Die Superleague, MSV-Gemeinsinn und die Causa Flick

Momentan bekommen wir in unseren unterschiedlichen Rollen im und um den MSV Duisburg den Spagat einigermaßen hin zwischen den idealistischen Vorstellungen von Unterstützung und Mitbestimmung in einem Verein sowie der unternehmerischen Arbeit für wirtschaftliche Solidität und sportlichen Erfolg. Um im Bild zu bleiben: Eine Gruppe von MSV-Anhägern versucht sich seit jüngstem an einer Turmkonstruktion von Anhängern im Spagat. Sie haben mit den Zebra-Genossen eine Genossenschaft gegründet und sich damit in eine lange Tradition von wirtschaftlichen Solidargemeinschaften gestellt, die in der Arbeiterbewegung ihre Wurzeln hat.

In Genossenschaften ist ökonomisches Handeln gebunden an Ziele, die vom Gemeinsinn getragen werden. Ihr könnt euch vorstellen, dass mir diese Genossenschaftsgründung sehr gefällt. Was nichts damit zu tun hat, dass Gründungsmitglieder der Genossenschaft Bekannte von mir sind und wir zum Teil denselben Fanclubs angehören.

Das schreibe ich nur der Transparenz wegen. Das Ringen um Erkenntnis in dieser Gesellschaft braucht mehr Wissen über die sozialen Verbindungen derjenigen, die sich über ein Thema äußern. Es geht dabei nicht ums Skandalisieren sondern um Einordnen. Das ist idealistisch gedacht, ich weiß. Aber wenn ich mich schon mal für dieses Bewusstsein einsetzen kann, dann mache ich das nun mal. Demnächst also in diesen Räumen etwas mehr Hintergrund zu der Genossenschaft. Ich denke an ein Gespräch mit einem der Vordenker der Genossenschaft.

Das ist der Fußball in Duisburg. Der Fußball in Europa erlebt gerade den sich doll drehenden Turbokapitalismus. Zwölf Vereine aus England, Spanien und Italiene haben die Katze aus dem Sack gelassen. Seit langer Zeit ist die Superleague im Gespräch, der feuchte Traum von Geldanlegern im Fußballgeschäft. Verlustrobust im Niederlagenfall durch ewige Zugehörigkeit. Natürlich ist so eine Entwicklung konsequent in diesen Corona-Tagen. Die leeren Stadien haben gezeigt, Fußball funktioniert auch ohne Anhänger. Nun ist sogar niemand präsent, der den Plänen laut in die Quere kommen kann. Die Gründung ist auch die konsequente Fortschreibung der ökonomischen Leitgedanken der letzten 20 Jahre. The winner takes it eben all.

Dass deutsche Vereine nicht dabei sind, zeigt für mich einerseits, dass handelnde Protagonisten bei Bayern München und auch Borussia Dortmund sich trotz gegenteiligem Eindruck im deutschen Binnenmarkt mit der deutschen Wirtschaftskultur des Ausgleichs identifizieren. Andererseits ist die kulturelle Kraft des Vereinsgedanken und der Mitbestimmung in Deutschland offensichtlich sehr viel mächtiger als in den anderen europäischen großen Fußballnationen. Was dann wiederum einigen Druck auf Fußballunternehmen und deren leitende Mitarbeiter ausübt. Ob das so bleiibt, ist mir völlig egal. Letzte Woche im Podcast habe ich noch gesagt, sollen sie ihre Superleague doch gründen. Damit meinte ich auch die Bayern und den BVB. Mein Fußball wird dadurch nicht schlechter. Mein Fußball wird dadurch nicht gefährdet. Mich interessiert dieser Fußball nicht mehr. So eine Superleague wird wie jeder schlechte Hollywoodfilm sein weltweites Publikum finden. Kulturelle Kraft hat so ein Fußball nicht mehr. Besorgnis erregend finde ich das nicht.

Dass im deutschen Fußball trotz momentaner Abwesenheit in der Superleague bei den Großvereinen auch Gepflogenheiten von Großunternehmen herrschen, versteht sich von selbst. Schmunzelnd lese ich, dass der FC Bayern Hansi Flicks Stellungnahme am Samstag missbilligt. Als versierter Offensivtaktiker hatte er verkündet, er beende seine Arbeit bei den Bayern am Saisonende. So eine Geschichte steht normalerweise auf den Wirtschaftseiten, wenn über Machtkämpfe in Großunternehmen berichtet wird.

In Deutschland redet die Fußballbranche aber seit Wochen über die Bayern so, als ginge es dort um Meinungsverschiedenheiten über Kaderstärken, die zu persönlichen Animositäten wurden. Dabei zeigt sich in diesem Konflikt einmal mehr nur der immerselbe Widerspruch. Ein Unternehmen handelt nach unternehmerischen Prinzipien. Im Geschäftsfeld Sport zählt zwar Erfolg, aber in Deutschland nun auch die Sportkultur. In dem Fall vertritt Hasan Salihamidzic das Unternehmen FC Bayern München gegenüber dem leitenden Mitarbeiter Hansi Flick. Das Unternehmen sieht nun unternehmerische Prinzipien verletzt, muss aber klein beigeben. In dem Fall ist nicht das Unternehmen FC Bayern bedeutender als Hansi Flick. Denn dessen Erfolge sind in der öffentlichen Wahrnehmung Vereinserfolge. Sie machen ihn unabhängig vom Unternehmen. Selbst beim FC Bayern wirkt noch immer die kulturelle Kraft von Vereinen, auch wenn die nur im Konflikt bemerkbar wurde.

8 Responses to “Die Superleague, MSV-Gemeinsinn und die Causa Flick”


  1. 1 jovan 19. April 2021 um 12:27

    hey Kees,
    ich sehe die genossenschaft zunächst noch sehr kritisch.
    eine neue instanz außerhalb des e.V. , die bereits deutlich ein mitspracherecht im Spielverein einfordert und bei der das stimmrecht mindestens 1.000€ kostet.
    für die mitglieder des e.V. ist das keine gute nachricht.
    vielleicht erklärt sich die „genossenschaft“ ja noch zu ihrem demokratieverständnis.
    würde mich freuen.

    zur super league gibt’s doch nicht viel zu sagen, außer „haut ab, schnell. und kommt nicht wieder.“
    ich brauche nicht mal die derzeitigen europapokal-bewerbe, weil sie bereits zur sportlichen bedeutungslosigkeit deformiert wurden.

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    • 2 Kees Jaratz 19. April 2021 um 15:43

      Ich kann deinen kritischen Blick verstehen, wobei ich noch keine Forderung wahrgenommen habe. Aver die Berichterstattung lässt bislang einige Frage offen. Deshalb möchte ich darüber was machen. Damit das Ganze klarere Konturen erhält.

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  2. 3 jovan 19. April 2021 um 18:52

    ich zitiere mal Portal-Uswr CEO51:

    „Die Zebra-Genossen sind die erste Fan- Genossenschaft im Profifussball! Und hat daher definitiv seinen Reiz!
    Was tatsächlich an Unterstützung, an Aufgaben und Funktionen für den Verein, der natürlich immer die Basis bildet, geleistet werden kann, hängt davon ab, wie viele sich begeistern lassen von der Idee: MSV-Fans bestimmen als interne Geldgeber aktiv mit! Ob 100 Anteile oder ein Anteil, jeder hat eine Stimme bei der Entscheidung, ob das Geld zum Beispiel für eine Fankneipe oder für Transferkosten angelegt wird. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!
    Betonung liegt auf „angelegt“. Der Anteil ist keine Spende, sondern soll werterhaltend bleiben und muss auch zu Erlösen führen. Ansonsten wird eine Genossenschaft gar nicht zugelassen.“

    wie jeder feld-, wald- und wiesen-investor will die Genossenschaft also selbst bestimmen, was mit „ihrem“ geld geschieht.
    dafür gibt es aber, in einem mitgliedergeführten Verein, demokratisch installierte instanzen.
    die Genossenschaft ist nicht als MV-legitimiertes organ des Vereins angelegt, so wie ich das sehe.
    darauf spielte ich an.

    natürlich unter dem vorbehalt, dass ich ganz und gar nicht weiß, ob der user CEO51 tatsächlich absichtserklärungen der Genossenschaft wiedergibt, oder seine persönliche interpretation derer. 🤷‍♂️

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    • 4 Kees Jaratz 19. April 2021 um 19:19

      Das lässt sich aber auch so verstehen, dass es um die Mitbestimmung innerhalb der Genossenschaft geht. Also das, was dann beim MSV genau unterstützt werden soll.
      Das kannst du naturlich als möglichen Einfluss zweiter Ordnung ansehen.
      Aber dann gibt es ja den Verein, der entscheidet, welches Geld er nimmt.
      Letztlich geht es immer um die Frage, wieviel Vertrauen gibt es in welche Geldgeber, die immer nötig sind beim MSV.

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  3. 5 jovan 19. April 2021 um 19:37

    ganz recht. mir ist aber lieber, statt auf vertrauen, auf wasserdichte strukturen zu setzen.
    und auf ein angebot der genossenschaft, für die verpflichtung von wundertrainer xy aufzukommen, muss eine sportliche leitung sich erstmal trauen, NICHT einzugehen.

    ich bin dafür, strukturen so aufzustellen, dass sie im prinzip auch in jahrzehnten noch funktionieren, wenn die jetzigen vertrauenswürdigen verantwortlichen mal nicht mehr da sind.
    unser Spielverein ist auch ein fortdauerndes demokratisches vermächtnis, an alle nach uns kommenden Zebras.

    ich will hier überhaupt keine initiative kaputtschreiben (was ich auch gar nicht kann). ich bin nur vorsichtiger, unverbesserlicher demokratischer dogmatiker 😉

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  4. 7 jovan 19. April 2021 um 20:15

    ich freue mich drauf und bin sehr gespannt.

    nebenbei, weil ich‘s lange nicht getan habe: danke, Kees, für Deine unermüdliche arbeit für den Spielverein und Duisburg und die Ruhrstadt ❤️

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