Archive for the 'Saison 2009/2010' Category

Der Missbrauch des MSV Duisburg verpufft im Nichts

Manchmal trifft es sich gut, wenn zu wenig Zeit ist, um den immer fließenden Strom des Welt- und Provinzgeplappers sofort zu kommentieren. Am Montag nach dem Pokalendspiel schrieben die einen in Duisburg vom „Sauerland-„, die anderen vom „Pokal-Eklat“. Seid empört, Skandal, Skandal, hörte ich es skandieren. Doch nach der Gratisbewirtschaftung der Lokalzeitungen durch den MSV-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Werner Tomalak wurde nur eine Pseudo-Geschichte hochgerülpst, über die heute niemand mehr spricht. Mir gibt der Rülpser aber gleich Gelegenheit, an einem Beispiel, das in Duisburg jeder versteht, meinem soziologischen Hobby zu frönen und ein wenig die öffentliche Meinungsbildung unter die Lupe zu nehmen.

Statt mich also darum kümmern zu müssen, wie der MSV Duisburg von Vereinsverwaltern für eigene Zwecke missbraucht wird, sehe ich zufrieden, die für den Fußball bezahlten Menschen beim Verein erledigen trotz aller Widrigkeiten professionell alles, um in der nächsten Saison möglichst erfolgreich zu sein. Es beruhigt mich, wie die Aufgaben von Bruno Hübner so umverteilt werden, dass der Spielerkader weiter Form annimmt. Daniel Beichler und Zvonko Pamic werden ausgeliehen, Goran Sukalo verlängert seinen Vertrag. Milan Sasic macht sich um die Position des Torwarts Gedanken.

Inzwischen hat sich Milan Sasic außerdem so viel Reputation erworben, um als Stimme des Vereins in die Öffentlichkeit zu treten. Seine Sätze auf der Internet-Seite des MSV Duisburg waren notwendig, um nach der Duisburger Lokalpolitikposse den Blick auf das Notwendige zu lenken. Das Unternehmen MSV Duisburg im Verein MSV Duisburg hat nicht nur die sportlichen Belange gut im Blick, der Unternehmensbereich Kommunikation weiß auch um die notwendig gute Stimmung im Umfeld.

Im Verein MSV Duisburg machte sich nun bemerkbar, dass niemand aus eigenem Impuls heraus, die Führungsaufgabe Vereinsvorsitz hat übernehmen wollen. Der Vereinsvorsitzende besitzt nicht nur eine Verwaltungsfunktion. So eine Person bündelt im besten Fall die verschiedenen Strömungen im Verein, vor allem wirkt er als erster Repräsentant für die Idee des Vereins in der Öffentlichkeit. Er steht mit seinem Namen für den Verein. Wahrscheinlich muss Dieter Steffen erst noch ein Gespür für diesen notwendigen Teil seiner Aufgabe entwickeln. Sonst werden sich immer wieder Stimmen vernehmen lassen, die in der Öffentlichkeit allein durch ihre dortige gleichgewichtige Präsenz den Eindruck erwecken, ihre Stimme hätte dieselbe Bedeutung wie die des Vereinsvorsitzenden vom MSV Duisburg.

Diese Aufgabe Dieter Steffens ist um so wichtiger, wenn die anderen Stimmen für den MSV Duisburg in der Öffentlichkeit Interessen verfolgen, die über Vereinsbelange hinausgehen. Als das CDU-Mitglied Hans-Werner Tomalak der Rheinischen Post gegenüber nicht allzu viel Wert auf das Briefgeheimnis legte und die eigenen Worte an den Parteifreund Adolf Sauerland der Redaktion steckte, kümmerte er sich doch wenig bis gar nicht um den Ruf des MSV Duisburg, sondern um den des Oberbürgermeisters aus den eigenen Reihen.

Interessant an dieser Geschichte ist nun keineswegs die Frage, ob Adolf Sauerland vom MSV Duisburg eingeladen war oder nicht. Der MSV Duisburg schreibt in einer Pressemitteilung, er sei eingeladen gewesen. Interessant ist viel mehr die Tatsache, dass diese Frage nicht nur vierzehn Tage später keine Rolle spielt, sondern sie noch am Tag der Berichterstattung in den meisten Online-Kommentaren zu der Geschichte ohne Belang war. Das Ganze wurde meist abgehakt unter Parteiengezänk. Darüber hinaus hatte die Sauerland-muss-weg-Fraktion einmal wieder einen Anlass, sich zu äußern; und die Sauerland-ist-nicht-an-allem-schuld-Fraktion konnte ebenfalls endlich mal wieder vom Leder ziehen.

Die Meinungen beim Thema Adolf Sauerland sind fest zementiert, und ein aktuelles Geschehen weckt nur die nach der Loveparade-Katastrophe entstandenen Haltungen. Adolf Sauerland müsste der NRW-Landesregierung dankbar sein, die gesetzliche Grundlage für ein Abwahlverfahren gegen ihn geschaffen zu haben. Erst dieses Abwahlverfahren wird helfen, die Lethargie und die Zerrissenheit Duisburg zu überwinden, egal ob der Oberbürgermeister abgewählt wird oder nicht. Selbst wenn er sein Amt behalten sollte, hätte Adolf Sauerland zumindest endlich wieder ein Argument, um Mitarbeiter zu überzeugen und zwar nicht unbelastet, aber mit gutem Recht vor die Öffentlichkeit zu treten. Im Moment besitzt er nichts als seinen Willen durchzuhalten. Als ob das  ein Wert an sich ist. Wer eine Stadt so spaltet wie Adolf Sauerland, kann unabhängig von allen anderen Fragen nur erster Bürger dieser Stadt sein, wenn er kraftvolle Visionen für sein Wirken in dieser Stadt hätte. Adolf Sauerland macht diesen Eindruck nicht. Wäre ich Bürger Duisburgs, ich würde für seine Abwahl stimmen.

Der MSV Duisburg reagierte übrigens mit einer Pressemitteilung auf die Vorwürfe von Hans-Werner Tomalak, die hier ausschnittweise zitiert sei:

Anders als unter Bezugnahme auf das Schreiben des Aufsichtsrates des MSV Duisburg 1902 e.V. dargestellt, ist der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland regulär und frühzeitig vom MSV zum Bankett am Abend nach dem DFB-Pokalfinale zwischen dem MSV und Schalke 04 in Berlin eingeladen worden. Von einer kurzfristigen Einladung kann keine Rede sein; der Oberbürgermeister ist zum selben Zeitpunkt wie alle anderen Gäste des Abends eingeladen worden.

Der MSV ist nach Abpfiff des Pokalfinales am Samstag, 21. Mai 2011, also unmittelbar vor Beginn des festlichen Abends im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz, von Sicherheitskräften unmissverständlich angewiesen worden, sowohl den Verlauf des Abends als auch das Placement an den Tischen so zu gestalten, wie es dann geschehen ist. Trotz Protestes des MSV hat sich der Club diesen Anweisungen fügen müssen.

„Der Aufsichtsratsvorsitzende des MSV e.V. Hans-Werner Tomalak ist von mir unmittelbar am gleichen Abend über diese Umstände informiert worden. Deshalb kann ich den Schritt des Aufsichtsrates, ein nicht den Tatsachen entsprechendes Bild zu verbreiten, nicht nachvollziehen. Wir sind auch deswegen so stark geworden, weil wir es in den vergangenen Monaten geschafft haben, alle Probleme intern zu diskutieren und zu lösen, und das werde ich weiter so halten. Die jetzt getätigten, unrichtigen Aussagen beschädigen das Bild und Ansehen des MSV enorm“, sagte Dieter Steffen, Vorstandsvorsitzender des MSV Duisburg 1902 e.V.

Nach dieser Pressemitteilung weiß ich mich glücklich, keine Einladung zu dem Empfang erhalten zu haben. Wie unentspannt muss eine Veranstaltung sein, wenn Sicherheitskräfte – die von Hannelore Kraft? – den Abend bestimmen. Aber so kennen wir sie ja, die Männer mit Sonnenbrille und Ohrknopf, mit unbeweglicher Miene starren sie durch die Gegend und letztlich weiß man nicht, ob dahinter nicht das heimliche Lächeln eines Schalke-Fans steckt.

Wäre die Frage einer Einladung von Adolf Sauerland durch den MSV Duisburg wirklich wichtig gewesen, hätte der ein oder andere Journalist nachfragen können, was das denn zu bedeuten habe, Sicherheitskräfte schreiben den Verlauf des Abends vor. So verhilft uns die Berichterstattung zum „Eklat“ sogar noch zu ein wenig Sicherheit in der unübersichtlich gewordenen Welt. Erinnerte sich die Rheinische Post mit CDU-Tomalak doch an die christlich-konservative Grundhaltung von ehedem. Ob es beim WAZ-Konzern sich verbietet, mit einem CDU-Mann so offensiv wie die Rheinische Post ins Horn zu stoßen oder ob in diesem Medienhaus rein journalistische Prinzipien zur Geltung kamen, lässt sich allerdings nicht genau sagen.

Das besondere Sportfoto: Peter Langenhahn

Ein paar von euch kennen als Eltern wahrscheinlich Bilderbücher, in denen Vorschulkindern das Funktionieren unseres Alltags gezeigt werden soll. Die Bilderbuchillustratoren müssen in solchen Büchern immer das Problem lösen, mit einem ereignishaften Moment dieses Alltags möglichst viele Handlungen eines Geschehens auf einem einzigen Bild darzustellen. Deshalb wirken solche Bilder oft so, als seien unsere Städte zwar übervölkert, aber dennoch mit Vollbeschäftigung beglückt.

Mich erinnern die Sportfotos von Peter Langenhahn an solche Kinderbücher. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung wurde ich am Freitag auf den Fotografen aufmerksam. Für ein Foto fügt er etwa 300 digitale Bilder zusammen und schafft so eine faszinierende Gleichzeitigkeit von eigentlich nacheinander stattfindenden Ereignissen. Den Fußball hat er mit dem Relegationsspiel der vorletzten Saison 2009/2010 zwischen dem Zweitligisten FC Augsburg und dem Bundesligisten 1. FC Nürnberg vor die Kamera genommen. Das Foulspiel ist Grundmotiv dieses Fotos. Die Kopien der Fotos auf seiner eigenen Webseite sind noch etwas größer und lassen mehr Details erkennen, was unbedingt nötig ist, wenn er ein ganzes Sportgeschehen auf einem einzigen Foto anordnet. Am besten wäre es wahrscheinlich, sich die Fotos als Abzug ab August auf der Internationalen Ausstellung zeitgenössischer Künste in Dresden anzusehen.

 

 

Lavric im Blick des sprachschöpferischen Schweizer Boulevardjournalismus

Da erzähle man mir noch einmal, die Schweizer interessierten sich nicht mehr für das Hochdeutsche und sie hätten schon eine gute Strecke auf ihrem Weg zurückgelegt vom allemanischen Dialekt hin zur eigenen Nationalsprache Schwizerdütsch. Der Boulevardjournalismus in der Schweiz macht da jedenfalls nicht mit. Gleich drei Blick-Journalisten waren besorgt beim Anblick des Schweizer Schiedsrichters Daniel Wermelinger und des beim FC St. Gallen spielenden Klemen Lavric, dessen Grundschnelligkeit während seiner letzten Saison beim MSV Duisburg 2007/2008 anscheinend eine vorauseilende Anpassung an sein jetziges Gewicht gewesen ist. Die drei Sportjournalisten wollten von ihren Lesern wissen, wie schwer ein Schiedsrichter sein darf und nahmen Klemen Lavric wahrscheinlich wegen ihrer Freude am alliterierenden Spotvokabular mit in die Pseudoberichterstattung hinein. Sie nennen ihn nämlich einen „Pummel-Profi“; ich finde, ein wunderbares Wort, das im Fußballsprachschatz viel zu spät kommt. Die Bewahrer des Hochdeutschen in der Schweiz brauchen sich bei solch sprachschöpferischen Boulevardjournalisten keine Sorgen um die Zukunft der Schweizer Teilstandardsprache zu machen. Das Foto allerdings ist schlecht gewählt, allzu viel Pummel-Profi-Sein kann ich da nicht erkennen (das Lavric-Foto ist das zweite).

Innere Betriebsamkeit, äußere Ruhe

Selbst wenn wir es uns in vielen Momenten einer laufenden Spielzeit nicht so richtig vorstellen können. Das Leben ist immer auch ein wenig mehr als Fußball, und Fußball ist immer auch ein wenig mehr als der MSV Duisburg. Weil es so ist, gäbe es eigentlich immer was zu schreiben, auch wenn über den Verein aller Vereine nicht viel Neues zu hören ist. Allerdings geht es mir gerade genauso wie dem MSV Duisburg. Ich weiß, es gibt das Datum, an dem das Tagesgeschäft unweigerlich weitergehen wird, doch im Moment besinne ich mich für den Zebrastreifenblog gerade auf alte Ziele und konzeptionelle Arbeit und die Frage, wie diese für mich grundsätzlichen Anliegen mit dem Tagesgeschäft in Zukunft zusammen zu bringen sind. Und so fehlen mir zurzeit die schnellen Worte.

Was gab es nicht alles für Vorhaben? Doch das Festhalten an Konzepten verlangt einfach mehr Zeit, um angestrebte Ziele zu erreichen, sei es der Aufstieg oder Texte mit Substanz zu anderen Themen als dem letzten und dem nächsten Spieltag. Die Ereignisse beim MSV Duisburg in der letzten Saison erforderten allerdings immer auch schnelles Bearbeiten, wenn ich dem hauptsächlichen Anlass dieses Blogs gerecht werden wollte. Gleichzeitig ist diese Notwendigkeit der schnellen Bearbeitung immer auch das einfachere Vorgehen um Worte für diesen Blog zu finden. Man sieht hoffentlich das Dilemma, mit dem sich auch jeder Absteiger aus der Bundesliga bestens auskennt. Konzepte schön und gut, doch das einzig mögliche Ziel nach einer Abstiegssaison, der sofortige Wiederaufstieg, ist mit großer Wahrscheinlichkeit nur durch schnelles Reagieren auf dem Spielermarkt erreichbar.

So lange genügend Geld vorhanden ist, scheinen dann Konzept und kurzfristiges Ziel sogar deckungsgleich zu sein. Vor zwei Wochen noch hieß es, die Schulden von Hertha BSC Berlin seien so hoch, dass aus der Erstliga-Mannschaft kaum Spieler gehalten werden können. Nun bleiben sogar Ramos und Raffael als Teil-„Achse des Aufstiegs„. Der Gedanke an das Geld wird in die übernächste Saison verschoben. Klappt es mit dem Aufstieg, wurde alles richtig gemacht. Klappt es nicht, … Aber an noch größere Schulden will bei dieser Hoffnung jetzt natürlich niemand denken.

Mit diesem von Hertha BSC Berlin angestrebten Balanceakt war der MSV Duisburg während der letzten zwei Jahre nicht erfolgreich. Im Augenblick hat man den Eindruck, nun schwebt der Verein an einem Sicherungsseil, dessen anderes Ende hinter die Kulissen führt. Wir wissen aber, dort hat Roland Kentsch die Kurbel der Drahtseilrolle fest in der Hand, und er bemüht sich, das Sicherhungsseil auf eine Höhe zu ziehen, von der aus der Verein sich wieder auf das Drahtseil begeben kann. Gut ausgestattet ist so eine Sicherungsvorrichtung aber nur mit einen zweiten Mann an der Kurbel, deshalb hat Roland Kentsch den Finanzfachmann Henrik Wiehl, einen Mitarbeiter aus Bielefelder Zeiten, zum Mitanpacken geholt.

Gleichzeitig steht Bruno Hübner in der Manege und beruhigt das Publikum, was auch von Journalisten dankbar aufgegriffen wird und aufmerksame Medienbeobachter angesichts identischer Texte darüber nachdenken lässt, ob die RevierSport bei Der Westen demnächst regelmäßig mit am Newsdesk sitzt. Wie schnell wird doch aus der platonischen Liebe einer Kooperation die verschmelzende Hingabe der Lebensgemeinschaft in der großen Familie des WAZ-Konzerns. Bruno Hübner belässt es nicht nur bei Ansprachen, er holt mit Julian Koch auch schon einen neuen Trapezkünstler in die Manege. Ich meine auch, Bruno Hübner findet sehr passende Worte für die Situation. Wie wir Finanzkrisen-Experten wissen, geht es in solchen Zeit immer um „Psychologie“. Es geht um die stimmige Rede über die Gefühlslage zwischen Besorgnis, Einsicht in notwendige Maßnahmen angesichts der Gegebenheiten und Hoffnung auf die Zukunft. In solch einer Situation geht es um Vertrauen, und Bruno Hübner ist der Mann beim MSV Duisburg, der weiß, dieses Vertrauen verspielt man durch Schönreden. So einen Mann brauchen wir Zuschauer, so lange wir das Sicherungsseil noch belastet sehen.

Hat sich eigentlich noch jemand am Samstag während des Endspiels der Champions League an zwei, drei Heimspiele des MSV Duisburg erinnert? Aachen, Kaiserslautern und wegen des Unentschiedens mit Abstrichen Oberhausen huschten mir immer wieder in den Kopf, als ich die vergeblichen Versuche des FC Bayern München sah, gefährlich vor das Tor von Inter Mailand zu kommen. Es gibt trotz des so großen Unterschieds in der spielerischen Qualität eine grundsätzliche Gemeinsamkeit, den das Spiel als Eindruck bei mir hinterlässt. Die eine Mannschaft versucht das Spiel in die Hand zu nehmen, die andere bewegt sich so perfekt organisiert im Gegenzug, dass es bei dem Versuch bleibt und sich kaum Torgefahr entwickelt. Dagegen ist man sich nach kurzer Zeit fast sicher, mindestens ein Konter dieser sehr gut organisierten Mannschaft wird durch ein Tor abgeschlossen. Das Endspiel im DFB-Pokal, eine Woche zuvor, gehörte hingegen einem anderen „Genre“ an und natürlich nicht, weil der FC Bayern München das Spiel gewann, sondern weil hier beide Mannschaften von Anfang an versuchten, das Spiel durch Ballbesitz zu gestalten. Was mich an die erste Halbzeit des Heimspiels gegen den FC St. Pauli erinnerte, in der der MSV Duisburg den Hamburgern wie die Bremer den Bayern hoffnungslos unterlegen war.

Lothar Niemeyer hat übrigens noch nicht auf meine Mail geantwortet, welche gemeinsame Zeit er mit Marcus Feinbier beim MSV Duisburg gehabt hat. Da bleibe ich am Ball.

Köln, der Nachbarstadtteil von Duisburg

Ich weiß nicht, wie die Stadt heißt, aber auf meiner inneren Landkarte sind  Duisburg und Köln seit vier, fünf Jahren zu einem einzigen städtischen Raum zusammengewachsen. Nicht immer merke ich die Existenz dieses Gebildes meiner Gedankenkraft, und dass einige Gemeinden zwischen den beiden Stadtteilen liegen, stört mich nicht. Die A3 oder die Eisenbahnstrecke zwischen Köln-Mülheim und Duisburg Hauptbahnhof sind exterritoriale Gebiete, die mir die Illusion geben, meinen gedachten, einzigen städtischen Raum nicht zu verlassen. Dieser zwei Stadtteile umfassende städtische Raum ist mir zwar nicht immer als Idee, als innere Vorstellung präsent, aber manchmal merke ich es an meinem eigenen kurzen Stutzen, wenn Duisburger Freunde von Köln als einem entfernt liegenden Ort reden oder die Kölner von Duisburg in gleicher Weise. Dann erlebe ich einen winzigen Moment der Überraschung, wie fern sich für andere das befindet, was in meinem Innersten zusammen liegt.

Heute geht mir das ganz besonders so, weil zwischen Duisburg und Köln viel Bewegung sein wird. Duisburger werden sich auf den Weg machen, um sich in Köln den FCR 2001 Duisburg im DFB-Pokalfinale der Frauen anzusehen, und eigentlich wäre mein Platz an diesem Nachmittag auch in Müngerdorf gewesen. Doch gleichzeitig feiert in Duisburg die Basketballabteilung des V.f.v.B. Ruhrort-Laar ihr 60jähriges Bestehen. In einer gegenläufigen Bewegung werde ich mich also nach Duisburg aufmachen. Nicht nur weil ich selbst in diesem Verein begonnen habe, Basketball zu spielen, auch weil dieser Verein im Leben meiner Mutter eine große Rolle spielt.

Vor zwei Jahren wollte ich die Geschichte dieser Basketballabteilung gerne in einem kleinen Dokumentarfilm erzählen.  Das notwendige Geld habe ich bis jetzt nicht zusammen bekommen. Der V.f.v.B. gehörte 1950 zu einem der ersten Sportvereine, in dem im Nachkriegsdeutschland Basketball gespielt wurde. Zu dieser Zeit war Basketball in Deutschland ein exotischer Anblick. Das galt für den Universitätssport Basketball gerade im Arbeitermilieu des Ruhrgebiets. In Duisburg-Ruhrort lebende Franzosen hatten das Basketballspiel in die Ruhrgebietsstadt gebracht. Mit jungen Deutschen zusammen spielten sie regelmäßig auf einer Freifläche in Duisburg-Laar. Was Staatsmänner in ihren Reden propagierten, lebten diese jungen Deutschen und Franzosen im Alltag beim Sport, die deutsch-französische Aussöhnung. Ohne Vereinszugehörigkeit waren aber Wettkämpfe unmöglich. Deshalb erhielt der V.f.v.B. Ruhrort-Laar, vormals nur  für Fußball und Tennis zuständig, eine Basketballabteilung, die kurz darauf zu den Gründungsmitgliedern des Westdeutschen Basketballverbands gehörte.

Weiterhin glaube ich an die Geschichte des V.f.v.B. als Teil der Ruhrgebietshistorie, weil sich mit den Veränderungen im Verein bis in die Gegenwart hinein sowohl vom Strukturwandel im Ruhrgebiet erzählen lässt als auch von der unterschiedlichen Bedeutung dieses Vereinslebens für Menschen der verschiedenen Generationen. Meine Mutter stand zusammen mit einer alten Mannschaftskameradin bis noch vor zwei Jahren, da war sie 74, in Beeck in der Turnhalle, um Basketballanfänger zu betreuen. Diese Basketballanfänger kamen zum großen Teil aus Familien mit Migrationshintergrund. Da prallten immer wieder sehr unterschiedliche Welten aufeinander, doch meiner Mutter lag der Fortbestand dieser Basketballabteilung auf eine Weise am Herzen, dass sie alle Irritationen gegenüber dem Fremden aushielt. Dennoch spiegeln sich die schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse des nördlichen Ruhrgebiets auch im weniger vitalen Vereinsleben wieder. All das wäre zu erzählen. Ich hoffe, dass es mir noch irgendwann gelingt.

Während ich in Duisburg mit den alten Basketballkollegen zusammen sitze, werden sich in Köln schon ein paar Blogger zum DFB-Pokalfinale der Frauen getroffen haben. Mit Trainer Baade und Torsten Wieland werden zwei Duisburger dabei sein, mit denen – und vielen anderen – ich das Herren-Endspiel nach meiner Rückkehr am frühen Abend wiederum in der Kölner Hammond Bar mir ansehen werde. Es gibt also viel hin und her zwischen Duisburg und Köln, was den Städteverbund in meinem Kopf doch eigentlich einigermaßen erklärbar macht. Auch wenn ich mit meinem Rheinstadt-Gedanken eine sehr kleine Minderheit bin, könnten Ruhrstadt-Bewohnern aber erkennen, Identität ist machbar.

Melancholie und gute Laune

Als Kenner des deutschen Liedguts weiß ich, dass sich Liebeskummer nicht lohnt. Dennoch musste ich Erfahrungen machen, die mich trotz gesummter Vorsätze in ganz andere Ecken unseres Popkulturkanons führten. So konnte ich am Wochenende ein Gefühl wieder erkennen, dem ich schon lange nicht mehr begegnet war. Ich fühlte mich abseits, leer und betrachtete mit leiser Melancholie all die Menschen, die ganz selbstverständlich mit dem beschäftigt waren, was normaler Weise ebenfalls ein bedeutsamer Teil meines Lebens ist: dem Fußball. Am Samstag sah ich die Bochumer vor mir, wie sie angespannt dem entscheidenden Spiel entgegen harrten. Ich sah die Münchner in Erwartungsfreude auf die Meisterschale und die Berliner in ihrer gemeinsamen Trauer. Ich sah die Freiburger zum letzten Saisonspiel ins Stadion schlendern. Überall nahm ich Gefühle wahr, die in meinem eigenen Erleben keine Gegenwart besaßen. In mir war nichts.

Nichts war da, wenn ich an das Spiel des MSV Duisburg gegen Alemannia Aachen dachte. Zum ersten Mal seit Jahren. In solchen Zeiten ist Entwicklung auf sprunghafte Weise möglich. Der Platz für etwas Neues scheint unendlich groß zu sein. Ich mache mir nämlich weiter Gedanken um dieses Neue. Denn das Nichts wird nur in einem geringen Teil durch das Nichterreichen von Zielen des MSV Duisburg verursacht. In den letzten Jahren wurden Ziele öfter verpasst. Da ging es mir nicht so. Dieses Nichts in mir hat mehr mit dem Fußball der Gegenwart und den Strukturen dieses Geschäfts zu tun; sowie meinem schon öfter erwähnten Misstrauen der Mannschaft gegenüber, was ich von ihr für das Eingehen meiner emotionale Bindung zu erwarten habe.

Wie dem MSV Duisburg geht es vielen Vereinen bei der Suche nach Erfolg. Wieso lese ich nach Misserfolgen immer wieder von den „jungrigen“ Spielern, also den Jungen und Hungrigen, die sich identifizieren und mit denen ein Neuaufbau versucht werden soll?  Ich habe es schon oft erwähnt, da gibt es etwas nicht leicht Fassbares wie Identifikation, um das sich der Fußball der Gegenwart ganz dringend kümmern muss. Die Fan-Ausschreitungen nach Misserfolgen lassen sich auch als Symptom dieser ungelösten Probleme einer Professionalisierung des Sports deuten.

Der MSV Duisburg hat sich bislang diesen Mechanismen des Fußballs der Gegenwart nicht entziehen können. Anders formuliert, bislang gab es kaum Überlegungen beim MSV Duisburg zum MSV Duisburg, die über den sportlichen Erfolg hinaus gingen. Kann es in einem Verein wie dem MSV Duisburg auch etwas anderes als den sportlichen Erfolg zur Identifikation geben? Muss es das nicht sogar geben? So eine Frage ist beim FC St. Pauli scheinbar beantwortet. Dieser Verein bietet seinen Anhängern die Möglichkeit kraft ihres Anhängertums ein Statement abzugeben, das über den Sport hinaus geht. Wie lange das noch funktioniert, bleibt abzuwarten. Der FC St. Pauli bringt ja seit einiger Zeit, das Freibeuter-Image mit dem Geschäfte machen in Einklang. Interessant wird es zu beobachten, wie der geschäftliche Erfolg als notwendige Grundlage für den sportlichen Erfolg in die Vereinskultur rund um den FC St. Pauli integriert werden kann.

Das ist auch so ein Zeichen dieser Leere. Immer wieder kommen einem lose Gedanken und unausgegorene Überlegungen. Eigentlich müssen solche Gedanken dann noch einmal hervor geholt und bearbeitet werden. Die Saison ist vorbei. Zu einem letzten Sieg hat es anscheinend viele Chancen gegeben. Es passt zur Saison, dass auch diese vergeben wurden. Und deshalb stelle ich mir jetzt den in Duisburg geborenen und aufgewachsenen Fred Bertelmann vor, wie er auf der Meidericher Bahnhofstraße an einem Sonnensonntag vom ehemaligen Markplatz aus Richtung Westender Straße zum Trainingsgelände läuft. Dabei singt er seinen „lachenden Vagabund„. Auf seinem Weg wird er begleitet von den blau-weiß gekleideten Anhängern des MSV Duisburg. Alle diese Anhänger haben sich an der guten Laune von Fred Bertelmann aufgerichtet und ihre Gesichter strahlen beim Gedanken an die neue Saison. Denn des lachenden Vagabunden „Welt ist bunt“ und wir wissen ebenfalls, „Tina“, die sogar einen „Lord“ liebte, lief dem gleich fort, als sie den lachenden Vagabund sah. Wollen wir doch mal sehen, ob die Schlagerwirklichkeit nicht in der Fußballgegenwart wieder zu finden ist, wenn der lachende Vagabund Bruno Hübner mit neuen Spielern Kontakt aufnimmt.

Mehr als Trost beim Nachweinen

In diesen Zeiten von Transfergerüchten und Umbruch der Mannschaft sind starke Nerven bei den Anhängern des MSV Duisburg gefragt  – und manchmal auch Trost, der zugleich Hinweis auf die Leistungsstärke von Fußballspielern sein kann. Denn mancheinem werden einst hoffnungsvoll ausgesprochene Namen letzte Zuflucht, um die eigene Nervosität zu dämpfen. Da erkennen  manche Anhänger des MSV Duisburg etwa leichtfertiges Handeln in der Vergangenheit, als Sascha Mölders oder Nils-Ole Book an andere Vereine abgegeben wurden. Das seien doch Fußballer, so vermutet man, die gerade in der jetzigen Situation dem MSV Duisburg helfen können. Unabhängig von dem Hinweis, dass es damals gute Gründe für Ausleihe oder Verkauf gegeben hat, lese man folgende Sätze, die bei Der Westen von den Bochumer Sportjournalisten des WAZ-Konzerns gestern nach dem fest stehenden Abstieg des VfL Bochum eingestellt wurden:

Nun steht dem VfL Bochum eine harte Zeit bevor. Der Umbruch wird kommen, und das ist bestimmt auch notwendig, doch die Namen der Spieler, die für die Zweite Liga gehandelt werden, fördern nicht die Zuversicht, ein weiteres Mal den direkten Wiederaufstieg zu schaffen. Sebastian Tyrala, mit dem BVB II aus der Dritten Liga abgestiegen, Nils-Ole Book, mit Ahlen aus der Zweiten Liga abgestiegen, Sascha Mölders, den es beim FSV Frankfurt auch noch erwischen kann – damit dürfte man es schwer haben in der Spitzengruppe mitzumischen.

Textbausteine Heimspiele, Saison 2009/2010

Wenn man seine wenigen Chancen nicht nutzt, …

… braucht man sich nicht zu wundern.

… wird es gefährlich/fällt das Gegentor/wird es am Ende eng.

… war oft hilflos vor dem gegnerischen Tor.

Der tief stehende Gast aus …

… die entblößte Abwehr.

… nach einem Ballverlust in der Vorwärtsbewegung.

Mit den schnellen Kontern brachten die  ………. die MSV-Abwehr immer wieder in Schwierigkeiten.

Es blieb noch genügend Zeit, um den Ausgleich/das Anschlusstor zu erzielen. Doch …

Mehrere Chancen des Gastes in der ersten Hälfte hätten schon …

Tom Starke behielt die Nerven, als ……. ……. auf ihn zukam.

… erzielt das 1:0 für den Gast aus …

Nach einem Fehler in der Abwehr …

Die Fehlpässe im Mittelfeld …

… auch durch die weiten, hohen Bälle …

… engagiert, aber ohne ausreichende spielerische Möglichkeiten.

… fehlte die Zuordnung.

… ließ der Gast keine Chance mehr zu/nichts anbrennen/keinen Zweifel an dem Wunsch, drei Punkte mitzunehmen.

… verzweifelte Versuche.

Endlich erzielte …. auch mal wieder ein Tor für den MSV Duisburg im eigenen Stadion.

Meine Geschichte vom Spiel geht so: Letzten möglichen Zug nach Duisburg verpasst. Am PC Radio Duisburg gehört. Marco Roehling und Tobias Willi sind gemeinsam am Mikrofon. Sie erzählen mir das, was ich aus den letzten Heimspielen kenne. Gedanken an Textbausteine machen sich breit. Zwischendurch immer mal wieder in einem anderen PC-Fenster Bilder aus allen Stadien. Pausenspaziergang. Nach dem Zurückkommen die Führung für den KSC. Auswärtssieg! Gedankennotiz: Morgen Gratulation bei Jekylla zum Aufstieg von St. Pauli nicht vergessen.

So ist das Geschäft

Tief durchatmen muss ich schon, wenn ich die Abgänge beim MSV Duisburg so deutlich vor Augen geführt bekomme wie in Tinas Liste. Beim Lesen des Fließtextes bei Der Westen beruhigt sich das Gemüt mit der Zeit, doch die reine Namensliste macht mich unruhig. Das hat weniger mit den Fakten selbst zu tun als mit Sentimentalität und noch nicht gefestigtem Vertrauen in die Arbeit beim MSV Duisburg. Meine Unsicherheit ergibt sich zwangsläufig, weil die sportlich Verantwortlichen zum ersten Mal die nun anstehende Aufgabe wirklich angehen. Der konzeptionellen Aufbauarbeit kamen bislang die Hoffnungen auf den Aufstieg immer wieder in die Quere.

Bislang glichen Spielerverpflichtungen dem Einzelmöbelkauf mit der vagen Idee, wir wollen es auf jeden Fall sehr wohnlich und sehr schön haben. Wir hatten schon ein paar Möbel, die uns gefielen. Dort gab es dann den günstigen Küchenstuhl dazu, ein Möbelhaus weiter den  Wohnzimmertisch und als wir schon an dem SB-Markt vorbeikamen, konnten wir die Lampe gleich auch mitnehmen. Das passende, uns gefallende Sofa konnten wir uns erstmal noch nicht leisten. Deshalb nahmen wir die zwei Sessel vom Nachbarn. Das hatte auch den Vorteil, sobald wir ausziehen müssten, könnten wir die wieder zurückgeben. Und wenn es ganz gut gekommen wäre,  hätten wir einen behalten und noch ein Sofa dazugenommen. Unser  Einrichtungsbevollmächtigter Bruno Hübner hat dabei meiner Meinung nach gute Arbeit geleistet, wenn ihm nicht gerade mal wieder jemand bei der Möbelauswahl reingeredet hat. So richtig wohl haben wir uns mit der Einrichtung aber doch nur bei der Aussicht auf baldigen Auszug in ein besseres Viertel gefühlt.

Nun wird das Ganze anders angegangen. Ersteinmal ist es klar, wir bleiben im Viertel, müssen uns aber mit einem Wohnungswechel verkleinern. Wahrscheinlich wohnen wir dort dann auch etwas länger. Deshalb können  wir viele Möbelstücke nicht mitnehmen. Vielleicht klappt es aber, nach und nach eine Einrichtung zu finden, die auf mittlere Frist und bei entsprechender Heimwerkertätigkeit zum Vorzeigestück in Schöner Wohnen wird. Wie gesagt, Bruno Hübner und Milan Sasic betreten Neuland. Wir können also nichts sicher erwarten, und wir können nur hoffen, dass wir uns bald wieder heimisch fühlen.

Zurzeit sieht die alte Wohnung sehr nach Umzug aus. Vor allem der bevor stehende Abschied von Nicky Adler macht mich jetzt schon etwas sentimental, auch wenn ich glaube, dass es im Kader für seine spielerischen Qualitäten Ersatz geben wird. Ich merke an dieser aufkommenden Abschiedswehmut, wie sehr es mir bei meinem Interesse für Fußball in meinem tiefsten Inneren nicht nur um Erfolg meines Vereins geht. In dieser Wehmut versteckt sich mein Bedürfnis nach Dauerhaftigkeit und emotionaler Verbindung. Spieler in der Mannschaft müssen mir für diese anderen Gefühle unabhängig vom Erfolg Gelegenheit geben. Auch wenn es im Reden über Fußball so wirkt, als seien die Vereine und ihre Geschichte die unzerstörbaren Kerne des Fußballs. Es ist nicht ausgemacht, dass das immer so bleibt. Irgendjemand im Verein muss diese ideelen Momente des Fußballs lebendig halten und zwar durch sein Handeln in der Gegenwart. Beschwörendes Reden hilft da ebenso wenig wie die Erinnerung an alte Zeiten.  Spieler wie Nicky Adler machen das. Sie sind keine überragenden Fußballer. Sie stehen aber für sämtliche Gefühle und Werte dieses Sports unabhängig vom Erfolg. Man konnte sich über vergebene Torchancen von Nicky Adler ärgern und über seine überhasteten Dribbelversuche schimpfen, dennoch begegnet man ihm bei seinem nächsten Spiel ohne Ablehnung. Sein Wert für den MSV Duisburg waren nicht die Tore sondern der Respekt gegenüber der Geschichte dieses Vereins, die sich in seiner Spielweise, bewusst und unbewusst, ausgedrückt hat. Auf alles das, was er als Spielertyp verkörpert, berufen wir Anhänger uns beim anekdotischen Erzählen über unser Fan-Dasein. Ohne Spieler wie Nicky Adler würde der emotionale Kern von Fußball nach und nach sterben. Deshalb beschleicht mich Wehmut, wenn ich an den Abschied von Nicky Adler denke.

Wieder Herr der eigenen Stimmung sein

Wenn eine Mannschaft drei Spieltage vor Ende der Saison im Rahmen ihrer bis dahin gesehenen spielerischen Möglichkeiten bleibt, muss uns eine Niederlage dieser Mannschaft nicht die Laune verderben. Gerade jetzt, wo es um nichts geht, haben wir Zuschauer es selbst ganz in der Hand, wie wir uns nach dem 3:2-Sieg des SC Paderborn beim MSV Duisburg fühlen. Die Begegnung zwischen dem MSV Duisburg und dem SC Paderborn entsprach eben dem Verlauf vieler Zweitligaspiele. Der MSV Duisburg hätte auch gewinnen können. Der SC Paderborn wollte in der ersten halben Stunde nicht unbedingt mitspielen. Die Mannschaft wollte Tore verhindern. Das gelang. Und ebenso kann in der Zweiten Liga jede Mannschaft aus dem Nichts heraus ein Tor erzielen. Auch das gelang. Wenn in der zweiten Halbzeit bei größerem, vergeblichen Druck des MSV Duisburg ein Konter die erneute Führung des SC Paderborn brachte, so kennen wir das aus dieser Saison ebenfalls oft genug. Fällt trotz größeren Drucks kein Tor, wächst minütlich die Gefahr zu verlieren.

Versuchen wir uns deshalb in Lebenskunst und halten uns an alte Sinnsprüche in der Art, nicht die Fakten bestimmen unser Fühlen sondern deren Bewertung. Das heißt keineswegs, schlechte Gefühle dürfen nicht sein. Ich habe mich im Spiel geärgert – über die Tore des SC Paderborn und hohe Langfeldpässe auf zu kleine Mitspieler. Ich fand es zudem unerträglich, wie sich Paderborns Spieler in die Tradition naturwissenschaftlicher Scharlanterie stellten und uns mit dem übernatürlichen Phänomen des Magnetismus zwischen gestürzten Menschen und Rasenflächen verblüffen wollten. Ich freute mich aber auch mit den Freunden am doppelten Sahan. Auf den ersten Blick sehen sich Burakcan Kunt und Olcay Sahan sehr ähnlich. Ich muss sie mir mal beim Training von nahem ansehen, vielleicht hat das ja Verwirrungspotential beim Gegner. Denn auch wenn zudem manche ihrer Bewegungen im Spiel ähnlich wirken, so sucht Burakcan Kunt häufiger den Körperkontakt als Sahan. Sein Ehrgeiz und Durchsetzungswille brachte ihn sogar in die Gefahr, eine gelb-rote Karte zu erhalten. So etwas wird sich hoffentlich nach ein paar Zweitliga-Spielen gelegt haben. Es erinnert aber auch daran, jung und hungrig ist ebenfalls erst einmal ein Versprechen. Wer allerdings in jungen Jahren schon zum Idol eines Fanclubs wird, lässt mich sofort hoffen, dass es nicht nur bei Versprechungen bleibt. Wir Menschen sind schon lustige Wesen, die alleine deshalb zuversichtlicher sein können, weil auch andere Menschen an etwas glauben. Darüber hinaus bin ich natürlich neugierig, was da wohl hintersteht, hinter so einem Fanclub.

Maurice Exslager ist schon dabei, einen Teil des Versprechens einzulösen. Zur Halbzeit eingewechselt nimmt er fünf Minuten später einen steilen Pass ins Sturmzentrum wunderbar auf, spielt noch einen Gegenspieler aus und behält alleine auf den Torwart zulaufend die Ruhe, den Ball sicher ins linke untere Eck zu schieben. Begeisterter als über das Tor war ich über seine Freude. Dafür hat sich dieser Stadionbesuch gelohnt. Wir können uns durch solch eine ungebrochene Freude an das Beste in uns erinnern lassen. Er ließ uns Teil haben an seinem reinen Glück. In dieser Freude, und ich schreibe bewusst nicht „in diesem Jubel“, zeigt sich natürlich sein Alter, viel mehr aber steckt darin noch die Distanz zum Unterhaltungsbetrieb Fußball. In seiner Freude schwangen, wenn überhaupt, nur wenige Gedanke an Zuschauer mit. Irgendwo in der Ecke, links von der KöPi-Tribüne saßen Familie, Verwandte, Bekannte wer auch immer. Mit ihnen wollte er seine Freude über das Erreichen eigener Ziele teilen. Dorthin, in die Ecke folgte ihm die Mannschaft zur Gratulation. Für einen Moment war Maurice Exslager in dieser Fußball-Arena selbstvergessen. Solche Momente sind selten geworden im Fußball der Gegenwart.

Lohnen sich weitere, detailliertere Worte über das Spiel? Zwei Tage danach? Wen interessiert es noch, ob Caiuby zum Ende des Spiels kaum mehr einen Ball sofort unter Kontrolle brachte. Wen interessiert, dass die Verteidigung immer dumm aussieht, wenn der Ball im Mittelfeld bei der Vorwärtsbewegung verloren wird? Wenn interessiert, ob Dario Vidosic seine Aussichten auf die Teilnahme an der Fußball-WM verbessert hat. Durch ein einziges Tor? Das Ende der Saison ist dringend nötig. Der Mannschaft des MSV Duisburg geht es wie den meisten Menschen zum Ende eines Jahres hin. Da wird nichts Neues mehr angepackt. Was ansteht, wird zwar erledigt, doch mit den Gedanken sind alle schon bei den Feiertagen. Mit neuem Schwung im neuen Jahr. Milan Sasic fasst das für den MSV Duisburg in ein bekanntes, an alte Zeiten erinnerndes Bild: „Wir brauchen frisches Blut„. Ich bin gespannt, wo die Blutkonserven nun gefunden werden. Bis dahin werde ich mich auch nächste Woche darin üben, nach dem Stadionbesuch mir meine gute Laune nicht beeinträchtigen zu lassen. Denn das hier ist doch nur eine dauerhafte Möglichkeit, wenn wir Figuren in einer deutschen Komödie der 60er Jahre wären:


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