Gastbeitrag: Klaus Hansen mit einer WM-Prognose

Gestern noch schrieb ich davon, wie belanglos die Weltmeisterschaft für mich ist. Ein satirisches nederslandse liedje war der Soundtrack dazu. Wenig später las ich eine E-Mail von Klaus Hansen. Schon mehrere Male waren in diesen Räumen Beiträge von ihm zu lesen. Der 1948 geborene Sozialwissenschaftler Klaus Hansen besucht seit der ersten Bundesliga-Saison bis heute die Spiele des MSV. Der Fußball ist ihm immer wieder Anlass zu Essays und literarischer Kunst, so auch in dem Fall die Weltmeisterschaft. Klaus Hansen nimmt in seinem Text den Fußball ernst. Wertende Worte zu Katar fehlen dabei nicht. Für einen empirischen Sozialwissenschaftler bedeutet das auch seine Prognose mit von Daten gestützten Argumenten zu belegen. Bei allem Wissen um ihre Fehlbarkeit. Bitte schön!

Wer wird‘ s denn?
Eine Spekulation von Klaus Hansen

Es sind nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Fußball-WM. Aber kaum einer fragt, wie sie ausgehen wird. Alle fragen, und das schon seit 12 Jahren, wie konnte es nur Katar werden? Und es ist und bleibt ein Skandal, dass es Katar geworden ist.

Wir aber wollen fragen: Gibt es eine seriöse Methode für eine seriöse Prognose?
Wer wird Fußballweltmeister 2022?
Dass die Frage die Menschen weniger bewegt als noch vor vier, acht oder 16 Jahren, liegt an Katar. Und ist zugleich ein erster Erfolg von Katar: Fußball mag die schönste Nebensache der Welt sein, eine Hauptsache ist er nicht.

Wir Fußballfreunde schauen seit Jahrzehnten dem Fußballspiel zu und lesen die einschlägige Presse. Wir treten selbst gegen die Kugel und wissen, wie es ist, wenn der Ball seine eigenen Wege geht. Es muss sich doch ein Erfahrungswissen angesammelt haben, aus dem man etwas Vernünftiges machen kann, zum Beispiel eine Vorhersage mit Hand und Fuß zu treffen. Versuchen wir es also, Fußballliebhaber, die wir sind, „Amateure“ im Wortsinne.

Und was steht schon auf dem Spiel für uns? Wir haben nichts weiter zu verlieren als den Verdacht der Kennerschaft. Für den Laien ein Malheurchen, für Experten der Tod.

Die Lage
Das Teilnehmerfeld der diesjährigen WM besteht aus 32 Mannschaften.
Betrachtet man die WM-Turniere seit ihrem Anfang, 1930 in Uruguay, müssen wir feststellen, dass 19 von 21 bislang vergebenen WM-Titeln an sechs Länder gegangen sind, drei aus Südamerika und drei aus Europa: Brasilien, Argentinien und Uruguay; Deutschland, Italien und Frankreich.
Da bei der 22. WM in Katar Italien nicht dabei ist, reduziert sich der „geborene“ Favoritenkreis auf 5. Also fügen wir die die Einmal-Weltmeister von 1966 und 2010 noch hinzu, dann kommen wir mit England und Spanien auf einen Favoriten-Kreis von 7 Ländern.

Erfahrungswissen
Jetzt ziehen wir eine Erfahrungsregel hinzu, die besagt: „Spiele werden vorne gewonnen, Meisterschaften hinten.“ Auf eine lange Meisterschaftsperiode wie die Bundesligasaison mit 34 Spielen bezogen, trifft das sehr häufig zu: In der Endabrechnung hat der Meister in jedem Fall die wenigsten Tore kassiert, aber nur selten die meisten Tore geschossen.

Trifft die Regel auch auf ein kurzes Turnier mit maximal nur 7 Partien zu, wie es die WM ist? Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, hatte man ein Torverhältnis von 18:4; der Drittplatzierte, Holland, kam auf 21:11, drei Tore mehr geschossen als der Champion, aber fast dreimal so viele kassiert. Bei der WM 2010 in Südafrika genügten dem Sieger Spanien 8 Tore in 7 Spielen zum Sieg; der Dritte, Deutschland, kam auf fast doppelt so viele, auf 15 Treffer. Aber Spanien hatte nur 2 Gegentore bekommen, Deutschland hingegen 6. – Die Regel „Spiele werden vorne gewonnen, Meisterschaften hinten“ scheint also auch für kurze Turniere zu gelten.

Hinten dicht
Wenn es so ist, entscheidet sich WM 2022 in der Abwehr, nicht im Sturm. Wer von den 7 Mannschaften des Favoritenkreises hat die vermutlich beste Abwehr? Konzentrieren wir uns in der Bewertung auf die Positionen: Torwart, Innenverteidigung, Außenverteidigung und defensives Mittelfeld. Das Ergebnis fällt eindeutig aus:

1 Brasilien
Acht von 14 Spielern des Kaders für die genannten Positionen seien aufgezählt: Alisson – Telles, Marquinhos, Militao, Danilo – Guimares, Fabinho, Casemiro. – Größere individuelle Qualität hat in diesem Bereich keine andere Mannschaft.

2 Frankreich
3 England
4 Argentinien
5 Deutschland
Einzig auf der Torwartposition ist Deutschland besser besetzt als alle anderen Favoriten. Von den Defensivkräften erreichen allenfalls Rüdiger und Kimmich ein internationales Niveau. Von Süle, Schlotterbeck und Co. bleibt zu hoffen, dass sie „überraschen“.

6 Spanien
7 Uruguay

Geld gewinnt“
Nun sagt man in den nationalen Fußballligen zurecht: „Geld schießt Tore“. Man müsste ergänzen: „Geld verhindert auch Tore.“ Die Schlusstabelle einer Bundesliga-Saison ist immer auch eine Geldrangliste: Oben stehen die reichsten Vereine, unten die ärmsten.
Ausnahmen bestätigen die Regel.
Was lässt sich über die Geldrangliste der Nationalmannschaften sagen? Dazu nehmen wir die Spieler der einzelnen WM-Kader und addieren ihre Werte auf dem Transfermarkt. Dann ergibt sich folgendes Bild aus dem Gesindemarkt des Profifußballs:

1 England 1,3 Milliarden
2 Brasilien 1,2 MRD
3 Frankreich 1,1 MRD
4 Spanien 900 Millionen
5 Deutschland 885 MIO
6 Argentinien 633 MIO
7 Uruguay 451 MIO

Ergebnisse zählen
Die Fifa-Weltrangliste bewertet die Leistungen der Nationalmannschaften nach den Ergebnissen in der jüngeren Vergangenheit. In der aktuellen Rangliste (Stand: Oktober 2022) stehen die „geborenen“ WM-Favoriten in folgendem Verhältnis zueinander:

1 Brasilien 1841 Punkte
2 Argentinien 1774 Pkte
3 Frankreich 1760 Pkte
4 England 1728 Pkte
5 Spanien 1715 Pkte
6 Deutschland 1650 Pkte
7 Uruguay 1639 Pkte

Fazit
Berücksichtigt man alle Daten aus den Ranglisten, hat Brasilien die größten Chancen, Weltmeister zu werden, zumal, wenn man bedenkt, dass es die stärkste Defensive (und auch teuerste) besitzt. Aber Vorsicht! Der stille Vorbehalt des Waisen aus Kurpfalz, Josef Herberger, gilt auch hier: „Die besten 11 bilden noch nicht die beste Elf.“
Zugleich muss man sagen, dass für Deutschland spätestens im Viertelfinale Schluss sein wird. Am 11. Dezember fliegt die deutsche Nationalmannschaft nach Hause.
Da wir von den „geborenen“ Favoriten ausgegangen sind, tauchen zwei Mannschaften nicht auf, eben weil sie noch nie einen WM-Titel gewonnen haben, die aber in den genannten Ranglisten weit oben platziert sind: Portugal und Belgien. Sie dürfen darum als „Geheimfavoriten“ gelten, insbesondere Portugal wegen seiner Defensivstärke.

Alles in allem: Der Weltmeister 2022 spricht vermutlich Portugiesisch.

Katar
Gibt es den Bonus des Heimvorteils für das Ausrichterland? Denn immerhin haben 6 der 7 Favoriten einen Titel zu Hause gewonnen. Wie sieht es also für Katar aus? In den Ranglisten steht man weit hinten. Aber immerhin ist Katar amtierender Asienmeister. Die Mannschaft wird unter Verschluss gehalten. Als Ausrichter war man „gesetzt“ und musste keine Qualifikation bestreiten. Der Kader befindet sich seit langem in Klausur. Nur wenige Vorbereitungsspiele lassen nicht tief blicken. Aber der Vorbereitungsmodus selbst spricht dagegen, dass Katar eine große Rolle spielen kann: Ohne ernsthafte Wettkampfpraxis in den letzten 3 Jahren gewinnt man ein solches Turnier nicht.

Über Katar hinaus
Katar ist unter allen Staaten dieser Erde das Land der „Überfremdung“ schlechthin. Nur 10 Prozent der Einwohner sind auch Staatsbürger. 90 Prozent sind Fremde, eingewanderte „Gastarbeiter“. Der prognostizierte Sieger Brasilien macht aus den Verhältnissen in Katar ein Erfolgsmodell: 90 Prozent der Spieler des Kaders spielen im Ausland, vor allem in Europa, nur 10 Prozent in Brasilien. „Geht hinaus in die Welt und erobert diese“, so könnte das Fanal lauten, das von Katar ausgeht, „das wird die Euren zu Hause stolz machen!“ – Freilich werden nepalesische Gastarbeiter in Katar, die vom Kafala-System vielfach wie Sklaven gehalten werden, das anders hören als millionenschwere Brasilianer in Europa.
Einen „infrastrukturellen Schub“, wie ihn die WM 2010 für Südafrika gebracht hat – Ausbau von Straßen- und Schienennetzen, Modernisierung von Flughäfen – hat Katar nicht nötig.
Eine nachhaltige Veränderung des autoritären Herrschaftssystems, wie sie das Land aus westlicher Perspektive nötig hätte, wird die Fußball-WM nicht bewirken. Das war weder in der argentinischen Militärdiktatur so, 1978, noch in Russland 2018. Warum sollte es diesmal anders sein? Es fehlen die Anzeichen.
Katar wird zu einem Beweis der Widerstandskraft werden, die dem Fußballspiel innewohnt. Auch bestechliche Funktionäre werden diese Resilienz nicht korrumpieren können.
Dazu folgende Erinnerung: 2015 trug Katar die Weltmeisterschaft im Handball aus. Bis dahin war man über den 16. Platz bei einer WM (2003) nicht hinausgekommen; meistens war man jenseits der 20 gelandet. Durch Einbürgerung fremder (Alt-)Stars kaufte man sich eine Mannschaft zusammen, die es bis ins Endspiel schaffte und 2015 Vizeweltmeister wurde.
Aus dem Nichts zum Vize- oder gar Weltmeister, das wird es im Fußball nicht geben. Allein deshalb, weil der Ball etwas dagegen hat. Der Handballer spielt den Ball, aber der Fußballer spielt mit dem Ball. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Ihn ausführlich zu erklären, würde hier zu weit führen, mitten hinein ins Herz des Fußballspiels.
Dem Staat Katar, eine islamistische Monarchie, genügt es, das Turnier auszurichten; es zu gewinnen, steht nicht auf dem Plan des Emirs. Fußball ist ein Instrument des „Nation Branding“. Katar will weltbekannt und in aller Munde sein, weil darin ein Schutz der eigenen Souveränität vor nicht allzu wohlmeinenden Nachbarn gesehen wird. Das „größte Sportereignis der Welt“ (Fifa über Fifa-WM) als Existenzsicherung für ein Ländchen, halb so groß wie Hessen! – Dieser Coup ist dem autoritären Zwergstaat gelungen. Und die Fifa hat es mit sich machen lassen. Der Verlierer dieser WM ist der Weltfußballverband.

Vorhersagerei
Natürlich wissen wir nicht, wer sich während des Turniers verletzt und ob ein unbekannter Youngster dabei ist, dessen Stern in der Wüste aufgehen wird, so wie der des 17jährigen Pelé 1958 in Schweden. Natürlich spielt die Tagesform des einzelnen Spielers und das Funktionieren des Kollektivs die größte Rolle. Natürlich kann eine Unebenheit im ach so gepflegten Rasen dazu beitragen, dass der Ball verspringt und im Tor landet. Wie sind die Schiedsrichter in Form? Sie bilden inzwischen ein technologiebewehrtes Konsortium in Mannschaftsstärke. – Die Unwägbarkeiten sind zahllos. Keine Expertise der Welt kann sie alle berücksichtigen. Eine Unwägbarkeit fällt allerdings weg: das Wetter. Es wird die erste Fußball-WM sein, bei der das Wetter für alle gleich ist, gleich sonnig, trocken und klimatisiert, an allen Tagen, an allen Orten. Der Beitrag zum Ökozid, der damit geleistet wird, ist bekannt.
Fußball ist der Sport, der am häufigsten alle Prognosen über den Haufen wirft. Das macht seine besondere Faszination aus. Darum sollte es uns nicht wundern, wenn am Ende unsere ganze Vorhersagerei das Papier nicht wert war, auf der sie stand. – Und die Söhne Nippons sich feiern lassen.

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