Die Welt der neuen Herausforderung

Gerade noch befanden wir uns in der Welt der nächsten Schritte, schon zeigt sich in der Nachbarschaft die andere, ebenfalls sehr beliebte Welt des Fußballs, jene der neuen Herausforderung.

In dieser Welt sprechen normalerweise die Spieler lauter als die Vereinsvertreter. Denn in dieser Welt gelingt es den Akteuren seltener, eine Trennung durch eine gemeinsam getragene Geschichte zu erzählen. In dieser Welt schultert ein Spieler meist die Last der Trennung. Umso leichter fällt so eine Trennung, wenn ein anderer Verein schon die Türe zum Willkommensgruß aufhält.

Die „neue Herausforderung“ klingt in allen Wechselfällen eines Spielerlebens positiv und vor allem selbstbestimmt. Schließlich heißt es in unserer Gesellschaft immer, niemand dürfe sich auf Lorbeeren ausruhen. Veränderung im Arbeitsleben ist zum Credo einer Berufskarriere geworden. Wer eine neue Herausforderung annimmt, ist Herr des eigenen Schicksals und kein Getriebener von wirtschaftlichen Zwängen, ökonomischen Nutzendenken und des Leistungsprinzips.

Bei solchen Vereinswechseln brauchen die Akteure des Fußballbetriebs die Floskel mehr als wir Anhänger eines Vereins. Für uns sind diese Worte verbrauchte Leerformeln ohne Bedeutung. Wir überhören sie oder vermuten dahinter andere Motive, die nicht öffentlich werden sollen. Insofern entspricht der Wechsel von Tim Albutat zum KFC Uerdingen nur in Teilen den gängigen Ritualen der Branche, weil durch die beteiligten Vereine mehr als üblich erfahrbar wird. Was zur Spekulation Anlass gibt. Zwar spielt der Fußballer seine Rolle erwartungsgemäß und kennt den Standardtext der Branche, der MSV aber hält sich nicht ganz an Rollenerwartungen.

Beim Vereinswechsel von Tim Albutat kommt es mir so, als hätten drei Autoren ihre Scriptentwürfe für ein Drehbuch mühsam einander anpassen müssen. Schon die jeweiligen Figurenentwürfe waren widersprüchlich. Die Protagonisten, KFC Uerdingen und MSV Duisburg, passen nicht zum vorgegebenen Spielerstatement.

Denn zum Standard des Spielerstatements gehört ja noch die nähere Bestimmung der „neuen Herausforderung“. Zur beliebten Variante der „selbstlosen Hilfe“ hat sich Tim Albutat nicht entschließen können. Wieviele Spieler in Deutschland wechseln nur, weil sie tiefe Barmherzigkeit mit einem Verein empfinden. So viele wollen der neuen Mannschaft helfen. Tim Albutat aber wechselt, weil er seinen Teil dazu beitragen will, im neuen Verein Erfolge zu feiern. Doch seine Einschätzung vom „guten, spannenden Weg mit vielen jungen und hungrigen Spielern“ in Uerdingen wirkt zusammen mit der „neuen Herausforderung“ kurios, weil er den Weg in Duisburg unter denselben Vorzeichen ja gerade verlässt.

Vielleicht lassen sich Standardfloskeln auch nur bei Standardwechseln benutzen. Beim MSV klingt die Stellungnahme von Ivo Grlic jedenfalls nach enttäuschten Gefühlen: „Tim hat uns mitgeteilt, dass er uns verlassen will. Aus den Gesprächen mit ihm kam für uns deutlich raus, dass er sich nicht mehr mit dem MSV identifiziert.“ Da möchte jemand die Kontrolle behalten und kriegt es nicht so ganz hin. Ich muss schmunzeln. Dem MSV ging es nicht anders als Paaren bei einer Trennung. Wenn der eine gehen will, kann der andere die mangelnde Identifikation mit dem Wir nicht unbedingt sofort glauben. Ich höre geradezu den Seufzer vom MSV bei der mitfühlenden Freundin: Und das Schlimmste ist, jetzt muss ich im Mittelfeld ganz alleine klar kommen.

Unverständlich sind mir dabei aber die Konsequenzen für die Finanzen. Enttäuschte Gefühle führen doch oft zu harten Auseinandersetzungen ums Geld. Doch nicht mal eine Ablösesumme hat es für Tim Albutat gegeben laut KFC Uerdingen, eine Modalität, über die der MSV eigentlich nicht hat sprechen wollen. Aber der KFC Uerdingen saß ja in Duisburg nicht mit am Verhandlungstisch. Dieser Verein muss sich also nicht an ein zwischen Albutat und dem MSV vereinbartes Stillschweigen halten. Die „neue Herausforderung“ als Drehbucherklärung für die Fußballer reicht jedenfalls öfter als die „nächsten Schritte“ nicht aus, um die Hintergründe eines Spielerwechsels vollständig zu verdecken.

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