Archiv für August 2019

Das zweifache Wachstum

Mit Sprache lässt sich die Wirklichkeit nur unzulänglich einfangen. Das fällt im Fußball manchmal deutlicher auf als in unserem Alltag, allerdings nur, wenn die Beteiligten des Spiels sich nicht hinter Floskeln verstecken, dann wenn sie genau sein wollen und Fragen ernst nehmen. Das ist nicht einfach in einem Unterhaltungsbetrieb, der immerfort neue Inhalte produzieren will. Das ist nicht einfach in einer Welt, in der das immerselbe auf immer neue Weise gesprochen werden soll. Dann kommt es zu überraschenden Sprechweisen, wenn die Wahrheit eines Geschehens öffentlich gesprochen wird.

Torsten Lieberknecht war auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den FSV Zwickau mit der Frage konfrontiert, ob die Leistung der neu zusammen gestellten Mannschaft auch für ihn überraschend sei. Für uns Betrachter von außen heißt die Antwort uneingeschränkt ja. Die Frage hat nun eine Nebenwirkung. Sie führt direkt und tief ins Zentrum einer Leistungsbeurteilung und zwar jener der sportlichen Leitung. Gleichzeitig berührt sie das Erleben der Gegenwart und das eigene, sehr persönliche Verhältnis, wie ein Mensch zur Zukunft steht.

Die scheinbar einfache Frage erweist sich als schwierige Aufgabe für Torsten Lieberknecht, weil er sich mit der Antwort ja auch indirekt zur Qualität der eigenen und Ivo Grlics Arbeit äußert. Deshalb holt er weiter aus und fasst  zusammen – ab Minute 12.25 -, wie er die Vorbereitung erlebt hat. Er erläutert gute Anzeichen bei den Spielern für den Erfolg. Dennoch gab es angesichts des als nicht einfach bewerteten Auftaktprogramms „Fragezeichen“. Für diese Unsicherheit bei gleichzeitiger Zuversicht findet Torsten Lieberknecht die schöne Formulierung, man hätte ein Gefühl dafür gehabt, „dass da was wächst, was eben immer noch im Wachstum ist“. Sprache stößt hier an ihre Grenzen. Es geht um zwei verschiedene Perspektiven des Wachsens. Es geht um Zustand und um den Prozess mit ein- und demselben Wort, das ja eigentlich nur das Prozesshafte beschreibt. Torsten Lieberknecht sieht mittel- und langfristige Ziele, zugleich will er den Leistungsstand der Gegenwart ausdrücken.

Welch komfortabler Saisonanfang, der uns nicht nur Vorfreude auf das Spiel gegen Zwickau bringt sondern auch noch anhand der Sprache von Torsten Lieberkneckt zeigt, die Mannschaft wird sich weiter entwickeln. Die Spiele des MSV kann ich nun wieder sehr viel entspannter erleben. Gestern habe ich das letzte Foto gemacht für mein neues Buch  „111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss“. Ich habe dabei auf dem Weg zu den jeweiligen Orten viel fotografiert. Ein Foto dieser Sammlung möchte ich euch nicht vorenthalten. Wer über Dortmund schreibt, kommt an Orten zum BVB nicht vorbei. Das werden im Buch nicht die bekannten Stadien sein. Ich wollte es schon origineller machen.

Dennoch war ich auch an der Strobelallee, und eins war mir zuvor noch nie aufgefallen, es gibt am Stadion des BVB einen Container, bei dem man Gästefans abgeben kann. Ich bin mir nicht sicher, ob sie in dem kleinen Dingen auch ein Bällebad haben oder welche Attraktionen sie sonst für aufbewahrte Gästefans anbieten. Die Mitarbeiter werden es jedenfalls nicht einfach haben. Ich hoffe, sie sind sozialpädagogisch geschult. Wir können doch davon ausgehen, so ein Gästefan will normalerweise das Spiel seiner Mannschaft sehen. Mit dem Menschlichen vertraut, weiß ich aber auch, irgendwas kann immer passieren, dass man Kumpel, Ehemann oder Freundin mal für ’ne Zeit loswerden will. Der BVB – einmal mehr Vorreiter in Sachen Zuschauerservice.

 

 

Der Fußball ist zurück in Duisburg und im Zebrastreifenblog

So, nun beginnt allmählich die Saison auch hier wieder. Die überraschende Spielweise des MSV Duisburg zum Saisonbeginn hat mir nicht die Sprache verschlagen. Meine Worte und die nötige Zeit sind nur an anderer Stelle vollkommen aufgebraucht worden. Das Ende meiner Arbeit am Dortmund-Buch ist abzusehen, und nach dem 2:0-Pokalsieg gegen die SpVgg Greuther Fürth gestern will ich zumindest ein wenig in den Jubelchor allerorten  einstimmen.

Was war das für ein Fußballabend in Duisburg gestern – mit Begeisterung, mit immer noch ungläubigem Staunen und letzlich reiner Freude ein Fußballspiel der Zebras zu sehen. In den letzten Jahren war der MSV immer von der Notwendigkeit angetrieben, das Saisonziel Aufstieg bzw. Klassenerhalt unbedingt erreichen zu müssen. Wir haben in Duisburg die Gegenwart der Zukunft untergeordnet gesehen. Die Freude am Fußball gewannen wir vor allem durch das Erreichen der gesetzten Ziele.  Entsprechend größer wurde die Enttäuschung, wenn die Ziele verfehlt wurden oder drohten, verfehlt zu werden. Das Fußballspiel als Spiel geriet ins Hintertreffen. Das hatte natürlich einen einzigen Grund und der hieß das zum Überleben des MSV notwendige Geld der 2. Liga.

In dieser Saison haben die Mannschaft und wir die Gegenwart zurückgewonnen. Das Ziel ist nicht weniger wichtig. Doch es gibt wieder ein Gleichgewicht zwischen dem Spiel als zweckfreies Spiel um den Sieg im Heute und dem Erfolg in der Zukunft. Wir sehen ein so schnelles Kombinationsspiel und eine gewollte Rhythmisierung des Spiels über 90 Minuten. Wir sehen gezielte Pässe in freie Räume, in die Spieler hineinlaufen. Wir sehen präzise Flanken und technisch anspruchsvolle Schüsse aufs Tor aus dem Spiel heraus.

Diesen MSV Duisburg haben die Fürther nach dem Anpfiff nicht erwartet. Mit der Wucht des Offensivspiels der Zebras kamen sie genauso wenig zurecht wie mit der hartnäckigen Defensivarbeit im Mittelfeld. Die Fürther waren arm dran. Sie waren psychisch auf diese Situation nicht eingestellt, und als sie allmählich verstanden, dass sie zu größerer Anstrengung bereit sein mussten, lagen sie schon zwei Tore zurück. Die nötige Anstrengung war noch größer geworden.

Diese zwei Tore des MSV Duisburg waren beide auf eigene Weise schön anzusehen. Sie waren kleine Kunstwerke. Auch wenn das erste Tor von Lukas Daschner durch einen schnellen Pass auf ihn vorbereitet wurde, so rückte bei diesem Tor das Einzelwerk in den Vordergrund. Wie er sich trotz Haltens nach der Passannahme durchsetzte, den freien Raum zum Zug Richtung Tor nutzte, um dann den Schuss mit leichtem Drall ins lange Eck zu schlenzen. Das war große Fußballkunst.

Das zweite Tor, wenige Minuten später, war dann ein mannschaftliches Gesamtkunstwerk, das mit dem souveränen Passpiel vor dem eigenen Tor über den immer mitspielenden Torwart Leo Weinkauf begann. Die Fürther versuchten zu pressen, und die Zebras ließen sie hinterher laufen. Was für eine Sicherheit strahlte diese Hintermannschaft bei solchem Passspiel aus, mit dem sie sich über zwei, drei Stationen ins Mittelfeld bewegte, wo in dem Fall der unfassbar schnelle Joshua Bitter schon wieder den Ball annahm, um ihn steil zu schicken auf Leroy-Jackques Mickels. Der setzte sich durch, schaute, bevor er passte und leitete dann den Ball weiter in die Mitte, wo Tim Albutat hineinlief, um  wuchtig einzuschießen.

Ab der 27. Minute etwa hielten sich die Zebras zurück. So ein Tempo wie in den Minuten zuvor lässt sich nicht das ganze Spiel halten. In der zweiten Halbzeit versuchten die Fürther dann so zu tun, als hätte es die ersten 45 Minuten noch nicht gegeben. Doch sie boten einfach zu wenig, um die Defensive des MSV zu überwinden. Verlegenheitsschüsse, planlose Flanken und das Hoffen auf den Zufall waren die Mittel der Wahl. Das kam uns noch in ferner Erinnerung bekannt vor. Vor kurzem noch muss es in Duisburg eine Mannschaft gegeben haben, die auf ähnliche Weise den Erfolg suchte. Das muss der MSV gewesen sein, eine andere Mannschaft sehen wir ja nicht regelmäßig im Duisburger Stadion. Mit den Bildern aus den Spielen des Saisonanfangs im Kopf muss man für diese Erinnerung aber schon länger im Gedächtnis kramen. Ich freue mich auf den Ligaalltag gegen Zwickau.


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