Die Gegenwart des MSV vor der Siegerehrung beim Regionalentscheid Grand Prix de la Vereinslieder

Es ist schwierig momentan, den richtigen Ton zu finden, wenn ich gleich über einen unterhaltsamen, aber sonst sinnfreien Wettbewerb wie den Grand Prix de la Vereinlieder Song Contest schreibe. Sehe ich auf den MSV, bewegen mich ganz andere Gedanken als leicht plaudernd, die ironischen Wege rund um den Fußball zu beschreiten. Das fühlt sich dann ganz kurz so an, als missachte ich singend und feiernd drohendes Unheil und beschwöre es damit regelrecht herbei. Ich übertreibe natürlich, auch um dieses blöde Gefühl der schlechten Zukunftsaussicht gar nicht erst richtig aufkommen zu lassen.

Aber als Anhänger des MSV leben wir gerade in einer bedrückenden Zeit der Unklarheit. Der verpasste Aufstieg in der letzten Saison nach einer sehr guten Hinrunde hat den Verein und uns Fans mehr durchgerüttelt, als wir es zunächst gedacht haben. Vielleicht hatten wir geglaubt – zumindest ich – dieser verpasste Aufstieg sei einer der vielen verpassten Aufstiege der Zweitligazeiten ab 2008. Damals aber war der Zweifel immer vorhanden. Damals richteten sich spätestens ab der Hälfte der Saison die Hoffnungen auf Wunder. Damals hatten wir uns aber mit dem ersten verpassten Wiederaufstieg in der Zweiten Liga eingerichtet. Für ein paar Jahre, und dann kam der Zwangsabstieg.

Ihr wisst, welch bedrohliche Zukunftsbilder sich immer wieder für mich bemerkbar machen.

Die Folgen des verpassten Aufstiegs offenbaren sich erst jetzt wirklich. Wir alle – im MSV selbst, in seinem Umfeld, und wir Anhänger – waren schon längst wieder gedanklich in der Zweiten Liga. Wir Anhänger sowieso, aber ich meine, auch die Verantwortlichen beim MSV und die Spieler waren es. Während der Saison ist es sicher kein Gerede der Vereinsprotagonisten, dass sie nur an das nächste Spiel denken. Dennoch wird der Fokus hin und wieder verrutscht sein, weil dieses nächste Spiel nach der Hinrunde mit einem klaren und absolut erreichbar wirkenden Ziel verbunden war. Würde dieser Fokus nicht verrutschen, spielten diese Spieler nicht beim MSV. Neben den spielerischen Fähigkeiten sind eben die mentalen Prozesse mitverantwortlich für die Leistungsfähigkeit von Spielern.

Nun wurde das Ziel verfehlt, und alle Anstrengung war vergebens. Das sind Gefühle von Spielern, die zu Vereinswechseln führen. Das zuvor Verbindende erweist sich für manch einen als Belastung. Es geht dann nicht nur um Einsatzzeiten, sondern um die Aura des Misserfolgs. Der will man entfliehen.

Die sportlich und finanziell Verantwortlichen können aber genauso wenig die zu Saisonbeginn noch einkalkulierte zweite Drittligasaison in gewohnter Weise angehen. Corona mischt die Karten auf eine Weise neu, die Vereinen mit finanzkräftigen Investoren zusätzliche Chancen gibt. Ohne Corona wäre etwa Viktoria Köln nicht in der Lage, sich derart zu positionieren, wie es gerade geschieht. Die weichen Einflussfaktoren wie der Ruf des Vereins, wie Fanbasis usw. spielen in diesen Zeiten sicher eine viel geringere Rolle als in normalen Zeiten.

So entstanden die Bilder des Verlassen werdens, ohne dass beim MSV eine Geschichte zu diesen Vereinswechseln erzählt werden konnte, die aus den Wechseln etwas machte, was in die Zukunft weist. Die Wechsel von Tim Albutat und Lukas Daschner waren Wechsel des Versagens im Aufstiegskampf, der eine vielleicht mit eher mentalem Hintergrund, der andere mehr aus finanziellem Interesse für Verein und Spieler. Die niederdrückende Energie dieser Wechsel kann durch Neuverpflichtungen nicht ausgeglichen werden. Vor jeder Spielzeit werden neue Spieler verpflichtet. Vor jeder Spielzeit gibt es hoffnungsträchtige Namen oder solche, die nur wenige kennen. Das ist das übliche Geschäft. Erst die Zukunft, erst der Beginn der neuen Saison kann dieser negativen Stimmung wieder etwas entgegensetzen. Ein Blick nach vorne wird nur mit Erfolgen gelingen.

Denn in der Gegenwart gibt es keine hoffnungsfrohen Botschaften. Die finanzielle Situation des MSV ist ohne Zuschauereinnahmen bedrohlicher geworden. Ingo Wald spricht in einem Interview zum ersten Mal auch von einer möglichen Insolvenz, die aber natürlich auf jeden Fall vermieden werden soll. Sein Interview gehört zu der von ihm gelebten Transparenz in Sachen MSV. Die Wahrheit zu erzählen und Aufbruchstimmung zu schaffen, ist momentan nicht möglich. Wer Aufbruchstimmung wecken will, muss die Insolvenzgefahr verstecken. Zugleich war der Anspruch beim MSV nach 2013, nah an den Anhängern zu sein und offen zu ihnen zu sprechen.

Diese Anhänger sind aber keine homogene Gruppe. Die einen wollen das, die anderen das. Die einen suchen die Aufbruchstimmung, die anderen wollen Offenheit in allen Fragen. Sie wollen ihr teuer verdientes Geld bei Fanaktionen nicht für irgendwelche immer befürchteten obskuren Finanzkonstruktionen opfern. Momentan wirkt es so, als könne nur der sportliche Alltag die bleierne Zeit des Misserfolgs vergessen machen. Und vielleicht auch die Ablenkung mit einem sinnfreien, aber unterhaltsamen Wettbewerbssieger beim Regionalentscheid Duisburg für den Grandprix de la Vereinslieder Song Contest.

1 Response to “Die Gegenwart des MSV vor der Siegerehrung beim Regionalentscheid Grand Prix de la Vereinslieder”



  1. 1 Favoritensieg beim Regionalentscheid Duisburg für den Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 31. August 2020 um 09:53

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