Archive for the 'Medien' Category

Nachhaltig formulieren für Duisburg

Das hat sich in den Zeitungen bei Funkes Ende Dezember neben dem üblichen Rückblick auf die Ereignisse des Jahres im Lokalteil Duisburgs etabliert: eine Doppelseite Rückblick auf das Jahr in Zitaten. Und was soll ich sagen, der Kollege Koss hat anscheinend was Nachhaltiges zu Duisburg im letzten Jahr gesagt. Ihm ging es um die gute Geschichte für die Stadt, als im Sommer 2013 die Menschen für die Rettung des MSV zusammenstanden und dem Verein zwei Jahre später der Wiederaufstieg in die 2. Liga gelang. Wie passend, dass ausgerechnet gerade eben mit „Mehr als Fußball“ das Buch vom Kollegen Koss und mir über diese Zeit fertig geworden ist. Zufälle gibt es! Wer den Satz umfänglicher erklärt haben will, mit einem Klick geht es zum Vorwort des Buchs. Bestellen kann man das Buch dort übrigens auch. Was nun kein Zufall ist.
2016-12-29_waz_zitat_msv_buch_2016

Und noch eins: Kommt gut ins neue Jahr! Feiert ausgelassen oder ruhig. Lasst es euch gut gehen. Auf dass wir uns bald wiedersehen und wiederlesen. Die nachhaltigen Sätze zu 2017 gibt es dann morgen.

Warum BILD-Nachrichten über den MSV immer unwichtig sind

Ich muss gerade mal ganz, ganz schnell daran erinnern, dass man BILD-Nachrichten über den MSV Duisburg niemals wichtig nehmen darf.  Niemals! BILD ignorieren. Grundsätzlich. Keine Ausnahme. Ich muss daran erinnern, weil gestern doch glattweg der BILD-Mann Joachim Droll mit seinem Text zu Bernd Maas und dem MSV das erreichte, was er bezweckte. Nämlich ein Gefühl der Zwietracht und Unzufriedenheit mit Menschen rund um den MSV bei einigen, denen der MSV sehr am Herzen liegt. Zwar hielt sich das in Grenzen, doch nur einer, der auf ihn reinfällt und sich Gedanken über Sponsoreneinfluss macht, ist einer zu viel, und wenn ich den einen mit meinem Appell erreiche, ist für das nächste Mal, wenn es wirklich ernst ist, viel gewonnen.

Joachim Droll ist der Tullius Destructivus des Pott-Fußballs. Ihr erinnert euch doch an Cäsars Sonderbeauftragten aus dem Asterix-Band XV Streit um Asterix? Cäsar schickt ihn ins gallische Dorf, um den Zusammenhalt dort zu zerstören. Überall wo Tullius auftaucht, intrigiert er. Sofort bricht Streit aus und alle schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein. Beim VfL Bochum hatte der BILD-Tullius auch seine Finger im Spiel. Dort wurden Fragen von Joachim Droll im Dezember nicht mehr beantwortet, berichtet BILDBlog. Das hatte eine längere Vorgeschichte, die schon im September jene legendär gewordenen Worte von VfL-Trainer Gert Verbeek hervorrief.

Joachim Drolls Ansinnen ist also keine Berichterstattung sondern Zwietracht sähen. Das hat er mit seinem Text über Bernd Maas und den MSV wieder versucht. Entnommen habe ich das mancher Reaktion auf den Text, ihn zu lesen habe ich mir gespart. Unzweifelhaft unter den Anhängern ist die Leistung von Bernd Maas bei der Rettung des MSV. Ich möchte sie auch noch einmal hervorheben, weil ich durch die Interviews zu dem Buch über die zwei Drittligajahre noch einmal das Ausmaß der damals geleisteten Arbeit sehr lebendig vor Augen geführt bekam.

Bernd Maas installierte  beim MSV eine Controlling-Software, als die Nachricht von der ausbleibenden Lizenz die Runde machte. Er bot sofort seine Hilfe an. Nach der Entlasssung von Roland Kentsch war er der einzige Mann im gesamten Verein, der wenigstens ansatzweise einen Einblick in die Zahlen hatte. Kentschs Mann für die Finanzen hatte sich am Tag des Lizenzentscheids krank gemeldet, weil er zu Hause die Treppe herunter gefallen war und sich dabei verletzt hatte. Bernd Maas arbeitete sich innerhalb kurzer Zeit in die vollständige Finanzsituation des MSV ein. Schon damals war es aber keineswegs im Lebensplan von Bernd Maas vorgesehen gewesen, noch einmal Geschäftsführer eines Fußballsvereins zu werden. Dazu waren seine Erfahrungen in Dresden zu schlecht gewesen. In Duisburg übernahm er diesen Job dann schließlich doch, weil er im Ruhrgebiet zu Hause ist. Sein Entschluss ergab sich in einer Mischung aus geschaffenenen Tatsachen durch seine für den MSV geleistete Arbeit und bewusster Entscheidung. Das muss man wissen, wenn man sich fragt, warum der Vertrag mit ihm auslief.

Wer nun die Nichtverlängerung seines Vertrages dazu nutzt, irgendwen, der dem MSV Duisburg gewogen ist, zu diskreditieren, wirft mit Dreck, sonst nichts. Den Dreck findet er nicht beim MSV. Den Dreck holt er aus dem eigenen Haus. Dort liegt er haufenweise rum. Und wer noch einen Beweis dafür braucht, der lese meinen oben verlinkten Text, denn wir alle, wir Anhänger des MSV, sind ebenfalls schon mit diesem Dreck beworfen worden. Im Sommer 2013 sollen unsere Aktionen rund um den MSV Duisburg nämlich nichts anderes gewesen sein als ein blinder Reinfall auf Manipulationen durch Vereinsverantwortliche wie Markus Räuber und dem Vertreter des Hauptsponsors Andreas Rüttgers. Zu dummen Schäfchen hat er euch damals machen wollen, der Joachim Droll. Vergeblich. Ihr seid nur diese dummen Schäfchen, wenn ihr schon ein Wort von ihm glaubt, selbst wenn es zufällig einmal die Wahrheit sein sollte.

Was treibt der Mann mit Mikro am Spielfeldrand?

Meine Sympathie für Per Mertesackers Reaktion im Interview nach dem Länderspiel sollte heute morgen wohl deutlich geworden sein. Eigentlich habe ich gedacht, damit sei der Fall erledigt. Für mich ging es nicht um journalistische Prinzipien, sondern um misslingende Kommunikation. Der Zeitpunkt von Boris Büchlers Frage, ob man sich das Spiel anders vorgestellt hätte,  passte nicht. Mir fehlte vor der Frage nach den Fehlern der Blick auf das Erreichte. Gerade Menschen mit Mikros müssen sich der Kommunikationssituation sehr bewusst sein, wenn sie Antworten erhalten wollen. Jeder von uns kennt das: Man strengt sich für was an, kriegt es irgendwie noch geschafft und dann kommt jemand um die Ecke und bemängelt hier was und dort was. Was glaubst du eigentlich, was ich gerade gemacht habe, denkt man sich. Manchmal sagt man’s laut.

Erledigt ist nun nichts, weil mancheiner glaubt, Boris Büchlers Frage zur falschen Zeit sei ein eindrucksvoller Beweis für seine journalistische Kompetenz. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass manchem diese „kritische“ Frage gefallen könnte. Journalistische Kompetenz erweist sich durch sie aber gerade nicht, auch dann nicht wenn Franz Lübberding ihn in der Frankurter Allgemeinen Zeitung für seine Frage sogar beglückwünscht.

Ich hoffe für beide, sie haben einfach nur nicht lange genug überlegt, was am Spielfeldrand nach einem Spiel überhaupt möglich ist. Wäre es anders, es wäre einmal mehr ein Ausdruck des Zynismus, der in dieser Branche manchmal vorhanden ist. Andererseits erinnere ich mich an ein Zeitungsinterview mit dem ZDF-Mann Büchler, bei dem ihm die Grenzen seiner Tätigkeit sehr klar waren. Emotionen einfangen, darum könne es nur gehen, sagte er sinngemäß.

Was hier also abgefeiert wird, ist einfach ein Herauskitzeln von Emotionen. Das ist Boulevardjournalismus, und bei Taff, Brisant und Bunte wird doch niemand als politischer Journalist angesehen, nur weil er beim Bundespresseball tanzende Polit-Paare betextet.  Wer diese Frage von Boris Büchler für vorbildhaften Sportjournalismus hält, kann jeden Fan-Reporter ins öffentlich-rechtliche Programm hieven.  Was Boris Büchler macht, machen hunderttausende Stadionbesucher nach jedem Spiel. Meist geschieht das stellvertretend in der Runde, mit der man das Spiel besucht. Je tiefer die Liga, desto öfter können Fans sogar den Spielern  selbst die Frage stellen. Meist erhalten sie Antworten, auch wenn sie fragen, wieso es schlecht gelaufen ist. Das hat einen einzigen Grund.  So ein Fan wird dem Spieler nicht das Gefühl geben, er komme mit seiner Frage in einem höheren Auftrag, der Journalismus heißt. Den Fan-Sonderfall, dauerhafte Unzufriedenheit nach Nichterreichen des sportlichen Ziels, lasse ich mal außen vor.

Noch einmal: Boris Büchler mag irgendwo seriöser Sportjournalist sein, am Spielfeldrand ist er ein Boulevardjournalist, und der Nachweis von journalistischer Distanz zur deutschen Nationalmannschaft ist nur eine von vielen journalistischen Tugenden. Eine andere ist die zu wissen, mit welchen Grenzen ich umgehe, wenn ich arbeite. Diese Tugend hat gestern eindeutig gefehlt.  Eines wird beim Abfeiern von Boris Büchler doch vollkommen übersehen. Per Mertesacker hat sich  nicht gegen Kritik gewehrt. Er hat nur den Zeitpunkt unpassend gefunden. Es kann am Spielfeldrand nach einem Spiel nur um emotionale Eindrücke gehen, und dabei gilt, die Situation gibt vor, was möglich ist. Ich frage keine Trauernden als erstes nach dem lustigsten Missgeschick des Verstorbenen. Ich frage keine Hochzeitsfeiernden als erstes, wieso sie sich vor einer Woche noch so heftig gestritten haben. Wenn jemand ernsthaft an solchen Antworten interessiert ist, muss er Umwege gehen.

Und nicht vergessen, wir reden nur vom gestern schlechten Boulevardjournalisten Boris Büchler. Fundierte Kritik zur Spielweise gelingt nur mit Abstand. Und selbst die müsste mir mehr erzählen als das, was ich selbst sehe. Sie könnte mich zum Beispiel noch einmal an das grundlegende Spannungsverhältnis dieses Fußballsports erinnern: Ein schönes Spiel führt nicht automatisch zum Sieg. Davon lebt dieser Sport. Dieses Interview von Boris Büchler mit Per Mertesacker war für mich kein guter Journalismus, egal welcher Form. Dieses Interview von Boris Büchler war die Simulation von kritischer Haltung. Mehr nicht. Reicht manchmal für Beifall. Nicht bei mir.

 

Timing – Per Mertesacker vs Boris Büchler

Per Mertesacker hatte gestern am späten Abend natürlich lange 120 Minuten Zeit, im Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Algerien das notwendige Gefühl fürs Timing zu entwickeln. Ein kleiner Patzer in der ersten Halbzeit bei einem Pass machte ihn nur noch konzentrierter, danach sah ich ihn mit den richtigen Entscheidungen im richtigen Moment. Befreiungsschläge sind mitgemeint. Als ZDF-Reporter aber wirst du zur O-Ton-Jagd immer ohne Aufwärmen ins Getümmel geworfen. Da verliert du leicht in der Hektik der Anfangsminuten den Überblick, fühlst dich noch nicht richtig im Spiel und packst aus Angst den Erwartungen deiner Redakteurstrainer nicht gerecht zu werden, sofort die rustikale Grätsch-Frage als ein Ausrufezeichen aus. Nach den siegreichen 120 Minuten schreckt Per Mertesacker so etwas überhaupt nicht. Trotz seiner Erschöpfung nimmt er den Kampf auf und gibt in selber Manier die Antwort, um anschließend zu eleganter Rede zurückzufinden und die Situation vollends zu klären.  Per Mertesacker, heute Nacht, ein wahrer Meister des Timing!

Die Stimmung nach Darmstadt und ein Lob für die Rheinische Post

Die so deutliche wie verdiente Niederlage des MSV Duisburg gegen den SV Darmstadt 98 hat bei einigen Anhängern des MSV Duisburg noch im Stadion harsche Reaktionen ausgelöst. Mit der Leistung der Mannschaft war nicht einfach umzugehen.  Ein bissiger Kommentar lag so nahe, dass er nicht nur in unserer Runde zu hören war: Das war wieder wie in der Zweiten Liga. Noch passten nur die Zuschauerzahlen nicht. Am Anfang der Saison hätte so eine Leistung jeder im Stadion hingenommen und auf Entwicklung gehofft. Nun aber waren von der Mannschaft schon gute Spiele zu sehen gewesen. Dass der Unmut im Stadion so groß wurde, war auch durch  gewachsene Erwartungen verursacht. Die Pfiffe auf den Rängen sind das Ergebnis des guten Saisonbeginns. Wir wissen, wie diese Mannschaft manchmal spielen kann.

Dieser hohen Niederlage kommt selbstverständlich eine besondere Bedeutung zu, sobald man an die nächsten Spiele denkt. In der Nachbetrachtung ging es überall schnell nicht mehr um Fehler einzelner Spieler. Die Diskussion über das Spiel wendete sich in Fankreisen schnell grundsätzlichen taktischen Fragen zu. In welchem System werden die Schwächen der Spieler vor allem in der Defensive am besten kompensiert? Und natürlich stellte sich auch die Frage, die Schwächen welcher Spieler? Wie soll die erste Elf aussehen? Braucht es etwa in der Innenverteidigung einen Wechsel? Kühne für Bollmann? Für Bajic gar? Wie kann das Umschaltspiel gelingen, wenn sowohl Feisthammel als auch Öztürk zum einen Schwächen beim Pressing zeigen, zum anderen im Spiel nach vorne unsicher sind? De Wit mehr nach hinten ziehen? Viele Frage sind da etwa im MSVPortal aufgetaucht.

So kommt  der öffentlichen Aufarbeitung dieser Niederlage ebenfalls eine besondere Deutung zu. Denn diese Niederlage muss nicht nur die Mannschaft verarbeiten. Auch die Stimmung rund um den Verein wurde von dieser Niederlage beeinträchtigt. Zu den ersten Heimspielen kamen mehr Zuschauer als in den Zweitligaspielen mit ähnlichen Gegnern. Wer im Stadion war, den interessiert, welche Schlüsse im Verein aus solch einer deutlichen Niederlage gezogen werden. Es ist die Aufgabe des lokalen Sportjournalismus darüber zu berichten. Und auch in diesem Fall erweist sich die Rheinische Post als vorbildhaft. Nur dort ist eine umfangreichere Nachberichterstattung zu finden, in der Karsten Baumann die Fehler einzelner Spieler in einen Gesamtzusammenhang stellt. Da geht es letztlich nicht um tiefere Diskussionen von Spielweisen. Aber es geht darum, der Gefahr zu begegnen, dass einzelne Spieler auf den Rängen zu Sündenböcken werden. Der Artikel wirkt in Teilen so, als seien Gedanken aus Fankreisen argumentativ aufgegriffen worden.  Ich hoffe darauf, dass der MSV Duisburg ebenfalls Anteil an so einer Berichterstattung hat, indem die Presseabteilung offensiv mit der bedrohten Stimmung rund um die Mannschaft umging und den Kontakt zum Journalisten suchte. Die Rheinische Post hat schon in den Sommermonaten wohltuend sachlich über das Geschehen rund um den MSV Duisburg berichtet. So kann kritische Begleitung im Lokaljournalismus auch geschehen. Mehr davon.

Heute besprochen: Peter Neururer – Die Biografie

Als ich vor ein paar Wochen das erste Mal über die Biografie von Peter Neururer schrieb, wurde das zur Preview über das Kapitel „MSV Duisburg“. Schon damals deutete ich an, von einer Biografie erwarte ich mehr, zumal der Preis von € 19.90 bei 192 schnell zu lesenden Seiten nicht gerade günstig ist.  Heute nun nachgeholt: die begründetere Kritik.

Die Art und Weise, wie das Buch in der Öffentlichkeit im Oktober vorgestellt wurde, gibt einen ersten Hinweis auf den Inhalt.  Zeitungen war es allemal eine Nachricht wert, dass Peter Neururer seine Biografie vorstellte. Wohlgemerkt, Peter Neururer stellte sie vor, der Autor Thomas Lötz verschwand völlig hinter dem Namen des Trainers. Das wird bei der Lektüre der ersten Seiten des Buches sofort verständlich. Denn dieses Buch ist keine Biografie im eigentlichen Sinn. Thomas Lötz ist nicht mehr als der namentlich genannte Ghostwriter einer Autobiografie.  Sie wird nur in der Dritten Person Singular erzählt, doch verschwindet diese Differenz zum Ich von Peter Neururer mit den ersten Sätzen im Buch.

Peter Neururers Biografie beginnt mit einem kurzen zusammenfassenden Abschnitt über Kindheit und Jugend, um sofort zum Wesentlichen zu kommen, dem anekdotenhaften Erzählen über seine Tätigkeit als Trainer. Begonnen hat er seine Karriere als Co-Trainer von Horst Hrubesch bei Rot-Weiß Essen. Sie kannten sich vom gemeinsamen Trainer-Lehrgang an der Sporthochschule Köln. Damit ist die Richtung dieser Biografie vorgebeben. Harmlose Anekdoten aus der Fußballwelt, kombiniert mit ein paar Fakten der Trainerkarriere und immer wieder eingestreut, damit das Ganze lebendiger wird, Dialogpassagen von Neururer mit Personen, denen er während seiner Karriere begegnet ist.

Wer also Peter Neururer bei seinen Anekdoten sonst gerne zuhört, wird gut bedient. Wem Peter Neururer mit seinem flapsigen Reden schon immer auf die Nerven gegangen ist, wird auch das Buch schreiend in die Ecke werfen. Der Biografie fehlt jegliche reflektierende Distanz zum vergangenen Geschehen. Eine weiterführende Einsicht gibt es nicht. Wir gleiten über die Oberfläche vom Geschehen hinweg. Dieses Geschehen kann man glauben und es auch sein lassen, denn eins ist gewiss, bei allem was geschah, kommt Peter Neururer immer gut weg.

Ganz selten klingt ein allgemein gehaltener, etwas nachdenlicher Ton an. Krisen können eben nicht ganz geleugnet werden, doch im Grunde bügelt „uns Peter“ die Widersprüche seines Lebens vor allem mit einer das Buch durchziehenden Standardselbstbeschreibung glatt: Peter Neururer steht zu seinem Wort.

Wie sehr er zu seinem Wort steht, lässt ein kurzes Gespräch erahnen das Peter Neururer zu seiner Zeit beim 1. FC Köln mit dem damaligen Präsidenten Klaus Hartmann angesichts der anstehenden Verpflichtung von Karl-Heinz Rühl als Sportdirektor geführt haben will. Wir wissen vor dem Gespräch schon, Peter Neururer hält Karl-Heinz Rühl wegen befürchteter Illoyalität für keinen geeigneten Sportdirektor:

„Herr Präsident, wenn Calli Rühl hier Sportdirektor wird, dann können sie meinen gerade verlängerten Vertrag sofort zerreißen.“

„Herr Neururer, ich bitte Sie“, sagt Hartmann, „arbeiten Sie mit Herrn Rühl vertrauensvoll zusammen. Stellen Sie Ihre persönliche Abneigung hintenan. Hier zählt an allererster Stelle der 1. FC Köln.“

„Einverstanden“, sagt Neururer.

Hier fallen Oberflächlichkeit der Selbstdarstellung und handwerkliches Ungeschick des Biografen zusammen. Diese kurze Stelle wirkt wie eine der Anekdoten, wie sie Eckhard Henscheid zu seinen Titanic-Zeiten häufig verfasste.  Ein Geschehen mit einer prominenten Person wird erzählt, das vorgibt auf etwas Allgemeines zu verweisen. Bei näherem Betrachten aber fällt alles in sich zusammen. Mit dem Unterschied, in Peter Neururers Biografie ist das alles ganz ernst gemeint ist. Denn eigentlich kollidiert hier das Bild von Peter Neururer, dem Geradlinigen, mit jenem Peter Neururer, der für die große Sache die eigenen Interessen zurücksteckt. Aus dem Konflikt zwischen zwei vorgeblich so starken Lebensprinzipien  wird mit einem einzigen Wort die Luft rausgelassen. Da gibt es kein Zweifeln, da gibt es keine Irritation. Da gibt es nichts außer der Behauptung, dass alles so war, wie es gewesen ist, und das ist banal.

Wenn Peter Neururer dann mal von sich selbst wegrückt und etwas erzählen könnte, was einen wirklichen Blick hinter die Kulissen gewährte, will er es sich mit niemanden verscherzen. So erwähnt er das schwierige Verhältnis des 1. FC Köln zu den lokalen Printmedien. Auch Peter Neururer, so empfand er es, wurde die Arbeit schwer gemacht, weil im Express etwas stand, was nicht stimmte. Nun ließe sich allerlei Interessantes dazu erfahren, wenn Peter Neururer seine eigene Rolle in dem Mediengeschehen mitbedenken würde. Das geschieht natürlich nicht. Wir erfahren nur, es gibt Studienfreunde, die nun beim Express arbeiten, die er mal eben anrufen kann, um zu hören, wie die Stimmung so ist. Das sind also schon mal nicht die Bösen. Dann gibt es den altgedienten Haus-und-Hof-Journalisten des Express beim FC, den Neururer wegen dessen Arbeit respektiert. Der habe nie irgendwelche Behauptungen in die Welt gesetzt, die nicht recherchiert gewesen wären. Der gehört also auch nicht zu den Bösen. All diese Boulevard-Journalisten sind also eigentlich ganz nette Kerle. Nur komisch, dass im Express dennoch die Sachen stehen, die einfach nicht stimmen. Da staune ich natürlich, ob der menschenunabhängigen Intelligenz und Schaffenskraft der Boulevardzeitung. Die Biografie gerät da zum Science-Fiction-Roman. Peter Neururer als Opfer von Maschinenintelligenz?

Wie gesagt, solche Ungereimtheiten werden den Anekdotenfreund nicht stören. Man darf eben nur nichts wirklich Erhellendes aus dem Leben eines Bundesliga-Trainers erwarten. Nebenbei bemerkt, ich sehe auf dem Schutzumschlag das „11 Freunde“-Gütesiegel „empfohlen von“ und staune, auf welchen Büchern das inzwischen überall zu finden ist.

2012-12_Neururer_Biografie

Thomas Lötz: Peter Neururer. Aus dem Leben eines Bundesliga-Trainers. Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2012. 192 Seiten. € 19,90.

Und noch dies: Traut euren Augen am TV-Bildschirm nicht

Im Spiel Deutschland gegen die Niederlande war Joachim Löw beim Stand von 0:0 doch nicht ganz so cool, wie es im Zwischenschnitt während der 22. Minute aussah. Bei stern.de können wir lesen, TV-Zuschauer meinen nur zu wissen, was der Bundestrainer in dieser Minute machte. Einen Balljungen foppen war es jedenfalls nicht. Gut, dass doch alles, was ich bislang über das Spiel gelesen und gehört habe, im Ergebnis nicht von dem 2:1 abwich. Bleibt´s erstmal eine Zukunftsidee: die wild gewordene Bildregie-Crew, die sich den Spielverlauf eines EM-Spiels nach eigenem Gusto zusammenschneidet.

Das geschah jedenfalls irgendwann vor dem Spiel:

Fundstück II: In der Liga der großen Ligen

Passend zum Ausklang der Fußballsaison wurde für die Medien-Seite der Süddeutschen Zeitung am letzten Wochenende auch der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, Christian Seifert, interviewt. Das Interview gibt es meines Wissens nicht online. Christian Seifert zeigt große Sympathien für Sky und die als Marke der ARD angesehene Sportschau. Angesichts der hohen Summe, die die Deutsche Fußball Liga für die TV-Rechte erzielen konnte, lässt  Seifert erkennen, so eine Summe Geld wird nicht nur für die Rechte an bewegten Bildern vom reinen Sport gezahlt.  Da muss noch ein bisschen mehr als die Fußballer am Ball drin sein. Was genau? Wir lassen uns überraschen.

SZ: Gibt es eigentlich eine Verpflichtung für die Bundesliga-Klubs, Sky künftig umfrangreicher als bisher zur Verfügung zu stehen vor und nach den Spielen für Interviews, Storys und Analysen?

Seifert: Ich habe das ausdrücklich in der Mitgliederversammlung angesprochen: Wenn man so viel Geld bekommt, dann ist das kein Kultursponsoring. Das viele Geld bekommen wir auch nicht, weil die Bundesliga so sexy ist, dass man uns gefallen möchte. Jeder Bieter zahlt so viel, weil er sich positive Effekte für sein Geschäftsmodell verspricht, und zwar völlig egal, ob das Geschäftsmodell auf Gebühren basiert, Abos oder Werbung. Mit diesem Abschluss spielen wir in der Liga der großen Ligen mit, und dann müssen wir uns auch so eine große Liga verhalten. Man muss eine mediale Gegenleistung erbringen, und die besteht nicht darin, 90 Minuten Fußball zu spielen.

In einem Raum mit Bruno Hübners Neuem, als es um TV-Rechte ging

Nur selten berührt der Fußball mein Schreiben außerhalb dieses Blogs. Gestern war das anders, und prompt stand ich vor der Aufgabe mit Bruno Hübners Neuem einen Raum zu teilen. Der Mann kennt mich Gott sei Dank nicht. Was hätte das für peinliche Szenen geben können. Wer weiß, wozu ein Mann fähig ist, der Bruno Hübner an unserem großen Tag in Berlin zur Vereinbarung von Vertragsgesprächen angerufen haben soll. Weiß ich, wozu ich fähig bin?

Da saß Heribert Bruchhagen also auf einem Podium beim Medienforum.NRW und sollte die DFL-Meinung beim zukünftigen Verkauf der Fernsehrechte an der Fußball-Bundesliga zum besten geben. Die Fernsehrechte für die Übertragung von Bundesligafußball sind zwar noch für zwei Jahre bis zum Ende der Saison 2012/2013 vergeben, doch schon in diesem Jahr sollen neue Verträge festgezurrt werden. Von Anfang an machte Heribert Bruchhagen den Eindruck, als beginne auf dem Podium vorne die erste Runde der Verhandlung. Denn ebenfalls gestern wurde der Entscheid des Bundeskartellamts öffentlich, demnach eine Highlight-Verwertung im Internet ab 19 Uhr bei gleichzeitiger Free-TV-Verwertung erst ab 21.45 Uhr möglich wird. Bei so einem Verwertungs-Modell bliebe die ARD-Sportschau ohne Bilder vom Fußball.

Wie positioniert man sich in Verhandlungen? Man besinnt sich auch hier zunächst einmal auf das Zwischenmenschliche und macht dem Lieblingspartner schöne Augen. Da lobte also Heribert Bruchhagen den Pay-TV-Anbieter Sky in höchsten Tönen dafür, durch die samstägliche TV-Konferenz der Fußballspiele die Familien als Zuschauer der Fußball-Bundesliga gewonnen zu haben. Ich hatte immer gedacht, das mit den Familien und dem Fußball sei eine Idee in den 90ern gewesen. Neue Stadien brachten neue Zielgruppen. Aber eigentlich sind solche Überlegungen auch egal, weil Heribert Bruchhagen gegenüber dem ebenfalls anwesenden ARD-Sportkoordinator, Axel Balkausky,  nur die enge Verbundenheit der DFL mit Sky zeigen wollte. Das lief anders als mit Bruno Hübner. Da wurde dieses Mal nicht heimlich sondern vor allen Augen mit dem anderen Partner geflirtet. Das steigert die eigene Attraktivität ungemein. Heribert Bruchhagen hat´s echt drauf, und denkt natürlich an so etwa wie „Freunde bleiben wollen“, wenn er über die Sportschau redet und die ARD in höchsten Tönen für die vergangene Zeiten lobt. Aber wer weiß, vielleicht erweist sich die alte Braut doch noch als die bessere Partie, wenn sie erstmal noch genauer ihre Besitztümer bilanziert hat.

Schließlich geht es um die Frage, wer soll das viele Geld bezahlen, das nach Meinung der DFL die Fußball-Bundesliga als „Premiumprodukt“ wert ist. Verwertungsrechte findet auch Yahoo interessant. Dort will man durch die Erfahrung aus den USA und Großbritannien gestärkt aus der im Internet  bislang „schwach aufgestellten Fußball-Bundesliga“ ein besseres Internet-Angebot machen. Immer nur, wenn es sich rechnet. Doch wenn selbst kaum ein TV-Sender die bislang verlangten Geldsummen refinanzieren kann, halte ich es doch für sehr unwahrscheinlich, dass durch den  Verbreitungsweg per Internet und Smartphone-Applikation das entsprechende Geld verdient wird. Doch diese Einnahmen müssen sein, wenn die Liebe zur ARD als Rechteverwerter nurmehr noch glimmt.

Ich habe den Raum nach der Veranstaltung schnell verlassen. Ich musste einen Text schreiben, und heute dann noch diesen hier. Ich merke, das hat meinem Verhältnis zu Heribert Bruchhagen ganz gut getan.

So ignoriert Der Westen journalistische Grundsätze

Es geht hier nicht um starke Meinungen. Deshalb geht es auch nicht um ein Urteil zu dem Text eines Journalisten.  Es geht um das Arbeiten im WAZ-Konzern. Der Text eines WAZ-Journalisten über Florian Fromlowitz sorgte gestern nach seiner Veröffentlichung auf Der Westen unter MSV-Fans für Empörung. Betitelt wurde er mit Fromlowitz ist für den MSV keine Verstärkung“. Darüber steht in kleinerer Type „Contra“. Was dem Titel in anfänglich gönnerhaftem Ton folgt, verärgerte viele, die sich über die Verpflichtung von Florian Fromlowitz freuen. Der Ton macht bekanntermaßen die Musik.

Auch ich habe beim Lesen gestutzt, und das Ganze sofort abgehakt unter dem Motto, da nimmt sich einer aber ziemlich wichtig. So wichtig, dass er meint, MSV-Fans zurechtweisen zu können. Als ob da einer Meinungshoheit herstellen will. Wo kommt der her? Über den MSV Duisburg schreibt dieser Journalist ja normalerweise nicht. Wenigstens, so dachte ich, legt er ein Argument für seine starke Meinung vor. Ganz versunken im Sumpf der Journalisteneitelkeit ist er also noch nicht.

Nun finde ich heute morgen im MSVportal eine Erklärung für diesen Text, die den Journalisten zunächst frei spricht von Schuld am aufgekommenen Ärger und einmal mehr zeigt, wieso das Einhalten von Qualitätsstandards das einzige Mittel für die Lokalpresse ist, ihre Leser zu halten. Dieser Text über Florian Fromlowitz wurde eigentlich als Teil eines Pro und Contra für die Printausgabe des RevierSports geschrieben. Weil die RevierSport wie Der Westen zum WAZ-Konzern gehört, werden da gerne Texte hin- und hergeschoben. Je niedriger die Kosten für Inhalte eines Mediums desto besser. Warum nun der Pro-Text zur Fromlowitz-Verpflichtung nicht mitgeschoben wurde, weiß ich nicht. Ich weiß aber, ohne diesen Pro-Text verändert sich die Bedeutung des Contra-Textes.

Mancheiner wird das für eine Marginalie halten, für mich ist es ein Symptom des Qualitätsstandards, der im WAZ-Konzern bei journalistischen Produkten im Moment angelegt wird. Wir sehen, diese Qualitätsfrage kann der einzelne Journalist keineswegs für sich alleine entscheiden. Die Journalisten werden sicherlich versuchen, ihr Bestes zu tun. Der WAZ-Journalist hat auf Kommentare der Leser ebenfalls in den Kommentaren geantwortet. Und anscheinend ist er sich gar nicht darüber im Klaren, dass mit dem Mediumswechsel sich auch die Bedeutung seines Textes verschiebt. Vielleicht ist er ein junger Journalist, und es gehörte zu den Aufgaben der verantwortlichen Redakteure sich über solche Fragen Gedanken zu machen. Haben diese Redakteure Zeit dazu?

Die Auflagen der Zeitungen des WAZ-Konzerns sinken. Die Qualtität des Produkts ist vor allem anderen die Voraussetzung Verluste an Lesern aufzuhalten. Diese Qualität beweist sich eben auch dann, wenn es um das Wissen geht, wie journalistische Texte in welchen Zusammenhängen wirken. Wenn Texte beliebig hin- und hergeschoben werden, macht mich das skeptisch, ob in dem Konzern sich jemand über den Zusammenhang von Form und Inhalt in Zukunft noch Gedanken machen wird. Der Journalist kennt diesen Unterschied anscheinend nicht, vielleicht hat er aber auch von dem Hin- und Herschieben gar nichts mitbekommen. In seinem Kommentar zu den Leserkommentaren verweist er jedenfalls nur auf sein Recht auf Meinung. Ich denke, da lässt ihn seine Redaktion ins offene Messer laufen. Aber vielleicht findet dieses Verschieben der Texte im WAZ-Konzern auch niemand weiter problematisch. Ich möchte das nicht gerne glauben. Vielleicht hat auch niemand Zeit, sich um solche Fragen zu kümmern, und der Teufelskreis von Sparmaßnahme und Auswirkung auf das journalistische Produkt zeigt Wirkung. Für den Leser sind solche Überlegungen letztlich egal. Wenn das Wegbrechen der journalistischen Standards die Zukunft seiner Zeitung wäre, vergisst er sie zurecht.


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