Archive for the 'Das Spiel – Außerhalb der Stadien' Category

Groundhop at Voith-Arena – FC Heidenheim v MSV Duisburg

Adam Thurston ist Anfang 20 und kommt aus Bristol, England. Er ist Groundhopper. Samstag war er in Heidenheim und hat den Auswärtssieg des MSV gesehen. Sein Clip ist um Klassen besser als jener, den ich vorgestern gepostet habe. Vorgestern hat der Versuch von LaMaTV sich als youtuber des Groundhoppings und Ultra des MSV zu präsentieren bei einigen Anhängern des MSV zu großem Unmut geführt. Was ich angesichts der Qualität des Clips erwartet hatte. In meinem Alter habe ich allerdings einen milden Blick auf solche Versuche.

Diesen milden Blick braucht Adam Thurston nicht. Mit Vergnügen habe ich mir seinen Clip angesehen vom „Bundesliga two match between FC Heidenheim and“ – er muss sein Ticket herausholen und liest ab – „Emeswi Düsbörg…never heard it before“.  Das gestern problematisierte ungefragte Filmen von Fans in Kurven ist natürlich bei diesem Clip ebenfalls ein Thema. Wobei Adam Thurston sich des Problems bewusst ist.

Seine Bilder vom Support der Heidenheimer werden immer wieder unterbrochen von eigenen Kommentaren, vom Zoom auf die Gästekurve, und sie werden eingerahmt durch Impressionen aus Heidenheim. Darüber hinaus wirkt er sympathisch in seinem Bemühen im Heidenheimer Block heimisch zu werden. In Duisburg erleben wir so etwas ja auch immer wieder, wenn Groundhopper zu uns die Kurve kommen. Am auffäligsten geriet das vor geraumer Zeit, als schottische Fans uns bei einem Drittligaspiel unterstützten

Schade, dass Adam Thurston nicht in der Gästekurve war. Jetzt kennt er ja den MSV Duisburg. Vielleicht sehen wir ihn einmal bei dem Verein, dessen Namen er jetzt kennengelernt hat und vielleicht bleibt Duisburg dann länger in Erinnerung als Heidenheim – ein Name, den er bald nach dem Spiel schon nicht mehr wusste.

Neben Adam Thurstons Channel bei Youtube gibt es auch einen Blog, den er bis April gefüllt hat.

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Fußballfans sind Fußballfans in München, Braunschweig und demnächst woanders

Schon lange warte ich auf die Gelegenheit mal einen schönen Satz des SZ-Journalisten Jens Bisky zu zitieren. Ich wollte diesen Satz nicht für eine Kleinigkeit vergeben. Die reflexhaften Stellungnahmen zur Fangewalt nach den Relegationsspielen sind keine Kleinigkeit. Heute kann ich diesen Satz endlich verwenden. „Keine Ahnung, aber viel Meinung, das ergibt Bescheidwissen.“ So ist es.

Wussten doch viele Bescheid, wie man verhindern kann, dass Sitzplatzschalen auf das Spielfeld fliegen, wie in München bei der Niederlage von 1860 im Relegationsspiel gegen Regensburg geschehen. Der Vereinspräsident von Hannover 96 Martin Kind weiß das etwa ebenso wie Niedersachsens SPD-Innenminister Boris Pistorius, der sich schon mal warm-meint für den Bundestagswahlkampf. Wie verhindert man also, dass jemand seine Sitzplatzschale wirft? Das liegt bei Sitzplatzbesuchern ja auf der Hand. Als wirklich nur äußerste Maßnahme wären die Stehplätze eben abzuschaffen. Ich wiederhole das, damit wir alle das besser verstehen. Sitzplatzschale auf dem Feld: böse. Deshalb Stehen: böse. Und Sitzen? Tja… Denkt lange drüber nach. Man braucht einige Zeit für diese besondere Erkenntnis.

Das Leben ist aber auch kompliziert, und die Empörung über Fangewalt groß. Da helfen zwischendurch immer mal wieder einfache Rezepte. Dann weiß die Welt, notfalls haben die Verantwortlichen alles im Griff. Anwenden will man es ja nicht, doch es bringt ein gutes Gefühl, wenn man weiß, wo das Böse des Lebens sich gerade aufhält. Schließlich wird sonst der Fußball kaputt gemacht. Von den Bösen eben. Da sind sich alle einig. Natürlich weiß das auch Peter Neururer, wie er zu allem eine Meinung hat. Ihm blieb es in einer Kolumne für BILD vorbehalten, keine Ahnung zu haben und einen Gewaltreaktions-Klassiker variierend hervorzukramen. Variierend deshalb, weil er alle gewaltbereiten Fans zunächst als Ultras ansprach und dann erst zur alten Leier anhob, diese Menschen nun seien keine Fans sondern Kriminelle.

Er schreibt das leicht dahin, weil er sich nicht nur mit den Fußballverantwortlichen sondern auch mit vielen Besuchern eines Fußballspiels einig weiß. So eine Ausgrenzung erleichtert sehr. Was soll auch der Fußball selbst mit solchem Verhalten zu tun haben? Das aber ist die interessante Frage. Denn sogar wenn Menschen im Stadion kriminell werden, bleiben sie dennoch Fußballfans. Das will keiner im Fußball gerne wahrhaben. Ich übrigens auch nicht. Niemand sagt zu einem Autofahrer, der illegale Rennen fährt und Menschen gefährdet, er sei kein Autofahrer. Er ist aber ein Autofahrer, der sanktioniert wird. So einfach ist das.

Da wir das nun geklärt haben, können wir uns der interessanten Frage zuwenden. Allerdings will ich hier nicht den Fußballnostalgiker geben, der den Kommerz beklagt und die Tradition gegen das Produkt der Unterhaltungsindustrie ausspielt. Das wäre etwas zu einfach. Ich will mich nicht über einen Fußball mokieren, der als Teil der Unterhaltungsindustrie zu Auswüchsen führt, die mich nicht mehr interessieren. Es sei denn mein eigener Verein gerät in die Nähe seiner Möglichkeiten. Schon stecke ich in all den Widersprüchen, die dieser Fußball der Gegenwart aufwirft. Das ist aber ein anderes Thema.

Mir geht es um Gefühle und Bedeutung; Gefühle, die Vereine wecken wollen sind zugleich Gefühle, die von Fans als wesentlich für ihre Identität angesehen werden. Die Komplizenschaft von Unterhaltungsindustrie und Tradition sollte sofort einsichtig sein. Wo an der Oberfläche die Gegensätze zelebriert werden, halten sich die Beteiligten, ohne es sich zuzugestehen, unter dem Tisch an der Hand. Wovon sprechen noch mal all die Vereinsclaims in diesem Fußball der Gegenwart immer wieder? Da wird die Liebe beschworen, die Leidenschaft, die Treue und die Absolutheit des Allumfassenden, das der Verein sein soll. Diese Worte kommen nicht von ungefähr. Sie sind schon immer im Reden der Fans aufgetaucht. Fans wurden Reportagen gewidmet und die Sympathie für solche Haltung schwang immer mit. Erst der Fußball der Gegenwart erlaubt es aber nun den Fans, solche Selbstbeschreibung als sozialen Wert zu empfinden. Denn im Wechselspiel mit der Bedeutung, die der Fußball in dieser Gesellschaft erhalten hat, werden diese Gefühle mehr als eine persönliche Sache. Sie werden sinnhaft über den Sport hinaus. Aufmerksamkeit, Wirksamkeit sind hier die Stichworte, auf die ich noch zu sprechen komme.

Wenn Vereine also die Fan-Bindung mit dem Bedeutungsspektrum der Liebe aufladen, darf sich niemand wundern, dass das gesamte  mit der Liebe verbundene Handeln im Stadion wirklich werden kann. Wer von Liebe spricht, kann auch entäuscht werden. Auf enttäuschte Liebe reagieren Menschen sehr verschieden. Die Menschen lieben zudem nicht immer so selbstlos wie es idealerweise  sein sollte. Es erstaunt mich doch sehr, wie ungläubig Vereinsverantwortliche angesichts der Gewalt beim Versagen ihrer Vereine oft wirken. Es ist doch nur Fußball, sagen sie und blenden völlig aus, dass sie für die Emotionalisierung des Geschäftsbetriebs Fußball ständig das komplette Gegenteil erzählen. Was für eine Heuchelei.

Allerdings können sich Fans mit ihrem Blick auf das Geschehen nicht besser fühlen. Sie wissen nichts davon, dass der Bedeutungsgewinn des Fußballs in dieser Gesellschaft auch ihre Identität aufwertet. In unserer Gegenwart trägt Aufmerksamkeit zum Selbstwert bei. Diese Aufmerksamkeit erhalten junge Menschen in Fußballstadien auf eine Weise wie sie sonst in dieser Gesellschaft kaum so leicht zugänglich ist. In Fußballstadien erleben junge Menschen, dass ihr Handeln von Bedeutung ist. Dieser Bedeutungsgewinn geschah aber nur, weil der Fußball sich immer mehr als Produkt der Unterhaltungsindustrie positionierte.

Wenn der Fußball dieser Gegenwart kaputt geht, dann geht er als System kaputt. In einem solchen System zeigen die Beteiligten dann mit den Fingern gegenseitig auf sich. Die Beteiligten am Rand des Systems gibt es auch, keine Frage. Doch wie gesagt, ich bin hier nicht als nostalgischer Kulturkritiker unterwegs. Ich wollte nur auf zwangsläufiges Verhalten hinweisen, mit dem umgegangen werden muss. Die Mittel dazu gibt es – von Sozial- und Jugendarbeit bis hin zur Strafverfolgung und, bitte schön, in Zukunft keine zur Schau gestellte Empörung mehr von Verantwortlichen des Fußballs oder Politikern.

Andres-Görkes-Cup bringt Koss-Comeback nach 24 Jahren

Nächste Woche Freitag gibt es für den von Zebraherde und Fanprojekt veranstalteten Andreas-Görkes-Cup ein Auftaktprogramm, mit dem an Michael Tönnies erinnert wird.  In Ruhrort am Sportplatz des Ruhrorter Turnvereins liest Jan Monhaupt aus der von ihm geschriebenen Biografie. Michael Wildberg und der Koss im Jaratz werden mit auf der Bühne sein, damit Erinnerungen weiteres anekdotisches Futter bekommen.

Samstag gibt es dann das Turnier der Fanclubs samt Einlagenspiel der Traditionsmannschaften. Unten habt ihr das Ganze nochmals als Ankündigungsplakat mit den entsprechenden Zeiten. Ich gehe dort übrigens nicht mit einem nur wenig verhüllenden weiteren Pseudonym vors Publikum – ein bei all der Vorbereitungsarbeit nachsehbares Versehen bei der Plakatproduktion.

Bei dem Turnier sieht Ruhrort am Samstag zudem ein nicht mehr gedachtes Comeback. Nachdem Ralf Koss sich vom Fußball als Aktiver zurückgezogen hatte, spielte er nur noch Basketball und widmete sich dem Fußball aktiv unter einem Pseudonym ausschließlich mit Worten. Kaderengpässe beim FC Innenhafen machen nun eine Reaktivierung nötig. Wir werden sehen, ob ihm die Tore nicht viel zu groß vorkommen, um erfolgreich zu sein.

 

Bild könnte enthalten: Text

Aufstiegsgedenktafel am Südstadion

Meine Wege in Köln führen mich immer wieder mal am Südstadion vorbei. Zu meiner Überraschung erinnert dort die Fortuna mit einem Plakat an den Tag des Aufstiegs vom MSV. Ich hielt sofort an, stieg vom Fahrrad ab und gedachte still des für die Zukunft des MSV so bedeutenden Tages. Ein Foto habe ich dann auch noch gemacht.

Das ist eine schöne Geste für jeden MSV-Fan, auch wenn Plakatpapier sehr witterungsanfällig ist. Vielleicht findet sich ja mit der Zeit ein Sponsor für eine Steintafel mit eingemeißeltem Text. Bronze- oder Kupfertafel gefielen mir persönlich weniger gut. Ihr könnt euch ja schon mal den geeigneten Text überlegen.

Gastbeitrag: Klaus Hansen überfällt die „Postsaisonale Melancholie“

In gewisser Weise geht es heute schon wieder um eine Debatte – nämlich die, wie sich der Fußball als Unterhaltungsbranche entwickelt und was dabei verloren geht. Nachdem sich Klaus Hansen über den Aufstieg des MSV gefreut hatte, wurde er wehmütig und hat die Gründe dafür im Fußball der Gegenwart gefunden. Dabei hatte er zunächst nur über die Spielweise des MSV nachgedacht. Allerdings muss ich hinzufügen, Klaus Hansen hatte das letzte versöhnliche Spiel gegen Zwickau noch nicht gesehen, als er den Text geschrieben hatte. Der Sozialwissenschaftler Klaus Hansen kommt seit der ersten Bundesliga-Saison zu den Spielen des MSV. Mehrmals waren in diesen Räumen hier schon Gastbeiträge von ihm zu lesen.

Postsaisonale Melancholie

Paul Auster sagt, dass es im Sport „Gewinner und Verlierer gibt“; aber das ist banal. Nicht banal und geradezu tiefgründig ist seine Feststellung: Im Sport gibt es „viel mehr Verlierer als Sieger“. Eine Erkenntnis, die selbst auf höchster Erfolgsstufe gilt: Bayern München hat 27mal die die Deutsche Fußballmeisterschaft errungen – 83mal aber nicht. Real Madrid hat 11mal das europäische Championat gewonnen – 51mal aber nicht. Brasilien ist 5mal Weltmeister geworden – 15mal aber nicht.

Was Paul Auster nicht wissen kann, weil er Amerikaner ist und die großen amerikanischen Sportarten kein Unentschieden kennen, ist die Tatsache, dass nicht verloren haben muss, wer nicht gewonnen hat. Der genossenschaftlichen Punkteteilung sei Dank! (Leider durch die 3-Punkte-Regelung verwässert.) Das Remis erlaubt es sogar, dem Nichtverlieren Priorität vor dem Gewinnen einzuräumen.  Dazu passt natürlich die Zielsetzung für die kommende Saison in der 2. Liga: nicht absteigen!

Ans Gewinnen denkt in Meiderich schon lange keiner mehr. – Wie kann ein Verein ohne Titel, dem der Glauben abhanden gekommen ist, je auch nur einen Titel von Belang erringen zu können, vor seinen Fans, zumal den nachkommenden, bestehen? Indem er ohne Unterlassung für Spannung sorgt. Schon seit Jahren ist der Abstiegskampf in der Bundesliga spannender als der Meisterschaftskampf, und darum interessanter.

Sorgt für Spannung, Zebras, und überwindet den „Beamtenfußball“ dieser Saison, geht Risiko ein, macht Dinge, für die euch der liebe Gott nicht vorgesehen hat! Und wenn es nach unten geht, aber spannend, bleiben auch die Fans bei der Stange. Denn mit eben dieser Spannung kann es auch wieder nach oben gehen. – Dies schreibt ein Herzensfan, der alle ökonomischen Belange des modernen Fußballs hier einmal außen vor lässt.

Aber wir alten Fans, die wir zwischen 60 und 70 sind, kommen alle aus dem Amateurfußball, der uns geprägt hat. Vielleicht ist es gut, dass wir aussterben. Denn der Berufsfußball kann mit uns und wir mit ihm wenig anfangen. Die neuen Fußballfans sind von ESC-Fans nicht mehr zu unterscheiden. Die neuen Stadion-Sprecher – siehe RB Leipzig – sind von glamourösen Show-Moderatoren des Unterhaltungsfernsehens auch nicht mehr zu unterschieden. Das geht alles in eine Richtung, die nicht mehr meine Richtung ist. Das Schlimme ist die Ausweglosigkeit. Ich gehe zu einem Spiel letzten Kreisklasse Rhein-Erft, wo man nicht mehr absteigen kann, weil es darunter nichts mehr gibt. Aber auch da tragen die Spieler Trikots mit Sponsoren-Namen auf der Brust; selbst da bedankt man sich vor dem Anpfiff über Megaphon beim edlen Spender, „der für das heutige Spiel den Ball zur Verfügung gestellt hat.“ Der Fußball als Werberahmenprogramm ist nicht mehr mein Fußball.

Mit welcher Botschaft weht eine türkische Fahne im MSV-Stadion?

Ein Debattenkommentar von Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen Zeitung gibt nun den Ausschlag. Zeiten wie diese, so meint er, bräuchten mehr Deutungsmut. Sie bräuchten mehr Interpreten und zwar solche, die nicht eitel auf ewige Wahrheiten schielen, sondern einfach „frohen Mutes den klügstmöglichen Vorschlag zum Weiterreden und Weiterdenken machen.“ Ich nehme ihn also mal beim Wort und versuche mich in einer solchen Deutung, weil mir seit dem Spiel am Samstag eine türkische Fahne nicht aus dem Kopf geht.

Ich vermute, Familie und Freunde von Tugrul Erat saßen auf der Tribüne. Jemand aus der Gruppe schwenkte während des Spiels schon sehr ausdauernd die türkische Fahne. Tugrul Erat hat einen türkischen Pass. Sie galt ihm als Unterstützung, und diese Fahne kann natürlich alleine seine Wurzeln in der türkischen Kultur ausdrücken. In etwa so wie ich in Köln meine Verbindung zum Ruhrgebiet weiter pflege und sie mit meinem Kölnersein munter mische. In so einem Sinne wäre es kein Problem, dass Tugrul Erat nach dem Schlusspfiff die Fahne gegeben wurde und er sie sich vor der Ehrung umhing.

Die Pfiffe im Stadion in dem Moment zeigten aber schon, es gibt sehr wohl ein Problem. Diese Fahne der Türkei trägt in den letzten Wochen mehr als die Botschaft türkischer Kultur in die Welt. In den letzten Wochen hat diese türkische Fahne im öffentlichen Raum  eine politische Botschaft transportiert. Die türkische Fahne war von den Anhängern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan okupiert worden.

Wer die türkische Fahne in der deutschen Öffentlichkeit zeigte, wollte damit auch seine Unterstützung der Politik Erdoğans zeigen. Der türkische Staatspräsident schafft die Demokratie in der Türkei ab. Der Terrorismusverdacht ist sein Mittel, um die Meinungsfreiheit im Land zu unterbinden. Eine freie Presse ist so gut wie verschwunden. Unzählige Journalisten sind in Haft. Rechtsanwälte geraten in Gefahr, wenn sie auf die Einhaltung von Gesetzen drängen. Willkürverhaftungen sind an der Tagesordnung. Enteignungen gibt es. All das ist bekannt und wird in der deutschen Presse immer wieder von sehr unterschiedlichen Stimmen berichtet. Deutsche Journalisten schreiben darüber. Deutsche Zeitungen geben unabhängigen türkischen Journalisten und Schriftstellern Platz, damit sie über ihre Erfahrungen schreiben können. Zum Teil sind diese Menschen aus der Türkei geflohen. Der deutsch-türkische Korrespondent der Welt Deniz Yücel sitzt seit Wochen in Haft.

All das steht momentan mit der türkischen Fahne als Botschaft in der Öffentlichkeit. Ich will kein Wasser in den Meisterschaftsfeierwein schütten. Dennoch möchte ich in Zeiten wie diesen so eine Botschaft nicht auf dem Rasen meines Vereins sehen. Später hat Tugrul Erat die Fahne zusammengefaltet. Vielleicht ist ihm dann erst der Gedanke gekommen, was diese Fahne zur Zeit alles auch bedeutet. Es mag sein, dass andere weniger empfindlich sind und nur die Freude des Moments sehen. Ich bin so empfindlich, weil ich sehe, dass in Europa überall demokratische Werte von immer mehr Menschen nicht mehr als notwendige Bedingungen für die eigenen Lebensmöglichkeiten angesehen werden. Deshalb müssen wir über diese türkische Fahne auf dem Rasen des Stadions reden.

Gestern war der Fußball König

Jeder Fußballnachmittag im Stadion hat seine Liturgie. Der DFB als Kirche des Fußballizismus wirkt dabei als ordnende Instanz. Als ich gestern an die Lesung bei Tausendundein Buch gedacht habe, gefiel mir die Vorstellung für solch eine Lesung mit Fußball-Texten eine Liturgie zu begründen. Wenn schon der Stadionbesuch Messfeiern gleicht, müsste doch auch einer Lesung dieser Geist innewohnen. Lobpreisende Worte, ritualhafte Gesänge, und schon sind wir auf dem Weg zu einer freien Kirche des Fußballizismus.

Nach dem Anpfiff alles möglich – Infos zum Programm mit einem Klick
Ort: Tausendein Buch, Oststraße 125, Duisburg-Neudorf
Zeit: 19. Mai, 19.02 Uhr

So eine Liturgie kann sich dann durchsetzen, wenn sie sich auf eine Tradition berufen kann. Mir kam dabei der Gesang der deutschen Nationalmannschaft vor der Fußballweltmeisterschaft 1974 in den Sinn. „Fußball ist unser Leben. König Fußball regiert die Welt“.  Das haben die Nationalspieler damals – ja, was? – gesungen kann man das nicht wirklich nennen.

 

Kurze Nebenbemerkung in Klammer. Unter anderem war Klaus Wunder bei der Aufnahme ein Jahr vor der Weltmeisterschaft dabei. Damals hatte er noch Chancen auf die WM-Teilnahme.

 

Wie fremd sich das heute anhört: König Fußball. Was die Bedeutung dieses Sports für die Gesellschaft angeht, war diese Metapher zwar visionär. Allerdings wirkt der bildhafte Rückgriff auf Ständeordnung und Aristokratie tatsächlich so, als ob unsere Großeltern von ihrer Jugend erzählen. Den Fußball der Gegenwart beschreiben andere Bilder der Bedeutung. Was einer Liturgie übrigens nicht schadet. Da kann es schon eine gehörige Portion Großelternsprache sein.


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