Archive for the 'Historie' Category

Weggelesen – Erwin Kostedde von Alexander Heflik

Die Zeit war reif für den Dokumentarfilm Schwarze Adler und die begleitende PR-Arbeit sehr gut. Denn von April an berichtete nahezu jedes Medium in diesem Land über die Geschichte von afrodeutschen Fußballern und Fußballerinnen, von person of colour, wie ein Teil jener Deutschen sich selbst nennt. Auf Amazons Streamingdienst Prime Video hatte Schwarze Adler von Torsten Körner im April seine Premiere. Im Juni war er dann als Einzelausstrahlung auch beim ZDF zu sehen.

In vielen dieser Berichte, Portraits und Interviews kam Erwin Kostedde zu Wort. Als erster afrodeutscher Nationalspieler ist er einer der Protagonisten des Films. In der Saison 1967/68 spielte er beim MSV Duisburg. Er war aus der Regionalliga von Preußen Münster gekommen und hatte dort als Mittelstürmer überzeugt. In Münster war der 1946 geborene Sohn einer Deutschen und eines afroamerikanischen US-Soldaten auch aufgewachsen. In seinem ersten Jahr in der Bundesliga konnte er beim MSV seine Leistungen in Münster nicht bestätigen. In 19 Spielen erzielte er fünf Tore. Nach seiner Karriere erzählte Erwin Kostedde mehrmals, ihm sei sein Erfolg zu Kopf gestiegen. Er habe die Nächte zum Tag gemacht. Seine Einstellung habe nicht mehr gestimmt. Deshalb sei es zum Konflikt mit dem Trainer Gyula Lorant gekommen.

Ein älterer Anhänger des MSV erzählte mir neulich noch von einem Auswärtsspiel jener Saison, bei dem Erwin Kostedde zur vereinbarten Abfahrtszeit nicht erschienen war. Aus einer Kneipe gegenüber dem Schlachthof in Meiderich sei er dann herausgeholt worden. Ob er noch mitfahren durfte, wusste er nicht.

Diese Anekdote passt in das Bild, das der Münsteraner Journalist Alexander Heflik in seiner Biografie von Erwin Kosteddes Zeit in Duisburg zeichnet. Das kommt nicht von ungefähr. „Erwin Kostedde – Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler“ fußt zum großen Teil auf Gesprächen mit dem Fußballer selbst. Außerdem sprach Heflik mit einigen Wegbegleitern sowie jüngeren Beobachtern der Fußballszene.

Der Duisburger Zeit sind nur wenige Seiten gewidmet. Liest man sie als Teil der gesamten Lebensgeschichte, wird deutlich, dass Erwin Kosteddes selbstkritische Wertung über seine Professionalität in Duisburg zu kurz greift. Die Flucht in nächtliche Trunkenheit lag nahe, wenn man von seinem Aufwachsen im Bewusstsein des eigenen Außenseitertums liest. Sie lag nahe für einen empfindsamen Menschen, dem ein autoritärer Trainer wie Lorant besondere Aufmerksamkeit widmete und nicht deutlich war, ob man für Misserfolge zum Sündenbock gemacht wurde. Im folgenden Jahr bei Standard Lüttich konnte er dann an alte Erfolge anknüpfen. Die Grundlage für seine weitere Karriere in Deutschland war von da an gefestigt.

Auch nach dieser Karriere als Fußballer war Erwin Kostedde Rassismus ausgesetzt. So meinte der Zeuge eines Raubüberfalls ihn als Täter identitifizieren zu können. Dabei war anscheinend das einzige, was der Zeuge wirklich erkannt hatte: der Täter war farbig gewesen. Bei der Gegenüberstellung wurde ihm nur Erwin Kostedde gezeigt. Da war der Zeuge sich dann erst einmal sicher. Ein halbes Jahr U-Haft führte zum psychischen Zusammenbruch von Erwin Kostedde.

Alexander Heflik lässt die Erfahrungen von Erwin Kostedde für sich sprechen. Deutlich wird auf fast jeder Seite: Wie Menschen angesehen werden, das hat Folgen. Die Biografie ist ein lebendiges Portrait in Buchform geworden. Alexander Heflik macht Erwin Kosteddes Persönlichkeit verständlich, die Zeit aber, in der er gelebt hat kaum. Historische Einflüsse und Zeitgeist werden meist nur indirekt erkennbar. Wer sich für besondere Lebenswege und Schicksale interessiert, wird diese Biografie mit Gewinn lesen.

Alexander Heflik

Erwin Kostedde. Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler

Verlag Die Werkstatt

208 Seiten, Hardcover

ISBN: 9783730705735

Hardcover: 19,90 €

Ebook: 16,90 €

Auf der Seite vom Verlag Die Werkstatt finden sich weitere Zitate aus Besprechungen. Das Buch kann auch dort versandkostenfrei bestellt werden.

Fundstück – MSV-Geschichte in drei Sätzen

Am Samstag leitete in der Süddeutschen Zeitung eine MSV-Geschichte im Holzschnitt den Artikel über die Merkwürdigkeiten beim DFB rund um das Wirken von Rainer Koch ein. Duisburg spielte nämlich unlängst neben dem MSV eine Rolle für den deutschen Fußball.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg hatte eine Anzeige gegen Unbekannt zu bearbeiten. Dass die Anzeige lediglich ein weiteres Instrument im großen Ränkespiel beim DFB war, zeigte sich deshalb, weil die Ermittlungen keine Anzeichen für das behauptete Hacken ergaben. Mit dieser Behauptung hatten journalisitische Berichte ins schlechte Licht gerückt werden sollen. Die Geschichte ist sehr kompliziert in ihren Details. Dass Rainer Koch im Zentrum steht, überrascht mich aber nicht. Hatte ich ihn doch in den ersten Pandemie-Wochen als einen Funktionär erlebt, der mit harten Bandagegen für eigene, verdeckte Interessen kämpft und die Wahrheit eines Geschehens zum eigenen Vorteil in der Öffentlichkeit zurechtbiegt.

Das alles soll heute aber nur am Rande interessieren. Wichtiger ist der Blick auf das, was erzählt wird, wenn die MSV-Geschichte auf drei Sätze reduziert wird. Die legendären vier Dietz-Toren gegen Bayern sind für uns natürlich auch immer wieder erzählenswert, als dritter Teil einer Holzschnitt-Geschichte aber in meinen Augen unpassend. In einer Zeitung aus München allerdings dienen die vier Tore gegen die Bayern der abrundenen Pointe. Mit großem zeitlichen Abstand erinnert es sich an vergangenen Ärger eben mit leisem Schmunzeln und Respekt.

Fundstück – Kurt Neumann I

Noch einmal ein Fundstück auf den letzten Metern Arbeiten am „Irrtümer und Wahrheiten“-Buch über den MSV für den Klartext-Verlag. Wir schreiben im Buch auch über einen Rekordspieler des MSV der 1950er Jahre, Kurt Neumann I.


Passend dazu bin ich in einem Spielbericht aus dem Duisburger Generalanzeiger vom 22. Februar 1960 auf ihn noch einmal auf besondere Weise aufmerksam geworden. Weil das Geschehen beim Spiel des Meidericher SV in Aachen auf die vom Journalisten beschriebene Weise für mich unfreiwillig komisch wirkt. Stellt man sich die Szene zwischen Kurt Neuman und dem Schiedsrichter bildhaft vor – allerdings in Strafraumnähe-, habe ich sofort klassische Slapstick-Szenen vor Augen. Mehr Laurel und Hardy als Monty Python. Zumal Schiedsrichter in den Jahren nicht unbedingt die sportlichsten Figuren hatten.

Der Meidericher Spielverein verlor das Spiel in der Saison 1959/60 in Aachen 0:2. Der Journalist sah eine direkte Verbindung zwischen dem Krawall und einem Foul von Friedel Rausch an einem Aachener Spieler, für das er sich nicht entschuldigte. Andere Zeiten, klarere Zusammenhänge und härtere Maßnahmen der Zuschauer. Was das Spiel selbst angeht bemängelte Elmar Rösch, damals Trainer des MSV, vor allem die Leistung im Sturm: „Aber versagt hat letztlich unser Sturm, der bei aller Schönspielerei den Erfolg zu sehr hintenan gestellt hat.“

Eine Spielbewertung, die uns Anhängern des Vereins heute doch etwas fremd klingt. Schönspielerei im Sturm ohne Wirkung. Ich bin mir nicht sicher, ob ich so etwas mal in zeitgemäßen Worten hören wollte oder nicht. Irgendwas mit Effizienz kennen wir ja zu genüge, aber die Schönspielerei in einem einzigen Mannschaftsteil. Das ist doch was anderes.



Fundstück – Werbeanzeige König Pilsener

Auf den letzten Metern Arbeiten am „Irrtümer und Wahrheiten“-Buch über den MSV für den Klartext-Verlag habe ich weiter viel Spaß beim Sichten von Dokumenten. Dabei ist mir eine alte Anzeige für Köpi aus dem Jahr 1951 in die Hände gefallen.

Gezeichnete Anzeigen im Karikaturenstil gab es damals ebenso oft wie den gereimten Werbetext. Mal davon abgesehen, dass es durch den langen Markennamen schwierig wurde, das Versmaß einzuhalten, sehen wir hier jene Tradition deutscher Werbesprache die uns Älteren noch immer aus dem Stadion im Ohr klingt.

Günter Storks Werbesprüche für die lokalen Unternehmen stehen in dieser Tradition. Seine Sätze sind wie Rock- und Popmusiktexte der Jugend tief ins Gedächtnis eingebrannt. „Müssen Sie einen Leihwagen haben, ganz einfach Feykes fragen. Ob Transporter oder PKW, Feykes-Wagen sind o.k.“ Und die Adresse „Düsseldorfer Landstraße“ verklingt heute als Zugabe leise in meinem inneren Ohr. Nun aber genug erinnert. Und noch einmal mit einem leicht variierten Günter-Stork-Klassiker: Wohin? Wohin? Zum Sinn, zum Sinn – der letzten Texte fürs MSV-Buch nämlich.



MSV-Gefühle in der Sommerpause

Wie schön, dass uns in diesem Sommer sogar der derzeitige EM-Fußball prächtige MSV-Gefühle gibt. Die deutsche Nationalmannschaft hatte im Spiel gegen Frankreich vieles aus den letzten Jahren beim MSV abgeschaut. Natürlich waren die Einzelspieler besser, aber ich habe mich ziemlich schnell wie oft auf meinem Stehplatz im Stadion gefühlt.

Du siehst eine hilflose Mannschaft, die das Spiel zu kontrollieren versucht und deshalb nach der Balleroberung kaum einmal schnell in die Spitzen spielt. Dort angekommen bleibt es meist statisch. Immer rum um den Strafraum. Über dem Spielfeld schwebt unausgesprochen die Frage, wie kommen wir da nur rein? Sobald der Gegner den Ball hat, bist du im Alarmzustand und hoffst, dass nur möglichst viele eigene Spieler schnell genug nach hinten vor den Spieler mit den Ball kommen. Der Sprint zurück zum eigenen Tor mit derselben Anzahl Spieler verspricht mit Sicherheit Torgefahr des Gegners.

Wie gesagt, damit war ich vertraut. Ihr ja auch. Und wir wussten schon früh, in diesem Spiel wird nur mit Glück der Ausgleich fallen. Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass der Gegner ein Tor erzielt. Manchmal hilft es zur Gelassenheit, Fan des MSV zu sein.

Die anderen MSV-Gefühle sind in diesen Tagen für mich oft nostalgischer Art. Tina Halberschmidt und ich, also der Martin Wedau in mir, sind gerade auf den letzten Metern unseres MSV-Buchs, das im Oktober erscheint. Was wir da alles gelesen und erinnert haben. Viel zu viel für dieses Buch.

So lasst mich mit euch einmal seufzen, dass wir die großen Missverständnisse bei Neuverpflichtungen nicht mit aufnehmen können. Vor allem in den 1990ern war die Fallhöhe hoch, da der Erfolg des MSV unter Friedhelm Funkel den Blick der Verantwortlichen auf andere Bereiche des Spielermarkts hat richten lassen.

Das ist wie beim Essen. Wer vorher immer nur in die Pommesbude ging und dann allmählich mal die Restaurants besucht, wird der Pommesbude nicht abschwören, aber gutes Essen besser schätzen können. So jemand nimmt sich dann plötzlich auch andere Lokale vor.

Für den MSV war eines dieser anderen Restaurants zum Beispiel im Jahr 1998 Erik Bo Andersen als Neuzugang. Viel Geld wurde für ihn bezahlt. Der Mann hatte 1996 zum Kader Dänemarks bei der EM gehört. Zwar hatte er kaum gespielt, aber er gehörte zum Land der Überraschungseuropameister 1992. Und nun war er ein Zebra und bald verletzt. Danach hat er den Anschluss nicht mehr wirklich gefunden. Die Ersatzbank war sein Aufenthaltsort meist bei Spielen. Was habe ich bei seinen Einwechslungen immer wieder gehofft, er könne das Versprechen auf Tore einlösen. Denn meiner Erinnerung nach kam er immer nur dann, wenn es etwas aufzuholen gab.

Im Grunde ging es mir damals bei seinen Einwechslungen so wie heute auch oft. Ich dachte immer, irgendwas muss sich ändern im Spiel, sonst wird das nichts mehr für den MSV. Wir Gemeindemitglieder der Fußballkirche rufen dann gerne, Mensch, das Spiel braucht einen Impuls von außen. Erik Bo Andersen hat damals wenig impulst. So ist das mit den Missverständnissen. Im nostalgischen Blick auf die Vergangenheit wird daraus aber ein schönes MSV-Gefühl. Dafür hat sich das Ärgern in der Vergangenheit doch gelohnt. Von den anderen Missverständnissen erzähle ich später.

Fundstück – Postkarte SV Hamborn 07

Bei der Arbeit am „Irrtümer und Wahrheiten“-Buch über den MSV für den Klartext-Verlag fiel mir neulich beim Blick ins Handarchiv eine Postkarte der Mannschaft vom SV Hamborn 07 in die Hände. Es ist einer der beiden Vereine, aus denen 1954 die Sportfreunde Hamborn 07 hervorgegangen sind. Ich habe leider keine Zeit nachzuprüfen, in welcher Saison genau die Mannschaft angetreten ist.

Da in den ersten Oberligajahren des Vereins „Burger“ Hetzel dabei sein müsste, könnte es die Saison 1946/47 gewesen sein. In jener Zeit spielte er das erste Mal beim MSV. Geschichten über einzelne Spieler wären sicher auch interessant. Ich stelle schon mal eine Datei in den Entwürfe-Ordner. Wenn ihr aber schon was zu erzählen habt, ab in die Kommentare.

Vom DFB-Geschehen auf MSV-Historie schließen

In den letzten Wochen werde ich durch die Berichterstattung über den DFB immer wieder an die MSV-Vergangenheit kurz vor 2013 erinnert. Dass beim DFB die Spitzenverantwortlichen gerade ihren Endkampf bestreiten, wird wohl jeder mitbekommen haben. Alle Verantwortlichen kommen mir vor wie der schwarze Ritter in Monthy Pythons „Ritter der Kokosnuss“. Der Ausschnitt aus dem Film bei youtube hat eine Altersbeschränkung und ihr müsst bei youtube eingeloggt sein, um ihn zu sehen, wenn ihr weiterklickt. Ohne Arme und Beine stehen sie alle allmählich da und denken, immer noch weiterkämpfen zu müssen.

Die einschlägige Berichterstattung verlinke ich hier jetzt nicht extra. Mir kommt es auf den MSV an. Ich kann mir nämlich gut vorstellen, dass Andreas Rüttgers viel Verständnis für Fritz Keller hat, auch wenn ihm niemals ein gemurmelter Nazi-Richter-Vergleich über die Lippen gekommen wäre. Dazu scheint er mir zu freundlich in der Welt zu sein. Die Angelegenheiten beim DFB lassen uns jedenfalls einen Eindruck gewinnen, wie es nach dem Amtsantritt von Andreas Rüttgers beim MSV zugegangen sein muss. In Duisburg gab es nur nicht so ein großes Interesse an Hintergrundberichterstattung. Außerdem wäre jeder Endkampf zu Zeiten der Präsidentschaft von Andreas Rüttgers das Ende vom MSV gewesen.

Mir geht es um die identische Struktur der Auseinandersetzung. Auf der einen Seite gibt es die Geschäftsführung mit eigenen nicht näher bestimmbaren Interessen, zu denen auf jeden Fall aber die Sicherung der eigenen Position zählt. Friedrich Curtius entspricht strukturell Roland Kentsch. Auf der anderen Seite gibt es den Präsidenten des Vereins mit einem Interesse an Aufklärung über Sachverhalte der Vergangenheit. Damals haben viele Fans des MSV nicht verstanden, warum die Vereinsführung nicht mehr Druck ausübt auf die vermeintlich weiter geschlossene Allianz von Kentsch und Hellmich. Ganz abgesehen von den vorhandenen finanziellen Risiken für so ein Vorgehen, gab es Verträge, Vereinbarungen, interne Vermerke usw., in die nur die Geschäftsführung Einsicht hatte.

Gibt es dann keine vertrauensvolle Zusammenarbeit, wird Einsicht verwehrt, wie es gerade wohl beim DFB wieder einmal der Fall ist. Beim MSV arbeitete Ronald Kentsch ebenfalls mit diesem Machtmittel des kontrollierten Informationsflusses. Die Recherchen zum Geschehen beim DFB machen es nun möglich, sich ein Bild vom Handeln unter solchen Bedingungen zu machen. Man ertrinkt dann in einer Abfolge von Fakten und verliert in dieser Draufsicht den Überblick, wer jetzt noch integer handelt. Die struktulle Gleichsetzung von DFB-Vizepräsident Rainer Koch und Walter Hellmich stimmt nur annähernd. Am ehesten ähnelt sich hier das diffuse Wirken von Macht im Hintergrund, auch wenn mir Koch bislang sehr viel mächtiger vorkam als Walter Hellmich damals. Aber wer weiß.

Wie erleichternd nun, dass Fritz Keller sich in so einer Situation zum gemurmelten Nazi-Richter-Vergleich hat hinreißen lassen. Wie erleichternd für einen Teil der Beteiligten und auch für die Medien, weil damit eine schnell verständliche Teil-Geschichte erzählbar wird. Wer dagegen ein Gespür für die ganze Geschichte gewinnen möchte, muss sich die letzte Ausgabe vom Sechszehner anhören. Ewald Lienen und Michael Born sprechen mit dem ehemaligen DFB-Vizepräsident Eugen Gehlenborg. Er holt zu Beginn des Gesprächs etwas aus, um das gegenwärtige Geschehen als Ergebnis früherer Entwicklungen zu erklären. Gerade dann steht man vor einem neuen Kausalkettenwirrwarr, das in die Gegenwart hineinwirkt und beim Erhellen des Ganzen Verantwortlichkeiten unkenntlicher macht. Machtkämpfe im Detail zu verstehen zu wollen, ist eigentlich nur was für Fachhistoriker. Ab Minute 27.45


Erwin Kostedde und Gerald Asamoah über Rassismus im ZEIT-Magazin gibt Anlass zur Erinnerung

In der Saison 1967/68 spielte Erwin Kostedde beim MSV Duisburg. Er war aus der Regionalliga von Preußen Münster gekommen und hatte dort als Mittelstürmer überzeugt. In Münster war der 1946 geborene Sohn einer Deutschen und eines afroamerikanischen US-Soldaten auch aufgewachsen. In seinem ersten Jahr in der Bundesliga scheint er beim MSV seine Leistungen in Münster nicht bestätigt haben zu können. In 19 Spielen erzielte er fünf Tore. Nach seiner Karriere erzählte Erwin Kostedde mehrmals, ihm sei sein Erfolg zu Kopf gestiegen. Er habe die Nächte zum Tag gemacht. Seine Einstellung habe nicht mehr gestimmt. Deshalb sei es zum Konflikt mit dem Trainer Gyula Lorant gekommen.

Erst nach seinem Wechsel zu Standard Lüttich nahm die Karriere wirklich Fahrt auf. Er wurde einer der erfolgreichsten deutschen Mittelstürmer seiner Zeit. Allerdings entwickelte sich seine Karriere nahezu zeitgleich mit der von Gerd Müller, der noch ein wenig erfolgreicher war. Nach dem Rücktritt von Gerd Müller aus der Nationalmannschaft wurde er 1974 der erste farbige deutsche Nationalspieler. Da spielte er bei Kickers Offenbach. Seinerzeit war er auch mir als jungem MSV-Fan ein Begriff für Torgefahr, ohne dass ich ihn mit meinem Verein verbunden hätte. Niemand in meinem Umfeld erzählte über seine MSV-Zeit. Davon erfuhr ich erst sehr viel später, als ich mich mehr für die Geschichte des deutschen Fußballs interessierte.

Anlass für die kurze Erinnerung ist ein eindrucksvolles Gespräch im ZEIT-Magazin, das Stephan Lebert und Stefan Willecke mit Erwin Kostedde und Gerald Asamoah geführt haben. Im Kern geht es um den erlebten Rassismus von beiden im Fußball und Alltag. Zu lesen ist das Interview nur für Abonennten. Man kann sich das Gespräch aber anhören. Unterhalb des Vorspanns auf der Seite gibt es ein leicht übersehbares Icon „Anhören“. Computergeneriert strengt das Hören auf Dauer zwar etwas an, doch ist das ein nicht gering zu schätzender Service.

Für Kostedde bedeutete Rassismus auch 1990 eines Raubüberfalls verdächtigt zu werden. Ein „Schalke-Fan“, so betont Erwin Kostedde, war Zeuge des Überfalls und meinte, ihn als Täter identitifizieren zu können. Dabei war anscheinend das einzige, was der Zeuge wirklich erkannt hatte: der Täter war farbig gewesen. Bei der Gegenüberstellung wurde ihm nur Erwin Kostedde gezeigt. Da war der Zeuge sich dann erst einmal sicher. Ein halbes Jahr U-Haft führte zum psychischen Zusammenbruch von Erwin Kostedde.

Erwin Kostedde und Gerald Asamoah gehören zwei unterschiedlichen Fußballergenerationen an. Im Gespräch wird klar erkennbar, wie sich daraus auch verschiedene Möglichkeiten ergeben, Erfahrungen des Rassismus zu bewältigen. In einem für die Gesellschaft insgesamt bedeutsamer gewordenen Fußball hat Gerald Asamoah mehr Unterstützung erhalten als Erwin Kostedde.

Zurück zum Fußballer Erwin Kostedde. Im folgenden Clip ist das Spiel von Kickers Offenbach gegen Bayern München am ersten Spieltag der Bundesligasaison 1974/75 zu sehen. Erwin Kostedde erzielt zwei Tore und ist mit Siggi Held laut Kommentator der „Starspieler“ der Offenbacher. Ein schönes Zeitdokument nicht nur wegen der wehenden Haare bei fast allen Spielern. Klaus Wunder machte zudem sein erstes Spiel für Bayern München. Er war gerade vom MSV zu den Bayern für eine Rekordablösesumme gewechselt. Der Kommentator merkte allerdings an, er habe mehr verteidigen müssen als stürmen zu können. Wobei das Verteidigen damals eine sehr gemächliche Betätigung war.

Ahanfouf-Supervision beim DFB verhalf nur kurz zu Hoffnung

Der DFB und Joachim Löw haben im Vorfeld des WM-Qualifikationsspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Nordmazedonien nichts unversucht gelassen, die Fähigkeiten der Nationalspieler zu verbessern und sie für jede mögliche Spielsituation vorzubereiten. Lange wurde nach einem Berater gesucht, der nicht nur ein Gefühl für die Stadiondimensionen in Duisburg hat, sondern auch spezielles Expertenwissen vom Fußball in diesem Stadion.

Dass kurzfristig der Ex-Spieler des MSV Duisburg Abdelaziz Ahanfouf für zwei Tage zur Mannschaft stieß, war eigentlich ein Glücksgriff. Denn noch immer weiß er, wie man glaubwürdig im Strafraum fällt und welcher flüchtige Körperkontakt dazu Möglichkeiten eröffnet. Wie sich gestern beim Elfmeterpfiff vor dem zwischenzeitlichen Ausgleich zeigte, hatte Leroy Sané bei der Sondereinheit des Trainings Dribbling in einen Strafraum des Duisburger Stadions besonders aufmerksam zugehört.

Anscheinend hat Uli Hoeneß die Verantwortlichen auf Ahanfouf aufmerksam gemacht. Als er von der Suche beim DFB hörte, erinnerte er sich an das Bundesligaspiel der Bayern während der Saison 2005/2006 in Duisburg. Seinerzeit war ihm Ahanfouf aufgefallen, als der den MSV durch einen Elfmeter in der 40. Minute in Führung brachte. Ahanfouf selbst hatte den Elfmeter herausgeholt. Auch wenn dieses Foul zweifellos war, deutete der Sturz die besondere Qualität Ahanfoufs an. Der MSV verlor das Spiel dennoch 1:3. Welch bittere Parallele zum Spiel der deutschen Nationalmannschaft.

Die Bewegtbilder im Netz von diesem Elfmeter sind nicht die besten:

Mehr noch als im Spiel gegen die Bayern lässt sich Ahanfoufs Können in Sachen „elfmeterreif gefoult werden“ im folgenden Clip ab Minute 2.10 sehen. Der MSV spielte während der Saison 2003/2004 am letzten Spieltag in Bielefeld. Erst hier zeigt sich die große Klasse des Stürmers deutlich, als er in den Strafraum zieht und der Bielefelder Verteidiger ihm in die Falle geht. Auch in diesem Spiel bringt der Elfmeter die 1:0-Führung. Das Endergebnis war ein 3:1 für den MSV, das für beide Vereine keine Bedeutung mehr hatte. Bielefeld war aufgestiegen, der MSV befand sich im gesicherten Mittelfeld. Schöner Nebeneffekt bei diesem Clip ist die Möglichkeit, sich ein umfassendes Bild von der spielerischen Klassse Ahanfoufs zu machen. Seine sehr unterschiedlich erzielten Tore bezeugen das.

Von Auswärtsfahrten in den 50ern und Kloppereien – Fangedächtnis MSV

Da der Zebrastreifenblog doch mehr Leser erreicht als drüben das „Fan-Gedächtnis“, stelle ich auch hier online, was Hans F. (*1939) mir  für das „Fangedächtnis des MSV Duisburg“ über seine Erfahrungen mit Auswärtsfahrten in den 1950er Jahren erzählt hat .

Bahnhof Meiderich-Süd 2020

Ich bin 54 hier runtergekommen, von Schleswig-Holstein, wo wir nach der Flucht erstmal gelebt haben. Und dann ging das los mit dem Fußball, erstmal in Meiderich, die Heimspiele, und dann bin ich einige Zeit auch immer mitgefahren. Nach Aachen nicht, das war zu weit. Aber so hier in der Nähe. Horst-Emscher, Bottrop, Schwarz-Weiß Essen, Schalke. Und Oberhausen, da sind wir am Kanal lang gelaufen. Da lief ne ganze Meute. Das war immer gut besucht, damals zu der Zeit. Dann hatte ich noch so einen Kollegen, dessen Vater war auch so ein Fanatiker. Der fuhr oft mit dem Auto. Da bin ich auch oft mitgefahren. Der hatte ein bisschen Geld. Der ging im Stadion dann dahin, wo so feinere Leute waren. Ich will fast sagen, so mit Schlips und so.

Mit dem Zug konnt’st du immer vom Meidericher Bahnhof losfahren. Das stand meistens in der Zeitung. Ich habe das aber von den Kollegen erfahren. Wenn du ein paar Pfennig übrig hattest, dann bist du mitgefahren. Die Fahrkarte, was die kostete, weiß ich nicht mehr, und der Eintritt kam noch hinzu. Das waren vielleicht zwei Mark zu der Zeit. Das wundert mich eigentlich, dass sie damals die Züge eingesetzt haben. Das ging ein paar Jahre so. Denn auf einmal war Schluss. Dann gab es das nicht mehr. Warum weiß ich nicht.

Als wir nach Horst-Emscher gefahren sind, also, der Zug war voll. Ich schätze, an die tausend Leute waren das, die alleine dann nur mit dem Zug gefahren sind. So tausend, das kam seltener vor. Meist waren es so vier-, fünfhundert, die fuhren immer mit. Als wir damals in Horst-Emscher ankamen, dann musten wir durch die ganze Stadt laufen. Da sind wir über eine halbe Stunde gelaufen, damit wir ans Stadion kamen.

In dem Zug waren überwiegend Männer und dann ja auch Kinder. Wir waren damals 15, 16. Aber sagen wir mal so, Frauen kaum. Du hast fast nur Jungen und Männer gesehen. Es gab auch schon so Grüppchen. So zwanzig, dreißig, die zusammenhielten, so Cliquen, die hatten Trikot an. So was alles, ’ne Fahne.

Ich glaube, nachher wurden sogar die Fahnen verboten, wegen der Stangen, weil sie damit gekloppt haben. Ich haben einmal so eine Klopperei mitbekommen. Das war damals bei Hamborn 07, da hatte Wuppertal gespielt. Die Jugend vom MSV, die hatte da ein Vorspiel gehabt. Ich war ja mit dem Pitter Danzberg befreundet, und mit dem bin ich immer mitgefahren, mit der A-Jugend. Der hat immer gesagt, der gehört zu mir, und dann konnt’st du mitfahren. Das war immer gut.

Die Klopperei war dann vorm Stadion. Das waren bestimmt 100, 150 Leute. Das war das alte Stadion noch. War das das mit der Rennbahn? Das mit der Schräge. Ich glaube, das war das mit der Rennbahn, Schwelgernstadion, oder? Ich weiß nicht mehr genau. Das Spiel war noch nicht zu Ende. Da war ein Foul, und auf einmal war die Klopperei da. Das Stadion war ja nicht so groß in Hamborn. Da gingst du fünf, sechs Stufen hoch. In Meiderich musstest du höher. Das war ja auch größer in Meiderich. Und dann war da so ein Vorplatz, da haben die sich gekloppt. Da gab es einen, der hatte so einen Motorradhelm. Früher war die ja noch so plump, da hat der mit dem Helm immer rumgeschlagen, und auf einmal war der Helm weg. Da war der am Heulen. Da kamen dem die Tränen. „Mein Helm. Der teure Helm.“ Da sagt einer: „Ja, warum haust du damit?“ Der hat da richtig mit draufgezimmert. Früher waren die ja richtig so mit Leder und auch was Stahl drinnen. Der hat da richtig mit gekloppt. Und dann auch mit Fahnen. Da ging es aber richtig zur Sache. Ich habe mich da so am Rand gehalten. Ich dachte, bloß nicht da so rein. Nein, das ging da zur Sache!

Da waren oft so Kloppereien. Auch in Meiderich bei den Heimspielen. Gegen Essen damals, du musst mal denken, was da Zuschauer aus Essen kamen, oder was das für andere Vereine waren, wo die alle herkamen. Da kam es dann leicht zur Schlägerei. Da kloppten die sich oft. Die Fans, die standen dann da. Da wussteste, da gibt es gleich Klopperei. Die waren da drauf aus. Genau wie heute auch. Da hat sich nicht viel geändert. Damals waren sie nicht so brutal wie heute. Wenn einer auf der Erde gelegen hat, dann war gut. Aber heute treten sie ja noch drauf und alles. Klopperei ist nie ganz fair, aber so wie heute, das gab es früher nicht. Das war dann nicht im Stadion. Das ging schon auf den Straßen dann los.
Auch im Zug gab es oft Krach. Selbst unter den Fans vom MSV. Vor allem auf der Rückreise immer. Wenn du dann noch verloren hattest. Oh je. Dann gingen oft entweder ein paar dazwischen oder die haben sich so beruhigt. Sicher, da war Zugpersonal, aber da fuhren nicht viele mit. Da war schon oft was los.

Und wenn wir dann in Meiderich ankamen, dann ging es raus, durch den Tunnel und da verteilte es sich dann. Dann war finito. Manche gingen noch in die Kneipe. Da waren ja etliche Kneipen, da in der Gegend am Bahnhof. Da war auch noch das große Tanzlokal. Aber ich hatte ja kein Geld mit 15, 16. Aber die, die Geld hatten, die gingen noch.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: