Vorwärts und nicht vergessen

Traditionalisten mal eben kurz weghören, wenn Misuk unten das Solidariätslied spielen. Später könnt ihr dann gerne die klassische Eisler-Melodie bei Ernst Busch oder Hannes Wader mitsummen. Hier hat die Gegenwart Einzug gehalten. Die Grundbotschaft bleibt dieselbe: Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht. Aber ein Relaunch erhält die Tugend. Geschlossenheit ist die neue Solidariät, was sich allerdings viel besser reimte.

Geschlossenheit heißt das bei DFL, DFB und in den Fußballmannschaften. Vor geraumer Zeit hatte ich mir mal herbeifantasiert, wie so ein Fußballtrainer im Ruhrgebiet diese alte Arbeitertradition das Solidaritätslied gemeinschaftlich zu singen, in einer speziellen Fußballfassung für das Training nutzen könnte. Jürgen Klopp war nur einer von allen, die vor ein paar Jahren begannen, in Interviews die Bedeutung des Zusammenhalts ihrer Mannschaften zu betonen. Schon damals hatte ich aber die hierarschische Ordnung im Fußballbetrieb nicht vergessen.

Diese hierarchische Ordnung ging mir heute am Maifeiertag durch den Kopf, weil ich bei der Diskussion um das Weiterspielen des professionellen Fußballs mich an gar keine Stellungnahmen von Spielern erinnern kann. Oder ist mir was durchgegangen? Die Vereine sprechen also für ihre Spieler in Deutschland. In Spanien scheint das anders zu sein. Spieler dort machen kritische Anmerkungen, wenn es darum geht, die Saison weiter zu spielen. Anscheinend verstehen spanische und deutsche Fußballer ihr Arbeitsverhältnis auf unterschiedliche Weise.

Das passt zu dem, was ich neulich im Podcast Der Sechszehner beim Gespräch zwischen Ewald Lienen, dem sky-Kommentar Michael Born und Carsten Ramelow gehört habe. Dabei ging es auch um die Spielergewerkschaft VDV, die Ewald Lienen mit gegründet hatte und dessen unterschiedliche Erfahrungen in Spanien und Deutschland beim Versuch, Interessengruppen im Fußballbetrieb zu organisieren. Ihr findet das Gespräch bei allen einschlägigen Plattformen unter anderem auch hier. Ewald Lienen gelangte mit der Erinnerung an 70er-Jahre-Visionen von gesellschaftlichem Engagement zu einem beschwörenden Sprechen über Solidarität und Zusammenhalt.

Trotz ihres Angestellten-Daseins betrachten sich deutsche Fußballer offensichtlich eher als Einzelselbständige und Konkurrenten als spanische Fußballer. In Spanien wird deutlich, dass die unterschiedlich hohen Verdienste nicht unbedingt zu diesem Denken führen müssen. Dort sind auch große Namen der Liga in der Spielergewerkschaft vertreten. In dem Fall bestimmt das Denken also das Bewusstsein das Sein. Was ja ganz gemäß der Wirkungshoffnung von Arbeiterlieder-Textdichtern ist.

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