geschlagener Freistoß, dem ein Kopfball von Lukas Fröde ins Tor folgte.

Für uns Anhänger im Stadionrund ist es schwer, die Grenzen dieser Mannschaft zu akzeptieren. Irgendwo muss unsere Enttäuschung hin. Dann wird fehlender Kampf bemängelt. Es wird von Leidenschaft gesprochen, die im Spiel nicht spürbar ist. Ich glaube nicht daran, dass über mehr Einsatz diese Mannschaft erfolgreicher spielen könnte. Mehr Kampf heißt für diese Mannschaft auch der Verlust vom Rest der Spielkontrolle.  Kampf bedeutet ein schnelleres Spiel, schnellere Ballverluste, häufigere Konter. Das ist die Kehrseite vom Kampf. Diese Mannschaft stößt an ihre Grenzen.

Diese Mannschaft erhält Spiel um Spiel einen Beweis dafür, dass das eigene Spielvermögen nicht ausreicht, die in Reichweite liegenden Punkte zu erlangen. Ich habe keine Vorstellung davon, wie diese Mannschaft solche mehrmals erlebten Punktverluste verkraften kann. Tennisspieler etwa denken von Punkt zu Punkt. Das ist Teil ihrer Karriere als Turniersportler, bei dem jedes einzelne Spiel einem Endspiel gleicht. In Mannschaftssportarten mit Ligenbetrieb muss so etwas mühsam vor jedem Spiel hergestellt werden. Wir denken nur von Spiel zu Spiel. Dass dieser Satz von Beteiligten eines Abstiegskampfs immer wieder gesagt werden muss, heißt nichts anderes, als dass dieser Satz nicht selbstverständlich in den Köpfen der Spieler ist. Sie können es noch so sehr wollen, an den Satz zu glauben. Beim kleinsten Fehler im Spiel wird die mittelfristige Folge eines solchen Fehlers, der Abstieg, wieder im Kopf sein. Es braucht Energie diesen Abstieg wegzuhalten. Energie, die für das Spiel selbst fehlt.

Natürlich gibt es noch keinen großen Punkterückstand auf Nichtabstiegsplätze. Dennoch sehe ich die Rückschläge in den letzten Minuten über die Saison hinweg als besondere Belastung dieser Mannschaft. Ich denke daran, wie schwer es den Spielern fallen muss, an sich zu glauben. Mir selbst fällt es schwer, noch an den Erfolg zu glauben. Nach dem Spiel gegen Aue werde ich dennoch mal sehen, was der Tabellenrechner so hergibt

Die SZ kommentiert die Niederlage in Fürth

Gestern war auf der Wissensseite der Süddeutschen Zeitung ein Kommentar zur Stimmung in Duisburg rund um den MSV zu finden. Auch Thorsten Lieberknechts Bemerkung der fehlenden Bereitschaft zur Präsenz der Spieler lässt sich mit diesem Wissen der Psychologie besser verstehen: Wenn etwas schief läuft, vermuten Menschen dahinter rasch Absicht. Wirkliche Motive interessieren zunächst weniger.

Nach der Niederlage antizyklisch ein 0:0 erschreiben

Es wäre mehr drin gewesen als nur der eine Punkt für den MSV Duisburg durch dieses torlose Unentschieden gegen Greuther Fürth am Samstag. Ich hatte das Spiel im Ostende mir angesehen. Und mein Spiel des MSV dauerte nur bis zur 81. Minute. Dann musste ich zu einem Termin aufbrechen. Ich fuhr mit gemischten Gefühlen, war aber nicht unzufrieden.

Denn den Zebras war in den ersten Minuten anzumerken, unter welchem Druck sie standen. Sie wollten vorsichtig spielen, keine Fehler machen. Sie wollten möglichst den Ball aus der eigenen Defensive kontrolliert nach vorne spielen. Sie wollten ihn nicht einfach wegschlagen. Sie wollten diesen Ball in den eigenen Reihen behalten. Doch die Fürther spielten in diesen ersten knapp 20 Minuten mit dem unbedingten Willen, es allen und vor allem dem neuen Trainer zu zeigen. Die Spieler wollten beweisen, dass sie Fußball spielen können. Sie wollten jeden Ball und zwar sofort. Sie wollten diesen Gegner am liebsten überrennen. Aber sie konnten das nicht, weil sie zu schlecht Fußball spielten. Die Abschlüsse waren miserabel. Dennoch gingen sie fast jedem Ball mit unbedingtem Willen hinterher und bekamen diese Bälle.

Die Zebras verloren ihre Nerven aber nicht komplett. Die Zebras hielten stand. Sie widersetzten sich dem unbedingten Versuch der Fürther, das Spiel zu dominieren. Nach und nach schafften sie es, den Ball tatsächlich einmal bei einer Offensivaktion in Richtung Fürther Strafraum zu treiben. Kontinuierlich gefährlich wurden sie nicht, auch wenn es irgendwann sogar die Andeutung einer Chance gab. Immer wieder kam es auch zu Fehlpässen, weil die Fürther die Räume eng machten.

Nach der Halbzeitpause waren die Zebras noch besser im Spiel. Dem Stillstand bei Wiederanpfiff folgte eine andere Dynamik im Spiel. Nun gab es in dem Spiel keinen Nachteil mehr für die Zebras. Der unbedingte Wille der Fürther reichte angesichts ihrer spielerischen Möglichkeiten nicht mehr, um den Ball länger in den eigenen Reihen zu halten. Das Pressing der Zebras funktionierte immer wieder auch schon im Mittelfeld. So kam es zu zwei Schein-Chancen. Denn die Zebras gehören auch zu jenen Mannschaften, bei denen in der entstehenden klaren Chance schon das Scheitern im Wesenskern der Chance angelegt ist. Wenn etwa Ahmet Engin jener Spieler ist, der alleine Richtung Tor marschiert und abschließen muss, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die klare Chance am Ende nicht mehr so klar gewesen ist. Das mache ich ihm nicht zum Vorwurf. Es ist nun einmal so. Wir leben damit.

So begann ich mich mit dem torlosen Unentschieden einzurichten. Glückstreffer können im Fußball natürlich immer fallen. Doch bis zu meinem persönlichen Schlusspfiff geschah nichts. Danach muss noch einiges losgewesen sein im Fürther Stadion. Es muss so viel gewesen sein, dass dieses Spiel auch vollkommen anders bewertet werden kann, als ich es gemacht habe. Es muss sogar so viel gewesen sein, dass die Fürther das Spiel 1:0 gewonnen haben sollen. Die Kollegen bei den Funkes schreiben sogar, die Leistung des MSV sei nicht zu entschuldigen. Im Netz schäumt der Unmut unter den Anhängern. Und auch Thorsten Lieberknecht ist enttäuscht von der ersten Halbzeit seiner Mannschaft. Er sah bei seiner Mannschaft nicht die Bereitschaft, auf dem Platz präsent zu sein.

Wie ihr gelesen habt, lässt sich das Spiel auch ein wenig anders bewerten. Wer je selbst Mannschaftssport betrieben hat, weiß, es gibt Spiele, in denen man noch so sehr präsent sein will und dennoch nichts zusammen passt. Warum das so ist, lässt sich in der Komplexität dann kaum erklären. Man sieht einzelne Gründe und denkt, daran kann das doch nicht gelegen haben. Man wird ärgerlich. Auf die anderen, auf den Ball, auf die Zuschauer, vielleicht sogar mancher auf sich selbst. Doch in solchen Fällen ändert sich nichts aus dem Spiel heraus. Es ändert sich nur mit einer dramatischen Wendung während des Spiels. Ein zufälliges Tor beim Fußball. Ein brutales Foul. Ein Hochkochen der Stimmung durch was auch immer. Oder es ändert sich bei einem Neuanfang. Im Basketball etwa gibt es die Möglichkeit des Neuanfangs immer wieder. Vier Viertel hat das Spiel, also drei Pausenunterbrechungen. Dazu gibt es die Möglichkeit, Auszeiten zu nehmen, die Spieler neu zu fokussieren. All das gibt es im Fußball nicht. Dort gibt es nur die Halbzeitpause. Und diese Halbzeitpause hat gewirkt.

Mir ist die Erklärung, die Spieler seien nicht bereit gewesen, präsent zu sein, zu sehr auf die Psyche abgestellt. Ich kann verstehen, wenn jemand sagt, die Spieler seien nicht präsent gewesen. Aber eine Wertung wie die, dass sie nicht bereit dazu waren, verlagert die Verantwortung. So etwas macht mir Sorgen. Denn wir können nicht beurteilen, welche Gruppendynamik in der Mannschaft herrscht. Natürlich kann es sein, dass die Mannschaft als Gruppe nach einer solchen Aussage dem Trainer etwas beweisen will. Es kann aber genau so gut sein, dass die Spieler sich ungerecht behandelt fühlen, weil die Umstände nicht beachtet wurden. Der Abstiegskampf ist aber nur als Einheit zu bewältigen. Nach dem Spiel sind meine Sorgen nicht wegen des Ergebnisses größer geworden, sondern weil die Stimmung so beeinträchtigt scheint.

Gut, dass wenigstens ich die Geschichte des Spiels auch anders schreiben kann. Fakten und Ergebnisse besitzen in der heutigen Zeit ja immer weniger Gewicht. Wenn das so weitergeht, wird auch der MSV einmal Deutscher Meister werden, ohne dass ein großer Teil der Welt das glauben kann. Da kann ich mir als Vorgeschmack doch ruhig einmal ein torloses Unentschieden in Fürth gönnen.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten

Werbeanzeigen

%d Bloggern gefällt das: