Archive for the 'Saison 2010/2011' Category

Spielvorbereitung FC Energie Cottbus samt letzter Schelte für die DFL

Vor dem Spiel gegen den FC Energie Cottbus denke ich noch kaum an den heutigen Abend. Ständig gehen mir Bilder des Halbfinal-Siegs im DFB-Pokal durch den Kopf. Das sei uns Fans aber gestattet. Schuld daran ist ohnehin die DFL mit ihrer verrückten Idee, den Saisonstart der 2. Liga so früh zu terminieren. Ich wiederhole mich, alles geht ineinander über. Die letzte Saison lappt noch ins Heute hinein, und aus der blieben von der DFB-Pokalrunde die lebendigere Erinnerungen als vom durchwachsenen Rückrunden-Ligabetrieb mit der 3:1-Auswärtsniederlage gegen den FC Energie Cottbus.

Ich sage es jetzt zum letzten Mal in diesem Jahr. Der 1. Weihnachtstag wird ja auch nicht drei Wochen vorverlegt, damit das Hochamt dieses Tages mehr Aufmerksamkeit gegenüber der Christmette am Heiligabend erhält. Nur, um das noch einmal klar zu stellen. Die DFL ist keine hoheitliche Verwaltungsinstitution, die vom Himmel gefallen ist. Der frühe Saisonstart wurde von den Vereinsvertretern im Entscheidungsgremium mit nur der Gegenstimme vom FSV Frankfurt beschlossen. Ich verstehe überhaupt nicht, welche wirtschaftlichen Folgen das diffuse Motiv „mehr Aufmerksamkeit für die 2. Liga“ haben soll. Denn alleine darum geht es dann ja doch. Irgendwie soll mehr Geld generiert werden durch die alleinige Präsenz des Zweitliga-Spielbetriebs in der Öffentlichkeit. Aber wie? Mehr Zuschauer werden nicht in die Stadien gehen, und die Fernsehgelder gibt es auch nur im Paket. Sponsoren, die für drei Wochen mal eben was Geld locker machen sollen? Es geht doch immer um langfristige Verträge. Ich verstehe den Gedankengang des DFL-Gremiums nicht. Schmiss da einer vielleicht nur das Wort Alleinstellung in den Raum, und das reichte schon aus? Dieses Wort Alleinstellung hat ja seit ein paar Jahren einen überaus guten Klang, wenn Gründe für wirtschaftlichen Erfolg gesucht werden und damit notwendige Voraussetzungen für den zukünftigen.

Aber FC Energie Cottbus! So heißt der Gegner heute Abend, und so richtig wissen wir nicht, woran wir sind. Einerseits sieht die Niederlage gegen den Karlsruher SC nach noch notwendiger Trainingsmehrarbeit aus, andererseits hatte Milan Sasic vor dem Spiel gegen den KSC ein gutes Gefühl. Für dieses Gefühl fanden auch wir Zuschauer mit dem Auftreten der Mannschaft in den Vorbereitungsspielen Argumente. Ich hoffe natürlich auf einen Sieg, aber dem Realisten in mir reicht nach meinem Eindruck vom Karlsruher Spiel schon eine Mannschaft, in der das Zusammenwirken aller besser funktioniert. Dann wäre ich auch mit einem Unentschieden zufrieden. Die Saison ist lang genug für eine Siegesserie, die erst später beginnt. Meinetwegen ab dem dritten Spieltag.

Zur weiteren Einstimmung für heute Abend sei auf den von youttube-Kanal von luetteyeah verwiesen. Dort findet sich dieser von großem Fan-Pathos getragene Kurzfilm rund um das Halbfinale im DFB-Pokal gegen den FC Energie Cottbus, 13 Minuten 8 Sekunden intensive Atmosphäre und abwechslungsreiche Bilder.

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Saisonvorbereitung: Zwei falsch formulierte Fragen an Milan Sasic

Manchmal ist die sportliche Leitung beim MSV Duisburg nicht zu beneiden. Da mäkeln Fans trotz der erfolgreichen letzten Saison über die Spielerfluktutation, und Journalisten hauen in dieselbe Kerbe, wenn sie Fragen so stellen, als missachte die sportliche Leitung den vor einem Jahr aufgestellten Plan.

Den Neuaufbau hatten Sie und der damalige Manager Bruno Hübner schon vor einem Jahr angekündigt. Trotzdem mussten jetzt 14 neue Spieler her. Was ist da schiefgelaufen?

Diese Entwicklung war absehbar. Wir hatten in der letzten Saison viele Leihspieler und zudem nur wenige langfristige Verträge. Jetzt sind wir einen Schritt weiter als vor einem Jahr.

Also ein Neuaufbau im zweiten Anlauf?

Ich habe die Hoffnung, dass wir im nächsten Jahr wirklich an dem Punkt sind, dass wir nur drei oder vier Leute holen müssen. Diesmal sind nur drei Leihspieler dabei, zudem laufen die meisten Verträge jetzt über zwei bis drei Jahre. Wenn wir mal den verletzten Ivo Grlic herausrechnen, haben wir eine sehr junge Mannschaft, die sich entwickeln kann.

Der Westen, 13.7.2011

Ich hätte mir die Antwort von Milan Sasic noch deutlicher gewünscht. Da ist nichts schief gelaufen. Was beim MSV Duisburg geschieht ist kein „Neuaufbau im zweiten Anlauf“, wie es die nachfolgende Frage suggeriert. In der letzten Saison stand der MSV Duisburg doch vor dem Problem mit wenig Geld eine Mannschaft zusammen zu stellen, die mit einem früh gesicherten Mittelfeldplatz Planungssicherheit für die neue  Saison gibt. Dieser Teil des Neuaufbaus ist doch wohl gelungen. Da gibt es keinen zweiten Anlauf. Jetzt wird der nächste Schritt gemacht.

Im Wirtschaftssystem Fußball hat sich in den letzten Jahren der Leihspieler als feste Größe etabliert. Dieser Leihspieler bietet allen beteiligten Parteien Vorteile, wenn der Leihspieler so etwas wie Berufsethos besitzt oder die Ausleihe als große Chance begreift. Manchmal fällt beides zusammen. Bei jüngeren Spielern wie Julian Koch ergibt sich dieses Zusammenfallen meist von selbst. Etwas größer ist das Risiko für den ausleihenden Verein bei etwas älteren Spielern wie Stefan Maierhofer. Da braucht es gute Menschenkenntnis oder genaues Wissen über die konkreten Ziele dieses älteren Spielers, um das Potential der Leihe zu bewerten. Die sportliche Leitung vom MSV Duisburg hat in der letzten Saison aus der Not eine Tugend gemacht. Sie hat mit wenig Geld sehr viel erreicht. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn mehr Spieler hätten bleiben können. Doch wenn zwischen wirtschaftlichen und sportlichen Zielen abgewogen werden muss, ergeben sich Veränderungen im Spielerkader.

Der Verein brauchte neue Spieler, weil Ausleihen zu Ende gingen und Spieler mit nicht mehr lange laufenden Verträgen mit Gewinn verkauft werden konnten. Erst in diesem Jahr hat der Verein nun die Möglichkeit durch die konsolidierte finanzielle Situation zusammen mit der zurück  gewonnenen Attraktivität des Fußball-Unternehmens MSV Duisburg junge Spieler längerfristig zu binden. Für mich ist es so offensichtlich, dass nichts anderes geschieht, als den zu Beginn der letzten Saison verkündeten Plan zu erfüllen. Deshalb ist die Frage von Dirk Retzlaff falsch gestellt, selbst wenn sie Milan Sasic die Gelegenheit bietet, seine Sicht der Dinge zu erklären. Die Frage beschäftigt sich mit der Oberfläche des Geschehens. Die Frage müsste anders gestellt werden, damit Fans verstehen, die Ab- und Zugänge dieser Saison haben völlig andere Ursachen als die Ab- und Zugängen in den ersten zwei Jahren nach dem letzten Bundesliga-Abstieg. Die Ab- und Zugänge des MSV Duisburg in diesem Jahr sind werthaltiger.

Der Missbrauch des MSV Duisburg verpufft im Nichts

Manchmal trifft es sich gut, wenn zu wenig Zeit ist, um den immer fließenden Strom des Welt- und Provinzgeplappers sofort zu kommentieren. Am Montag nach dem Pokalendspiel schrieben die einen in Duisburg vom „Sauerland-„, die anderen vom „Pokal-Eklat“. Seid empört, Skandal, Skandal, hörte ich es skandieren. Doch nach der Gratisbewirtschaftung der Lokalzeitungen durch den MSV-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Werner Tomalak wurde nur eine Pseudo-Geschichte hochgerülpst, über die heute niemand mehr spricht. Mir gibt der Rülpser aber gleich Gelegenheit, an einem Beispiel, das in Duisburg jeder versteht, meinem soziologischen Hobby zu frönen und ein wenig die öffentliche Meinungsbildung unter die Lupe zu nehmen.

Statt mich also darum kümmern zu müssen, wie der MSV Duisburg von Vereinsverwaltern für eigene Zwecke missbraucht wird, sehe ich zufrieden, die für den Fußball bezahlten Menschen beim Verein erledigen trotz aller Widrigkeiten professionell alles, um in der nächsten Saison möglichst erfolgreich zu sein. Es beruhigt mich, wie die Aufgaben von Bruno Hübner so umverteilt werden, dass der Spielerkader weiter Form annimmt. Daniel Beichler und Zvonko Pamic werden ausgeliehen, Goran Sukalo verlängert seinen Vertrag. Milan Sasic macht sich um die Position des Torwarts Gedanken.

Inzwischen hat sich Milan Sasic außerdem so viel Reputation erworben, um als Stimme des Vereins in die Öffentlichkeit zu treten. Seine Sätze auf der Internet-Seite des MSV Duisburg waren notwendig, um nach der Duisburger Lokalpolitikposse den Blick auf das Notwendige zu lenken. Das Unternehmen MSV Duisburg im Verein MSV Duisburg hat nicht nur die sportlichen Belange gut im Blick, der Unternehmensbereich Kommunikation weiß auch um die notwendig gute Stimmung im Umfeld.

Im Verein MSV Duisburg machte sich nun bemerkbar, dass niemand aus eigenem Impuls heraus, die Führungsaufgabe Vereinsvorsitz hat übernehmen wollen. Der Vereinsvorsitzende besitzt nicht nur eine Verwaltungsfunktion. So eine Person bündelt im besten Fall die verschiedenen Strömungen im Verein, vor allem wirkt er als erster Repräsentant für die Idee des Vereins in der Öffentlichkeit. Er steht mit seinem Namen für den Verein. Wahrscheinlich muss Dieter Steffen erst noch ein Gespür für diesen notwendigen Teil seiner Aufgabe entwickeln. Sonst werden sich immer wieder Stimmen vernehmen lassen, die in der Öffentlichkeit allein durch ihre dortige gleichgewichtige Präsenz den Eindruck erwecken, ihre Stimme hätte dieselbe Bedeutung wie die des Vereinsvorsitzenden vom MSV Duisburg.

Diese Aufgabe Dieter Steffens ist um so wichtiger, wenn die anderen Stimmen für den MSV Duisburg in der Öffentlichkeit Interessen verfolgen, die über Vereinsbelange hinausgehen. Als das CDU-Mitglied Hans-Werner Tomalak der Rheinischen Post gegenüber nicht allzu viel Wert auf das Briefgeheimnis legte und die eigenen Worte an den Parteifreund Adolf Sauerland der Redaktion steckte, kümmerte er sich doch wenig bis gar nicht um den Ruf des MSV Duisburg, sondern um den des Oberbürgermeisters aus den eigenen Reihen.

Interessant an dieser Geschichte ist nun keineswegs die Frage, ob Adolf Sauerland vom MSV Duisburg eingeladen war oder nicht. Der MSV Duisburg schreibt in einer Pressemitteilung, er sei eingeladen gewesen. Interessant ist viel mehr die Tatsache, dass diese Frage nicht nur vierzehn Tage später keine Rolle spielt, sondern sie noch am Tag der Berichterstattung in den meisten Online-Kommentaren zu der Geschichte ohne Belang war. Das Ganze wurde meist abgehakt unter Parteiengezänk. Darüber hinaus hatte die Sauerland-muss-weg-Fraktion einmal wieder einen Anlass, sich zu äußern; und die Sauerland-ist-nicht-an-allem-schuld-Fraktion konnte ebenfalls endlich mal wieder vom Leder ziehen.

Die Meinungen beim Thema Adolf Sauerland sind fest zementiert, und ein aktuelles Geschehen weckt nur die nach der Loveparade-Katastrophe entstandenen Haltungen. Adolf Sauerland müsste der NRW-Landesregierung dankbar sein, die gesetzliche Grundlage für ein Abwahlverfahren gegen ihn geschaffen zu haben. Erst dieses Abwahlverfahren wird helfen, die Lethargie und die Zerrissenheit Duisburg zu überwinden, egal ob der Oberbürgermeister abgewählt wird oder nicht. Selbst wenn er sein Amt behalten sollte, hätte Adolf Sauerland zumindest endlich wieder ein Argument, um Mitarbeiter zu überzeugen und zwar nicht unbelastet, aber mit gutem Recht vor die Öffentlichkeit zu treten. Im Moment besitzt er nichts als seinen Willen durchzuhalten. Als ob das  ein Wert an sich ist. Wer eine Stadt so spaltet wie Adolf Sauerland, kann unabhängig von allen anderen Fragen nur erster Bürger dieser Stadt sein, wenn er kraftvolle Visionen für sein Wirken in dieser Stadt hätte. Adolf Sauerland macht diesen Eindruck nicht. Wäre ich Bürger Duisburgs, ich würde für seine Abwahl stimmen.

Der MSV Duisburg reagierte übrigens mit einer Pressemitteilung auf die Vorwürfe von Hans-Werner Tomalak, die hier ausschnittweise zitiert sei:

Anders als unter Bezugnahme auf das Schreiben des Aufsichtsrates des MSV Duisburg 1902 e.V. dargestellt, ist der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland regulär und frühzeitig vom MSV zum Bankett am Abend nach dem DFB-Pokalfinale zwischen dem MSV und Schalke 04 in Berlin eingeladen worden. Von einer kurzfristigen Einladung kann keine Rede sein; der Oberbürgermeister ist zum selben Zeitpunkt wie alle anderen Gäste des Abends eingeladen worden.

Der MSV ist nach Abpfiff des Pokalfinales am Samstag, 21. Mai 2011, also unmittelbar vor Beginn des festlichen Abends im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz, von Sicherheitskräften unmissverständlich angewiesen worden, sowohl den Verlauf des Abends als auch das Placement an den Tischen so zu gestalten, wie es dann geschehen ist. Trotz Protestes des MSV hat sich der Club diesen Anweisungen fügen müssen.

„Der Aufsichtsratsvorsitzende des MSV e.V. Hans-Werner Tomalak ist von mir unmittelbar am gleichen Abend über diese Umstände informiert worden. Deshalb kann ich den Schritt des Aufsichtsrates, ein nicht den Tatsachen entsprechendes Bild zu verbreiten, nicht nachvollziehen. Wir sind auch deswegen so stark geworden, weil wir es in den vergangenen Monaten geschafft haben, alle Probleme intern zu diskutieren und zu lösen, und das werde ich weiter so halten. Die jetzt getätigten, unrichtigen Aussagen beschädigen das Bild und Ansehen des MSV enorm“, sagte Dieter Steffen, Vorstandsvorsitzender des MSV Duisburg 1902 e.V.

Nach dieser Pressemitteilung weiß ich mich glücklich, keine Einladung zu dem Empfang erhalten zu haben. Wie unentspannt muss eine Veranstaltung sein, wenn Sicherheitskräfte – die von Hannelore Kraft? – den Abend bestimmen. Aber so kennen wir sie ja, die Männer mit Sonnenbrille und Ohrknopf, mit unbeweglicher Miene starren sie durch die Gegend und letztlich weiß man nicht, ob dahinter nicht das heimliche Lächeln eines Schalke-Fans steckt.

Wäre die Frage einer Einladung von Adolf Sauerland durch den MSV Duisburg wirklich wichtig gewesen, hätte der ein oder andere Journalist nachfragen können, was das denn zu bedeuten habe, Sicherheitskräfte schreiben den Verlauf des Abends vor. So verhilft uns die Berichterstattung zum „Eklat“ sogar noch zu ein wenig Sicherheit in der unübersichtlich gewordenen Welt. Erinnerte sich die Rheinische Post mit CDU-Tomalak doch an die christlich-konservative Grundhaltung von ehedem. Ob es beim WAZ-Konzern sich verbietet, mit einem CDU-Mann so offensiv wie die Rheinische Post ins Horn zu stoßen oder ob in diesem Medienhaus rein journalistische Prinzipien zur Geltung kamen, lässt sich allerdings nicht genau sagen.

Dann müssen wir also mal ganz schnell b-planen

Wie oft gibt uns der Fußball die Gelegenheit zu großen Gefühlen. Wie schnell wechseln sie sich für uns Zuschauer ab. Wem es wann immer auch gelingt, dieses gesamte Spektrum der Gefühle von grenzenloser Begeisterung zu abgrundtiefer Enttäuschung stets fließend ausklingen zu lassen, ist ein begnadenswerter Mensch. Erlebt er doch in einem Spielfeld seines Lebens zutiefst wahre Gefühle, ohne im eigentlichen Leben dauerhaft Schaden zu nehmen. Gestern aber fürchtete ich beim Lesen der Pressemeldung vom MSV Duisburg, dass da bei mir in der nächsten Zeit erst einmal nichts ausklingen würde. Dabei ging es nicht einmal um ein Spiel. Mein Gefühl der Enttäuschung blieb so ernst, dass ich im ersten Augenblick nichts anderes hier habe reinstellen wollen als den Clip mit der jüngsten Hymne der Enttäuschten. Es ist nicht die Hymne meiner Generation, aber schon vor fünf Jahren konnte ich mich bei jüngeren Freunden in ihr wiedererkennen. Und gestern dachte ich in einem ersten trotzigen Aufwallen bei allem, was ich über Bruno Hübner und sein Verhältnis zum MSV Duisburg in den nächsten Wochen las, irgendsowas ähnliches wie Scheiß auf Freunde bleiben.

Natürlich verstehe ich sofort die Gründe, warum es Bruno Hübner zu Eintracht Frankfurt zieht. Die Nähe zur Heimat, die besseren finanziellen Möglichkeiten für die Arbeit, die lokale Marktführerschaft der Eintracht, was weiß ich, alles spricht für den zukünftigen Konkurrenten des MSV Duisburg in der 2. Liga. Ich glaube auch gerne, dass ihm der Entschluss schwer gefallen ist. Dennoch verschwindet nicht das Gefühl, hintergangen worden zu sein. Ich weiß selbst, so ein Gefühl wirkt angesichts dieses Geschehens im Unterhaltungsbetrieb Fußball  etwas lächerlich. Ich kann nichts dagegen tun.

Wenn ich lese, dass in der Zeit vor dem Pokalfinale die Verhandlungen zwischen Heribert Bruchhagen und Bruno Hübner geführt wurden, komme ich mir vor, als habe meine Freundin im Nebenzimmer mit nem Typen rumgemacht, während ich noch vom nächsten Sommerurlaub schwärme. Vielleicht ist das ungerecht, und normalerweise habe ich keine Schwierigkeiten damit, den Fußball als Wirtschaftszweig mit sehr eigenen Vertragsverhältnissen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern anzuerkennen. Doch wegen des Zeitpunkts und der Umstände der Kündigung von Bruno Hübner beim MSV Duisburg brauche ich noch etwas Zeit, meinen Sinn für Realismus wiederzufinden.

Nun muss sich der MSV Duisburg um einen Plan B kümmern, an den dort, laut Geschäftsführer Roland Kentsch, niemand gedacht hat. Mit unerwarteten Ereignissen rational umzugehen, das gehört zum Tagesgeschäft der MSV-Führung.  Dafür wird sie bezahlt. Einmal mehr vertraue ich auf die Kontakte von Roland Kentsch. Es wird sich ein Sportdirektor finden. Dieser Sportdirektor wird andere, aber hoffentlich genauso gute Kontakte wie Bruno Hübner haben. In der Enttäuschung von so vielen am MSV Duisburg Interessierten drückt sich auch gar nicht die Sorge aus, Bruno Hübner liesse sich nicht ersetzen. In dieser Enttäuschung zeigt sich das Wissen, für den Erfolg eines Vereins wie dem MSV Duisburg ist mehr nötig als das Abarbeiten von Aufgaben auf sportlicher Ebene.

Für den Erfolg eines Vereins wie dem MSV Duisburg braucht es einen Geist des Zusammenhalts, der von Menschen im Verein gelebt und nach außen getragen wird. Diese Menschen müssen in realistischer Weise voranweisende Gedanken in die Öffentlichkeit bringen. Bruno Hübner hat für mich diesen Realismus und den Plan für die Zukunft verkörpert. Diesen Wert für den Verein hat er ungeachtet seiner Spielerverpflichtungen bewiesen. Bislang haben sich weder Dieter Steffen noch David Karpathy in der Öffentlichkeit als Stimme des MSV Duisburg sonderlich stark positioniert. Der MSV Duisburg braucht aber eine Stimme, die dem Unternehmen MSV Duisburg ein Bild seiner selbst vermittelt.

Der Zusammenhalt scheint nun auch wieder gefährdet. Es wird spekuliert, welche weitere Geschichte hinter der Geschichte der Kündigung steht. Bruno Hübner selbst deutet Schwierigkeiten zwischen „Verein und Gmbh“ an. Die Kräfte im MSV Duisburg scheinen sich zunächst einmal wieder nicht zu bündeln. Wenigstens beruhigt mich an der Situation der schon fortgeschrittene Aufbau des Spielerkaders für die neue Saison. Für den Erfolg des MSV Duisburg ist das gegenseitige Vertrauen der sportlich Verantwortlichen aber genauso wichtig. Ich hoffe sehr, wenn Milan Sasic den zukünftige Sportdirektor kennenlernt, wird die Phase mit dem „Freunde bleiben“ schnell vergessen sein. Das kennen wir doch alle, wenn die Chemie stimmt, verblasst die Vergangenheit.  Dann können wir endgültig den Frankfurtern die Überlegung überlassen, ob sie nicht in Wahrheit Iggy Pop als Sportdirektor verpflichtet haben. Und ob der sich im deutschen Fußball gut auskennt?

Fußball gab es im DFB-Pokalfinale auch noch

War da noch was, weswegen wir als Zuschauer in Berlin beim DFB-Pokalfinale gewesen sind? Das Fußballspiel selbst erhält in der Berichterstattung nach dem Samstag nicht nur in Duisburg keine große Aufmerksamkeit. Es lässt sich eben keine originelle Geschichte über dieses Spiel erzählen. Nichts Unvorhersehbares im Spielgeschehen hat den FC Schalke 04 dabei behindert, die vorhandene spielerische Qualität zu entfalten. Diese Mannschaft kam ins Rollen, und diese Mannschaft wollte beweisen, all die schlechten Leistungen der letzten Wochen:  Das waren eigentlich gar nicht wir. Diese Mannschaft wollte sich von ihrem schlechten Wir befreien. Das ist ihr für diesen Tag gelungen.

Ich finde es normal, dass eine Mannschaft wie der FC Schalke 04 einen Zweitligisten wie den MSV Duisburg hoch schlagen kann. Daraus lässt sich kein besonderes Selbstbewusstsein ableiten. Auf der anderen Seite des MSV Duisburg muss das aber auch zu keiner besonders lang anhaltenden Enttäuschung führen. Bleibt mal alle auf dem Boden, in Gelsenkirchen und in Duisburg. Wer sich in Duisburg über die Leistung einzelner Spieler ärgert, hat die Voraussetzungen dieses Spiels völlig aus den Augen verloren. Schweigt stille, und denkt an alle Spieler beim MSV Duisburg, die verletzt gefehlt haben.  Und denkt zudem an den so immens großen Wertunterschied in Euros der beiden Spielerkader als Maßstab für den vom Markt angenommenen  Qualitätsunterschied, den der MSV Duisburg hätte schleifen müssen.

Doch dieser grundsätzliche Qualitätsunterschied zwischen beiden Mannschaften ließ sich am Samstag nicht aufheben. Er zeigte sich fast durchweg beim Tempo der Ballverarbeitung. Die Mannschaft des MSV Duisburg agierte am Samstag entweder langsamer oder beim Versuch schnell zu sein, unpräziser als der FC Schalke 04. Die Spieler des MSV Duisburg beherrschten den Ball erst nach zwei- oder dreimaliger Berührung, während auf Seiten der Schalker fast immer beim ersten Kontakt dieser Ball genau das machte, was der Spieler beabsichtigte. Auch deshalb kamen die Spieler des MSV Duisburg gar nicht erst in den Kampf hinein, der für die Verwirklichung der Pokalträume notwendig gewesen wäre. Der Ball war bis auf die Zeit zwischen dem zweiten und dritten Tor der Schalker meist  schon woanders, sobald der verteidigende Spieler des MSV Duisburg irgendwo ankam. Bei Angriffen der Duisburger hatten die Schalker in der Defensive deshalb fast durchweg ausreichend Zeit, den Verbund der Abwehr zu organisieren.

Ich habe den Verdacht, es wäre besser gewesen, der FC Schalke 04 hätte vor dem DFB-Pokalfinale eine eindrucksvolle Siegesserie gezeigt. Dann hätte die Mannschaft des MSV Duisburg tatsächlich jene Chance gehabt, die wir doch alle mehr oder weniger insgeheim vor dem Finale gesehen sahen. Frei nach dem Motto, wir haben keine Chance und wollen sie nutzen, wäre die Mannschaft des MSV Duisburg wahrscheinlich sehr viel unbelasteter gewesen, als sie in Berlin aufgetreten ist. All das Reden vor dem Finale über den Druck des FC Schalke 04 gewinnen zu müssen, löste anscheinend eine nachteilige psychische Bewegung in Duisburg aus. Gefühle gehen manche komplizierte Wege, und deshalb schien nicht die Mannschaft des FC Schalke 04 nervös auf den Platz gehen sondern die des MSV Duisburg.

Vielleicht beeindruckte ein wenig auch die Kulisse, aber ich glaube, vor allem schien diese Mannschaft eine Chance auf den Sieg zu sehen und ängstigte sich, diese Chance zu verspielen. Die meisten Spieler der Zebras wirkten nicht so, als befänden sie sich nur im Augenblick des Spiels. In diesen Augenblicken schwang der Ausgang des Spiels  mit. Sie hatten Angst diese für sie wahrscheinlich nicht allzu oft vorkommende Chance ihrer Karriere auf einen großen Erfolg zu verspielen. Für mich zeigen das die Minuten nach dem zweiten Tor der Schalker. Dieses Tor war nicht das endgültige Aus für die Mannschaft des MSV Duisburg. Im Gegenteil. Von dem Moment an spielte der MSV Duisburg befreit auf. Von dem Moment an war die Last des großen Erfolges von den Schultern der Spieler gefallen. Jetzt erst ging es noch darum, den einzelnen Angriff gut vorzutragen und nicht darum, den so nahe scheinenden Pokal-Triumph möglich zu machen.  Erst jetzt ging es darum, den gegnerischen Angriff erst einmal zu stoppen und nicht darum, das Tor zu vermeiden, das den Traum zerstören wird.

In diesen Minuten des Spiels hatte sich die Mannschaft gefangen, spielte guten Fußball, und es mangelte, wie wir es alle wussten und es schon oft erlebt hatten, am Abschluss. Erst das dritte Tor kurz vor der Halbzeitpause entschied das Spiel endgültig. In der zweiten Halbzeit ging es dann nur noch darum, nicht unterzugehen. Wir haben am Samstagnacht auf der Sonntagstraße in Friedrichshain beim Bier den Tag ausklingen lassen. An den Kneipentischen auf der Straße wurde es etwas kühl. Doch das hielten wir aus. Denn das junge partyhungrige Friedrichshain machte uns zu Pokalsiegern der Herzen. „Kopf hoch“, hörten wir immer wieder. Und: „Ich hätte es euch so gegönnt“.  Ein Pärchen, in Zebra-Trikots, mittleres Alter, kam ebenfalls an uns vorbei. Ein kurzer Gruß, getragene Stimmung. Doch dann verlangsamte er den Schritt etwas und meinte: „Stellt euch bloß vor, wir hätten heute ’ne Klatsche bekommen.“ Wir grinsten. Samstagabende in Berlin können wunderbar sein.

Legendär werdend: Die zehn Minuten in Berlin

Bilder von der Fankurve des MSV Duisburg in den  letzten zehn Minuten vom DFB-Pokalfinale in Berlin werden schon seit dem Sonntag  gesucht. Die Erzählung von diesen letzten zehn Minuten hatte sich schnell verbreitet. Immer mehr Menschen schickt Google nun auf der Suche nach Bildern von diesen Momenten hierher. Diese Bilder gibt es. Zwei Clips möchte ich hier noch einstellen – dank Matze, der für seinen youtube-Kanal ZebraMoviez die Kamera hält.

Mit der Hymne fing es etwa in der 80. Minute an:

Von den folgenden Minuten hat Matze dann einen Clip zusammen gestellt.

Wer immer noch nicht genug hat: Von der Stimmung vorher und vom Anfang des Spiels gibt es noch einen Clip von ihm. Und morgen schaffe ich es dann, auch endlich was zum eigentlichen Anlass dieses Spektakels zu schreiben: dem Fußballspiel.

Das ist kein Trost! Dafür stehen wir „hier“ – und manchmal auch in Berlin

Bei der Wiederöffnung dieser Räume hier komme ich vor lauter Eindrücke Ordnen erstmal nicht zu vielen Sätzen. Ich bin noch zu nah dran an der Aufregung vor dem Spiel, an dem Zuspruch für den MSV, wo immer wir gingen oder saßen. Ich bin zu nah dran an dem Anblick dieser blau-weißen Kurve und dem knallenden EM-ES-VAU beim Zebratwist vor dem DFB-Pokalfinale. Vielleicht könnte ich sogar schon ein paar Sätze zum Spiel selbst schreiben, aber darum geht es dieses Mal eben nicht nur. Es geht um mehr als um dieses Fußballspiel. Es geht um all die Energie, die am Samstag mit und für den MSV Duisburg gelebt wurde. Es geht um Identität. Es geht um Werte. Es geht um Zusammengehörigkeit. Es geht um die letzten zehn Minuten des Spiels, die bei jedem noch so kurzen Erinnern bei mir zu Gänsehaut führt. „Wir sind Zebras, weiß blau„. So fing es an, und wenn da vielleicht auch ein Impuls des Trotzes dabei gewesen ist, dieses „nun erst recht“, es war etwas anderes. Dieser Fangesang war auch etwas anderes als Trost, den wir uns gegenseitig spendeten. Wer so singt, braucht keinen Trost. Das Anstimmen der der Hymne etwa zehn Minuten vor Spielende und das nicht enden wollende „Meidericher SV“ hieß einfach, wir fühlen uns mit uns selbst, der Mannschaft dort unten auf dem Feld und dem Verein MSV Duisburg richtig. Dieses Bewusstsein der Stärke kam aus uns selbst. Kein Gegner war notwendig, der als Feind die Masse einte und niedergemacht werden musste. Es waren zehn Minuten, die von einer Utopie des Menschlichen berührt waren. Noch etwas anderes war in diesem Gesang zu spüren, handfester, alltagsnäher und genauso wahr: Das Spiel endete mit einer Niederlage, aber Niederlagen sind Momente, unser Leben mit diesem MSV Duisburg dauert an.

In diesen zehn Minuten bündelten sich noch einmal die zurück liegenden Tage all dieser Menschen in der Kurve. In dem Singen klang mit der nächtliche Zebratwist im Beach in the Box zwischen Disco-Fox und Clubdance-Sound. Da steckte der ausgelassene Tanz selbst drin, die zufällige Begegnung mit Bekannten, die schon Jahre nicht mehr gesehen waren. Darin lebte die ausgelassene Stimmung bei der Anreise in Gruppen per Zug oder Auto wieder auf. Dieser Gesang erinnerte an die Zebraherde unter und vor dem Brandenburger Tor, die nun auf Erinnerungsfotos  von Touristen in alle Welt mitgenommen wird.

Nach und nach werden bei youtube wahrscheinlich die Bilder dieses Wochenendes auftauchen. Ich werde das im Blick halten. Nach und nach werden aber auch mir weitere Sätze zu den Tagen in Berlin einfallen. Ich werde sie hier veröffentlichen. Doch jetzt erst einmal sagen dank der der Unterstützung von youtube und der emsigen Filmer hier Bild und Ton mehr als geschriebene Worte.


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