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Halbzeitpausengespräch: HEROES Duisburg – Gelingende Vielfalt der Kulturen

Als ich nach dem Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo davon schrieb, wie auch für die Fußballwelt in diesen Räumen hier das Recht auf Meinungsfreiheit wichtig ist, dachte ich an politisch gefärbte Auseinandersetzungen in den Stadien. Ich dachte an die Zuschauerränge, auf denen Gewalt genutzt wird, um Konflikte zu entscheiden. Deshalb schrieb ich von diesem schützenswerten allgemeinen Prinzip unserer Gesellschaft. Gleichzeitig rückte damit der Zusammenhang des Terroranschlags in die Ferne.

Ich war mit meinem reflexhaften Wunsch, diesem Terror das Beharren auf die Grundwerte dieser Gesellschaft entgegen zu stellen im Einklag mit den klassischen Medien, mit fast allen Politikern, mit unzähligen Europäern. Als Grundbass dieser Tage nach dem letzten Mittwoch wummerte das von überall her. Über diesen Grundbass legte sich das Reden über den Islam. Dieses Reden sollte das Unfassbare begreifbar machen. Immer wieder ging es um zukünftige Gefahren, um Pflichten der Muslime, um Verantwortung der Gesellschaften gegenüber den Muslimen. Bald fehlte mir in diesem Reden das Konkrete im Alltag. Überall wurde es zu theoretisch, zu abstrakt. Vor allem fehlte mir das Gelingen immer mehr.

Auch mit diesem Bedürfnis war ich nicht alleine. Journalisten suchten ihre Geschichten. In den sozialen Netzwerken wurden  Momentaufnahmen der Pariser Demonstration geteilt, die das friedliche Miteinander der verschiedenen Religionen zeigen. Doch haftet solchen Momentaufnahmen das Anekdotische an. Zu jedem Gelingen lässt sich eine Geschichte des Misslingens erzählen. Wirksam werden Geschichten des Gelingens für eine Gesellschaft immer nur  dann, wenn sie eingebettet sind in eine Struktur dieser Gesellschaft. Das Geschehen der Momentaufnahme verflüchtigt sich sonst.

In Duisburg gibt es über die HEROES Duisburg die Geschichte solch einer Struktur zu erzählen. Es ist eine Geschichte des Gelingens. Ich muss allerdings hinzufügen, ich bin Partei in dieser Geschichte. Einer ihrer zentralen Orte ist das Jugendzentrum Zitrone in Obermarxloh, wo ich seit Jahren einmal in der Woche bin, um Kinder und Jugendliche zu „schönen Worten“ anzuregen. Wer mein Schreiben hier aber kennt, wird wissen, dass ich das, was ich wertschätze, nicht vorbehaltlos bejubel. Anlass zu Kritik wird von mir nicht verschwiegen. Von daher bietet meine Sympathie mit und Nähe zu den Verantwortlichen dieses Projekts vor allem die Gelegenheit zur Innensicht über einen langen Zeitraum.

Bei den HEROES machen sich per Schneeballprinzip Jugendliche und junge Männer aus sogenannten „Ehrkulturen“ mit aufklärerischem Denken vertraut. Die Religion ist dabei nur Teil all dessen, was im Alltag der Teilnehmer wirksam wird. Es führt hier zu weit, die Arbeit in diesem Projekt genau zu beschreiben. Auf der oben verlinkten Seite ist dazu einiges zu erfahren. Es gibt Zeitungsartikel bei der Funke-Gruppe  mit WAZ/NRZ, hier und dort, sogar einen Wikipedia-Beitrag zum Weiterlesen. Bei der WDR-Lokalzeit Duisburg ist heute und morgen in der Mediathek noch ein Beitrag zu finden. Ein Gruppenleiter der HEROES sprach stellvertretend für Muslime nach dem Terroranschlag im WDR-Studio.

Was vielleicht wie eine beliebige Maßnahme zur Integrationshilfe und Gewaltprävention aussieht, trägt zu einem grundlegenden Wandel in unserer Gesellschaft bei.  Gestern wiederholte Angela Merkel, der Islam gehöre zu Deutschland, entsprechend gilt es das aufklärerische Denken dieses Islam zu stärken. Auf nichts anderes verweist der Berliner Psychologe und Jugendarbeiter Ahmad Mansour in einem lesenswerten Interview mit der Berner Zeitung. Es kommt nicht von ungefähr, dass dieser Vertreter eines aufgeklärten Islam bei den HEROES Berlin mitarbeitet.

Wandel kann nicht erzwungen werden. Wandel geschieht nur aus dem Inneren der Ehrkulturen heraus. Zu HEROES kommen die Jugendlichen aus eigenem Antrieb, und sie begegnen Menschen, die selbst auf ihrem Weg im Leben sich mit dem Islam und traditionellen Verhaltensmustern ihrer Herkunftskulturen auseinander gesetzt haben. Natürlich brauchen sie Hinweise auf das Projekt. Doch niemand sagt ihnen, dorthin müsst ihr gehen, damit ihr nicht vom sozial verträglichen Weg abkommt. Bei den HEROES geht es nicht um Defizite. Die Jugendlichen und jungen Männer möchten von sich aus den kritischen Umgang mit Werten, die das Leben ihrer Eltern bestimmt haben. Deshalb verändert das Projekt nicht nur das Denken jedes einzelnen Teilnehmers. Es verändert Gesellschaft, weil es aufklärerisches Denken unter muslimisch stämmigen Jugendlichen stärkt.

Natürlich gibt es über diese kulturellen Fragen hinaus die soziale Frage. Diese Jugendlichen brauchen Möglichkeiten in dieser Gesellschaft, Arbeit und Anerkennung zu finden. Doch das eine schließt das andere nicht aus. Deshalb läuft die Kritik an diesem Projekt für mich ins Leere. Irgendwo muss schließlich begonnen werden mit der Veränderung des Denkens. Eine notwendige Struktur dafür wurde in Duisburg von den Verantwortlichen im Jugendzentrum Zitrone geschaffen  – auch mit Unterstützung des Jugendamtes. Die Veränderung aus dem Innereren der Ehrkulturen heraus braucht eben auch begleitende Unterstützung außerhalb dieser Ehrkulturen durch Institutionen und Menschen des größeren, anderen Teils der Gesellschaft.

 

Die folgenden Clips geben kurze Einblicke, was bei den HEROES  geschieht:

 

 

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Halbzeitpausengespräch: Gutes tun und darüber sprechen – 20 Jahre Jungs e.V.

In diesen Zeiten kann man nicht oft genug vom Gelingen in einer Gesellschaft reden. Man kann nicht oft genug über jene Orte sprechen, wo jungen Menschen unterschiedlicher Herkünfte zu innerer Stärke verholfen wird, wo humanistische Werte und freies Denken die Grundlage eines Miteinanders verschiedener Kulturen sind.

Vorletzten Freitag feierte Jungs e.V. im Meidericher Parkhaus ein Jubiläum. Vor zwanzig Jahren wurde der Verein gegründet, in dem sich die Mitglieder für die pädagogische Arbeit mit Jungen engagieren wollten. Denn Jungen und deren besondere Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden waren in den Institutionen der Jugendhilfe und den Schulen aus dem Blick geraten. Das Augenmerk für die Benachteiligung von Mädchen in dieser Gesellschaft besaß unbeabsichtigte Nebenwirkungen.

Holger Venghaus (links) und vier weitere Gründungsmitglieder von Jungs e.V.

Gründungsvorstand Holger Venghaus erinnerte zur Eröffnung des Abends an die Anfangsjahre des Vereins mit einer persönlichen Geschichte. Er hatte den neu gegründeten Verein bei Radio Duisburg im Interview vorgestellt und die Bedeutung von Jungenarbeit mit eigenen Erfahrungen im Elternhaus erläutert. Die Söhne hatten immer auf den in Wechselschicht arbeitenden Vater Rücksicht zu nehmen. Selten war dieser greifbar. Die Mutter verwies bei größeren Vorkommnissen an den Vater. Als Sohn hatte er sich später bewusst mit dem Männerbild seines Elternhauses auseinander gesetzt. Um diese Auseinandersetzung ging es bei der Jungenarbeit auch. Seine Eltern aber hatten am Radio das Interview gehört. Sie waren erschrocken und sorgten sich, ob sie als Eltern zu viel falsch gemacht hatten. Das wiederum führte zu vielen, zum Teil anstrengenden Gesprächen und zu einem gefestigteren Miteinander.

Solch in der persönlichen Geschichte aufscheinendes gegenseitige Verständnis ist schwierig. Dazu bedarf es auch der Bereitschaft in der Elterngeneration. Leichter gelingt das Stärken eines jungen Menschen alleine. Waren das zunächst Jungen in sozial benachteiligten Vierteln Duisburgs, so kümmert sich der Verein in den letzten Jahren zudem um das Projekt Heroes, von dem auch in diesen Räumen schon mehrmals die Rede war. Bei den Heroes machen sich per Schneeballprinzip Jugendliche und junge Männer aus sogenannten „Ehrkulturen“ mit aufklärerischem Denken vertraut. Die Religion ist dabei nur Teil all dessen, was im Alltag der Teilnehmer wirksam wird.

Zu den Erfahrungen in so einer Gruppe gehört auch der künstlerische Ausdruck, wie Soufian El Abdouni und Emre Bayanbas eindrucksvoll bewiesen. Beide gehörten zur Duisburger Heroes-Gruppe des letztes Jahres und zeigten sich beim Poetry Slam als talentierte Sprachkünstler. Berührend ließ Soufian El Abdouni die anwesenden Gäste an seinen Erfahrungen teilhaben. Im steten Wortfluss gestaltete er das Bild des heranwachsenden Außenseiters, ein sensibler Junge in einer Welt, die etwas anderes erwartet, als er es selbst in sich spürt. Er sprach von der Hoffnung auf einen eigenen Weg, er sprach von Freiheit und Offenheit des Denkens. Das war Wortakrobatik, wie man sie in diesem Alter nicht oft zu hören bekommt.

Für dasselbe Thema nutzte Emre Bayanbas eine ganz andere Sprache. Er griff auf die hohe Sprache klassischer Dramenliteratur und des Sturm und Drang zurück. Dieser literarische Weg ist auf andere Weise selten. Seine Worte sind nicht alltagsnah. Sie sind gefährdeter im Versuch der Kunstfertigkeit. Der Beifall war für beide groß.

Es ist ein schöner Zufall, dass gestern bei Zeit online eine Reportage über junge Muslime in Auschwitz online gestellt wurde, ein weiteres von Jungs e.V. gefördertes Projekt. Von der Landeszentrale für politische Bildung gibt es eine kurze Dokumentation zu einer der Fahrten in diesem Projekt.

 

Erwähnen möchte ich zudem noch eins: Die Arbeit von Jungs e.V. und des Heroes-Projekts wäre ohne das Jugendzentrum Zitrone in Obermarxloh sehr viel schwieriger. Hier gibt es einen weiteren Ort, wo für die Projekte von Jungs e.V. auch gearbeitet wird. Deshalb sind Jugendzentren in Städten von besonderem Wert. Gründungsvorstand Holger Venghaus arbeitet in diesem Jugendzentrum, Susanne Reitemeier-Lohaus, das erste weibliche Mitglied von Jungs e.V., ebenfalls. Die Stadt hält solche Jugendzentren offen und erachtet sie auch als notwendig.

Dennoch wird in einer Stadt wie Duisburg das Gemeinschaftliche mehr als in reicheren Städten über die Arbeit in Vereinen hergestellt. Auch wenn es innerhalb Duisburgs in der Form gar nicht wahrgenommen wird, bürgerliches Engagement ist in der Stadt selbstverständlicher als in reicheren Städten. Nur heißt das in Duisburg meist nicht so. Es wird oft als Feuerwehrmaßnahme in der armen Kommune empfunden und nicht als selbstbewusstes Handeln in jeglicher Gesellschaft. Auch in den Medien wird in solchen Fällen häufig nur das Defizitäre in den Blick genommen. Zu selten geht es um die Vereinsarbeit, die den Alltag einer Stadt lebenswert macht. Was nicht heißt, die rosa Brille aufzusetzen. Jungs e.V. steht für viele dieser Vereine in Duisburg, die sich Schwierigkeiten der Gegenwart ohne Larmoyanz stellen. Ihre Geschichten müssen erzählt werden.

 

 

 

 

Akzente inoffiziell: Coexist heißt versöhnen – Ein Theaterstück muslimischer Duisburger Jugendlicher

Im Januar hatte ich schon einmal in einem Halbzeitpausengespräch auf die HEROES Duisburg als einem besonders eindrucksvollen Duisburger Beispiel von gelingender Vielfalt von Kulturen hingewiesen. Nocheinmal in Kürze: Bei den HEROES machen sich per Schneeballprinzip Jugendliche und junge Männer aus sogenannten “Ehrkulturen” mit aufklärerischem Denken vertraut. Die Religion ist dabei nur Teil all dessen, was im Alltag der Teilnehmer wirksam wird. Einige dieser HEROES haben im Herbst letzten Jahres an einer vom Ofju e.V., dem Verein für Offene Jugendarbeit Neumühl, verantworteten Fahrt nach Auschwitz  teilgenommen. In einem West ART-Beitrag vom WDR lassen sich Eindrücke von dieser Fahrt gewinnen. 

In der Zeit danach haben fünf der muslimischen Jugendlichen zusammen mit der Theaterpädagogin Marina Gerber das Theaterstück Coexist entwickelt. Die Premiere hat bereits stattgefunden. Auftrittsmöglichkeiten werden aber weiter gesucht. Auch zu diesem Theaterprojekt gibt es einen West ART-Beitrag von Anke Wolf-Graaf. Mit einem Klick geht es weiter zu diesem Beitrag in der Mediathek des WDR. Leider kann ich ihn nicht einbinden, also weiterklicken, denn es lohnt sich, die knapp 7 Minuten anzusehen. Junge Duisburger fühlen sich verantwortlich für das Zusammenleben in ihrer Heimat und wollen in die Stadtgesellschaft hineinwirken.

Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.


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