Archiv für Juli 2020

Die Welt der nächsten Schritte

Seit dem programmatischem Neustart des MSV im letzten Jahr wurde ein Textbaustein der Fußballersprache eine beliebte Erklärformel bei öffentlichen Stellungnahmen zu Kaderveränderungen. Wenn manche Spieler kommen oder gehen, machen sie ihren „nächsten Schritt“.

Ein Verein als Fußballunternehmen der Unterhaltungsbranche braucht eben nicht nur ein Markenprofil, in unserem Fall die Spezialisierung auf Ausbildung und Weiterentwicklung, mit nationaler Perspektive. In der Unterhaltungsbranche sehen sich die Akteure zudem vor die Aufgabe gestellt, die dadurch entstehenden Abschiede und Neuanfänge gegenüber der zwar selten, aber immer noch vorkommenden Vereinstreue als normalen Vorgang zu versprachlichen. Mehr noch ist dabei verlangt, so ein Vorgang muss im positiven Licht leuchten. Die Sprachwissenschaftler unter uns sagen dazu gerne auch, die verwendeten Begriffe sollten deshalb positiv konnotiert sein.

In unserer Moderne des steten Fortschritts klingt der „nächste Schritt“ nach Weiterentwicklung und das kann nur gut sein. Handeln wird dadurch leicht verständlich. Es ist ein hehres Ziel, das möglichst Beste zu erreichen, auch für einen selbst. Deshalb ist der MSV Duisburg etwa für Niko Bretschneider ein „nächster Schritt“, für den er, nebenbei gesagt, selbstverständlich in der letzten Saison viel gearbeitet hat. Das hat Yassin Ben Balla beim MSV in der letzten Saison natürlich auch gemacht, und deshalb ist sein Wechsel zu Eintracht Braunschweig in die 2. Liga ebenfalls ein „nächster Schritt“ und verständlich. Wobei dieser Schritt übrigens für manchen Anhänger des MSV so klein scheint, dass er nur Stillstand sehen kann. Manchmal ist so ein nächster Schritt eben doch nicht für alle selbsterklärend.

Ich verstehe die sprachlichen Nöte einer Fußballwelt, die sich unentwegt rechtfertigen muss. In diesem widersprüchlichen Minenfeld von Vereinsverbundenheit, ökonomischen Überlegungen und sportlichen Hoffnungen werden ständig Erklärungen verlangt. Die vollständige Wahrheit zu den Transaktionen will aber zum einen kaum ein Fußballanhänger hören, zum anderen soll sie gar nicht ans Licht kommen.

Wir alle, also Anhänger eines Vereins und Akteure des Betriebs, brauchen die Oberfläche vom „nächsten Schritt“, damit der Betrieb möglichst reibungslos weiterlaufen kann. Wir brauchen allenfalls einige wenige Fälle der Aufregung. Damit werden die Grenzen dieser Fußballwelt ausgelotet. Das können Profis sein, die beim nächsten Schritt nur ans Geld denken und damit auffliegen, weil ihre Berater die Flexibilät der Floskel überschätzt haben. Das können aber auch Vereine sein, die Spielern den Karriereweg nach der Verpflichtung durch zu große Kaderkonkurrenz verbauen. Letzteres ist allerdings eine weniger spektakuläre Geschichte, weil sie komplexer und damit schwieriger zu erzählen ist.

Wie gesagt, ich verstehe die sprachlichen Nöte der Fußballwelt. Ungeachtet dessen habe ich zwischendurch immer mal wieder sehr komische Bilder im Kopf. All diese Fußballer mit ihren nächsten Schritten sehe ich dann plötzlich zusammen in einem Bild. Alle befinden sich in einer abwechslungsreichen Stadtlandschaft. Allen sieht man an, wie sie gerade langsam einen einzigen Schritt machen. Die einen sind dabei am Anfang, bei anderen ist das Bein in der Luft, wieder andere setzen gerade wieder auf. Sehr surreal wirkt das. Vielleicht lässt sich was draus machen. Ich frage mal bei Monty Pythons an, beim „ministry of silly walks“.

Kandidatenkür für Regionalentscheidung beim Vereinslieder Contest

Große Ereignisse werfen Schatten voraus. Wenn der MSV nach der Auslosung zur 1. Runde im DFB-Pokal gestern nur eine kleine Chance auf den Pokalgewinn in der nächsten Saison hat, müssen wir uns neben dem Saisonziel Aufstieg einen Plan B für weitere Wettbewerbserfolge machen. Die Macher vom Millerton.de bieten dazu eine wunderbare Plattform.

Sie hatten die großartige Idee, einen Vereinssong-Wettbewerb durchzuführen, den Grand Prix de la Vereinlieder Song Contest. Welch schöner Name voller Komik im Sprachengemisch für die Online-Veranstaltung mit allen Entscheidungsabstufungen, die man vom Vorbild her kennt, heruntergebrochen auf den deutschen Fußball. Zunächst können wir damit die Sommerpause überbrücken. Die nationale Entscheidung mit Halbfinale und Finale findet dann während der Saison im November und Dezember statt.

Ich wurde gebeten den Wettbewerbsbeitrag für den MSV zu nomieren. Natürlich will ich das nicht alleine mache und möchte diesen Beitrag in einem regionalen Wettbewerb auswählen. Heute sammel ich Vorschläge für das Teilnehmerfeld. Mal schauen, wieviel Vereinssongs zusammenkommen.

Wahrscheinlich ist es auch in eurem Sinn, wenn ich mir erlaube, schon Zebratwist, Duisburg-Lied, Hymne und Nur für dich, Meiderich als Setzkandatiten zu bestimmen. Kriegen wir aber insgesamt ein Teilnehmerfeld von 12 Songs für die Regionalentscheidung zusammen?

Nun ist es an euch, mir weitere Vorschläge zu machen. Bedingungen zur Teilnahme gibt es auch noch. Es sollte ein produzierter Song sein und auf youtube/vimeo online verfügbar sein. Was sich  auch von selbst versteht, weil sonst Fußballdeutschland keine Punkte für den Song vergeben kann.

Ich selbst stelle am 17. August das regionale Teilnehmerfeld vor. Bis zum 30. August habt ihr dann Zeit zum voten. Nun ist es an euch, Songs vorzuschlagen, am besten sofort mit Link zum Song. Los geht es.

Ein Pixi-Buch als MSV-Überraschungs-Paket

Manchmal verbirgt sich eine große Überraschung hinter der Verpackung. Neulich habe ich ein Pixi-Buch als liebevoll gedachtes Mitbringsel geschenkt bekommen. Das kleine Pixi-Buch heißt Beste Fußballfreunde, und es erzählt eine Geschichte, die uns mit den Superfußballkräften einer der Vereinslegenden des MSV Duisburg bekannt macht. Was sage ich?! Nicht einer der Vereinslegenden, sondern der Vereinslegende.

Die Eltern unter euch wissen wahrscheinlich, ein Teil der Pixi-Bücher richtet sich an ein Zielpublikum, das nach medialer Unterstützung eigener Erziehungsziele sucht. Eltern kaufen sie in der heimlich Hoffnung, tolle Pixi-Buch-Figuren-Vorbilder schaffen unangestrengt das, woran sie selbst mühselig Tag für Tag mahnend erinnern müssen. So sind Zähneputzen, das Aufräumen von Zimmern oder das Verhalten auf der Straße beliebte Themen für Pixi-Bücher.

Auch „Beste Fußballfreunde“ bringt dieses pädagogische Gepäck in subtiler Form mit. Eine der  Botschaften dieses Buches bleibt unausgesprochen, was ein erfreulicher Hinweis auf gesellschaftlichen Fortschritt ist.  Denn Kinder unterschiedlicher kultureller Lebenswelten spielen hier selbstverständlich zusammen und sind die besten Freunde. Das vermittelt schon das Titelbild. Für Hamit und Niki ist das Fußballspiel zwischen den Wohnblocks das Größte.

Manchmal rollt der Ball allerdings vom Rasen auf die angrenzende Spielstraße. Was dann passiert, kann nur durch eine MSV-Legende gelöst werden. Der Ball rollt gegen ein Auto. Der Autofahrer hält an. Er schimpf und droht. Doch dann kommt Super-Ennatz im nachfolgenden Auto und bringt die Welt wieder in Ordnung. Denn der drohende Autofahrer ist MSV-Fan und verehrt natürlich die Legende des Vereins. Im weiteren aber erklärt Ennatz noch mit gütigen Worten, er habe das Fußballspiel auf der Straße gelernt.

Martin Klein, Beste Fußballfreunde. Mit Illustrationen von Markus Spang © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2019

Vielleicht sollte zum Ende der Geschichte nur eine Pointe her, doch unter der Hand verwandelt sich diese Pointe zum pädagogischen Hinweis. Und dieser Hinweis muss lesende Kinder in Verwirrung stürzen. Ennatz schickt sie zurück auf den Rasen, weil es Straßenfußball heute nicht mehr gibt. Dabei trifft der Ball das Auto ja unbeabsichtigt in einer Spielstraße, also dort, wo das Spielen erlaubt ist und sie im Recht waren.

Außerdem zeigt Ennatz sogar noch seine Fußballsuperkräfte, indem er von der Straße aus den Ball über 40 Meter im Winkel des nicht sichtbaren Tores auf dem Rasen versenkt. Solche Supertorschussqualitäten hat er doch auf der Straße erworben. Wenn ich als Kind so etwas lese, würde ich doch von da an diesen fantastischen Schuss von der Straße aus täglich üben wollen.

Wir sehen, von Zähneputzen ist deutlich einfacher zu erzählen als vom folgerichtigen Verhalten zwischen Wohnblocks und Spielstraßen, besonders dann wenn man dazu Ennatz mit Superfußballkräften wählt.

Martin Klein, Beste Fußballfreunde. Mit Illustrationen von Markus Spang, Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2019, Pixi-Serie 267, Nr. 2428, € 0,99

ISBN 978-3.551-04355-9

Sportlicher Erfolg der TanZebras bringt sozialem Engagement Aufmerksamkeit

Wenn ich wie am Freitag im Innenhafen auf einer Bühne Fußballlyrik lese, Erlebnissen mit dem MSV Komik abgewinne und Fußballschlager singe  (mit dem Klick geht es zur Besprechung), könnte manchem Zuhörer der Gedanke kommen, der MSV und Glücksgefühle finden selten zueinander. Statt von großen Erfolgen zu schwärmen, geben mir oft Niederlagen Anlässe für meine Texte. Und wenn dann doch einmal wie im Pokal ein bedeutender unerwarteter Sieg zu feiern ist, steht mit dem nächsten Punktespiel die Enttäuschung schon vor der Tür.

Deshalb erinnere ich kurz vor Ende meines Programms immer daran, das eigene Glück nicht vom Handeln anderer abhängig zu machen. Ich erinnere daran, dass jeder selbst entscheidet, was er aus seiner Verbundenheit mit dem MSV macht. Dabei weise ich auch auf die im Fanumfeld entstandenen Initiativen hin, die ganz unterschiedliche soziale Projekte fördern. Gemeinsam ist allen, dass sie über den Fußball hinaus wirken und damit gemeinschaftlichen Sinn befördern, sei es in Duisburg selbst oder sogar mit dem Blick auf die Weltgemeinschaft in anderen Ländern.

Momentan prasseln positive Nachrichten als Folge eines solchen Handelns über Duisburg, den MSV und die Zebraherde ein. Überall wird der fußballerische Erfolg vom TanZebras FC zum Anlass genommen, einen umfassenden Blick auf das von Anhängern des MSV initiierte Projekt in Tansania zu werfen. Die Welt berichtete (online nicht zu finden), was allerdings zu einer sehr eigenen Geschichte im Artikel wurde. Das wahre Geschehen konnten die Beteiligten darin nicht immer wieder erkennen. Wirklichkeit wird manchmal dann doch mehr für Lesererwartungen an die Welt in Tansania gemacht. Dass sich dabei die beteiligten MSV-Fans sogar ins schummrige Licht gestellt sehen, wird dabei billigend in Kauf genommen. Funkes aber schreiben im Lokalen vor allem über den Sport, Sat1 drehte für einen Beitrag und auch der DFB schmückt seine Seite damit, dass Fußball auch etwas anderes sein kann als ein umsatzstarker Unterhaltungsbetrieb. Was inhaltlich aber sehr viel mehr der Wirklichkeit entspricht als der Welt-Artikel.

2014 nahm das Ganze seinen Anfang, als eine Straßenfußballmannschaft vom Zebraherde-Mitglied Jörg Ahlbach mit einem MSV-Trikotsatz ausgestattet wurde. Im Jahr drauf erfolgte die Gründung eines offiziellen Vereins, der TanZebras FC. Zunächst gab es nur Freundschaftsspiele der Jugendlichen. In dieser Saison nun nahm der Verein zum ersten Mal am Ligabetrieb und kann nun aufsteigen. Das negative Torverhältnis dabei wirkt wie eine Hommage an unsere Zebras aus Deutschland.

Der überbrachte Trikotsatz führte außerdem zu einem weit reichenden Entschluss der damals Verantwortlichen bei der Zebraherde. Ein Waisenhaus der Planet of Hope Organization sollte nachhaltig unterstützt werden. Seitdem sind verschiedene Anhänger des MSV vor Ort gewesen und haben geholfen, dass die soziale Arbeit mit den Kindern langfristig und immer eigenständiger geschehen kann. Schon bei einem ersten solcher Besuche konnte ich im Zebrastreifenblog einen Bericht über diesen Aufenthalt mit Fotos als Gastbeitrag veröffentlichen.

Letztlich wurde die Unterstützung des Waisenhauses aus den Aktivitäten der Zebraherde ausgelagert und mit dem Zac e.V., der Zebras Activity Comunity, ein eigener Verein gegründet, der wiederum mit anderen Fanorganisationen kooperiert. So unterststützte etwa auch der Fanclub Innenhafen das Projekt. Der Zac e.V. verfolgt den Plan „für bis zu 60 besonders benachteiligte Kinder in Tansania ein schützendes und förderndes Kinderdorf samt eigenen Ausbildungsstätten“ zu finanzieren, zu bauen und zukunftssicher zu betreiben.

Zugleich unterstützen auch die jetzigen Verantwortlichen im Zebraherde e.V. weiter die Jugendlichen in Tansania. Coronabedingt sind Bildungsmaßnahmen aber ausgefallen, die finanziert werden sollten. Dahinter stand die Losung „Hilfe zur Selbsthilfe“. Deshalb liegt die Aufmerksamkeit momentan auf den Aktivitäten der Fußballspieler. Besondere Spenden ermöglichten etwa die erstmalige Krankenversicherung von Spielern. So ergänzen sich die zwei Vereine der MSV-Fans mit jeweils eigenen Schwerpunkten bei der Unterstützung des Projekts.

Wer das Projekt unterstützen möchtet, findet auf der Seite der TanZebras weitere Informationen. Spenden auf das Konto der Zebraherde e. V. brauchen den Verwendungszweck „Tanzebras“ oder „Tanzebras + Zweck“. Infos zur Zebraherde bei Facebook. Auch der Link zum Zac e.V. nochmals für weitere Informationen dort. Und nun viel Spaß mit dem TanZebras Song.

Heimatlied – Sektion Duisburg – Folge 43: Illegale Farben mit Duisburg

So weit ich mich erinnere, habe ich solch einen Song in meiner Heimatliedsektion Duisburg noch nicht präsentiert. Selbst wenn der Text die Stadt nicht weiter vorstellte, so tauchte doch zumindest das Wort Duisburg in einem Text auf. Nun gibt es Gelegenheit zu intensiver Textauslegung, heißt der Song der Kölner Band Illegale Farben doch Duisburg, ohne dass die Stadt im Text selbst auch nur einmal erwähnt wird. Mehr noch, zu hören ist ein Song über Selbstbezogenheit.

Die Musik erweist sich als luftige Gute-Laune-Melodie von einer Band, die sich zwischen Punk, NDW-Reminiszenz und Indie-Rock bewegt. Also, deutet schön und überlegt, ob Duisburg vielleicht doch mit dem „Du“ des Textes angeredet wird. Spricht die erste Strophe gar die Alltagswirklichkeit an? „Du bist verloren“, heißt es da. Und hören wir mit dem Refrain nicht das große Seufzen der Stadt? „Alles dreht sich nicht um dich. Alle drehen sich nur um sich.“

Ich darf ein wenig herumspinnen, weil es in Wahrheit eine sehr sympathische Erklärung für diesen Titel gibt, bei der einer der rührigen Kulturorte Duisburgs, das djäzz, eine gewichtige Rolle spielt. Mehr spoiler ich jetzt aber nicht. Wer es genau wissen will, hört in den zweiten Clip hinein, in dem die Band über das Entstehen des Songtitels redet und über ihr sehr hörenswertes Verhältnis zur Stadt.

Des Rätsels Lösung im Making of ab Minute 1.50.

Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Duisburg – Alle Folgen

Auftritt im Innenhafen – Nach dem Anpfiff alles möglich

Neulich hatte ich meinen nächsten Auftritt im Ludwigforum des Innenhafens schon angekündigt. Meine gewagte Hoffnung damit am nächsten Freitag ab 19 Uhr auch nachträglich den Aufstieg zu feiern erwies sich als Illusion. Nun heißt es, mit literarischer Komik und Fanggesang zu guter Stimmung zurück zu finden.

Normalerweise sollten MSV-Fans mit dem Programm „Nach dem Abpfiff alles möglich“ die letzte Saison vergessen können, wenn schon in Oberhausen auch die Fußballabstinenzler ihren Spaß hatten. Bei Funkes gab es eine schöne Besprechung meines Oberhausener Auftritts – (Mit dem Klick hier hinter der Paywall), nebenan das Zitat mit dem abschließenden Fazit; unten Fotos vom Auftritt.

Also hoffen wir auf gutes Wetter, denn die Open-Air-Veranstaltung findet nur statt, wenn es nicht regnet. Der Eintritt ist frei, ein Hut geht irgendwann rum

Nach dem Anpfiff alles möglich

Zeit: Freitag, den 17. Juli 2020, 19 Uhr – Einlass ab 18.30 Uhr
Ort: Ludwigforum im Garten der Erinnerung – Innenhafen,  Philosophenweg 9, 47051 Duisburg

Hier könnt Ihr nochmal einen Blick aufs Programmblatt werfen:

Nach dem Anpfiff alles möglich

Andrea Berg sang zunächst ihren Fußballprofis Schlagertrost

Wenn Ralf Koss als Kees Jaratz über Fußball schreibt, kommt dem Glück manchmal große Bedeutung zu. Dann erkennt er es als einen Zufall im Spiel, der zum Siegtor führte. Mal begegnet er ihm in den überschwänglichen Gefühlen der Zuschauer auf den Rängen. Dann wiederum entsteht es beim Singen von Stadionhymnen und Vereinsliedern. Für das Bühnenprogramm „Nach dem Anpfiff alles möglich“ hat er Literarisches und Essayistisches zusammengestellt, mit dem er im Fußball dem Glück auf die Spur kommt. Die Bedeutung dieses Sports im Ruhrgebiet wird dabei ebenso deutlich wie die Sehnsucht von Vierten Offiziellen nach persönlichem Glück durch wahre Bestimmung. Oft ist die Komik bei dieser Glückssuche aber nur einen Spielzug entfernt. Wie im Stadion werden Fußballschlager und Fangesänge zum Mitsingen nicht fehlen. An der Gitarre sorgt Mick Haering für die unterstützende Begleitung. Ein Programm wie ein Fußballspiel. Denn jedes Spiel beginnt mit 0:0, und nach dem Anpfiff ist dann alles möglich.

Dritte Liga 2020/21 – Welcome back, Zebras! Welcome back, Schanzer!

Mit der Relegation versucht die DFL nicht nur dem höherklassigen Verein mit einer letzten Chance die wirtschaftliche Kraft zu retten. Es ist auch der Versuch, dem Verlierer der Ausscheidungsspiele den maximal größten emotionalen Schaden zuzufügen. In dieser Saison ist beides auf vortreffliche Weise gelungen. Was für eine niederschmetternde Dramaturgie war in dieser Saison für den Drittplatzierten der Dritten Liga vorgesehen. Sehe ich nach Ingolstadt bin ich froh, letztes Wochenende schon mit der Saison abgeschlossen zu haben.

Manchmal ist der Fußball eben wie das richtige Leben. Menschen strengen sich an, geben ihr Bestes, um erfolgreich zu sein in den Maßstäben ihrer Gesellschaft. Sie kämpfen um ihre Existenz, arbeiten viel und erreichen trotzdem ihre Ziele nicht. Denn die Regeln in diesem Wettbewerb ergeben hier und dort Nachteile. Da kann man schwermütig oder wütend werden je nach Persönlichkeit, Alter und Geschlecht. Einige träumen gar vom Ausstieg aus dem System.

Dank des Ingolstädter Erfolgs am letzten Spieltag bekamen wir in Duisburg gar keine Gelegenheit zu entsprechenden Gefühlen. Meine Aufregung hielt sich deshalb zum Ende hin in Grenzen. Dieser Dreischritt der Punktverluste gegen Uerdingen, Köln und München war bitter, aber für mich auch immer abstrakter. Denn der Fußball in Bewegtbildern war meiner Gesundheit abträglich. Ich konnte mir das so gut wie nie ansehen.

So zuckten einerseits Ärger und Enttäuschung nach Niederlagen und den Unentschieden kurz in bekannter Weise, andererseits wurde dieser Fußball ohne Stadion immer mehr zu einem unwirklichen Geschehen für mich. Die Spiele gewannen ihre Bedeutung alleine aus meinem Wissen, der Aufstieg schafft beruhigendere wirtschaftliche Verhältnisse beim MSV. Was mir wiederum erst die Gelegenheit gibt, irgendwann mit Freunden wie gewohnt ins Stadion zu gehen. Kuriose widersprüchliche Erfahrungen brachte dieser Fußball in der Coronazeit für mich.

Zwischendurch ging mir in den letzten Tagen allerdings auch durch den Kopf, ob die Mannschaft mit einer anderen Ansprache hätte stabiler ihre guten Leistungen zeigen können. Ich weiß natürlich nicht, wie über Niederlagen und schlechte Spiele gesprochen wurde. Aber mir fiel auf, wie Torsten Lieberknecht auf den Pressekonferenzen Anspruch und Wirklichkeit sprachlich zu fassen suchte. Zum einen geriet ihm beim Versuch, die Mannschaft zu schützen, immer mal wieder aus dem Blick, dass das Saisonziel oben mitspielen hieß. Vor Beginn der Saison wurde nicht darüber nachgedacht, diese Mannschaft könne in der unteren Tabellenhälfte landen. Was hatte man der Mannschaft zugetraut?

Mir geht es nur um den sprachlichen Umgang mit den Rückschlägen, ohne das Ziel Aufstieg aus den Augen zu verlieren. Dieser Aufstieg war laut Torsten Lieberknecht fast immer ein „Traum“, für den die Mannschaft alles tat. Für mich klang das dann nicht nach einem realistisch erreichbaren Ziel, dem konkrete Schritten vorangehen. Für mich klang das immer eine Nummer zu groß, zu ehrfurchtsvoll, zu unwirklich angesichts der konkreten Erfahrung der Manschaft, angesichts von Siegen nach deren gutem Fußballspiel. Wirkt so etwas atmosphärisch im komplexen Fußballgeschehen? Natürlich steht bei der Fehleranalyse der Fußball selbst an erster Stelle. Hoffen wir, dass die gelingt. Denn selbstverständlich heißt es sofort nach Saisonende, wir greifen wieder an. Wie soll es aber auch anders heißen? Über den verringerten Etat denke ich dann später nach.

Kaum Worte, außer noch geht’s weiter

Zwei Punkte verloren durch einen geschenkten Ausgleich gegen Uerdingen.

Einen Punkt verloren durch ein geschenktes Tor zum Sieg von Viktoria Köln.

Zwei Punkte verloren durch ein Tor kurz vor dem Schlusspfiff in der Nachspielzeit gegen Bayern München II, nachdem der Sieg zweimal möglich schien.

Diese kurze Liste ist keine Beweisführung für mangelnde Qualität der Mannschaft sondern ein Ausdruck der Hoffnung.

Merke: Eine Mannschaft, die Tiefschläge wie diese wegsteckt, wird – so sie die Relegation erreicht –  psychisch stärker sein als der höherklassige Gegner 1. FC Nürnberg. Der große Nachteil der kürzeren Regenerationszeit kann damit ausgeglichen werden.


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