Verdienter Sieg heißt, die Statistik angemessen deuten

Nach dem Spiel stand vielen Anhängern des MSV im Stadionbus die Erschöpfung im Gesicht geschrieben. Müde und wissend lächelten wir uns zu. Was hatte der MSV Duisburg uns wieder einmal abverlangt. Bis zur 70. Minute gestalteten die Zebras das Spiel sicher. Mit 3:0 waren sie in Führung gegangen. Dreimal hatten wir schnelle Spielzüge gesehen, bei denen sich Torgefahr kontinuierlich aufbaute. Wir hatten drei verschiedene Grundsitutationen gesehen von Tempoaufnahme beim Aufbau im Mittelfeld vor dem 1:0 über das Flügelspiel mit Flanke beim 2:0 bis zum rasanten Konter beim 3:0. Die Mannschaft hatte die Grundsituationen jeweils so aufgelöst, dass man das Entstehen eines Tores als Erkennen und Verwirklichen einer Spielzugsidee idealtypisch mitverfolgen konnte.

Wir wussten natürlich, dass ein 3:0 in Duisburg in der 70. Minute noch lange nicht den Sieg bedeutet. Deshalb wäre das 4:0 von Ahmet Engin so wichtig gewesen. Wenn er seinen Alleingang aufs Darmstädter Tor nach dem Abspielfehler der Darmstädter im Mittelfeld hätte für ein Tor nutzen können, wären wir entspannt gewesen. Er schoss vorbei und dann fiel das erste Darmstädter Tor in der 73. Minute. Der Druck des Gastes nahm zu. Unsere Blicke fielen immer öfter auf die Spieluhr und dennoch ist mein Zeitempfinden ab der 80. Minute komplett aus den Fugen geraten.

Gestern morgen habe ich einen Spielbericht gelesen und konnte es nicht glauben, dass das zweite Tor der Darmstädter erst in der 88. Minute gefallen ist. Das muss doch in der in der 82. oder 83. Minute gewesen sein, dachte ich. Ich konnte es nicht glauben, weil ich es in der 89. Minute auf meinem Stehplatz nicht mehr ausgehalten habe. Ich wollte hoch zu den Toiletten, nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nur das Ergebnis wollte ich noch wissen. Eine Minute nur war nach diesem Tor vergangen, ehe ich losmarschierte. Mir kommt diese Zeit, die ich mir das Spiel nach dem Tor ansah, immer noch so viel länger vor.

Als ich die Treppe hoch gelaufen war, sah ich die 90 auf der Anzeigetafel. Der Abpfiff schien nahe. Also kehrte ich zurück und sah zu meinem Entsetzen vier Minuten Nachspielzeit. Was für ein Zittern bis zum Schlusspfiff. Was für eine Achterbahn der Gefühle. Welch Erleichterung über einen Freistoß auf dem linken Flügel in der Nachspielzeit. Welche Fassungslosigkeit, dass selbst dieser Freistoß nicht wenigstens in kurzzeitigen Ballbesitz mündete. Er führte zum sofortigen Abseitspfiff nach der Freistoßausführung und dem Pass über fünf Meter vielleicht. Diese Nachspielzeit war eine Tortur.

Verzweifelt versuchten wir auf den Rängen Einfluss zu nehmen. Verzweifelt wollten auch wir mit unseren Mitteln, den Ball vom Duisburger Strafraum weghalten. Das Stadion stand hinter der Mannschaft. Doch ununterbrochen schafften es die Darmstädter in Strafraumnähe oder flankten sogar noch in den Strafraum hinein. Die Zebras warfen sich in Schüsse. Sie kämpften, sprangen und köpften. Es hieß alles oder nichts. Ein Unentschieden wäre der Abstieg gewesen. Da bin ich sicher. Entlastung gab es im Grunde nicht mehr. Entlastung brachte erst der Schlusspfiff.

Ich war nicht der einzige Anhänger des MSV, dem die Hoffnung auf den Klassenerhalt abhanden gekommen war. Nicht einmal an die helfende Kraft des Tabellenrechners glaubte ich nach der Niederlage in Bochum. Diesen Tabellenrechner werde ich demnächst wohl dann mal zu Rate ziehen.

Im Spiel des MSV gab es bis zur 70. Minute kaum Zufälliges. Es war gut strukturiert. Die Mannschaft wirkte stabil. Über die Leistungen der einzelnen Spieler wurde schon genug geschrieben. Interessant ist die unterschiedliche Wertung des Spiels durch die beiden Trainer und in der Folge auch durch den Sportjournalisten vom Kicker. Er gehörte zu den Stirnrunzlern dieser Welt, nachdem Thorsten Lieberknecht auf der Pressekonferenz von einem „verdienten Sieg“ sprach. Thorsten Lieberknecht tat gut daran, das so zu betonen. Denn Darmstadts Trainer Dirk Schuster hatte zuvor offensichtlich Mühe, die Niederlage seiner Mannschaft zu akzeptieren.

Ich sehe geradezu, wie der Kollege vom Kicker nach der Pressekonferenz Dirk Schuster tröstend in den Arm nahm. Gemeinsam haben sie sich dann noch einmal die Statistik angeschaut. Tränen stiegen in ihre Augen, und ich meine sogar, man hörte sie leise in den Katakomben der Arena das alte Klagelied singen:

Welch Unglück des Lebens!
Welch Trauer im Herzen!
Dunkel die Tage nach mehr Ballbesitz.
Das können wir nie verschmerzen.
Mehr Ecken hatten wir
und Abschlussüberzahl.
Der Fußballgott schickt uns nur Qual.
Verlassen von dem Fußballgott
trotz bester Werte der Statistik.
Oh, Fußballgott, warum?!

Nun, wir kennen diese alte Leier auch nach Spielen des MSV unter Ilia Gruev. Warum hatte der MSV solche Spiele mit guten statistischen Werten in der Offensive nicht gewonnen? Aus demselben Grund, warum auch Darmstadt das Spiel nicht gewonnen hat. Einen Grund, den der Sportjournalist kurioserweise sogar in seinem Artikel erwähnt. Offensichtlich ignoriert er diesen Grund bei der Leistungsbewertung des Darmstädter Spiels. Der letzte Pass der Darmstädter kam zumindest bis zur 70 Minute nur selten gefährlich in den Strafraum. Das hat etwas mit der funktionerenden Defensive des Gegners zu tun bei gleichzeitiger unzulänglicher Ballverwertung der eigenen Mannschaft. Das ist auf der Seite des Gegners Taktik, die aufgeht, und auf der anderen Seite sind das Fehler der eigenen Mannschaft. Mit einer Statistik ist es oft nicht einfach. Meist muss sie gedeutet werden, und meine Deutung entspricht dann doch der von Thorsten Lieberknecht.

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