Archiv für Oktober 2019

Es gibt schlimmeres als im Pokal auszuscheiden – Erkannt und vorgetragen von Sarah Hakenberg

Die Wirklichkeit hielt sich dann doch nicht an meine gestern fantasierte Grundschularithmetik zum Pokalspiel des MSV gegen die TSG 1899 Hoffenheim. Der MSV hat trotz guten Spiels 2:0 verloren. Es muss eben zum guten Spiel gegen einen Bundesligisten noch etwas hinzukommen. Das könnte man dann Glück nennen. Dieses Glück muss aber gut erkennbar sein. Wenn dieses Glück sich als Spieler an der Außenlinie entpuppt, der ein krasses Abseits aufhebt, versteckt es sich zu sehr. Dann erhält zwar Moritz Stoppelkamp den Ball wider Erwarten, alleine vor dem Torwart stehend, knapp außerhalb des Fünfmeterraums nach einer für Hoffenheim eigentlich halbwegs geklärten Situation.  Doch er wie auch die meisten von uns auf den Rängen wähnt sich dann im Abseits und schießt nur halbherzig auf das Tor. Wenn ich recht überlege, war das gar kein wirkliches Glück. Da hat sich der Zufall einen Scherz mit uns erlaubt.

Sobald die Hoffenheimer in der Offensive Tempo aufnehmen konnten, wurde es gefährlich. In der ersten Halbzeit folgte dem trotzdem nicht so oft ein Abschluss aufs Tor. Spektakuläre Rettungstaten verschiedener Spieler in der Defensive verhinderten die freien Schüsse auf das Duisburger Tor. Dagegen offenbarten die Angriffe der Zebras, dass die Mannschaft schlechter strukturierte Defensiven aus der 3. Liga gewohnt war. Durch das schnelle Kurzpassspiel, abgewechselt mit dem Dribbling der Offensivkräfte, wurde zwar das Mittelfeld immer wieder mal beeindruckend überbrückt. Doch der notwendige letzte etwas längere Pass in die Schnittstellen der Defensivreihe wurde jeweils problemlos abgefangen.

Es war schon zuvor klar, wenn im Pokalspiel ähnliche Fehler vor dem Strafraum geschähen wie in Würzburg, würde der MSV mit sieben oder acht Gegentoren noch gut bedient sein. Nun passierten nicht so viele Fehler und dennoch trat ein, was zu befürchten war. Zwei Fehler reichten den Hoffenheimern für ihre Tore. Andererseits wäre es vermessen, vom mutigen Spiel des MSV Fehlerlosigkeit zu erwarten.

In einer etwas orientierungslosen Gegenwart, in der wir uns doch um grundlegende Werte des Zusammenlebens kümmern sollten, darf man auch gerne etwas lauter davon sprechen, dass dieser Bundesligist sich nicht zu Schade war, einen Schiedsrichterball in der ersten Halbzeit in den eigenen Reihen zu behalten, obwohl bei Spielunterbrechung wegen eines verletzten Hoffenheimer Spielers, der ohne Gegnerkontakt zu Boden gegangen war, der MSV in Ballbesitz war. Leider folgt dem kein Ausgleich durch eine höhere Gerechtigkeit. Darum müssen wir uns schon selbst kümmern. Zum Beispiel indem nicht nur ich das als schlechtes kritikwürdiges Verhalten benenne.

So, und nun der Blick nach vorn. Außerdem gibt es schlimmeres als im Pokal gegen Hoffenheim auszuscheiden. Sarah Hakenberg weiß das genau.

Hoffnung gebende Rechengeschichte zum Dreisatz

Die TSG 1899 Hoffenheim ist ein Fußballverein der Bundesliga. In der ersten Runde des DFB-Pokals spielte die Mannschaft bei dem Drittligisten Würzburger Kickers und führte zur Pause 2:0. Die Kickers schafften in der zweiten Halbzeit den Ausgleich. In der Verlängerung ging die TSG 1899 Hoffenheim wieder in Führung. Erneut schafften die Kickers den Ausgleich. Beim Schlusspfiff der Nachspielzeit stand es 3:3. Das Elfmeterschießen gewann Hoffenheim mit 5:4. Der ebenfalls in der 3. Liga spielende MSV Duisburg trat einige Wochen später zum Auswärtsspiel gegen die Würzburger Kickers an und führte zur Pause 2:0. Damit stand auch schon das Endergebnis fest.

Frage: Wie lautet das Endergebnis, wenn der MSV Duisburg in der 2. Runde des DFB-Pokals gegen die TSG Hoffenheim spielt?

Rechnung:  2 + 1 + 5 – 2 – 1 – 4 = 1

2 – 0 = 2

2 – 1 = 1

Antwort: Der MSV Duisburg gewinnt im DFB-Pokal mit 1:0 gegen die TSG 1899 Hoffenheim

Kommentar des Lehrers beim Verteilen der Klassenarbeiten: Ihr habt die Rechengeschichte alle wunderbar gelöst. So einfach wie in dieser Rechengeschichte ist die Vorhersage von Endergebnissen beim Fußball natürlich nicht. Zu einer genauen Prognose gehört noch viel mehr. Damit ihr solche genauen Prognosen rechen könnt, müssen ihr später einmal die Wahrscheinlichkeitsrechnung durchnehmen. Dann lässt sich alles sehr genau vorhersagen. Dann könnt ihr mit den Angaben aus der Rechengeschichte sogar ausrechnen, in welcher Minute des Spiels das Tor des MSV Duisburg fallen wird.

Die Kaffeefahrt nach Würzburg

So Kaffeefahrten beginnen ja oft in aller Herrgottsfrühe. Für wenig Geld weit weg fahren, da muss man früh starten. Die Bahn hatte mir vor etwa vier Wochen ein Lockvogelangebot gemacht. Nach Würzburg  hin und zurück für 35 Euro, super, der Supersparpreis. Für diesen Tag kooperierte die Bahn sogar mit dem MSV Duisburg. Die Zebras hatten in Würzburg einen Gastauftritt. Ich kam also nicht umhin, mir ein Fußballspiel anzusehen, und ich wusste um des Risikos, dass man bei Kaffeefahrten oft irgendwo am Rand der Stadt abgesetzt wird, wo man nicht wegkommt und einem dann irgendwas angeboten wird, was man eigentlich nicht sehen will.

Zu meiner großen Überraschung war das aber zunächst gar nicht der Fall. Der MSV machte in den ersten Minuten des Spiels gegen die Würzburger Kickers eine gute Figur, zumal die befürchteten Ausfälle sich auf die Langzeitverletzten und Joshua Bitter beschränkten. Die Wackelkandidaten Tim Albutat und Leroy-Jacques Mickels waren dabei. Diesen ersten Eindruck erinnere ich noch genau. Deshalb war ich zunächst überrascht, dass der Würzburger Spieler Robert Hermann im Interview nach dem Spiel von einer Möglichkeit zum Führungstreffer erzählte. Sollte denn der Auftakt zum großen Kaffeefahrts-Tore-Sonderangebot des MSV schon vor dem Torbeispiel von Moritz Stoppelkamp gewesen sein? Vincent Gembalies habe ich mit einem riesigen Fehler vor Augen. Dieser führte nur  zur Ecke und zum sofortigen zweiten riesigen Fehler von Gembalies, der von den Würzburgern nicht genutzt wurde. War das etwa vor dem Führungstreffer schon? Ich weiß es nicht mehr.

Meiner Erinnerung nach war die Anfangsphase ausgeglichen mit Einviertel- bis Halbchancen auf beiden Seiten. Dann kam es zu dem wunderbaren Konter des MSV nach Balleroberung an der Mittellinie. Leroy-Jacques Mickels setzte sich am linken Flügel durch, flankte und Moritz Stoppelkamp schob zum Führungstreffer ein. Im Nachhinein entpuppte sich dieser Treffer aber nur als besagtes Beispielangebot des MSV für die Würzburger Kickers.

Aus alt mach neu. Nicht in der Ecke.

Ich hatte ganz vergessen, dass ich ja auf einer Kaffeefahrt war, und anscheinend gehörten die Würzburger auch zum erhofften Kundenkreis der Zebras, die an diesem Tag Tore im Angebot hatten. Ich sah die Spieler der Mannschaft mit Mikro auf der Strafraumbühne. Offensichtlich wollten sie die Würzburger dazu animieren, bei ihren unschlagbar günstigen Angeboten zuzugreifen. Sie redeten auf die Würzburger geradezu ein: Seht doch, das ist ganz einfach, ihr braucht hier im Strafraum jetzt sofort nur rechts unten in das Tor zu schießen. Nimm den Ball und probier mal. Ist ganz einfach. Tatsächlich ließ sich ein Würzburger darauf ein. Doch der Schuss ging daneben.

Wir in der Gästekurve sahen das mit Erleichterung, weil wir nicht wussten, dass am Samstag zumindest in der ersten Halbzeit die Mannschaft ein anderes Ziel hatte, als Tore des Gegners zu verhindern. Weil der eine Schuss daneben ging, nahmen die Zebras weitere Bälle und kickten sie den Würzburgern zu. Wahrscheinlich haben sie noch weitere Kaffeefahrt-Verkäufersprüche dazu gesagt à la so eine Gelegenheit bekommst du nie wieder. Nutz die. Wenn du morgen zu Hause daran zurück denkst, wirst du dich ärgern, dass du nicht zugeschlagen hast.

Doch die Würzburger wollten nicht. Ich kann es mir nur so erklären. Bei den Würzburgern spielten einfach zu wenig Rentner in der Mannschaft. So ein Rentner wäre irgendwann weich geklopft gewesen, und er hätte, egal, was es auch kostet, das Angebot angenommen. Stattdessen ging jeder freie Schuss neben das Tor. Und was waren das für freie Schüsse. Nicht einmal ein zweites Beispieltor durch Lukas Daschner kurz vor dem Halbzeitpfiff konnte die Würzburger in ihrer ablehnenden Haltung umstimmen.

Anscheinend war den Zebras dann in der Halbzeitpause die Lust an der Kaffeefahrt vergangen. Irgendwie mussten sie sie aber zum Abschluss bringen. und so hielten sie das Spiel aufrecht. Auf besondere Probe-Angebote verzichteten sie in der zweiten Halbzeit. Die Würzburger dagegen wollten wahrscheinlich plötzlich doch noch ein Tor haben. Warum sonst bewegten sie sich immer wieder Richtung Duisburger Strafraum? Da es keine wirklich günstigen Angebote mehr gab, versuchten sie sich bei anderen Gelegenheiten. Doch verpasst, war verpasst. Unter Bedrängnis ist es natürlich schwerer zum Abschluss zu kommen.

Wir in der Kurve fühlten uns derweil wieder mit unserer Mannschaft einig im Ziel. Hinten Tore verhindern und vorne welche schießen. So kennen wir ein Fußballspiel. Kontinuierlich ging es dem Abpfiff entgegen. Wirklich bedroht habe ich den Sieg in der zweiten Halbzeit nicht erlebt. Trotz noch vorhandener Würzburger Chancen. Durch die Kaffefahrt-Atmosphäre der ersten Halbzeit wird der 2:0-Sieg in Würzburg entweder als glücklich oder effizient oder erarbeitet angesehen. Glücklich empfinde ich etwas unpassend. Dazu waren die Würzburger nicht überlegen genug. Das „glücklich“ behalte ich mir für das Pokalspiel morgen vor. Neben der Toreverkaufsveranstaltung habe ich übrigens auch in Würzburg noch einiges gesehen. Das Dienstleistungsangebot in der Stadt ist breit gefächert und hat an manchen Orten eine lange Geschichte. Tradition verpflichtet, wie ihr seht.

Das eindrucksvolle Spiel verlangt das Spitzenreiterrufverbot

Seit Jahrzehnten stehen wir in dieser Besetzung gemeinsam in der Kurve. In der ganzen Zeit lautete der Standardtipp meines Stehplatzkumpels vor dem Anpfiff der meisten Heimspiele 8:0. Zugegeben, das klingt nach übertriebener Zuversicht und partieller Blindheit gegenüber der Wirklichkeit. Andererseits ist das wirkliche Leben auch nichts anderes als das Ergebnis einer komplexen Wahrscheinlichkeitsrechnung, und manchmal geschieht eben auch das Unwahrscheinliche. Am Freitag war das Unwahrscheinliche nahe. Ich erinnere mich an kein Punktespiel in diesen ganzen Jahren, bei dem der MSV näher an diesem Endergebnis war als im Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern. Vielleicht habe ich aber auch nur ein schlechtes Gedächtnis für Details.

Unsicher war ich ins Stadion gegangen, und dann ließ die Mannschaft von Anpfiff an keinen Zweifel an ihrem Willen, dieses Spiel an sich zu reißen. Torgefährlich wurde es zwar zunächst nicht, aber ungemein schnell. Mehr hin zum Kaiserslauterner Tor als her in Richtung Weinkauf-Tor bewegte sich das Spiel. Kaiserslauterner Bälle im Spiel nach vorne wurden meist abgefangen. Mit Tempo ging es in die Gegenrichtung. Rasant wurde der Ball vom MSV mit schnellen kurzen Pässen vorgetragen. Der Schiedsrichter war darauf nicht eingestellt. Er stand sage und schreibe dreimal in kürzester Zeit den Pässen im Weg. Beim dritten Mal gab es dann sogar den Schiedsrichterball.

Das Führungstor gelang nach einer Flanke in den Elfmeterraum, in dem die FCK-Defensive vergessen hatte, dass im Fußball auch mal lange Bälle gespielt werden. Man muss sich das so vorstellen, die ganze Zeit ist das Spiel in schneller Bewegung. Der steile Pass kommt zu Leroy-Jacques Mickels. Auch ich erwarte weiteren Druck durch den Flügelsprint Richtung Torauslinie. Doch Mickels nimmt das Tempo heraus. Gut, denke ich, warten wir auf die nachrückenden Spieler, um den Strafraum zu belagern. Doch dann schlägt er die Flanke. Der Ball fliegt und ich verbuche den gar nicht mal so scharf gespielten Ball unter einer dieser vielen unergiebigen Versuche Torgefahr zu schaffen. Ich hatte nicht berücksichtigt, dass die Kaiserslauterner Defensivspieler dasselbe gedacht haben müssen wie ich. Die Spieler scheinen die Flanke nicht erwartet zu haben, denn sie waren im Strafraum sehr unorganisiert. So kam der Ball punktgenau zum frei stehenden Lukas Daschner, der unbedrängt einköpfen konnte. Auch das musste natürlich erst einmal gemacht werden. Im weiteren Verlauf des Spiels haben wir ja gesehen, wie andere sehr klare Chancen vergeben wurden.

Der MSV hielt das Tempo hoch. In der Offensive wurde immer wieder rotiert. Man sah, wie im Training einstudierte Flügelkombinationen wunderbar auch im Spiel funktionierten. Das war wieder der begeisternde Fußball der ersten Spiele dieser Saison. Fiel Moritz Stoppelkamp schon beim Kombinationsspiel auf engem Raum mit technischen Kabinettstückchen auf, so zeigte sich beim 2:0 durch ihn seine technische Klasse. Ansatzlos schoss er von der Strafraumgrenze, seitwärts zum Tor stehend den von Lukas Daschner gepassten Ball ins Tor, knapp neben den Pfosten gezielt. Ein wunderbarer Torschuss, dessen besondere Qualität Moritz Stoppelkamp sehr bewusst schien.

Die Kaiserslautern bettelten nun um das dritte Tor, so verunsichert war die Mannschaft. Doch dieses Tor fiel trotz zweier großer Chancen nicht, zumal es der MSV die letzten zehn Minuten der Halbzeit gemächlicher angehen ließ. So kamen die Kaiserslauterner noch zu einer großen Chance, die ein Spieler einer gefestigteren Mannschaft womöglich verwandelt hätte.

Nach der Halbzeitpause verschärfte der MSV wieder das Tempo, und so fiel bald das dritte Tor durch Leroy-Jacques Mickels. Doch die Kaiserslauterner Verunsicherung aus der ersten Halbzeit war kurioserweise trotz dieses Tores verschwunden. Stattdessen spielte die Mannschaft weiter mit. Für den MSV ergaben sich dadurch Freiräume und große Chancen, die allesamt nicht genutzt werden konnten. Erwähnt werden muss noch, dass Vincent Gembalies und Tim Albutat ein sehr gutes Spiel gemacht haben. Bezeichnend für das Spiel von Vincent Gembalies war eine Szene in der zweiten Halbzeit. Er hatte den Ball rechts in der Ecke abgelaufen, wurde gepresst und und spielte sich gegen das Pressing mit einem Hackentrick frei. Was für eine Souveränität. Wenn er dieses Niveau stabil halten kann, entwickelt sich in Duisburg ein spielstarker Innenverteidiger, der das Aufbauspiel der Mannschaft um eine bislang nicht vorhandene Dimension erweitert. Ihr seht, ich bin noch immer sehr begeistert.

Der MSV führte souverän 3:0. Doch als bald nach dem Mickels-Tor auf den Rängen die „Spitzenreiter“-Rufe für kurze Zeit zu hören waren, glaubte ich das Spiel verloren. Womöglich wird auch diese Sorge durch selektive Wahrnehmung gespeist. Aber ich meine, sobald in diesem Stadion zu einem frühen Zeitpunkt der Saison während des Spiels so eine Momentaufnahme des Tabellenstands auf den Rängen gefeiert wird oder von der Stadionregie gezeigt wurde, fielen die Gegentore augenblicklich. Am Ende konnten wir dann froh sein, wenn das Spiel noch Unentschieden ausging.

Folgerichtig erzielten die Kaiserslautern auch kurz nach diesen Rufen den Anschlusstreffer. Das dürfen wir uns gerne noch einmal vorstellen. Der MSV führte eine Viertelstunde vor dem Ende 3:1, und wir bangten um den Sieg. Denn die Kaiserslauterner drückten auf das zweite Tor. Jede Beruhigung des Spiels nahmen wir erleichtert auf. Jede Spielverzögerung begrüßten wir. Unsere Sorgen wichen erst etwa 5 MInuten vor dem Abpfiff. Ich finde, wir sollten über ein Spitzenreiterrufverbot bis zum Zeitpunkt des gesicherten Aufstiegsplatzes nachdenken. Das würde mich erheblich entspannen, wenn der MSV in einem Spiel knapp führt. Stefan Leiwen sollte erst die Gästefans daran erinnern, dass auch in Duisburg das Abbrennen von Pyrotechnik und Feuerwerkskörpern verboten ist, um anschließend die Heimfans regelmäßig zu ermahnen: „Liebe Zebrafans, denkt daran, Hinweise auf eine mögliche Tabellenführung sind als Stadiongesang jeglicher Form verboten. Wenn ihr euch an das Verbot haltet, helft ihr unserer Mannschaft das zu erreichen, was wir alle erhoffen.“

Favorit vom Aussterben bedroht

Heute Abend stehen beim Spiel des MSV gegen den 1. FC Kaiserslautern am Spielfeldrand zwei Trainer, die auf die Leistung ihrer Mannschaften hoffen und dabei offensichtlich nicht sicher sind. So deutlich sagen das Torsten Lieberknecht und Boris Schommers  auf den Pressekonferenzen vor dem Spiel natürlich nicht. Sie sagen das anders.

Sie machen den Favorit zu einer seltenen Spezies. Womöglich gehört er sogar auf die Liste der bedrohten regionalen Arten in der Pfalz und am Niederrhein. Denn in Kaiserslautern kann Boris Schommers ihn nicht entdecken. Die Mannschaft ist schlecht in die Saison gekommen. Normalerweise würde sich beim Spiel eines Tabellenfünfzehnten gegen einen Tabellenvierten die Frage nach dem Favoriten überhaupt nicht stellen. Doch die Hoffnung der Öffentlichkeit, der Favorit habe in der Pfalz überlebt, ist groß. Die Journalisten auf der Pressekonferenz fragen für ihre Leser, die vom FC Kaiserslautern in der Saison mehr Erfolg erwartet hatten. Und schließlich gab es im letzten Spiel endlich einen Heimsieg. Für Boris Schommers ist die Favoritenfrage aber eine für die Zukunft. Auch in der Pfalz könne irgendwann der Favorit wieder heimisch werden. Ob er bis dahin die bedrohte Art in unzugänglichen Rheinauen überleben sieht, lässt er offen.

Die Kaiserslauterner Journalisten hätten Torsten Lieberknecht fragen sollen. Der wusste überzeugend davon zu erzählen, dass er in Kaiserslautern einen Favoriten am Osthang des Betzenbergs gesehen hat. Er legte mit Kaderwert und Kaderkonstanz sogar eindeutige Belege für das Überleben des Favoriten auf den Tisch. Boris Schommers werden diese Belege wahrscheinlich nicht reichen. Er braucht sicher mehr Beweise. Torsten Lieberknecht ist außerdem anzumerken, dass er den  am Niederrhein heimischen Favoriten in den letzten drei Wochen nicht mehr gesehen hat. Über das Verschwinden scheint er nicht allzu besorgt zu sein. Erfolg kennen wir eben auch ohne Favoriten-Auftrauchen. Wahrscheinlicher wird er allerdings nicht. Deshalb hätte ich nichts dagegen, wenn man so einen Favoriten demnächst auch wieder am Niederrhein sichten kann.

Wer einen Blick in die Pressekonferenzen werfen will, bitte schön:

Und die PK aus Kaiserslautern

Haßloch, Velbert und die Lieberknecht-Kindheit

Haßloch ist ja nun auch nichts anderes als eine Art kleineres Velbert in der Pfalz. Da ist es doch besser über Haßloch zu schreiben als über Velbert. Das hat den Vorteil nichts zum MSV sagen zu müssen. Meinetwegen gebe ich noch ein wenig Stimme dem Lamento-Chor, aber dann ist auch gut.

Was geschieht da mit der Mannschaft seit zwei Wochen? Das dritte Spiel in Folge verloren. Nicht dass mich der Niederrhein-Pokal in irgendeiner Weise bewegt. Es geht alleine um die Leistung im Spiel gegen Velbert, die ratlos macht und für das Spiel gegen Kaiserslautern wahrscheinlich nicht nur uns Zuschauer verunsichert. Solch eine anfällige Defensive bleibt doch als Bedrohung in den Köpfen auch der Spieler. Momentan ist es anscheinend egal, wer da auf dem Platz steht.

Ich sehe uns schon demnächst mit den RWE-Anhängern eine städteübergreifende Selbsthilfegruppe gründen. Thomas Lieberknecht sollte sich sofort mit Christian Titz zum Erfahrungsaustausch zusammensetzen. Das parallele Geschehen in Essen und Duisburg ist  verblüffend. Was für ein Saisonstart für beide Vereine. Welche frische Begeisterung unter den Anhängern in beiden Städten. Welche Entgeisterung nun nach drei Niederlagen in Folge von beiden Vereinen. Ich lese in beiden Städten dasselbe. Plötzlich bekommen die Mannschaften keinen Zugriff mehr aufs Spiel. Blutleer wirken die Auftritte. Einmal mehr hoch und runter, und es ist nicht absehbar, ob die Niederlage gegen Velbert für den MSV tatsächlich ein TiefPUNKT gewesen ist oder ob sie sich als kleine Stelle einer Fläche erweist.

Wieviel schöner ist es deshalb über Haßloch zu schreiben. Ich bin notorisch neugierig. Wenn ich Menschen begegne, möchte ich wissen, wieso die leben, wie sie leben. Ich komme also ins Gespräch, und manchmal ergeben sich kuriose Zusammenhänge bei dem, was ich erfahre. Mancheiner macht aus solchen Zufällen Romane, die uns dann wiederum eine Anleitung zu sinnvollen Geschichten über das wirkliche Leben sind. Ihr müsst selbst sehen, was ihr damit macht, was ich euch jetzt erzähle.

Neulich sprach ich jedenfalls mit einer Museumsangestellten in Saarbrücken. Sie lebte gerne in der Stadt, obwohl sie vom Dorf kam, und zwar aus der Pfalz. Das betonte sie deshalb, weil es zwischen den Saarländern und Pfälzern eine alte Rivalität gibt, eine lieb gewordene ehemalige Abneigung, die man heute folkloristisch hochleben lässt, wenn es passt. Kölner und Düsseldorfer wissen, wovon die dort unten sprechen. Sie kam aus Haßloch.

Wir in Duisburg haben bei solchen Rivalitäten kaum Karten im Spiel. Manchmal wird ja unter uns Anhängern des MSV versucht, nachbarschaftliche Spannungen als Derbygefühl mit Leben zu füllen. Selbstverständlich ist das nicht. So was braucht eine lange Geschichte der Konkurrenz, die es zwischen Duisburg und Düsseldorf oder Oberhausen in Sachen Fußball vielleicht über kürzere Zeiten gibt. Das führt aber nicht über den Fußball hinaus. Zudem ist es so flüchtig, wenn die Vereine ständig in unterschiedlichen Ligen spielen. Das kommt mir jedenfalls so vor.

Über Fußball haben jene Museumsangestellte und ich dann auch gesprochen, weil ich natürlich sofort auch an Milan Sasics Engangement beim 1. FC Saarbrücken dachte. Bevor sie selbst zu Sasic was sagte, sprach die Dame noch einmal mit besonderem Nachdruck. Sie gehöre natürlich zu den Blauen. Als ob ich ganz selbstverständlich etwas anderes gedacht hätte. Dabei hatte ich gar keine Idee, welcher Verein sonst noch in Frage kam. Aber schon klärte sie mich auf. Nein, niemals hätte es sie zu den Roten ziehen können. Das wäre nie in Frage gekommen. Natürlich, die Pfalz. Der 1. FC Kaiserslautern hätte es sein können. Aber sie zog es zum niederklassigeren 1. FC Saarbrücken. Wie sympathisch, dachte ich. Und dann sprach sie im Plural, sie seien aber froh gewesen, als Sasic endlich wieder weg war. Der Mann kann nicht aus seiner Haut. Er erlebt überall dieselbe Geschichte. Wahrscheinlich hat er in Duisburg noch den besten Ruf. Im Süden hat er jedenfalls sowohl in Kaiserslautern und in Saarbrücken verbrannte Erde hinterlassen und alle Welt gegen sich aufgebracht.

So weit der Fußball. Zunächst. Mir ging aber Haßloch nicht aus dem Kopf, weil ich irgendwas über ihr Heimatdorf schon mal gelesen hatte. Ich wusste aber nicht mehr was. Also habe ich später bei Wikipedia reingeschaut und erinnerte mich dann wieder an die deutsche Durchschnittsgemeinde, die Haßloch für die Marktforschung darstellt. Bei Wikipedia nun waren die Haßloch-Autoren sichtlich darum bemüht, der Gemeinde auch noch mit dem kleinsten Vorkommnis Bedeutung zu verleihen.

Was Haßloch schließlich an diesem Tag so viel amüsanter macht als Velbert. Denn in Velbert mag es vielleicht einen Fußballverein geben, der höherklassige Gegner aus dem Niederrheinpokal wirft, Haßloch aber kennt bedeutende Personen, die vor Ort gewirkt haben, und sei es auch dadurch, dass sie Haßloch für immer verließen.

 

Wenige Zeilen später schließt sich aber der Kreis heute. Denn selbst mit Haßloch ist dem MSV nicht zu entkommen. Zum Wirken der bedeutenden Personen gehört es auch, in jungen Jahren auf grünem Rasen Ballsport zu treiben. Welche Spuren Torsten Lieberknecht als ganz junger Mensch in der Fußballgeschichte des Orts hinterlassen hat, werden wir ihn selbst fragen müssen. Die Haßloch-Wikipedia-Autoren wissen jedenfalls, dass Trommeln zum Handwerk gehört.

 

 

 

Neues für das Fan-Gedächtnis vom MSV Duisburg: Meine Frau war immer dabei – Teil 2 – Karl P. (*1933)

In der Rückrunde der letzten Saison habe ich den ersten Teil der Erinnerung des 1933 geborenen Karl P. veröffentlicht. Es folgt ein zweiter Teil mit der Erinnerung an Burger Hetzel beim MSV der 50er Jahre und an das notwendige Selbstbewusstsein als freier Mitarbeiter einer Tageszeitung auch ohne Vorkenntnisse über Tennis schreiben zu können.

Meine Frau war immer dabei – Teil 2

Ich habe damals immer 20 Mark bekommen für einen Bericht über den MSV. Und dann riefen die mich an. Ich war bei der Firma Haniel angestellt. Da hatte ich meine Lehre gemacht, so 1951. Und da fragte mich der Redakteur vom Generalanzeiger: „Kennen Sie auch was vom Tennis?“ Ich habe sofort ja gesagt. Ich wusste gar nichts. Da hieß es dann, gehen Sie mal morgen zum internationalen Tennisturnier nach Raffelberg. Da spielte Gottfried von Cramm, der berühmte deutsche Tennisspieler. Erstmal habe ich von meinem Chef ein Lehrbuch bekommen, das habe ich dann durchgearbeitet. Ich wusste wohl, wie man zählt, 15, 30 usw. Aber ob die Spieler gut waren, wonach man das beurteilte, das wusste ich nicht.

Jetzt war da ein bekannter Reporter, Heinz Maegerlein. Das war der, der später mal in einer Reportage beim Wintersport sagte, sie standen an den Hängen und Pisten. Das hat den berühmt gemacht. Der Heinz Maegerlein war bei meinem Lauf bei der Deutschen Jugendmeisterschaft in Landau dabei. Ich war ja Leichtathlet. Das war ein paar Monate vorher gewesen, und der hatte eine Reportage über den Lauf gemacht. Jetzt sah ich den mit meiner Frau, und abends im Klubhaus habe ich mich mit dem bekannt gemacht. Der konnte sich an die Reportage noch erinnern.

Ich bin in dem Lauf von einem geschubst worden und gefallen. Ich bin wieder aufgestanden, bin aber nur zweiter geworden. Sonst wäre ich Deutscher Meister geworden. Ich war westdeutscher Jugendmeister, damals. Eine bekannte Olympiakämpferin hatte das Sagen in Landau. Die sorgte dafür, dass der Mitläufer disqualifiziert wurde. Aber da hatte ich nur nichts von. Dr. Otto Pelzer hat mich trainiert. Der war der einzige, der den Nurmi geschlagen hatte, also nach dem Krieg, nach dem Ersten Weltkrieg, 1923. Der war aber schwul. Damals war das noch verpönt. Der hatte auch ein Moped. Wenn der kam, hatte der sonst nichts mit, der hatte seinen Schlafanzug mit und fuhr mit seinem Moped.

Jetzt kannte mich der Maegerlein also. Das wollte ich ja nur, dass der mich kannte. Am nächsten Tag bin ich wieder zu dem Turnier hin und habe den Maegerlein immer beobachtet, wo der sitzt. Damit der mich nicht sieht. Dann bin ich am Schluss zu ihm und habe gesagt: „Herr Maegerlein, ich musste heute zum Fußballspiel, können Sie mir mal sagen, was hier heute los war?“ Der hat mir dann erzählt, das ist der, und der hat so und so gespielt. Dann habe ich meinen Artikel geschrieben, und von da ab war ich der Tennisreporter beim Generalanzeiger. Die haben mich zum Daviscup geschickt, nach Düsseldorf, alles.

Aber zurück zum MSV. Die Derbys. Mit Oberhausen und Meiderich, das war schon etwas. Da sind wir am Kanal entlang nach Oberhausen zu den Spielen, und es hieß immer aufpassen, da wirst du mit Bratpfannen empfangen. Also, wir haben das so nicht erlebt. Aber das wurde so erzählt. Ich meine, da wäre mal was gewesen, aber selbst erlebt habe ich das nicht. Nach dem Krieg fing das ja wieder an. Erst Stadtmeisterschaft, und dann gab es die Bezirksmeisterschaft, linker und rechter Niederrhein. Rheingold Emmerich, VfB Lohberg, Meidericher Spielverein und Rot Weiß Oberhausen, die spielten um die Bezirksmeisterschaft, das weiß ich noch genau, ich wunder mich selbst, dass mir so Namen einfallen. „Burger“ Hetzel, der Mittelstürmer damals.

Der Turek hat gesagt, der Nationaltorhüter von der WM 54, der hat gesagt, zwei Spieler werde ich nie vergessen. Der eine hieß Gaínza aus Spanien und der „Burger“ Hetzel. Der hat dem mal zwei reingemacht, zwei in einem Spiel. Der Turek war ja eigentlich aus Duisburg, und dann war der mit Fortuna Düsseldorf in Meiderich zum Meisterschaftsspiel gegen den MSV. Der Turek konnte nichts machen an den Toren. Wenn ich das heute sehe, wie die Tore schießen, Burger Hetzel konnte das schon damals. Vor der Strafraumgrenze nahm der den Ball, wenn der so hoch kam und dann zog der ab. Aber der ist nie in die Nationalmannschaft gekommen, weil der ein unsolides Leben führte, Kneipe und so was. Der Herberger mochte den nicht. Aber der war besser als der Ottmar Walter. Das war der Mittelstürmer in Deutschland, der Hetzel, wirklich.

Der war dann sogar mal im Gefängnis. Da haben sie den immer zum Spiel mit Polizeischutz rausgeholt. In Hamborn hatte der drei Monate oder so gekriegt, wegen Schmuggel oder so. Eine harmlose Sache war das eigentlich. Also der war eingelocht, und dann wollte der immer spielen. Und der Verein wollte den auch. Das war aber Hamborn 07. Da haben sie dann den Knast aufgemacht und nach dem Spiel haben sie ihn dann wieder hingebracht. Das war an und für sich ein netter Kerl.

Und ab ins „Fan-Gedächtnis“.

Damit verbinde ich zugleich einmal mehr den Aufruf, schickt für dieses Fan-Gedächtnis eine Erinnerung an eure Zeit mit dem MSV, von der ihr wollt, dass sie nicht vergessen wird. Ihr könnt das über das Kontaktformular machen. Oder schreibt mir. Ich komme mit dem Aufnahmegerät vorbei, mache ein Interview und transkribiere das Erzählte. Ich veröffentliche die Erinnerungen erst einmal drüben im großen Fan-Gedächtnis-Archiv. Ich träume aber immer noch davon, eine Sammlung solcher Geschichten im Verlag Die Werkstatt herauszugeben. Der Erlös käme einem sozialen Projekt zugute. Wir hätten zudem eine Art Geschichtsbuch von unten. Alltagsgeschichte aus Duisburg mit dem Schwerpunkt Fußball.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: