Archive for the 'Saison 2018/2019' Category

Andere Mannschaften punkten und Berliner Sichtweisen gibt es auch

Bielefeld gewinnt in den letzten Wochen ein Spiel nach dem anderen. Das im Ergebnis für den MSV einzig wirklich bedeutsame Spiel gegen Magdeburg verlieren die Arminen. Dieses Ergebnis hat die Niederlage gegen Union Berlin noch schmerzhafter gemacht.

Seitdem ich den Blog hier schreibe, war der MSV schon mehrmals ein Wenn-Dann-Verein. Solche Vereine erreichen Ziele der jeweiligen Spielzeit aus eigener Kraft immer unwahrscheinlicher und nur noch wenn das eine Spiel so ausgeht, dann das andere so  und am besten auch noch das dritte Spielergebnis günstig ist.

Meine Hoffnung auf das Ziel konnte also jeweils weiter bestehen, wenn ich immer mehr Spielergebnisse anderer Mannschaften zu eigenen Erfolgen hinzurechnete. Ich weiß nicht, in wievielen Jahren dann das Saisonziel tatsächlich geschafft wurde. Ich werde jetzt auch keine Statistik dazu erstellen. Sehr wahrscheinlich ist es aber, dass der MSV als Wenn-Dann-Verein sein Saisonziel seltener erreichte als aus eigener Kraft. Momentan ist der MSV auf bestem Weg diese Saison als Wenn-Dann-Verein zu beenden. Noch ist es nicht so weit. Mein Blick nach Bielefeld gibt mir aber die Erinnerung an all die vergangenen Spielzeiten. Der Vorgeschmack ist schon da. Heute denke ich allerdings sogar, womöglich bleibt es bei diesem Vorgeschmack. Womöglich haben wir in zwei Wochen bereits Planungssicherheit für die kommende Saison.

Aber gut, dass Thorsten Lieberknecht schon auf der Pressekonferenz nach dem Spiel wieder nach vorne blickte. Er sagte: „Wer jetzt meint aufzugeben, hat viele Dinge noch nicht im erlebt im Fußball, die möglich sind, wenn eine Mannschaft weiterhin das Vertrauen bekommt von allen Seiten.“ Dann arbeite ich mal während der Woche daran, das Vertrauen wiederzufinden.

In Berlin wurde auch über das Spiel geschrieben. Eine schöne Taktikanalyse gibt es bei Eiserne Ketten.  Und die Macher von Textilvergehen.de sprechen ausführlich im Podcast über das Spiel.

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Lohnt sich noch die Arbeit mit dem Tabellenrechner?

Wieviele Punkte hat der MSV Duisburg in dieser Saison in den letzten Minuten verloren? Im Hinspiel gegen Union Berlin fiel der Ausgleich zum 2:2 in der Nachspielzeit. Gestern war die 3:2-Niederlage in der 90. Minute besiegelt. Das sind nur die verlorenen Punkte gegen Union Berlin. Heute habe ich die Befürchtung, ich kann mir die letzten 10 Minuten eines Spiels vom MSV in dieser Saison nur noch bei Spielständen ansehen, die über die Punkteverteilung keine Fragen mehr offen lassen. Ich hoffte gestern so sehr auf den einen Punkt. Die Aufregung wurde mir zu groß. Das Wissen um all die Gegentore in den letzten Minuten war so lebendig in mir. Mein Körper macht das nicht mehr mit.

Der Punkt wäre hart erarbeitet gewesen, und wir hätten den Berlinern danken müssen für deren Fahrlässigkeit bei der Chancenverwertung. Wie einfach sah es aus, wenn die Berliner die Zebra-Defensive auseinander nahmen. Ballführung auf halbem Flügel, ein schneller Lauf über außen in die Tiefe, ein gesteckter Pass, danach durch den Strafraum eine Passstafette auf die andere Seite, bis ein Spieler alleine stand und eigentlich nur einschieben musste. Nur bei diesem Einschieben gibt es noch Verbesserungsbedarf. Diese Spielzüge wirkten wie als Teil eines Trainingsspiels. Die Duisburger Spieler bekamen angesichts der Geschwindigkeit eines solchen Spielzugs gar nicht erst eine Möglichkeit störend einzugreifen.

Das Siegtor dagegen war ein zufälliges Tor. Ein hoher Ball flog in den Strafraum. Kopfball. Tor. Es war also ein glücklicher Sieg der Berliner, der gleichzeitig verdient war. Heißt das nun, die Defensive des MSV hat versagt? Eigentlich nicht. Sie spielte eben so gut, wie sie konnte. Es wurde viel gearbeitet, wann möglich wurde versucht, den Ball kontrolliert ins Halbfeld zu bringen. Unter großem Druck wurde der Ball auch einfach weggeschlagen. Solche Entscheidungen wurden zum richtigen Zeitpunkt getroffen. Ich hatte den Eindruck, mehr ging nicht, als was zu sehen war.

Dasselbe gilt für die Offensive. Zunächst sieht es vielleicht so aus, als habe es nur die hohen Bälle in die Spitze gegeben als Mittel, um ein Tor zu erzielen. Das stimmt aber nicht. In der ersten Halbzeit gab es zwei oder drei Spielzüge über mehrere Stationen, bei denen der Ball schnell bis in den Strafraum gebracht werden konnte. Die Chancen wurden vergeben. Das waren klare Torchancen, von denen mindestens eine genutzt werden muss, weil der MSV viele solcher Chancen sich eben nicht erspielen kann. Als Alternative und Hoffnung auf eine Torchance blieben die hohen Bälle in den Strafraum und die ruhenden Bälle. Zwei Freistöße führten zu den Toren vom MSV Duisburg, ein direkt verwandelter Freistoß durch Harvard Nielsen und ein in den Strafraum geschlagener Freistoß, dem ein Kopfball von Lukas Fröde ins Tor folgte.

Für uns Anhänger im Stadionrund ist es schwer, die Grenzen dieser Mannschaft zu akzeptieren. Irgendwo muss unsere Enttäuschung hin. Dann wird fehlender Kampf bemängelt. Es wird von Leidenschaft gesprochen, die im Spiel nicht spürbar ist. Ich glaube nicht daran, dass über mehr Einsatz diese Mannschaft erfolgreicher spielen könnte. Mehr Kampf heißt für diese Mannschaft auch der Verlust vom Rest der Spielkontrolle.  Kampf bedeutet ein schnelleres Spiel, schnellere Ballverluste, häufigere Konter. Das ist die Kehrseite vom Kampf. Diese Mannschaft stößt an ihre Grenzen.

Diese Mannschaft erhält Spiel um Spiel einen Beweis dafür, dass das eigene Spielvermögen nicht ausreicht, die in Reichweite liegenden Punkte zu erlangen. Ich habe keine Vorstellung davon, wie diese Mannschaft solche mehrmals erlebten Punktverluste verkraften kann. Tennisspieler etwa denken von Punkt zu Punkt. Das ist Teil ihrer Karriere als Turniersportler, bei dem jedes einzelne Spiel einem Endspiel gleicht. In Mannschaftssportarten mit Ligenbetrieb muss so etwas mühsam vor jedem Spiel hergestellt werden. Wir denken nur von Spiel zu Spiel. Dass dieser Satz von Beteiligten eines Abstiegskampfs immer wieder gesagt werden muss, heißt nichts anderes, als dass dieser Satz nicht selbstverständlich in den Köpfen der Spieler ist. Sie können es noch so sehr wollen, an den Satz zu glauben. Beim kleinsten Fehler im Spiel wird die mittelfristige Folge eines solchen Fehlers, der Abstieg, wieder im Kopf sein. Es braucht Energie diesen Abstieg wegzuhalten. Energie, die für das Spiel selbst fehlt.

Natürlich gibt es noch keinen großen Punkterückstand auf Nichtabstiegsplätze. Dennoch sehe ich die Rückschläge in den letzten Minuten über die Saison hinweg als besondere Belastung dieser Mannschaft. Ich denke daran, wie schwer es den Spielern fallen muss, an sich zu glauben. Mir selbst fällt es schwer, noch an den Erfolg zu glauben. Nach dem Spiel gegen Aue werde ich dennoch mal sehen, was der Tabellenrechner so hergibt

Die SZ kommentiert die Niederlage in Fürth

Gestern war auf der Wissensseite der Süddeutschen Zeitung ein Kommentar zur Stimmung in Duisburg rund um den MSV zu finden. Auch Thorsten Lieberknechts Bemerkung der fehlenden Bereitschaft zur Präsenz der Spieler lässt sich mit diesem Wissen der Psychologie besser verstehen: Wenn etwas schief läuft, vermuten Menschen dahinter rasch Absicht. Wirkliche Motive interessieren zunächst weniger.

Nach der Niederlage antizyklisch ein 0:0 erschreiben

Es wäre mehr drin gewesen als nur der eine Punkt für den MSV Duisburg durch dieses torlose Unentschieden gegen Greuther Fürth am Samstag. Ich hatte das Spiel im Ostende mir angesehen. Und mein Spiel des MSV dauerte nur bis zur 81. Minute. Dann musste ich zu einem Termin aufbrechen. Ich fuhr mit gemischten Gefühlen, war aber nicht unzufrieden.

Denn den Zebras war in den ersten Minuten anzumerken, unter welchem Druck sie standen. Sie wollten vorsichtig spielen, keine Fehler machen. Sie wollten möglichst den Ball aus der eigenen Defensive kontrolliert nach vorne spielen. Sie wollten ihn nicht einfach wegschlagen. Sie wollten diesen Ball in den eigenen Reihen behalten. Doch die Fürther spielten in diesen ersten knapp 20 Minuten mit dem unbedingten Willen, es allen und vor allem dem neuen Trainer zu zeigen. Die Spieler wollten beweisen, dass sie Fußball spielen können. Sie wollten jeden Ball und zwar sofort. Sie wollten diesen Gegner am liebsten überrennen. Aber sie konnten das nicht, weil sie zu schlecht Fußball spielten. Die Abschlüsse waren miserabel. Dennoch gingen sie fast jedem Ball mit unbedingtem Willen hinterher und bekamen diese Bälle.

Die Zebras verloren ihre Nerven aber nicht komplett. Die Zebras hielten stand. Sie widersetzten sich dem unbedingten Versuch der Fürther, das Spiel zu dominieren. Nach und nach schafften sie es, den Ball tatsächlich einmal bei einer Offensivaktion in Richtung Fürther Strafraum zu treiben. Kontinuierlich gefährlich wurden sie nicht, auch wenn es irgendwann sogar die Andeutung einer Chance gab. Immer wieder kam es auch zu Fehlpässen, weil die Fürther die Räume eng machten.

Nach der Halbzeitpause waren die Zebras noch besser im Spiel. Dem Stillstand bei Wiederanpfiff folgte eine andere Dynamik im Spiel. Nun gab es in dem Spiel keinen Nachteil mehr für die Zebras. Der unbedingte Wille der Fürther reichte angesichts ihrer spielerischen Möglichkeiten nicht mehr, um den Ball länger in den eigenen Reihen zu halten. Das Pressing der Zebras funktionierte immer wieder auch schon im Mittelfeld. So kam es zu zwei Schein-Chancen. Denn die Zebras gehören auch zu jenen Mannschaften, bei denen in der entstehenden klaren Chance schon das Scheitern im Wesenskern der Chance angelegt ist. Wenn etwa Ahmet Engin jener Spieler ist, der alleine Richtung Tor marschiert und abschließen muss, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die klare Chance am Ende nicht mehr so klar gewesen ist. Das mache ich ihm nicht zum Vorwurf. Es ist nun einmal so. Wir leben damit.

So begann ich mich mit dem torlosen Unentschieden einzurichten. Glückstreffer können im Fußball natürlich immer fallen. Doch bis zu meinem persönlichen Schlusspfiff geschah nichts. Danach muss noch einiges losgewesen sein im Fürther Stadion. Es muss so viel gewesen sein, dass dieses Spiel auch vollkommen anders bewertet werden kann, als ich es gemacht habe. Es muss sogar so viel gewesen sein, dass die Fürther das Spiel 1:0 gewonnen haben sollen. Die Kollegen bei den Funkes schreiben sogar, die Leistung des MSV sei nicht zu entschuldigen. Im Netz schäumt der Unmut unter den Anhängern. Und auch Thorsten Lieberknecht ist enttäuscht von der ersten Halbzeit seiner Mannschaft. Er sah bei seiner Mannschaft nicht die Bereitschaft, auf dem Platz präsent zu sein.

Wie ihr gelesen habt, lässt sich das Spiel auch ein wenig anders bewerten. Wer je selbst Mannschaftssport betrieben hat, weiß, es gibt Spiele, in denen man noch so sehr präsent sein will und dennoch nichts zusammen passt. Warum das so ist, lässt sich in der Komplexität dann kaum erklären. Man sieht einzelne Gründe und denkt, daran kann das doch nicht gelegen haben. Man wird ärgerlich. Auf die anderen, auf den Ball, auf die Zuschauer, vielleicht sogar mancher auf sich selbst. Doch in solchen Fällen ändert sich nichts aus dem Spiel heraus. Es ändert sich nur mit einer dramatischen Wendung während des Spiels. Ein zufälliges Tor beim Fußball. Ein brutales Foul. Ein Hochkochen der Stimmung durch was auch immer. Oder es ändert sich bei einem Neuanfang. Im Basketball etwa gibt es die Möglichkeit des Neuanfangs immer wieder. Vier Viertel hat das Spiel, also drei Pausenunterbrechungen. Dazu gibt es die Möglichkeit, Auszeiten zu nehmen, die Spieler neu zu fokussieren. All das gibt es im Fußball nicht. Dort gibt es nur die Halbzeitpause. Und diese Halbzeitpause hat gewirkt.

Mir ist die Erklärung, die Spieler seien nicht bereit gewesen, präsent zu sein, zu sehr auf die Psyche abgestellt. Ich kann verstehen, wenn jemand sagt, die Spieler seien nicht präsent gewesen. Aber eine Wertung wie die, dass sie nicht bereit dazu waren, verlagert die Verantwortung. So etwas macht mir Sorgen. Denn wir können nicht beurteilen, welche Gruppendynamik in der Mannschaft herrscht. Natürlich kann es sein, dass die Mannschaft als Gruppe nach einer solchen Aussage dem Trainer etwas beweisen will. Es kann aber genau so gut sein, dass die Spieler sich ungerecht behandelt fühlen, weil die Umstände nicht beachtet wurden. Der Abstiegskampf ist aber nur als Einheit zu bewältigen. Nach dem Spiel sind meine Sorgen nicht wegen des Ergebnisses größer geworden, sondern weil die Stimmung so beeinträchtigt scheint.

Gut, dass wenigstens ich die Geschichte des Spiels auch anders schreiben kann. Fakten und Ergebnisse besitzen in der heutigen Zeit ja immer weniger Gewicht. Wenn das so weitergeht, wird auch der MSV einmal Deutscher Meister werden, ohne dass ein großer Teil der Welt das glauben kann. Da kann ich mir als Vorgeschmack doch ruhig einmal ein torloses Unentschieden in Fürth gönnen.

Spieltagslyrik – Auch der Pokal hat allgemeingültige Gesetze

Auch der Pokal hat allgemeingültige Gesetze

Wenn die Chancen sich ergeben,
werden auch die Tore fallen,
sagen Trainer gern vor Spielen.
Leider folgt das nicht bei allen.

Vor dem Tor muss erst ein Spieler
cool und technisch sauber schießen.
Sonst spricht nach dem Spiel der Trainer
von den Chancen, die sie liegen ließen.

Auf dem Rasen sah er Effizienz,
beim Gegner, wie ein zwölfter Mann.
Selbst im Pokal gilt das Gesetz:
Ins Tor trifft der, der schießen kann.

Das schnellste Fußballspiel des Achtelfinales

Wahrscheinlich ist der zweite Name von Steffen Baumgart, dem Trainer des SC Paderborn, Herr Grimmige Entschlossenheit. Leicht und entspannt  habe ich ihn bislang noch nicht gesehen. Aber ich sehe ihn ja auch nur auf Pressekonferenzen wie dieser, während der er die Spielweise seiner Mannschaft sehr schön auf den Punkt bringt. Seine Mannschaft befände sich immer in einem Pokalspiel, sagte er. Abwartend könne sie gar nicht spielen.

Damit sehen wir für die Begegnung des MSV gegen den SC Paderborn heute Abend alle Vorzeichen für das schnellste Fußballspiel seit Menschengedenken, vielleicht auch nur dieser Pokalsaison. Schließlich konnten wir uns im Spiel des MSV gegen Darmstadt ebenfalls über viele schnelle Spielzüge freuen. Gut auch, dass Young-Jae Seo wieder mitspielen wird. Ich erinnere mich an eines seiner Tacklings am Freitag, das ein wenig nach asiatischer Kampfkunst aussah. Zunächst hatte er ins Leere gegrätschte, dann rollte er über den Rücken ab und grätschte mit dem anderen Bein in Gegenrichtung erneut. Wenn es nicht ganz so war, verzeiht mir das Überblenden seiner Spielaktion mit Zeitlupenaufnahmen von David Carradine oder Jackie Chan. Denn es sah spektakulär aus, und er war erfolgreich.

Mir würde es natürlich auch reichen, wenn er wieder so souverän und cool wie gegen Darmstadt am eigenen Strafraum Bälle behauptet, Gegner ausspielt und zielsichere Pässe an den Mann bringt. Davon ab wird er nicht alleine gegen Paderborn gewinnen können, sondern Teil einer Mannschaft sein, die gesehen hat, dass eingeübte Spielzüge gelingen.

Vor dem Spiel gegen Darmstadt brauchte ich die Unterstützung Kraft spendender Musik. Heute vertraue ich der Mannschaft. Ich brauche keine „Wunder“-Schlager und möchte dennoch den Zeit vertreibenden Clip nicht missen, samt der möglichen Wiederholung eines guten Omens vor dem Spiel. Das gebe ich zu.

Beide Mannschaften der heutigen Begegnung setzen sehr auf eingeübte Abläufe. Wie wir in dem Clip unten sehen, führt diese Art Training auch in anderen Zusammenhängen und früheren Zeiten zu schönen Ergebnissen. Helga und Ernst Fern leiteten neben ihrer Tanzschule in Düsseldorf in den 1960er Jahren auch eine Televisions-Tanzschule. Ich kann nur dazu anraten, auch in die Clips mit den anderen Tänzen mal einen Blick zu werfen. Man erhält eine interessante Einsicht in Umgangsformen und Schicklichkeiten. So weit liegt diese Zeit noch nicht zurück. Eine redende Frau scheint in dieser TV-Tanz-Welt noch selten gewesen zu sein. Es gibt sie. Das darf ich verraten. Ihr müsst aber geduldig suchen.

Verdienter Sieg heißt, die Statistik angemessen deuten

Nach dem Spiel stand vielen Anhängern des MSV im Stadionbus die Erschöpfung im Gesicht geschrieben. Müde und wissend lächelten wir uns zu. Was hatte der MSV Duisburg uns wieder einmal abverlangt. Bis zur 70. Minute gestalteten die Zebras das Spiel sicher. Mit 3:0 waren sie in Führung gegangen. Dreimal hatten wir schnelle Spielzüge gesehen, bei denen sich Torgefahr kontinuierlich aufbaute. Wir hatten drei verschiedene Grundsitutationen gesehen von Tempoaufnahme beim Aufbau im Mittelfeld vor dem 1:0 über das Flügelspiel mit Flanke beim 2:0 bis zum rasanten Konter beim 3:0. Die Mannschaft hatte die Grundsituationen jeweils so aufgelöst, dass man das Entstehen eines Tores als Erkennen und Verwirklichen einer Spielzugsidee idealtypisch mitverfolgen konnte.

Wir wussten natürlich, dass ein 3:0 in Duisburg in der 70. Minute noch lange nicht den Sieg bedeutet. Deshalb wäre das 4:0 von Ahmet Engin so wichtig gewesen. Wenn er seinen Alleingang aufs Darmstädter Tor nach dem Abspielfehler der Darmstädter im Mittelfeld hätte für ein Tor nutzen können, wären wir entspannt gewesen. Er schoss vorbei und dann fiel das erste Darmstädter Tor in der 73. Minute. Der Druck des Gastes nahm zu. Unsere Blicke fielen immer öfter auf die Spieluhr und dennoch ist mein Zeitempfinden ab der 80. Minute komplett aus den Fugen geraten.

Gestern morgen habe ich einen Spielbericht gelesen und konnte es nicht glauben, dass das zweite Tor der Darmstädter erst in der 88. Minute gefallen ist. Das muss doch in der in der 82. oder 83. Minute gewesen sein, dachte ich. Ich konnte es nicht glauben, weil ich es in der 89. Minute auf meinem Stehplatz nicht mehr ausgehalten habe. Ich wollte hoch zu den Toiletten, nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nur das Ergebnis wollte ich noch wissen. Eine Minute nur war nach diesem Tor vergangen, ehe ich losmarschierte. Mir kommt diese Zeit, die ich mir das Spiel nach dem Tor ansah, immer noch so viel länger vor.

Als ich die Treppe hoch gelaufen war, sah ich die 90 auf der Anzeigetafel. Der Abpfiff schien nahe. Also kehrte ich zurück und sah zu meinem Entsetzen vier Minuten Nachspielzeit. Was für ein Zittern bis zum Schlusspfiff. Was für eine Achterbahn der Gefühle. Welch Erleichterung über einen Freistoß auf dem linken Flügel in der Nachspielzeit. Welche Fassungslosigkeit, dass selbst dieser Freistoß nicht wenigstens in kurzzeitigen Ballbesitz mündete. Er führte zum sofortigen Abseitspfiff nach der Freistoßausführung und dem Pass über fünf Meter vielleicht. Diese Nachspielzeit war eine Tortur.

Verzweifelt versuchten wir auf den Rängen Einfluss zu nehmen. Verzweifelt wollten auch wir mit unseren Mitteln, den Ball vom Duisburger Strafraum weghalten. Das Stadion stand hinter der Mannschaft. Doch ununterbrochen schafften es die Darmstädter in Strafraumnähe oder flankten sogar noch in den Strafraum hinein. Die Zebras warfen sich in Schüsse. Sie kämpften, sprangen und köpften. Es hieß alles oder nichts. Ein Unentschieden wäre der Abstieg gewesen. Da bin ich sicher. Entlastung gab es im Grunde nicht mehr. Entlastung brachte erst der Schlusspfiff.

Ich war nicht der einzige Anhänger des MSV, dem die Hoffnung auf den Klassenerhalt abhanden gekommen war. Nicht einmal an die helfende Kraft des Tabellenrechners glaubte ich nach der Niederlage in Bochum. Diesen Tabellenrechner werde ich demnächst wohl dann mal zu Rate ziehen.

Im Spiel des MSV gab es bis zur 70. Minute kaum Zufälliges. Es war gut strukturiert. Die Mannschaft wirkte stabil. Über die Leistungen der einzelnen Spieler wurde schon genug geschrieben. Interessant ist die unterschiedliche Wertung des Spiels durch die beiden Trainer und in der Folge auch durch den Sportjournalisten vom Kicker. Er gehörte zu den Stirnrunzlern dieser Welt, nachdem Thorsten Lieberknecht auf der Pressekonferenz von einem „verdienten Sieg“ sprach. Thorsten Lieberknecht tat gut daran, das so zu betonen. Denn Darmstadts Trainer Dirk Schuster hatte zuvor offensichtlich Mühe, die Niederlage seiner Mannschaft zu akzeptieren.

Ich sehe geradezu, wie der Kollege vom Kicker nach der Pressekonferenz Dirk Schuster tröstend in den Arm nahm. Gemeinsam haben sie sich dann noch einmal die Statistik angeschaut. Tränen stiegen in ihre Augen, und ich meine sogar, man hörte sie leise in den Katakomben der Arena das alte Klagelied singen:

Welch Unglück des Lebens!
Welch Trauer im Herzen!
Dunkel die Tage nach mehr Ballbesitz.
Das können wir nie verschmerzen.
Mehr Ecken hatten wir
und Abschlussüberzahl.
Der Fußballgott schickt uns nur Qual.
Verlassen von dem Fußballgott
trotz bester Werte der Statistik.
Oh, Fußballgott, warum?!

Nun, wir kennen diese alte Leier auch nach Spielen des MSV unter Ilia Gruev. Warum hatte der MSV solche Spiele mit guten statistischen Werten in der Offensive nicht gewonnen? Aus demselben Grund, warum auch Darmstadt das Spiel nicht gewonnen hat. Einen Grund, den der Sportjournalist kurioserweise sogar in seinem Artikel erwähnt. Offensichtlich ignoriert er diesen Grund bei der Leistungsbewertung des Darmstädter Spiels. Der letzte Pass der Darmstädter kam zumindest bis zur 70 Minute nur selten gefährlich in den Strafraum. Das hat etwas mit der funktionerenden Defensive des Gegners zu tun bei gleichzeitiger unzulänglicher Ballverwertung der eigenen Mannschaft. Das ist auf der Seite des Gegners Taktik, die aufgeht, und auf der anderen Seite sind das Fehler der eigenen Mannschaft. Mit einer Statistik ist es oft nicht einfach. Meist muss sie gedeutet werden, und meine Deutung entspricht dann doch der von Thorsten Lieberknecht.


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