Punktverlust mal zwei ist noch viel besser als der Punktgewinn

Moderatoren folgen als Handwerker oft den ungeschriebenen Gesetzen der Improvisation bei Baumaßnahmen. Ist der Zeitdruck zu groß verspachteln sie mit herumliegenden groben Holzstücken und Eimern Füllmasse tiefe Risse zwischen den präsentierten Themen. So überrascht es nicht, dass am Samstag der Moderator im WDR den abwegigen Kommentarklassiker der Fußballberichterstattung lächelnd in die Kamera sprach, die Fans würden sich jetzt sicher fragen, warum der MSV nicht von Anfang so gespielt habe wie zum Schluss.

Nun, für meinen Teil kann ich sagen, das frage ich mich nicht. Diese Frage wird sich niemandem stellen, der das Spiel mit klarem Verstand gesehen hat. Warum das so ist? Weil der MSV in der ersten Halbzeit versucht hat, so zu spielen wie in den letzten zwanzig Minuten und es zunächst auch nicht so aussah, als ob die Zebras sich nicht durchsetzen könnten. Doch zwei Gründe haben den Erfolg verhindert. Sie hängen unmittelbar zusammen. Der MSV und Würzburg rangen in dieser ersten Halbzeit um die Hoheit des Spiels. Es war nicht abzusehen, welche der beiden Mannschaften sich einen entscheidenden Vorteil erspielen könnte.

Für mich wird die bis jetzt zu hörende Geschichte der ersten Halbzeit zu sehr von deren zweiter Hälfte und dem Führungstor der Kickers bestimmt. Selbst Torsten Lieberknecht bewertete diese erste Halbzeit ja nur mit dem Blick auf die Zeit nach der Verletzung von Moritz Stoppelkamp. Das ist der eine Grund, warum sich in der ersten Halbzeit die Würzburger durchsetzten. Nachdem Moritz Stoppelkamp ausgewechselt werden musste, brauchte die Mannschaft Zeit, um sich zu orientieren.

Moritz Stoppelkampf trägt in dieser Mannschaft eine Verantwortung, die über die spielerische Qualität hinauswirkt. Wie früher Branimir Bajic wirkt er alleine durch seine Anwesenheit, weil er der Mannschaft Vertrauen gibt. In der Not ist er da. Selbst wenn also ein Spieler mit identischen spielerischen Möglichkeiten hineinkommt, schwächt die Stoppelkamp-Abwesenheit nach Auswechslung.

Der zweite Grund für die spürbar werdende Gefahr eines Misserfolgs ist die hohe Intensität, mit der die Kickers weiter im Spiel blieben. So erspielten sie sich die Überlegenheit in dieser ersten Halbzeit, die nicht nur mich immer mehr auf die Pause hoffen ließ. Die Zebras brauchten Ruhe zur Neuorientierung. Sofort nach der Stoppelkamp-Verletzung habe ich nur noch auf das Unentschieden gehofft.

Trotz der immer überlegener spielenden Kickers und ihrer Chancen war das Führungstor nicht zwingend zu erwarten gewesen. Dazu brauchte es kurz vor dem Halbzeitpfiff einen Freistoß nahe Strafraumgrenze und Torauslinie. Dazu brauchte es eine überflüssige Grätsche von Arnold Dubimbu. Im Ansatz war zu sehen, die Flanke war geschlagen und das Hineinrutschen holte den Würzburger Stürmer viel zu spät von den Beinen. Freistoß, Kopfball, Tor. Eine sehr gute Mannschaft kann das aus dieser Freistoßposition.

Zunächst war nach dem Wiederanpfiff in Halbzeit zwei nicht erkennbar, dass dem MSV der Ausgleich gelingen könnte. Noch knüpften die Kickers an die erste Halbzeit an, ohne dauerhafte Torgefahr zu entwickeln. Die wirklich klare Chance ergab sich aus dem fehlerhaften Rückpass von Matthias Rahn, den Leo Weinkauf gegen den Würzburger Spieler ablief. Beide Trainer bewerteten das Fallen des Würzburgers als mögliches Foul und den ausgebliebenen Schiedsrichterpfiff als Glück der Zebras. Für mich sah dieses Fallen nicht unbedingt nach einem Foul aus.

Doch je länger das Spiel dauerte und den Kickers kein zweites Tor gelang, desto größer schien die Angst zu werden, diesen Sieg noch zu verlieren. Das Spiel war ab Mitte der zweiten Halbzeit längst wieder im Gleichgewicht. Allmählich begann sich der MSV nun die Überlegenheit zu erspielen. Kombinationen gelangen. Läufe und Pässe wurden risikoreicher und damit gefährlicher. Schließlich hatten Vincent Vermeij und Leroy Mickels zwei klare Chancen zum Ausgleich. Nachdem Mickels seine Chance vergab, begann ich mich mit der Niederlage abzufinden.

Ruhig ansehen konnte ich es mir schon nicht mehr. Ich rannte aus dem Zimmer, kam zurück und sah dann den Angriff über den rechten Flügel. Die Flanke kam zu meiner Enttäuschung zu kurz. Doch hinzu kamen die Zufälle des Fußballs. Der Torwart musste zum Ball gehen und konnte ihn nicht sicher genug abwehren. Der Ball kam zum frei stehenden Sinan Karweina. Kurz befürchtete ich, er könne noch über das Tor schießen. Aber nein. Ausgleich. Das Bangen in den Schlussminuten habe ich dann ohne Bewegtbilder verbracht. Dieses Unentschieden ist genauso wichtig wie der Sieg in Kaiserslautern. Der gewonnene Punkt ist dabei sogar weniger wichtig, als dass Würzburg zwei Punkte verloren hat.

Wenn ich zudem die Leistung des MSV in den letzten Minuten sehe, wächst mein Vertrauen weiter angesichts der immer deutlicher werdenden Belastung dieser Restsaison für alle Mannschaften. Es gibt eine gute konditionelle Grundlage, diese Saison zu durchstehen. Es geht auch um das Einteilen der Kräfte. Wenn jetzt noch Moritz Stoppelkamp nur kurz ausfiele. Hoffen wir das Beste, und morgen schmeiße ich zur Beruhigung den Tabellenrechner an.

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