Archive for the 'Saison 2022/23' Category

Mehr als unsympathisch – FC Ingolstadt

Ein Fußballspiel nur, doch das ist das Leben. Schon lange habe ich eine Niederlage nicht mehr derart ungerecht empfunden wie das 0:1 gegen den FC Ingolstadt. Alles in mir bäumte sich gegen das Ergebnis auf. Nicht weil ich ein Unentschieden als leistungsgerecht ansah, sondern weil dieser FC Ingolstadt die Grenzen des Spiels so weit gedehnt hatte, dass ich bei einzelnen Handlungen tatsächlich an gute Sitten und die Moral denken musste. Nicht die Moral als Stimmung in der Mannschaft, sondern die des richtigen Handelns. Der FC Ingolstadt trat als abschreckendes Beispiel für Kinder auf. Denn denen erzählen wir ja, was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Es gibt schmutzige Siege des Gegners, die ich respektiere. Das sind Spiele, in denen beide Mannschaften mit allen kämpferischen Mitteln ausloten, wie weit sie beim betreffenden Schiedsrichter gehen können. Dann gibt es aber auch solche Spiele wie gegen den FC Ingolstadt. Dieser Gegner suchte jeden Moment auch außerhalb des eigentlichen Spielgeschehens Vorteile für sich. Spieler und Trainer beeinflussten den Schiedsrichter wider besseren Wissens. Für Schauspieleinlagen „Sterben nach zarter Berührung“ sind wahrscheinlich in jeder Trainingseinheit 15 Minuten beim Warmmachen vorgesehen. Wahrscheinlich gibt es in Ingolstadt einen Medienraum mit Filmchen und gar Biografien in Buchform von irgendwelchen Selfmade-Erfolgsheinis, in denen was von „Regeln brechen“ und „ich will ganz nach oben“ erzählt wird.

Wenn aus der Emotion heraus Spieler und Trainer sich beim Schiedsrichter in strittigen Momenten für sich einsetzen, kann ich das verstehen. Wenn diese Beeinflussung in klaren Situationen immer wieder geschieht, wird daraus für mich ein System der Täuschung. Das Wesen der Ingolstädter Spielweise lässt sich beispielhaft an einer Spielszene vor der Ingolstädter Bank erklären. Der Gegnertrainer Rüdiger Rehm stand dort an der Außenlinie. Genau in seine Richtung sprinten ein Spieler der Zebras und dessen Gegenspieler zum Ball. Der Ingolstädter ist einen Moment schneller und klärt ins Aus. Rüdiger Rehm hat freien Blick auf seinen Spieler, der den Ball berührt. Dennoch reklamiert Rüdiger Rehm den Ausball für seine Mannschaft. Ein Automatismus, der seine Haltung zur Moral im Spiel verrät.

In Ingolstadt hat sich offensichtlich eine Spielkultur entwickelt, die für den Erfolg die Grenzen moralischen Handelns verschiebt. Und jetzt komme mir keiner, die Welt des Fußballs sei nun mal so. Nein, die Welt ist nur dort so, wo Menschen das leben. Man muss nicht diesen Ausball reklamieren, in der Hoffnung, Linien- und Schiedsrichter fallen darauf rein. Man kann es auch sein lassen, weil dieses Reklamieren der Versuch eines Betrugs ist.

Was reden wir über eine korrupte FIFA, über eine WM in Katar? Dabei kann man leicht hehre Worte sprechen und sich gut fühlen. Schwieriger ist es dort, wo man selbst Einfluss hat. Der Fußball der Dritten Liga etwa gehört zwar zum System Fußball, gleichzeitig ist er viel greifbarer für uns, ist er uns näher und verweist auf einzelnes Handeln, dem Widerstand entgegen zu bringen ist. Dahinter steht natürlich das romantische Bild, ein System auch von unten beeinflussen zu können. Das beginnt für mich bei solch kleinen überschaubaren Entscheidungen, ob ich einen offensichtlichen Ausball des Gegners für die eigene Mannschaft reklamiere.

In einem bürgerlichen Roman wäre dieses Spiel ein Kapitel etwa in der Mitte der erzählten Handlung. In einem bürgerlichen Roman wüsste ich, das dicke Ende für die Ingolstädter wird noch kommen. In einem bürgerlichen Roman würde diese Mannschaft am Ende in jenem Moment scheitern, in dem sie erneut mit solch unlauteren Mitteln den Erfolg fast erreicht hätte. Dass in einem solchen von mir erzählten Roman der MSV im Rückspiel den Versuch des Wiederaufstiegs endgültig zum Scheitern bringt, brauche ich euch nicht zu erzählen.

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Der MSV, Andreas Rüttgers und das richtige Leben

Den MSV Duisburg kennt man in Deutschland als einen Fußballverein. Das ist mir am Samstagmorgen dann auch wieder eingefallen. Bis dahin hatte die Social-Media-Welt rund um den MSV mit Andreas Rüttgers im Zentrum immer mächtiger den Sport beiseite geschoben. Aber ich gehe gerne ins Stadion. Immer. Fußball wurde also auch noch gespielt. Zufrieden war ich mit dem 1:1 der Zebras gegen die SpVgg Bayreuth dann allerdings nicht, auch wenn ich das Spiel nicht ganz so schlecht gesehen habe wie die meisten anderen. Ballberührung innerhalb des Strafraums schien mir schon ein Fortschritt trotz der damit verbundenen fehlenden Torgefahr. Schließlich gab es auch schon Spiele, in denen bei Offensivaktionen der Strafraum eine Ballberührungsverbotszone für Zebras gewesen ist.

Angesichts dieses dürftigen sportlichen Geschehens, ist es kein Wunder, dass der MSV momentan auf andere Weise viel mehr Aufmerksamtkeit erhält. Damit wäre schon ein wichtiger Grund genannt, warum die Worte von Andreas Rüttgers in den sozialen Medien Anhänger des MSV so sehr berühren. Viele Anhänger nehmen einzelne Rüttgers-Sätze als Beleg, dass ihre Meinung über die schlechte Arbeit beim MSV von einer Tatsache bestätigt wird. Auf mich wirkt es sehr ironisch, dass die bei Andreas Rüttgers nach und nach immer deutlicher gewordene Kritik an Ralf Heskamp gar nicht auf die Gefährdung des versprochenen sportlichen Erfolgs abzielt, sondern auf das Missachten eines Konzepts, das dazu beitragen soll zwischen Anhängern und Verein eine vom sportlichen Erfolg unabhängige Verbindung entstehen zu lassen. Lustig, wie man aneinander vorbeireden kann.

So ist das aber mit öffentlichen Worten, wenn gar nicht so klar ist, was Ziele und Motive der Diskussionsbeteiligten sind. An den letzten 14 Tage öffentliches Reden über den MSV lassen sich so viele grundsätzliche Einsichten über die Möglichkeiten von öffentlicher Kommunikation gewinnen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Mich treibt dabei eine Art Drang zur Wahrheit – die wir niemals vollständig wissen können, das ist schon klar. Verstehen in sozialen Medien ist eine kommunikative Höchstleistung. Ohne wahrhaftige Selbsterkenntnis der eigenen Sprecherposition ist Verständnis unmöglich. Es gibt keine Wahrheit im Falschen, um mal einen alten Kalenderspruch des aufklärerischen Denkens variiert zu zitieren.

Auf mich wirkt es so, als beginge Andreas Rüttgers einen alten Fehler derjenigen, die ihr erfolgreiches Handeln in einer anderen Branche auf den Fußball eins zu eins übertragen wollen. Er verweist gerne auf das Reiseunternehmen, wo Kundenkommunikation über Social Media selbstverständlich ist. Dort sind aber die Rollen genau bestimmt. Kunden und Anbieter tauschen sich aus. Im Fußball sind sie dagegen unscharf. Was Anhänger des MSV beim öffentlichen Sprechen jeweils sind, ist nicht ganz so klar. In ihrer Rolle vereint sich vieles. Vom Fan mit Erfolgssehnsucht, über Kunden oder Sponsorenskeptiker bis hin zum Amateurfußballer oder Lokalpatriot kann alles dabei sein. Auch Andreas Rüttgers eigene Rolle wirkt manchmal so, als gäbe es neben dem Sponsorvertreter auch einige nicht zu kleine Anteile eines führenden MSV-Funktionärs. Als Folge solcher Rollenunschärfe entstehen Unsicherheiten über Absichten und Motive der Sprechenden. Begründete Meinungen lassen sich so nicht bilden.

Unbegründete Meinungen lassen sich allerdings schon doch bilden. So entstand eine zweite Wirklichkeit des MSV für viele, die an der Diskussion teilgenommen haben – eine, die mit Andreas Rüttgers Worten erzählt werden kann. Zwar fehlten in der von ihm geschilderten Wirklicheit sämtliche Stimmen jener, über die von ihm gesprochen wurde. Manchem reichten diese Worte aber als von Fakten durchsetzte Bestätigung einer zuvor schon gebildeten eigenen Meinung. Für andere blieben zweite Stimmen notwendiger Weise aus, was gegenteilige Meinungen nach sich zog. Nun ist es allerdings nicht so, dass im besten Fall diese anderen Stimmen aus dem MSV sich zu Wort melden könnten, damit alle sich der tatsächlichen Wirklichkeit annähern können. Völlig davon abgesehen, ob das sinnvoll wäre oder nicht, führt diese Überlegung nämlich zum Machtverhältnis, das zwischen dem MSV und Andreas Rüttgers als Stellvertreter von Schauinsland Reisen herrscht – ein Machtverhältnis, das Andreas Rüttgers anscheinend als unerheblich ansieht. Denn immer wieder betonte er, der MSV habe frei gehandelt. Vielleicht steht dahinter die Geschichte der gemeinsamen Anstrengung nach dem Zwangsabstieg, wie ich sie am Freitag nachgezeichnet habe.

Dabei ergibt sich die Aufmerksamkeit für die Worte von Andreas Rüttgers alleine durch die Bedeutung von Schauinsland Reisen als Sponsor für den MSV. In anderen Städten verlaufen Konfliktlinien oft zwischen dem Verein und dem ausgelagerten Fußballunternehmen. Durch die besondere Geschichte des MSV nach dem Zwangsabstieg gibt es nun diese seltene andere Konfliktlinie. Ein Sponsor möchte ein Konzept gewahrt wissen, das im Verein entwickelt wurde und im Unternehmen nicht verfolgt wird. Das hat Andreas Rüttgers auf der Seite vom transfermarkt im MSV-Forum geschrieben. Weil er im MSVPortal momentan nicht schreiben kann, sucht er die Öffentlichkeit nun dort.

Was uns zu der Frage führt, warum soll dieses Konzept vom Sportdirektor eingehalten werden? Das ist die eigentlich interessante Frage. Als Zeichen für nachhaltiges Handeln und die ewige Treue zum MSV? Als Voraussetzung für Erfolg? Als integrative Kraft für eine Identität, die verloren gegangen ist? Einsichtige Gründe habe ich noch nicht gelesen. Wenn ein Konzept als Handlungsanweisung für den Erfolg einer Profimannschaft wirken soll, braucht es die Einbindung des höchsten sportlich Verantwortlichen, also Ralf Heskamp. Wo wurde das Konzept verantwortet? In der KGaA? Im Verein? Wenn letzteres zutrifft, hätte über das Konzept auf einer Jahreshauptversammlung gesprochen werden müssen. Im Unternehmen angesiedelt müsste es zuallererst um sportliche Fragen gehen. Dann braucht es keine floskelhaften Worte zu Leidenschaft und Identität. Das sind Fragen, die mich in Sachen Konzept zunächst interessieren, ehe die Frage nach dem Einhalten überhaupt nötig ist.

Momentan fällt mir die Vorstellung schwer, wie Ingo Wald und Andreas Rüttgers konstruktiv miteinander reden könnnten. Eine andere Frage, wie sehr müssen sie das? Vielleicht versteckt ja Andreas Rüttgers auch sein Wissen über die eigene Rolle, wenn er in Social Media unterwegs ist. Mehr noch hoffe ich aber bei Ingo Wald auf eine sehr grundlegende Eigenschaft der Diplomatie, das kalkulierte Übersehen und Ignorieren von Worten. Fünfe gerade sein lassen. Bei all dem, was Andreas Rüttgers geschrieben hat, eine anspruchsvolle Aufgabe. Insofern zeigt uns der Fußball einmal mehr, in diesem Sport geht es zu wie im richtigen Leben. Gesellschafts-, Medien- und Kommunikationswissenschaftler schaut mal auf den MSV Duisburg. Hier könnt ihr viel zur Gegenwartswirklichkeit forschen.

Der MSV – systemisch betrachtet

Der Vertreter von Schauinsland Reisen Andreas Rüttgers hat im MSVPortal letzte Woche eine Diskussion ausgelöst, die bis heute vor sich hin mäandert. Im Wesentlichen geht es momentan noch um die Beurteilung der Arbeit von Ralf Heskamp. Für einige Zeit ging es auch um die Identität des MSV, aber meist in Abhängigkeit von Ralf Heskamps Wirken. Von Anfang an wurde Andreas Rüttgers von einem Teil der Anhänger darauf hingewiesen, was ihn offensichtlich bewegt, müsse intern bleiben und gehöre auf keinen Fall in die Öffentlichkeit.

Ich habe nicht jede Wendung des Diskussionsverlaufs nachvollzogen. Bis jetzt wollte ich im Blog auch dazu nichts schreiben. Bis jetzt dachte auch ich, je weniger Aufmerksamkeit diese Diskussion erhält, umso besser. Jede Unruhe rund um den MSV schadet dem sportlichen Erfolg. Folgende Binse sollten alle unterschreiben können, erfolgreiche Vereine sind auch deshalb erfolgreich, weil die Verantwortlichen im Fußballunternehmen ihren Vorstellungen gemäß, sich auf die notwendige Arbeit konzentrieren können. Unruhe im Umfeld macht es zudem schwieriger, die geleistete Arbeit möglichst sachlich zu bewerten.

Warum schreibe ich nun doch? Weil ohne wahrhaftiges Anerkennen der Diskussionsgrundlagen alle Aussagen der Diskussion verfälscht werden. Weil ich Andreas Rüttgers Ziel gutheiße, der MSV solle auch über den Fußball hinaus identitätsstiftend wirken. Weil ich auf ein besseres Verständnis für seine Rolle hoffe – bei ihm selbst und bei den Anhängern, die seine Aussagen als unhinterfragbare Werturteile über Arbeit beim MSV empfinden.

Wenn man den MSV als ein System betrachtet, so gehört Andreas Rüttgers zweifellos zum System. Er beeinflusst die Arbeit im Verein, selbst wenn er das selbst so nicht sieht und seinen Einfluss im Namen von Schauinsland Reisen auf das operative Geschäft immer wieder neu bestreitet. Für mich ist das der blinde Fleck von Andreas Rüttgers, der wiederum als Eigenschaft die Zusammenarbeit des MSV mit ihm bestimmen wird. So weit ich das lesend mitbekomme, ist er im Alltag des Fußballunternehmens auf vielen Ebenen immer wieder präsent. Er pflegt gute Konktakte zu unterschiedlichen Akteuren. Er machte Ivo Grlic gegenüber Vorschläge für neue Spieler, die der nicht berücksichtigte. Er möchte eine Vereinskultur der Gemeinsamkeit gelebt wissen.

Die Verantwortlichen beim MSV werden sowohl mit Aktivitäten als auch Haltungen von Andreas Rüttgers beschäftigt sein. Schließlich gäbe es den MSV ohne Schauinslande Reisen nicht mehr. Manche billigen einem Sponsor diese Art Einfluss zu, anderen ist das zu viel. Ich selbst glaube nicht an allgemein gültige Regeln, welche Form einer Zusammenarbeit von Sponsoren und Vereinen zum sportlichen Erfolg beiträgt. Abstrakt ließe sich sagen, jeder konstruktive Umgang miteinander fördert den Gesamterfolg. Konstruktiv kann man nur sein, wenn die Wirklichkeit mit all ihren Facetten wahrhaftig angesehen wird. Ich befürchte, im in den öffentlichen Diskussionen erkennbaren Selbstbild von Andreas Rüttgers ist ein Teil der Wirklichkeit nicht vorhanden. Unterschiedliche Vorstellungen über die Wege zum Erfolg lassen sich unter diesen Voraussetzungen nicht gut konstruktiv besprechen.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass Andreas Rüttgers für den MSV nur das Beste will. Ingo Wald will auch das Beste, Ralf Heskamp sicher auch, Torsten Ziegner ohne Frage, wir Anhänger. Wie sieht das Beste aus? Die Zweite Liga? Ein Verein, egal in welcher Liga, aber mit einer Wirkung über den Fußball hinaus, die Duisburg lebenswert macht? Beides zugleich? Mit welchen Entscheidungen sind die unterschiedlichen Vorstellungen zu erreichen? Je länger der Weg dauert, desto schwieriger wird es, sich einig zu werden. Zum Glück gibt es festgelegte Verfahrensweisen, in denen Richtungsentscheidungen getroffen werden. So kommen wir zum großen Thema Philosophie, Konzept, das Andreas Rüttgers ebenfalls in den sozialen Raum geworfen hat. Das machte den Eindruck eines Bandenspiels mit Ralf Heskamp in der Nebenrolle.

Es gibt genau zwei Möglichkeiten, die von Andreas Rüttgers aufgeworfene Frage „Quo Vadis, MSV“ zu beantworten. Eine Diskussion im MSVPortal gehört nicht dazu. Stattdessen gehört solch eine Frage zunächst auf eine Mitgliederversammlung und in einem zweiten Schritt vielleicht noch in eine repräsentative Anhänger- bzw. Kundenbefragung.

Die Frage warf Andreas Rüttgers auf, weil er im Handeln des MSV momentan vermisste, was ein schriftlich vorhandenes Konzept verlangte. Inhaltlich will ich gar nicht weiter darauf eingehen, weil dieses Konzept ohnehin nicht öffentlich ist. Mich erstaunt nur die Vorstellung, dieses vom Verein vorgebene Konzept brächte sportlichen Erfolg. Denn jedes Wort dazu war so allgemein gehalten, dass es in meinen Augen schwer ist, sich nicht daran zu halten.

Für mich wird mit diesem Konzept das Pferd von hinten aufgezäumt. In anderen Vereinen erfolgreiche Konzepte wurden von den jeweils aktuell arbeitenden sportlich Verantwortlichen mitentwickelt. Daraus ergab sich sportlicher Erfolg, der schließlich als Vereinskultur wahrgenommen wurde. Anschließend erst konnte diese Kultur durch die Verpflichtung von geeignetem Personal lebendig gehalten werden. Dennoch veränderten neue Trainer so eine Kultur jeweils wieder ein wenig. Um ein sportliches Ziel zu erreichen, muss ein Konzept sehr konkret sein. Irgendwelche vermeintlichen Leitplanken tragen vielleicht zur Vereinsidentität bei, für den kurz- und mittelfristigen sportlichen Erfolg sind sie ohne Wert.

Andreas Rüttgers im MSV – Ein Exkurs

Andreas Rüttgers Engagement als Repräsentant von Schauinsland Reisen begann im Zeichen der Verständigung in einer Zeit, als ein Teil der Fanszene in vehementer Opposition zu den Verantwortlichen vom MSV standen. Als Sponsonrenvertreter kannte er die Innenwelt des MSV in Teilen. Zugleich brachte er den Anhängern viel Verständnis entgegen, weil er dort jene Energie von Gemeinschaft fand, die er im Fußball-Unternehmen MSV offensichtlich vermisste. Aus jener Zeit stammt sein Portal-Nick „Diplomat“. Dem schloss sich bald eine kurze Zeit der Präsidentschaft an, die auf mich als Aufbruch wirkte. Statt in der Rolle des Vermittlers zwischen Geschäft und Vereinskultur schlug er sich mit viel Gestaltungswillen auf die Seite der Vereinskultur. In dieser damaligen Konstellation gab es wenig Zweifel, dass er im MSV Ziele verfolgte, die von einem breiten Konsens getragen waren. Andreas Rüttgers gehörte zu den Guten gegenüber den Bösen in Nachfolge von Walter Hellmich, namentlich Roland Kentsch. Der Konflikt zwischen Verein und KGaA war vorhersehbar. Er endete im Rücktritt von Andreas Rüttgers, weil er gegenüber der Geschäftsführung kein Risiko für den Verein MSV eingehen wollte. Dass sein Rücktritt keinen Rückzug aus dem Verein bedeutete, wurde bald offensichtlich. Denn der Zwangsabstieg des MSV schuf jene Gemeinschaft im und um den MSV, für die sich Andreas Rüttgers schon zuvor hatte eingesetzt. Es gab nur ein einziges Ziel, das Überleben des MSV, und Andreas Rüttgers arbeitete diese Tage mit. Damals mussten Aufgaben auf möglichst viele Schultern verteilt werden. Funktionen im Verein und in der Geschäftsführung wurden nichtig. Gleiche unter Gleichen bewältigten die immense Aufgabe, den MSV zu retten. Vielleicht macht dieser Werdegang Andreas Rüttgers weiterhin vorhandenen Gestaltungswillen verständlicher.

Diese Vereinskultur steht nun auf einem anderen Blatt. Ich verstehe den Wunsch von Andreas Rüttgers, dieser MSV möge möglichst oft von sozialen Aktivität über den Fußball hinaus getragen werden. Die Wahrheit ist aber auch, damit erreicht er nur einen kleinen Teil des zurzeit möglichen MSV-Publikums. Einem Teil dieses Publikums geht es nämlich vor allem um den sportlichen Erfolg. Sonst wäre das Stadion voller. Sonst kämen die Menschen unabhängig von Niederlage und Sieg. Paradoxerweise bestimmen diese Zuschauer aber durch ihre Präsenz die soziale Bedeutung des MSV mit. Damit schreibe ich aber nun auch über inhaltliche Fragen der Diskussion. Was ich eigentlich gar nicht wollte. Machmal erkennt man, die Wirklichkeit und sich selbst darin nicht gleich ganz klar.

Weil es so schön war – Die nächste Niederlage in Bildern

Ihr erfahrt es als erste. Demnächst beginne ich eine Ratgeberreihe. Für das noch offene Pseudonym nehme ich gerne Vorschläge entgegen. Am ersten Buch der Reihe schreibe ich schon etwas länger. Arbeitstitel lautet: „Spielverein macht kein Problem – Glücklich leben, ganz bequem“. Im zentralen Kapitel des Buchs geht es um die loss-life-balance. So weit ich das sehe, gehört Duisburg schon seit geraumer Zeit in der Niederlagen-Erforschung zu den Städten mit dem höchsten Erfahrungswissen. Das muss einer mal etwas systematisieren.

Bestätigte Erkenntnis gestern, ein Tagesausflug in eine Stadt der näheren Umgebung wiegt eine Niederlage weit weniger auf als ein Wochenendaufenthalt in der weiter entfernten Gegnerstadt. Dabei machten die ersten 30 Minuten des Spiels vom MSV gegen den BVB II sogar Hoffnung, die Zebras könnten das Spiel erfolgreicher gestalten. Die Mannschaft kombinierte immer mal wieder. Chancen erspielte sie sich. Dieser Anblick war uns ganz fremd geworden: Ein Spieler im gestreiften Trikot im gegnerischen Strafraum, der aussichtsreich an den Ball kommt. Als im weiteren Verlauf aber kläglicher Abschluss auf unerklärbare Freiräume im eigenen Strafraum stieß, war die erneute Chancenlosigkeit in der zweiten Halbzeit nicht mehr allzu fern.

Das Führungstor der Dortmunder war fünf bis zehn Sekunden vorher erkennbar. Ich sah es, ehe das Tornetz sich ausbeulte. Wieso wird innerhalb des Strafraums der den Ball führende Dortmunder nicht angegriffen? Ich weiß nicht, wer Abstand hielt. Ein Verteidungsverhalten, dass außerhalb des Strafraums funktioniert, aber doch nicht so nah am Tor. Als ob der Dortmunder sieben, acht Meter vor dem Tor noch einmal abspielte.

Dem kurzen Aufbäumen Anfang der zweiten Halbzeit folgte der schnelle Antritt und der freie Raum zum zweiten Treffer der Dortmunder. Das Spiel war vorbei. Blieb nur noch der Spaß an einer spektakulären Bodycheck-Einlage von Marvin Bakalorz. Zwei, drei Meter flog der Ballführende Dortmunder zur Seite, als Bakalorz herangerannt kam und seine Schulter als Rammbock benutzte. Was hatte dieser Dortmunder auch eine Minute zuvor sehr unsauber einem Duisburger den Ball abgenommen. Der Schiedsrichter schien zu wissen, die zweite Aktion hing irgendwie mit der kurz davor zusammen. Um der Gerechtigkeit willen ließ er weiter spielen.

Alles weitere in Symbolbildern erzählt, weil es letzte Woche so viel Spaß machte. Irgendwie muss meine loss-life-balance ja wieder hergestellt werden.

Hoffnungsvolle Offensivaktionen in erster Halbzeit

Das Wupperaler Original Zucker-Fritz

BVB-Offensive vs. MSV-Defensive bei den Gegentoren

Spielanlage BVB vs Spielanlage MSV

Passhoffnung Offensive zweite Halbzeit

Joker-Bilder, um Ärger über Ergebnis in sozial verträgliche Bahnen zu lenken

Stimmung unter MSV-Fans, nachdem sie meinen irgendwann erscheinenden Ratgeber gelesen haben

Eine Niederlage in 13 Bildern

Das Spiel des MSV beim SV Elversberg war für mich Anlass zu einem Wochenendausflug ins Saarland. Die Niederlage zeichnete sich schon ab der vierten oder fünften Minute ab. Nur die Höhe stand noch nicht fest. Kombinationsfußball mit Chance auf Chance gegen Hauruckfußball mit schwimmender Defensive. Alleine Glück hätte diese Niederlage verhindern können.

Denn nur Glück konnte die Angriffe des MSV in eine Torchance verwandeln. Ohne diese Zutat funktionierte der Offensivplan nicht. Ich meine, gar nicht. Also, überhaupt gar nicht. Nichtser als nicht. Auch lang geschlagene Bälle brauchen ein Minimum an Zusammenspiel, da es in der Zone vor dem gegnerischen Strafraum auch Elversberger Defensivspieler gibt. Ein zweiter Spieler des MSV, der den Ball in der Offensive berührte, hätte schon Jubelstürme auslösen können. Man muss auch mal mit kleinen Erfolgen zurfrieden sein. Offensichtlich fehlte das Glück. Nicht das Spielglück. Sondern diese Art Glück, auf das wir in Lotterien hoffen, jenes, was einfach vom Himmel fällt und nicht durch gutes Handwerk wahrscheinlicher gemacht wird. Auf solch ein Glück lässt sich nicht zählen. Entsprechend hoffnungslos sah ich dieses Spiel.

Ich merke schon, sobald ich Worte für die Niederlage des MSV gegen Elversberg finde, bekomme ich schlechte Laune. Dabei habe ich sonst ein schönes Wochenende erlebt. Lasst mich also lieber das Spiel in Bildern erzählen. Das macht mehr Spaß.

Kulturprogramm Dorfmitte Elversberg

MSV-Fans aus Koblenz belebten Elversberger Dorfmitte.

Eine Stunde vor dem Spiel sind SVE-Präsident und Kohorte da

Die Hoffnung vor dem Spiel war groß, doch die dunklen Wolken hätten Böses ahnen lassen können

Während des Spiels hatte ich keine Lust zu fotografieren, deshalb nur Symbolbilder.

Oben links: Duisburger Defensive in erster Halbzeit beim Versuch Elversberger Schussversuche zu verhindern.
Oben Mitte: Aussicht bei Duisburger Angriffen aufs Elverberger Tor.
Oben rechts: Zustand Zusammenspiel in Elversberger Hälfte.
Unten: Spielanlage MSV

Hoffnung Zukunft: Ob Aufzug oder MSV – Es geht voran.

Briefe aus Westende – Zwei Steher für Elversberg, die Algorithmen und Iggy Pop

Als ich gestern bei Facebook den schnellen Einblick ins neue Buch meines Alter Ego Martin Wedau, Duisburg auf den zweiten Blick, teilte, wurde kurioserweise ein älteres Pressefoto von Iggy Pop als Vorschaubild gezeigt. Das kam im Text nicht vor und ließ mich kurz über Algorithmen nachdenken. Denn das Foto gibt es im Archiv des Zebrastreifenblogs.

2009 hatte ich im September über die verblüffende Ähnlichkeit zwischen Bruno Hübner und Iggy Pop geschrieben. Damals hatte ich ein großariges Konzert von Iggy „Bruno“ Pop bei der Ruhrtriennale gesehen. Andere Zeiten, anderes Festivalprogramm. War es nun dieser Text, der irgendeinen Algorithmus das Foto finden ließ? Schließlich folgt dem Text ja auch ein mehrmaliges Betrachten des abgebildeten Gesichts, also zweite Blicke?

Ist das einer der Algorithmusfehler, denen wir in Zukunft ausgesetzt sind? Harmlos in dem Fall, sicher. An sozial relevanten Stellen aber eben auch nicht. Dort geht es um Chancen in dieser Gesellschaft, die auch immer mehr von Algorithmen bestimmt werden. Eines der Standardbeispiele der Algorithmus- und KI-Kritik sind etwa Kredite, die nicht vergeben werden, weil Algorithmen die Lebensumstände gewichten. Da kann der Wohnort zum Nachteil werden. Eine Wirklichkeit entsteht, die niemand mehr begreift, weil die Algorithmen zu komplex sind. Verantwortung ist dann ausgelagert an ein System, das an die höheren Wesen früher Zeiten erinnert. Archaische Gesellschaften lassen grüßen. Neue, noch weit unverstandene Formen der Klassengesellschaft entstehen. Da will man mal eben die letzte Arbeit ein wenig bekannter machen und schon landet man bei den großen Fragen der Gegenwart.

Allerdings holt uns die nächstliegende dieser Fragen wieder in sehr viel alltagsnähere Zustände zurück. Kann der MSV morgen in Elversberg bestehen? Dass es diese Frage nach dem fulminanten Saisonstart des Aufsteigers und der mäßigen Offensivkraft der Zebas in den letzten Wochen gibt, liegt auch am SV Elversberg selbst. Manchmal läuft die Angriffsmaschinerie dieser Mannschaft in letzter Zeit auch etwas unrund. Darauf hoffen wir natürlich, und dass der MSV mit dem Stören der Automatismen dort im Saarland erfolgreich ist. Über die Offensive denke ich immer noch nicht weiter nach. Da gab der Sieg gegen Halle keine Aufschlüsse über die Entwicklung. Aber ein Tor in einem Spiel kann jeder Mannschaft gelingen in der 3. Liga. Insofern ist alles drin in Elversberg.

Gleicht geht es für mich dorthin, ins Saarland. Eigentlich war ein Umweg über Trier geplant, um Pott-Exilanten dort zu später Zebra-Liebe zu bekehren. Nun haben sie anscheinend Angst vorm Verlieben und sind einfach vorher krank geworden. Sie können morgen nicht in Stadion mitkommen. Morgen waren also zwei Karten frei. Nun hat sich gerade innerhalb kurzer Zeit schon jemand zur Übernahme gemeldet. Ein gutes Vorzeichen, das ist mal klar. Übergabe am Stadion. Zeit: Irgendwann vor dem Auswärtssieg. 

Schwere Kost, leicht verdaulich

Hohe Bälle in den Strafraum,
hin und wieder auch zum Flügel.
Büschel Gras in Seenlandschaft
formen kleine Inselhügel.

Dieses Spiel war wie das Leben.
Alles bleibt Kontrollversuch.
Stets kommt irgendwas dazwischen.
Fehler, Zufall, Hilfsgesuch.

Daran Gutes zu erkennen,
braucht schon auch ein Kopfballtor.
Erst Erfolg macht leicht verdaulich,
was uns schwer schien kurz zuvor.

Torsten Ziegners Zeit für Sachlichkeit

Wenn Hoffnungen sich erfüllen, beginnt ein Tag mit guter Laune. Vorhin habe ich die Pressekonferenz des MSV vor dem Spiel gegen den Halleschen FC gesehen, und Torsten Ziegners Worte erleichtern mich sehr. Er ordnet seine Anklage an die Mannschaft nach der Niederlage gegen RWO ein. Aus der Enttäuschung heraus habe er bewertet. Da könne man auch mal falsch liegen. Einsatz hätten die Spieler gezeigt. Solche Worte hatte ich mir erhofft, weil mich Ziegners erste Reaktion nach der Niederlage sehr sorgte. Aus zwei Gründen: zum einen hatte ich die Mannschaft nicht so leidenschaftslos erlebt wie ihr Trainer. Zum anderen hoffe ich immer auf Kontinuität der Arbeit im Verein, die nur mit Ruhe und Geduld entsteht. Letzteres ist im Ruhrgebiet immer schwierig zu gewährleisten. Die Publikumskultur beim MSV lässt sich nur über einen langen Zeitraum beeinflussen, wenn überhaupt. Die Arbeit für die Ruhe und Geduld muss im Verein selbst beginnen. Auch mit den geeigneten Worten an besagtes Publikum.

Hansi Flick hatte am selben Tag nach einem ähnlich enttäuschenden Erlebnis ein gutes Vorbild gegeben. Wir Anhänger und die Spieler lernen Torsten Ziegner nun also näher kennen. Er scheint ein emotionaler Mensch zu sein mit der Fähigkeit, die Worte von gestern sachlich auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Einen weiteren Hinweis auf diese Eigenschaften ergeben sich durch die Fragen der Journalisten aus Halle auf der Spieltags-PK. Sie fragten Torsten Ziegner und den ebenfalls anwesenden Ralf Heskamp auch nach rückblickenden Bewertungen auf ihre gemeinsame Zeit in Halle. Was hätte damals besser sein können, fragten sie Ziegner sinngemäß. Der antwortete, er sei zu ungeduldig gewesen im Moment des Erfolgs, er hätte von seiner Mannschaft zu viel verlangt.

So eine offene Bewertung schafft Energie für Entwicklung. Großer Ehrgeiz als Grund für solche Ambitionen liegt nahe. Dieser große Ehrgeiz ist weiter vorhanden, wie die RWO-PK beweist. Dass Torsten Ziegner mit dieser Eigenschaft inzwischen anders umgeht, zeigt die PK vor dem Spiel gegen Halle. Im offenen Austausch mit den Spieler zu sein, die eigenen emotionalen Bewertungen mit Abstand neu zu betrachten, das stärkt den Zusammenhalt zwischen Kader und Trainer – die grundlegende Voraussetzung für Erfolg.

Natürlich gibt es jetzt auch MSV-Anhänger, die Ziegners Worte als Zurückrudern bewerten. Sie sind enttäuscht, dass mit den Spieler nun doch nicht Tacheles geredet wurde. Leicht zu finden sind sie im MSVportal. Mit diesen Stimmen klingt die Sehnsucht nach dem „harten Hund“ als Trainer an. Im Ruhrgebiets-Alltag begegnen sich Menschen rau und direkt, doch mit Herz. So sehen wir uns gerne. In Konflikten verwandeln sich diese als positiv empfundenen Umgangsformen schnell in Mittel der Macht. Dann wird direktes Sprechen mit dem Zwang zur Unterordnung verwechselt. Dann wird dem Gegenüber Druck gemacht. Dann muss einer durch Worte spüren, er soll parieren. Auch solche Unterordnung ist tief in der patriachalischen Kultur des Ruhrgebiets verankert. Dabei wird vergessen, mit der Demonstration von Macht, mit autoritärem Gehabe wurden oft Hilflosigkeit und Schwäche verdeckt.

Ich bin froh, dass Torsten Ziegner so eine Form von Autorität anscheinend nicht braucht. Ich bin froh, dass er auch den Austausch mit Spielern als Teil seiner Arbeit ansieht, und ich bin froh, dass er um seine fehlerbelasteten Bewertungen in emotionalen Situationen weiß. Ich hoffe, er überzeugt mit seinen offenen Worten zur Sachlichkeit als Grundlage für seine Arbeit einen möglichst großen Teil des Duisburger Publikums. Der MSV und wir Anhänger brauchen Geduld für die mittelfristigen Ziele des Vereins. Dass ein kurzfristiger Sieg am Samstag dabei sehr helfen würde, versteht sich von selbst.

Wenn zwei das gleiche erleben – Hansi Flick und Torsten Ziegner

Die Menschen sind verschieden, aber Fußballtrainer auch. Einer der Portalisten hatte nach der NIederlage gegen RWO schon ironisch auf die Nationalelf verwiesen, wo Hansi Flicks Mannschaft genauso an ihrer Aufgabe im Spiel gegen Ungarn gescheitert war wie die Zebras gegen RWO. Ich weiß nicht mehr, ob im Ziegner- oder im Nach-dem-Spiel-Thread.

Heute morgen nun habe ich einen Text zu Flicks Umgang mit dieser Niederlage in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Dabei wurde Torsten Ziegners Situation gleich mit abgehandelt. Ergebnis ließ sich vermuten: Hansi Flick und Torsten Ziegner folgen bei gleichen Voraussetzungen einem anderen Stil der Menschenführung. Es wird euch nach meinem Text vom Sonntag nicht überraschen, Flicks Stil halte ich besonders zu diesem Zeitpunkt der Saison für angemessener als den von Torsten Ziegner.

Der entscheidende Satz ist der letzte in dem Abschnitt. Auch Torsten Ziegner hat keine anderen Spieler. Schon vorgestern hoffte ich, dass er intern seine Worte einordnet, im besten Fall in Teilen zurücknimmt. Die auch von Torsten Ziegner beschworene Gemeinschaft entsteht, wenn der Trainer mit im Boot ist. Diese Saison ist einfach noch viel zu lang für Risse in der Gemeinschaft.

Süddeutsche Zeitung, 26. September 2022

Klares Denken wieder möglich?

Haben wir uns alle wieder im Griff zwei Nächte nach der 2:1-Niederlage gegen Rot-Weiß Oberhausen im Niederrheinpokal? Schaffen wir es mit ein wenig Abstand, auch etwas sachlicher über diese Niederlage nachzudenken? Nicht dass wir uns missverstehen. Ich war am Freitag sehr enttäuscht. Ich habe mich geärgert über die so schwache Offensive der Zebras. Ich habe geschimpft. Nach dem Abpfiff kam der Ärger über einen Teil der Kurve hinzu, der die Spieler mit Gegenständen bewarf. Am Tribünenzaun neben dem Spielertunnel hätte sich jemand am liebsten mit Bouhaddouz geprügelt. Angepackt hatte er ihn schon. Was für Zustände wenige Wochen nach dem Saisonstart.

Am Samstag setzte sich mein Ärger aber fort, als ich mir die Pressekonferenz nach dem Spiel ansah. Torsten Ziegner redetet sich in kontrollierte Rage. Fehlende Leidenschaft war das Leitmotiv seiner Tirade. Benzin ins Feuer auf den Rängen ist das passende Bild dazu, und ich muss sieben Jahre nach der Niederlage gegen RWO im Niederrheinpokal der Aufstiegssaison wieder einen Trainer erleben, der seine Mannschaft dem Volk zum Fraß vorwirft.

Mich hat er überhaupt nicht überzeugt mit seiner Tirade. Leidenschaft hat mir in dieser so von ihm wahrgenommenen, übersteigerten Form nicht gefehlt. Ich habe damit eine Minderheitenmeinung, das ist mir schon klar. Ich will sie also mal begründen.

Vor vier Wochen etwa habe ich RWO im Ligaspiel gegen Lippstadt gesehen. Es war ein miserables Spiel, das Unentschieden endete. Die Mannschaft gestern hat zwei bis drei Klassen besser gespielt, und damit sollte sich Torsten Ziegner vielleicht an sein kurzes Zögern auf der Spieltags-PK erinnern, als er gefragt wurde, ob er seine Mannschaft als Favorit ansehe. Natürlich musste er sich dazu bekennen, doch wie er seine Antwort einpackte, zeigte auch, ganz so klar waren die Verhältnisse nicht. Vor der Saison wollte RWO um den Aufstieg mitspielen.

RWO begann das Spiel am Freitag, wie wir es in Duisburg aus unseren Spielen gegen höherklassige Mannschaften im DFB-Pokal kennen. Erinnert ihr euch noch an die erste halbe Stunde im Spiel gegen Hoffenheim? Zwei Ligen höher damals. In dieser ersten halben Stunde haben wir den Gegner dominiert. RWO hat den MSV zunächst nur 20 Minuten in die Bredouille gebracht. Mir ist ein Rätsel, wieso ein Trainer bei dieser Konstellation von fehlender Leidenschaft in den ersten 20 Minuten spricht. Die Wucht der klassenniedrigeren Mannschaft mit Aufstiegsambitionen musste erstmal ausgehalten werden. Das haben die Zebras geschafft. Nach etwa 20 Minuten kam das Spiel in ein Gleichgewicht. Dennoch gelang den Oberhausener Spielern technisch fast alles, was in dem Spiel der Liga zur Lachnummer wurde.

Symbolhaft war für mich ein langer Ball RWOs auf den rechten Flügel. Eigentlich kam der zu kurz. Er fiel dem Oberhausener Leichtathleten unter den Fußballern auf den Rücken in Schulterhöhe. Doch der Spieler konnte die Geschwindigkeit des Passes mit einer Schulterdrehung zur Vorlage für sich selbst machen, ein fußballerischer Trick höchster Güte, der ihm zwei Meter Vorsprung vor seinen Verteidiger gab. Wie oft gelingt das? Die Spieler von RWO waren in einem Flow, der erst einmal gebrochen werden musste. Das gelang aus meiner Sicht, und das hat mit Leidenschaft zu tun.

Schauen wir nun auf das, was die Zebras aus diesem Gleichgewicht in der Offensive machten. Die vornehmliche Lösung für die Frage, wie komme ich in den Oberhausener Strafraum, hieß Flügelspiel. Es gab einige Flanken auf die andere Seite des Strafraums oder Pässe auf Verdacht in den Rückraum. Dummerweise war der Strafraum in solchen Momenten gut gefüllt mit Oberhausener Spielern. Die Pässe auf Verdacht gingen ins Nichts. An jeden hoch geschlagenen Ball kam zuerst ein Oberhausener Spieler. Mit mehr Leidenschaft ist dieses Problem leider überhaupt nicht zu lösen. Da müsste es mehr Glück durch Zufall heißen. Vielleicht könnte man von der Hoffnung auf einen besseren Instikt der Zebra-Stürmer sprechen, der zum fußballerischen Können gehört.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit war der Ausgang des Spiels eine offene Angelegenheit. Blicken wir wieder auf die Leidenschaft und nehmen wir erneut eine andere Perspektive ein. Zeugt die Rote Karte für Ajani vielleicht von zu viel Leidenschaft? Da will einer auf jeden Fall an den Ball kommen, sieht vorne und hinten nichts, hebt das Bein und schon ist es zu hoch. Wie war das mit Sebastian Mai und der Leidenschaft? Gibt es vielleicht auch eine Kehrseite dieser so grundweg positiv angesehenen Einstellung zum Spiel? Was passiert, wenn Spieler mit Leidenschaft und Charakter über ihre Grenzen gehen. Denn das ist ja die Voraussetzung des Spiels, das momentan vom Trainer verlangt wird. Kann das zu Unfallverletzungen der Spieler führen? Eine Frage für die Sportwissenschaftler, die ich nur stelle, damit klar ist, so einfach ist das mit der Leidenschaft nicht.

Die Rote Karte verunsicherte. Es fiel das Gegentor. Wie sollte diese Mannschaft mit dieser Spielanlage den Ausgleich erzielen? Ich sah keine Chance, aber den Willen zum Ausgleich, den sah ich. Erst nach dem zweiten Tor der Oberhausener begann das vogelwilde Spiel mit langen Bällen. Normalerweise brauchen diese langen Bälle mehr Glück zum Erfolg als ein Passpiel über die Flügel etwa. Beim MSV war das anders. Erst die langen Bälle brachten endlich Torgefahr und Durcheinander in der Oberhausener Defensive. Nicht genug, wie wir wissen. Doch werden wir mit dem wilden Anrennen an die Struktur erinnert. Denn auch zu dem Zeitpunkt habe ich Leidenschaft wahrgenommen.

Leidenschaft braucht eine Struktur, die sie sinnvoll erscheinen lässt. Es muss doch auf den Rängen genügend Mannschaftssportler geben, die aus eigener Erfahrung, egal in welcher Sportart, dieses vergebliche Mühen kennen und die innere Erschöpfung durch Vergeblichkeit. Mangelnde Leidenschaft als Grund für diese Niederlage zu benennen, ist für mich so unergiebig, dass ich mir über die nächsten Wochen am liebsten gar keine Gedanken mehr machen möchte. Spieler brauchen eine Struktur des Spiels, das ihrem Können gemäß ist. Natürlich machen die vielen Ausfälle es schwierig, die Struktur aufrecht zu erhalten, an die gedacht war. Dann brauchen wir einen Trainer, der erklärt und um Geduld bittet für den eingeschlagenen Weg.

Was wir nicht brauchen, ist der Verweis auf die populistische Münze Leidenschaft. Wir sollten uns an die Binse des Gegenwartsfußball erinnern, dass die Qualitätsunterschiede zwischen „großen“ und „kleinen“ Mannschaften geringer geworden sind. Die Stimmungsextreme im Ruhrgebietsfußball machen das Arbeiten hier schwer. Kontinuierlich etwas aufbauen, heißt es immer wieder. Im Ruhrgebiet kaum möglich. Natürlich höre ich darauf die Erwiderung jetzt schon, was haben wir für Jahre mit solchem Gerede hinter uns. Wir arbeiten aber gerade die Konzeptionslosigkeit der letzten Ivo-Jahre ab. Ich wünsche mir dafür einen Trainer, der sich darüber im Klaren ist und der die Schwächen seines Kaders der Öffentlichkeit in moderierender Form nahe bringt. Das ist ein Seiltanz, weil er sie nicht benennen darf und er doch den Blick für die Wirklichkeit öffnen muss. Und diese Wirklichkeit bedeutet mehr als Leidenschaft und Charakter. Dazu gehört die Struktur des Spiels. Beides steht in einer Wechselwirkung zueinander. Momentan höre ich einen Torsten Ziegner, der ersteres als Voraussetzung von zweitem ansieht. Das macht mir Bauchschmerzen – viel zu früh in der Saison.


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