Archive for the 'Saison 2015/2016' Category



Nun gut – noch einmal der Tabellenrechner am 33. Spieltag

Normalerweise kann ich Paradoxien sehr viel abgewinnen. Es sei denn, es handelt sich um den Tabellenrechner und das Abgleichen mit der Wirklichkeit am vorletzten Spieltag. In allen vorherigen Spielzeiten hatte sich dieses Abgleichen zu diesem Zeitpunkt der Saison schon erübrigt, weil der MSV mein herbeigewünschtesgerechnetes Saisonziel erreicht hatte. Nun müsste ich dieses Mal angesichts des Tabellenstandes noch immer meine Rechnung mit der Wirklichkeit abgleichen. Nichts ist entschieden. Doch bei nur einem noch ausstehenden Spieltag erledigt sich das ebenfalls von selbst. Es bleibt nichts mehr zu erzählen. Eigentlich ist dieses Abgleichen auch diese Saison wieder überflüssig, nur aus ganz anderen Gründen, als es bislang der Fall war.

Eines fällt mir aber noch ein, weil es die gegenseitige Abhängigkeit der Bedingungsgrößen für so eine Tabelle sehr schön deutlich macht. Vor dem letzten Spieltag hatte ich den Sieg von Fortuna Düsseldorf befürchtet. Ein Unentschieden im Spiel gegen Frankfurt wäre aber nur gut gewesen für den MSV, wenn die Zebras in Sandhausen gewonnen hätten. Nun verbessert der Sieg der Fortuna die Ausgangslage für den MSV. Ohne diesen Sieg könnte ein Unentschieden des MSV im Spiel gegen Leipzig niemals langen, um den Relegationsplatz zu behalten, selbst wenn Frankfurt im Heimspiel gegen 1860 ebenfalls nur Unentschieden spielte.

Natürlich wissen wir, mit Sicherheit bleibt der MSV auf dem Relegationsplatz nur, wenn das Spiel gegen Leipzig gewonnen wird. Gelassen hätte ich das schon nicht schreiben können, bevor ich gestern die Nachricht las, dass Victor Obinna für den Rest der Saison ausfällt. Nun muss ich mich um meinen Optimismus für dieses Spiel gegen Leipzig sehr bemühen. Deshalb verstoße ich gegen eines der Grundgesetze des Profifußballs und schaue am nächsten Spieltag nicht nur auf uns. Damit werde ich nicht alleine sein. Wir alle werden verdammt aufmerksam auch nach Frankfurt sowie nach Paderborn schauen und auf die tatkräftige Mithilfe von 1860 sowie Nürnberg hoffen.

14. TSV 1860 München:  34 (32)  + 3
15. Fortuna Düsseldorf:  32 (31)   + 2
16. MSV Duisburg:  29 (32) – 2
17. FSV Frankfurt 29 (32) – 2
18. SCP Paderborn: 28 (28)  +/- 0

2016-34

Pyrotechnik ist Körperverletzung

Pyrotechnik mag kein Verbrechen sein, Pyrotechnik, Unterkategorie geworfener Böller, ist aber eine Körperverletzung. Als juristischer Laie sage ich, das war vorsätzliche Körperverletzung, als nach dem Spiel des MSV in Sandhausen zwischen den Anhängern auf dem etwa zwei Meter breiten Weg zum Parkplatz ein Böller unauffällig fallen gelassen wurde.

Das Ding explodierte zwischen den MSV-Fans, die das Spiel beredeten, die sich fürs Finale  gegen Leipzig Mut zusprachen. Das Ding explodierte, erschreckte fast alle in der Nähe und danach standen zwei Männer mit schmerzverzerrtem Gesicht an dem Zaun, der diesen zwei Meter breiten Weg auf der einen Seite begrenzte. Sie mussten sich anlehnen, wirkten wie im Schock, hielten sich ein Ohr und konnten nicht mehr weitergehen. Vom Böllerwerfer keine Spur. Natürlich hat ihn niemand in der vom Böller betroffenen Gruppe MSV-Fans gesehen. Natürlich war er längst weiter gegangen. Unauffällig, feige, heimtückisch, aber wahrscheinlich bester Laune. Jemand, der sich wahrscheinlich auch dem MSV verbunden fühlt. Noch wahrscheinlicher fühlt er vor allem sich selbst verbunden.

Ich versuche meinen Ton zu mäßigen. Sehr viel Verstand scheint der Böllerwerfer nicht mit ins Stadion zu bringen, und deshalb muss ich grundsätzlich werden, weil Pyrotechnik ja kein Verbrechen ist, wie die Verfechter des Rechts auf Pyrotechnik in den Stadien betonen. Das mag ja sein, dennoch haftet diese Pyrotechnik-Szene für genau diesen Böllerwurf nach dem Spiel mit. Es ist zum Räuber-und-Gendarm-Spiel geworden bei Auswärtsspielen herumzufackeln. Auch beim MSV, auch in Sandhausen, nach meinem Empfinden war ein großer Teil der mitgereisten Anhänger des MSV mit dem Abbrennen der Bengalos nicht einverstanden. Es wurde gepfiffen. Das ist das eine.

Denke ich an den Böllerwurf  nun, kommen mir so viele Sätze in den Sinn, in denen ich von verantwortungsvollem Gebrauch und solchen Dingen hörte. Soll ich irgendein Argument dieser Szene ernst nehmen, muss sie sich für die Gefahr und den Missbrauch dieser Pyrotechnik verantwortlich fühlen, so wie sie es immer behauptet.

Ihr haftet mit, ihr, die ihr Bengalos anzündet, ihr haftet mit für jeden dieser Idioten, die in der Menge Böller zünden, weil die ja unglaublich spaßig knallen. Seht mal zu, dass ihr solchen Idioten das Zeug aus den Fingern haut, ehe sie es anzünden. Dann können wir weiterreden.

Das durchdrehende Tollhaus neben dem Acker

In der 75. Minute des Spiels vom MSV Duisburg beim SV Sandhausen begann ein Teil dieses Körpers MSV für diese Saison abzusterben. Ich gehörte dazu. Das 2:0 für Sandhausen war gerade gefallen, und der Abstieg schien nach all der hochfliegenden Hoffnung der letzten Wochen doch wirklich zu werden. Ich lehnte an dem Gitterzaun des Stehplatzes, konnte mich nicht mehr rühren, war taub und blind geworden. War ich in dieser Lähmung angesteckt worden, drohte ich andere anzustecken? Einzelne Teile des Körpers hatten sich schon zwangsamputiert und gingen den Fußweg Richtung Parkplatzgrab, das sich zwischen mehreren Äckern der Sandhäuser Bauern befand.

Andere Teile des Körpers konzentrierten jede noch vorhandene Kraft, um die Vitalfunktion des MSV aufrecht zu erhalten. Auf den Rängen wurde immer noch angefeuert, aber der vielstimmige Chor war auseinander gefallen in einzelne kleine Inseln, wo Lebensenergie noch pumpte, und das herausgeschieene EM-ES-VAU wirkte wie ein verzweifeltes Aufbäumen gegen das nahe Ende. Das Zentralorgan dieses Körpers aber, die Mannschaft, schien vom nahen Ende nur insofern etwas mitzubekommen, als es immer stärker arbeitete und arbeite, um genau diesem Ende zu entgehen. Dieses Zentralorgan war weiter auf das Überleben ausgerichtet.

An welcher Stelle des Körpers MSV ich mich gerade befand, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall an einer Stelle, die nicht mehr zur Verarbeitung von Sinneseindrücken fähig war. Wie das Anschlusstor durch Nico Klotz in der 80. Minute fiel, kann ich nämlich aus der Erinnerung heraus nicht sagen. Für mich war es ein Geschenk des Lebens an das Leben. Der Körper MSV war von jetzt auf gleich in sämtlichen Zellen revitalisiert.

Das Stadion war in Duisburger Hand, und dieses Stadion peitschte nun die Spieler des MSV nach vorne. Waren es zwei oder drei Angriffe, die nach dem Anschlusstor aufeinander folgten? Der Rhyhtmus der Ränge und die Laufduelle auf dem Spielfeld befeuerten sich gegenseitig. Der Ball kam in die Nähe des Sandhäuser Strafraums, ohne dass es den Zebras gelang, vor das Tor zu kommen. Doch den nächsten Angriff konnten wir ja sofort erwarten. Ich weiß nicht mehr, ob es der eingewechselte Thomas Bröker war, der am linken Flügel vorbeizog, dabei mit seinem Gegenspieler im Laufduell immer wieder aufeinanderprallte, Arme hielten und dennoch schaffte er es diesen Gegenspieler zu überlaufen. Doch zu wenige Mitspieler lauerten in der Mitte. Der Rückpass kam doch, und mit letztem Einsatz erreichte – wer eigentlich? – den Ball, um sofort umgegrätscht zu werden. Führte diese Spielaktion zum Freistoß in der 83. Minute? Selbst das weiß ich nicht wirklich.

Der Verlauf der Saison macht es mir unmöglich, dieses Spiel in der Abfolge seiner bedeutsamen Ereignisse zu erinnern. Mir bleibt während des Spiels kein einziger Moment der Ruhe mehr, um irgendetwas, was ich gesehen habe, mal kurz in einen Zusammenhang zu bringen. Aus  der ersten Halbzeit ist der Pfostenschuss von Kingsley Onuegbu als große Möglichkeit zur Führung mir in Erinnerung. Der MSV war vorsichtig offensiv und ließ die bekannte Konterstärke der Sandhäuser kaum einmal zur Geltung kommen. Zwei Ausnahmen hat es gegeben. Doch die Abschlüsse der Sandhäuser per Kopfball und Schuss von der Strafraumgrenze gingen am Tor vorbei. Der MSV spielte noch nicht risikoreich genug, um wirklich torgefährlich zu werden. Dennoch hatte die Mannschaft das Spiel einigermaßen im Griff.

Das änderte sich etwa zehn Minuten nach Wiederanpfiff. Die Defensive stand nicht mehr so sicher. Sandhausen kam besser ins Spiel. Die zwei Sandhäuser Tore fielen allerdings jeweils nach Eckbällen. Was die Stimmung zusätzlich belastete, wirkte die Defensive in diesen beiden Situationen doch lethargisch und wenig präsent. Solche Eindrücke bleiben mir als vereinzelte Erinnerung. Das meiste steht nebeneinander, wirft mich hin und her, führt zu heillosem Entsetzen bei den Gegentoren oder wie in dieser 83. Minute zum zweiten Mal in dieser Saison nach dem Siegtor gegen 1860 München zu einem irrsinnigen, eskalierenden Jubel, der nicht aufhören wollte.

Zentral vor dem Tor, zwei, drei Meter außerhalb des Strafraums war der Freistoß gepfiffen worden. Giorgi Chanturia lief an, schoss und dann war der Ball drin, irgendwie abgelenkt, genau habe ich auch das nicht gesehen. Genau erinnere ich nur noch, wie wir auf den Rängen das Stadion in ein Tollhaus verwandelten. Die Bierbecher flogen. Zebras sprangen sich in die Arme, hüpften ununterbrochen, rissen ihre Arme immer wieder hoch. Verzerrte Gesichter. Ungläubiges Schreien. Eine Begeisterung wurde hinausgebrüllt in die Welt, getragen von der Kraft alles Lebendingen. Es war unfassbar laut. Der Jubel hielt an. Der Ausgleich brachte alle Möglichkeiten zu überleben wieder zurück.

Noch gab es sogar die Hoffnung auf den Sieg. Weiter nach vorne, weiter nach vorne, hieß die Devise nun für beide Mannschaften. Meine Angst blitzte auf, die Spieler könnten überdrehen in dieser kochenden Stimmung. Die Konter des SV Sandhausen drohten. Das Spiel wogte nun hin und her. Trotz des Drucks vom MSV kamen die Sandhäuser in diesen letzten Spielminuten zu den klareren Chancen. Waren es zwei oder drei Schockstarren, aus denen mich erst die Angriffe des MSV wieder herausrissen? Der Schlusspfiff hinterließ bei mir eine komische Stimmung zwischen Euphorie und Enttäschung. Wie konnte ich beides zusammen spüren? So gehen wir mit dem MSV durch diese Saison. Je größer die Hoffnung jeweils ist, desto tiefer kann die Enttäuschung treffen. So hoch waren wir gestiegen, so tief waren wir zwischendurch gefallen und nun sehen wir dem letzten Spieltag entgegen – und hoffen weiter.

Zebrastreifenblog demnächst mit sportpsychologischem Serviceangebot?

Seit ich gestern im Reviersport das Interview mit dem Sportpsychologen Jürgen Walter gelesen habe, denke ich mal wieder über einen Nebenerwerb nach. Sportpsychologe darf ich mich wahrscheinlich nicht nennen, aber dieser Markt rund um die Psyche bietet ja immer einige Notlösungen. Das muss nur passgenau auf die Ansprüche des Fußballs  hin formuliert werden. Achtsamkeitstrainer etwa hätte keine Chance, auch wenn der Trainer sportnah klingt und der Psychohyghiene-Markt seit einiger Zeit große Wachstumsraten beim Achtsamkeitstraining verzeichnet.

Auch vom reinen Motivationstrainer Daumscher Prägung scheint der Fußball nicht mehr so viel zu halten. Man möchte doch was Seriöses, Berater, die im beruflichen Werdegang durch eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung abgesichert sind. Übrigens ist der Motivationstrainer ohnehin aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden. Das hängt mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Achtsamkeitstrainer eng zusammen. Diese Gesellschaft brauchte ein Gegenmittel zu all denen, die ab Ende der 90er für etwa ein Jahrzehnt erzählten, ihr könnt alles schaffen, wenn ihr nur die richtige Einstellung habt. Nun haben fast alle nach all ihren Motivationsseminaren die richtige Einstellung, und dennoch schaffen sie es nicht. Zumindest nicht ohne leidvolle Folgen für alles, was nicht der Beruf war, Gesundheit zum Beispiel.

Aber ich wollte ja eigentlich über meine Karriere als Sportpsychologe erzählen, der nur anders heißen wird. Meine Analysefähigkeiten stehen jedenfalls schon mal außer Frage. Mein Kollege in spe Jürgen Walter hat nämlich dasselbe festgestellt wie ich in der Rückrunde, die Mannschaft des MSV fand erst zu ihrem guten Spiel, wenn sie nichts mehr zu verlieren hatte; in Jürgen Walters Worten, „als dann alles ausweglos schien und die Spieler sich keine Gedanken mehr gemacht haben, haben sie plötzlich frei aufgespielt.“

Allerdings bin ich optimistischer als er. Er fragt sich noch, ob der Flow, in dem sich die Mannschaft nun befindet, in den letzten beiden Spielen anhielte. Die Mannschaft hätte sich an die Konkurrenz herangekämpft, sei nun wieder im Rennen und nun könnten die Spieler wieder ins Nachdenken kommen, eine Gefährdung ihrer Leistung. Ich bin optimistischer, weil das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf schon jene Prüfung des Flows gewesen ist, die er erst in Sandhausen auf die Mannschaft zukommen sieht. Die Ausgangslage für die letzten fünf Mannschaften der Tabelle ändert sich nicht mehr an diesem vorletzten Spieltag. Eine Niederlage macht den Abstieg wahrscheinlich. Darüber braucht niemand großartig nachzudenken. Es geht wieder um alles. In dieser Situation zu bestehen, das macht der MSV im Moment verdammt gut. Ob der Flow dann langt, um zu gewinnen, ist schließlich noch  eine andere Frage. Dass der Flow anhält, dessen bin ich sicher.

Soll und Haben im Tabellenrechner – 32. Spieltag

Alten Traditionen folgend werde ich bis zu endgültigen Entscheidungen über das Schicksal des Vereins unserer Zuneigung die Wirklichkeit und meine Fieberfantasien mit dem Tabellenrechner gegenüberstellen. In der Klammer steht meine Punkteprognose am Ende der Saison, dann folgt inwiefern die bisherigen Ergebnisse von meiner Prognose abweichen.

Leider führte der Trainerwechsel beim TSV 1860 München zu dem in der letzten Woche befürchteten Aufwärtstrend. Nun liegt die Mannschaft drei Punkte über meinem Endergebnis und bliebe bei weiterem vorhergesagten Verlauf definitiv in der Liga. Beim FSV Frankfurt ist es genau umgekehrt. Der Verein spielt schlechter, als ich gedacht habe und würde absteigen.

Leider hat diese schlechte Leistung Auswirkungen auf die Perspektiven des MSV. Denn der FSV Frankfurt spielt am nächsten Sonntag bei Fortuna Düsseldorf. Ein Unentschieden wäre für den MSV das beste Ergebnis. Dann wären wir auch bei nur 4 Punkten in den zwei Spielen auf Platz 15. Dieses Unentschieden scheint mir jetzt doch sehr zweifelhaft zu sein. Ein Sieg der Fortuna ist wahrscheinlicher, und dann landeten wir bei 4 Punkten auf dem Relegationsplatz. Müssen wir eben noch beide Spiele gewinnen. Es wird auf jeden Fall knapp. Wie gesagt, das Torverhältnis kann entscheiden.

14. TSV 1860 München:  31 (32)  + 3
15. Fortuna Düsseldorf:  29 (31)   +/- 0
16. FSV Frankfurt 29 (32) – 1
17. MSV Duisburg:  28 (32) +/- 0
18. SCP Paderborn: 28 (28)  +/- 0

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Chaos vor dem Gästeeingang – Fortuna-Fans berichten

Die Berichterstattung in TV und Print galt am Freitag nicht nur dem Fußball beim Spiel des MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf. Das Spiel rief für die Gästeseite gängige Medienbilder zu Fangewalt, notwendigem Polizeieinsatz und uneinsichtigen Fans mit Vorliebe für Pyrotechnik hervor.  Eine Auswahl suggestiver Schlagzeilen findet sich mit der Google-Suche für die News.

Die Verantwortung wird in dieser Berichterstattung implizit und auch ausdrücklich den Anhängern von Fortuna Düsseldorf zugeschrieben. Das sind die gängigen Medienbilder, zumal einige dieser Anhänger durch ihre groß angelegte Pyroaktion nicht gerade zur Bereitschaft beigetragen haben, sich über das Geschehen vor dem Spiel ein differenziertes Bild zu machen.

Über die Situation vor dem Gästeeingang empören sich nun die Anhänger von Fortuna Düsseldorf ebenso wie über die einseitige Schuldzuweisung durch Polizei und Berichterstattung. Im Blog Ein BISSCHEN Fussball findet sich ein Augenzeugenbericht zur Polizeistrategie im Umgang mit den Fortuna-Fans am Bahnhof Schlenk und zur eskalierenden Lage am Gästeeingang, sehr sachlich im Ton und nachvollziehbar.

Ähnlich wird die Situation im Blog Yalla Yalla, Fortuna! geschildert, hier klingt schon mehr Empörung im Augenzeugenbericht an.

Nehme ich die Berichterstattung in den Medien und die Augenzeugenberichte zusammen, klingt das Geschehen sehr nach klassischer Polizeistrategie für Auswärtsfans, die ich ebenfalls so schon erleben durfte, ohne dass die Situation eskalierte. Nach dem Motto mitgefangen, mitgehangen werden alle Fans der Gästemannschaft, die per Bahn anreisen unterschiedlos „behandelt“. Man ist nicht frei in der Entscheidung, wo man sich, wie lange aufhalten darf. Das führt automatisch zu Zwangssolidarisierung und zu gereizter Stimmung. Wenn dann noch die Zeit vor dem Anpfiff knapp wird, kocht die Stimmung in einer Gruppe gerne hoch. Knapp wurde die Zeit nach Meinung der Augenzeugen, nicht, wie es in den Medien dargestellt wurde, nach dem verabredeten späten Losgehen vom Bahnhof Schlenk aus, sondern wegen des verspäteten Ankommens einer zuvor defekten S-Bahn.

Nun beschreiben zwei gegensätzliche Aussagen die Wirklichkeit des Freitags. Um Lehren aus solchem Geschehen zu ziehen, ist es wünschenswert, dass nicht nur beide Sichtweisen ihren Platz in der Öffentlichkeit finden, sondern beide Seiten auch in die Verantwortung genommen werden, Fans und Polizei. Dieses Geschehen ist nur das Beispiel für eine immer wieder zu führende Diskussion. Denn die nächste Auswärtsfahrt ist nach einem Heimspiel fast immer nur eine Woche weit weg.

Nachtrag: Sehr gut und detailliert analysiert Gero Wollgarten die Situation vor dem Gästeeingang und die Polizeistrategie. Für jeden mit Interesse an fundierter Information ein Klick-Muss.

Hurra, hurra – der MSV ist wieder da

Das Spiel vom MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf hatte lange Schatten voraus geworfen. Schon zu Beginn der Woche waren sie am Montag zu erkennen gewesen.  Hatte es seitdem irgendein Gespräch mit irgendjemanden gegeben, in dem ich nicht irgendwann über dieses Spiel zu reden begann? Sollten mir völlig unbekannte Menschen in Köln-Mülheim nicht unbedingt über den MSV haben sprechen wollen? Sollte das einzig wichtige Ereignis dieser Woche in Deutschland tatsächlich jemanden nicht interessiert haben? An solche Fantastereien verschwendete ich keinen Gedanken. Genauso gut hätte man mich fragen können, musst du denn die ganze Zeit atmen? Kannst du das nicht mal lassen?

Ich musste über das Spiel reden, genauer gesagt, über diese kaum aushaltbare Anspannung vor diesem Spiel, über diese so große, nicht mehr erwartete Hoffnung auf den Klassenerhalt und diese ebenso große Sorge mit all dieser Hoffnung am Freitag im Abgrund eines Unentschiedens oder gar einer Niederlage zu zerschellen. Es war mühsam die Woche über einigermaßen bei Verstand zu bleiben. Ich befand mich in einem Tunnel, durch den ich mehr taumelte, als dass ich ging; ein Tunnel, der für die Spieler des MSV unbedingt notwendig war, der das Leben eines Zuschauers dieser Spieler aber verdammt anstrengend machte.

Die Nervosität trieb mich Freitag früh zum Stadion. Sie verschwand nicht vor dem Fancontainer. Sie verschwand nicht beim Bier mit den einen Freunden in der Nord. Sie machte mich blind für die anderen Freunde, die schon in der Kurve warteten und die ich lange im Wimmelbild Stehplatzrang suchen musste. Doch dann stand ich endlich in der Kurve an meinem Platz, war bereit, alles zu geben, wo es doch um alles ging, und als die letzte halbe Stunde vor dem Spiel anbrach, geschah etwas Magisches.

Das Stadion war früher als sonst schon gut gefüllt. Das Duisburg-Lied erklang, und meine Nervosität war plötzlich verschwunden. Vollkommen. Mit einem Mal spürte ich eine Zuversicht, die es für mich in dieser Saison noch nicht ein einziges Mal gegeben hatte. Es war mir so, als hätte ich zusammen mit allen anderen auf den Rängen unsere Sorgen in Energie verwandeln können. Unser Gesang vor dem Spiel, das herausgeschrieene EM-ES-VAU im Zebratwist, der Refrain der Hymne, all das führte zu einer Konzentration sämtlicher Gedanken auf den möglichen Sieg.

Endlich wurde das Spiel angepfiffen, und nun erhielt all diese herumschwirrende Energie eine Richtung durch das Spiel. Was auf den Rängen so mächtig spürbar war, konnten wir bei den Spielern des MSV auch sehen. So sind wir Menschen. Wir lassen uns durch Stimmungen anstecken. Wechselseitig verstärken sie sich dann. Von den Rängen geht es auf das Spielfeld und wieder zurück. Im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf hatten die Spieler des MSV und wir Zuschauer auf den Rängen wie nicht zuvor in dieser Saison ein klares Bild vom Gewinnen im Kopf.

Schon in den ersten Spielminuten war von der Mannschaft nicht die von mir befürchtete Verzagtheit und Vorsicht zu sehen, die noch das Spiel gegen 1860 bestimmt hatte. Von der ersten Minute an wollte die Mannschaft des MSV das Spiel an sich reißen. In solchen ersten Minuten geht es auch um ein Gefühl der Stärke. Es geht um Ausstrahlung. Um Dominanz wird gerungen. Die Vorteile im Spiel lagen auf Seiten des MSV, auch wenn sich daraus keine grundsätzliche große Überlegenheit ergab. Dazu erspielte sich die Mannschaft zu wenig Chancen. Dennoch hätte der MSV schon in Führung gehen können, als Giorgi Chanturia nach einem seiner Dribblings einmal ein wunderbares Anspiel in den Strafraum gelang auf Kevin Wolze, der völlig frei stehend vor dem Düsseldorfer Torwart den Schuss verzog. Der Ball ging über statt in das Tor.

Fortuna Düsseldorf erwies sich in der ersten Halbzeit als der harmloseste Gast, den ich in dieser Saison gesehen habe. Wir Anhänger des MSV befürchten natürlich immer das Schlimmste und kennen das Tor aus dem Nichts in den letzten Wochen nur zu gut. Doch gab es bislang keine Mannschaft, deren Offensivspiel derart beschränkt war. Es erinnerte an die schlechten Zeiten des MSV der Hinrunde. Was natürlich auch der guten Defensivleistung der Zebras geschuldet war.

Zur Halbzeitpause musste ich mich zusammen reißen. Die Konkurrenz im Abstiegskampf hielt mit. In Paderborn stand es torlos Unentschieden, München führte sogar auswärts, für Frankfurt sah es gut aus. Hau ab, sagte ich zu meiner Nervosität, ich kann dich hier nicht gebrauchen. Unbeeindruckt blieb sie noch, als das Spiel schon wieder begonnen hatte, und die Spieler des MSV offensichtlich mehr in sich ruhten als ich auf dem Zuschauerrang. Rolf Feltscher marschierte über den rechten Flügel. Diesen Antritt, diese Dynamik, das kennen wir natürlich längst. Das wirkt im Ansatz gefährlich und ist im Ergebnis fast immer harmlos, weil die Streubreite seiner Flanken mit dem Wirkungsraum der Stürmer kaum in Einklang zu bringen ist. Wie hätten wir auch ahnen können, dass alle bislang geschlagenen Flanken nur ein Vorspiel für diesen Angriff gegen Fortuna Düsseldorf gewesen sind.

Besser konnte der Ball nicht hereingegeben werden, als es Rolf Feltscher in dem Moment machte. Die Flanke kam in den Lauf von Kingsley Onuegbu, weit genug weg vom Torwart, nicht zu hoch, nicht zu niedrig für den perfekten Kopfball. Kingsley Onuegbu hatte sich im entscheidenden Moment zum Ball hinbewegt. Ein Tor für Trainer-Schulungen und Lehrsammlungen. In dieser ersten Begeisterung über das 1:0 schwang so große Erleichterung und Staunen mit. So früh in dieser Halbzeit war das Tor gefallen, ein Tor als perfekte Blaupause für alle Flankentore dieser Welt.

Unser aller Sehnsucht nach mehr Sicherheit wurde wenige Minuten später erfüllt. Tim Albutat erhielt den Pass auf dem linken Flügel, zog in den Strafraum und in der Mitte war tatsächlich der Freiraum für die heranrückenden Stürmer. Wir sahen das und hofften auf den perfekten Pass in den Rückraum. Der gelang, doch der erste Schussversuch von Victor Obinna wurde geblockt. Sofort kam Giorgi Chanturia an den Ball. Die Düsseldorfer Defensivspieler versuchten verzweifelt sich in jede Schussmöglichkeit zu schmeißen. Es herrschte Durcheinander im Strafraum und Hoffnung auf den Rängen. Unsere Körper schossen wieder mit, verzögerten, weil die Schussbahn zugestellt wurde. Wir bangten, ob Chanturia den Ball gegen zwei Gegenspieler durchbringten konnte. Irgendwie kam Victor Obinna ebenfalls noch dazu, stand nun näher am Ball, eigentlich zu nah für den Schuss. Wie im Spiel gegen München verdrehte er seinen Körper und versuchte Richtung Tor zu schießen. Großen Druck bekam er nicht auf den Ball, und dennoch rollte er in die Torecke, unerreichbar für den Düsseldorfer Torwart. Aus Begeisterung wurde dieses Mal Freudentaumel im Gewühl. Fremde Menschen fielen sich in die Arme. Der so notwendige Sieg, er konnte gelingen.

Aber es war noch früh im Spiel. Wir MSV-Fans sind gebrannte Kinder, wir haben schon um 3-Tore-Führungen zittern müssen. Wir haben späte Ausgleichstore hinnehmen müssen. Wir wünschten uns ein weiteres Tor des MSV. Stattdessen fiel der Anschlusstreffer. Flanke von rechts, saubere Ballannahme in der Mitte, genügend Platz für den schnellen Drehschuss. Das war schwer zu verteidigen für Thomas Meißner. Es war das einzige Mal, dass er nicht so gut aussah in diesem Spiel. Sonst stand er nicht nur defensiv sehr sicher. Beim Spielaufbau wirkte er ballsicher, souverän und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Mit dem Anschlusstreffer begann das große Zittern. Eine halbe Stunde war noch zu spielen. Die Nachspielzeit würde lang werden, das wussten wir nach einer Spielunterbrechung wegen der Pyro-Aktionen im Gästeblock. Die Fortuna witterte noch einmal die Chance zum Ausgleich und drückte den MSV in die eigene Hälfte. Doch für die kompakte Defensivleistung des MSV blieb die Düsseldorfer Offensive eigentlich zu schwach. Was uns nicht Dauersorge, rasenden Puls und Bluthochdruck ersparte. Schließlich versetzte uns ein freier Ball im Strafraum kurz vor Ende in Schockstarre. Ich weiß gar nicht mehr, was dem wilden Getümmel voran ging. Viel zu viele Düsseldorfer Spieler standen frei herum. Einer kam an den Ball, schoss, frei stehend. Doch irgend ein Körper lenkte den Ball ins Toraus ab. Solche Schüsse können auch ins Tor gehen. Die Spannung wurde unerträglich. Nicht nur ich konnte bei jedem Ball in der Hälfte des MSV kaum mehr hinsehen.

Doch anders als im Spiel gegen München behielt die Mannschaft die Ruhe. Eroberte Bälle wurden nicht planlos weggeschlagen. Eroberte Bälle erreichten Mitspieler, die die Uhr herunter spielen konnten. Der Schlusspfiff beruhigte den Puls noch nicht. Dazu war der Jubel zu begeistert, die Freude zu groß. Was für ein Saisonverlauf. Hurra, hurra, der MSV ist wieder da – von der Elbe bis zur Isar, immer wieder MSV.

Die Aura einer Eintrittskarte

Über die Bilanz des MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf in den 1970er Jahren muss man sich vor dem heutigen Spiel gegen diesen Gegner jeden Gedanken verbieten. Es sei denn, wir blicken auf die Ausnahme als großes Vorbild für den heutigen Abend. In der Saison 1976/77 gewann der MSV am 27. Spieltag durch ein Tor in der 17. Minute von Ronnie Worm mit 1:0. Beim Kicker finden sich die Eckdaten des Spiels. Konkrete Erinnerungen an das Spiel habe ich nicht mehr. Doch die Aura des Sieges trägt meine Eintrittskarte von damals in die Gegenwart hinein. Ich nehme sie heute Abend mal vorsichtshalber mit. Man weiß ja nie.

ddorf

Tagesaktueller Freund, Köln, du Feind unseres Feindes – Kein Schwein will ein Alt

Es ist nicht nur die Saisonphase angebrochen, in der wir Tore in anderen Stadien manchmal genauso bejubeln wie die Tore unserer eigenen Mannschaft, es ist auch jene Saisonphase, in der die Nervosität vor den Spielen mich kaum zur Ruhe kommen lässt. In jeder ruhigen Minute stelle ich komplizierte Rechnungen auf, in welchem schlechten Fall beim nächsten Spiel des MSV dennoch alles gut ausgehen kann. Das hält den Kopf frisch. Wir Anhänger der Zebras brauchen keine Magazin-Tipps, um mit Sudoku, Rätsel und allerlei Hirn-Training auch im Alter geistig fit zu bleiben. Wir haben den Saisonverlauf unserer Mannschaft. Das reicht vollends. Vielleicht sollten Krankenkassen das Fantum beim MSV mal in ihre Präventionskonzepte aufnehmen. Rückenschule, Entspannungskurse und so ein Kram wird ja auch oft bezuschusst. Warum nicht eine Dauerkarte beim MSV als Prävention gegen Altersdemenz?

Außerdem erfordern besondere Spiele besondere Maßnahmen. Jede Möglichkeit ist uns recht, die das Selbstbewusstsein unseres Düsseldorfer Gegners morgen untergraben wird. Schauen wir uns nach Verbündeten um, die uns dabei zu Hilfe kommen. Getreu dem Motto, der Feind unseres Feindes kann durchaus trotz sonstiger Abneigung auch mal Freund sein, bin ich in Köln fündig geworden. Dort gehört das behagliche Dissen der Landeshauptstadt ja ebenso zur Brauchtumspflege wie die besondere Verbundenheit zur lokalen Biersorte. Wenn beides zusammenkommt, wird daraus bei Köbes Underground das Max-Rabe-Cover „Kein Schwein will ein Alt“. Als einzelnen, kompletten Song habe ich das Stück nicht gefunden. Hier aber ab 1.39, im kurzen Ausschnitt. Mit einem Klick weiter zum Text. Bitte schön, Kein Schwein will ein Alt. geschweige denn einen Sieg der Fortuna oder ein Unentschieden.

 

Übrigens habe ich mich als einer der Peter Neururers unter uns Anhängern des MSV schon vor Längerem dazu entschlossen, nicht mehr zum Friseur zu gehen, solange uns der direkte Klassenerhalt möglich ist. Wir sind in der heißen Phase der Saison. Wir müssen jede Möglichkeit des Einflusses auf das Schicksal des MSV in Erwägung ziehen.

Noch und eine letzte Chance will ich nicht lesen

Da an einem Dienstag der Freitag immer noch nicht übermogen ist, braucht mein magisches Denken jede Unterstützung. Hilfreich kann die Macht der Sprache wirken. Deshalb müssen wir vorsichtig sein, welche Sätze wir in unsere Köpfe lassen. „MSV Duisburg hat gegen Düsseldorf noch eine letzte Chance“ wird bei WAZ/NRZ  ein früher Vorbericht zum Spiel betitelt. Obwohl ich gestern ebenfalls von der Pflicht des MSV zum Sieg geschrieben habe, bringt dieser Titel meine Stimmung vor dem Spiel nicht auf den Punkt. Mehr noch, diese Überschrift nimmt mir Energie für das Spiel.

Der Titel rückt die Schwäche der Mannschaft in den Blick. Mit dem „noch“ klingt an, dass niemand beim MSV selbst verantwortet hat, wozu es am Freitag  nun kommen wird. Scheinbar schicksalhaft ergibt sich in der Überschrift die Bedeutung des Spiels gegen Düsseldorf. Wenn ich diese Bedeutung  auf den Punkt bringen soll, möchte ich, dass die Leistung der Mannschaft in den meisten der letzten Spiele mit anklingt. Ich möchte nur Sätze lesen, in denen die Spieler als handelnde, aktive Personen mitgedacht sind. Die Spieler sollen nicht etwas ausgesetzt sein wie eben der letzten Chance.

Die Spieler sollen am Freitag das Spiel gestalten, und nur Sätze, in denen so etwas anklingt, sind erlaubte Sätze – zumindest für die Spieler-Köpfe und meinen, wenn ich die Zeit bis Freitag in größtmöglicher Zuversicht verbringen will.


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