Archive for the 'Halbzeitpausengespräch' Category

Halbzeitpausengespräch: Auf dem Weg zum Hooligan in der DDR – Gedächtnis der Nation

Das Gedächtnis der Nation ist ein Oral-History-Projekt, bei dem zunächst prominente Zeitzeugen befragt wurden. Seit 2011 werden auch Erinnerungen von unbekannten Menschen festgehalten. Entstanden ist das Projekt als Teil eines journalistischen Zugangs zur Geschichte, wie er von Guido Knopp beim ZDF  verantwortet wurde. Über die engen Grenzen eines solch personalisierten Zugangs sollte man sich schon bewusst sein. Verbindliche Wertungen und Einordnungen in allgemeine historische Prozesse können solche einzelnen Stimmen nicht geben, selbst wenn sie es behaupten. Ganz davon abgesehen, dass wir anerkennen müssen, wie trügerisch Erinnerungen sein können.

Das soll hier alles nicht interessieren. Denn ich verliere mich gerne in diesen Erzählungen aus anderen Zeiten. Sie machen Vergangenheit lebendig. Neulich bin ich auf die Erinnerungen von Rolf Walter gestoßen, der zu DDR-Zeiten Fußballfan vom BFC Dynamo Berlin war. Dort hatte sich eine sehr gemischte Gruppe Fans zusammen gefunden von Punks bis hin zu Skinheads. Das waren junge Männer, die sich auf unpolitische Weise gegen ein normales Leben in der DDR wandten.

Die Clips laufen nur direkt bei youtube, auch wenn ich sie hier habe eingebunden.

 

 

 

Nach seiner Haftzeit begann Rolf Walter politischer zu handeln, und er wurde Teil der oppositionellen, kirchlich organisierten Friedensbewegung der DDR. Zu den Kurzinterviews zu dieser Zeit bei Youtube mit einem Klick.

 

Mit Herbert Knebels Affentheater auf zum Auswärtssieg

Wenn ein für den MSV so bedeutsamer Mensch wie Michael  Tönnies so plötzlich stirbt, fällt es schwer, Worte des Alltags zu schreiben. Dieser Alltag geht weiter und einer fehlt. Doch dieser Alltag stellt Anforderungen. Das erste Spiel nach der Winterpause steht an in Paderborn. Dort macht man sich Hoffnungen auf einen Erfolg, wie  im Blog Schwarz und Blau zu lesen ist. Wir haben ebenfalls Hoffnung auf den Erfolg, und diese Hoffnung ist zugleich ein Versuch, den Schmerz über den Tod von Michael Tönnies zu lindern. Drei Punkte für den Tornado, so ist zu lesen. Das sind die öffentlichen Versuche, den Tod ungeschehen zu machen. Sie wirken lindernd für den Moment.

Mir selbst macht der Sommer 2013 einen Strich durch meine Auswärtsfahrtrechnung. Montag halte ich in der VHS einen Vortrag über das Geschehen rund um den MSV in der jüngstem Vergangenheit Duisburgs. Der Vortrag ist noch nicht fertig. Das gegenwärtige Fußballgeschehen leidet drunter. Ich hoffe, ich kann wenigstens den ein und anderen Blick auf die Übertragung werfen.  Drei Punkte für den Tornado, ja, und hinein in die Fußballgegenwart mit etwas härterer Musik, die auch Schmerz lindern kann – selbst wenn offensichtlich ein entscheidender Fanschal auf der Bühne fehlt. Denn in den Affentheater-Text können wir alle einstimmen und uns vorstellen, dass Michael Tönnies irgendwo mitsingt. Irgendwo, irgendwie.

 

Wer das Original „Song 2“ von Blur im Vergleich hören möchte, bitte schön, ein Klick.

Zum Ende der Winterpause: Auch wenn Humor hilft, Leid lässt sich nicht jeden Moment weglachen

Jahrestag! Viele von euch wissen es: So lange ich diesen Blog schreibe, stelle ich zum Ende der Winterpause diesen alten Text von mir online. Er ist zeitlos. In ihm geht es nicht um Fußball. Er ist so viel länger als Texte in diesem Medium Blog normalerweise sind. Dieser Text hat schon vielen Menschen geholfen, und er soll weiter helfen. In dem Text habe ich mir über den Umgang dieser Gesellschaft mit dem Leid von Menschen Gedanken gemacht. Anlass waren eigene Erfahrungen in jener Zeit, in der ich an Krebs erkrankt war. Es gibt mehrere Fassungen dieses Textes, die in unterschiedlichen Zeitungen erschienen sind. Ein Vortrag für die Medizinische Fakultät der Kölner Universität entstand aus den Zeitungstexten. In diesem Jahr stelle ich erneut jene Fassung online, die als erste im August 2000 in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist.

Leid lässt sich nicht weglachen
Die Zumutung Krebs oder das Missverständnis vom positiven Denken

Dieses Mal geschah es wieder einmal überraschend. Obwohl ich seit drei Jahren wieder gesund bin, spülte die kurze Glosse im Feuilleton der Tageszeitung alles für einen Moment hoch; das Leid der Krankheit – meiner Krankheit, Krebs. Der Journalist hatte bemerkt, Elend und Leid zeigten sich in der Öffentlichkeit immer häufiger nur noch als Parodie des Erfolgs. Bettler würden zu Kleinunternehmern; selbst die Erkrankung an Krebs, die Bedrohung durch den Tod würden in der heutigen Zeit zur „Chance“. Der Journalist war über das Motto eines Medizinerkongresses gestolpert. Ich konnte ihn verstehen. Auch mir hat man erklärt, dass ich meiner Erkrankung Gutes abgewinnen müsste. Ich spürte den alten Ärger wieder und die zwiespältigen Gefühle, wenn auf Buchumschlägen der Ratgeberliteratur zum Krebs fröhlich lachende Menschen mit Glatze pure Lebensfreude signalisierten.

Während immer neue Bilder der Vergangenheit aufblitzten, suchte ich nach ersten Sätzen meiner Geschichte. Doch stets stellte sich das Gefühl ein, dieser erste Satz brauche zuvor noch eine Erläuterung. Denn wenn ich von meinen Erfahrungen erzähle, stehe ich wieder auf der Seite der Kranken. Als Kranker aber bin ich vorsichtig geworden. Zu oft wurde ich in Gesprächen enttäuscht und begegnete nur vermeintlicher Offenheit. Mehr und mehr Ungeduld spürte ich mit der Zeit. Der Grund für die Ungeduld mit mir war mein andauerndes Leid. Dieses Leid wurde zur Zumutung.

Da gab es diese Begegnung mit einem Bekannten etwa ein Jahr nach Ende der Therapie. Er freute sich für mich, dass alles vorbei sei. Es war nicht vorbei. Ich litt weiterhin unter Nebenwirkungen der Behandlung, und manchmal gab es auch Momente der Angst. Doch bei ihm spürte ich den Wunsch nach einer anderen Auskunft. Immer drängender sprach er auf mich ein. Er redete und wollte überzeugen. Nicht mein Erleben interessierte ihn, obwohl er gefragt hatte. Er wollte nur davon hören, dass die Zeit, die ich durchlebt hatte, mich weitergebracht hätte. Ich sei gesund. Er sprach von tieferer Erkenntnis. Und man dürfe sich doch nicht nur auf die negativen Momente des Lebens versteifen. So kam ich – nicht zum ersten Mal – in die Lage, gleichsam mein Recht auf Leid zu verteidigen.

Eine groteske Situation. Ich sollte mich dafür rechtfertigen, dass es mir schlecht gegangen war und dass daran erst mal nichts Gutes ist. Wahrscheinlich war das Gespräch von Anfang an ein Missverständnis. Wir redeten aneinander vorbei. Bereits mit seiner ersten Frage hatte er begonnen, von seiner Angst zu sprechen; als könne er durch einen fanatisierten Umgang mit Leid sich selbst retten. Wenn man sich wie er verhielte, so hoffte er, werde alles nicht so schlimm. Und ich erzählte ihm nun, es war trotz allem tatsächlich schlimm gewesen. Und manchmal war es das noch immer. Den Trost brauchte er in dem Moment.

Die Krankheit Krebs steht nicht mehr im Zentrum meines Lebens. Seit drei Jahren bin ich geheilt. Mein Arzt meinte bei der letzten Nachsorgeuntersuchung, die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls sei nunmehr nur noch sehr gering. Ich war an Morbus Hodgkin erkrankt, ein Lymphdrüsenkrebs mit sehr hoher Heilungsrate. In den Zeitungsberichten lese ich, inzwischen liege sie bei 90 Prozent. Damals sprach man von 70 bis 80. Die aufnehmende Ärztin der Uniklinik gab sich optimistisch: es gäbe Mediziner, die zögen die Erkrankung an Morbus Hodgkin einem Herzinfarkt vor. Ich hatte dennoch Angst, sterben zu müssen. Zehn Monate insgesamt dauerten erst Chemo-, dann Strahlentherapie. Alles geschah ambulant. Als ich die Krebsdiagnose erhielt, war ich 34 Jahre. Ich war verheiratet, arbeitete mit Erfolg, und unser Sohn war gerade sechs Monate auf der Welt.

Aus meiner Geschichte lassen sich keine allgemeinen Schlüsse ziehen. Zu verschieden sind die Krebsarten, zu verschieden die Perspektiven der Kranken. Alle aber teilen das Bedürfnis, das durch die Erkrankung hervorgerufene Leid zu bewältigen. Es auszuhalten. Es zu lindern. Ihm etwas entgegenzusetzen. Es zu überwinden. Hier geht es um mehr, als um sprachliche Nuancen ein und desselben Vorgangs. Was sich in diesen unterschiedlichen Begriffen andeutet, sind verschiedene Zustände eines komplexen Prozesses. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit aber richtet sich auf das Überwinden. Dabei wirken Kulturmuster mit, die dem Leid kaum eine Daseinsberechtigung lassen.

„Positives Denken“ heißt das Schlagwort, das die vorherrschende Haltung gegenüber dem Leid charakterisiert. Es ist der weltliche Trost einer Gegenwart ohne Hoffnung auf das Paradies im Jenseits. Der Mensch muss nun auf Erden von seinem Leid erlöst werden, und erleichtert sehen die Gesunden, wie es funktioniert. Kranke finden ihr Heil. Man muss nur „positiv denken“, dann bekommt alles wieder seinen Sinn und Leid wird zum Motiv einer Erfolgsgeschichte. Sicher wird mit diesem Schlagwort auch etwas Wahres beschrieben. Zuversicht und Freude sind Lebensqualität im Jetzt; und die hat positive Wirkung auf das Immunsystem; was wiederum die Bemühung der Ärzte unterstützt.

Doch im verkürzten Gebrauch wird die Wahrheit des positiven Denkens zur Lüge; und kehrt so auch im Reden der Kranken wieder – eine magische Beschwörungsformel, um sich selbst und der Welt zu beweisen, man lasse sich nicht unterkriegen. Als Ausdruck der Hoffnung auf Heilung hat das seine Berechtigung. Doch liegt ein Missverständnis nahe. Denn leicht reduziert sich „positives Denken“ auf ein Sein, in dem Angst, Unsicherheit und Trauer zu etwas werden, was die Heilung verhindert. Der vom Leid des Kranken beunruhigte Gesunde nennt solche Gefühle schnell fehlerhafte, falsche Einstellungen, die der Kranke selbst zu verantworten habe. Dieser könnte anders, wenn er nur wollte. Und dann wäre alles besser.

Druck entsteht, und unversehens verschieben sich die Gewichte. Leid ist nur noch auf abstrakte Weise ein Teil des menschlichen Lebens. Jedes konkrete Erleben von Leid aber erinnert an ein Scheitern. Der noch immer tief in uns wurzelnde Glaube an das Heil durch ständigen Fortschritt wird im Alltag wieder einmal enttäuscht. Nebenbei gesagt, das öffentliche Interesse verlagert sich in solchen Fällen immer wieder aufs Neue in die Zukunft. Und siehe da, heute kündigt die Gentechnik bessere Zeiten an. Für einzelne Menschen mag das stimmen; für die Menschheit nicht. Das Leid wird an anderer Stelle auftauchen.

Ohne Anerkennung des Leids in der Gegenwart bleibt keine Möglichkeit zu wirklichem Trost. Diese Anerkennung geschieht aber nicht, indem man auf abstrakte Weise bejaht, die Erkrankung an Krebs sei ein schreckliches Schicksal, um sich dann ausschließlich den Techniken zur Überwindung dieses Schicksals zuzuwenden. Diese Anerkennung des Leids geschieht nur in der direkten Begegnung mit dem Kranken.

Zu solch einer Begegnung bedarf es Kraft. Man muss Verzweiflung, Ungerechtigkeit, Angst und Trauer aushalten. Man muss es aushalten, dass einem für eine Zeit vielleicht der Sinn des Lebens verloren geht. Man muss es aushalten, nichts machen zu können, außer da zu sein. Ohne Worte, die vorschnell etwas zudecken. Und genau das reicht. Und genau das ist überaus schwer. Wenn meine Frau mit mir zusammen Angst und Trauer ertrug und nicht wegredete, verschwand Verzweiflung in einer grenzenlosen Leere. Sie verwandelte sich nicht in ein glückliches Gefühl, aber ich fand meine Ruhe wieder. So eine Begegnung erfordert gegenseitigen Respekt vor den jeweiligen Grenzen der Kraft. Ihre Voraussetzung ist nicht die vorher schon vorhandene Nähe, sondern eine innere Haltung der Akzeptanz vom Gegenüber.

Dieses Sein ist etwas ganz anderes als das „positive Denken“, dem ich in seiner trivialisierten Form immer mehr begegnete. Je länger die Krankheit andauerte, desto häufiger. Ganz zu schweigen von der Zeit, nachdem die Therapie abgeschlossen war. Von da an gab es in meinem Alltag keine Aktivitäten mehr, die jedem verdeutlichten, dass mein Leben durch die Krankheit Krebs beeinflusst war. Die Therapieroutinen lagen hinter mir, was noch an die Erkrankung erinnerte, war ich selbst. Mein Erzählen holte sie in die Gegenwart. Ich drängte mich niemanden auf, aber da man mich nach meinem Befinden fragte, antwortete ich. Und diese Antworten ertrugen nur noch wenige. Denn anstatt nur vom Glück der Heilung zu reden, redete ich auch davon, wie sich das Vertrauen in meine Gesundheit erst wieder entwickeln musste.

Ich fühlte mich über Monate weiterhin sehr schnell erschöpft. Es gab Krisen, von Angst begleitet, in denen sich Krankheitssymptome einstellten. Mehr als während der Therapie entfernte ich mich innerlich von manchen Menschen. Doch immer wieder ging es mir um das Aufgehobensein mit allen meinen Erfahrungen in der Welt. Es ging um Verstehen. Jede vorschnelle Zuschreibung und Deutung des Leids durch das Gegenüber zerstörte dann die Fäden, die den Leidenden mit dem Nicht-Leidenden verbinden.

Um keinen falschen Eindruck entsehen zu lassen; es gab immer auch Freunde. Ich war eingebunden in ein Netz von Liebe und Zuneigung. Das waren Menschen, die sich mir zuwendeten, ohne zu werten. Zudem half es gerade in dieser Zeit anderen Kranken und Genesenen zu begegnen, von ähnlichen Erfahrungen zu hören und sich nicht ständig erklären zu müssen. Erklärungen, die oft nicht wirklich gehört wurden.

Gerade weil in unserer Gesellschaft die Menschen mit aller Energie daran arbeiten, Leiden zu verhindern, gerät der Leidende selbst oft in die Defensive. Deshalb halte ich auch fröhlich lachende Krebskranke auf einem Buchumschlag der Ratgeberliteratur für einen Missgriff des Verlags. Nicht weil Krebskranke zu sehr leiden, um zu lachen, sondern weil diese lachenden Gesichter mit ihrer Präsenz im öffentlichen Raum helfen, das vorhandene Leid zu verdecken. In diesem Lachen steckt weniger ein Mut machender Appell an die Kranken als ein beruhigender Trost für die Gesunden. Doch sobald ein Gesunder sich vom Leid des Kranken zu sehr bedrängt fühlt, kann sich ein solcher Trost in einen Vorwurf verwandeln. Dann fragt der Gesunde, warum geht es dir nicht so wie denen?

Symptomatisch für das Verdrängen ist auch das Gerede von der „Chance“. Selbstverständlich kann jemand durch die Konfrontation mit dem möglichen Tod zu Einsichten kommen, die ihn sein Leben lebenswerter machen. In einer ausführlichen Lebensgeschichte hat solch eine Deutung der Erkrankung dann ihre Berechtigung. Die Verkürzung zum Motto aber trägt dazu bei, die Gewichte zu verschieben. Zunächst wird das Leid der Erkrankung vielleicht noch mitgedacht. Dann rückt es allmählich aus dem Blick. Chance, das ist Zukunft. Da denkt man nicht mehr an das, was der Chance vorausgeht. Und das ist eine ganz andere Erzählung von der Krankheit. In dieser Erzählung muss man Abschied nehmen von Fähigkeiten, von Träumen und von Zielen. In solcher Erzählung geht es zunächst um Trauer. Das hört man weniger gern, als wenn jemand einen tieferen Sinn in seiner Erkrankung gefunden hat.

Sinn macht Leid erträglich, doch ungeschehen wird es dadurch nicht. Körperliche Schmerzen sind nichts als Schmerzen. Und der Tod beendet tatsächlich ein Leben. Deshalb bleibt Leid im Jetzt, auf das reagiert werden muss. Je weniger leidvoll das gesellschaftliche Bild des Leids aber ist, desto größer wird die Kluft, die den Leidenden von den Menschen um ihn herum trennt. Angehörige, Freunde, Bekannte werden zu Fremden. Der Leidende bleibt unter seinesgleichen oder allein. Da es kaum mehr lebendige kulturelle Formen gibt, die bei der Begegnung von Leidenden und Nicht-Leidenden Halt bieten, muss jeder, auf sich selbst zurückgeworfen, für das Gelingen einer solchen Begegnung einstehen.

Noch einmal: Das ist schwer. Und es ist schwierig, weil diese Begegnungen zweier Wirklichkeiten so empfindlich gegenüber Störungen und Missverständnissen sind. Darum ist das geduldige Bemühen um Verstehen so wichtig. Mir half es auch, wenn mein Rhythmus und mein Tempo geachtet wurden. Es half, wenn jemand in der Orientierungslosigkeit zwar die kleinen Auswege wahrnahm, sie aber nicht erzwingen wollte. Es half, wenn jemand seine eigene Angst erkannte und zu ihr stand. Ich merke, ich beginne, den glücklichen Teil meiner Geschichte zu erzählen. Es gibt ihn – und die Erfahrungen des Leids.

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 33: Verlorene Jungs mit Ruhrgebiet

Schlager, Hiphop und Punk sind drei stark sprundelnde Quellen des Heimatlieds – Sektion Ruhrstadt. Beim Punk sprudelt es sogar so stark, dass ein stilistisches Quellfeld sich zum Quellbach sammelt. Verlorene Jungs starteten nämlich im Untersegment Oi!-Punk Mitte der 1990er Jahre. Liest man auf den Online-Fachseiten des Punks ein wenig herum, muss die Band die engen Szene-Grenzen hinter sich gelassen haben. Zwar spielt die Band immer noch Punk, doch mit mehr stilistischen Einflüssen. Der letzte von mir gefundene, veröffentlichte Text zur Band stammt aus dem Jahr 2015 auf der Seite Ugly Punk, der als CD-Besprechung beginnt und später überraschend, weil nicht durch Frage-Antwortung-Kennzeichnung ersichtlich in ein Interview übergeht.

In Ruhrgebiet besingt die Band die Folgen der verschwundenen Industriearbeit. Im einst stolzen Landstrich stehen heute Fabriken und Zechen leer. Die Hoffnung ist nicht groß. Es muss endlich was passieren. Ein klassischer Dreisprung des Heimatlieds – Sektion Ruhrstadt.

 

 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Alles Gute für 2017 mit Big Data von 2016!

Alles Gute für das Jahr 2017 wünscht euch die Belegschaft vom Zebrastreifenblog. Zwar hat sich Der Stig in den letzten Monaten hier sehr zurückgehalten, in Arhus ist er gerade ohnehin wieder, dafür rufen Ralf und ich euch im Duett um so lauter die Wünsche zu. Wie immer erhalten Fußballer und die Verantwortlichen im Verein unserer Zuneigung ebenfalls ein großes Wünschepaket. Im letzten Jahr war das leider nicht groß genug, um die Relegationsspiele siegreich zu bestreiten. Deshalb packen wir in diesem Jahr noch vier Kilo Wünsche obendrauf, damit der angestrebte Erfolg in dieser Saison ganz ohne Relegation gelingt. Der große Wünscheverwalter wird das hoffentlich berücksichtigen, wenn es ernst wird.

Mit dem hoffnungsvollen Blick nach vorne verbinden wir hier ja jedes Jahr den Blick zurück auf die meistgelesenen Texte des Jahres. Früh schon zeichnete sich ab, dass auch 2016 in Dortmund weiter eifrig Kuchen gebacken wird. Jeden Tag finden deshalb die BVB-Fans unter den Kuchenbäckern zum Zebrastreifenblog, um sich bei unserer Reihe rund um die schönsten Fußballtorten der Welt inspirieren zu lassen. Auf Platz 2 der meistaufgerufenen Beiträge im Zebrastreifenblog findet sich wie im Vorjahr „Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge VI – Borussia Dortmund“, Noch öfter wurde 2016 nur der zweite Teil der BVB-Torten angeklickt. Auf Platz 1 steht „Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge XXV – Borussia Dortmund Teil 2″.  Trainer wechseln, Spieler gehen, die BVB-Torten bleiben.

Auf eine gewisse Konstanz bei der Platzierung in der Klickhitliste hoffen Ralf und ich auch bei dem Beitrag, der sich auf Platz 3 befindet. Obwohl dieser Beitrag nicht einmal einen Monat in diesem Jahr online war, interessierten sich so viele Besucher des Zebrastreifenblogs für die Ankündigung unseres Buches über die Rettung des MSV im Sommer 2013 und die anschließende Zeit bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später, dass der Text die Klickhitparade stürmte. Für Jetzt bestellen – Mehr als Fußball. Das Buch über Duisburg im Sommer 2013 und den Wiederaufstieg des MSV hoffen wir auf eine Wiederholung der Platzierung beim nächsten Jahresrückblick.

Wie im letzten Jahr gibt es auf einem der ersten fünf Plätze auch einen Text, in dem es um das Verhalten von Fans geht und wie es von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Platz 4 belegt Chaos vor dem Gästeeingang – Fortuna-Fans berichten. Ich habe seinerzeit zum vermeintlichen Gewaltausbrauch am Gästeeingang beim Heimspiel des MSV gegen Fortuna Düsseldorf eine Mischung aus Presseschau der Fortuna-Blogwelt und Kommentar geschrieben.

Auf Platz 5 befindet sich ein Text zu jenem Spiel gegen den TSV 1860 München im Abstiegskampf der letzten Saison, das jedem der dabei war, immer noch Gänsehaut verursacht. Wenn ein Stadion die Abstiegsangst wegschreit holt noch einmal die unfassbare explosionsartige Ekstase hervor, als kurz vor dem Abpfiff der Siegtreffer gelang.

Und nun der Blick nach vorne. 2017, wir kommen. Auch 2017 werde ich dem Zebrastreifenblog einen Teil meiner Arbeitszeit widmen. Allenfalls werde ich nach dem hoffentlich erfolgten Wiederaufstieg über meine regelmäßigen Spielberichte nachdenken. Ich habe das Gefühl, nach acht Jahren habe ich dann sämtliche möglichen Saisonverläufe für den MSV mit Worten begleitet. Abstieg, vermiedener Abstieg,  Aufstieg, verpasster Aufstieg und das jetzige Favoritendasein. Meine Art über den Fußball zu schreiben braucht Ideen, die über den Fußball hinausgehen und die sind nicht mehr nach jedem Spiel vollkommen neu. Da muss ich was ändern. Wie, weiß ich noch nicht. Was ich weiß, ich werde weiterschreiben, aber anders. Also, 2017, wir gehen ins Stadion, wir sehen uns, wir lesen uns. Klingt verdammt gut, 2017, so kann es weitergehen.

Halbzeitpausengespräch: Franz Voll – Inside Duisburg Marxloh

Im Oktober auf der Buchmesse sprang mir beim Vorübergehen am dtv-Stand das Wort „Marxloh“ ins Auge. Marxloh, ein einziges Wort in großen Lettern. Erst beim zweiten Blick las ich den erläuternden Vorspann zum Stadtteilnamen vom Gesamttitel des Buchs „Inside Duisburg“. Ein Buchcover als Beleg für eine Karriere der unangenehmen Art. Der Stadtteilname Marxloh ist in der öffentlichen Debatte über die Entwicklungen in Deutschland zu einer Chiffre geworden, mit der schnell eine Wirklichkeit behauptet werden kann, die als schreckliche Zukunft dieses Landes uns allen bevor steht.

Darauf werden die Duisburger auch von der lokalen Presse immer wieder hingewiesen. Das Schrecken verbreitende Schlagwort dieser Gemeingut gewordenen Marxloh-Beschreibung lautet „No-Go-Area“. Am Wochenende noch wurde in einem längeren Artikel der Rheinischen Post Marxloh als Biotop der libanesischen Clan-Kriminalität beschrieben.  Als Schauersoundverstärker fand sich selbstverständlich auch eine Politikerstimme, die mahnend „No-Go-Area“ brummte. Am Montag wurde das entworfene Bild in den Blättern der Funke Medien Gruppe korrigiert. Marxloh ist laut Polizeipräsidentin Elke Bartels keineswegs eine „No-Go-Area“. Die polizeiliche Präsenz müsse allerdings hoch gehalten werden, um die Entfaltung des kriminellen Milieus zu verhindern.

Festzuhalten bleibt, „No-Go-Area“ ist  kein Begriff, der Voraussetzungen der Polizeiarbeit beschreibt. Es ist ein Debattenbegriff, ein Schlagwort. Das wusste auch der Fernsehjournalist Franz Voll. Schlagworte vereinfachen und sind deshalb für recherchierende Journalisten eine bestens geeignete Arbeitsgrundlage. Schlagworte sind übergroße Hinweisschilder für geeignete Themen, weil die genau rechercherierte Wirklichkeit jedes Schlagwort zerbröseln lässt. Ein halbes Jahr hat Franz Voll in Marxloh zugebracht. Er hat mit vielen Menschen gesprochen und festgehalten was sie gesagt haben. Er hat seine eigenen Beobachtungen notiert, um mit „Inside Duisburg-Marxloh“ sein Bild der Wirklichkeit des Duisburger Stadtteils zu zeichnen.

Das Buch stellt vor allem diese vielen Stimmen des Stadtteils nebeneinander. Franz Voll lässt Marxloher der unterschiedlichen Generationen zu Wort kommen. Er befragt die Repräsentanten der Stadt wie den Ober- und Bezirksbürgermeister. Er verdichtet die Stadtteilgesellschaft, indem er typische Bewohner Marxlohs versammelt. Zu- und Weggezogene lässt er sprechen, Deutsche, Türken, türkischstämmige Deutsche, Flüchtlinge. Schüler kommen zu Wort, Rentner, die wegziehen wollen.

Er schreibt aus einer subjektiven Perspektive in einem gewöhnungsbedürftigen Stil, der an die TV-Dokumentationen des Privatfernsehens erinnert. Sein Blick auf Marxloh wirkt in Teilen bewusst naiv gehalten. Eigene Gefühle nutzt er immer wieder plakativ, um die erlebte Wirklichkeit darauf zu beziehen. So macht er sich zum Sprachrohr der Sorgen und Ängste eines vorurteilsbelasteten Besuchers des Stadtteils, der nach und nach seine Befürchtungen entkräftigt sieht. Dennoch beschönigt er nichts. Er lässt Menschen zu Wort kommen, die lieber gestern als heute dem Stadtteil den Rücken kehren wollen. Dagegen stellt er die Stimmen von überzeugten Marxlohenern, die dankbar sind, dass endlich mal jemand versucht zu beschreiben, wie es wirklich in dem Stadtteil aussieht.

Sein Fazit: Marxloh ist ein Stadtteil mit Problemen, aber keinesweg eine No-Go-Area. Franz Voll kennt Orte wie Marxloh überall in Deutschland und appeliert mit einer Auflistung solcher Orte am Ende an die Bereitschaft der Leser, die Wirklichkeit Marxlohs nicht als Besonderheit sondern als gewisse Normalität in diesem Land zu bewerten.

Franz Voll hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau hinzusehen und das ist schon viel in dieser Gegenwart, die Fakten gegenüber so oft gleichgültig ist. Allerdings führt sein Ansatz, dieses Marxloh in eine Reihe ähnlicher Orte in Deutschland zu stellen, nicht all zu weit bei der Korrektur des öffentlchen Bildes von Marxloh. Um diese Bestandsaufnahme auf grundlegende Weise fruchtbar zu machen, braucht es das Verstehen, wozu eine Gesellschaft solche Chiffren wie Marxloh benutzt.

Beim genauen Hinsehen auf eine vielfältige Wirklichkeit löst sich zwangsläufig ein Schwarz-Weiß-Denken auf. Doch wird jeder Leser in diesem Buch Argumente finden, um seine gewohnte Einstellung zu Vierteln wie Marxloh bestätigt zu sehen. Als aufklärerische Erkenntnis des Buchs ergibt sich alleine das Resumée, Marxloh ist keine No-go-Area. Das erstaunt nun nicht. Bei allen Problemen dieses Deutschlands lässt sich doch festhalten, dass das Gewaltmonopol des Staates nur in Ausnahmefällen gefährdet ist. Die Ausnahmen werden sogleich Skandale und führen zu großen öffentlichen Diskussionen. Der Ausnahmefall bleibt damit Ausnahmefall.

Wer also über die Wirklichkeit in Marxloh nachdenkt und Perspektiven aufzeigen will, muss in einem nächsten Schritt sich darüber Gedanken machen, welche sozialen Probleme mit einer Chiffre wie Marxloh im Gespräch gehalten werden. Es nutzt nichts, darauf zu verweisen, dass es an anderen Orten dieses Deutschlands genauso aussieht wie in Marxloh. Diese Gesellschaft braucht für das öffentliche Reden griffige Formeln, und so lange das Denken in dieser Gesellschaft an vielen Orten aus unterschiedlichen Gründen von Angst bestimmt wird, so lange werden Orte wie Marxloh für diese Angst symbolhaft herhalten müssen. Die Aufgabe die Wirklichkeit in ihren Facetten festzuhalten, gibt es dennoch. Das hat Franz Voll gemacht, und dafür hat sich sein Aufenthalt in Marxloh gelohnt.

Inside Duisburg-Marxloh, Umschlag gross anzeigen

Franz Voll: Inside Duisburg-Marxloh. Ein Stadtteil zwischen Alltag und Angst. Verlag Orell Füssli, 224 S., 17,95 €.

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 32: Eisenpimmel mit Ruhrpott Rhapsodie

Heute mal eine schnelle Folge der Heimatlied-Sammlung des Potts mit Eisenpimmel, die auch schon früh in der Sektion Duisburg mit einem Song über ihren Herkunfts-Ruhrstadt-Stadteil Duisburg vertreten sind. Für die Ruhrstadt gehört die Band geradezu zur kulturellen Avantgarde, weil sie schon seit Mitte der 1990er die identitätsstiftenden Selbstbeschreibungen der Ruhrstadt und der eigenen Musik in einen ironischen Kontext stellt. Kulturelle Avantgarde deshalb, weil die Band sich von dieser Identität nicht grundsätzlich distanziert. Sie nimmt sie spielerisch. Sie nimmt die Selbst- oder auch Fremdbilder als Material für ihre Songs, ohne einzelne Teile der Identität wie etwa Proletenkult oder den Rückbezug auf Kohle und Industriearbeit zu denunzieren.

Nun haben Eisenpimmelhier der Wikipedia-Eintrag zur Band –  mit Ruhrpott Rhapsodie der gesamten Ruhrstadt ein Lied gewidmet. Entstanden ist eine karikierende Zusammenschau aus Selbst- und Fremdbildern, der man den freundlichen Blick dahinter auf die Ruhrstadt-Wirklichkeit weiter anmerkt.

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen


JETZT BESTELLEN

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 9,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: