Lohnt sich noch die Arbeit mit dem Tabellenrechner?

Wieviele Punkte hat der MSV Duisburg in dieser Saison in den letzten Minuten verloren? Im Hinspiel gegen Union Berlin fiel der Ausgleich zum 2:2 in der Nachspielzeit. Gestern war die 3:2-Niederlage in der 90. Minute besiegelt. Das sind nur die verlorenen Punkte gegen Union Berlin. Heute habe ich die Befürchtung, ich kann mir die letzten 10 Minuten eines Spiels vom MSV in dieser Saison nur noch bei Spielständen ansehen, die über die Punkteverteilung keine Fragen mehr offen lassen. Ich hoffte gestern so sehr auf den einen Punkt. Die Aufregung wurde mir zu groß. Das Wissen um all die Gegentore in den letzten Minuten war so lebendig in mir. Mein Körper macht das nicht mehr mit.

Der Punkt wäre hart erarbeitet gewesen, und wir hätten den Berlinern danken müssen für deren Fahrlässigkeit bei der Chancenverwertung. Wie einfach sah es aus, wenn die Berliner die Zebra-Defensive auseinander nahmen. Ballführung auf halbem Flügel, ein schneller Lauf über außen in die Tiefe, ein gesteckter Pass, danach durch den Strafraum eine Passstafette auf die andere Seite, bis ein Spieler alleine stand und eigentlich nur einschieben musste. Nur bei diesem Einschieben gibt es noch Verbesserungsbedarf. Diese Spielzüge wirkten wie als Teil eines Trainingsspiels. Die Duisburger Spieler bekamen angesichts der Geschwindigkeit eines solchen Spielzugs gar nicht erst eine Möglichkeit störend einzugreifen.

Das Siegtor dagegen war ein zufälliges Tor. Ein hoher Ball flog in den Strafraum. Kopfball. Tor. Es war also ein glücklicher Sieg der Berliner, der gleichzeitig verdient war. Heißt das nun, die Defensive des MSV hat versagt? Eigentlich nicht. Sie spielte eben so gut, wie sie konnte. Es wurde viel gearbeitet, wann möglich wurde versucht, den Ball kontrolliert ins Halbfeld zu bringen. Unter großem Druck wurde der Ball auch einfach weggeschlagen. Solche Entscheidungen wurden zum richtigen Zeitpunkt getroffen. Ich hatte den Eindruck, mehr ging nicht, als was zu sehen war.

Dasselbe gilt für die Offensive. Zunächst sieht es vielleicht so aus, als habe es nur die hohen Bälle in die Spitze gegeben als Mittel, um ein Tor zu erzielen. Das stimmt aber nicht. In der ersten Halbzeit gab es zwei oder drei Spielzüge über mehrere Stationen, bei denen der Ball schnell bis in den Strafraum gebracht werden konnte. Die Chancen wurden vergeben. Das waren klare Torchancen, von denen mindestens eine genutzt werden muss, weil der MSV viele solcher Chancen sich eben nicht erspielen kann. Als Alternative und Hoffnung auf eine Torchance blieben die hohen Bälle in den Strafraum und die ruhenden Bälle. Zwei Freistöße führten zu den Toren vom MSV Duisburg, ein direkt verwandelter Freistoß durch Harvard Nielsen und ein in den Strafraum geschlagener Freistoß, dem ein Kopfball von Lukas Fröde ins Tor folgte.

Für uns Anhänger im Stadionrund ist es schwer, die Grenzen dieser Mannschaft zu akzeptieren. Irgendwo muss unsere Enttäuschung hin. Dann wird fehlender Kampf bemängelt. Es wird von Leidenschaft gesprochen, die im Spiel nicht spürbar ist. Ich glaube nicht daran, dass über mehr Einsatz diese Mannschaft erfolgreicher spielen könnte. Mehr Kampf heißt für diese Mannschaft auch der Verlust vom Rest der Spielkontrolle.  Kampf bedeutet ein schnelleres Spiel, schnellere Ballverluste, häufigere Konter. Das ist die Kehrseite vom Kampf. Diese Mannschaft stößt an ihre Grenzen.

Diese Mannschaft erhält Spiel um Spiel einen Beweis dafür, dass das eigene Spielvermögen nicht ausreicht, die in Reichweite liegenden Punkte zu erlangen. Ich habe keine Vorstellung davon, wie diese Mannschaft solche mehrmals erlebten Punktverluste verkraften kann. Tennisspieler etwa denken von Punkt zu Punkt. Das ist Teil ihrer Karriere als Turniersportler, bei dem jedes einzelne Spiel einem Endspiel gleicht. In Mannschaftssportarten mit Ligenbetrieb muss so etwas mühsam vor jedem Spiel hergestellt werden. Wir denken nur von Spiel zu Spiel. Dass dieser Satz von Beteiligten eines Abstiegskampfs immer wieder gesagt werden muss, heißt nichts anderes, als dass dieser Satz nicht selbstverständlich in den Köpfen der Spieler ist. Sie können es noch so sehr wollen, an den Satz zu glauben. Beim kleinsten Fehler im Spiel wird die mittelfristige Folge eines solchen Fehlers, der Abstieg, wieder im Kopf sein. Es braucht Energie diesen Abstieg wegzuhalten. Energie, die für das Spiel selbst fehlt.

Natürlich gibt es noch keinen großen Punkterückstand auf Nichtabstiegsplätze. Dennoch sehe ich die Rückschläge in den letzten Minuten über die Saison hinweg als besondere Belastung dieser Mannschaft. Ich denke daran, wie schwer es den Spielern fallen muss, an sich zu glauben. Mir selbst fällt es schwer, noch an den Erfolg zu glauben. Nach dem Spiel gegen Aue werde ich dennoch mal sehen, was der Tabellenrechner so hergibt

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