Archive for the 'Halbzeitpausengespräch' Category

In eigener Sache: Lesung am Freitag, um 18.45 Uhr bei der Meidericher Literarte 2018

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Von Freitag bis Sonntag feiert in Meiderich die Kulturwerkstatt in Meiderich auf ihrem Gelände an der Bahnhofstraße und auf dem Markt ihr vierzigjähriges Jubiläum. Der Literatur und Büchern gilt an den Tagen besondere Aufmerksamkeit, und so steht das Ganze unter dem Motto „Literarte 2018“ Es gibt viele Lesungen und am Sonntag einen Büchermarkt.

Auf dem Büchermarkt werde ich mit einem Stand vertreten sein. Natürlich werde ich auch Mehr als Fußball im Gepäck haben, die  111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss und die 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen. Schließlich braucht ein Jubiläum günstige Jubiläumsangebote.

Außerdem werde ich am Freitag von  18.45 bis 19.30 Uhr Auszüge aus meinen Programmen „Nach dem Anpfiff alles möglich“ und „Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau“ lesen. Die Lesungen finden statt in der Kulturwerkstatt, Bahnhofstraße 157, 47137 Duisburg.

Das komplette Programm der Literarte 2018 findet sich mit einem Klick.

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Halbzeitpausengespräch: Die Leiden der Jungen (Werther) am Theater Oberhausen

Ein marmomiertes Weiß auf Boden und Leinwand vor der Hinterbühne schaffen einen weit wirkenden Raum, in dem sich zwei große runde Podeste befinden. Sie werden später an Drehscheiben von Peepshows erinnern. Wir Zuschauer nehmen Platz, begleitet von einem sanften Klangteppich, den Johannes Rieder am Keyboard vorne am Bühnenrand schafft. Freundlich lächelnd betrachtet er in seinem lila glänzend, fast clownesken Kostüm das Treiben.

Wir sollen etwas Grundsätzliches über die Liebe erfahren. Wir sollen sehen, wie sich heute jene Liebe zeigt, die Goethe für den jungen Werther erdichtet hat. Es geht um die verzehrende Liebe, die das Ich auflöst oder gar erst finden lässt. Es geht um die Hoffnung auf Erfüllung, um das Werben und den Schmerz der Vergeblichkeit. Wir werden sehen.

Ein junger Mann tritt auf, während im Hintergrund die Musik weiter säuselt. Das ist also einer der Jungen und zugleich Werther, von dem im Titel auch die Rede ist? Er liebt, begehrt – doch wen? Es ist eine Frau, die vor ihm im Publikum sitzt. Nah ist sie, dennoch unerreichbar, und nur eine von vielen, wie sich herausstellen wird. Obgleich er auf Werthers absolute Liebe zitierend verweist. Schon schleichen sich Zweifel ein, ob dieser der Jungen es mit seiner Liebe tatsächlich ernst meint. Ironisch gebrochen bespiegelt er sich selbst. Schmunzeln müssen wir über ihn, und er über sich. Was ist echt? Er sei nicht Werther, sagt er sogar, er heiße eigentlich Christian. Er versucht Tanz als Ausdruck und wirkt dabei ungelenk. Kann solch ein Gefühl in den Wunsch führen, sterben zu wollen? Eine Liebe, die er schon bei vielen Frauen gefühlt hat? Schließlich probiert er den einen Verzweifelungsschrei, und wir sehen, ihn gibt es aus seiner selbst heraus nicht. Seine Liebe läuft eher ins Leere, als dass sie in Verzweifelung endet.

Still geht er ab. Die Spielfreude auf der Bühne und Johannes Rieder als Beobachter sowie Tröster bleiben. Denn dem ersten Monolog schließt sich der beeindruckende Auftritt von Emilia Reichenbach als Wertherin der Gegenwart an. Ein furioser Tanz zu Technoklängen macht sie so atemlos wie das Herausschreien ihrer Liebe. Auch diese Frau findet ihre Liebe im Publikum. Die Grenze der Bühne wird an dem Abend mehrmals aufgehoben. Zu ihrer Liebe gewinnt sie keine Distanz, die ihr hilft, den Schmerz des Unerfüllten zu bewältigen. In ihrer Liebe zeigt sie sich mit ganzer Seele und bis auf die nackte Haut. Dann glaubt auch sie, sterben zu wollen. Ihr wird geholfen allein durch eine sie umhüllende Hand – im wortwörtlichen Sinn; ein Kostüm, in das Johannes Rieder geschlüpft ist.

Mit dieser schützenden Hand zieht das Komödiantische auf der Bühne vollends ein. Die Wertherin geht ab. Das Leid an der Liebe wird nun für alle gelindert. Johannes Rieder sucht mit Fistelstimme seine Form der Nähe. Der Liebe? Er möchte küssen und findet im Publikum einen Mann, der sich auf die Stirn küssen lässt. Das Spiel ist aus. Selbsterkenntnis hat ihre Liebe den Liebenden nicht gebracht. Sie blieben konventionellen Rollenvorstellungen verhaftet. Die Frau, die tief einen Menschen liebt, steht im Gegensatz zum Mann, der nur vorgibt tief zu lieben und das gleich bei vielen Frauen. Selbsterkenntnis aber wäre einem humanistischen Verständnis von Liebe in der Gegenwart zu wünschen. Womöglich hat diese Neubestimmung der Liebe das Publikum zu leisten, wenn es aus der besänftigenden Kraft des Komödiantischen wieder erwacht ist

Mit: Christian Bayer, Emilia Reichenbach, Johannes Rieder

Regie: Leonie Böhm
Bühne: Zahava Rodrigo
Kostüm: Helen Stein, Magdalena Schön
Musiker: Johannes Rieder
Dramaturgie:Elena von Liebenstein

Die Informationen zum Stück beim Theater Oberhausen nach dem Klick.

Weitere Aufführungen:
SA, 29.09.2018, 19:30 Uhr
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SO, 30.09.2018, 18:00 Uhr
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MI, 10.10.2018, 19:30 Uhr
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SA, 27.10.2018, 19:30 Uhr
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FR, 07.12.2018, 19:30 Uhr
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FR, 11.01.2019, 19:30 Uhr
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Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 40: Jo Marie mit Ruhrpott Romantik

Gestern habe ich einen Vortrag zur Identität des Ruhrgebiets gehalten. In der Diskussion nach dem Vortrag wurde deutlich, wie unterschiedlich Kohle und Stahl als Klammer für eine Ruhrgebietsidentität bewertet werden. Für einige war der Bezug auf Kohle und Stahl gleichbedeutend mit Stagnation und einem Denken, das den Verlust beklagt, ohne das Neue anzupacken.

Es mag Menschen im Ruhrgebiet geben, für die diese Bewertung gilt, wenn sie auf die Montanindustrie schauen. Ich selbst glaube dennoch, das Ruhrgebiet kommt an Kohle und Stahl als einigender Klammer nicht vorbei. Denn Kohle und Stahl sind nun einmal der Grund, warum es das Ruhrgebiet überhaupt gibt. Wenn wir nichts mehr von Kohle und Stahl hören wollen, werden wir geschichtslos im Ruhrgebiet.

Gerade die jungen Bewohner des Ruhrgebiets haben ein unbelastetes Verhältnis zu Kohle und Stahl. Junge Menschen kennen die Arbeitswirklichkeit von Kohle und Stahl nicht mehr. Sie nehmen Kohle und Stahl symbolhaft. Sie gehen ironisch damit um. Sie können Kohle und Stahl benutzen, um sich in ihrer Lebenswelt zu positionieren. Damit verlieren sie den Blick für die Zukunft nicht. Sie trauern der Montanindustrie nicht hinterher. Sie schauen nach vorn. Wer im Ruhrgebiet bleibt, will etwas im Ruhrgebiet bewegen, und zwar in Berufen, die zukunftsträchtig sind.

Dennoch kann ich die Sorgen vor einem lähmenden Historienbezug auf Kohle und Stahl verstehen. Ruhrpott Romantik etwa von Jo Marie wirkt mit seiner Popmelodie so, als ob die junge Sängerin aus Lünen den Anschluss an den gegenwärtigen Popmusikbetrieb findet. Im Text aber schleicht sich rückwärtsgewandtes Denken ein, wenn es heißt, „zu verstehen, wie es hier wirklich ist, ist fast unmöglich, wenn du von woanders bist.“ Damit offenbart sich die Kehrseite eines Bezugs auf regionale Identität, die inhaltlich mit Kohle, Fußball und malochen gefüllt wird. Ausschluss liegt jederzeit nahe. Daran denkt Jo Marie wahrscheinlich nicht. Sie will nur die Besonderheit der Ruhrgebietswirklichkeit zum Ausdruck bringen.

Bei dem Lied mit dem zum Teil sinnfreien Text geht es ja ohnehin vor allem um Refrain und Melodie. Deshalb will ich ihre Worte nicht auf die Goldwaage legen. Im alltäglichen Leben mischen sich eben manchmal die Wirkungen beim Bezug auf die Historie des Potts. Mit diesem Bezug auf Kohle und Stahl bei der regionalen Identität ist es wie mit allem im Leben. Es kommt immer auf das Wie an.

 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 39: Horst Rathmann/Norbert van Tiggelen mit Tief im Westen

Der Deutschrock der 1980er, namentlich Klaus Lage, lebt im Heimatlied – Sektion Ruhrstadt weiter. Wenn ich „Tief im Westen“ von Horst Rathmann, Musik, und Norbert van Tiggelen, Text, höre, befinde ich mich jedenfalls zugleich auch im Jahr 1985. „Zahn um Zahn“ , ein Schimanski, läuft im Kino. Klaus Lage röhrt „Faust auf Faust“ als Titellied, und Götz George trifft auf Renan Demirkan.  Der suspendierte Schimanski und die investigative Journalistin Ulli verfolgen denselben Fall. Ich weiß heute noch genau, warum sich Schimanski in jene Journalistin hat verlieben können.

Im Text werden identitätstiftende Schlagwörter zur Ruhrstadt abgearbeitet. Das „Bei uns“ ist besagtes „Tief im Westen“, wo man „dat und wat“ sagt, „gerade heraus“ ist und Pommes rot-weiß ißt. Der Fußball rollt durchs Revier und ist Elixier, allerdings stehen nur drei nicht weiter erwähnenswerte Vereine für alle, was den Song in Duisburg sofort disqualifiert. Ihr könnte euch denken, warum. Das hätte leicht geändert werden können, da dieser Strophenteil sich wiederholt und die drei genannten Vereine durch andere hätten ersetzt werden können. Ihr seht, trotz meiner eigentlich wertungsfrei gedachten Sammlung verweise ich bei entscheidenden Qualitätskriterien auf weniger gelungene Arbeit.

 

Die angestoßene Erinnerung an den Kino-Schimanski hat mich bei Youtube nochmals nachschlagen lassen. Ich hätte gerne eine Szene aus dem Film mit Götz George und Renan Demirkan online gestellt. Die habe ich nicht gefunden. Bleibt „Faust auf Faust“ als Begleitmusik von Standfotos aus sämtlichen Schimanski-Jahrgängen, ohne eins mit Renan Demirkan, zu deren Seite ihr mit dem Link oben kommt.

 

 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

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Halbzeitpausengespräch: Gutes tun und darüber sprechen – 20 Jahre Jungs e.V.

In diesen Zeiten kann man nicht oft genug vom Gelingen in einer Gesellschaft reden. Man kann nicht oft genug über jene Orte sprechen, wo jungen Menschen unterschiedlicher Herkünfte zu innerer Stärke verholfen wird, wo humanistische Werte und freies Denken die Grundlage eines Miteinanders verschiedener Kulturen sind.

Vorletzten Freitag feierte Jungs e.V. im Meidericher Parkhaus ein Jubiläum. Vor zwanzig Jahren wurde der Verein gegründet, in dem sich die Mitglieder für die pädagogische Arbeit mit Jungen engagieren wollten. Denn Jungen und deren besondere Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden waren in den Institutionen der Jugendhilfe und den Schulen aus dem Blick geraten. Das Augenmerk für die Benachteiligung von Mädchen in dieser Gesellschaft besaß unbeabsichtigte Nebenwirkungen.

Holger Venghaus (links) und vier weitere Gründungsmitglieder von Jungs e.V.

Gründungsvorstand Holger Venghaus erinnerte zur Eröffnung des Abends an die Anfangsjahre des Vereins mit einer persönlichen Geschichte. Er hatte den neu gegründeten Verein bei Radio Duisburg im Interview vorgestellt und die Bedeutung von Jungenarbeit mit eigenen Erfahrungen im Elternhaus erläutert. Die Söhne hatten immer auf den in Wechselschicht arbeitenden Vater Rücksicht zu nehmen. Selten war dieser greifbar. Die Mutter verwies bei größeren Vorkommnissen an den Vater. Als Sohn hatte er sich später bewusst mit dem Männerbild seines Elternhauses auseinander gesetzt. Um diese Auseinandersetzung ging es bei der Jungenarbeit auch. Seine Eltern aber hatten am Radio das Interview gehört. Sie waren erschrocken und sorgten sich, ob sie als Eltern zu viel falsch gemacht hatten. Das wiederum führte zu vielen, zum Teil anstrengenden Gesprächen und zu einem gefestigteren Miteinander.

Solch in der persönlichen Geschichte aufscheinendes gegenseitige Verständnis ist schwierig. Dazu bedarf es auch der Bereitschaft in der Elterngeneration. Leichter gelingt das Stärken eines jungen Menschen alleine. Waren das zunächst Jungen in sozial benachteiligten Vierteln Duisburgs, so kümmert sich der Verein in den letzten Jahren zudem um das Projekt Heroes, von dem auch in diesen Räumen schon mehrmals die Rede war. Bei den Heroes machen sich per Schneeballprinzip Jugendliche und junge Männer aus sogenannten „Ehrkulturen“ mit aufklärerischem Denken vertraut. Die Religion ist dabei nur Teil all dessen, was im Alltag der Teilnehmer wirksam wird.

Zu den Erfahrungen in so einer Gruppe gehört auch der künstlerische Ausdruck, wie Soufian El Abdouni und Emre Bayanbas eindrucksvoll bewiesen. Beide gehörten zur Duisburger Heroes-Gruppe des letztes Jahres und zeigten sich beim Poetry Slam als talentierte Sprachkünstler. Berührend ließ Soufian El Abdouni die anwesenden Gäste an seinen Erfahrungen teilhaben. Im steten Wortfluss gestaltete er das Bild des heranwachsenden Außenseiters, ein sensibler Junge in einer Welt, die etwas anderes erwartet, als er es selbst in sich spürt. Er sprach von der Hoffnung auf einen eigenen Weg, er sprach von Freiheit und Offenheit des Denkens. Das war Wortakrobatik, wie man sie in diesem Alter nicht oft zu hören bekommt.

Für dasselbe Thema nutzte Emre Bayanbas eine ganz andere Sprache. Er griff auf die hohe Sprache klassischer Dramenliteratur und des Sturm und Drang zurück. Dieser literarische Weg ist auf andere Weise selten. Seine Worte sind nicht alltagsnah. Sie sind gefährdeter im Versuch der Kunstfertigkeit. Der Beifall war für beide groß.

Es ist ein schöner Zufall, dass gestern bei Zeit online eine Reportage über junge Muslime in Auschwitz online gestellt wurde, ein weiteres von Jungs e.V. gefördertes Projekt. Von der Landeszentrale für politische Bildung gibt es eine kurze Dokumentation zu einer der Fahrten in diesem Projekt.

 

Erwähnen möchte ich zudem noch eins: Die Arbeit von Jungs e.V. und des Heroes-Projekts wäre ohne das Jugendzentrum Zitrone in Obermarxloh sehr viel schwieriger. Hier gibt es einen weiteren Ort, wo für die Projekte von Jungs e.V. auch gearbeitet wird. Deshalb sind Jugendzentren in Städten von besonderem Wert. Gründungsvorstand Holger Venghaus arbeitet in diesem Jugendzentrum, Susanne Reitemeier-Lohaus, das erste weibliche Mitglied von Jungs e.V., ebenfalls. Die Stadt hält solche Jugendzentren offen und erachtet sie auch als notwendig.

Dennoch wird in einer Stadt wie Duisburg das Gemeinschaftliche mehr als in reicheren Städten über die Arbeit in Vereinen hergestellt. Auch wenn es innerhalb Duisburgs in der Form gar nicht wahrgenommen wird, bürgerliches Engagement ist in der Stadt selbstverständlicher als in reicheren Städten. Nur heißt das in Duisburg meist nicht so. Es wird oft als Feuerwehrmaßnahme in der armen Kommune empfunden und nicht als selbstbewusstes Handeln in jeglicher Gesellschaft. Auch in den Medien wird in solchen Fällen häufig nur das Defizitäre in den Blick genommen. Zu selten geht es um die Vereinsarbeit, die den Alltag einer Stadt lebenswert macht. Was nicht heißt, die rosa Brille aufzusetzen. Jungs e.V. steht für viele dieser Vereine in Duisburg, die sich Schwierigkeiten der Gegenwart ohne Larmoyanz stellen. Ihre Geschichten müssen erzählt werden.

 

 

 

 

In eigener Sache: Schmuddelkind Pott – Der Himmel über der Ruhr ist blau

Am Freitag, den 8. Juni, bin ich ab 19.30 Uhr in der Neudorfer Buchhandlung Tausendundein Buch zu Gast. Weil an dem Abend vor allem der Kollege Koss in mir spricht, wird es zwar auch um Fußball gehen, allerdings nur als ein Kapitel der Ruhrgebietsgeschichte. Nach meiner Arbeit an 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen gab es noch viel zu erzählen, was im Buch nicht hatte aufgenommen werden können. „Der Himmel über der Ruhr ist  blau“ heißt  das Programm zum Buch. Eintritt 5 Euro, Knabbereien und Getränke inklusive. Wir sehen uns, bei Tausendundein Buch, Oststraße 125, Duisburg.

 

Der Himmel über der Ruhr ist blau

Nein, das Ullige bekommt keinen Namen. Wo kommen wir denn dahin? Nachher stellt es noch Ansprüche. Lange Zeit wusste niemand, wie er das Schmuddelkind von Rheinland und Westfalen nennen sollte. Es war eine stürmische Zeit. Erst die ungeplante Schwangerschaft und dann das wilde Aufwachsen. Doch schließlich ließ sich das Schmuddelkind einfach nicht mehr übersehen. Ruhrgebiet wurde es irgendwann genannt. Zu bedeutend waren Zechen und Stahlwerke geworden. Seinen Ruf hat diese Bedeutung aber nur in einer Hinsicht aufpoliert. Trotz aller Erfolge haben es Schmuddelkinder schwer, wenn bei ihnen vieles nicht so ist, wie es die Menschen gewöhnt sind. Zudem dieser ungeheure Schmutz in der Luft!

Noch in den 1960er Jahren hieß es: Wasch dir bloß auch den Hals! Ohne diese Mahnung wuchs im Ruhrgebiet niemand auf. Heute ist der Dreck auf den Straßen verschwunden, aber auch ein Großteil der Industrie. Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau, und die Nachkommen des Schmuddelkinds fragen sich immer wieder, wer sie eigentlich sind.

Ralf Koss lädt ein, sich die Biografie des Schmuddelkindes Ruhrgebiet näher anzusehen. Kleinstädte, Dörfer und Hansestädte wuchsen zusammen, doch der Blick auf die Industrie lässt oft Teile des Lebenslaufs außer Acht, die überraschen. Stadtluft machte in Dortmund, Essen und Duisburg frei. Der Ruhrgebiets-Fußball stellte früh den DFB-Präsidenten. Sinfonien wurden uraufgeführt und Orchestermusikern Zuflucht gewährt.  Ralf Koss geht auf eine Zeitreise durch die Ruhrgebietsgeschichte, die er im Alltag der Ruhrstädter auf berührende und manchmal komische Weise immer auch wiederfindet.

Halbzeitpausengespräch: Spelunkenspektakel-Energie im Lokal Harmonie

Welch Geschenk für die Stadt, für das westliche Ruhrgebiet, dass es das Spelunken-Spektakel gibt. Eine Konzert-Reihe geht in ihr zweites Jahr, mit der Folk- und Weltmusik nach Ruhrort gebracht wird. Folk- und Weltmusik, wie farblos klingen diese Wörter nach dem Samstagabend im Ruhrorter Lokal Harmonie mit dem Doppelkonzert vom Horst Hansen Trio und dem Pulsar Trio. 

Wie soll ich über eine Veranstaltung schreiben, die schon jetzt so gut besucht wird, dass die Räume zu eng werden? Könnten die Initiatoren der Reihe, Jons Heiner und Folkert Küpers, zu viel Erfolg mit ihrer Konzertreihe haben? Jons Heiner hat die zwei Bands für diesen Samstag eingeladen zu spielen und es waren großartige, kraftvolle, energiegeladene Konzerte.

Den Abend eröffnete das Horst Hansen Trio, das wie immer sich als Quintett entpuppte und bei dem Horst Hansen wie immer was anderes zu tun hatte. Jazz beginnt hier mit ironischem Spiel, und so kommt es zum Crossover mit Klezmer-Klängen durch das Saxofon. So kommt es zum treibenden Rhythmus, der gemeinhin als Weltmusik wahrgenommen wird, dem aber für den Anspruch Welt die Disharmonien des Jazz fehlen. Das Horst Hansen Trio fügt sie kurz hinzu und weiter geht es mit dem treibenden Klang.

Diese energiegeladene Atmosphäre wurde ohne Bruch vom Pulsar Trio gehalten. Was für eine Spielfreude sprühte von der Bühne. Die spannungsgeladene Bewegung zwischen Klavier und Schlagzeug, das gegenseitige Lauern von Beate Wein und Aaron Christ auf das Zusammenfinden, um dem etwas fremderen Klang des Sitarspiels von Matyas Wolter den rhythmischen Rückhalt zu geben. Der Raum füllte sich mit der Energie des Spiels, mit der Freude und dem Spaß am Auftritt, mit der Erfahrung von etwas Neuem, Unbekannten, was sich als bereichernd erwies.

Wären die Räume der jeweiligen Konzerte nicht schon jetzt fast zu klein, würde ich schreiben, geht hin, seht euch das an, was das Spelunken-Spektakel zu bieten hat. Muss ich dann immer früher kommen, um noch einen Platz zu finden. Was für Fragen, aber was großartig ist, muss großartig genannt werden. Wie hieß die Reihe nochmal?  Spelunken-Spektakel! (Der Link führt zwar zur Domain der Reihe, momentan wird sie aber auf die Facebook-Seite umgeleitet.)

Und noch etwas: Die Initiatoren der Reihe Jons Heiner und Folkert Küpers verbinden mit den Konzerten kulturelles und soziales Engagement. In einer Stadt mit einer Sozialstruktur wie Duisburg soll freier Eintritt jedem den Konzertbesuch ermöglichen. Der Hut geht an den Abenden herum, so dass die Gäste so viel Eintritt bezahlen, wie sie entbehren können. Das Spelunken-Spektakel kann eigentlich nicht laut genug gelobt und gefeiert werden. Auch auf die Gefahr hin, dass ich demnächst zwei Stunden vor Konzertbeginn in einer Schlange auf den Eintritt warte.

Wer Kostproben der Künstler hören möchte, bitte schön. Das Horst Hansen Trio:

Und das Pulsar Trio live fürs Netzmedium:


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