Archiv für Mai 2020

Wir haben nichts zu verschenken, lieber TSV 1860 München!

Die gestrigen Spiele in Liga 3 haben schon gezeigt, dass mein frommer Wunsch vor dem Neustart wahrscheinlich nicht für alle der Vereine wirklich wird, denen er gegolten hat. Ich halte es allerdings immer noch für einen schönen Gedanken, wenn am Ende der Saison jene Befürworter des Saisonabbruchs, die die Tabelle vor dem Neustart anführten, den Aufstieg feiern könnten und jene die am Tabellenende standen, den heute noch unwahrscheinlichen Klassenerhalt schafften. Wie sich die anderen Vereine der Fortsetzungsbefürworter dann auf die unteren Plätze verteilen, könnten die ruhig unter sich ausmachen.

Vielleicht muss ich mich bei meinem Wunsch besser auf den Verein konzentrieren, der mir am nächsten ist. So geschieht es ja momentan wohl auch grundsätzlich in dieser Gesellschaft in Sachen Corona. Einer Umfrage gemäß hat sich allmählich das solidarische Leben unter 80 Millionen etwas verausgabt. Wenn Beschränkungen dann bitte nur noch für die anderen, heißt es. Irgendwann muss man auch mal sehen, wie man wieder für sich selbst ein bisschen Normalität hinbekommt. Ich schaue ja auch, wie ich wieder Lesungen bestreite. Ist einfach schwierig Interessen von Millionen Menschen unter einen Hut zu bringen. Abstand halten, könnte allerdings eine Möglichkeit sein.

Wenn Fußballer in 90 Minuten ihre Defensivreihen kontinuierlich dem Spielgeschehen anpassen und dabei die Abstände zu den Mitspielern im Blick haben, sollte das doch beim viel langsameren Geschehen unter Freunden und Bekannten auch möglich sein.

Ich hoffe ja, dass der MSV in der Hinsicht heute Mittag ein gutes Vorbild ist. Mir gefiele es nämlich sehr, wenn gerade 1860 München den Neustart-Auftakt verlieren würde. Die Verantwortlichen und Sascha Mölders hatten sich beim Verfolgen der eigenen Interessen doch gegenüber den anderen Vereinen sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Belehrt mich eines besseren, aber gab es irgendeinen Verantwortlichen der Abbruchbefürworter, der beim Argumentieren den Befürwortern des Weiterspielens Vorwürfe machte? Ich kann mich an keine erinnern. Zu hören waren Argumente. Wenn die von harten Worten begleitet wurden, richteten die sich gegen den DFB. Das war in München anders. Da wurde doch sehr gegen die Abbruch-Befürworter geschossen. Als ob diese Position moralisch verwerflich war. Das hat mir gar nicht gefallen.

Nicht nur deshalb wollte ich ganz persönlich 1860 München auch nichts schenken. Dieser Verein aus München soll mal schön zu seinem nervigen Investor gehen. Von mir gibt es kein Geld für nicht erbrachte Leistung. Das will ich zurück. Soll ich etwa Konkurrenten der Zebras auch noch selbstlos stärken? Da ist mir das Duisburger Hemd aber deutlich näher als die Jacke münchner Herkunft. Da ist das Hemd im Grunde Haut, aus der ich nicht komme. Und drei Punkte gibt es stattdessen auch nicht. Eine während der ersten vier Bundesligaspieltage erkennbare Tendenz könnte dabei helfen. Im nächsten Spiel wird das für die Zebras natürlich wieder anders. Es gab so viel mehr Auswärtssiege als sonst – zumindest in meiner Wahrnehmung. Auf geht’s Zebras, zeigt lahmen Löwen eure Hufe!

Fürs Protokoll und zukünftige Fußballhistoriker in Sachen DFB

Energie in länger anhaltenden Ärger und Wut zu verlieren und deshalb über endgültige Entscheidungen weiter zu schimpfen, gehört nicht zu meinem Naturell. Der DFB hatte sich beim außordentlichen Bundestag den chinesischen Volkskongress dieser Tage zum Vorbild genommen und konnte durch sein Partei-Organ Kicker noch einmal den Dissidenten seines Herrschaftsgebiets ein paar Schmähungen hinterherrufen lassen. Was für eine schlechte Berichterstattung liefert dieses Medium in Sachen 3. Liga. Das macht sprachlos.

Damit kommen wir also zu Protokoll und Dokumentation. Nicht die Sieger der Beschlussfassung sollen die Geschichte schreiben. Die ist schon sehr viel anders zu erzählen, als es DFB und Kicker wünschen. Sollte in ein paar Jahren jemand auf die Idee kommen, über diese Corona-Zeit mal in einer Fußballhistorie zu erzählen, so möchte ich festhalten: Der Kicker bewertet das Geschehen in der 3. Liga, indem er die vom DFB vorgebene Meinung nahezu wortgleich übernimmt.

Daneben gibt es aber genügend überregionale viel gelesene Medien, die differenziert berichten. Sowohl bei Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und ZDF, als auch im Lokalen bei Funkes gibt es einen kritischen Blick auf den DFB mit guten Argumenten. Viel Stoff für den zukünftigen Historiker.

Fürs Protokoll möchte ich aber besonders auf ein Medium mit wahrscheinlich etwas geringerer Reichweite als die oben genannten hinweisen: Einen der für mich umfassendsten Texte hat Dietrich Schulze-Marmeling in seinem Blog beim Werkstatt-Verlag veröffentlicht. Er greift die zentralen Stellungnahmen von DFB-Seite zum Weiterspielen auf und stellt sie in den Gesamtzusammenhang von Drittliga-Bedingungen und Corona-Entwicklung.

Interessant in dem Zusammenhang finde ich auch, wie wenig der Beschluss des Weiterspielens beim Frauenfußball diskutiert wird. Das hat natürlich mit öffentlichem Interesse zu tun. So fällt für mögliche Abbruchbefürworter das Argument nicht so ins Gewicht, Zuschauereinnahmen würden beim Weiterspielen fehlen.

Gerade deshalb lässt sich aber noch viel klarer erkennen, wie der DFB die eigenen Interessen per Definition als die der Vereine und Spieler ansieht. Der Austausch scheint nicht stattgefunden zu haben. So äußern sich Spielerinnen ohne die große Öffentlichkeit freier als ihre Kollegen, zumal es sehr viel weniger um das zu verdienende Geld geht. Was dann zu Interviews führt wie das vom SWR mit der Spielerin des SC Freiburg, Sharon Beck, die das Gefühl hat, dass der DFB die Gesundheit von Spielerinnen gegenüber den Sponsoreninteressen hinten anstellt. Ganz zu schweigen von der Wettbewerbsverzerrung dadurch, dass viele Spielerinnen berufstätig sind und die Quarantäneregeln nicht ohne Urlaub zu nehmen einhalten können. Mancheine wie auch beim MSV kann diesen Urlaub eben nicht nehmen.

Wenn Faktenwissen starke Meinungen nur stört

Leider fehlt mir die Zeit, um selbst vor dem außerordentlichen DFB-Bundestag ein Dossier zur Lage in Liga 3 zu erstellen. Das wäre eigentlich nötig, um zu verstehen, was heute geschieht. Das Dossier müsste sehr präzise zusammenstellen, welche Bedingungen die Hoffnungen auf das Erreichen von sportlichen Zielen bei den Vereinen begleiten, unter welchen Bedingungen Vereine für den Saisonabbruch plädieren und welche Fakten beim DFB zu nennen sind, die Einfluss auf das Handeln des Verbandes besitzen. Das ist viel Stoff. Einfacher ist es nur den Streit wahrzunehmen und Meinungen zu äußern.

Im Kicker nahm sich gestern sogar Chefredakteur Rainer Franzke des Themas an. Es lohnt sich nicht, hinzuklicken. Die Botschaft lautet: Stellt euch nicht so an, ihr bösen Verweigerervereine. Ihr seid schuld mit eurem Widersinn und Meckern, wenn alles den Bach runtergeht. Es geht doch um den Fußball und sportliches Verhalten. Dieselben Worte hätte auch einer der vielen genervten DFB-Vertreter in ein Miko sprechen können. Rainer Franzke stellte die Waschmaschine für die weiße Weste des DFB an. Für Streitgründe und Fakten interessierte er sich nicht. Die starke Meinung hätte ja beim Blick auf die Wirklichkeit irritiert werden können.

Es ist mühsam, sich ein Urteil zu bilden. Dazu gehören viele Informationen. Das ist immer so. Fakten stellen oft die Fans der betroffenen Vereine zusammen. Im MSVPortal zum Beispiel gibt es einen Thread zur 3. Liga, in dem die User in den letzten Tagen immer differenzierter Hintergründe und Bedingungen für Haltungen und mögliche Entscheidungen aufzeigen. Natürlich springt dort eine Tendenz zur DFB-Kritik ins Auge und nicht jeder Beitrag gibt neue Information. Die Fakten entwertet das aber nicht.  Sie wären eine sehr gute Grundlage für ein zu schreibendes Dossier. Wer sich vertiefen will, dieser Klick zu den Beiträgen ab Freitag lohnt sich.

Was für ein Desaster, DFB

Vorab sollte ich wahrscheinlich eines kurz erklären: Meine Meinung äußere ich nicht als Anhänger eines Fußballvereins, also als Fan vom MSV Duisburg. Mir geht es um die gesamte Liga, weil ich für ein Handeln von Institutionen vernünftige und wahrhaftig geäußerte Gründe erfahren möchte. So etwas können sich in diesen Tagen viele Menschen nicht mehr vorstellen, besonders wenn sie sich lautstark zu der speziellen Frage äußerten, wie es mit der Saison in der 3. Liga weitergehen soll und wie mit den entsprechenden Saisonentscheidungen verfahren werden kann.

Ich glaube ja immer an das Gute im Menschen und deshalb denke ich manchmal zaghaft, vielleicht hat der DFB einfach seine Kommunikation nicht im Griff. Vielleicht gibt es ja tatsächlich nachvollziehbare Argumente, warum nun qua Verfügung das Weiterspielen am 30. Mai angekündigt wurde. Vielleicht wirkt es ja nur beleidigt und rücksichtslos, was immer wieder von verschiedenen Vertretern des DFB zu hören ist. Vielleicht sind sie hinter den geschlossenen Türen ernsthaft um irgendetwas besorgt, was zu den Kernaufgaben des DFB gehören sollte, nämlich für die Gesamtheit der dem Verband angeschlossenen Vereine sich verantwortlich zu fühlen. Vielleicht gibt es ja Hilfen für Vereine, die durch das Weiterspielen in größte Schwierigkeiten geraten. Die sportlichen Fragen von Auf- und Abstieg sind damit nicht gemeint. Vielleicht gibt es ja doch auch beim DFB das Gute in den Menschen?

Je länger ich mich all das frage, desto schöner werden die Träume, desto besser male ich mir die Welt beim DFB aus. Aber dann reißt mich das MDR-Interview mit dem Sportdirektor vom Halleschen FC, Ralf Heskamp, aus diesen rosa Wolken. Mit seinen ersten Sätzen erzählt er von einer anderen Wirklichkeit. Er berichtet, 24 Stunden vor der Entscheidung „Weiterspielen“ habe der Hallesche FC die Nachricht erhalten, am Montag werde entschieden. Zur Erinnerung, dann findet der außerordentliche Bundestag vom DFB statt. Dem Halleschen FC wird also eine Grundlage für dessen Entscheidungen mitgeteilt, die eigentlich Gewicht haben sollte. Schließlich kommt mit dem Bundestag ein groß besetztes Gremium zusammen. 24 Stunden später ist davon keine Rede mehr. Das erstaunt.

Nun gibt es vielleicht Einwände, man könne so etwas ja einfach auch nur behaupten. Der Verein stehe am Ende der Tabelle auf einem Nichtabstiegsplatz und habe vielleicht deshalb ein Interesse am Saisonabbruch. So ein Einwand verkennt das grundlegende Problem, dass ein Vereinsvertreter überhaupt in dieser Weise sich an die Öffentlichkeit wendet.

Wenn so eine Stellungnahme zu hören ist, wurde zuvor miserabel gearbeitet. Offensichtlich ist der Austausch zwischen Vereinen und DFB katastrophal gescheitert. Offensichtlich hatte der DFB ein eigenes Interesse und sah sich nicht als Interessenvertreter aller seiner Vereine. Es wäre die Aufgabe des DFB gewesen, die Sorgen und Schwierigkeiten aller Vereine der 3. Liga in dieser besonderen Situation ernst zu nehmen.

Wenn von DFB-Vertretern zu hören ist, der Bestand der 3. Liga sei gefährdet, wenn nicht weitergespielt werde, dann ist dem eines entgegen zu halten. Ohne überlebende Vereine gibt es keine 3. Liga. Die 3. Liga besteht nicht, weil der DFB verfügt, es gibt eine 3. Liga, sondern weil es Vereine gibt, die Interesse daran haben, in einem hierarchischen Ligensystem Fußball zu spielen.

In der 3. Liga herrscht eine seltsame Mischung aus Unternehmertum und Amateursport. Das ist nicht abwertend gemeint, sondern verweist auf die in dieser Liga kaum vorhandenen Möglichkeiten, ein Wirtschaftsunternehmen im Fußball profitabel und sportlich erfolgreich zugleich zu führen. Corona hat diese Tatsache nur in kurzer Zeit offenbart, weil die Zuschauereinnahmen als unbedingt notwendige Einkommensquelle fortgefallen sind.

Viele Stimmen haben beim DFB gesprochen und keine hat mir erklärt, wie die Schwierigkeiten fast der Hälfte der Vereine zu beheben sind. Alles wurde immer an die Vereine zurück gegeben, so als ob es dieses grundlegende Problem der 3. Liga nicht gäbe. Mit klarem Blick ist das doch mehr als misslungene Kommunikation. Mit klarem Blick gibt es ein eigenes Interesse des DFB am  Weiterspielen, für das ich keine ausreichende Erklärung bekommen habe. Für einige Vereine der 3. Liga sind die sportlichen Belange tatsächlich ein Grund. Sie haben noch Ziele, die sie erreichen können. Beim DFB ist das eine gern genommene Nebelkerze, die andere Gründe unsichtbar machen kann.

Skandal ist ein Skandal für Liga 3 – Jeder darf mal diffarmieren beim DFB

Wenn ich auf die Lage in der 3. Liga schaue, versuche ich die Stellungnahmen vom DFB nicht mehr ernst zu nehmen. Ich versuche mir mit Komik zu helfen, sonst platze ich vor Ärger. Heute morgen ist mir das wieder nicht gelungen. Wer hat sich da eigentlich noch nicht an die Öffentlichkeit gewandt, um Vereine der 3. Liga zu diffamieren? Nun nimmt Tom Eilers, der Drittliga-Ausschuss-Chef, und in Personalunion Präsidiumsmitglied beim Zweitligisten Darmstadt 98, das Wort „Skandal“ in den Mund. Damit meint er aber nicht seine Kollegen beim DFB sondern das Handeln von Vereinen in der 3. Liga.

Ich schaffe es einfach nicht, mich nicht aufzuregen. Ein Skandal sind seine Worte. Es ist Skandal, dass seriöses Argumentieren und konstruktives Aufzeigen von Alternativen zu DFB-Vorhaben derart abgewertet werden.

Wenn der Geschäftsführer von Waldhof Mannheim sachlich die eigene finanzielle und personelle Situation bei Fortführung der 3. Liga öffentlich darstellt, ist das kein Skandal sondern eine sachgemäße Information der interessierten Öffentlichkeit. Natürlich wirbt er damit auch für die Position des Abbruchs, nur hat er Argumente. Tom Eilers hat kein Argument außer den ominösen Ruf der 3. Liga. Dieser Ruf ist dummerweise immer schon nicht der Beste gewesen, weil die Vereine dort bislang unter großem finanziellen Druck standen. Ob Vereine das Wirtschaften dennoch gut hinbekommen, ist dabei kein Argument. Es geht um die schlechten Rahmenbedingungen, die sich in diesen Corona-Zeiten nur klar offenbaren.

Dass das nun ein öffentliches Thema wird, ärgert Tom Eilers. Wenn man sich ärgert, poltert man eben los, auch wenn es keine wesentlichen Antworten auf die im Raum stehenden Fragen zur Finanzierung des Weiterspielens gibt. Dabei hat er aber nicht nur die 3. Liga im Blick. Als Präsidiumsmitglied von Darmstadt 98 verfolgt er natürlich auch Interessen für die 2. Liga. Da gibt es eine Interessenkollision, die nicht weiter thematisiert wird.

Die Bundesliga und Zweitliga-Welt möchte nämlich allmählich Ruhe in Sachen öffentlicher Diskussion über den Fußball. Sie wollen ihr fragiles Konstrukt des Weiterspielens nicht gefährden, indem eine Liga tiefer mögliche Schwierigkeiten auftauchen und irgendjemand dann auf die Idee kommt, diese Schwierigkeit könne für den gesamten Fußball gelten. Kein Wort von DFB-Seite in dieser Diskussion über das Weiterspielen in Liga 3 ist offen und ehrlich.

Es gibt eine einzige Frage, die der DFB mit aller Macht versucht, aus der Öffentlichkeit zu halten. Diese Frage lautet, wie lässt sich das Weiterspielen finanzieren, ohne dass ein Verein insolvent wird. Dass der DFB diese Frage nicht ernst nimmt, ist der wirkliche Skandal.

Und der DFB zu Liga-3-Vereinen so…

Früher stand unter vielen gezeichneten Witzen lakonisch „Ohne Worte“. Das gilt nach dem Beitragtitel heute auch für diesen Clip:

Wenn wir im Bild  bleiben, ist die Frage in Sachen Liga 3 aber offen: Zählt er oder zählt er nicht?

Beim Befreiungsschlag im folgenden Clip ist das klar entscheidbar. Das Endergebnis kennen wir allerdings nicht.

 

Lars Windhorst und die Naturgesetze

Gestern präsentierte die Süddeutsche Zeitung im Sportteil die Krisen der Gegenwart in einem einzigen Satz, indem Hertha-Investor Lars Windhorst in einem Interview über einen weit verbreiteten Glauben sprach. Wahrscheinlich hat er recht, schließlich reguliert auch die Schwerkraft auf der Erde das Leben zum größtmöglichen Wohle aller überaus wirksam. 

Wenn der DFB über Konsequenzen spricht, ist das doch weder Drohung noch Erpressung

Es gibt in Thrillern ein überschaubares Repertoire an Standardszenen, wenn Menschen gefügig gemacht werden sollen. Da spricht dann freundlich jemand zum Gegenüber, dessen Miene entweder Misstrauen oder Angst widerspiegelt. Geld wird gefordert oder Mitarbeit, und im selben Moment liegt beiläufig eine Waffe auf dem Tisch, die anscheinend im Jackett unbequem geworden ist. Das Ganze geht auch ohne Waffe, indem die Zukunft des Gegenübers in dunklen Farben ausgemalt wird, wenn besagte Mitarbeit verweigert wird. Dann wären statt des jetzt doch überschaubaren Schutzgeldes noch ganz andere Kosten zu übernehmen. Die Vertreter dieser besonderen Form des Wirtschaftens meinen es immer nur gut. Sie garantieren schließlich das Funktioniren des Wirtschaftens für ihr Hoheitsgebiet. Schließlich kann jeder sein Geschäft nur betreiben, wenn alles reibungslos verläuft. Was reibungslos bedeutet, lässt sich mit einer Waffe auf dem Tisch schlecht diskutieren.

Im deutschen Fußball sind wir zivilisiert. Waffen liegen nicht auf dem Tisch. Aber einen möglichen Lizenzentzug in den Raum zu stellen gegenüber einem Mininsterpräsident, in dessen Bundesland die Corona-Regularien die Fortsetzung des Drittligabetriebs behindern, ist die pazifistischere Variante dieses Drohens, und sie besitzt Kinothrillerformat. Das Dementi folgt in dem Fall immer sogleich, denn ganz deutlich wird das nur selten gesagt. Subtiles Sprechen gehört zum learning by doing in solchen Organisationen, die Macht organisieren.

Dieser Anfang des Thrillers müsste natürlich weiter ausgearbeitet werden. Nach dem ersten Anziehen der Daumenschraube würde nun im privaten Umfeld des Ministerpräsidenten herumgestochert, um irgendeinen Dreck aufzuwühlen, der genutzt werden kann. Flankierende Maßnahmen durch Wissen, was nicht öffentlich werden soll.

Die Situation rund um die 3. Liga führt mich einfach zu solchen Gedanken. Denn eine zweite Thrillervariante sehen wir ja auch, und wie im wahren Leben des Kinothrillers gibt es für jede Drohgebärde eigene Spezialisten. DFB-Vizepräsident Rainer Koch spricht von Regressforderungen an die Vereine, sollte die Saison selbst gewählt abgebrochen werden.

So offenbart sich endlich das eigentliche Motiv für das Beharren des DFB auf das Weiterspielen. Offensichtlich steht der DFB unter Druck und hat entweder sehr ungünstige Verträge zur Vermarktung abgeschlossen oder das noch nicht eingenommene Geld schon ausgegeben. Wahrscheinlich geht es vor allem um Magenta TV. Noch einmal sei betont, anscheinend profitieren Vereine und DFB auf sehr unterschiedliche Weise von der Vermarktung der 3. Liga. Deshalb gibt es diese Konfliktlage. Was vor Corona nicht offensichtlich war, wird nun deutlich. Die 3. Liga ist ein Konstrukt, bei dem der DFB sich die Vereine zu eigenen Zwecken zunutze gemacht hat. Nur zu normalen Zeiten ist das kein Problem. Zu normalen Zeiten lässt sich diese Ungleichheit durch das Wirtschaften der Vereine in ihren lokalen Bezügen ausgleichen. Und auch das sei noch einmal betont, wie heuchlerisch war das Argumentieren mit sportlichen Belangen.

Auf Fanseite und von unabhängigen journalistischen Einzelgängern wurde das Handeln des DFB die ganze Zeit schon mit Skepsis beobachtet. Dietrich Schulze-Marmeling hat gestern in seinem Blog beim Verlag Die Werkstatt eine von Ärger getriebene Bestandsaufnahme geschrieben. Aber auch in der überregionalen Presse findet sich heute endlich die erste harsche Bewertung des Handelns beim DFB. Michael Horeni kommt am Ende seines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über den Bundesligastart auf den Unterschied bei der Bewältigung der Corona-Krise zwischen DFL und DFB zu sprechen. Sehr lesenwert auch im Ganzen, obwohl ich hier nur die dritte Seite verlinke. Hoffen wir auf Wirkung solcher Kritik beim DFB.

Programmhinweis: Die Bundeslesung – Fußballblogger ab 20.30 Uhr bei youtube

Letzte Woche hatte Trainer Baade eine schöne Idee. Er schrieb ein paar ihm bekannter Fußballblogger an und fragte nach, ob sie mit einer bis zu zehnminütigen Lesung ihrer Texte bei der Bundeslesung dabei wären. Das klang gut, das konnte ich. Heute Abend ist Premiere. Ab 20.30 Uhr geht es in dem Bildschirm hier unten rund. Ein MSV-T-Shirt wird dann auch zu sehen sein.

 

Halbzeitpausengespräch: Duisburg im Kriegstagebuch von Erich Kästner

Momentan ist jeder Beitrag hier ja eigentlich so etwas wie ein Halbzeitpausengespräch zu normalen Zeiten. Unterhaltung statt Fußballspiel. Neulich aber bin ich auf etwas gestoßen, was Stoff für das Halbzeitpausengespräch während der Spielzeiten ist, ein Thema also, das rein gar nichts mit dem Fußball zu tun hat. Dennoch denke ich, dass es für euch von Interesse sein könnte.

Ich beschäftige mich gerade für ein Lese- und Hörstück intensiv mit dem letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs. Dazu habe ich mir auch „Das Blaue Buch“ von Erich Kästner vorgenommen. Er schrieb sein „Geheimes Kriegstagebuch“ von 1941 bis 1945. Seine Bücher hatten die Nazis verbrannt. Dennoch war er in Deutschland geblieben, was seinerzeit verwunderte und heute aus seiner Persönlichkeit heraus vielschichtig deutbar wäre.

Unter seinem wahren Namen durfte er nicht mehr publizieren. Doch auch der Nationalsozialismus kannte Klüngel, und so konnte er bis 1943 mit Kollegen unter Pseudonymen schreiben und damit Geld verdienen. Sogar das Drehbuch für den UFA-Film Münchhausen war sein Werk. Erst danach war im jegliches Schreiben zum Lebensunterhalt untersagt.

Wie populär ist Erich Kästners Werk für Erwachsene eigentlich heute noch? Ein paar seiner Gedichte gehören ja zur Standardsetlist der meisten Lyrik-Compilations. Ist sein Roman „Fabian“ aber noch Schullektüre? Ich weiß es gar nicht. Sei es drum, in seinem geheimen Tagebuch waren auch Zeitungsausschnitte eingeklebt. Einer dieser Ausschnitte, eine Todesanzeige, verweist auf die Duisburger Lebenswirklichkeit im Mai 1943. Kommentarlos war sie eingefügt.

Die Anzeige war in der Kölnischen Zeitung erschienen. Ob auch in der Duisburger Presse eine Anzeige erschien, müsste recherchiert werden. Die Familie muss wohlhabender gewesen sein. Darauf deuten sowohl die Anzeige außerhalb von Duisburg als auch die „langjährige Hausgehilfin“ Käthe Hoff hin, der die Todesanzeige ebenfalls gilt.

Die Todesanzeige macht die Folgen eines Luftangriffs auf Duisburg erkennbar. Diese einzige Todesanzeige gilt gleich acht Verstorbenen. Die Ursache wird nicht beim Namen genannt. Ein „tragisches Geschick“ habe die Toten ereilt.

Der Ehemann von Franziska Zimmermann überlebte. Warum war Josef Zimmermann nicht zu Hause, als die Bomben fielen? Musste er sich schon für den Kriegsdient an einem anderen Ort bereit halten? Noch war er ein „Hauptmann der Reserve zur Verfügung“. Den Zusatz deute ich so, dass er vermutlich eben noch nicht im Einsatz war.

Eine seiner Töchter und der Schwiegersohn Ferdinand Bolte lebten in Osnabrück und waren mit ihren zwei Kindern anscheinend zu Besuch in Duisburg.

Erich Kästner wurde wahrscheinlich durch die hohe Opferzahl aufmerksam, gleichwohl muss die Todesanzeige für ihn etwas ausgesagt haben, was über dieses persönliche Schicksal hinaus führt. Meines Erachtens haben die Toten in Duisburg haben für ihn auf die Kriegslage im Mai 43 im Allgemeinen hingewiesen und damit auf ein Schicksal, das der gesamten deutschen Bevölkerung hat drohen können. Deutsche Truppen hatten am 12. Mai in Nordafrika kapituliert. An der russischen Front mehrten sich die Zeichen der russischen Armee unterlegen zu sein. Seit Anfang 43 unterstützte die US-Luftwaffe die englischen Bombardements auf deutsche Städte. Während die Propaganda etwas anderes erzählt, offenbart sich die Wirklichkeit für Kästner im Leid der Bevölkerung und Zerstörung deutscher Städte.

Die Beerdigung der Duisburger Opfer fand auf dem Ehrenfriedhof statt. Dieses abgrenzte Terrain war zu Beginn des Zweiten Weltkrieges auf dem damals Neuer Friedhof genannten heutigen Waldfriedhof für gefallene Soldaten angelegt worden. Ob zu dem Zeitpunkt auch schon an zivile Opfer gedacht worden ist?


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