Archive for the 'Saison 2015/2016' Category

Mehr als Fußball – Ein Beitrag zum Buch in Zebravision von Studio 47

Möglichst genaue Worte finden – dieses Ziel wirkt auch heute noch nach, wenn ich über die Arbeit an „Mehr als Fußball“ im Interview sprechen soll. Wie im Beitrag gesagt, gibt es das Buch in den Duisburger Buchhandlungen. Es lässt sich zudem bei mir direkt bestellten – support your local author, wo auch immer euer Herz für die Zebras schlägt.

Wann beginnt nochmal der Dauerkartenverkauf für die nächste Saison?

Mir ist noch nicht klar, ob ich zum Rückspiel der Relegation vom MSV gegen die Würzburger Kickers gestern noch etwas schreiben werde.  Im Zebrastreifenblog sind die Fakten des Spiels ja nur Grundlage für etwas anderes. Mit meinem Schreiben über Fußball möchte ich immer über den Fußball hinausweisen. Für reine Sportberichterstattung gibt es Leute, die dafür bezahlt werden. Mich langweilt das auch. Dieses Spiel gestern bietet keine Geschichte. Dieses Spiel war mit dem Ausgleich vorbei, und dieser Ausgleich fiel früh. Das gilt sowohl für den zeitlichen Abstand zum Führungstor als auch für den Zeitpunkt im Spiel. Die 40. Minute war noch nicht einmal angebrochen. Es war früh, und ich ärgerte mich nur kurz. Zu mehr war ich nicht mehr fähig.

Beide Spiele der Relegation bieten in ihrem Ablauf nichts für eine Geschichte. Die gesamte Relegation bietet nichts für eine Geschichte. Das liegt vor allem daran, dass die anderen Geschichten in den Wochen zuvor über den MSV Duisburg zusammen mit uns auf den Rängen so ungeheuer dramatisch waren. Die Mannschaft führte uns in emotionale Höhen und ließ uns von dort im freien Fall mehrere Male hart in der vermeintlichen Tiefe des Abgrunds aufschlagen. Das schmerzte so sehr, dass wir uns schon am Ende dieser Saison wähnten, der Aussichtslosigkeit des Abstiegs. Doch die Tiefe des Abgrunds erwies sich mehrmals als Felsvorsprung auf halbem Weg. Die Mannschaft und wir auf den Rängen standen auf. Wir kletterten wieder hoch. Das war unglaublich. Staunend sahen wir uns immer wieder an, wenn wir die plane Fläche direkt neben dem Abgrund erreichten.

Der Mensch ist auf dieser Erde deshalb so eine erfolgreiche Spezie der Säugetiere geworden, weil es keine andere konkurrierende Art zu einer derartigen Meisterschaft der Anpassung gebracht hat. Egal bei welchen Lebensbedingungen, der Mensch pegelt seinen Zustand auf dieser Welt auf Normalität ein. Das gelingt über Generationen, wenn es um klimatische Bedingungen geht. Das macht jeder für sich selbst, wenn es um die Emotionen geht. Anscheinend war der Ausnahmezustand Fall in den Abgrund für mich so normal geworden, dass ich gestern staunend merkte, wie nervenschonend ich mir dieses Spiel anschauen konnte. Der Grund war nicht nur die Chancenlosigkeit des MSV in diesem Spiel. Wir hatten den Abstieg in dieser Saison schon oft genug erlebt. Als Zwischenresultat in einem einzigen Spiel, aber auch als Gefühl, wenn nach dem Abpfiff die Niederlage feststand. Für mich ist dieses Erleben anscheinend so normal geworden, dass ich nicht mehr mit größeren Gefühlsausschlägen reagiert habe.

Der MSV Duisburg ist abgestiegen. Mich schmerzt das heute nicht sehr. Heute Nacht, als ich nach Hause kam, war ich leer. Ich fand keine Worte für diesen Verlauf der Relegation. Ich sah nur dieses Missverhältnis zwischen der ungeheuren Intensität in den letzten Wochen der regulären Saison und dem, was in den beiden Relegationsspiele von der Mannschaft zu sehen war und was ich selbst dabei empfand. So viel Anstrengung für so wenig, fast nichts in der Relegation. Auf dem Rasen war Freitag und gestern von der Intensität der entscheidenden Meisterschaftspiele kaum etwas zu spüren. Jeder einzelne Spieler kämpfte, das war sichtbar. Diese Einzelanstrengungen konnten aber nicht zusammen geführt werden zu einem geschlossenen Ringen und Kämpfen gegen den Abstieg. Die Mannschaft hat gestern die Stimmung im Stadion zu Anfang des Spiels nicht aufgenommen. Der Versuch, das Spiel zu kontrollieren, stand dem im Weg. Das kontrollierte Spiel des MSV emotionalisiert nicht, unkontrolliertes Spiel birgt aber unkontrollierte Risiken. Vielleicht hätte man die eingehen müssen? Vielleicht hätte Würzburg dann schon nach zehn Minuten wieder geführt? Müßige Fragen.

Der MSV Duisburg ist abgestiegen nach nur einer Saison in der 2. Liga. Die finanzielle Lage macht die Zukunft schwierig. Uns beschäftigt also einmal mehr die Frage, erhält der Verein die Lizenz für die 3. Liga. Welche Aussichten gibt es in der nächsten Saison mit welchem Etat? Einmal mehr wissen wir,  der sofortige Wiederaufstieg müsste das Ziel sein. Der Teufelskreis Schuldenanstieg und abnehmende Kaderqualität droht wieder. Ist er schon Wirklichkeit? Diese Fragen sind gestern Abend nach dem Schlusspfiff aufgetaucht.

Heute aber denke ich schon wieder: MSV Duisburg. Der Verein ist da, und das ist verdammt nochmal großartig. Vor knapp 3 Jahren konnte das niemand sicher sagen. Die Rettung des Vereins damals zeigte, der MSV Duisburg, das ist mehr als der Wettkampfsport Fußball. Der MSV, das sind die Menschen, die von diesem Verein bewegt werden. Der MSV, das ist die Verbundenheit zwischen diesen Menschen. Der MSV, das ist das soziale Engagement dieser Menschen für Kinder in Duisburg, die in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen aufwachsen Der MSV, das ist das grenzüberschreitende Engagement seiner Anhänger für elternlose Kinder in Afrika. Der MSV, das ist der Einsatz seiner Anhänger für Gerechtigkeit und Toleranz in der Stadtgesellschaft Duisburgs. Der Fußball des MSV Duisburg ist nur Anlass für all das. Deshalb ist der MSV Duisburg sehr viel mehr als dieser Wettkampfsport. Deshalb ist dieser MSV mehr als die Niederlage im Kampf um den Klassenerhalt.

Wann beginnt der Dauerkartenverkauf? Ich beginne mich auf die nächste Saison zu freuen. Klingt komisch, ist aber so.

 

Warum der Klassenerhalt wichtig ist – BILD erklärt

Erst heute habe ich verstanden, warum der Klassenerhalt so wichtig ist. Die Schlagzeile der BILD klärt auf. Nur der Klassenerhalt verhilft dem MSV Duisburg zur sicheren Lizenz für die 3. Liga.

 

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Nicht zuletzt aus diesem Grund sind auch wir auf den Rängen besonders gefordert. Für ein Wunder hielte ich den Klassenerhalt nach einem 2:0-Rückstand übrigens nicht, auf den Gesamtverlauf der Saison trifft das Wort natürlich, aber in der Relegation alleine bringt mir dieses Wort zu viel Aussichtslosigkeit mit sich. Aber selbstverständlich wird es verdammt schwer, und wir auf den Rängen werden da sein. Was am Samstag erst in Ansätzen zu spüren war, steht nun außer Frage. Das Stadion wird die „Hölle“, die Bernd Hollerbach für seine Spieler erwartet und wie ich es am Samstag nur erhofft hatte.

 

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Das Stadion ist ausverkauft. Die Mannschaft des MSV Duisburg wird nun hoffentlich ihren Teil zum Klassenerhalt dazu tun. Wir sind alle bereit. Endspieltag.

Fußball ist doch auch nur eine andere Form Tennis

Sportbegeistert wie ich durchs Leben gehe, habe ich ja schon die ein und andere sportliche Mode in Deutschland mitgemacht. Als nach dem ersten Wimbledon-Sieg von Boris Becker 1985 das Tennis neben dem Fußball zum bedeutendsten TV-Sport wurde, staunte ich immer wieder, wie fokussiert Tennisspieler – ich meine Frauen wie Männer – auf jeden einzelnen möglichen Punktgewinn sind.

Egal, wie hoch der Gegner in einem Satz führt, die Kunst der Besten bestand immer darin, diese hohe Führung im eigenen Kopf zum Verschwinden zu bringen. Ich sah zu und staunte, wie sie selbst bei hohem Rückstand im Satz sich auf diesen einen Aufschlag und den folgenden Ballwechsel konzentrierten. Als Zuschauer wusste ich, der nächste Fehler bringt sie der Niederlag so nahe, dass jeder neue Ballwechsel in meinen Augen auch gleich abgeschenkt hätte werden können. Nichts dergleichen geschah.

Oft genug sah ich dann zu, wie es Spielern gelang, diesen einen Ballwechsel noch zu gewinnen. Dann folgte ein weiterer Punktgewinn und schließlich war der eigene Aufschlag durchgebracht. Der Aufschlag wechselte, und weiter wurde Ballwechsel um Ballwechsel der Rückstand vermindert.

Diese Fähigkeit im Moment zu bleiben und sich von der Gesamtsituation zu lösen ist das, was die Spieler vom MSV Duisburg morgen brauchen. Im Grunde ist der Fußball morgen nur eine andere Form Tennis. In jeder Spielsituation geht es um deren erfolgreiches Bestehen als Einzelaktion. Bei jedem Angriff geht es nur darum ein Tor zu erzielen. Bei jeder Defensivaktion gilt es diesen einzelnen Ball zu erobern. Mehr nicht. Das müssen die Spieler im Kopf haben. Der Rest ergibt sich von alleine. Hoffentlich kennt Ilia Gruev   professionelle Tennisspieler, mit denen er sich schon mal ausgetauscht hat.

Wir Zuschauer im Stadion werden unseren Teil ebenfalls beitragen müssen. Wir dürfen den Trainer der Würzburger Kickers, Bernd Hollerbach, und seine Spieler auch nicht enttäsuchen. Bernd Hollerbach erwartet die „Hölle“ für seine Mannschaft. Wir müssen also die Zebras sehr laut unterstützen. Nicht nur die Nord, das ganz Stadion. Wie schon geschrieben, gegen Leipzig hat das schon einmal sehr gut geklappt. Das wiederholen wir einfach, nur sehr viel länger und von Anpfiff an.

Wenn eine Befürchtung wirklich wird

Nun spielt auch der Tatort heute Abend in Würzburg. Die Nürnberger Tatort-Kommissare machen einen ermittelnden Ausflug. Mir hilft das, wenigstens ein paar Worte noch zum Hinspiel der Relegation  zu schreiben. Eigentlich schaue ich nämlich nicht mehr zurück. Eigentlich bin ich mit jedem Gedanken schon beim endgültigen Endspiel um den Klassenerhalt am Dienstagabend und bereite mich vor. Eigentlich will ich so schnell wie möglich auf meinem Platz im Stadion stehen und mit aller Energie die Mannschaft nach vorne treiben, zusammen mit allen anderen auf den Rängen. Ich will ein frühes Tor der Zebras herbeischreien, den folgenden Ausgleich des 2:0-Rückstands und dann weitersehen. Lese ich im Netz herum, weiß ich mich nicht alleine. Überall gibt es wieder die kämpferischen Stimmen. Überall wird die Hoffnung auf die kleine Chance im Rückspiel lebendig. Überall wird nach vorne gesehen.

Der Tatort gibt mir aber etwas zur Hand, um ein letztes Mal zurück zu blicken. Überraschend sind Tatorte so gut wie nie. Wir wissen fast immer, was auf uns zukommt. Mit der Relegation verhält es sich nun ebenso. Vor dem Spiel in Würzburg hatte ich befürchtet, es könne sich wiederholen, was wir beim MSV Duisburg diese Saison mit einer einzigen Ausnahme im Spiel gegen Düsseldorf gesehen haben. Ich hatte gehofft, wir kämen drum herum. Dem ist nicht so. Wenn die Mannschaft etwas zu verlieren hatte und gegen Gegner auf vermeintlicher Augenhöhe spielte, war sie zu vorsichtig, häuften sich Fehler, nutzte keine Anstrengung eines jeden Spielers. Erst wenn fast alles verloren schien, konnte der Gegner unter Druck gesetzt werden. Vielleicht waren erst dann die Köpfe frei. Es gab nichts mehr zu verlieren. Es gab nur noch etwas zu gewinnen.

Das Spiel in Würzburg erinnerte an das Auswärtsspiel in Sandhausen. Die Kickers suchten vom Anpfiff an ihre Chance. Sie hatten nichts zu verlieren. Sie konnten frei aufspielen. Die Aufgabe der Zebras war es, dem Offensivdruck dieser ersten Minuten Stand zu halten. Das schien allmählich zu gelingen. Auch der MSV konnte Angriffe in die Nähe des Strafraums bringen, wenn auch in der Defensivbewegung auf dem gesamten Feld oft noch der ein und andere Schritt zu spät kam. Dann kam der Elfmeterpfiff und der Führungstreffer für die Kickers.

Der Elfmeterpfiff gegen den MSV gehört für mich in die Rubrik Erklärungsbedarf, auch wenn er anscheinend nicht weiter diskutiert wird. Der hohe Ball fiel in den Schussraum von Kingsley Onuegbu. Er wollte den Ball mit hohem Bein rausschlagen und traf den von der Seite in seinen Schussraum hineinspringenden Würzburger Stürmer am Kopf. Spektakulär sah das aus, eine Platzwunde war die Folge, aber Verantwortung hatte der Stürmer genauso. Oder ist jedes hohe Bein im Strafraum potentiell ein gefährliches Spiel? Schiedsrichter, helft mir.

Nach dem Führungstreffer bemühten sich die Zebras unbeeindruckt weiter zu spielen. Die Würzburger standen defensiv sicher und suchten ihre Konterchancen. Angestrengt wirkte das Duisburger Bemühen, und es blieb erfolglos. Dagegen wirkte jeder begonnene Kickers-Konter im Ansatz gefährlich, weil Pässe ankamen, oft sicher verarbeitet oder schnell weiter geleitet wurden. Ab der 30. Minute aber erspielte sich der MSV eine leichte Überlegenheit. Die Würzburger gerieten tatsächlich etwas unter Druck. Als Folge schoss Kevin Wolze kurz vor der Halbzeitpause an den Pfosten. Die Chance zum Ausgleich war vorüber.

Nach der Pause schien die Mannschaft wieder gehemmt zu sein. Vielleicht schien das 1:0 keine zu schlechte Ausgangsposition für das Rückspiel? Vielleicht war die Sorge vor einem weiteren Würzburger Tor zu groß? Jene Dynamik im Spiel des MSV der letzten Viertelstunde in der ersten Halbzeit war jedenfalls wieder verschwunden. Übrig blieben lange Bälle in die Spitze, ohne dass sie abgelegt werden konnten oder auf andere Weise für Gefahr sorgten. Auch die Würzburger riskierten kaum etwas. Sie hatten ihre Konter und wie in der ersten Halbzeit bargen sie Gefahr, sobald die Mittellinie überquert war. Einmal hatten die Zebras Glück, das zweite Mal in der 80. Minute fehlte das. Branimir Bajic konnte den scharfen Pass in die Mitte nicht verhindern. Im Strafraum gelang dem Würzburger Stürmer ein klassischer, schwer zu verteidigender Mittelstürmerschuss zum 2:0.

Im Tatort wird am Ende fast immer die Lösung des Falls schön aufbereitet erzählt. Damit auch noch der schläfrigste Zuschauer alles versteht. Es ist ein Erzählmuster, wie auch der MSV Duisburg in dieser Saison das immer selbe Erzählmuster für die Entwicklung seiner Spiele und für den Saisonverlauf selbst genutzt hat. Was ich Freitag noch befürchtet hatte, ist nun meine Hoffnung. Am Dienstagabend sind die Vorzeichen nun umgekehrt, die Würzburger Kickers haben etwas zu verlieren.  Der MSV besitzt nichts mehr. Er kann nur noch gewinnen. Ein letztes Mal kann das Erzählmuster dieser Saison erfüllt werden. Die ganze Saison in der Relegation en miniature, wie wir Franzosen gerne sagen. Das ließe ich mir gefallen. Das ist meine große Hoffnung für Dienstag.

 

 

Es wird verdammt schwer, und wir sind da

Bevor ich hier irgendetwas zum Hinspiel der Relegation schreibe, ist anderes sehr viel wichtiger: Unsere Spielvorbereitung für Dienstagabend. Seit gestern, 21 Uhr, hat diese Spielvorbereitung für mich begonnnen. Ich hoffe, das gilt für jeden, der ins Stadion kommt. Für mich hieß es als erstes, Enttäuschung aushalten, den Ärger rausschimpfen, dann noch ein Bier trinken, sich beruhigen. Die spät in der Nacht nochmals aufwallende Enttäuschung habe ich schon nur noch verächtlich angesehen und stehen gelassen. Soll sie irgendwoanders ihr Glück versuchen. Heute morgen der Samstagsalltag zur weiteren Ablenkung, und seit dem Mittag weiß ich, der Dienstag kann kommen.

Es wird verdammt schwer, mit dem 2:0-Rückstand den Klassenerhalt noch zu schaffen. Das wissen wir alle. Aber wie oft haben wir in dieser Saison so einen Satz mit „es wird verdammt schwer“ schon gesprochen? Wie oft schien die Situation der Mannschaft nahezu aussichtslos? Aussichtsloser als jetzt.  Es wird verdammt schwer, aber mit der Unterstützung von uns Zuschauern kann es gelingen.

Nach der Halbzeitpause im Spiel gegen Leipzig sah es für 15 bis 20 Minuten nicht mehr gut für den MSV Duisburg aus. Dass die Mannschaft die Spielkontrolle zurückgewann, haben wir Zuschauer auf den Rängen durch unsere Unterstützung mitgeschafft. Stellt euch vor, ich könnte nach dem Spiel gegen die Würzburger Kickers  die Worte zu dem Spiel gegen Leipzig wiederholen:

Das gesamte Publikum spürte, diese Mannschaft braucht Unterstützung und zwar nicht nur die Unterstützung des Stimmungsblocks. Diese Manschaft braucht das ganze Stadion, und das Stadion war da. Das Anfeuern aus der Nord wurde auf den Geraden aufgegriffen, und es wurde laut. Pausen bei diesem Anfeuern gab es nicht mehr. Ununterbrochen wurde nun die Mannschaft zu jener Stärke getrieben, die sie…

Stellt euch vor, ich könnte diese Sätze mit einer kleinen Änderung im letzten Teil noch einmal schreiben. Damit ich denn dann stimmigen Rest des Satzes schreiben kann, muss das ganze Stadion am Dienstagabend bereit sein, die Mannschaft des MSV bedingungslos zu unterstützen, nicht nur die Nord, auch die Geraden und die Süd. Das ganze Stadion muss da sein. So lange es irgend geht.

Es wird verdammt schwer für die Mannschaft, bei diesem 2:0-Rückstand den Klassenerhalt zu schaffen. Mit dem Stadion im Rücken kann es gelingen.

Wenn Fieberfantasien wirklich werden – Kees Jaratz, Gott der 2. Liga

Erinnerungen sind selbst auf kurzer Strecke keine verlässliche Quelle für die Fakten der Vergangenheit. Ende März hatte ich mit hohem Fieber im Bett gelegen. Wir hatten uns mit dem Abstieg des MSV angefreundet, doch hohes Fieber setzt das normale Denken gerne außer Kraft. Plötzlich spürte ich wieder die Macht des Tabellenrechners, den ich zum Wohle des MSV einsetzen wollte. Die Fieberfantasie sah wieder vielversprechend aus. 

Meine Hoffnung auf den direkten Klassenerhalt war in den letzten drei Wochen aber anscheinend so groß, dass ich den damals schon wunderhaften Relegationsplatz als Vorhersage gar nicht mehr richtig im Kopf hatte. Ich dachte, ich hätte den 15. Platz prognostiziert.

Doch weit gefehlt, der MSV hat mit Ausnahme der Verdrehung der Heidenheim- und Nürnberg-Ergebnisse genauso  gespielt, wie ich es gewünscht habe. Es sieht so aus, als sei die Wirklichkeit Kraft des Tabellenrechners erst geschaffen worden. Allerdings haben einige der anderen Vereine die Wirklichkeits-Baupläne anscheinend verkehrt herum gehalten. Da das aber Frankfurt und Düsseldorf gleichzeitig gemacht haben, hat sich das wieder ausgeglichen.

Ich weiß es nicht genau, wie oft ich den Tabellenrechner in kritischen Saisonphasen zum Wohle des MSV inzwischen angewendet habe. Viermal? Bislang hat sich die Wirklichkeit in Abstiegsfragen immer daran gehalten, was ich vorhergesagt habe. Gott der 2. Liga spielen, fühlt sich gut an. Ihr wisst schon, Allmacht und so. Wundert euch nicht, wenn Fußballanhänger demnächst in einer Nischensekte ihr Seelenheil finden können.

Diese göttliche Größe strahlt übrigens gerade nicht auf die beiden Relegationsspiele aus. Da verfalle ich wieder in alten menschlichen Aberglauben. Alles in mir sträubt sich, es zu schreiben, was wir alle wünschen.  Das Schicksal möchte ich nicht herausfordern. Soll das mit dem Nischenangebot fürs Seelenheil was werden, sollte der MSV in Zukunft solche Entscheidungsspiele vermeiden.

Die Wirklichkeit

14. Fortuna Düsseldorf:  35 (31)   + 4
15. TSV 1860 München:  34 (32)  + 2
16. MSV Duisburg:  32 (32) +/- 0
17. FSV Frankfurt 32 (35) – 3
18. SCP Paderborn: 28 (28)  +/- 0

 

Die Prognose

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Die Statistik der Relegationsspiele spricht

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. So lautet es ja gerne bei den etwas unübersichtlicheren Zahlen als die einer Aneinanderreihung von Spielergebnissen. Ich möchte das heute etwas abwandeln. Traue keiner Statistik, die du nicht  selbst gedeutet hast. Betrachten wir also die Relegationsspiele für die 2. Liga.

Seit der Saison 2008/2009 gibt es die Relegationsspiele, bei denen der Drittletzte der 2. Liga gegen den 3. der 3. Liga für die Folgesaison einen Platz in der 2. Liga ausspielen. Das sind insgesamt 7 Wettbewerbe, bei denen sich fünfmal der Drittligist und zweimal der Zweitligist durchgesetzt haben. In den 14 Begegnungen gewannen die Drittligisten siebenmal. Es gab vier Unentschieden und dreimal gewann der Zweitligist. Wer sich die genauen Ergebnisse ansehen möchte, bitte schön, mit einem Klick weiter zu Wikipedia.

Ihr seht, die Drittligisten sind in den Relegationsspielen bislang klar erfolgreicher gewesen als die Zweitligisten.  Was mir Zuversicht gibt für die Spiele des  den MSV Duisburg gegen die Würzburger Kickers. Der Saisonverlauf hat gezeigt, je unwahrscheinlicher ein Erfolg des MSV in einem Spiel wurde, je näher ein möglicher Abstieg rückte, desto erfolgreicher spielte die Mannschaft. Die Gesamtstatistik der Relegationsspiele für die 2. Liga zeigt zwar eine höhere Wahrscheinlichkeit für den Erfolg des Drittligisten, doch im besonderen Fall des Zweitligisten MSV Duisburg erhöhen sich dessen Chancen auf den Klassenerhalt. Die Statistik der Relegationsspiele spricht zu uns, und sie spricht für den Erfolg der Zebras gegen die Würzburger Kickers.

Die nächste Legendenweg-Etappe für Fans und Mannschaft

Je größer das Glück, desto weniger brauchen wir die Worte. Es genügt ein kurzer Moment, der Anlass zur Erinnerung gibt und schon ist alles wieder da. Das Foto vom Torjubel Giorgi Chanturias mit seinem nackten Oberkörper taucht im Info-Strom des Netzes auf und sofort sehe ich seinen Antritt parallel zur Strafraumgrenze, umringt von roten Trikots, ich sehe seine enge Ballführung, den Durchbruch in den Strafraum hinein, diese plötzliche Lücke, die sich auftut, den freien Weg auf den Torwart. Hart wird Chanturia von der Seite angegangen, kommt einmal kurz ins Straucheln und läuft weiter.

Er ist wieder da, der bange Moment, in dem die Zeit still stand, der Bruchteil einer Sekunde, in der die Wirklichkeit für mich ein psychodelisches Bildergemisch wurde. In diesem Bildergemisch strauchelt sich ein Chanturia schon zu Boden, während ein anderer Chanturia weiterläuft, allerdings mit Kingsley Onuegbus Gesicht und dessen Hautfarbe. Den Schuss vom Onuegbu-Chanturia pariert der Leipziger Torwart wie die Großchance von Onuegbu selbst in der ersten Halbzeit. Den Elfmeterpfiff sehe ich als Folge und spüre Tränen der Enttäuschung schon brennen, während der Jubelschrei in tiefer Kehle aus mir herausdrängen will. Aller angehaltene Atem will raus. Unsere Oberkörper beugen sich nach vorne. Nun schieß! Und tatsächlich bringt Giorgi Chanturia den Ball rechts am Leipziger Torwart vorbei. Das so ersehnte Tor zur Führung ist wirklich geworden.

Den nackten Oberkörper von Giorgi Chanturia habe ich erst heute morgen gesehen. In unserem kaum enden wollenden Jubel verloren wir das Spielfeld völlig aus dem Blick. Alles tobte durcheinander. Drei, vier Stufen rauf und runter wogten wir, mit jedem feiernd, der in der Nähe war. Jubel. Freude. Reines Glück. Das ersehnte Zwischenziel, der Relegationsplatz, so nah. Nun war es egal, welche Ergebnisse die anderen Mannschaften erzielten. Doch noch waren 15 Minuten zu spielen.

Die Führung war verdient, und sie war zudem gegen eine Leipziger Mannschaft herausgespielt worden, die in diesem Spiel noch ein Ziel hatte. Wie angekündigt wollte diese Mannschaft in Duisburg gewinnen. Doch der MSV hielt von Anpfiff an dagegen. Sorgen bereitete uns das schnelle Leipziger Kurzpassspiel und die technischen Qualitäten fast aller Leipziger Spieler. Doch in der ersten Halbzeit ließ der MSV diese mannschaftlichen und individuellen Qualitäten nicht zur Entfaltung kommen. Die Leipziger Spieler waren sichtlich genervt von den früh angreifenden Duisburger Spielern. Sie wurden nicht in Ruhe gelassen. Eine wirkliche Torchance erspielten sie sich nur in der 3. Minute. Es war die einzige brenzlige Situation für Marcel Lenz, die er souverän löste.

Überhaupt strahlte Marcel Lenz eine beeindruckende Ruhe aus. Das ist nicht selbstverständlich, wie wir alle wissen. In so einem bedeutsamen Spiel überhaupt zum ersten Mal in der Saison eingesetzt zu werden, kann eine Belastung sein. Marcel Lenz hat sofort zu seinem Rhythmus gefunden und bot der Mannschaft Rückhalt durch seine Ausstrahlung.

Die großen Chancen zur Führung hatte der MSV in dieser ersten Halbzeit. Nach wunderbarem schnellen Passpiel über drei Stationen, das Kingsley Onuegbu selbst eingeleitet hatte, lief er frei auf den Leipziger Torwart zu. Der parierte seinen Schuss in die rechte untere Ecke mit einem großartigen Reflex. Diesen Reflex packte er nach einem freien Schuss von Stanislav Iljutcenko im Strafraum noch einmal aus. Aufschrei der Enttäuschung, zum zweitern. Zetern, Hadern. Beschwören des Fußballgotts.

Wer solche Chancen vergibt. Den Satz vollendeten wir in der Halbzeitpause lieber nicht. Dennoch schwebte die leise Sorge über uns, das Vergeben könne sich rächen. Die Sorge wurde größer, als in den ersten Minuten der zweiten Halbzeit der MSV noch nicht wieder so ins Spiel fand, wie es für die Kontrolle der Leipziger fußballerischen Qualität nötig war. Die Spieler wurden nicht mehr früh genug angegangen und schon fand das Spiel vor allem in der Duisburger Hälfte statt. Die Mannschaft kam nicht mehr für längere Zeit an den Ball. Eigene Angriffe fanden nicht mehr statt.

Nun geschah etwas, was in Duisburg nicht oft passiert. Das gesamte Publikum spürte, diese Mannschaft braucht Unterstützung und zwar nicht nur die Unterstützung des Stimmungsblocks. Diese Manschaft braucht das ganze Stadion, und das Stadion war da. Das Anfeuern aus der Nord wurde auf den Geraden aufgegriffen, und es wurde laut. Pausen bei diesem Anfeuern gab es nicht mehr. Ununterbrochen wurde nun die Mannschaft zu jener Stärke getrieben, die sie in der ersten Halbzeit gezeigt hatte. Die Spieler rannten wieder jenen Meter mehr, der nötig war, um den Leipzigern unangenehm zu werden. Das Spiel verlagerte sich wieder raus aus der Hälfte der Duisburger und um die 60 Minute herum, war die zuvor gesehene Stärke wieder da.

Selten ist es so klar erkennbar gewesen, dass ein Sieg des MSV Duisburg auch ein Sieg des Publikums gewesen ist. Wenn die Geschichte dieser Saison tatsächlich mit einem guten Ausgang zu erzählen ist, dann wird dieser Sieg auch als ein Sieg des Zusammenhalts von Zuschauern und Mannschaft zu erzählen sein. Noch ist dieser Sieg erst eine Zwischenetappe auf dem Weg zum Klassenerhalt. Noch sind zwei Spiele zu spielen. Es ist schon viel erreicht worden mit diesem Sieg gegen Leipzig, etwas was vor wenigen Wochen kaum einer für möglich gehalten hat. Doch dieser Sieg ist Zwischenetappe; ein Sieg der zudem notwendig war, weil der TSV 1860 München wie befürchtet gegen den FSV Frankfurt verloren hat.

Um die 87. Minute herum machte die Nachricht von der Frankfurter Führung bei uns die Runde. Noch einmal zitterten wir, noch einmal erinnerten wir uns kurz an all die späten Ausgleichs- und Niederlagentore, die wir je in diesem Stadion gesehen hatten. Doch hielt sich das Zittern in Grenzen. Der MSV behielt die Spielkontrolle bis zum Schlusspfiff. Die nächste Etappe wartet nun. Auf gehts Zebras, lasst uns das Wunder Klassenerhalt vollenden.

 

Nicht an Sonntag denken, um den Sonntag zu erleben

In meinem Alter hat einem der eigene Körper nur bei sehr viel Glück und seltenenen genetischen Anlagen Erfahrungen mit den Segnungen der Medizin erspart. Nur der Deutlichkeit halber, es sind Segnungen. Wir Älteren kennen etwa noch den Zahnarztbesuch im Wissen ums mögliche Bohren ohne reibungsmindernden Wasserfluss am Zahnarztbohrer sowie der schmerzlindernden Spritze. Manche OP wurde bewältigt, manche Ungewissheit von diagnostischen Verfahren ertragen.

Das Spiel des MSV Duisburg gegen RB Leipzig am kommenden Sonntag weckt in mir kurioserweise dasselbe Verhalten, wie es sich bei mir in solchen möglicherweise körperlich unangenehmen Begegnungen mit den Segnungen der Medizin einstellte. Ich versuche bis zum Tag x, jeden Gedanken an das Ereignis selbst zu vermeiden. Zu groß ist die Sorge vor den erwarteten Schmerzen. Am Tag selbst aber bin ich auf eine Weise konzentriert und gefestigt, die es mir ermöglicht, jeden Moment des Geschehens mit vollem Bewusstsein wahrzunehmen und mit allem, was kommt, umzugehen.

Der Ausfall von Viktor Obinna macht es für mich noch notwendiger, die Beschäftigung mit dem Spiel des MSV gegen RB Leipzig erst am Sonntag zu beginnen. Auch was der Rotebrauseblogger schreibt, brachte keine Gelassenheit. Im Grunde bestätigt er nur mein eigenes Denken, das ich nur nicht in Worten formuliere, weil es die Aura des schlechten Vorzeichens mit sich bringt. Aber wenn er das macht, kann ich schnell den Gegenzauber sprechen und alle guten Geister des Pott-Fußballs beschwören, damit seine Prognose der SC Paderborn hätte es am Sonntag sehr viel einfacher als der MSV Duisburg nicht wirklich wird. Ja, im Grunde bestätigt er zudem meine Befürchtung, wie ernst es RB Leipzig am Sonntag noch sein wird.

Lassen wir das also, viel lieber denke ich bis Sonntag daran, dass in meinem Leben bei all meinen sorgenvollen Zeiten mit den Segnungen der Medizin am Ende alles gut ausgegangen ist. Ich lebe noch. Wenn sich der MSV daran vielleicht ein Beispiel nehmen könnte für einen nächsten Schritt auf dem Weg zum entsprechenden Zweitligaschicksal.


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