Der MSV, der Presseausschluss und geleistete Arbeit

Immer wieder lehrt uns der Fußball, wie widersprüchlich wir Menschen in der Welt sind. Wir selbst empfinden das meist nicht so. Für uns selbst erzählen wir unsere Geschichten völlig folgerichtig. So kann ich gut verstehen, warum gestern zu Beginn der Jahreshauptversammlung des MSV ein Mitglied zwei Anträge stellte. Zum einen sollten Bild- und Tonaufnahmen grundsätzlich verboten werden. Vor allem ging es hier um die Kameras der RTL-Dokumentation über den MSV. Zum anderen sollten die Journalisten der Printmedien gebeten werden, nach den Berichten der Vorstände die Jahreshauptversammlung zu verlassen. An der Aussprache, also die Fragen und die Kritik der Mitglieder, die ja normalerweise auch Anhänger der Zebras sind, sollten Journalisten nicht teilnehmen dürfen. Wenn schmutzige Wäsche gewaschen wird, sollte das nicht an die Öffentlichkeit, um den Ruf des Vereins nicht zu schädigen. Die Mitgliederversammlung nahm beide Anträge unter großem Beifall an. Wie gesagt, ich verstehe das Anliegen gut, obwohl ich beim Einlass meinen Presse- und keinen Mitgliedsausweis gezeigt habe. Nach den Berichten der Vorstände bin ich also gegangen und habe mir meine Gedanken gemacht.

Mir zeigten diese Anträge einmal mehr die Widersprüchlichkeit, in der wir Anhänger eines Fußballvereins leben. Ich rede jetzt nur vom Ausschluss der schreibenden Kollegen. Unbezahlte Unterhaltungsware werden für RTL empfinde ich auch nicht als erstrebenswertes Ziel einer Jahreshauptversammlung. Vereinsmitglieder haben also gesprochen. Was ihr gutes Recht ist. Zu einem professionellen Fußballunternehmen passt dieser Ausschluss der Tagespresse allerdings nicht. Ein professionelles Unternehmen informiert über Diskussionen von Interessierten und positioniert sich offen gegenüber kritischen Stimmen. Immer wieder treffen diese beiden Welten Unternehmen und Verein aufeinander. Einen gleichgewichtigen Ausgleich beider Welten gibt es nicht. Mal wird die eine Welt des Unternehmertums im Vordergrund sein, mal die andere des amateurhaften Vereinslebens. Mal wird an den Vereinsvorstand der eine Maßstab angelegt, mal der andere.

Wenn ich das Geschehen unabhängig vom Fußball und dem MSV betrachte, macht es mir leider ein paar Sorgen. Steckt in diesem Antrag doch das Misstrauen gegenüber der Institution des Journalismus, das ich aus politischen Zusammenhängen kenne und eben dort seine gesellschaftliche Wirkung entfaltet. Dieses Misstrauen zersetzt die bürgerliche Öffentlichkeit und damit Zusammenhalt. Ich wünsche mir sehr, dass dieses Misstrauen wieder schwindet, weil es nicht grundsätzlich gerechtfertigt ist. Wir haben eine vielfältige Medienlandschaft mit unterschiedlichen Stimmen. Auch ich habe die Jahreshauptversammlung verlassen müssen. Ich war nicht böse drum. Ich hatte mir ohnehin nicht vorstellen können bis maximal halb eins dort zu bleiben. Ich verdiene hier kein Geld. Da muss dann alles passen, um Zeit aufzuwenden. Zwar habe ich nicht die Reichweite der Printmedien dieser Region, dennoch werde ich wahrgenommen. Ich habe mehr Raum für meine Wertungen. Ich habe einen eigenen Blick. Ich denke, ich urteile sehr differenziert. Auch dieser andere Blick konnte die Aussprache nicht beobachten. Wie gesagt, ich verstehe gut die Beweggründe. Es gibt aber eine andere Perspektive, über die es lohnt nachzudenken.

Nun aber kurz zu zwei Berichten. Der Vorsitzende Ingo Wald erklärte die Arbeit der letzten zwei Jahre, sprach von der großen Enttäuschung über den verpassten Aufstieg und erläuterte die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Capelli. Die wichtigste Botschaft seiner Worte lautete: Wir haben an den Strukturen gearbeitet, so dass die vor zwei Jahren verkündete Mitteilung, der MSV überlebe in Liga 3 nicht länger als zwei Jahre, überholt sei. Das Zeitfenster für ein Überleben in Liga 3 ist größer geworden. Zwei, drei Jahre blieben jetzt Zeit, um den Aufstieg in Liga 2 zu schaffen.

Als Ivo Grlic zu seinem Bericht ans Rednerpult ging, buhten die Mitglieder. Man darf ihm abnehmen, dass dieser Gang schwer war und diese Ablehnung ihn trifft. So viel zum Menschlichen, das er anschließend immer wieder mal erwähnte. Das allerdings ist das grundsätzliche Problem bei seiner Arbeit. So klar war das gestern erkennbar. Denn vor allem das Menschliche kam zur Sprache in Sachen Gino Lettieri. Er wusste, er musste auf die Verpflichtung zu sprechen komrmen.

Was er sagte, ließ nicht erkennen, ob er den eigentlichen Fehler bei dieser Verpflichtung wahrnahm. Er scheint tatsächlich zu glauben, Gino Lettieri sei gescheitert, weil er in Duisburg von den Anhängern so viel „Gegenwind“ erhalten habe. Das war schon bei dessen Entlassung das Hauptthema. Darum geht es aber gar nicht, wenn ich Ivo Grlics Beweggründe verstehen will. Es gab keine Zuschauer im Stadion. Der Mann konnte in Ruhe arbeiten, auch wenn überall Unverständnis herrschte. Ivos Grlics oberflächliches Argument für die Verpflichtung war der einmal schon vorhandene Erfolg Lettieris beim MSV und dass er den Verein kannte. Die erste Entlassung Lettieris schien für Ivo keine Rolle mehr zu spielen. Zehn Verletzte hätte er damals im Kader gehabt.

Einem Nebensatz nur ließ sich indirekt entnehmen, ob sich Ivo Grlic Gedanken über die Rolle Lettieries bei der weiteren Entwicklung des Vereins gemacht hatte. Sinngemäß sagte Ivo, welchen Fußball er spielen ließe, darüber könne man ja streiten. Nein! Darüber kann man eben nicht streiten, weil darüber nicht gesprochen wurde. Doch Ivo Grlic muss sich um Spielideen von Trainern kümmern, weil er für die sportlichen Belange zuständig ist. Das ist eine der entscheidenden Stellschrauben für die Entwicklung des Vereins. Habe ich die Worte dazu überhört?

Wenn er dagegen über Spielerverpflichtungen spricht, ahne ich, dass er sich auf sicherem Terrain bewegt. Bei einem Spieler lassen sich einfacher Bewertungen vornehmen als bei einem Trainer. Die Datenlage bei Spielern ist viel umfangreicher und lässt sich klarer auf vergleichbare Zahlenwerte herunterbrechen als bei einem Trainer. Dessen Arbeit müsste umfassend analysiert werden, um seine Fähigkeiten zu bewerten. So ein Trainer-Profil muss wahrscheinlich immer erst erstellt werden. Ich habe gestern von Ivo Grlic nicht erfahren, dass diese Arbeit beim MSV vorgenommen wird. Das bereitet mir weiter große Sorgen. Wenigstens beschränken sich die nur auf den MSV. Gesamtgesellschaftlich betrachtet haben diese Trainerverpflichtungen wohl keine Auswirkungen.

6 Responses to “Der MSV, der Presseausschluss und geleistete Arbeit”


  1. 1 Siggi Kraft 13. Oktober 2021 um 08:49

    Wieso war die Spielidee von GL schlechter als die von Dotchev? Gino hatte nicht das Spielermaterial eines Pavel zur Verfügung. Außerdem bekam er, obwohl er noch nicht im Amt war, mächtig Gegenwind. Er musste scheitern. Dotchev ist, unter Mithilfe von Schubert, über die Ziellinie gekrochen. Im Pokal flog er raus. Ivos hat dann in aller Öffentlichkeit Gino als Fehler bezeichnet, nur um seine Haut zu rette. Sch
    äbig. Gestern ist er zum Zei zurück gerudert…

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    • 2 Kees Jaratz 13. Oktober 2021 um 08:54

      Mir geht es nicht um den Vergleich Lettieri – Dotchev. Für mich zeigt die Lettieri-Verpflichtung, es gibt keine aufbauende Arbeit. Wenn ich den Verein entwickeln will, hole ich keinen Trainer, der taktisch limitiert ist und bis dahin immer wieder zwischenmenliche Schwierigkeiten in seinen Vereinen hatte.

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  2. 3 Hanseator 13. Oktober 2021 um 09:31

    Ich finde deine Gedanken zur Teilnahme von Journalisten an einer MV sehr interessant. Bei uns gehört der regelmäßige Ausschluss aller Medienvertreter, meist mit sehr großer Mehrheit, praktisch zur Vereinsfolklore, aber deine Argumente sind wirklich nachdenkenswert. Danke dafür.

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  3. 5 ishinne 14. Oktober 2021 um 20:12

    Das die Printmedien ausgeschlossen wurden ab TOP10 sollte eigentlich jedem Klar sein, der die letzten ~10 Versammlungen im Nachgang sich nochmal ins Gedächtnis ruft.
    Wenn man sich nunmal anschaut, die die 3 „großen“ Medien über die JHV berichten und sich einige „Fans“ (das hab ich jetzt extra in „“ geschrieben) in diesen Medien äußern, war das nur die einzig richtige Entscheidung, diese auszuschließen. Ich will mir gar nicht ausdenken, was die geschrieben hätten, wenn diese bis zum Ende dabei geblieben wären.
    Klar kann man jetzt auf die Pressefreiheit und das Informationsrecht anspielen, aber die anwesenden Mitglieder haben so entschieden und das sollte man auch akzeptieren, AUCH von Seiten der Presse. Die Mitglieder / Fans, die im Anschluss dann zu den Printmedien gerannt sind, sollte man auch mal fragen, ob ihr Verhalten so in der Form auch richtig war.

    Das in TOP 10, der Aussprache, unangenehme Fragen kamen und teilweise extrem wirre Antworten kamen, ist uns allem im Vorfeld ja bekannt gewesen. Das der Versammlungsleiter sich diesmal benommen hat wie ne offene Hose in manchen Punkten, sollte man auch hinterfragen.
    Erst was von „ja wir müssen wohl die Versammlung um 14 Tage vertagen, damit die Wahlen durchgeführt werden können“, obwohl noch gut 50 Minuten Zeit war, wo man am ende auch nur EINE geheime Wahl abzuleisten hatte, hatte der gute Herr wohl nicht aufm Schirm. Ebenso seine Aussage, dass bereits im Vorfeld abgegebene Stimmen keine Gültigkeit hätten, empfand ich unter aller Kanone und gehört definitiv geprüft. Wär ich vorher gegangen und hätte aufgrund von Zeitmangel eben meine Stimme abgegeben, würd ich mich betrogen fühlen. Etwas ähnliches sieht man ja nun jetzt auch bei der #BuTaWa2021 in Berlin, wo Stimmzettel falsch gedruckt bzw die falschen in die einzelnen Bezirke und Wahlkreise gekommen sind und auch stellenweise zu wenig.

    #JustMy2Cent

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    • 6 Kees Jaratz 16. Oktober 2021 um 05:02

      Sorry, dass ich erst jetzt zum Antworten komme. Bedankt für deine Anmerkungen. Nur nochmal zur Klarheit. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die vom Ausschluss die Pressefreiheit berührt sehen. Das stimmt natürlich nicht. Ich hatte vom guten Recht der Mitglieder auf Ausschluss geschrieben. Mir geht es vor allem um das Aufeinanderprallen der beiden Seiten des Profifußballs, das es in der deutschen Fußballkultur immer gibt. Auf der einen Seite das Vereinsdasein mit allen Momenten amateurhaften Arbeitens im bestenn Sinne von allen Beteiligten. Auf der anderen Seite das professionelle Unternehmertum, wo das Amateurhafte ein Schimpfwort ist. Der Widerspruch ist unaufhebbar. Ich wollte damit die Rahmenbedingungen des Arbeitens für den MSV besser fassen.

      Was die Wahl angeht. Das war offensichtlich nicht gelungen. Es gibt ja inzwischen den Antrag ans Amtsgericht, das zu prüfen. Im Übrigen ist auch in dem Fall der MSV nicht der einzige Verein, wo es zur fortgeschrittenen Stunde drunter und drüber geht. Du siehst, wann immer es um den Rahmen des Arbeitens geht, werde ich milde. Was nicht heißt, dass ich die Ausführenden der Arbeit nicht kritisiere, wie du im Fall Grlic vielleicht gesehen hast.

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