Archive for the 'Der literarische Fußball' Category

Verkaufsranking – Mehr als Fußball

Auch wenn der Kauf von „Mehr als Fußball“ direkt bei mir oder über das Kontaktformular im Zebrastreifenblog meine Arbeit am meisten unterstützt, ist das Buch natürlich auch in den Duisburger Buchhandlungen und beim Online-Oligarchen der Branche erhältlich. Für die Umsatzprovision hat mir Amazon gestern eine kleine Nettigkeit mit dem Bestseller-Ranking gegönnt. Zufrieden konnte ich mir ansehen, dass „Mehr als Fußball“ für einige Zeit unter den 80 best verkauften Fußballbüchern von Amazon gelistet war. Heute dann wieder nicht mehr. Im Aktienhandel heißt so etwas wohl volatil. Auf meiner internen Bestsellerliste vom Zebrastreifenblog ist davon übrigens nichts zu spüren. Dort besetzt „Mehr als Fußball“ seit Wochen unangefochten den ersten von zwei Plätzen.

Pressesspiegel: Mehr als Fußball in 11 Freunde

Pressespiegel wollte ich immer schon mal schreiben in eigener Sache. Als nächsten Schritt denke ich an eine Presseabteilung für mein Ein-Mann-Unternehmen. Könnte eigentlich Der Stig übernehmen. Von dem haben wir hier schon lange nichts mehr gehört. Nun kann ich bei einer neuen Auflage von Mehr als Fußball neben einem Satz aus Funkes WAZ/NRZ ein weiteres Rezensions-Zitat auf den Buchrücken schreiben.  „…die zehntausende Retter von damals haben Kirmses SMS, den Wiederaufstieg und das Buch redlich verdient“ 11 Freunde.

Mehr als Fußball ist im MSV-Shop erhältlich, in den Duisburger Buchhandlungen, beim Versandbuchhändler-Oligarchen und natürlich bei mir selbst. Wer bestellen will, einmal das Kontaktformular ausgefüllt und das Buch ist fast schon im Haus.

In eigener Sache: Lesung am 18.3. um 20 Uhr in Ruhrorter Galerie RuhrKUNSTort

Welche Texte genau ich am nächsten Samstag für die Lesung in Ruhrort auswählen werde, weiß ich noch nicht. Sicher werden Texte mit dabei sein, in denen es um Fußball geht. Wenn es sich ergibt, werde ich in meine Schreibwerkstatt blicken lassen. Wahrscheinlich wird es dabei dann auch um „Mehr als Fußball“ gehen , dem Buch über die Energie in Duisburg, als im Sommer 2013 die Existenz vom MSV Duisburg bedroht war. An Prosa über Ruhrort denke ich noch, an den Sound und die Komik von Lyrik und an Worte über die Ruhrstadt, also das Ruhrgebiet als identitätsstiftender Bezug für die Menschen der einzelnen Städte in der Region. Und eins ist ebenfalls sicher: Ich freu mich auf euch.

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Weggelesen – Wintertransfer von Philip Kerr

Lese ich die Besprechungen zu „Wintertransfer“ von Philip Kerr beantrage ich schon mal vorsorglich Minderheitenschutz. Der Roman wird meist gelobt – für seine Spannung, für seinen Realismus und für seinen genauen Blick auf den Fußball. Verstehen kann ich das nicht.

Philip Kerr habe ich in den 1990ern mit seinen historischen Kriminalromanen um den Berliner Kommissar Bernie Gunter kennengelernt, der später den Dienst quitierte und Privatdetektiv wurde. Eine englischsprache Fan-Seite führt in diese Krimiwelt des Nationalsozialismus ein. Neben dieser sehr gelungenen Serie schrieb er immer wieder Genre-Einzelstücke mit unterschiedlichen Themen und unterschiedlicher Qualität. Nun also spielt „Wintertransfer“ im Fußballmilieu der Premier League.

Im fiktiven Premier-League-Klub London City arbeitet Scott Manson als Co-Trainer an der Seite von João Zarco, für den José Mourinho das Typen-Vorbild gegeben hat. Manson ist der Ich-Erzähler des Romans, der einiges zu tun bekommt, nachdem Zarco ermordet aufgefunden wird. Zum einen übernimmt er als Interims-Trainer die Mannschaft, zum anderen möchte der Clubbesitzer, ein ukrainischer Oligarch, dass er den Fall diskret löst, auch wenn die Polizei selbstverständlich ermittelt. Eine etwas ungewöhnliche Zusatzqualifikation, um Cheftrainer des Vereins zu bleiben.

Philip Kerr ist bei seiner Recherche sicher viel aus erster Hand erzählt worden. Er hat also die richtigen Leute getroffen, um die Wirklichkeit eines Vereins der Premier League kennenzulernen und sie entsprechend gestalten zu können. Detailreich und überspitzt gezeichnet entfaltet er zunächst die Welt des englischen Profi-Fußballs der Gegenwart. Allerdings bleibt es bei der anekdotenhaften Oberfläche dieser Welt mit einer Ausnahme, alleine mit dem Mordopfer gibt es eine Figur mit Potential, die zum Beispiel das Hinterfragen des Fußballs als Segment der Unterhaltungsindustrie hätte möglich gemacht. So lässt sich mit João Zarco erleben, wie sehr die Medieninszenierung des Fußballs neben den eigentlichen Sport getreten ist und wie das wiederum rückwirkt auf die Arbeit innerhalb des Sports. Leider ist der Mann recht bald schon tot.

Sicher hat Philip Kerr viel Mühe darauf verwendet, seine erhaltenen Informationen über die Premier League in den Roman einfließen zu lassen. Zu meinen Anspruch an einen ambitionierten Kriminalroman mit dem Thema Fußball gehört aber auch ein Plot, der die dem Fußball immanente Kriminalität erzählt. Den gibt es nicht, stattdessen baut Philipp Kerr die Kulisse Premier League mit der größt möglichen Zahl von Versatzstücken auf und lässt eine beliebige Handlung mit konventionellem Amateurdetektiv der Thrillerwelt darin stattfinden.

Manche dieser Versatzstücke wirken zudem klischiert, weil Philip Kerr an ihnen kein wirkliches erzählerisches Interesse hat. Die kurze Nebenhandlung Homosexualität etwa, sagt uns inhaltlich das, was wir ohnehin wissen. Als aktiver schwuler Fußballprofi outest du dich besser nicht. Philip Kerr macht für diese Botschaft den schwulen Fußballer zum Klischee-Homosexuellen und erzählt zu guter Letzt sogar einen Mythos der Homophobie als reales Geschehen. Dem ermittelnden Trainer wird erzählt, die Mannschaft wisse dennoch von der Homosexualität, weil der schwule Stürmer unter der Dusche seine Erregung nicht verhehlen kann. Dieses Aufgreifen von Mythen der Homophobie nenne ich Trivialliteratur, weil dieser Mythos nur Leserreflexe bedient. Die kleine Nebenlinie spielt für den Romanverlauf keinerlei Rolle. Nun lässt sich sagen, sie diene dazu die Welt des Fußballs umfassend darzustellen. Dann frage ich zurück, welchen literarischen Wert hat das, wenn dabei nicht mehr als ein Klischee und das Aufgreifen von Vorurteilen herumkommt?

Und wie es sich für einen Trivialroman gehört, bleibt die erzählte Kriminalität dem Milieu des Fußballs äußerlich. Geraunt wird immer von dem kriminellen Hintergrund des den Klub finanzierenden russischen Oligarchen. Genutzt wird dieser Hintergrund für die Handlung aber nicht. Philip Kerr nimmt einen einfachen Weg, um das Tat-Rätsel zu konstruieren. Außerdem bringt mich zu Beginn des Romans die Übersetzung ins Stolpern. Mit der Sprache des Fußballs fremdelt der Übersetzer  manchmal. Ein Stürmer, der einlocht. Ein Tor, heiß wie Frittenfett. Ein Knöchel, der zumacht. Das liegt jeweils knapp daneben und stört mich.

Ihr seht, ich bin unzufrieden mit dem Roman, aber lest selbst.

Aufgenommen in den Meidericher Kanon des literarischen Fußballs wird der Roman dennoch.

kerr_wintertransferPhilip Kerr: Wintertranfer
Aus dem Englischen von Axel Merz (Original: January Window)
Tropen Verlag, Berlin 2015. 3. Aufl. 2015, 425 Seiten, Klappenbroschur
€ 14,95
ISBN: 978-3-608-50138-4

shit.cologne, Konkrete Poesie und Stadionsprecher Günter Stork

Lesung_netzEine Lesung brachte mich neulich zur Mainzer Straße in die Kölner Südstadt. Der MSV Duisburg spielte dabei eine Rolle, weil ich sowohl im passenden Bekenntnis-Shirt dezent auf die Bedeutung des Meidericher SV in den Räumen der Galerie Smend hinwies, als auch die Zebras dem dort dort lesenden Klaus Hansen ebenso sehr am Herzen liegen wie mir und den meisten Besuchern des Zebrastreifenblogs.

hansen_leporello Inhaltlich ging es an dem Abend nicht um den Fußball sonderen um einige der 100 Texte aus „shit.COLOGNE„, mit denen Klaus Hansen vor allem das kulturelle Leben Kölns amüsiert und machmal spöttisch betrachtet. Dennoch ist das Schreiben von Klaus Hansen ohne den Bezug zum Fußball  nicht vorstellbar. Mit einem Teil von seinem Werk steht er in der literarischen Tradition von Dadaismus und Konkreter Poesie. So entstand unlängst mit dem „11erpack“ ein „fußball leporello“. 11 Textbilder und 12 Minutengeschichten umfasst das Werk, das in einem Couvert aus Butterbrotpapier aufbewahrt wird, verschlossen durch einen Aluminium-Stollen eines Fußballschuhs. So wirkt das Ganze wie ein vom Fußball geprägtes Gesamtkunstwerk, eine Art Objektkunst.

Wenn zudem eine der Miniaturen mit „Klaus Thies über Fußball gesprochen“ heißt, klingeln bei uns Älteren natürlich sofort die Ohren. Thies selbst kommt in dem Text nicht zu Worte, vielmehr ist Klaus Hansen auch hier mit Hilfe des Fußballs den grundsätzlichen Haltungen zu Leben und Welt auf der Spur. Hilft es weiter, wenn jemandem die Bedeutung des 31. August bekannt ist? Für Klaus Hansen heißt die Antwort eindeutig, ja.

Es überrascht nicht, wenn Klaus Hansen einen Großen der MSV-Geschichte auf besondere Weise in Erinnerung hält, jemanden, der nicht einmal Fußball gespielt hat, einen Mann der Worte, den sämtliche MSV-Anhänger, die schon Mitte der 1990er ins Stadion gingen, kennen: den 2008 verstorbenen, ehemaligen Stadionsprecher Günter Stork. Kurz nach der Lesung schickte er mir ein Interview aus dem Jahr 1996 mit Günter Stork. Ungefähr ab dieser Zeit begann Günter Storks Stimme manchmal ganz kurz zittrig zu werden. Die Ansagen bestritt er auch nicht mehr alleine.

Mit dieser Stimme aber waren wir aufgewachsen. Seine Ansagen rhythmisierten einen Spieltag. Denn damals kamen Werbebotschaften nicht über die Anzeigetafel sondern über das Mikrofon, und diese Werbeansagen waren wie der Zebra-Twist im Bundesliga-Deutschland einmalig.  Ich hoffe, ich kann demnächst das gesamte Interview hier online stellen. Für heute kann ich erstmal nur zitieren.

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So weit liegen Konkrete Poesie und volkstümliche Gebrauchslyrik nicht auseinander. Spielerischer Umgang mit Sprache ist hier das Stichwort, und das alles im Zeichen von Fußball und MSV. An so etwas hat zu Günter Storks großen Zeiten in den 70ern wahrscheinlich kein Besucher des Wedau-Stadions gedacht.

11erpack – fußball leporello. 25 Euro. Bestellung direkt bei Klaus Hansen kphansen[at]gmx.de

Meidericher Kanon des literarischen Fußballs – Dominique Manotti: Abpfiff

In Lisle-sur-Seine, einer fiktiven französischen Kleinstadt, werden eine junge Frau und ein Polizist der Drogenfahndung von einem Motorrad aus mit einem Maschinengewehr erschossen. Commissaire Daquin und seine Kollegen können sich diesen Anschlag  nicht erklären. Der Drogenfahnder scheint mit der Frau verabredet gewesen zu sein, ohne sie gekannt zu haben. Die Ermittlungsmaschinerie läuft an und führt schnell zum lokalen Fußballverein, der aus der vierten Liga kommend in schneller Zeit zum ernsthaften Anwärter auf die französische Meisterschaft geworden ist. Groß wurde der Verein dank seines Vorsitzenden Monsieur Reynaud, einem Bauunternehmer und zugleich Bürgermeister der Kleinstadt.

Bereits 1998 ist „Abpfiff“ von Dominique Manotti in Frankreich erschienen. Als der Roman im April in Deutschland herauskam, wurde er zurecht von den meisten Rezensenten mit besonderem Lob bedacht. Beim Perlentaucher finden sich etwa Links zu zwei Besprechungen oder hier geht es zur Besprechung bei ZEIT online. 

Nicht das zentrale Thema dieses Romans, die Machenschaften im Fußball, begründen für mich die Qualität des Romans, die kriminellen Hintergründe überraschen kaum. Natürlich geht es um Fußball als Karriereinstrument außerhalb des Sports, es geht um Doping und Bestechung. Die Grundentwicklung des Plots ist bei all seinen Wendungen vorhersehbar wahrscheinlich für die meisten Fußballinteressierten und Krimikenner. So viele Möglichkeiten mit dem Fußball Krimininalität zu erzählen gibt es nun mal nicht. Das aber verweist zugleich auf die besondere literarische Qualität des Romans. Dieser Roman lebt von der rasanten Sprache der Autorin, die mit kargen, pointierten Sätzen ihre Wirklichkeit umfassend aufscheinen lassen kann. Manchmal reichen einzelne Worte für Gefühlslagen und Entwicklung, ganze Absätze wirken wie Szenenbeschreibungen von Drehbüchern. Dominique Manotti hat die Kunst des Weglassens perfektioniert. Das verhilft ihren Romanen zum eindrucksvollen Tempo, bei dem es ihr dennoch gelingt, die Figuren lebendig und facettenreich werden zu lassen. Dominique Manotti schreibt Sprachkunstwerke, die zugleich sehr unterhaltsam sind. Beeindruckend.

Überaus kurios mutet mich aber manche Deutung dieses Romans an. Viele Rezensenten haben Dominique Manottis Geschichte als Beleg für den korrupten Fußball der Gegenwart genommen und dabei den schon im April medial beachteten FIFA-Skandal reflexhaft aufgegriffen. So soll Dominique Manotti die „dunklen Seiten“ dieses heutigen Fußballs zeigen. Wer aus Romaninhalten solche Schlagwörter macht, beglückt den Verlag werbewirksam und könnte auch erzählen, dass das Romanportrait eines Pass- und Geldfälschers uns einen Einblick in die kriminelle Welt des Datenbetrugs im Internet gibt.

Der Roman erschien in Frankreich 1998 und bezieht sich dementsprechend auf einen Fußball der Vergangenheit und dabei nur auf den der Vereinsebene. Handlungszeit ist sogar 1990. Entsprechend ist die Kriminalität auch eine der Vergangenheit. Wenn sich Dominique Manotti von einem realen Geschehen inspirieren ließ, dann offensichtlich unter anderem von dem Bestechungsskandal bei Olympique Marseille aus dem Jahr 1993, in dem Bernard Tapie als Vereinspräsident Hauptakteur war.

Wenn das Gütesiegel „Einblick in die Fußballwirklichkeit“ verliehen werden soll, dann müsste eine Geschichte auf Vereinsebene von Konzernstrukturen handeln, von Abhängigkeiten zwischen Medien- und Fußballakteuren, von dem wirtschaftlichen Risiko auf Seiten der Medienkonzerne und der Sponsoren, wenn es um den Ruf des Fußballs geht. Dominique Manotti nimmt aber eine Organisationsstruktur des Fußballs zum Vorbild für ihre Geschichte, wie sie im Spitzenfußball kaum mehr vorkommt. Ein Unternehmer, in dem Fall eben ein Bauunternehmer, pusht als Präsident den lokalen Fußballverein zum Erfolg und nutzt sein Engagement im Fußball zugleich, um persönliche Karriereziele zu verfolgen. Dieses erzählerische Motiv dürfte in Duisburg natürlich Erinnerungen wecken. Angesichts von Konzernstrukturen der Vereine in den europäischen Spitzenligen, ist so eine lokale Unternehmergröße zur Randfigur geworden, geschweige denn, dass diese Geschichte irgendetwas mit dem FIFA-Skandal zu tun hat, außer dass der Fußball eben Raum auf vielen Ebenen für Kriminalität bietet.

All das hat mit der literarischen Qualiltät des Romans von Dominique Manotti nichts zu tun. Die bleibt unbenommen. Eindeutige Leseempfehlung!

Dominique Manotti
Abpfiff
Gebunden mit Schutzumschlag
Deutsch von Andrea Stephani
Ariadne Kriminalroman 1197
17 Euro
ISBN 978-3-86754-197-8

Sommerpausenlektüre – Der elfte Mann von Erich Loest

2015-06_Loest_CoverEin Freund stöbert gerne in Leipziger Antiquariaten. Vor ein paar Wochen hat er mir nach seinem Leipzig-Aufenthalt ein Buch mitgebracht, das eine meiner Sommerpausenlektüren geworden ist: „Der elfte Mann“ von Erich Loest in einer Ausgabe aus der DDR, im Mitteldeutschen Verlag erschienen, die 2. überarbeitete Auflage von 1969. Das Buch riecht nach alten Zeiten. Das Papier fühlt sich so sehr nach alten Zeiten an, dass man glauben kann, nach der Lektüre vom Staub schwarze Finger bekommen zu haben. Auch die Geschichte handelt von alten Zeiten, aber wie und was erzählt wird, ist keineswegs alt und überholt.

Erich Loests Sprache wirkt meist zeitlos und sein Stil mit seinen eingestreuten Einwort- und Kürzestsätzen geradezu modern. Durch seinen Anspruch alltägliche Realität verdichtet abzubilden, wird auch ein Unterhaltungsroman über den Erstligafußball der DDR zu einem Blick auf die Gesellschaft in den 1960er Jahren. Erich Loest erzählt vom Spieler einer Oberligamannschaft mit Aussicht auf die DDR-Fußballerkarriere in der Nationalelf. Er fühlt sich im Konflikt mit den Ansprüchen der Hochschulausbildung und denen der Freundin. Loest zeigt einen Menschen, der seinen Platz in dieser DDR-Gesellschaft sucht, der seinen erhofften beruflichen und sportlichen Erfolg und die dafür notwendigen Anstrengungen mit persönlichem Glück und Zufriedenheit abgleichen muss. 2015-06_Loest_ImpressumSehr gegenwärtige Themen für junge Menschen! Das ging mir durch den Kopf. Die Forderungen in der DDR-Gesellschaft kamen seinerzeit nur nicht von Unternehmen und der „Wirtschaft“ sondern von Vertretern des Staates in den verschiedenen Bereichen dieser DDR-Gesellschaft, ob im Fußball oder in der Wissenschaft. Erich Loest erzählt die ideologische Grundlage dieses DDR-Lebens ganz selbstverständlich mit.

Darüber hinaus wirft er auf sehr gelungene Weise einen Blick auf die Fußballerwelt. Oft misslingt es Autoren ihre Literatur mit dem eigentlichen Sport Fußball, also der Beschreibung seiner Ereignisse sinnvoll zu verbinden. In „Der elfte Mann“ findet Erich Loest für den Spielbericht eine erzählerische Notwendigkeit. Das Erleben eines Fußballspiels aus der Spielersicht macht dem Leser die eigentliche Verbindung dieses Sports mit dem persönlichen Glück des Spielers deutlich. Auf diese Weise kontrastiert Loest geschickt das individuelle Erleben, den individuellen Glücksanspruch mit den Forderungen, die auf den Staat DDR bezogen sind.

Man muss sich vergegenwärtigen. Erich Loest wurde von der Staatsmacht misstrauisch beäugt. Konterrevolutionäre Gruppenbildung hatte man ihm 1957 vorgeworfen. Zu sieben Jahre Haft in Bautzen war er verurteilt worden. Seit 1964 war er wieder auf freiem Fuß und durfte seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller verdienen. Konterrevolutionär konnte man schon sein, wenn man die Wirklichkeit der DDR einfach nur genau beschrieb.

Vor einem Jahr habe ich schon einmal einen längeren Text über Erich Loest geschrieben. Dabei standen sein Roman „Nikolaikirche“ und der Erfahrungsbericht zur DDR-Zensur „Der vierte Zensor“ im Mittelpunkt. Ich kann mich nur wiederholen, wer die DDR mit ihrem Alltag im Roman kennenlernen will, lese Erich Loest. Dass man zudem gut unterhalten wird mit der Lektüre, ist ein nicht zu verachtender Nebeneffekt.

Außerdem war Erich Loest seiner Zeit voraus. Er wusste um die Aura dieses einen Wortes, das heute vom DFB zur Marke gemacht wurde: DIE MANNSCHAFT. Über Markenschutz hat er sich damals wahrscheinlich aber keine Gedanken gemacht.

2015-06_Loest_DIE_MANNSCHAFT

 
 

Und ab in den Meidericher Kanon des literarischen Fußballs.


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