Gastbeitrag: Klaus Hansen hat den Meiderich-Blues

Seit der ersten Bundesliga-Saison kommt der 1948 geborene Sozialwissenschaftler Klaus Hansen zu den Spielen des MSV. Er reiste aus der Eifel an und kommt inzwischen aus Pulheim. Schon mehrere Male war er in diesen Räumen  zu Gast. In seinen Beiträgen erinnerte er an „Spitzenereignisse vom MSV“, er machte sich Gedanken über das WM-Endspiel 1966 und den Fußball der Gegenwart oder die postsaisonale Melancholie hatte ihn überfallen.

Gestern erreichte mich eine E-Mail von Klaus Hansen. Die 0:5-Niederlage gegen den 1. FC Magdeburg war auch für ihn nur schwer zu ertragen gewessen. Er hatte den „Meiderich-Blues“, und er versuchte ihn mit einem Text zu ergründen.

Mein Meiderich-Blues
Von Klaus Hansen

Ich will, dass es aufhört. Aber es hört nicht auf. Meine Nervosität, meine Dünnhäutigkeit, meine zum Glück nur verbale Aggressivität. Für die Dauer, wenn mein Verein spielt, bin ich für nichts zu gebrauchen.

Obwohl ich die 70 überschritten habe, verfolge ich die Spiele meines Vereins mit dem Herzen eines Elfjährigen. Davon will ich weg. Ich will kein Sklave mehr sein. Aber es gelingt nicht. Erst dachte ich, es genügt, die Spiele meines meines Vereins nicht mehr zu besuchen, wie ich es seit Jahrzehnten mit größter Regelmäßigkeit tue. Die Corona-Epidemie kam mir entgegen. Plötzlich war das Stadion geschlossen. Niemand durfte mehr rein. Auch ich nicht. Das entlastete mein Gewissen. Aber mein Verein spielte ja trotzdem. Es folgten zwei furchtbare Stunden des kalten Entzugs. Waren sie um, musste ich allen Mut zusammen nehmen, um mit viel Herzklopfen und zitternden Fingern im Internet nach dem Ergebnis zu suchen. Hatte ich es gefunden, war ich für meine Umgebung schwer auszuhalten, sei es, dass ich die Kontrolle über mich verlor, nach einem Sieg, oder, bei einer Niederlage, depressiv erschlaffte. Und immer wieder fand sich ein wohlmeinender Geist, der mir den Rest gab: “Aber es ist doch nur ein Spiel, Klaus.”

So viel steht fest: An Tagen, an denen mein Verein spielt, werde ich zum Asozialen. Davon habe ich die Nase voll. Zumal mein Verein, dem ich 1962 nach vierjährigem Verlöbnis mein Ja-Wort gab und den ich 1964 zur deutschen Vizemeisterschaft führte, in letzter Zeit nur noch Scheiße baut. Man sitzt als geborener Erstligist im Tabellenkeller der dritten Liga fest. Und nach einer Niederlage folgt eine noch höhere Niederlage.

Dem Siebzigjährigen reicht es, aber der Elfjährige lässt nicht locker.

Wie krieg ich bloß den unreifen Halbwüchsigen aus mir raus? Gut, mein Verein könnte mir entgegenkommen und sich anlässlich seines bevorstehenden 120. Geburtstages auflösen. “Genug ist genug.” Aber das tut er ja nicht.

Ich muss mich wohl damit abfinden, bis zu meinem Tod ein Elfjähriger zu sein, wenn es um den Meidericher Spielverein geht.

Auf andere mag das lächerlich wirken. Für mich ist das alles andere als lächerlich.

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2 Antworten to “Gastbeitrag: Klaus Hansen hat den Meiderich-Blues”


  1. 1 Hanseator 29. Januar 2022 um 17:02

    Ein großartiger Beitrag, der etwas beschreibt, was wohl jeder kennt, der jahrelang mit seinem Verein durch Dick und (vor allem) Dünn geht.

    Ich drücke die Daumen, dass alles gut ausgeht, mögen die heutigen 3 Punkte die Initialzündung sein.

    Gefällt 1 Person


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