Halbzeitpausengespräch – Lesetipp: Sieben Heringe von Jürgen Wiebicke

Eigentlich müsste das Halbzeitpausengespräch heute wohl Spielausfallzeitvertreib heißen. Im Ergebnis bleibt es dasselbe. Lasst mich kurz erzählen, was ich neulich gelesen habe. Manche Bücher werden im Besprechungsreigen der bekannteren Feuilletons ja nur an wenigen Stationen vorgestellt. Da gerade im Buchmarkt Aufmerksamkeit auch über soziale Netzwerke gelenkt wird, ist das heute nicht mehr unbedingt ein Nachteil. „Sieben Heringe“ von Jürgen Wiebicke könnte so ein Buch sein. Noch gibt es nur vereinzelte Besprechnungen in den klassischen Feuilletons, noch finden sich zugleich Empfehlungen auf kleineren Plattformen im Netz. Da reihe ich mich nun ein, denn ohne Zweifel sind dem Buch viele Leser zu wünschen.

Der nahende Tod der erkrankten Mutter war dem 1962 geborenen Jürgen Wiebicke zunächst Anlass, mit ihr über ihr Leben zu sprechen. Bei seinem zuvor verstorbenen Vater hatte er das versäumt, so sagt er selbst, obgleich seine Eltern als Kriegskinder Verantwortung mittrugen, indem sie wenig Anhalt dafür gegeben hatten, über die Vergangenheit sprechen zu wollen.

Mit diesem Schweigen war die Generation von Jürgen Wiebicke lange konfrontiert. Dieses Schweigen begann in den Nuller-Jahren aufzubrechen. Sabine Bode war mit ihrem Bestseller „Die vergessene Generation“ die publizistische Vorreiterin einer breiten Oral-History-Bewegung. Die Kriegskinder erhielten mit ihren Erinnerungen von nun an dauerhaft Aufmerksamkeit.

Nun fügt Jürgen Wiebicke den vielen schon veröffentlichten Erinnerungen nicht einfach die Geschichte seiner Eltern hinzu. Das betone ich, weil der flüchtige Blick auf die Buchinformationen und die Selbstauskünfte von Jürgen Wiebicke zu seiner Motivation für dieses Buch in die Irre führen könnten. Mir ist klar, wie schwierig es ist, „Sieben Heringe“ zu bewerben und inhaltlich griffig zu präsentieren. Man kommt dann schnell darauf, die Erfahrungen mit Krieg und Nationalsozialismus ins Zentrum zu rücken, die vor dem Vergessen werden bewahrt bleiben sollen als Mahnung angesichts sich verändernder politischer Verhältnisse.

Es sind aber nicht die Erinnerungen selbst, die „Sieben Heringe“ zu einem berührenden und anregenden Buch machen. Jürgen Wiebickes offenes, vielschichtiges Nachdenken über diese Erinnerungen und sein eigenes Verhältnis zu ihnen sowie den Eltern machen den besonderen Wert dieses Buches aus.

Davon ab beeindruckt, wie er dem Leid der Elterngeneration den erzählerischen Raum gibt. In Deutschland stellt sich noch immer die große Frage, wie lässt sich über das erlittene Leid der Deutschen sprechen, ohne dass es einem Versuch gleicht, sich von der Verantwortung für das an anderen verursachte Leid zu entschulden. Jürgen Wiebicke gelingt der Spagat, dem Leid der eigenen Familienangehörigen das Recht gehört zu werden einzuräumen und zugleich innerhalb der persönlichen Erfahrung die bestimmenden historische Fakten zu benennen. Das Leid wird so weder gemindert, noch entsteht die Möglichkeit, dieses Leid zur Aufrechnung nutzen zu können.

Jürgen Wiebicke schildert mit den Erfahrungen der Eltern auch deren Entwicklung hin zu einer Gegenwart in seinem Erleben als Sohn. Soziale Beziehung als Prozess wird erkennbar und dessen Folgen für das Verhältnis zwischen den Generationen. Damit wirft er auch den Blick auf die eigenen Möglichkeiten und Grenzen der Entwicklung. Er belässt es aber nicht bei dieser persönlichen Geschichte. Er stellt sein Ich in die soziale und politische Gegenwart, fragt mit dem Blick auf die Philosophie nach dem richtigen und guten Leben.

Jürgen Wiebicke moderiert verschiedene Hörfunksendungen auf WDR 5. Als Gastgeber für Das philosophische Radio gibt er seinem Sprechen immer auch eine sehr lebenspraktische Perspektive. Schon in seinem Buch „Zu Fuß durch ein nervöses Land“ hatte er aus all den Begegnungen während der Wanderung eine besondere Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft gemacht. Auch „Sieben Heringe“ folgt immer wieder diesem Anliegen, mit der persönlichen Erfahrung das Ganze verstehen zu wollen, sei es einen Menschen, sei es die Gesellschaft, sei es den Weg zu einem guten Leben.

Jürgen Wiebicke

Sieben Heringe

Kiepenheuer & Witsch Verlag

256 Seiten

Hardcover: 20,00 €

Ebook: 16,99 €

ISBN: 978-3-462-00012-2

Eine Leseprobe findet sich auf der Verlagsseite.

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