Ein 1:0 als romantisches Liebesdrama

Vorfreude vor dem Spiel

Welch romantische Liebesgeschichte haben wir alle am Freitag erlebt. Natürlich wird ein erster Kuss von einem man der eine woman zunächst hoffnunglos geliebt hat und sie dann doch irgendwann in den Armen hält nicht so ekstatisch bejubelt wie ein Siegtor in der Nachspielzeit. Aber dieser Jubel beim Kuss vor Publikum, den kenne ich aus amerikanischen Romantic Dramas, nachdem die Geschichte so erzählt wurde, wie das Spiel zwischen dem MSV und dem 1. FC Magdeburg sich entwickelte. Ich habe sofort sowohl Struktur als auch Bilder vor Augen. Zwei glückselige Gesichter nach dem einen so lange erwarteten Kuss. Die Kamera zieht in die Totale zurück. Wir sehen eine Menschenmenge, die erst erwartungsvoll zugeschaut hat und dann in Jubel ausbricht.

Wir auf den Rängen haben dem Ringen des MSV mit dem 1. FC Magdeburg um die große Liebe, den Sieg, nie ganz still zugeschaut. Wir haben geschrieen und die Zebras angefeuert, schon in der ersten Halbzeit, besonders aber als es Mitte der zweiten Halbzeit so schien, der MSV könne dauerhaften Druck auf das Magdeburg Tor entwickeln. Diese Illusion war nach etwa zehn Minuten vorbei. Von da an waren wir aus Sorge immer auch zur rumorenden Menge geworden. Von da an gab es nur noch zwischendurch vereinzeltes Aufbäumen auf den Rängen gegen das torlose Unentschieden, das wieder ein halbgares Ergebnis gewesen wäre. Nichts, aus dem sich hätte Hoffnung ergeben können, aber auch kein kräftiger Zug Richtung Abstieg.

Die Zebras hatten den Sieg dieses Spieltags vor einer Woche nur aus der Ferne einmal kurz gesehen. Das reichte für die schönsten Träume. Wenn es mit diesem Sieg etwas werden könnte, so dachten alle, ließe sich wieder vorsichtig in die Zukunft sehen. Enttäuschte Hoffnungen der letzten Wochen könnten endlich ganz vergessen werden. Doch kaum malte sich jeder dieses wunderbare Zusammenkommen von MSV und Sieg in den schönsten Farben aus, betrat der 1. FC Magdeburg die Spielfläche. Nach dem Anpfiff des Films, war eines sofort klar: Die Magdeburger hatten sich in Schale geworfen und wollten auch ein erstes Date mit diesem so besonderen Sieg.

Doch die Zebras ließen sich zunächst nicht von den Absichten der Magdeburger beeindrucken. Kühl ließen sie jedes frühe Pressing dieses Nebenbuhlers ins Leere laufen. Vielleicht waren Andreas Wiegel und Ahmet Engin in der eigenen Hälfte manchmal etwas nervöser, wenn sie im Ballbesitz waren. Im Großen und Ganzen aber wirkten die Zebras überraschend stabil, wenn sie den Ball im Kurzpassspiel nach vorne bringen wollten. Den Ball sicher behalten und geordnet in den Angriff kommen. Die Defensive nie vernachlässigen. Das war die Devise. Bis zur Strafraumgrenze der Magdeburger gelang dieser Ballvortrag auch. Danach war allerdings Schluss. Weder Pass noch Flanke kamen gefährlich vor das Magdeburger Tor. Einen Ertrag aus der erst bestehenden Spielkontrolle gab es nicht.

Das überrascht nicht, wenn wir uns das Romantic Drama ansehen. Der Liebende kommt an die Angebete trotz allen Mühens nicht ran. Im Gegenteil, irgendwann trifft sich die Angebete sogar mit einem anderen. Wir hätten also wissen können, dass die Magdeburger noch vor der Pause mit dem Sieg fast so weit schienen, dass sie sich nicht nur das erste Mal geküsst hätten. Die wären gleich zusammen ins Bett gehüpft, und der Heiratstermin hätte binnen weniger Minuten festgestanden. Doch Felix Wiedwald hatte etwas dagegen. Er wollte dieses Ende nicht sehen. Er hielt, was zu halten war. Einen besonders gefährlichen Schuss lenkte er an die Latte. Wir hätten also eigentlich gleich beruhigt sein müssen. Welches Romantic Drama endet schon nach 45 Minuten mit einer Hochzeit? Im Stadion hat man das so allerdings nicht parat. Ich war ganz drin in diesem Film. Ich verzweifelte allmählich. Sollten etwa gar nicht meine Helden des Romantic Dramas zusammenkommen?

Die Magdeburger hatten bei ihrem Kampf um das Herz des Sieges eine schwere Verletzung zu beklagen. Christian Beck war mit Enis Hajri bei einem Kopfballduell zusammengestoßen. Wie sich später herausstellte, hatte Beck einen Jochbeinbruch erlitten. Enis Hajri konnte nach dem Tackern seiner Platzwunde weiterspielen.

Nach der Pause setzte sich das Spiel erst einmal ereignislos fort. Auch das kennen wir aus aus dem Romantic Drama. Die Zeit nach dem ersten Höhepunkt ist besonders schwer zu gestalten. Vielen Filmen mangelt es in diesen Szenen an Spannung und Emotion. Irgendwie muss die Zeit gefüllt werden und den schlechten Geschichten fehlt die Tiefe für etwas Neues. Man sieht immer dasselbe. Dann bleibt Raum für Nachdenken und Fragen. Etwa: Tim Albutat macht aus dem Stand heraus ein sehr gutes Spiel. Oder: Schafft Moritz Stoppelkamp zumindest Räume für seine Mitspieler, wenn er nicht in Ballbesitz ist? Läuft er so viel und zieht Gegenspieler auf sich, dass die Flügel frei werden? Sobald er den Ball hat, wirkt er wie ein Schatten seiner selbst. Einmal habe ich sogar gedacht, Pässe auf ihn sind Pässe zum Gegner. Ich war in dem Moment aber auch komplett ohne Hoffnung. Ich sah nicht, wie die Mannschaft torgefährlich werden könnte. Flanken gingen weiterhin ins Leere. Schöne Kombinationen endeten dort, wo es wirklich gefährlich wurde.

Zu meiner Beruhigung hielten die Magdeburger aber auch ihre Anstrengungen wieder in Grenzen. Wäre mir das Romantic Drama bewusst gewesen, hätte ich gewusst, im letzten Drittel des Films geht unser Held noch einmal aufs Ganze. Der MSV verstärkte den Druck. Das Stadion nahm diese Energie auf. Für wenige Minuten wollten auch wir den Ball ins Tor schreien. Den Schlusspunkt dieser kurzen Drangphase setzte ein Freistoß, der kläglich vergeben wurde. Danach schien die Mannschaft erst einmal wieder ohne Energie zu sein. Wenigstens den Ball in den eigenen Reihen halten. Kontrolliert sein, kein Gegentor einfangen. Aber wie sollte auf diese Weise der Sieg jemals einen erhören?

Ekstase nach dem Spiel

Es lag eigentlich auf der Hand. Kurz vor Ende des Films sollte jene Situation sich wiederholen, an der unser Held beim ersten Mal so kläglich gescheitert war. Die Zebras kamen noch einmal in jene Situation, die der beginnenden Drangphase ein jähes Ende gesetzt hatte. Ein Freistoß natürlich. Dieser von Kevin Wolze getretene Freistoß flog dieses Mal in den freien Raum des Magdeburger Strafraums. Enis Hajri lief perfekt hinein und köpfte die Zebras zum Sieg. Das Romantic Drama hatte sein Happy End für die Zebras. Oft folgt diesem Kuss des Paares am Ende noch ein kurzer Epilog – ein paar Monate später: Hochzeit, Schwangerschaft oder eine andere Zukunftsaussicht. Uns gefiele das natürlich auch gut. Das Insert: Drei Monate später. Dann nur noch Bilder, und ihr wisst, welche Bilder ich nach diesem Insert sehen möchte.

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