Archive for the 'Historie' Category

Jetzt erschienen: MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten

Schauen wir mal, wie Hagen Schmidt auf die Mannschaft weiter einwirken kann. So ein Trainerwechsel bringt ja immer sofort Hoffnung zurück, dass sich mit der äußeren Änderung auch innerhalb der Mannschaft entscheidendes verändert. Das hebt die Stimmung schon mal etwas.

Für den Restärger gibt es seit dieser Woche den Blick auf die MSV-Vergangenheit. Tina Halberschmidt und ich in Person von Martin Wedau haben uns in den Wochen größten Ärgers jedenfalls beim Schreiben von MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten gut ablenken können.

Natürlich muss man bei der Dosierung aufpassen. Sonst versinkt man vollkommen in diesen alten Geschichten von Erfolgen und der schon verarbeiteten Enttäuschung. Dann käme man womöglich auf den Gedanken, früher sei alles besser gewesen und will gar nichts mehr mit der Gegenwart zu tun haben. Also fragt euren Arzt und Apotheker, vulgo Kumpel, wieviel ihr euch zumuten könnt. Er kennt euch vielleicht besser als ihr euch selbst.

Amazon jedenfalls kennt unsere Bedürfnisse gerade sehr genau. Dort wird das Buch neben der Kategorie Sport und Fußball in einer dritten Kategorie geführt. Der Lachtherapie! Muss man mehr über uns und den MSV in diesen Tagen wissen?

Tina Halberschmidt und Martin Wedau
MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten
Klartext Verlag, Essen 2021
ISBN: ‎ 978-3837523959
€ 16,95

Die Sexbombe entspricht nicht dem Geist des Rasensports

Der Meidericher SV schloss sich bald nach seiner Gründung 1902 nicht nur dem Westdeutschen Spiel-Verband an. 1908 gehörte der Verein zu den 10 Gründungsmitgliedern vom Duisburger Rasensportverband. Zusammen mit BV Beeck, VfvB Ruhrort, BV Laar, Meiderich 06, Preußen Duisburg, Duisburger SV, Duisburg 08, Duisburg 48/99 und Duisburg 88 sollte die „Vereinsmeierei“ in „Nützlichkeitswerte“ umgewandelt werden. So schreibt P. Grandjean in der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum des Verbandes 1958.

Wenn man P. Grandjean so liest, müssen die vielen neuen Sportvereine gegenüber den etablierten gesellschaftlichen Kräften ein starkes Bedürfnis gehabt haben, sich in jenen Anfangsjahren des Fußballs für ihren Sport zu rechtfertigen. Wenn ich die erwähnten Leistungen sehe, so wirken die Aktivitäten des Verbandes auf mich wie Lobbyarbeit. Es ging darum, Rasenplätze anzulegen und Vereinsheime zu bauen. Es ging darum aufzuweisen, dass Sportvereine Jugendlichen in den 20er Jahren eine sittliche Orientierung bieten. Es ging aber auch um Städtespiele, in denen sich Duisburg als „westdeutsche Sporthochburg“ bewies. Fußballmannschaften aus Amsterdam, Antwerpen, Göteborg, Rotterdam, Köln, München, Schalke wurden allesamt besiegt. Nur gegen Wien verlor die Duisburger Stadtauswahl, weiß P. Grandjean zu berichten.

Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es diesen Rasensportverband einmal gab. Im Netz gibt es kaum Zeugnisse über diesen Verband, der aber in vielen deutschen Städten gegründet wurde. Vielleicht liegt dieses Verschwinden und Vergessen auch daran, dass die Festschrift selbst für das Jahr 1958 auf mich wie aus der Zeit gefallen wirkt. Die Sprache klingt sehr nach dem Gründungsjahrzehnt des Verbandes. Auch wenn P. Grandjean das Vaterländische ins Vaterstädtische wandelt, sehe ich das Kaiserreich vor mir und nicht die Bundesrepublik. Das mag allerdings ein Fehlurteil sein. Historiker wissen zu dieser geistigen Strömung für das Ende der 50er Jahre sicher mehr zu sagen.

Mit seiner Kritik an der aufkommenden Jugendkultur seiner Zeit wird P. Grandjean aber nicht alleine gewesen sein. Der Sport stand schon damals in Konkurrenz zu anderen körperbetonten Freizeitaktivitäten. Und wie wir wissen, die Sitten werden in jeder Generation aufs Neue durch die Jugend gefährdet.

Duisburger Heimatkalender 1959, Hrsg. mit Unterstützung des Verkehrsvereins für die Stadt Duisburg, S. 123

Weggelesen – Erwin Kostedde von Alexander Heflik

Die Zeit war reif für den Dokumentarfilm Schwarze Adler und die begleitende PR-Arbeit sehr gut. Denn von April an berichtete nahezu jedes Medium in diesem Land über die Geschichte von afrodeutschen Fußballern und Fußballerinnen, von person of colour, wie ein Teil jener Deutschen sich selbst nennt. Auf Amazons Streamingdienst Prime Video hatte Schwarze Adler von Torsten Körner im April seine Premiere. Im Juni war er dann als Einzelausstrahlung auch beim ZDF zu sehen.

In vielen dieser Berichte, Portraits und Interviews kam Erwin Kostedde zu Wort. Als erster afrodeutscher Nationalspieler ist er einer der Protagonisten des Films. In der Saison 1967/68 spielte er beim MSV Duisburg. Er war aus der Regionalliga von Preußen Münster gekommen und hatte dort als Mittelstürmer überzeugt. In Münster war der 1946 geborene Sohn einer Deutschen und eines afroamerikanischen US-Soldaten auch aufgewachsen. In seinem ersten Jahr in der Bundesliga konnte er beim MSV seine Leistungen in Münster nicht bestätigen. In 19 Spielen erzielte er fünf Tore. Nach seiner Karriere erzählte Erwin Kostedde mehrmals, ihm sei sein Erfolg zu Kopf gestiegen. Er habe die Nächte zum Tag gemacht. Seine Einstellung habe nicht mehr gestimmt. Deshalb sei es zum Konflikt mit dem Trainer Gyula Lorant gekommen.

Ein älterer Anhänger des MSV erzählte mir neulich noch von einem Auswärtsspiel jener Saison, bei dem Erwin Kostedde zur vereinbarten Abfahrtszeit nicht erschienen war. Aus einer Kneipe gegenüber dem Schlachthof in Meiderich sei er dann herausgeholt worden. Ob er noch mitfahren durfte, wusste er nicht.

Diese Anekdote passt in das Bild, das der Münsteraner Journalist Alexander Heflik in seiner Biografie von Erwin Kosteddes Zeit in Duisburg zeichnet. Das kommt nicht von ungefähr. „Erwin Kostedde – Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler“ fußt zum großen Teil auf Gesprächen mit dem Fußballer selbst. Außerdem sprach Heflik mit einigen Wegbegleitern sowie jüngeren Beobachtern der Fußballszene.

Der Duisburger Zeit sind nur wenige Seiten gewidmet. Liest man sie als Teil der gesamten Lebensgeschichte, wird deutlich, dass Erwin Kosteddes selbstkritische Wertung über seine Professionalität in Duisburg zu kurz greift. Die Flucht in nächtliche Trunkenheit lag nahe, wenn man von seinem Aufwachsen im Bewusstsein des eigenen Außenseitertums liest. Sie lag nahe für einen empfindsamen Menschen, dem ein autoritärer Trainer wie Lorant besondere Aufmerksamkeit widmete und nicht deutlich war, ob man für Misserfolge zum Sündenbock gemacht wurde. Im folgenden Jahr bei Standard Lüttich konnte er dann an alte Erfolge anknüpfen. Die Grundlage für seine weitere Karriere in Deutschland war von da an gefestigt.

Auch nach dieser Karriere als Fußballer war Erwin Kostedde Rassismus ausgesetzt. So meinte der Zeuge eines Raubüberfalls ihn als Täter identitifizieren zu können. Dabei war anscheinend das einzige, was der Zeuge wirklich erkannt hatte: der Täter war farbig gewesen. Bei der Gegenüberstellung wurde ihm nur Erwin Kostedde gezeigt. Da war der Zeuge sich dann erst einmal sicher. Ein halbes Jahr U-Haft führte zum psychischen Zusammenbruch von Erwin Kostedde.

Alexander Heflik lässt die Erfahrungen von Erwin Kostedde für sich sprechen. Deutlich wird auf fast jeder Seite: Wie Menschen angesehen werden, das hat Folgen. Die Biografie ist ein lebendiges Portrait in Buchform geworden. Alexander Heflik macht Erwin Kosteddes Persönlichkeit verständlich, die Zeit aber, in der er gelebt hat kaum. Historische Einflüsse und Zeitgeist werden meist nur indirekt erkennbar. Wer sich für besondere Lebenswege und Schicksale interessiert, wird diese Biografie mit Gewinn lesen.

Alexander Heflik

Erwin Kostedde. Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler

Verlag Die Werkstatt

208 Seiten, Hardcover

ISBN: 9783730705735

Hardcover: 19,90 €

Ebook: 16,90 €

Auf der Seite vom Verlag Die Werkstatt finden sich weitere Zitate aus Besprechungen. Das Buch kann auch dort versandkostenfrei bestellt werden.

Fundstück – MSV-Geschichte in drei Sätzen

Am Samstag leitete in der Süddeutschen Zeitung eine MSV-Geschichte im Holzschnitt den Artikel über die Merkwürdigkeiten beim DFB rund um das Wirken von Rainer Koch ein. Duisburg spielte nämlich unlängst neben dem MSV eine Rolle für den deutschen Fußball.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg hatte eine Anzeige gegen Unbekannt zu bearbeiten. Dass die Anzeige lediglich ein weiteres Instrument im großen Ränkespiel beim DFB war, zeigte sich deshalb, weil die Ermittlungen keine Anzeichen für das behauptete Hacken ergaben. Mit dieser Behauptung hatten journalisitische Berichte ins schlechte Licht gerückt werden sollen. Die Geschichte ist sehr kompliziert in ihren Details. Dass Rainer Koch im Zentrum steht, überrascht mich aber nicht. Hatte ich ihn doch in den ersten Pandemie-Wochen als einen Funktionär erlebt, der mit harten Bandagegen für eigene, verdeckte Interessen kämpft und die Wahrheit eines Geschehens zum eigenen Vorteil in der Öffentlichkeit zurechtbiegt.

Das alles soll heute aber nur am Rande interessieren. Wichtiger ist der Blick auf das, was erzählt wird, wenn die MSV-Geschichte auf drei Sätze reduziert wird. Die legendären vier Dietz-Toren gegen Bayern sind für uns natürlich auch immer wieder erzählenswert, als dritter Teil einer Holzschnitt-Geschichte aber in meinen Augen unpassend. In einer Zeitung aus München allerdings dienen die vier Tore gegen die Bayern der abrundenen Pointe. Mit großem zeitlichen Abstand erinnert es sich an vergangenen Ärger eben mit leisem Schmunzeln und Respekt.

Fundstück – Kurt Neumann I

Noch einmal ein Fundstück auf den letzten Metern Arbeiten am „Irrtümer und Wahrheiten“-Buch über den MSV für den Klartext-Verlag. Wir schreiben im Buch auch über einen Rekordspieler des MSV der 1950er Jahre, Kurt Neumann I.


Passend dazu bin ich in einem Spielbericht aus dem Duisburger Generalanzeiger vom 22. Februar 1960 auf ihn noch einmal auf besondere Weise aufmerksam geworden. Weil das Geschehen beim Spiel des Meidericher SV in Aachen auf die vom Journalisten beschriebene Weise für mich unfreiwillig komisch wirkt. Stellt man sich die Szene zwischen Kurt Neuman und dem Schiedsrichter bildhaft vor – allerdings in Strafraumnähe-, habe ich sofort klassische Slapstick-Szenen vor Augen. Mehr Laurel und Hardy als Monty Python. Zumal Schiedsrichter in den Jahren nicht unbedingt die sportlichsten Figuren hatten.

Der Meidericher Spielverein verlor das Spiel in der Saison 1959/60 in Aachen 0:2. Der Journalist sah eine direkte Verbindung zwischen dem Krawall und einem Foul von Friedel Rausch an einem Aachener Spieler, für das er sich nicht entschuldigte. Andere Zeiten, klarere Zusammenhänge und härtere Maßnahmen der Zuschauer. Was das Spiel selbst angeht bemängelte Elmar Rösch, damals Trainer des MSV, vor allem die Leistung im Sturm: „Aber versagt hat letztlich unser Sturm, der bei aller Schönspielerei den Erfolg zu sehr hintenan gestellt hat.“

Eine Spielbewertung, die uns Anhängern des Vereins heute doch etwas fremd klingt. Schönspielerei im Sturm ohne Wirkung. Ich bin mir nicht sicher, ob ich so etwas mal in zeitgemäßen Worten hören wollte oder nicht. Irgendwas mit Effizienz kennen wir ja zu genüge, aber die Schönspielerei in einem einzigen Mannschaftsteil. Das ist doch was anderes.



Fundstück – Werbeanzeige König Pilsener

Auf den letzten Metern Arbeiten am „Irrtümer und Wahrheiten“-Buch über den MSV für den Klartext-Verlag habe ich weiter viel Spaß beim Sichten von Dokumenten. Dabei ist mir eine alte Anzeige für Köpi aus dem Jahr 1951 in die Hände gefallen.

Gezeichnete Anzeigen im Karikaturenstil gab es damals ebenso oft wie den gereimten Werbetext. Mal davon abgesehen, dass es durch den langen Markennamen schwierig wurde, das Versmaß einzuhalten, sehen wir hier jene Tradition deutscher Werbesprache die uns Älteren noch immer aus dem Stadion im Ohr klingt.

Günter Storks Werbesprüche für die lokalen Unternehmen stehen in dieser Tradition. Seine Sätze sind wie Rock- und Popmusiktexte der Jugend tief ins Gedächtnis eingebrannt. „Müssen Sie einen Leihwagen haben, ganz einfach Feykes fragen. Ob Transporter oder PKW, Feykes-Wagen sind o.k.“ Und die Adresse „Düsseldorfer Landstraße“ verklingt heute als Zugabe leise in meinem inneren Ohr. Nun aber genug erinnert. Und noch einmal mit einem leicht variierten Günter-Stork-Klassiker: Wohin? Wohin? Zum Sinn, zum Sinn – der letzten Texte fürs MSV-Buch nämlich.



MSV-Gefühle in der Sommerpause

Wie schön, dass uns in diesem Sommer sogar der derzeitige EM-Fußball prächtige MSV-Gefühle gibt. Die deutsche Nationalmannschaft hatte im Spiel gegen Frankreich vieles aus den letzten Jahren beim MSV abgeschaut. Natürlich waren die Einzelspieler besser, aber ich habe mich ziemlich schnell wie oft auf meinem Stehplatz im Stadion gefühlt.

Du siehst eine hilflose Mannschaft, die das Spiel zu kontrollieren versucht und deshalb nach der Balleroberung kaum einmal schnell in die Spitzen spielt. Dort angekommen bleibt es meist statisch. Immer rum um den Strafraum. Über dem Spielfeld schwebt unausgesprochen die Frage, wie kommen wir da nur rein? Sobald der Gegner den Ball hat, bist du im Alarmzustand und hoffst, dass nur möglichst viele eigene Spieler schnell genug nach hinten vor den Spieler mit den Ball kommen. Der Sprint zurück zum eigenen Tor mit derselben Anzahl Spieler verspricht mit Sicherheit Torgefahr des Gegners.

Wie gesagt, damit war ich vertraut. Ihr ja auch. Und wir wussten schon früh, in diesem Spiel wird nur mit Glück der Ausgleich fallen. Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass der Gegner ein Tor erzielt. Manchmal hilft es zur Gelassenheit, Fan des MSV zu sein.

Die anderen MSV-Gefühle sind in diesen Tagen für mich oft nostalgischer Art. Tina Halberschmidt und ich, also der Martin Wedau in mir, sind gerade auf den letzten Metern unseres MSV-Buchs, das im Oktober erscheint. Was wir da alles gelesen und erinnert haben. Viel zu viel für dieses Buch.

So lasst mich mit euch einmal seufzen, dass wir die großen Missverständnisse bei Neuverpflichtungen nicht mit aufnehmen können. Vor allem in den 1990ern war die Fallhöhe hoch, da der Erfolg des MSV unter Friedhelm Funkel den Blick der Verantwortlichen auf andere Bereiche des Spielermarkts hat richten lassen.

Das ist wie beim Essen. Wer vorher immer nur in die Pommesbude ging und dann allmählich mal die Restaurants besucht, wird der Pommesbude nicht abschwören, aber gutes Essen besser schätzen können. So jemand nimmt sich dann plötzlich auch andere Lokale vor.

Für den MSV war eines dieser anderen Restaurants zum Beispiel im Jahr 1998 Erik Bo Andersen als Neuzugang. Viel Geld wurde für ihn bezahlt. Der Mann hatte 1996 zum Kader Dänemarks bei der EM gehört. Zwar hatte er kaum gespielt, aber er gehörte zum Land der Überraschungseuropameister 1992. Und nun war er ein Zebra und bald verletzt. Danach hat er den Anschluss nicht mehr wirklich gefunden. Die Ersatzbank war sein Aufenthaltsort meist bei Spielen. Was habe ich bei seinen Einwechslungen immer wieder gehofft, er könne das Versprechen auf Tore einlösen. Denn meiner Erinnerung nach kam er immer nur dann, wenn es etwas aufzuholen gab.

Im Grunde ging es mir damals bei seinen Einwechslungen so wie heute auch oft. Ich dachte immer, irgendwas muss sich ändern im Spiel, sonst wird das nichts mehr für den MSV. Wir Gemeindemitglieder der Fußballkirche rufen dann gerne, Mensch, das Spiel braucht einen Impuls von außen. Erik Bo Andersen hat damals wenig impulst. So ist das mit den Missverständnissen. Im nostalgischen Blick auf die Vergangenheit wird daraus aber ein schönes MSV-Gefühl. Dafür hat sich das Ärgern in der Vergangenheit doch gelohnt. Von den anderen Missverständnissen erzähle ich später.

Fundstück – Postkarte SV Hamborn 07

Bei der Arbeit am „Irrtümer und Wahrheiten“-Buch über den MSV für den Klartext-Verlag fiel mir neulich beim Blick ins Handarchiv eine Postkarte der Mannschaft vom SV Hamborn 07 in die Hände. Es ist einer der beiden Vereine, aus denen 1954 die Sportfreunde Hamborn 07 hervorgegangen sind. Ich habe leider keine Zeit nachzuprüfen, in welcher Saison genau die Mannschaft angetreten ist.

Da in den ersten Oberligajahren des Vereins „Burger“ Hetzel dabei sein müsste, könnte es die Saison 1946/47 gewesen sein. In jener Zeit spielte er das erste Mal beim MSV. Geschichten über einzelne Spieler wären sicher auch interessant. Ich stelle schon mal eine Datei in den Entwürfe-Ordner. Wenn ihr aber schon was zu erzählen habt, ab in die Kommentare.

Vom DFB-Geschehen auf MSV-Historie schließen

In den letzten Wochen werde ich durch die Berichterstattung über den DFB immer wieder an die MSV-Vergangenheit kurz vor 2013 erinnert. Dass beim DFB die Spitzenverantwortlichen gerade ihren Endkampf bestreiten, wird wohl jeder mitbekommen haben. Alle Verantwortlichen kommen mir vor wie der schwarze Ritter in Monthy Pythons „Ritter der Kokosnuss“. Der Ausschnitt aus dem Film bei youtube hat eine Altersbeschränkung und ihr müsst bei youtube eingeloggt sein, um ihn zu sehen, wenn ihr weiterklickt. Ohne Arme und Beine stehen sie alle allmählich da und denken, immer noch weiterkämpfen zu müssen.

Die einschlägige Berichterstattung verlinke ich hier jetzt nicht extra. Mir kommt es auf den MSV an. Ich kann mir nämlich gut vorstellen, dass Andreas Rüttgers viel Verständnis für Fritz Keller hat, auch wenn ihm niemals ein gemurmelter Nazi-Richter-Vergleich über die Lippen gekommen wäre. Dazu scheint er mir zu freundlich in der Welt zu sein. Die Angelegenheiten beim DFB lassen uns jedenfalls einen Eindruck gewinnen, wie es nach dem Amtsantritt von Andreas Rüttgers beim MSV zugegangen sein muss. In Duisburg gab es nur nicht so ein großes Interesse an Hintergrundberichterstattung. Außerdem wäre jeder Endkampf zu Zeiten der Präsidentschaft von Andreas Rüttgers das Ende vom MSV gewesen.

Mir geht es um die identische Struktur der Auseinandersetzung. Auf der einen Seite gibt es die Geschäftsführung mit eigenen nicht näher bestimmbaren Interessen, zu denen auf jeden Fall aber die Sicherung der eigenen Position zählt. Friedrich Curtius entspricht strukturell Roland Kentsch. Auf der anderen Seite gibt es den Präsidenten des Vereins mit einem Interesse an Aufklärung über Sachverhalte der Vergangenheit. Damals haben viele Fans des MSV nicht verstanden, warum die Vereinsführung nicht mehr Druck ausübt auf die vermeintlich weiter geschlossene Allianz von Kentsch und Hellmich. Ganz abgesehen von den vorhandenen finanziellen Risiken für so ein Vorgehen, gab es Verträge, Vereinbarungen, interne Vermerke usw., in die nur die Geschäftsführung Einsicht hatte.

Gibt es dann keine vertrauensvolle Zusammenarbeit, wird Einsicht verwehrt, wie es gerade wohl beim DFB wieder einmal der Fall ist. Beim MSV arbeitete Ronald Kentsch ebenfalls mit diesem Machtmittel des kontrollierten Informationsflusses. Die Recherchen zum Geschehen beim DFB machen es nun möglich, sich ein Bild vom Handeln unter solchen Bedingungen zu machen. Man ertrinkt dann in einer Abfolge von Fakten und verliert in dieser Draufsicht den Überblick, wer jetzt noch integer handelt. Die struktulle Gleichsetzung von DFB-Vizepräsident Rainer Koch und Walter Hellmich stimmt nur annähernd. Am ehesten ähnelt sich hier das diffuse Wirken von Macht im Hintergrund, auch wenn mir Koch bislang sehr viel mächtiger vorkam als Walter Hellmich damals. Aber wer weiß.

Wie erleichternd nun, dass Fritz Keller sich in so einer Situation zum gemurmelten Nazi-Richter-Vergleich hat hinreißen lassen. Wie erleichternd für einen Teil der Beteiligten und auch für die Medien, weil damit eine schnell verständliche Teil-Geschichte erzählbar wird. Wer dagegen ein Gespür für die ganze Geschichte gewinnen möchte, muss sich die letzte Ausgabe vom Sechszehner anhören. Ewald Lienen und Michael Born sprechen mit dem ehemaligen DFB-Vizepräsident Eugen Gehlenborg. Er holt zu Beginn des Gesprächs etwas aus, um das gegenwärtige Geschehen als Ergebnis früherer Entwicklungen zu erklären. Gerade dann steht man vor einem neuen Kausalkettenwirrwarr, das in die Gegenwart hineinwirkt und beim Erhellen des Ganzen Verantwortlichkeiten unkenntlicher macht. Machtkämpfe im Detail zu verstehen zu wollen, ist eigentlich nur was für Fachhistoriker. Ab Minute 27.45


Erwin Kostedde und Gerald Asamoah über Rassismus im ZEIT-Magazin gibt Anlass zur Erinnerung

In der Saison 1967/68 spielte Erwin Kostedde beim MSV Duisburg. Er war aus der Regionalliga von Preußen Münster gekommen und hatte dort als Mittelstürmer überzeugt. In Münster war der 1946 geborene Sohn einer Deutschen und eines afroamerikanischen US-Soldaten auch aufgewachsen. In seinem ersten Jahr in der Bundesliga scheint er beim MSV seine Leistungen in Münster nicht bestätigt haben zu können. In 19 Spielen erzielte er fünf Tore. Nach seiner Karriere erzählte Erwin Kostedde mehrmals, ihm sei sein Erfolg zu Kopf gestiegen. Er habe die Nächte zum Tag gemacht. Seine Einstellung habe nicht mehr gestimmt. Deshalb sei es zum Konflikt mit dem Trainer Gyula Lorant gekommen.

Erst nach seinem Wechsel zu Standard Lüttich nahm die Karriere wirklich Fahrt auf. Er wurde einer der erfolgreichsten deutschen Mittelstürmer seiner Zeit. Allerdings entwickelte sich seine Karriere nahezu zeitgleich mit der von Gerd Müller, der noch ein wenig erfolgreicher war. Nach dem Rücktritt von Gerd Müller aus der Nationalmannschaft wurde er 1974 der erste farbige deutsche Nationalspieler. Da spielte er bei Kickers Offenbach. Seinerzeit war er auch mir als jungem MSV-Fan ein Begriff für Torgefahr, ohne dass ich ihn mit meinem Verein verbunden hätte. Niemand in meinem Umfeld erzählte über seine MSV-Zeit. Davon erfuhr ich erst sehr viel später, als ich mich mehr für die Geschichte des deutschen Fußballs interessierte.

Anlass für die kurze Erinnerung ist ein eindrucksvolles Gespräch im ZEIT-Magazin, das Stephan Lebert und Stefan Willecke mit Erwin Kostedde und Gerald Asamoah geführt haben. Im Kern geht es um den erlebten Rassismus von beiden im Fußball und Alltag. Zu lesen ist das Interview nur für Abonennten. Man kann sich das Gespräch aber anhören. Unterhalb des Vorspanns auf der Seite gibt es ein leicht übersehbares Icon „Anhören“. Computergeneriert strengt das Hören auf Dauer zwar etwas an, doch ist das ein nicht gering zu schätzender Service.

Für Kostedde bedeutete Rassismus auch 1990 eines Raubüberfalls verdächtigt zu werden. Ein „Schalke-Fan“, so betont Erwin Kostedde, war Zeuge des Überfalls und meinte, ihn als Täter identitifizieren zu können. Dabei war anscheinend das einzige, was der Zeuge wirklich erkannt hatte: der Täter war farbig gewesen. Bei der Gegenüberstellung wurde ihm nur Erwin Kostedde gezeigt. Da war der Zeuge sich dann erst einmal sicher. Ein halbes Jahr U-Haft führte zum psychischen Zusammenbruch von Erwin Kostedde.

Erwin Kostedde und Gerald Asamoah gehören zwei unterschiedlichen Fußballergenerationen an. Im Gespräch wird klar erkennbar, wie sich daraus auch verschiedene Möglichkeiten ergeben, Erfahrungen des Rassismus zu bewältigen. In einem für die Gesellschaft insgesamt bedeutsamer gewordenen Fußball hat Gerald Asamoah mehr Unterstützung erhalten als Erwin Kostedde.

Zurück zum Fußballer Erwin Kostedde. Im folgenden Clip ist das Spiel von Kickers Offenbach gegen Bayern München am ersten Spieltag der Bundesligasaison 1974/75 zu sehen. Erwin Kostedde erzielt zwei Tore und ist mit Siggi Held laut Kommentator der „Starspieler“ der Offenbacher. Ein schönes Zeitdokument nicht nur wegen der wehenden Haare bei fast allen Spielern. Klaus Wunder machte zudem sein erstes Spiel für Bayern München. Er war gerade vom MSV zu den Bayern für eine Rekordablösesumme gewechselt. Der Kommentator merkte allerdings an, er habe mehr verteidigen müssen als stürmen zu können. Wobei das Verteidigen damals eine sehr gemächliche Betätigung war.


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