Mehr als unsympathisch – FC Ingolstadt

Ein Fußballspiel nur, doch das ist das Leben. Schon lange habe ich eine Niederlage nicht mehr derart ungerecht empfunden wie das 0:1 gegen den FC Ingolstadt. Alles in mir bäumte sich gegen das Ergebnis auf. Nicht weil ich ein Unentschieden als leistungsgerecht ansah, sondern weil dieser FC Ingolstadt die Grenzen des Spiels so weit gedehnt hatte, dass ich bei einzelnen Handlungen tatsächlich an gute Sitten und die Moral denken musste. Nicht die Moral als Stimmung in der Mannschaft, sondern die des richtigen Handelns. Der FC Ingolstadt trat als abschreckendes Beispiel für Kinder auf. Denn denen erzählen wir ja, was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Es gibt schmutzige Siege des Gegners, die ich respektiere. Das sind Spiele, in denen beide Mannschaften mit allen kämpferischen Mitteln ausloten, wie weit sie beim betreffenden Schiedsrichter gehen können. Dann gibt es aber auch solche Spiele wie gegen den FC Ingolstadt. Dieser Gegner suchte jeden Moment auch außerhalb des eigentlichen Spielgeschehens Vorteile für sich. Spieler und Trainer beeinflussten den Schiedsrichter wider besseren Wissens. Für Schauspieleinlagen „Sterben nach zarter Berührung“ sind wahrscheinlich in jeder Trainingseinheit 15 Minuten beim Warmmachen vorgesehen. Wahrscheinlich gibt es in Ingolstadt einen Medienraum mit Filmchen und gar Biografien in Buchform von irgendwelchen Selfmade-Erfolgsheinis, in denen was von „Regeln brechen“ und „ich will ganz nach oben“ erzählt wird.

Wenn aus der Emotion heraus Spieler und Trainer sich beim Schiedsrichter in strittigen Momenten für sich einsetzen, kann ich das verstehen. Wenn diese Beeinflussung in klaren Situationen immer wieder geschieht, wird daraus für mich ein System der Täuschung. Das Wesen der Ingolstädter Spielweise lässt sich beispielhaft an einer Spielszene vor der Ingolstädter Bank erklären. Der Gegnertrainer Rüdiger Rehm stand dort an der Außenlinie. Genau in seine Richtung sprinten ein Spieler der Zebras und dessen Gegenspieler zum Ball. Der Ingolstädter ist einen Moment schneller und klärt ins Aus. Rüdiger Rehm hat freien Blick auf seinen Spieler, der den Ball berührt. Dennoch reklamiert Rüdiger Rehm den Ausball für seine Mannschaft. Ein Automatismus, der seine Haltung zur Moral im Spiel verrät.

In Ingolstadt hat sich offensichtlich eine Spielkultur entwickelt, die für den Erfolg die Grenzen moralischen Handelns verschiebt. Und jetzt komme mir keiner, die Welt des Fußballs sei nun mal so. Nein, die Welt ist nur dort so, wo Menschen das leben. Man muss nicht diesen Ausball reklamieren, in der Hoffnung, Linien- und Schiedsrichter fallen darauf rein. Man kann es auch sein lassen, weil dieses Reklamieren der Versuch eines Betrugs ist.

Was reden wir über eine korrupte FIFA, über eine WM in Katar? Dabei kann man leicht hehre Worte sprechen und sich gut fühlen. Schwieriger ist es dort, wo man selbst Einfluss hat. Der Fußball der Dritten Liga etwa gehört zwar zum System Fußball, gleichzeitig ist er viel greifbarer für uns, ist er uns näher und verweist auf einzelnes Handeln, dem Widerstand entgegen zu bringen ist. Dahinter steht natürlich das romantische Bild, ein System auch von unten beeinflussen zu können. Das beginnt für mich bei solch kleinen überschaubaren Entscheidungen, ob ich einen offensichtlichen Ausball des Gegners für die eigene Mannschaft reklamiere.

In einem bürgerlichen Roman wäre dieses Spiel ein Kapitel etwa in der Mitte der erzählten Handlung. In einem bürgerlichen Roman wüsste ich, das dicke Ende für die Ingolstädter wird noch kommen. In einem bürgerlichen Roman würde diese Mannschaft am Ende in jenem Moment scheitern, in dem sie erneut mit solch unlauteren Mitteln den Erfolg fast erreicht hätte. Dass in einem solchen von mir erzählten Roman der MSV im Rückspiel den Versuch des Wiederaufstiegs endgültig zum Scheitern bringt, brauche ich euch nicht zu erzählen.

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