Archiv für April 2020

Die Mädchen aus Duisburg und dem Rest der Welt

Der gesungene Versuch in Sachen Fröhlichkeit Mädchen aus Duisburg war lange eine versteckte Perle des deutschen Schlagers. Hier in einer später lokal bebilderten Fassung.

Der vom Duo Micha und Peter vorgetragene Gesang hat längst einen angemessenen Platz in den Gedenkräumen des Heimatlieds – Sektion Duisburg gefunden. Frank Farian hatte mit Micha und Peter schon einmal sein späteres Projekt Boney M. geprobt, genauer den Männerpart von Boney M. Er war es also, der eigentlich sang.

Ich nahm das Lied als Gelegenheit, eine flüchtige Studie zu Herkunftsorten von Sehnsuchtsprojektionen im deutschen Schlager und Popgesang des Mannes zu machen. Erstaunlich viele Männer besingen mit der Frau ihrer Liebe auch deren Herkunftsort.

Mädchen im deutschen Liedgut, sei es Schlager oder Pop, kommen aus Berlin, aus Berlin und dann auch noch aus Ost-Berlin. Glücklicherweise ist Deutschland ein dezentralisiertes Land. Zu allen Zeiten kamen Mädchen auch aus den kleinen Orten dieses Landes. Manche wirken unscheinbar und dennoch lebte dort das große Glück. Ohne die geliebten Frauen wären Bramfeld, Rottweil oder Vogelsberg weniger oft im Heimatliedgut vertreten gewesen.

Wenn Mädchen zu zweit sind, gehen übrigens als Amerikaner durchgehende Kanadier nicht so sehr ins Detail. Aus Germany, Erde, reicht dann voll und ganz als ungefähre Ortsangabe. Und dann gibt es noch die deutsche Schlagerexklave in Griechenland. Mädchen kommen nämlich auch aus Arcadia und aus Athen.

Ich nehme gerne Hinweise auf hier vermisste Lieblings-Liebesschlagerorte entgegen.

Von DFL, Populisten und Finanzhilfen

In diesen Tagen fällt es mir schwer, meine sonst kaum ermüdende Hoffnung auf Wendungen hin zum Guten zu bewahren. Ein Virus wird zum aufklärerischen Instrument und offenbart, was Menschen antreibt in ihrem Handeln. Ein Virus offenbart die Idiotie von so vielen Menschen. Viele von denen wiederum äußern sich öffentlich und bestärken sich dadurch gegenseitig in ihrer Idiotie. Dahinter steht eine oft beschriebene und im wissenschaftlichen Experiment nachgewiesene Gruppendynamik. Sie führt dazu, dass Lügen geglaubt werden. Denn all die Populisten da draußen, die so sicher sind, Opfer eines Unrechtssystems zu sein, kennen die zwei wichtigsten Grundregeln für das erfolgreiche Verbreiten ihrer Lügen.

Die wichtigste Regel lautet: Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. Egal, was andere sagen. Bleibe bei deiner Lüge. Diese Regel braucht kein großes Talent. Für die zweite wichtige Regel brauchen die Lügner mehr. Sie brauchen Raffinesse und Intelligenz. Die zweitwichtigste Regel lautet nämlich: Mische deine Lüge mit wohl dosierter Wahrheit. Erst dann wird sie nicht nur von obskuren Spinnern geglaubt. Erst dann sickert sie ein in die Mitte der Gesellschaft. Erst dann beginnen auch Menschen dir zu glauben, die sonst gefestigt in ihrem Leben stehen, aber nicht immer an allem interessiert sind, sondern sich zu besonderen Zeiten besonders informieren.

Ich muss mich hüten, nicht ständig zwischen Verzweiflung und unbändigem Zorn zu schwanken. Wenn etwa einem Wissenschaftler wie Christian Drosten in völliger Verkennung seiner Motive immer wieder unterstellt wird, er dränge ins Rampenlicht, dann weiß ich, wer diese Meinung öffentlich äußert, hat ihm nie wirklich zugehört. In das Rampenlicht wird er durch Medien gestellt. Seriöse Zeitungen schreiben ihm einen Popstar-Status zu. Was wiederum an anderer Stelle zu Vorwürfen führt. Er wurde gefragt. Er hat sich nicht aufgedrängt. Ich bin dankbar, dass er seine Zeit aufwendet für Erklärungen. Der Mann beschreibt von Anfang an unermüdlich die eigenen Unsicherheiten auf dem Weg der Erforschung von diesem Virus. Er sagte, wie wenig man weiß, und er äußerte vorläufige Erkenntnisse. VORLÄUFIGE! Das ist der normale Prozess wissenschaftlichen Arbeitens. Was man im Übrigen wohl auch Herrn Laschet noch einmal nachdrücklich sagen muss, wenn ich all die Reaktionen auf seinen Auftritt bei Anne Will lese. Gesehen habe ich ihn nicht.

Das muss ich heute einmal schreiben, auch weil Christian Drosten Morddrohungen geschickt werden. Wie krank ist diese Gesellschaft, unabhängig von einem Virus. Unfassbar. In Deutschland gibt es einen der wenigen Wissenschaftler weltweit, die sich auf diese Virenfamilie spezialisiert haben. Er spricht sehr transparent vom eigenen Wissensstand, und es werden ihm Morddrohungen geschickt. Er wird diffarmiert. Noch einmal: unfassbar.

Dabei wollte ich eigentlich von etwas vergleichsweise weniger Skandalösem schreiben, was mich dennoch ebenfalls aufregt. Auch im Fußball offenbart das Virus die Wahrheit. Was für eine PR-Aktion machte die DFL aus der Finanzhilfe für die 3. Liga. Schon diese Meldung habe ich mit Skepsis wahrgenommen. Es hatte den Anschein von Meinungsmache durch Bestechung. Dennoch hieß es, bedingungslos werde das Geld gezahlt. Und nun erfahren wir allmählich die ganze Wahrheit. In mehreren Presseartikeln erfahren wir, bedingungslos bedeutet, wenn die 3. Liga fortgesetzt wird. Wie nennt man nochmal Nebensätze mit „wenn“. Hießen die nicht einmal Bedingungssätze? Der Geschäftsführer des MSV Duisburg, Michael Klatt, versteht die Finanzhilfe inzwischen auch nicht mehr als Spende. Das Geld solle helfen, die Coronamaßnahmen umzusetzen. Was für eine Manipulation der öffentlichen Meinung durch die DFL. Was für eine Frechheit.

Ich habe nichts dagegen, wenn die DFL sich für die Interessen von Betrieben ihres Unterhaltungsgewerbes, Sparte Sport, einsetzt. Es geht um Arbeitsplätze, sicher. Da reiht sich die DFL ein in die Interessenverbände der Kultur und des Gastgewerbes. Ernst nehmen kann ich das Reden bei der DFL aber nicht. Das Vorgehen in Sachen Finanzhilfe diskreditiert die Absichten der DFL in Gänze. Anscheinend ist man dort komplett in den Corona-Modus verfallen. Man handelt nicht nur auf Sicht, sondern denkt dazu auch nur auf Sicht. Die DFL hoffte also, dass die Maximen der Wissenschaft auch für ihr ökonomisches Handeln gilt. Was sich gestern als Wahrheit zeigte, soll also heute unbesehen als Irrtum durchgewunken werden. Leider geht es in Sachen Finanzhilfe um die ewigen Wahrheiten moralischen Handelns. Was gestern Verdrehen von Tatsachen zum eigenen Nutzen war, findet auch heute meinen Ärger als bewusste Täuschung.

Wie das nun weitergeht? Der MSV hat ja gegen die Fortsetzung gestimmt, obwohl man zunächst weiterspielen wollte. Im Gegensatz zur DFL benannte der MSV seine Bedingung für ein Ja. Ohne Absteiger, wie es der DFB wohl vorschlug, sah man zurecht eine Wettbewerbsverzerrung. Die schlüssige Folge war das Nein. Der Ball liege nun bei der Politik, erklärte Michael Klatt. So ganz klar ist das aber nicht. Da gibt es ja noch den außerordentlichen DFB-Bundestag. Für mich sieht es so aus, als werde die 3. Liga als flankierendes Instrument vom DFB benutzt, um Fortsetzungsentscheidungen für Bundesliga und Zweite Liga populärer zu machen. Das ist wahrscheinlich nicht die von Michael Klatt gemeinte Politik. Auf die beim DFB kommt es aber wohl auch an. Schauen wir also.

In fußballlosen Zeiten Interviews lesen – Der Zufall auf dem Rasen

Ohne aktuelle Sportereignisse bleibt viel Platz auf den Sportseiten einer Tageszeitung. Wenn dieser Platz mit solchen Interviews gefüllt wird, wie es Javier Cáceres mit Winfried Schäfer für die Süddeutsche Zeitung geführt hat, können Bundesliga und Zweite Liga gerne noch ein paar Wochen Pause machen. Online ist es nur für Abonnenten lesbar.

Anlass des Interviews ist die erste Deutsche Meisterschaft von Borussia Mönchengladbach vor 50 Jahren. Winfried Schäfer erzählt vom Binnenverhältnis in der Mannschaft jener Zeit. Man kann sich mit ihm gut an Hennes Weisweiler erinnnern, und erfährt einiges über die Kaderbildung in Mönchengladbach Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre.

Außerdem bekennt er in dem Interview, dass er den durchgeplanten Fußball eines Pep Guardiola nicht mag. Er begründet seine Meinung mit einer schönen Anekdote über den immer vorhandenen Zufall im Fußball, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

 

Fragt Berti Vogts, gibt es den deutschen Éric Cantona?

Für den Schauspielerberuf braucht es deutlich andere Talente als die eines Fußballers. Offensichtlich wird das an jedem Spieltag, wenn Fußballer bei vermeintlichen Foulspielen stürzen oder gar versuchen, die nicht erlittenen Schmerzen beim Wälzen auf dem Rasen mimisch darzustellen.

So liegt eine zweite Karriere als Schauspieler nach der Zeit als Fußballer nicht nahe. In Deutschland gibt es zumindest Jimmy Hartwig, der einige Jahre immer wieder auf der Theaterbühne stand. Im Filmgeschäft versuchte sich meines Wissens kein deutscher ehemaliger Profifußballer dauerhaft. Kommt mir nicht mit dem Ersatzmann von der Regiebank Sönke Wortmann und seiner Fußballzeit bei Westfalia Herne und in Erkenschwick.

Vielleicht wirkte der Cameo-Auftritt von Berti Vogts in dem Tatort Habgier im Jahr 1999 auch zu abschreckend. Zu groß die Aufgabe, zu anstrengend der Weg zu schauspielerischer Größe. Seht selbst:

Neidisch müssen wir deshalb nach Frankreich schauen, wo Éric Cantona nach Ende seiner Profizeit, 1997, nahtlos eine Karriere als Schauspieler fortsetzte. Das kam nicht von ungefähr. Schon während der letzten Jahre bei Manchester United spielte er in zwei Filmen mit. Das setzte sich mit großem Erfolg fort.

Seine Expressivität war schon im Fußball zu erkennen. Sie bereitete ihm zunächst, gewertet als Unbeherrschtheit, in Frankreich Schwierigkeiten. Bei Manchester wurde er zum Publikumsliebling. Er spielte und handelte immer sehr körperlich. Dabei scheute er keine Auseinandersetzung. Nicht zuletzt steht für sein Wesen auf dem Platz der zur Ikone gewordene Kung-Fu-Tritt gegen einen Zuschauer im Jahr 1995. Dafür hatte ihm sogar eine Gefängnisstrafe gedroht.

Momentan wird allerorten zurecht auf eine TV-Serie bei Arte mit ihm hingewiesen. In Aus der Spur spielt er einen arbeitslosen, ehemaligen Personalreferenten von Mitte 50, der durch seine zunehmende Wut auf die Lebensumstände die Verbindung zu seiner Frau und den beiden erwachsenen Töchtern gefährdet. Unverhofft bietet sich ihm eine Chance die Hilfsarbeiterjobs hinter sich zu lassen. Ein Test des Auswahlverfahrens radikalisiert ihn so sehr, dass er die Grenzen zur Kriminalität überschreitet, um die Stelle zu bekommen.

Hier der Link zu den synchronisierten Folgen.

Hier der Link zu den Folgen im französischen Original. Selbst wenn ihr die Sprache nicht versteht, hört Éric Cantona euch einmal im Original an. Welch beeindruckende Stimme, welch beeindruckende Präsenz.

Corona vor dem Tor – Will der DFB auch in 3. Liga die Dramedy?

Heute tagt das DFB-Präsidium, um zu überlegen, wie es in der 3. Liga und im DFB-Pokal weitergehen kann.  Entscheidungen werden noch nicht verkündet. Für eine solche Entscheidung braucht es die Kommunikation mit den Vereinen, die in der nächsten Woche ihre Präferenz in einer geheimen Abstimmung herausfinden wollen.

Wenn man sich ein paar realistische Gedanken macht über eine mögliche Fortführung per Geisterspiele sind die für mich entstehenden Bilder abenteuerlich. Als alter Freund guter Geschichten steckt darin natürlich ein großes Potential für dramatische Szenen, tragische Momente, gefährliche Situationen und Möglichkeiten zu großer Komik. Ich bedauere es deswegen sehr, dass jede rationale Entscheidung eigentlich den Saisonabbruch erfordert. Mein Unterhaltungsbedürfnis würde dann sehr enttäuscht.

Dabei denke ich sogar nur an die sportliche Seite, an einen Fußball unter extremen Hygienebedingungen. Wenn ich die Überlegungen zum Weiterspielen in erster und zweiter Liga lese, muss ich nur an einen Passus denken und beginne über all die absehbaren komischen Momente zu lachen. Sinngemäß erinnert heißt es, jeder unnötige nahe Kontakt auf dem Spielfeld werde unterbunden. Kein Mannschaftsfoto, kein gemeinsamer Torjubel und all die anderen Szenen nahen Beisammenseins. Schnell wird sich niemand mehr daran erinnnern, was Rudelbildung überhaupt bedeutete. Wahrscheinlich werden die Schiedsrichter ihre Karten zu Hause lassen, weil der Fußball sich allmählich an den Anfangszeiten des Basketballs als körperloses Spiel orientieren wird.

Dieser Fußball wird so kurios, dass der sportliche Wert eine gesonderte Tabelle nötig machte. Von jetzt auf gleich wird ja nach Wochen des Einzelsportlerdaseins wieder Mannschaftssport betrieben. Die Voraussetzungen werden andere sein. Kontinuität zu den Ergebnissen der Vor-Corona-Zeit ist ein Traumgebilde. Das sind die tragischen Momente dieser Geschichte. Viele Träume der Vergangenheit werden in Erster und Zweiter Liga zerplatzen. Die Momente der Gefahr sind natürlich die Infekte. Irgendeinen in diesem Betrieb wird es erwischen. Zu viele Menschen sind dabei. Im richtigen Fuballleben wird sicher wie in einer Dramedy alles getan, um das Problem möglichst klein zu reden. Dann wird taktiert und Regeln werden gebrochen. Das Böse wird sich zeigen. Was für ein herrlicher Stoff.

Hoffen wir, dass die 3. Liga diesem Stoff entgeht, auch damit der MSV nicht noch mehr Verluste macht als ohnehin schon. Was würde dieser Betrieb ohne Zuschauereinnahmen kosten. Die 300.000 Euro der DFL-Vereine helfen da nicht groß weiter. Sie sind eine symbolhafte Zahlung, ein Versuch den Fußball der Unterhaltungsindustrie mit jenem zu vereinen, der vor der Tür steht und in Teilen darauf hofft, diesem Geschäftsmodell beitreten zu können. Es ist der Versuch zu suggerieren, man säße in einem Boot, obwohl die Bedingungen des jeweiligen Fortbestands der Vereine sich grundsätzlich unterscheiden.

Im finanziellen Effekt gleichen diese 300.000 Euro den 2.000 Euro Soforthilfe für Künstler und Kreative des Landes NRW. Man erhält ganz kurz Liquidät und begleicht die dringlichsten der dringlichen laufenden Kosten. Im Fall der NRW-Soforthilfe war übrigens das Zeichen der Solidarität glaubhaft und das zur Verfügung stehende Budget für die Zahl der Antragssteller extrem unterfinanziert. Das nun ist bei der Hilfe der DFL-Vereine genau umgekehrt.

Welttag des Buches – Sparte MSV und Fußball

 

Statt zur Lesung gehen, selbst zu Hause lesen? Am Welttag des Buches packe ich für euch ein Sonderangebot zusammen: Für 15 Euro bekommt ihr Mehr als Fußball – Die Geschichte des MSV vom Zwangsabstieg 2013 bis zum Wiederaufstieg 2015 – und 111 Fuballorte im Ruhrgebiet. Statt 30 Euro. Einzeln könnt ihr die Bücher auch haben. Mehr als Fußball 10 Euro, das andere 5 Euro. Wenn ihr sie einzeln kauft, kommt 2,20 Euro Versand noch hinzu. Wenn ihr sie zusammen kauft und in Duisburg oder Umgebung wohnt, bringe ich sie euch wahrscheinlich vorbei. Meine Tagesstrecken mit ließen sich sicher anpassen. Und natürlich nur mit Maske und Abstand.

Infos zum Inhalt von Mehr als Fußball findet ihr hier.

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Fußballlyrik – Spieltagspressekonferenz im Mai

Spieltagspressekonferenz im Mai

Sinnlos werden Wörter irgendwann.
Schon Kinder lernen das ganz schnell.
Immer wieder Gabel sagen, heißt
das Spiel, und Sprache wird Gebell.

Lachend rennen sie dann auseinander.
Ein Spaß ist nicht mehr sprechen müssen.
Auch Erwachsene, die sich sehr lieben,
verbringen sprachlos Zeit mit Küssen.

Nur die Trainer finden immer Worte,
wenn sieglos sie vor Mikros stehen.
Sie schenken Hoffnung. Ewig leben
heißt jedem Abstieg zu entgehen.

Das Profi-Traumziel Italien – Mein Bruder, der Torjäger

Einige von euch wissen vielleicht, das mir mit Abstand liebste Kinderbuch war 11 Freunde müsst ihr sein von Sammy Drechsel.  In diesen Räumen habe ich vor geraumer Zeit begründet, warum es auch heute noch ein besonders gutes Kinderbuch ist. Nun war es nicht mein einziges Kinderbuch, dessen Helden im Fußball zu Hausen waren.

Weniger wegen des literarischen Wertes möchte ich heute über Mein Bruder, der Torjäger schreiben. Als zeithistorisches Dokument erinnere ich an das Buch. Denn die Geschichte verweist auf eine Entwicklung des Fußballs in der Zeit seines Erscheinens. Als Schneider-Buch ist es 1971 erschienen, und Tony Schwaegerl hat es geschrieben.

Der Franz Schneider Verlag hatte seinerzeit auf dem Kinderbuchmarkt ein starkes Alleinstellungsmerkmal als Marke, weil junge Leser recht genau wussten, was sie als Leser erwartete. Meist waren die literarischen Helden Kinder der Gegenwart, wenn auch hin und wieder Science-Fiction in Büchern auftauchte. Der Autor Tony Schwaegerl ist nicht bei Kinderbüchern geblieben. Er wurde in der Medienbranche mit Unterhaltungs- und Informationsangeboten in unterschiedlichen Medien für Erwachsene weitaus erfolgreicher.

In Mein Bruder, der Torjäger erfahren wir durch die Augen des  vierzehnjährigen Edi vom Anfang der internationalen Fußballkarriere seines Bruders Jochen. Weil er beim FC Wacker Tor um Tor erzielt, wird Juventus Rom auf ihn aufmerksam. Der italienische Spitzenverein verpflichtet den Spieler. Edi begleitet ihn bei seinen ersten Tagen in Rom und erlebt natürlich ein besonderes Abenteuer, eine kriminelle Form des Konkurrenzkampfes in der Mannschaft, die durch Edis Zutun aufgeklärt wird.

Wie gesagt, literarisches Fastfood. Viele Zufälle spielen in dem Buch eine Rolle. Die Figuren bleiben blass. Zudem ist der erzählende Held Edi nicht identisch mit dem Fußballhelden des Plots Jochen, ein großes handwerkliches Problem, das sehr gute Literatur fast immer mit Beziehungsgeschichte löst. In dem Fall geht es aber nur um ein wenig Abenteuer und ein überschaubares Geheimnis, bei dessen Aufklärung der Zufall zu viel Regie führt. So berührte mich das Buch damals bei meiner Erstlektüre als Zehnjähriger kaum.

Sei es drum. Wir blicken nämlich zu Beginn des Buchs auf Lebensbedingungen jener Zeit. Einkommensverhältnisse und Wertvorstellungen spielen zunächst eine Rolle, als in der Familie Berger über das Vertragsangebot aus Rom gesprochen wird.

 

Schon damals sah Tony Schwaegerl aber auch schon Parallelen des Fußballs mit anderen Unterhaltungsangeboten der Populärkultur. Fußball als Teil der Unterhaltungsindustrie spielt da noch keine Rolle, auch wenn mit dem Zirkus als Vergleich schon andere Aspekte des Fußballerlebens als der Sport thematisiert werden.

 

 

Der Trainer von Juventus Rom ist ganz alte Schule. Zuckerbrot und Peitsche, heißt das Konzept.

Für die Stars jener Zeit galt es, im Leben nach dem Fußball an den eigentlichen, den bürgerlichen Beruf zu denken.

 

Inspiriert wurde das Buch sicher durch die Karrieren von Karl-Heinz Schnelliger und Helmut Haller. Schnelliger spielte Ende der 1960er Jahre beim AC Mailand als Defensivspieler, Haller als Mittelfeldspieler bei Juventus Turin. Beide waren in Italien sehr erfolgreich und boten damals schon, wenn auch selten, den Illustrierten meiner Großmutter Sonnengeschichten aus dem Sehnsuchtsland der Deutschen.

Der Torschrei – Ein Ehrenmal für den unbekannten Fußballzuschauer?

Längst wissen wir ja aus den interessierten gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen, dass Fakten zu einem Geschehen allenfalls neben den dazu vorhandenen Gerüchten und Lügen weitergegeben werden. Sie können Gerüchte und Lügen nicht eindämmen. Sind Gerüchte und Lügen einmal in der Welt, bleiben sie in der Welt und werden weitergegeben. Die Psychologie weiß dann auch etwas dazu zu sagen.

Das sage ich nur, weil ich heute von einem der Gerüchte erzählen will und ich weiß, dass ich damit einem erkalteten Gerücht, einer Art Mythos, womöglich wieder Lebendigkeit einhauche. Diese Harmlosigkeit erlaube ich mir, selbst wenn viele irrlichternde Stimmen zu Corona zurzeit im Netz den irrationalen Voraussetzungen beim Entstehen einer öffentlichen Meinung und dem sich daraus ergebenden persönlichen Verhalten einen sehr ernsten Hintergrund geben. Das ist eine Geschichte für sich.

Mir geht es heute um die Zuschauer im Fußball und deren Bedeutung für den Sport. Der professionelle Fußball der Gegenwart als Warenangebot für den TV-Zuschauer verwandelt sich in seinem Wesen ohne Stadionbesucher. Nicht von jetzt auf gleich, aber mit der Zeit würde dieser Fußball als reines Konsumangebot für das Fernsehen ein anderer Sport. Die vorhandene Zuschauerkulisse wirkt auf verschiedenen Ebenen. Sie nimmt Einfluss auf das Spiel selbst. Aber das Spiel orientiert sich in Teilen ja auch an den Reaktionen der Zuschauer. Wenn diese Wirkmechanismen wird es eben anders.

Wie charmant wäre es angesichts der momentanen Debatte um die Geisterspiele, gäbe es ein „Denkmal des unbekannten Fußballzuschauers“. Seit Ende der 1950er Jahre herrschte für lange Zeit in Herne die Ansicht, die Stadt besäße ein einzigartiges Denkmal in Deutschland. Ein Mythos entstand, der wahrscheinlich mit Zeitungsmeldungen wie dieser seinen Anfang nahm.

Die Entstehungsgeschichte dieser Skulptur wird auf der sehr schönen Seite zur Lokalgeschichte von Herne von damals bis heute minutiös erzählt. Die Bildhauerin Elisabeth Hoffmann schuf die Plastik für eine neu errichtete Schule. Gedeutet wird die Skulptur in dieser Werkgeschichte als Ball spielende Jungen, die sich über ein Tor freuen.

Diese lokale Werkgeschichte macht nicht nur Lebensbedingungen von wenig bekannten Künstlern in den 1950er Jahren erfahrbar. Sie ist auch eine Medien- und Sozialgeschichte an der Basis, eine Geschichte zur Konstruktion von Wirklichkeit.

Im Clip unten ist die Skulptur zu Beginn zu sehen. Außerdem erzählt der Herner Stadtarchivar Jürgen Hagen die Geschichte allen, die dem Link zur Lektüre oben nicht folgen wollen.

 

Gerhard Heinze, Argentinien bei der WM 78 und Ángel Kappa

Welch schöner Zufall, wenn sich der MSV Duisburg, internationaler Fußball und kluge Gedanken über die Gegenwart in einem Text verbinden lassen. Der Journalist und Buchautor Javier Cáceres gibt dazu die Gelegenheit. Letzte Woche fragte er bei Twitter, was Ubaldo Fillol, den Torwart der argentinischen Fußballweltmeistermannschaft von 1978, und die Zebras verbindet.

Die Lösung brachte der retweete Thread. Ubaldo Fillol trug bei der Weltmeisterschaft Handschuhe einer Marke mit dem Namen des MSV-Torwarts von 1975-1983, Gerhard Heinze. Nur zu Beginn seiner Karriere beim VfB Stuttgart war seine für eine Torwart geringe Größe von 1,76m Kritikern ein Anlass, seinen möglichen Leistungen zu misstrauen. Beim MSV war davon keine Rede mehr.

Und nun zu den Bemerkungen der Gegenwart. Zwei Tage zuvor war in der Süddeutschen Zeitung ein großartiges Interview erschienen, das Javier Cáceres mit dem argentinischen Trainer Ángel Cappa geführt hat.

Der in Deutschland nicht sehr bekannte Trainer muss im Untertitel als Assistent von César Luis Menotti eingeführt. Obwohl er bezogen auf seine Karriere nur kurz mit ihm zusammen gearbeitet hat. Doch Menotti kennt man in Deutschland. Wahrscheinlich sollte das Interview schmackhaft gemacht werden. Gut so, denn kluge Gedanken sollten so viel Verbreitung wie möglich finden.

Im englischen Wikipedia findet sich ein kürzerer Text zu Ángel Cappa. Ausführlicheres gibt es im spanischen Wikipedia. Im Interview spricht er über die Entwicklung des Fußballs, bei der der Sport zur Ware wurde. Er spricht über die Bedeutung von Statistiken zur Qualitätsbeurteilung eines Spiels und weiß, dass er in dem Widerspruch lebt, Teil eines Systems zu sein, das er kritisiert.

Begnügt euch nicht mit den Zitaten unten, klickt weiter zum ganzen Interview.


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