Archive for the 'Fußball im Buch' Category



Sieg auf ganzer Linie – Koos heißt Koss bei Amazon

Ihr dürft mich master of the amazon finals nennen. Sieg in 3 Runden und vielen, vielen Textnachrichten. Ich gewann durch meine Ausdauer und taktische Klugheit. In der dritten Runde habe ich von Anfang an die Verunsicherung beim Gegner gespürt. Die haben nur noch langsam geantwortet. Anscheinend hatte ich ihre Defensive zermürbt und sie begannen hinzunehmen, dass Ralf Koss tatsächlich Koss heißt und nicht Koos. Das Gaze war die Vorlage zu einer Groteske in einem meiner Programme frei Haus.

Bild 1 ist die Momentaufnahme meiner Beweisführung in der 2. Runde. Nachteil Koss. Mir wurde nicht geglaubt.

Nun wird das Buch auch bei Amazon gelistet, wenn man nur meinen Namen kennt. Nun wird die Welt meine literarisch ambitionierte Erzählung über mein Leben als MSV-Fan auf allen Suchwegen finden können. Meine Messlatte fürs Buch war natürlich die Urgeschichte dieses Schreibens, Fever Pitch von Nick Hornby. So habe ich meine Erfahrungen mit und im Fußball immer wieder ins Allgemein-Menschliche gedeutet. Komik sollte nicht fehlen und natürlich auch all die Emotionen, die die Spiele in Anhängern eines Vereins hervorrufen.

Es bleiben dennoch genügend Argumente sich an die Buchhändler vor Ort zu wenden. In Duisburg und Umgebung sollten sie es vorrätig haben.

Ralf Koss alias Kees Jaratz
MSV Duisburg. Fußballfibel
Taschenbuch, ‏ 170 Seiten
ISBN: ‎ 978-3730817926
€ 13,99

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Trend! Wer solche Freunde hat

Der Trend war our friend. Es ging lange Zeit aufwärts und die anderen unten blieben auf ihren Abstiegsplätzen. Aber wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Was für ein wankelmütiger Geselle. Bleib mir bloß weg, mein Trend. Verl gewinnt am Samstag, Viktoria Berlin gewinnt gestern – gegen Magdeburg! Gegen den uneinholbar wirkenden Spitzenreiter. Und der MSV verliert so, dass sämtliche weggepackten Abstiegsängste aus ihren Ecken hervorspringen und Party machen. Chancenlos waren die Zebras am Samstag in Kaiserslautern. Als erschreckende Wahrheit sah ich bei diesem Spiel, der MSV trat beim Spielaufbau nicht so viel anders auf als gegen Zwickau.

Der Ball wurde immer wieder beim Spiel nach vorne verloren, weil die meisten Spieler zu wenig Ballkontrolle besitzen in dem geforderten schnellen Offensivspiel oder die Übersicht fehlt, im richtigen Moment abzuspielen. Wieder stehe ich vor der Frage, überfordert diese Taktik die Mannschaft, weil die individuelle Qualiät in Summe nicht ausreicht oder weil nicht genügend Entwicklungszeit beim Training für die nötige Ballsicherheit im Zusammenspiel war. Meine Beunruhigung als Ergebnis entsteht allerdings unabhängig von der Antwort auf die Frage.

Wenn dann ein perfekt eingespielter Gegner nahezu jeden misslungenen Angriff in eine Bedrohung des eigenen Tores verwandelt, erlahmt die Energie bei der Defensive. Ich sehe das Problem also nicht in der letzten Zone der Defensive, sondern sehr viel früher an dieser Schnittstelle von Ballverlust und Gegenpressing. Der Ballverlust ist beim MSV wahrscheinlich und dann fehlt die erste wirksame Gegenmaßnahme. Gegen Zwickau resignierte die Mannschaft angesichts derselben Offensivfehler nur deshalb nicht, weil der Gegner deutlich schwächer war als der 1. FC Kaiserslautern.

Mein unlängst offensiv nach vorne preschender Optimismus in Sachen Klassenerhalt ruft angesichts der Abstiegsangst-Party kleinlaut, ein bisschen Unterstützung von den Kumpels aus der Mannschaft könnte ich gebrauchen. Sonst stehe ich bei dieser Party hier weiter als Mauerblümchen in der Ecke.

Wir denken nur von Spiel zu Spiel. Das ist schon klar. Aber nun weiß ich wieder nicht mehr, was ich denken soll. Das ist ja das Problem. Was werden wir im Spiel gegen Halle sehen? Wie wird die Mannschaft auftreten, damit der unbedingt nötige Sieg gelingt? Und dabei habe ich noch keinen Gedanken an Verletzte verschwendet. Mein Optimismus hat es seit gestern Abend verdammt schwer.

Das mag auch daran liegen, dass mein Denken von Spiel zu Spiel begleitet wird von einem anderen Denken meines Daseins. Ich denke nämlich auch von Lesung zu Lesung, und für meine nächste Lesung am 19. April aus der MSV Duisburg Fußballfibel verläuft die Vorbereitung perfekt, keine Stimmbandverletzung ist zu beklagen. Ich kenne Schwächen und Stärken des Berliner Publikums, fühle mich fit und will beim Auswärtsspiel im BAIZ punkten. Nun könnte der Ausgang der Samstagbegegnung der Zebras bei Viktoria Berlin meine Auswärtsaufgabe schwieriger machen. Ich möchte doch bei einer mir heute möglich vorkommenden Niederlage keinen Mentaltrainer kurzpflichtig verpflichten müssen. Das sprengt meinen Etat. Ihr seht, welche weiten Kreise das letzte Wochenende zieht. Gegen Halle werde ich als Zuschauer auf jeden Fall alles geben, damit mein Leben als Autor zehn Tage drauf etwas einfacher wird.

Vom Pokalaus hin zum Aufstieg – Eine Kostprobe aus der MSV Fußballfibel

Schon 1991 hatte es der MSV als Zweitligist verdient im Pokal gegen den Bundesligisten 1. FC Köln weiterzukommen. Damals wurde der Pokal noch mit Hin- und Rückspiel ausgetragen. Torlos endete das Hinspiel. Anschließend erhöhten am 7. Mai die MSV-Anhänger an einem Dienstagabend das Verkehrsaufkommen auf A57 und A3.

Zwischen 15.000 und 17.000 Duisburger unterstützten die Zebras in Köln. Damals hatte ich keinen Fotoapparat dabei. Smartphone gab es noch nicht. Ohnehin teilt das Foto, 19 Jahre später aufgenommen, eine deutlich bessere Stimmung mit, selbst wenn man kaum was erkennen kann. Dieselbe Konstellation, dieses Mal die Entscheidung in einem Spiel, dieses Mal gewann der MSV 2:1. Die legendäre Pokal-Saison ging weiter.

Unlängst hat der Verlag noch eine Leprobe per Facebook geteilt, die mit dem 91er-Pokalspiel ihren Anfang nimmt. Die will ich euch nicht vorenthalten.

Im Müngersdorfer Stadion saßen Hatte, Spille, Heili, Riesenhatte und ich mit vielen anderen Duisburgern im Unterrang der Nordkurve. In der zweiten Halbzeit füllte sich der Block über uns mit Kölner Hooligans. Als Oberkörper vor- und zurückschwangen, Fäuste drohend geschüttelt wurden sowie unartikuliertes Geschrei die Luft füllte, glich die Szenerie doch sehr dem Ausschnitt einer Dokumentation von Heinz Sielmann, Deutschlands Tierfilmer Nummer eins jener Tage. Weder konnten die einen runter, noch die anderen hoch. Der Flüssigkeitsaustausch hielt sich auch in Grenzen. Mir fehlte nur der oft altväterlich klingende Sielmann-Kommentar zum rituellen Imponiergehabe.

Keine Vereinszeichen und schwarzgraue zivile Kleidung wie in Köln oder grüne Bomberjacken wie andernorts bei einer geschlossen auftretenden Gruppe im Fußballstadion gab es noch nicht lange in Deutschland. Von Großbritannien aus war die Subkultur rübergeschwappt. Die Kölner Hooligans über uns waren irgendwann wieder weg. Wahrscheinlich trafen sie an anderer Stelle noch auf MSV-Anhänger.

Zu Auswärtsspielen fuhren wir als größere Gruppe weiter zusammen. Im Wedaustadion waren Hatte, Spille und Heili auf die Tribüne gezogen, während ich mit Jörg und Reiner, ebenfalls alte Schulfreunde, auf der Geraden neben dem Marathontor in den ehemaligen Mob-Gefilden stand. Ein Fußballspiel kann ich mir nur schlecht im Sitzen ansehen. Ich brauche die ständige Bewegung, selbst wenn ich in drangvoller Enge wie beim Aufstiegsspiel 1991 gegen Blau-Weiß 90 Berlin nur etwas hin- und herrücken kann.

Lange vor Ende des Spiels hatten wir aber wieder mehr Platz. In Scharen strömten die Anhänger des MSV runter zum Rasen. Wie nah konnten Fußballzuschauer ihrer Mannschaft kommen, wenn sie be- geistert waren. Trotz all der Diskussionen um Gewalt von Fußballfans herrschte ein grundsätzliches Vertrauen in die Sicherheit im Innenbereich. Dass jemand dort ernsthaft Schaden nehmen könnte, glaubte niemand. In mehreren Reihen umschloss ein Menschenkarree den Rasen. Nach neun Jahren Abwesenheit nahte die Rückkehr in die Bundesliga. Tore waren noch nicht gefallen. Eins von unzähligen Transistorradios gab es an jenem Tag auch in unserer Nähe. Wir wussten, der Aufstiegskonkurrent Stuttgarter Kickers führte zwar, doch das Torverhältnis des MSV war selbst bei der noch möglichen knappen Niederlage besser geblieben. Noch zügelten wir die Begeisterung, noch ließen wir die Freude nur kurz aufwallen, schrien unkoordiniert EM-ES-VAU, reckten die Arme in die Höhe und sahen uns freudestrahlend in der Menge um.

Dort unten am Rand des Rasens sah der Bundesligist in spe wieder wie der Stadtteilverein der 1950er Jahre aus. Es wirkte, als ob jeder jeden kannte. Als ob die Spieler mit den Zuschauern hinterher einen trinken gehen. Als ob alle nicht Zuschauer und Sportler bei einer wichtigen Begegnung des Fußballs waren, sondern ein weiter reichen- der Sinn alle verband. Die Jahre zuvor wurde der Duisburger Alltag durch Nachrichten über immer größere wirtschaftliche Schwierigkeiten bestimmt. Nun gab der MSV den Bürgern der Stadt ein Beispiel, wie Anstrengungen aus der Stadtgesellschaft heraus zum Erfolg führten. Duisburg hungerte nach guten Nachrichten. Der MSV gab sie.

Die MSV Duisburg Fußballfibel habe ich als literarisch ambitionierte Erzählung angelegt, bei denen Erlebnisse aus meiner Fan-Biografie die Grundlage ausmachen. Meine Messlatte war dabei natürlich die Urgeschichte dieses Schreibens, Fever Pitch von Nick Hornby. So habe ich meine Erfahrungen mit und im Fußball immer wieder ins Allgemein-Menschliche gedeutet. Komik sollte nicht fehlen und natürlich auch all die Emotionen, die die Spiele in Anhängern eines Vereins hervorrufen.

Der anfängliche Fehler bei der Aufnahme des Buchs ins Verzeichnis lieferbarer Bücher ist bei einigen Onlinehändlern immer noch vorhanden. Weiter werde ich bei ihnen statt mit Doppel-s mit Doppel-o gelistet, so dass das Buch dort momentan nur unter Koos und Jaratz zu finden ist. Ein Argument mehr für die findigen Buchhändler vor Ort, denen ihr vertraut.

Ralf Koss alias Kees Jaratz
MSV Duisburg. Fußballfibel
Taschenbuch, ‏ 170 Seiten
ISBN: ‎ 978-3730817926
€ 13,99

Briefe aus Westende – Von ZebraFM und dem Gemeinsinn

Etwas Schwund ist immer. Dumm, wenn das drei Punkte des MSV bei einem eigentlich vielversprechenden Spiel gegen den FSV Zwickau sind. Ausgerechnet bei meinem Premierenbesuch bei einer der Livereportagen von ZebraFM verlor der MSV mit 1:0. Während des Spiels blieb ZebraFM-Reporter Mark Zeller kaum Gelegenheit, mich ins Gespräch zu holen. Zu viel passierte auf dem Rasen. Es gab während des ganzen Spiels kaum Ruhephasen. Was natürlich auch mit den vielen Stockfehlern auf beiden Seiten zu tun hatte. Es ging hin und her. Während der Halbzeitpause war ich so optimistisch wie immer. Wenn ein Spiel noch nicht vorbei ist, glaube ich an den möglichst guten Ausgang. Genauso wie ich die Niederlage noch in der 80. Minute fürchte, obwohl der MSV mit zwei Toren führt.

Foto: Jens Thiem

In der Halbzeitpause hoffte ich noch, dass die zuweilen wenig klar wirkenden, letzten Momente einer Offensivaktion beim kontinuierlichen Spielaufbau aus der eigenen Hälfte heraus nicht in Ratlosigkeit münden würden.

Nach dem Spiel hätte ich genau von dieser Ratlosigkeit sprechen müssen. Aber es fiel mir schwer, in der Enttäuschung Worte zu finden. Besonders nach so einem intensiven, vergeblichen Anrennen gegen die drohende Niederlage mit einer letzten großen Chance auf den Ausgleich bin ich normalerweise vollkommen stumm und leer. Es war anstrengend dann noch mit Mark Zeller abschließende Worte zu sprechen.

Meine Erinnerung an den Sonntag soll nur noch einmal etwas hervorheben, was viele von euch natürlich wissen. Das Team von ZebraFM ist unfassbar gut, wenn sie eine Spieltagsreportage machen. Mark Zeller, Florian Hermann und Tim Zeiger an den Mikros finden immer Worte. Das ist so beeindruckend, weil sie ja auch mit ganzem Herzen Anhänger dieses Vereins sind. Sie erleben dieses Spiels emotional und schaffen es, im selben Moment andere Fans ohne Blick aufs Spielfeld an diesem Erleben teilhaben zu lassen. Anders als die meisten von uns, stöhnen sie nicht nur auf und stoßen komische Laute hervor, wenn eine gefährliche Situation sich anbahnt. Sie schaffen es, zu beschreiben, was sie sehen.

Gerd Scharrenbroch fehlt noch in dieser Reihe. Bei ihm zu Hause ist die technische Anlage untergebracht. Er bringt sie an jedem Spieltag aufs Neue an ihren Platz, verstöpselt Kabel, reicht Kopfhörer und Mikros. Seine Frau Thordis ist Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenverein Duisburg. Normalerweise kommt sie auch ins Stadion. Am Sonntag war sie erkrankt.

Beide engagierten sich schon sehr lange für sehbehinderte MSV-Fans, als ein Zufall ihre Möglichkeiten erweiterte. Gerd Scharrenbroch erinnert sich nicht mehr, in welchem Jahr es war, als sie auf einer Rückfahrt von einem Spiel der Zebras in Berlin Andreas Peters kennenlernten.

Andreas Peters gehört dem MSV Fanclub Zebraherde an. Er war zu Zeiten von Walter Hellmich als Vertreter von Fangruppen in den Aufsichtsrat gewählt worden und rannte dort gegen Mauern, als er sich um die Existenz des Vereins zu sorgen begann. Die finanziellen Schwierigkeiten jener Zeit waren für Anhänger des MSV früh ein Thema und Verantwortliche im Verein sahen das nicht gern. Man legte ihm den Rücktritt nahe. Kommuniziert wurde eine einvernehmliche Entscheidung. Andreas Peters hatte seinerzeit einiges auszuhalten. Wie wertvoll für einen Fußballverein aber die Bindung an die Fanbasis ist, erwies sich nach seiner Zufallsbegegnung mit den Scharrenbrochs. Er unterstützte sie dabei, für die sehbehinderten und blinden MSV-Fans regelmäßig eine Spielreportage während der Heimspiele anzubieten.

Heute funktioniert dieses Angebot reibungslos, auch weil inzwischen mit dem Fanclub Innenhafen der nächste Fanclub sich für die Unterstützung des Angebots verantwortlich fühlt. Der Fanclub hat die Kosten für eine neue technische Anlage vor einiger Zeit komplett übernommen. 20 Hörerinnen und Hörer im Stadion können nun versorgt werden. Er stellt den Ehrenamtlern von ZebraFM Jacken und T-Shirts, die sie in ihrer besonderen Funktion erkennbar machen. Letztlich gehört ZebraFM zu jenen vielfältigen Fanaktionen, die zeigen, welche soziale Kraft rund um den Fußball entsteht, wenn Anhänger des MSV neben ihrem Vereinsherz auch noch den Gemeinsinn im Blick haben.

Morgen geht es an dieser Stelle nicht mehr um meine verlorene Sprache, sondern um vermisste Buchstaben. Bei Namen führt das augenblicklich zu Identitätskrisen. Auch ein interessantes Thema.

Briefe aus Westende – Von Jubelsprints und einer Premiere als Feier

Ein Wochenende zum Einrahmen liegt hinter mir. 2:0 gewinnen die Zebras auch ein Spiel, bei dem die Kräfteverhältnisse nicht so eindeutig durch den Tabellenstand wie gegen Würzburg oder äußere Umstände wie gegen Türkgücü München die Siegeserwartungen bestimmten. Dazu am Vortag meine gelungene Premierenlesung beim Heimspiel im Ruhrorter Plus am Neumarkt vor ausverkauftem Haus. Eine Lesung, die zur Feier wurde.

Bei Funkes WAZ/NRZ findet sich hinter der Pay-Wall ein Artikel, der einen lebendigen Eindruck von Lesung und Buch gibt. Diese Momente der Freude am Wochenende rückten die dunkle Wirklichkeit dieser Tage für einige Stunden in den Hintergrund.

Dass der Sieg gegen Viktoria Köln nötig war, darüber brauchen wir nicht zu sprechen. Im Grunde ist alles zu dem Sieg gesagt. Interessant ist allenfalls die uneinheitliche Bewertung der ersten Halbzeit. Manches Urteil dazu scheint mir geprägt durch die erste Hälfte der zweiten Halbzeit. Ihr seht, für mich lässt sich dieses Spiel im Grunde in klar abgetrennte Phasen einteilen – in vier, um genau zu sein.

Phase 1: Ein bemühtes Spiel von beiden Seiten auf Augenhöhe bis zum Lieblingsfehler von Leo Weinkauf. In der Schule wäre jetzt mal wieder der Elternbesuch fällig. So oft haben wir es ihm doch gesagt, aber manchmal sticht ihn der Hafer, und er vergißt alle Regeln, die bei uns herrschen. Dann sagt ein Lehrer: Das hattest du doch schon zwangigmal abschreiben müssen, lieber Leo. Wann lernst du das? Du darfst bei der ersten Aktion deine Ballsicherheit mit dem Fuß beweisen. Danach geht das Spiel weiter. Tausendenmal habe ich dir das gesagt! Kein Stürmer wirft sich heute verzweifelt auf den Boden, weil er beim Torwart ins Leere gelaufen ist. Bei deinem Opa wäre so einer vielleicht am Boden zerstört gewesen. Doch heute ist ein Stürmer sofort wieder da und versucht weiter sein Tor zu schießen.

Fast wäre dieses Tor nach dem Lieblingsfehler von Leo Weinkauf einmal mehr gelungen. Aber vielleicht wird beim Torwart nur das grundsätzliche Niveau dieser Mannschaft besonders deutlich. Letztlich geht es auch bei den Feldspielern immer wieder um die Anschlussschnelligkeit nach einer ersten gelungenen oder auch missratenen Spielaktion. Und da staune ich auch bei anderen Spielern nicht selten über manches Innehalten, während der Gegner in normaler Geschwindigkeit weiterspielt. Belassen wir es dabei.

In diesem nach dem Weinkauf-Fehler beginnenden Mittelteil des Spiels mit Phase 2 bis zum Halbzeitpfiff – unsicher werdende Zebras, ohne besonderen Vorteil für die Kölner – und Phase 3 nach Wiederbeginn – immer überlegenere Kölner – schien das Tor der Kölner in Halbzeit zwei nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Der Dreifachwechsel markierte den Beginn der vierten Spielphase. Welch wunderbares Tor durch Alaa Bakir. Welch Können zeigte er in dem Moment. Welch Hoffnung machte er mit diesem Tor auf Konstanz der Leistung und gesteigerte Widerstandstandskraft, um nicht mehr wie zu Saisonbeginn an Gegenspielern einfach abzuprallen.

Das 2:0 durch Julian Hettwer trieb mir sogar drei, vier Freudentränen in die Augen. Nicht wegen des dann sicher werdenden Sieges, nicht weil ich diesem jungen Spieler Julian Hettwer das Tor so gönnte, sondern weil im Moment des Torerfolgs alle Spieler von jeder Stelle, wo sie sich gerade befanden, zu dem Torschützen sprinteten. Sie sprinteten alle! Sie konnten nicht schnell genug ihre Freude teilen. Dann kamen die Spieler von der Bank noch dazu. Dieses Bild von der Mannschaft bezeugte nicht nur die Freude, sondern auch die große Erleichterung. Wir sahen Zusammenhalt, Gemeinsamkeit und innere Stärke.

Welch Befreiung war danach auch auf den Rängen zu spüren. So unbelastet freudig fühlten wir uns in dieser Saison nur am ersten Spieltag gegen Havelse. Ehrlich gesagt, kann ich bis Mai noch ein paar solcher Spieltage gut brauchen.

Zurück zum Freitag. Vor der Lesung bin ich noch schnell zum Studio 47. In dem Gespräch dort ging es um die Anfänge meiner Fankarriere, um Fußball zu Coronazeiten im Allgemeinen und um den MSV im Besonderen. Viel Meinung war gefragt. Studio 47 sorgt auch für eine Verlosung bei FB oder per mail, kaum dass das Buch im Handel erhältlich ist. Die Gewinner werden am 11. März um 11 Uhr bestimmt. Mit einem Klick findet sich hier eine Leseprobe aus dem Buch als Vorgeschmack. Und nun Film ab:

Außerdem noch einmal der Hinweis: Bei einigen Online-Händlern, so auch bei dem „Größten“, hat sich in die bibliogafischen Angaben ein Fehler eingeschlichen. Irgendjemand hat für die Onlineverzeichnisse aus dem Doppel-s ein Doppel-o gemacht, so dass das Buch dort momentan nur unter Koos und Jaratz zu finden ist. Wie schon geschrieben: Ein Argument mehr für die findigen Buchhändler vor Ort, denen ihr vertraut.

Ralf Koss alias Kees Jaratz
MSV Duisburg. Fußballfibel
Taschenbuch, ‏ 170 Seiten
ISBN: ‎ 978-3730817926
€ 13,99

Die Fußballfibel MSV Duisburg ist erschienen

Diese Exemplare für mich. Den Rest der Auflage ab heute für euch im Buchhandel. Die Fußballfibel MSV Duisburg ist nun erhältlich. Ich freue mich sehr über das Buch, in dem ich meine Geschichte als Fan seit der Kindheit erzähle.

Ich wollte mich aber nicht auf persönliche Erfahrungen beschränken, sondern mit meinem Erleben zugleich die Geschichte des MSV seit den 60ern sowie in Ausschnitten die des Ruhrgebiets bzw. Duisburgs miterzählen.


Das Buch ist als literarisch ambitionierte Erzählung angelegt, bei denen Erlebnisse aus meiner Fan-Biografie die Grundlage ausmachen. Meine Messlatte war dabei natürlich die Urgeschichte dieses Schreibens, Fever Pitch von Nick Hornby. So habe ich meine Erfahrungen mit und im Fußball immer wieder ins Allgemein-Menschliche gedeutet. Komik sollte nicht fehlen und natürlich auch all die Emotionen, die die Spiele in Anhängern eines Vereins hervorrufen.

Die folgende Leseprobe gibt euch einen Vorgeschmack:

Vor dem Spiel gegen den TSV Havelse gab es für Hatte und mich keine Zweifel. Wir fuhren mit dem Fahrrad. Wir wollten volle Stadionbusse nach dem Spiel vermeiden. Mit seinem Spitznamen folgte Hatte übrigens keineswegs den Spuren des MSV-Verteidigers der 1960er Jahre Hartmut Hatte Heidemann. Der Schweizer Kabarettist Emil mit eigener TV-Sendung sprach in einer seiner Nummern vom imaginären Hardy, ein Name, der von jungen Ruhrgebietsmündern pottgerecht ohne „r“ schnell zum Hatte verschliffen wurde. In unseren ersten gemeinsamen Jahren im Stadion war nicht immer so eindeutig vorherbestimmt, wie wir anreisten. Zumal wir uns mit unseren Klassenkameraden abstimmen mussten.
„Stadionbus oder Straßenbahn?“
„Lass uns früh fahren, und wir steigen in‘er Stadt aus. Von da zum Stadion laufen.“
„Dann Straßenbahn.“
„Elf?“
„Nicht früher?“
Schließlich passte elf Uhr. Ich wohnte 1974 weiter in Beeck, fuhr also als erster mit der Eins los. Umsteigen in den Bus in Laar. Dort kam Hatte dazu. Holger in Berg. Am Meidericher Bahnhof warteten Roland, Heili und Jockel. Manchmal kam André dazu. Wir gingen zusammen in eine Klasse am Max-Planck-Gymnasium und schon lange gemeinsam alle vierzehn Tage ins Stadion. Wir trugen Trikots und brachten die von den Müttern selbst genähten Fahnen mit. Im Winter nur wickelten wir die mindestens zwei Meter langen blauweißen Schals um den Hals, auch die von den Müttern oder deren Freundinnen selbst gestrickt.
Roland schleppte von uns allen die größte Fahne. Schon das Hochhalten beim Laufen strengte ihn so an, dass er sie nach kurzer Zeit wieder auf die Schulter legen musste. Beim Schwenken setzte er seinen ganzen Oberkörper ein. Sie besaß einen Stock, den man für den besseren Transport auseinanderschrauben konnte. Er muss um die drei bis vier Meter lang gewesen sein. Man muss bedenken, wir selbst waren in dem Alter vielleicht gerade mal um die 1,70 groß.
Natürlich fertigten solche Schraubkonstruktionen die Väter an ihrem Arbeitsplatz in einem der Werke an. Auch das gehörte zum Ruhrgebiet der 1970er Jahre. Metallarbeiten erledigte man selbst. Im Zweifel kannte man jemanden, der einem einen Gefallen tat. In den Schränken der Region sammelten sich die selbst gedrehten Vasen, manche sogar auf kurze Ständer geschweißt. Selbst Gebasteltes war im Ruhrgebiet jahrelang auch eine Sache der Männer.
An dem Tag spielte der MSV gegen die Bayern. Deshalb fuhren wir so früh. Es war ein besonderes Spiel. Die Bayern waren Meister gewesen. Wir wussten dennoch, bei uns in Duisburg wird es schwer für die. Wir stiegen am König-Heinrich-Platz aus, rollten unsere Fahnen aus und zogen durch die Innenstadt. Die U-Bahn gab es noch nicht. Die Königstraße war auch keine Fußgängerzone, so dass erst auf dem Sonnenwall, schon ohne Autoverkehr, unsere Gesänge nicht im Straßenlärm untergingen. Heja MSV, heja MSV, heja, heja, heja MSV, das wurde noch außerhalb des Stadions gesungen, ein bald verhallender Nachklang der Fußball-WM 1958.
Wir scheuten auch keine großen Ziele für uns und den Verein.
Wen wollt ihr fressen?
Rot-Weiss Essen!
Wen wollt ihr verschmausen?
Rot-Weiß Oberhausen!
Wenn wollt ihr lynchen?
Bayern München!
Und dann, und dann, und dann?
Kommt Ajax Amsterdam!
Dem Wechselruf folgte der Gesang. Ajax ist zum Putzen da, der Fernsehwerbung für das Putzmittel gleichen Namens eins zu eins entnommen. In den 1970er Jahren fiel es einem Anhänger des MSV leichter, solche Zeilen ironiefrei zu singen. Da hatten wir noch Träume. Und die Bäume wuchsen in den Himmel der Champions League jener Jahre, dem Europapokal der Landesmeister, selbst wenn die Tabellensituation das im WM-Jahr 1974 nicht hergab. Der MSV befand sich im Mittelfeld oder tiefer. Aber als Anhänger eines Vereins, der die Bayern zu Hause auch in deren Meisterschaftsspielzeiten regelmäßig besiegte, durften wir behaupten, Europas damalige Vorzeigemannschaft, Ajax Amsterdam, genauso aus dem Stadion zu jagen. Wir bekamen nur nicht die Chance, das auch zu beweisen.
Die meisten jungen Anhänger von Fußballvereinen neigen heute nicht mehr zu solchen Träumereien. Dazu sind die Erfolge und Niederlagen im Fußball zu erwartbar geworden. Viel zu klar sind die Möglichkeiten des eigenen Vereins auf mittlere Frist inzwischen umrissen. Gleich geblieben ist im Ruhrgebiet aber die tradierte Abneigung gegen den Verein in der Mitte der Stadtlandschaft. Wir sangen auf die Melodie von ‚Hier ist ein Mensch‘, einem 1970 zum Hit gewordenen Schlager von Deutschlands Lieblings-Österreicher Peter Alexander ‚Er ist kein Mensch, er ist kein Tier, er ist ein Fan von S04‘. Die Aussage wirkt zeitlos, wenn man sich bei Anhängern des MSV und bei denen von Rot-Weiss Essen, dem VfL Bochum, Rot- Weiß Oberhausen oder dem BVB umhört.

Am Freitag mache ich in Ruhrort im Plus am Neumarkt ab 19.02 Uhr die Premierenlesung. Hier die Angaben dazu.

Und die bibliogafischen Angaben gibt es inzwischen auch, allerdings hat es irgendwo einen Fehler gegeben und irgendjemand hat für die Onlineverzeichnisse aus dem Doppel-s ein Doppel-o gemacht, so dass das Buch bei Online-Händlern momentan nur unter Koos und Jaratz zu finden ist. Ein Argument mehr für die findigen Buchhändler vor Ort, denen ihr vertraut.

Ralf Koss alias Kees Jaratz
MSV Duisburg. Fußballfibel
Taschenbuch, ‏ 170 Seiten
ISBN: ‎ 978-3730817926
€ 13,99

Premierenlesung – MSV Fußballfibel am 4. März, 19.02 Uhr

Bundesliga,
ich komm‘ aus dir

Geschichten aus einem Leben als Fan

Im Berliner Verlag Culturcon medien erscheint seit 2015 die Bibliothek des Deutschen Fußballs. Damit der MSV in der Reihe vertreten ist, habe ich ein Buch geschrieben. In den nächsten Tagen erscheint es. Ich habe das Buch zu meiner Biografie als Fan gemacht im Spiegel der Geschichte des MSV und des Ruhrgebiets bzw. Duisburgs. Durch meine Erlebnisse mit dem MSV seit der Kinderheit wollte ich zugleich die Wirklichkeit des Ruhrgebiets zeigen. Emotional und inhaltsreich würde ich als Verkaufsclaims aufs Cover packen.

Sicher, man kann sich entscheiden, ob man jetzt jeden [Verwandten, K.J.] unbedingt regelmäßig sehen muss. Mancher bricht ja sogar den Kontakt zu den Eltern ab. Aber sie bleiben deine Eltern. Der du bist, bist du auch durch sie. Neben vielem anderen. So ähnlich geht es mir mit dem MSV.

Was ich mit diesem Verein erlebte, macht mich aus. Daran ist nichts zu ändern. Es schmerzt, wenn ich nicht ins Stadion kann. Es schmerzt, wenn die Zukunft des MSV bedroht ist, und der Montag beginnt mit gehobener Laune, wenn die Zebras am Wochenende erfolgreich waren.

Ralf Koss: Fußballfibel – MSV Duisburg, Culturcon medien, 2022

Die bibliografischen Angaben sind noch nicht online. Dennoch plane ich schon die Premierenlesung.

Sie findet am 4. März um 19.02 Uhr im Plus am Neumarkt statt, Neumarkt 19, Duisburg-Ruhrort. Bei allen Schwierigkeiten des MSV momentan, ich möchte das Erscheinen dieses Buchs feiern. Das Ganze, ohne Eintritt, allenfalls der Hut geht rum fürs Kreativquartier Ruhrort.
Hier der Link zur Veranstaltungsankündigung bei Facebook.

Weggelesen – Erwin Kostedde von Alexander Heflik

Die Zeit war reif für den Dokumentarfilm Schwarze Adler und die begleitende PR-Arbeit sehr gut. Denn von April an berichtete nahezu jedes Medium in diesem Land über die Geschichte von afrodeutschen Fußballern und Fußballerinnen, von person of colour, wie ein Teil jener Deutschen sich selbst nennt. Auf Amazons Streamingdienst Prime Video hatte Schwarze Adler von Torsten Körner im April seine Premiere. Im Juni war er dann als Einzelausstrahlung auch beim ZDF zu sehen.

In vielen dieser Berichte, Portraits und Interviews kam Erwin Kostedde zu Wort. Als erster afrodeutscher Nationalspieler ist er einer der Protagonisten des Films. In der Saison 1967/68 spielte er beim MSV Duisburg. Er war aus der Regionalliga von Preußen Münster gekommen und hatte dort als Mittelstürmer überzeugt. In Münster war der 1946 geborene Sohn einer Deutschen und eines afroamerikanischen US-Soldaten auch aufgewachsen. In seinem ersten Jahr in der Bundesliga konnte er beim MSV seine Leistungen in Münster nicht bestätigen. In 19 Spielen erzielte er fünf Tore. Nach seiner Karriere erzählte Erwin Kostedde mehrmals, ihm sei sein Erfolg zu Kopf gestiegen. Er habe die Nächte zum Tag gemacht. Seine Einstellung habe nicht mehr gestimmt. Deshalb sei es zum Konflikt mit dem Trainer Gyula Lorant gekommen.

Ein älterer Anhänger des MSV erzählte mir neulich noch von einem Auswärtsspiel jener Saison, bei dem Erwin Kostedde zur vereinbarten Abfahrtszeit nicht erschienen war. Aus einer Kneipe gegenüber dem Schlachthof in Meiderich sei er dann herausgeholt worden. Ob er noch mitfahren durfte, wusste er nicht.

Diese Anekdote passt in das Bild, das der Münsteraner Journalist Alexander Heflik in seiner Biografie von Erwin Kosteddes Zeit in Duisburg zeichnet. Das kommt nicht von ungefähr. „Erwin Kostedde – Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler“ fußt zum großen Teil auf Gesprächen mit dem Fußballer selbst. Außerdem sprach Heflik mit einigen Wegbegleitern sowie jüngeren Beobachtern der Fußballszene.

Der Duisburger Zeit sind nur wenige Seiten gewidmet. Liest man sie als Teil der gesamten Lebensgeschichte, wird deutlich, dass Erwin Kosteddes selbstkritische Wertung über seine Professionalität in Duisburg zu kurz greift. Die Flucht in nächtliche Trunkenheit lag nahe, wenn man von seinem Aufwachsen im Bewusstsein des eigenen Außenseitertums liest. Sie lag nahe für einen empfindsamen Menschen, dem ein autoritärer Trainer wie Lorant besondere Aufmerksamkeit widmete und nicht deutlich war, ob man für Misserfolge zum Sündenbock gemacht wurde. Im folgenden Jahr bei Standard Lüttich konnte er dann an alte Erfolge anknüpfen. Die Grundlage für seine weitere Karriere in Deutschland war von da an gefestigt.

Auch nach dieser Karriere als Fußballer war Erwin Kostedde Rassismus ausgesetzt. So meinte der Zeuge eines Raubüberfalls ihn als Täter identitifizieren zu können. Dabei war anscheinend das einzige, was der Zeuge wirklich erkannt hatte: der Täter war farbig gewesen. Bei der Gegenüberstellung wurde ihm nur Erwin Kostedde gezeigt. Da war der Zeuge sich dann erst einmal sicher. Ein halbes Jahr U-Haft führte zum psychischen Zusammenbruch von Erwin Kostedde.

Alexander Heflik lässt die Erfahrungen von Erwin Kostedde für sich sprechen. Deutlich wird auf fast jeder Seite: Wie Menschen angesehen werden, das hat Folgen. Die Biografie ist ein lebendiges Portrait in Buchform geworden. Alexander Heflik macht Erwin Kosteddes Persönlichkeit verständlich, die Zeit aber, in der er gelebt hat kaum. Historische Einflüsse und Zeitgeist werden meist nur indirekt erkennbar. Wer sich für besondere Lebenswege und Schicksale interessiert, wird diese Biografie mit Gewinn lesen.

Alexander Heflik

Erwin Kostedde. Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler

Verlag Die Werkstatt

208 Seiten, Hardcover

ISBN: 9783730705735

Hardcover: 19,90 €

Ebook: 16,90 €

Auf der Seite vom Verlag Die Werkstatt finden sich weitere Zitate aus Besprechungen. Das Buch kann auch dort versandkostenfrei bestellt werden.

MSV-Gefühle in der Sommerpause

Wie schön, dass uns in diesem Sommer sogar der derzeitige EM-Fußball prächtige MSV-Gefühle gibt. Die deutsche Nationalmannschaft hatte im Spiel gegen Frankreich vieles aus den letzten Jahren beim MSV abgeschaut. Natürlich waren die Einzelspieler besser, aber ich habe mich ziemlich schnell wie oft auf meinem Stehplatz im Stadion gefühlt.

Du siehst eine hilflose Mannschaft, die das Spiel zu kontrollieren versucht und deshalb nach der Balleroberung kaum einmal schnell in die Spitzen spielt. Dort angekommen bleibt es meist statisch. Immer rum um den Strafraum. Über dem Spielfeld schwebt unausgesprochen die Frage, wie kommen wir da nur rein? Sobald der Gegner den Ball hat, bist du im Alarmzustand und hoffst, dass nur möglichst viele eigene Spieler schnell genug nach hinten vor den Spieler mit den Ball kommen. Der Sprint zurück zum eigenen Tor mit derselben Anzahl Spieler verspricht mit Sicherheit Torgefahr des Gegners.

Wie gesagt, damit war ich vertraut. Ihr ja auch. Und wir wussten schon früh, in diesem Spiel wird nur mit Glück der Ausgleich fallen. Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass der Gegner ein Tor erzielt. Manchmal hilft es zur Gelassenheit, Fan des MSV zu sein.

Die anderen MSV-Gefühle sind in diesen Tagen für mich oft nostalgischer Art. Tina Halberschmidt und ich, also der Martin Wedau in mir, sind gerade auf den letzten Metern unseres MSV-Buchs, das im Oktober erscheint. Was wir da alles gelesen und erinnert haben. Viel zu viel für dieses Buch.

So lasst mich mit euch einmal seufzen, dass wir die großen Missverständnisse bei Neuverpflichtungen nicht mit aufnehmen können. Vor allem in den 1990ern war die Fallhöhe hoch, da der Erfolg des MSV unter Friedhelm Funkel den Blick der Verantwortlichen auf andere Bereiche des Spielermarkts hat richten lassen.

Das ist wie beim Essen. Wer vorher immer nur in die Pommesbude ging und dann allmählich mal die Restaurants besucht, wird der Pommesbude nicht abschwören, aber gutes Essen besser schätzen können. So jemand nimmt sich dann plötzlich auch andere Lokale vor.

Für den MSV war eines dieser anderen Restaurants zum Beispiel im Jahr 1998 Erik Bo Andersen als Neuzugang. Viel Geld wurde für ihn bezahlt. Der Mann hatte 1996 zum Kader Dänemarks bei der EM gehört. Zwar hatte er kaum gespielt, aber er gehörte zum Land der Überraschungseuropameister 1992. Und nun war er ein Zebra und bald verletzt. Danach hat er den Anschluss nicht mehr wirklich gefunden. Die Ersatzbank war sein Aufenthaltsort meist bei Spielen. Was habe ich bei seinen Einwechslungen immer wieder gehofft, er könne das Versprechen auf Tore einlösen. Denn meiner Erinnerung nach kam er immer nur dann, wenn es etwas aufzuholen gab.

Im Grunde ging es mir damals bei seinen Einwechslungen so wie heute auch oft. Ich dachte immer, irgendwas muss sich ändern im Spiel, sonst wird das nichts mehr für den MSV. Wir Gemeindemitglieder der Fußballkirche rufen dann gerne, Mensch, das Spiel braucht einen Impuls von außen. Erik Bo Andersen hat damals wenig impulst. So ist das mit den Missverständnissen. Im nostalgischen Blick auf die Vergangenheit wird daraus aber ein schönes MSV-Gefühl. Dafür hat sich das Ärgern in der Vergangenheit doch gelohnt. Von den anderen Missverständnissen erzähle ich später.

Lesen und Hören: Machtspieler von Ronny Blaschke im Podcast Nachspielzeit

Über die Jahre in der Kulturbranche hörte ich immer mal wieder von Buchkritiken, bei denen sich herausstellte, das höchste Lob oder das vernichtende Urteil geschah ohne wirkliche Lektüre des kritisierten Buchs. Konkreter wurde das nicht. Ich bin mir deshalb nicht sicher, ob das nicht ein moderner Mythos ist, der aus Begegnungen von Autorinnen und Autoren mit uninformierten TV-Moderatoren entstand.

Andererseits empfehle ich heute auch ein Buch nachdrücklich, ohne es gelesen zu haben. Ich werde es aber noch lesen. Nun liegt meiner Empfehlung keine hellseherische Gabe zugrunde, sondern ein über dreistündiges Gespräch im Podcast Nachspielzeit, der von den Machern des Blogs Brustring 1893 verantwortet wird. Vornehmlich geht es dort um den VfB Stuttgart, oft aber auch um allgemeine Themen des Fußballs.

Ron und Daniel sprachen im April letzten Jahres mit Ronny Blaschke, der sich seit Jahren mit ganz unterschiedlichen Fußballthemen beschäftigt. Immer geht es ihm dabei darum, den Fußball in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen genauer zu fassen. Schon vor langer Zeit habe ich mit „Angriff von Rechtsaußen“ hier ein Buch von ihm besprochen.

Im Gespräch unterhalten sich die drei über Ronny Blaschkes jüngstes Buch „Machtspieler“. In dem Buch beleuchtet er, wie in unterschiedlichen Regionen dieser Welt nationale und regionale Konflikte sich auch über den Fußball organisieren, zum Teil verstärken oder wie der Fußball Chancen bietet, sie aufzulösen. Beispielhaft wird das an Jugoslawien und den Nachfolgestaaten, Israel und Palästina sowie Ruanda erkennbar. Man erfährt in dem Gespräch überaus viel über die jeweiligen Länder und welche Rolle der Fußball bei den dortigen Konflikten spielte. Gleichermaßen erhält man einen Eindruck von Ronny Blaschkes Arbeitsweise in den jeweiligen Gebieten.

Das Gespräch ist überaus hörenswert, dank der Vorbereitung der Podcaster und des offenen Erzählens von Ronny Blaschke. Es wirkt informativ in alle möglichen Richtungen. Journalistisches Handwerk, Haltung und Ethos werden zum Thema, Kultur und Politik der jeweiligen Regionen und eben der Fußball in seiner gegenwärtigen Entwicklung sowie seiner Bedeutung in den jeweiligen Regionen.  Nutzt die Gelegenheit zum Weiterklicken.

Ich zögere keinen Moment, nach diesem Gespräch „Machtspieler“ auch zur Lektüre zu empfehlen, selbst wenn ich es erst demnächst lesen werde.  Auf der Webseite vom Verlag Die Werkstatt finden sich begeistert klingende Zitate aus Rezensionen quer durch die Print-Welt. Nach dem Podcast sind solche lobende Worte nicht überraschend für mich.

 

Ronny Blaschke
Machtspieler – Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution

Verlag Die Werkstatt

Paperback € 19,90 oder als Ebook €14,90

ISBN: 9 783 73070495 0


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