Archive for the 'Halbzeitpausengespräch' Category

Heimatlied Sektion Ruhrstadt – Folge 47: Geierabend-Band mit Nachbarschaft

Wenn ich am Montag meinen Online-Vortrag zum Catenaccio in Italien sowie beim Meidericher SV halte und dabei mein Augenmerk auf die Kultur- und Sozialgeschichte lege, ist das eine Online-Premiere für mich. Andere sind da viel weiter. So gibt es von den Geierabend-Machern seit ein paar Wochen Online-Clips mit einzelnen Stücken aus einem unmöglich gewordenen Geierabend der Karnevalssession 2020/21.

Welche gedankliche Arbeit diesen Clips voranging, konnte man im letzten Jahr dem Podcast Wir und heute entnehmen. Hier bei Youtube, aber sonst auch bei allen Podcast-Plattformen und Facebook. Im Podcast unterhalten sich der Journalist und Buchautor David Schraven und der Steiger des Geierabends, Martin Kaysh, über Politik im Allgemeinen und das Ruhrgebiet im Besonderen. Martin Kaysh erzählte also auch, wie sich die Macher ständig den neuen Umständen anpassten, nach Möglichkeiten suchten, die Geierabende der Session je nach Corona-Entwicklung vielleicht doch durchführen zu können. Das ging allen Veranstaltern im Kulturbereich so, speziell war hier die saisonale Voraussetzung durch den Karneval. Das Ergebnis sind nun Online-Clips statt Bühnenautritt mit Sketch, Satire und Musik

Einen Geierabend-Clip binde ich  hier dann sofort ein. In Nachbarschaft wird das hohe Lied der Willkommenskultur in der Ruhrstadt gesungen. Ein schmissiger Song, inhaltlich an manchen Stellen dieser Ruhrstadt sicher mehr Zielvorgabe als Wirklichkeitsbeschreibung. So wünsche ich es mir. So soll es sein. Und wenn ich dann noch die gerufene Refrainzeile verstände, wäre alles gut. Heißt das etwa? Du bist stets unter Nachbarschaft? Je öfter ich höre, desto mehr klingt es danach.

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

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Halbzeitpausengespräch – Marseille.73 von Dominique Manotti

Mit großer Wucht trifft der zuletzt veröffentlichte Roman von Dominique Manotti über die Wirklichkeit von Marseille im Jahr 1973 auf die deutsche Gegenwart. Oft begnügen sich historische Kriminalromane mit Kulissenschieberei zum unterhaltenden Zeitvertreib. Dominique Manotti dagegen schreibt Texte der Aufklärung mit der Nebenwirkung Unterhaltung. Marseille.73 heißt ihr Roman, der auch ein Krimi ist, vor allem aber eine genaue Erzählung über die Arbeit im Polizeiapparat und die widerstreitenden, zum Teil politisch motivierten Kräfte bei der Aufklärung von rassistischen Verbrechen.

Elf Jahre nach der Unabhängigkeit Algeriens sind eingewanderte Algerier immer wieder Opfer von Gewalttaten. Südfranzösische Unternehmen nehmen die billigen Arbeitskräfte zwar gerne, doch durch ein Gesetzesvorhaben in Paris wird deren Aufenthaltsstatus prekär. Nationalisten und Rechtsextremisten fühlen sich dadurch in ihrem rassistischen Denken bestätigt. Sie handeln immer radikaler, was nichts anderes bedeutet als gewaltvoller. Algerische Migranten werden ermordet.  Ermittelt wird, wenn überhaupt, wenig. Für die Öffentlichkeit bleiben die Taten Auseinandersetzungen im Einwanderermilieu. Weil mit Kommissar Daquin ein Ortsfremder seine Arbeit in Marseille aufnimmt, wird die eingespielte Abwicklung gestört.

Das französische Original hat einen schön bebilderten Clip zur Werbung erhalten, in dem die Geschichte von Dominique Manotti kurz vorgestellt wird. Der Argument Verlag hat ihn mit Untertiteln versehen. Voilá!
Da die Einbindung nicht funktioniert, hier der Link.

Dominique Manotti nutzt eine Momentaufnahme aus der französischen Geschichte quasi-dokumentarisch, um mit ihr vor allem einen Blick auf das System Polizei zu werfen, das Rassismus begünstigt. Sie macht verständlich, warum Ermittlungen nicht vorurteilsfrei erfolgen, selbst wenn nur wenige Polizisten im rechtsextremen Milieu zu Hause sind. Da geht es dann auch um den Ruf der Polizei, um Korpsdenken, um Macht im Apparat und um Politik. Für deutsche Leser wirkt trotz aller Unterschiede zwischen politischen Hintergründen und dem Aufbau der Polizeiinstitutionen beider Länder dieser Blick angesichts der Erinnerung an die Ermittlungen bei den NSU-Morden erhellend und beklemmend. 

Um das rassistische Geschehen genau schildern zu können, verzweigt sich die Geschichte in viele Bereiche der Marseiller Gesellschaft. Dominique Manotti nutzt dazu ein großes Personal und verwebt viele, oft kurz bleibende Handlungsfäden. Dennoch schafft sie einen Sog der Spannung, wenn auch die Lektüre manchmal ein Nachblättern von Namen erforderte. Ihre karge, pointierte Sprache schafft das nötige besondere Tempo für einen solch komplex angelegten Roman. Ihre Figuren werden selbst in kurzen Skizzen lebendig.  In diesen Räumen konnte man Dominique Manotti schon mit ihrem Fußball-Roman Abpfiff kennenlernen. Wer das verpasste, sollte mit Marseille.73 nun den Anfang machen, um eine Quasi-Dokumentaristin und Sprachkünstlerin der französischen Romanliteratur zu entdecken. 

 

Dominique Manotti

Marseille.73

Aus dem Französischen von Iris Konopik.
Gebunden, 400 Seiten. Ariadne 1247.
ISBN 978-3-86754-247-0

€ 23,00

Frohe Weihnachten! – Mit einem Heimatlied der Sektion Ruhrstadt – Folge 46: Opa Theo mit Weiße Weihnacht im Pott

Schöne Feiertage möchte ich euch noch zurufen. Schließlich beschäftigten mich Fußball und MSV in diesem Jahr vor allem als Teil unserer Kultur und als historisches Geschehen. Da passt die Traditon von Weihnachtgrüßen besonders gut.

Ich wiederhole mich, ohne Stadionbesuch ist der Fußball als gegenwärtige sportliche Betätigung mir ferngerückt. Ich hoffe allein auf gute Ergebnisse der Zebras, damit ich überhaupt wieder mir einen ambitionierten MSV von meinem Stehplatz aus ansehen kann. Wie anders war das noch vor drei Jahren. Wir konnten mit gewisser Zuversicht auf den Klassenerhalt hoffen. Der MSV hatte gerade Dynamo Dresden 2:0 besiegt. Kurz zuvor war ich in Hamburg gewesen, beim Auswärtsspiel gegen St. Pauli.

Manches aber bleibt gleich. So stelle ich heute ein Weihnachtslied aus der Ruhrstadt vor, das schon vor drei Jahren hier in der Fassung von Ruhrschnellweg zu hören war, live gespielt in einer Art Pott-Musikantenstadl des WDR. Texter und Komponist des Liedes ist der Oberhausener Theo Behle, der eine Sammlung seiner Schlager hier online gestellt hat. Als Opa Theo singt er in der heutigen Fassung selbst und gibt den Ruhri sehr viel deutlicher als die Combomitglieder vom Ruhrschnellweg.

Allerdings muss ich bei der deutlicheren Pott-Version des Weihnachtsliedes auch sehr viel mehr an Kamelle und Bützjer denken als an Kerzenschein und Tannenbaum. Ich weiß nicht, wieviele Karnevalslieder solcher Art ich schon mit den heiligen kölschen Textelementen bützen, Kölsch und Dom gehört habe. Aber hier geht es um Weihnachten, und da soll nicht geküsst werden, sondern es soll friedlich sein. Und schneien soll es zudem. Auch die Ruhrstadt braucht den Schnee für das vollkommene Weihnachtsgefühl. Da es hier aber so gut wie nie weiße Weihnachten gibt, ist die Lösung für Theo Behle der Wunsch. Denn „Weiße Weihnacht hier bei uns im Pott, datt wär wie ein Geschenk direkt vom lieben Gott“. Um die anderen Geschenke für euch haben sich hoffentlich eure Lieben gekümmert. In dem Sinne: Frohe Weihnachten!

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Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 45: Der Butterwegge feat. Costa Cannabis und El Fisch mit Zuhause

In diesen Räumen war Butterwegge schon mehrmals zu Gast. Mit Deine Wellen hat er einen wunderbaren, rauen Song über Duisburg geschaffen. In Auf Asche zeigte sich Butterwegge als Fußballromantiker. Beide Songs werden von persönlichen Gefühlen getragen. Um sie zu beschreiben scheut Butterwegge in seinen Texten die großen Worte nicht. Dabei entgeht er souverän der Gefahr von inhaltsleerem Pathos, weil er diese  Gefühle an sehr alltägliches Erleben bindet. So macht er in solchen persönlichen Liedern zugleich ganz nebenbei die gegenwärtige Gesellschaft erkennbar. In der Kürze eines Songs lässt er tief in sein Herz blicken und erfasst, was Begegnungen zwischen Menschen oder auch mit Orten bedeuten – sowohl für den einzelnen Menschen als auch für das Zusammenleben.

„Zuhause“ erweist sich schon im Titel als eine moderne Form des Heimatlieds. Dieses Zuhause ist nicht an Orte gebunden, auch wenn neben vielen anderen Städten Deutschlands in einer Strophe die Ruhrstadt-Stadtteile als Region eines heimatlichen Lebensgefühl aufscheint. „Zuhause ist: wo du lebst, da wo dein Herz für jemand schlägt und die Kumpels, mit denen du durchs Leben gehst.“ Der balladenhaften Melodie ist wahrscheinlich die grammatikalische Freiheit des Refrains geschuldet. Und auch dieser Text mündet in eine Zeile, die auf die soziale und politische Gegenwart verweist: „Zuhause hat mit Stolz kein bisschen was zu tun.“

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In eigener Sache – Zu Gast im 111-Orte-Podcast

Vor einem Jahr war ich bei Hasan Sahin im Dortmunder Taranta Babu zu Gast mit der Premierenlesung meines Buchs 111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss. Viele der im Buch erzählten Geschichten verweisen auf historische Ereignisse. Im Podcast zu der 111-Orte-Reihe hatte ich die Gelegenheit von einem dieser Ereignisse zu erzählen. Die Pfarrgemeinde von St. Suitbertus erhielt nämlich 1980 fünf ineinander gestellte Stahlreifen unterschiedlicher Größe geschenkt, die als Skulptur auf dem Parkplatz der Kirche platziert wurden. Diese Stahlreifen haben eine Vorgeschichte auf der Hannover-Messe, was uns viel über die Mentalität im Ruhrgebiet verrät. Vom Taranta Babu habe ich dann natürlich auch erzählt und vom Binarium, dem Museum für Digitales und Computerspiele, das sich in einem ehemaligen Gebäude der Zeche Hansa befindet. Bei all dem blieb das Verhältnis der Städte im Ruhrgebiet zueinander nicht außen vor. Dass ich diese drei Dortmunder Orte für das Gespräch mit Steffi Knebel und Matz Kastnig aussuchte, kam nicht von Ungefähr. Ich trat gegen die zwei an zum spaßigen Städtevergleich mit Köln in der Rubrik Fußballorte und Prag.

Der Podcastplayer lässt sich leider hier nicht einbinden. Mit einem Klick auf das Bild kommen Sie sofort zum Startbutton des Podcasts und einer langen Linkliste für die im Gespräch erwähnten Themen.

 

Mit einem Klick zu der im Podcast genannten Extra-Tour, die ich für Dortmund erstellt habe.

Mit einem Klick zu den 111 Orten bei Facebook oder Instagramm, wo der Emons Verlag zudem ein Gewinnspiel zu den Podcast-Folgen ausrichtet.

Möchten Sie das Buch mit meiner Signatur erwerben, können Sie es auch bei mir versandkostenfrei bestellen.

Wie wirkt ein Zebratwist vorm Stadion und in der WDR-Lokalzeit?

Wie bislang in meinem Leben beschäftigt mich der MSV in diesen Tagen, doch ohne Stadionbesuch entzieht sich mir die Gegenwart des Wettbewerbs. Wie in der Rückrunde der letzten Saison ärgere ich mich zwar über Niederlagen und hoffe auf Siege. Nur richtet sich das Hoffen auf Erfolg für den MSV vollkommen auf die Zukunft. Dieses Hoffen ist nichts anderes als der Wunsch, der Verein möge irgendwie diese Zeit überleben. Der sportliche Erfolg wäre dazu die einfachste Möglichkeit. So kurios es sich anhört, der eigentliche Wettbewerb ist mir im Grunde egal. Er ist eine Farce angesichts der Corona-Umstände. Spieler werden positiv getestet. Quarantäne hier, nächste Testung dort. Mehr als sonst ist der Erfolg auch eine Frage des Schicksals.

Um diesem Widersprüchlichen noch eins drauf zu geben, stand ich in dieser Woche zusammen mit Tina Halberschmidt vor dem Stadion, um den Zebratwist zu singen. Eigentlich möchte ich den normalerweise auf meinem Stehplatz in der Kurve singen. Doch ich kam in dem Fall meinem Verein mit einem guten Gefühl so nahe wie schon lange nicht mehr. Andererseits sangen wir für einen Lokalzeit-Beitrag zu unserem Buch „Duisburg für Klugscheißer“ . Zumindest ich sang mehr für den MSV in meinem Herzen und der unterschied sich doch ein wenig von dem im derzeitigen Wettbewerb. Komische Zeiten, in denen mir erst im Nachgang die Melancholie über den nicht vorhandenen wirklichen Stadionbesuch deutlich wurde.

Wer den Beitrag sehen möchte, mit einem Klick, ab Minute 9.45 beginnt er. Ich meine, für 14 Tage steht er online. Sogar ein Studiogespräch folgte dem Beitrag. Tina hat das gestern gemacht. Die Geschichte des Zebratwists kannte ich natürlich schon lange, auch wenn im Beitrag mein Wissen an das Buch gebunden wurde. Bislang hatte ich allerdings keine Gelegenheit sie länger zu erzählen und sie in einen Zusammenhang mit der Uwe-Seeler-Frage zu bringen. Der Kees in mir war da ein wenig neidisch auf den Martin Wedau. Martin darauf: Hättest du doch machen können. Kees genervt: Keine Zeit, du hast mir den Anfang aus den Entwürfen geklaut. Martin zuckte entschuldigend die Schultern.

Wir, also Tina und das in mir vereinte Trio Koss, Jaratz, Wedau freuen uns natürlich sehr über die Resonanz auf das Buch. Bei den Ruhrbaronen erschien eine Besprechung, Funkes widmete ihm am Mittwoch in WAZ und NRZ über eine halbe Seite.  To be continued.

In eigener Sache: Duisburg für Klugscheißer

Wenn ich unter unterschiedlichen Namen meine Texte schreibe, steckt überall zwar auch Ralf Koss mit bestimmten Anteilen in diesen Pseudonymen, und doch haben die Namen ein eigenes Dasein mit Eigenheiten entwickelt. Im letzten Jahr dachte sich etwa der Martin Wedau in mir, warum darf Kees Jaratz im Zebrastreifenblog eigentlich regelmäßig zu Worte kommen und ich habe schon lange nichts mehr zu tun gehabt.

Er ging mir etwas auf die Nerven, weil ich gerade mit dem Manuskript von 111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss fertig geworden war. Zudem hatte ich mit dem Bühnenprogramm Nach dem Anpfiff alles möglich anderes im Blick. Aber dieser Martin Wedau gab keine Ruhe. Er hatte die Anfrage vom Klartext Verlag mitbekommen, ob ich mir vorstelle könne, ein Buch über Duisburg zu schreiben.

Der Martin in mir sagte: Duisburg, das ist doch dein Thema.
Ralf: Sofort noch ein Sachbuch über eine Stadt?
Martin: Klar, ich mach das doch für dich.
Ralf: Aber da bin ich trotzdem dabei.
Martin: Wirklich? Auch wenn ich das übernehme?
Ralf: Wir sind immer noch ich.
Martin: Und wenn du Tina fragst?
Ralf: Du gibst wohl erst Ruhe, wenn ich ja sage.

Martin grinste. Er wusste, ich hatte schon längst ja gesagt. Kurzum, Tina Halberschmidt machte mit, und Martin Wedau durfte endlich wieder was schreiben. Die gemeinsame Arbeit mit Tina Halberschmidt an Duisburg für Klugscheißer hat großen Spaß gemacht – nicht zuletzt, weil ich für alle Autorenpersönlichkeiten in mir interessante Themen entdeckte, selbst wenn nur Martin Wedau geschrieben hat.

Wir suchten das besondere Wissen über Duisburg. Wir suchten es für die bekannten identitätsstiftenden Orten und in den unbekannteren Ecken. Wir suchten solches Wissen in der Geschichte der Stadt und im Sport. Dem MSV galt also auch unser Blick. Nun ist Duisburg für Klugscheißer erschienen und im Buchhandel erhältlich.

Tina Halberschmidt/Martin Wedau: Duisburg für Klugscheißer. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten.
104 S., Klartext Verlag, Essen 2020.
€ 14,95
ISBN 978-3-8375-2237-2

Halbzeitpausengespräch: Duisburg im Kriegstagebuch von Erich Kästner

Momentan ist jeder Beitrag hier ja eigentlich so etwas wie ein Halbzeitpausengespräch zu normalen Zeiten. Unterhaltung statt Fußballspiel. Neulich aber bin ich auf etwas gestoßen, was Stoff für das Halbzeitpausengespräch während der Spielzeiten ist, ein Thema also, das rein gar nichts mit dem Fußball zu tun hat. Dennoch denke ich, dass es für euch von Interesse sein könnte.

Ich beschäftige mich gerade für ein Lese- und Hörstück intensiv mit dem letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs. Dazu habe ich mir auch „Das Blaue Buch“ von Erich Kästner vorgenommen. Er schrieb sein „Geheimes Kriegstagebuch“ von 1941 bis 1945. Seine Bücher hatten die Nazis verbrannt. Dennoch war er in Deutschland geblieben, was seinerzeit verwunderte und heute aus seiner Persönlichkeit heraus vielschichtig deutbar wäre.

Unter seinem wahren Namen durfte er nicht mehr publizieren. Doch auch der Nationalsozialismus kannte Klüngel, und so konnte er bis 1943 mit Kollegen unter Pseudonymen schreiben und damit Geld verdienen. Sogar das Drehbuch für den UFA-Film Münchhausen war sein Werk. Erst danach war im jegliches Schreiben zum Lebensunterhalt untersagt.

Wie populär ist Erich Kästners Werk für Erwachsene eigentlich heute noch? Ein paar seiner Gedichte gehören ja zur Standardsetlist der meisten Lyrik-Compilations. Ist sein Roman „Fabian“ aber noch Schullektüre? Ich weiß es gar nicht. Sei es drum, in seinem geheimen Tagebuch waren auch Zeitungsausschnitte eingeklebt. Einer dieser Ausschnitte, eine Todesanzeige, verweist auf die Duisburger Lebenswirklichkeit im Mai 1943. Kommentarlos war sie eingefügt.

Die Anzeige war in der Kölnischen Zeitung erschienen. Ob auch in der Duisburger Presse eine Anzeige erschien, müsste recherchiert werden. Die Familie muss wohlhabender gewesen sein. Darauf deuten sowohl die Anzeige außerhalb von Duisburg als auch die „langjährige Hausgehilfin“ Käthe Hoff hin, der die Todesanzeige ebenfalls gilt.

Die Todesanzeige macht die Folgen eines Luftangriffs auf Duisburg erkennbar. Diese einzige Todesanzeige gilt gleich acht Verstorbenen. Die Ursache wird nicht beim Namen genannt. Ein „tragisches Geschick“ habe die Toten ereilt.

Der Ehemann von Franziska Zimmermann überlebte. Warum war Josef Zimmermann nicht zu Hause, als die Bomben fielen? Musste er sich schon für den Kriegsdient an einem anderen Ort bereit halten? Noch war er ein „Hauptmann der Reserve zur Verfügung“. Den Zusatz deute ich so, dass er vermutlich eben noch nicht im Einsatz war.

Eine seiner Töchter und der Schwiegersohn Ferdinand Bolte lebten in Osnabrück und waren mit ihren zwei Kindern anscheinend zu Besuch in Duisburg.

Erich Kästner wurde wahrscheinlich durch die hohe Opferzahl aufmerksam, gleichwohl muss die Todesanzeige für ihn etwas ausgesagt haben, was über dieses persönliche Schicksal hinaus führt. Meines Erachtens haben die Toten in Duisburg haben für ihn auf die Kriegslage im Mai 43 im Allgemeinen hingewiesen und damit auf ein Schicksal, das der gesamten deutschen Bevölkerung hat drohen können. Deutsche Truppen hatten am 12. Mai in Nordafrika kapituliert. An der russischen Front mehrten sich die Zeichen der russischen Armee unterlegen zu sein. Seit Anfang 43 unterstützte die US-Luftwaffe die englischen Bombardements auf deutsche Städte. Während die Propaganda etwas anderes erzählt, offenbart sich die Wirklichkeit für Kästner im Leid der Bevölkerung und Zerstörung deutscher Städte.

Die Beerdigung der Duisburger Opfer fand auf dem Ehrenfriedhof statt. Dieses abgrenzte Terrain war zu Beginn des Zweiten Weltkrieges auf dem damals Neuer Friedhof genannten heutigen Waldfriedhof für gefallene Soldaten angelegt worden. Ob zu dem Zeitpunkt auch schon an zivile Opfer gedacht worden ist?

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 44: Matthias Reuter mit Bottrop, Kirchhellen! Scheiß auf die Seychellen

Der Oberhausener Matthias Reuter hat schon länger einen Song in seinem Repertoire, der gut passt zu den Notwendigkeiten dieser Zeit der Einschränkungen angesichts der Corona-Pandemie. Jüngst hat er ihn als Teil eines Livestreams aus dem Ebertbad gespielt.

Trefflich fügt sich dieses Lied auch in meine Heimatliedsammlung Ruhrstadt. Denn es geht um das Zuhause bleiben und behauptete Vorzüge der Ruhrstadt-Stadtteile geegenüber vielen bekannten Urlaubsregionen dieser Welt. Was zu der erstaunlichen Einsicht führt: „In Duisburg und Essen kannst du Malibu vergessen.“

Zu sehen ist das Lied mit Vorrede ab Minute 1.43, und der Rest seines Kurzprogramms ist auch unterhaltsam.

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

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In eigener Sache – Morgen in Dortmund Lesung von 111 Orte in Dortmund

Heute erscheint offiziell „111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss“. Für das Buch habe ich mich mit Dortmund abseits der üblichen touristischen Sichtweisen auf den Ruhrstadtstadtteil beschäftigt. Ich habe nach Orten gesucht, die mit ihrer Geschichte überraschen oder auf eine sehr eigene Weise sehenswert sind. Ich habe dabei Verstecktes gefunden und im Bekannten Besonderheiten. Ich habe Skurriles entdeckt und bin  immer wieder auf Orte gestoßen, die allein durch das Engagement von Dortmundern entstanden und lebendig bleiben. Das Buch ist mein persönlicher Blick auf Dortmund.

Morgen findet in Dortmund die Premierenlesung zu diesem Buch statt. Ab 19 Uhr lese ich im Taranta Babu, Humboldtstraße 44, und erzähle von den Erlebnissen während meiner Arbeit an dem Buch.

 

Dass ich hier im Zebrastreifenblog darüber schreibe, liegt nicht nur an meiner Arbeitsgemeinschaft für „Mehr als Fußball“ mit dem anderen Teil meines Ichs, Ralf Koss. In Dortmund bin ich bei meiner Fototour für das Buch nämlich auch einer Zebra-Spur in der schwarz-gelben Stadt begegnet. Es gibt also Inseln der Aufrechten im Osten der Ruhrstadt. Ihr seid herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei – nicht nur für Zebra-Fans in der Diaspora.

Am Samstag, den 30. gibt es eine weitere Gelegenheit zur Begegnung in der Buchhandlung Dreesen in Brackel. Ab 15.30 Uhr lese ich, allerdings kostet es dort Eintritt.


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