Archive for the 'MSV Duisburg' Category

Felix! Der vom Glück begünstigte und erfolgreiche

Irgendwie ist mir bei dem Leihgeschäft mit Felix Wiedwald nach alter Spruchweisheit à la „man muss die Feste feiern, wie sie fallen“. Das gilt es jedenfalls mal festzuhalten: Felix als Vorname mit Wurzeln im Lateinischen bedeutet ja „vom Glück begünstigt“, „glücklich“ oder „erfolgreich“. Andererseits wäre Felix Wiedwald nun nicht beim MSV, wenn dieser Name schon seine prägende Kraft für die Wiedwald-Karriere vollends gezeigt hätte.

So gibt es neben den Zusammenstellungen seiner besten Paraden wie im folgenden Clip auch jene Clips von enttäuschten Fans in England, die seine Patzer dort zusammenstellten. Uns interessiert natürlich nur das Beste vom Guten wie diese Aktion unten ab Min. 0.29.

 

Wie soll ich nun sagen? Auf die Verpflichtung eines weiteren Torhüters haben wohl die wenigsten von uns als erste Transferaktivität in der Winterpause gehofft. Sehr viel mehr als ungünstig platzierte Freistoßmauern und den einen Meter zu weit stehen vor der Torlinie haben uns ja in den letzten Spielen die vergebenen Torchancen beschäftigt.

Allerdings erinnert Felix Wiedwald an das Wiedererstarken des MSV unter Kosta Runjaic.  Er erinnert an vorsichtige Hoffnungen auf kontinuierliche Weiterentwicklung des Kaders. Er kommt mit einer Aura des Zebra-Erfolgs zum MSV. Zudem hat er dem MSV bei Youtube zu millionenfachen Klickzahlen verholfen. Der Schiedsrichter im Pokalspiel gegen den Karlsruher SC war seinerzeit so verunsichert, dass er Felix Wiedwald nach dem Führungstreffer des KSC kurz vor dem Schlusspfiff die rote Karte zeigte. Damals dachte ich, der gute Ruf von Felix Wiedwald sei gefährdet, weil die Print-Kollegen den Schiedsrichter tatsächlich ernst genommen hatten. Heute zeigt sich, die Fußballwelt war sich im Unverständnis mit den Spielern des MSV und uns auf den Rängen einig.

Willkommen zurück, Felix Wiedwald. Auf die Aura des Klassenerhalts, die du mitbringst!

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Alles Gute für 2019 mit Big Data von 2018!

Zwar war Der Stig in diesem Jahr im Zebrastreifenblog als Autor nicht präsent, doch lässt er es sich nicht nehmen, in Duisburg wieder Silvester zu feiern. So können wir euch wieder zu dritt ein frohes neues Jahr zurufen. Ralf, Der Stig und ich als Belegschaft im Zebrastreifenblog wünschen euch alles Gute. Fußballer und Verantwortliche im Verein unserer Zuneigung bekommen von diesen Wünschen wieder einen großen Sack abgepackt. Auf dass die Familie der Neururer-Unken möglichst bald wieder das Gegenteil von dem unken kann, was gerade in der Pott-Welt von ihnen über den MSV zu lesen ist. Wir ersparen uns die Details.

Wie in den Jahren zuvor verbindet sich mit den Wünschen für das neue Jahr der Blick zurück auf die meistgelesenen Texte des letzten Jahres. Im Zebrastreifenblog gibt es seit dem letzten Jahr Beiträge außer Konkurrenz. Denn über mehrere Jahre belegten die Fußballtorten aus Dortmund Platz 1 und 2 der meist gelesenen Texte des Jahres. Wahrscheinlich gab es 2018 für BVB-Anhänger weniger Frustessen mit Süßkram. Denn nur noch Folge eins der zwei Beiträge ist dieses Mal vorne mit dabei. Statt Zucker brachte der sportliche Erfolg des BVB im letzten Jahr den Anhänger-Flow. Nur noch Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge VI – Borussia Dortmund bekommen eine namentliche Erwähnung.

Die Texte auf Platz 5 und Platz 4 zeigen, wie groß in der letzten Saison unsere Abstiegsangst war, wie wir versuchten sie in Schach zu halten und welch Feier der Klassenerhalt zwei Spieltage vor Saisonschluss gewesen ist. Platz 5 belegt der Spielbericht vom 4:1-Heimsieg gegen Jahn Regensburg am 32. Spieltag: Das Abschiedsspiel für den Tabellenrechner brachte den Klassenerhalt.

Auf Platz 4 landete Soll und Haben beim Tabellenrechner – 31. Spieltag. Der Tabellenrechner ist mein bewährtes Hausmittel gegen Abstiegsangst. Frühzeitig versuche ich mit ihm meine Nerven und die des MSV-Umfelds zu beruhigen, indem ich den Klassenerhalt bei möglichst schlechten Ergebnissen für den MSV errechne. Ich befürchte, auch in der laufenden Saison werden wir auf den Tabellenrechner nicht verzichten können.

Auf Platz 3 findet sich der Spielbericht zum sensationellen Auswärtssieg gegen den 1. FC Köln: Wie? Ihr steigt auf und wir steigen ab.. Der MSV gewann als Tabellenletzter beim Tabellenführer mit 2:1.

Seit dem letzten Jahr schickt Google viele Leser zu mir, die wissen wollen, warum die Bielefelder Alm so heißt, wie sie heißt. Wenn das so weiter geht, wird auch dieser Text bald außer Konkurrenz im Zebrastreifenblog vertreten sein, auf Platz 2: Das ist mal eine Anekdote über die Bielefelder Alm. Den Text habe ich schon 2010 geschrieben, als mir die Anekdote zur Namensgebung auf der Arminia-Seite beliebig und langweilig vorkam. Mit Dokumenten belegt ist die Geschichte dort ebenso wenig wie meine Geschichte.

Auf Platz 1 befindet sich ein Text, in dem es um politische Haltung im Stadion ging. Beim Auswärtsspiel in Darmstadt wurde die Zaunfahne der Faninitiative „Zebras stehen auf“ vom Zaun herunter gerissen. Die Faninitiative Zebras stehen auf engagiert sich für ein Stadion ohne Rassismus und Diskriminierung. Wie so oft gibt es eine öffentliche Erzählung von dem, was geschehen ist, und eine, bei der in der Fanszene um Deutungshoheit gerungen wird, wer vor Ort welche Verantwortung für Handgreiflichkeit zu tragen hatte. Bezogen auf die öffentliche Erzählung entstand: Zebras stehen auf und bleiben standhaft.

Und nun der Blick nach vorn: Der Stig, Ralf und ich, wir werden auch 2019 einen Teil unserer Arbeitszeit mit dem Zebrastreifenblog verbringen. Wahrscheinlich wird es aber nicht mehr zu jedem Spiel einen Spielbericht geben. Wer hier regelmäßig liest, weiß, ich habe das Gefühl, auf meine Weise habe ich das meiste über ein Spiel des MSV schon einmal geschrieben. Ich will mich aber nicht wiederholen und auch keine normale Sportberichterstattung betreiben. Der Mäzen für meine Spieltagslyrik hat sich zudem noch nicht gefunden. Also, ich muss mal sehen, mit welchen Themen ich mich bei weniger vorhandener Zeit hier beschäftige.

Nun auf ins neue Jahr! Wir sehen uns im Stadion, wir lesen uns und wissen hoffentlich schon bald den MSV auf einem sichereren Weg zum Klassenerhalt als in der Hinrunde der Saison.

Dänen lügen nicht über den Hinrundenabschluss gegen den HSV

Die letzten vier Mannschaften der Zweiten Liga arbeiten an einem neuen Rekord des MSV Duisburg. Vermutlich werden die Zebras am Ende der Saison 2018/2019 nicht nur der erste Verein an der Tabellenspitze mit einem negativen Torverhältnis gewesen sein. Der MSV Duisburg wird nach der Saison auch der erste Verein der Bundesligageschichte sein, der mit nur 26 Punkten den Klassenerhalt sichert. Danke Sandhausen, danke Ingolstadt, und danke Magdeburg in spe – hoffe ich jedenfalls im Vertrauen auf den FC. Ich möchte allerdings lieber schon recht früh in der weiteren Saison absehen können, dass der MSV diesen Rekord verfehlen wird und zwar nicht, weil nach Erreichen von 25 Punkten nicht mehr gewonnen wird.

Zur Niederlage brauche ich einmal mehr nicht viel zu schreiben. Allerorten findet sich dieselbe Wertung der 2:1-Niederlage des MSV gegen den Hamburger SV. Die Zebras wurden schwindlig gespielt in den ersten Minuten. Dann kamen sie besser ins Spiel. Mitgehalten. Tödlicher Pass für die eigene Abwehr durch Fröde. Schneller Ausgleich nach Eckball, schnelles Glück, schnell verweht. Durch erwartbares Freistoßtor aus jener Entfernung. Ausgleichschancen. Vergeben. Stoppelkampf mit der größten Chance. Fröde schlecht, Souza schlecht. Sukuta-Pasu richtig gut. Gelungener Notbehelf durch Aufstellungsüberraschung mit Wiegel als Innenverteidiger. Regäsel und Seo als Außenverteidiger waren für mich angesichts dieser sehr guten HSV-Offensive ebenfalls in Ordnung. Albutat verbesserte das Mittelfeldspiel in Halbzeit 2. Blöde gelb-rote Karte, aber was macht der Hamburger überhaupt in der Nähe des Balles beim Freistoß? Da fiel der Schiedsrichter schon auf dessen Schauspielerei rein. Das meiste davon gelesen.

Eigentlich hätte deshalb der ehemalige Zebrastreifenblog-Hospitant aus Aarhus, Der Stig, heute schreiben müssen. Denn er ist ja Harmonie-Allergiker. Er ist immer für eine polternde Meinung gut. Doch noch ist er nicht wieder zurück in Deutschland. Vielleicht schafft er es im neuen Jahr, im Zebrastreifenblog regelmäßig zu schreiben. Am Telefon hat er jedenfalls sofort losgeschimpft, was denn dieser Blödsinn solle, diese resignative Zufriedenheit nach der Niederlage. Auch diese Niederlage sei doch bezeichnend für den Tabellenstand. Ob jetzt einer gegen den HSV aus kurzer Entfernung über das Tor schießt oder gegen Heidenheim, das sei doch vollkommen egal. Drüber sei drüber. Und wenn gegen den HSV bei solchen Chancen nicht getroffen werde, wie solle das dann gegen Dresden geschehen.

Ich habe versucht, ihn zu bremsen, weil es doch auch um den Aufwand ginge, sich solche Chancen bei einer so guten Mannschaft wie dem HSV überhaupt zu erarbeiten. Eben, sagt der zu mir. Gegen Dresden wird es wieder noch weniger Torchancen geben. Außerdem könne er kotzen, wenn da auf dem Platz das Spiel eingestellt wird, sobald da einer der Meinung ist, der Schiedsrichter hätte pfeifen müssen. Fehlpass und reklamieren, so ein Mist. Der Stig, wie man ihn kennt. Ich glaube, wenn er mal wieder hier schreibt, muss ich vorher prüfen, ob das den Zebras überhaupt hilft. Die Kleinigkeiten, die entscheiden, ihr wisst schon.

Obwohl Duisburg auch schöne Ecken hat

Lobende Worte findet der Trainer des Hamburger SV Hannes Wolf für die Spielanlage des MSV. Die Duisburger wollten wie die Paderborner „kicken“, verfolgten also einen spielerischen Ansatz. Gegen Duisburg sei es unbequem zu spielen, und die hohen Niederlagen der beiden letzten Spiele würden klarer aussehen als sie sind. Der MSV hätte vor den ersten Toren der Gegner jeweils viele Chancen gehabt in Führung zu gehen und die Chancen nicht genutzt. Interessant ist die andere Perspektive auf ein Wissen, das wir in Duisburg ja teilen. Für Hannes Wolf stellen die Chancen eine potentielle Gefahr dar. Für uns in Duisburg sind Chancen eng verbunden mit Versagen und Fehlern. Ich denke in dem Fall nicht einmal nur an die gegenwärtige Saison.  Ich denke sofort auch an die ersten Spiele der letzten Saison. Hoffen wir, dass der MSV heute Abend trotz all der Spielerausfälle den Erwartungen von Hannes Wolf in der Spielweise entspricht und die Hamburger es eben nicht nur nicht verhindern können, dass auch mal ein Ball in die „Box“ kommt, sondern diese Bälle auch ins Tor geschossen werden.

Die Pressekonferenz illustrierte zudem kurzzeitig das allgemeine Ringen um die Identität des Ruhrgebiets. Dem Dortmunder Hannes Wolf wurde die Frage gestellt – ab Minute 4.05, was so ein erstes Spiel mit dem HSV in der Heimat mit ihm „als Kind des Ruhrgebiets“ mache. Für den Journalisten war es also überhaupt keine Frage, dass das Ruhrgebiet als Ganzes Heimat eines Dortmunders ist und damit auch die anderen Städte der Region. Hannes Wolf überraschte die Frage. Seine etwas längere Antwort ist beispielhaft für das Verhältnis von vielen Ruhrstädtern zur Stadtlandschaft. Seine spontane Reaktion ist Abwehr, auch wenn er zunächst einlenkend zustimmt, das Ruhrgebiet sei seine Heimat. Aber Duisburg sei das nicht, sofort schließt er aber auch an, „obwohl Duisburg auch schöne Ecken hat“. Seine Antwort ist typisch Ruhrpott, klarstellen, aus welchem Teil dieser Region man stammt, nur das weckt die besonderen heimatlichen Gefühle und dann in einem Atemzug das Ruhrgebiet als Ganzes vorab verteidigen. Er bezieht sich also auf ein vermutetes Bild vom gesamten Ruhrgebiet. Einmal mehr stelle ich mir vor, welche Kraft sich entwickelte, wenn dieser Heimat-Begriff einmal mit all seinen Facetten auf die gesamte Region angewendet würde.

 

Von Wiederholung und fehlender Gier

Über Niederlagen des MSV Duisburg habe ich alles schon einmal gesagt. So kommt es mir vor. Ich habe geschaut, ob sie uns etwas über das wirkliche Leben erzählen. Manchmal sind mir zumindest unterhaltsame Worte gelungen. Nun fällt mir nach der 1:4-Niederlage gegen den 1. FC Heidenheim nichts ein, was nicht offensichtlich ist. Ich muss diese Niederlage nicht noch einmal nacherzählen, so klar ist ihr Verlauf erkennbar. Es müsste etwas über den sportlichen Verlauf hinaus erzählt werden. Ich habe das Gefühl, ich müsste mich wiederholen. Ich möcht mich nicht wiederholen. Es reichen wenige Sätze.

Eine gute Leistung in der ersten Halbzeit verhindert nicht den 1:0-Rückstand. Ein einziger langer Ball bringt die Heidenheimer Führung. Vor diesem langen Ball hatte ich die ganze Zeit Angst, vor diesem langen Ball und den Folgen. Denn es ist momentan sehr unwahrscheinlich, dass die Zebras einen Rückstand ausgleichen. Könnte diese Mannschaft einen Rückstand leicht ausgleichen, wäre sie schon vorher längst in Führung gegangen. Das klingt paradox. Das ist die Wahrheit. Das sind normale Spielverläufe in dieser Saison. Die Mannschaft spielt passabel, dennoch gibt es nur wenige Torchancen. Die wenigen Torchancen werden meist vergeben. Ein Gegentor kann immer fallen. Das Gegentor führt zu vermehrten Offensivbemühungen. Ein zweites Gegentor wird noch wahrscheinlicher.

Leise Sorgen beschleichen mich nun, wenn ich Thorsten Lieberknecht auf der Pressekonferenz nach dem Spiel von fehlender „Gier“ sprechen höre. Das klingt für mich wie ein verkleideter Verzweifelungsschrei. Thorsten Lieberknecht war nach dem Spiel enttäuscht und verärgert. Er ist nicht der erste Trainer Deutschlands, der von fehlender Gier spricht. Mir ist dieses Wort aber suspekt, auch wenn es inzwischen Eingang in die Fußballersprache gefunden hat. Bewusst wahrgenommen habe ich es das erste Mal, als Markus Babbel davon sprach. Schon damals habe ich mich gefragt, ob er auch seine Kinder zu so richtiger Gier auffordern würde. Eine Tugend ist diese Gier definitiv nicht.

Darüber hinaus zweifel ich, ob so eine Gier geeignet für eine konstruktive Analyse ist. Mir kommt es nicht so vor, als führte fehlende Gier zu dem Gefühl von Daniel Mesenhöler und Lukas Fröde, dass an den langen Pass in den Duisburger Strafraum kein Heidenheimer Spieler mehr herankommt. Mir kommt es nicht so vor, als führte fehlende Gier zum zweiten Tor der Heidenheimer. Mir kommt es nicht so vor, als führte fehlende Gier dazu, dass Andreas Wiegel den Ball im Strafraum spielen will und nicht mitbekam, dass ein Heidenheimer Spieler an ihm noch vorbeiläuft, so dass er statt des Balls dessen Beine berührt. Mir kommt es nicht so vor, als bräuchte John Verhoek mehr Gier, um aus sechs Metern einen scharfen Pass ins Tor zu schießen und nicht weit darüber. Das hat dann doch mehr mit der Fußhaltung, also mit Technik, zu tun und nicht mit dem Einsatzwillen. Mir kommt es auch nicht so vor, als könne mehr Gier die Balance herstellen zwischen defensiver Stabilität und Offensivkraft.

Die fehlende Gier wird wahrscheinlich in Zusammenhang gebracht mit dem berühmten Meter mehr, der gelaufen werden muss. Die Gegentore fielen nicht wegen mangelnder Laufbereitschaft. Die Torchancen blieben ohne Erfolg doch nicht, weil der Einsatz gefehlt hat. Im Grunde ist dieses Beklagen der fehlenden Gier nichts anderes als ein emotionales Aufschreien nach dem Motto „jetzt macht doch mal was“. Die Spieler machen die ganze Zeit etwas. Sie suchen den Erfolg im Rahmen ihrer derzeitigen Möglichkeiten. Es ist eine Frage der Persönlichkeit, ob ein Trainer pragmatisch wie Ilia Gruev mit einer Mannschaft umgeht oder emotional wie Thorsten Lieberknecht. Die Probleme, vor denen Thorsten Lieberknecht steht, sind dieselben geblieben wie die, die Ilia Gruev bewältigen musste. Ein Trainer kann seine Vorstellung von einem Spiel nur auf den Möglichkeiten der einzelnen Spieler aufbauen.

Verhoeks versteckte Kopfballstärke

Als Akutmaßnahme gegen Niederlagenschmerz war meine 5:1-Sieg-Fantasie für das Spiel gegen Heidenheim am letzten Sonntag  notwendig, als Einschätzung für den Spielverlauf morgen wirkt sie mit etwas Abstand vielleicht etwas zu optimistisch. Mein realistischer Freitagsblick sieht eine Krankmeldung nach der anderen beim MSV. Mein Realismus rät mir, nur noch auf knappe Siege zu hoffen. Vor allem hoffe ich dazu aber auf eine bislang noch nicht sehr offensichtliche Stärke von John Verhoek, die im Spiel gegen seinen Ex-Verein sich bemerkbar macht. Heidenheims ehemaliger Mannschaftskollege Marc Schnatterer kennt sie noch, so ist im Interview mit den Funkes zu lesen. Dass John Verhoek über die Schmerzgrenze hinaus für die Mannschaft alles gibt, habe ich in Duisburg auch schon gesehen. Doch seine Kopfballstärke, die ihn auszeichne? Das wäre mir jetzt nicht spontan eingefallen. Vielleicht war diese Kopfballstärke nicht erkennbar, weil zu ungenau in den Strafraum geflankt wird oder anders, als er es bis dahin kannte? Manchmal brauchen Stärken besondere Zusammenhänge. Manchmal müssen Stärken aber auch nur wieder entdeckt werden, gerade dann, wenn sie die ehemaligen Mannschaftskollegen fürchten.

17 Anmerkungen zum Spiel des MSV gegen Kiel, die die Welt noch nicht gelesen hat

  1. Der MSV ist ein Traditionsverein auch deswegen, weil die Ergebnisse der Zebras nach alten Anhängerregeln vorhersagbar sind. Noch unsere Urenkel werden sich an den von Generationen geprüften blau-weiß-gestreiften Fußballwahrheiten erfreuen. So wussten die meisten von uns vor dem Spiel: Lockt ein Sprung in der Tabelle, folgt die Niederlage auf der Stelle. Aber auch Regen an Siebenschläfer ändert nichts daran, dass wir auf Sonnenschein im Sommer hoffen.
  2. Unser Gedächtnis funktioniert nicht als Archiv von unveränderbaren Fakten. Jedes Erinnern birgt zugleich die Möglichkeit zur Veränderung des Erinnerten. Wenn ich die 0:4-Heimniederlage gegen Holstein Kiel mit Worten wiederhole, könnte ich sie so erzählen, dass ich die Niederlage viel angenehmer im Gedächtnis behalte, als ich sie gestern erlebt habe. Noch weiß ich nicht, wie mir das gelingen soll.
  3. Anders ist es mit meiner Laune, die ich nicht von meinen Erinnerungen abhängig mache. Schon im Stadionbus habe ich mir einen 5:1-Auswärtsieg gegen Heidenheim vorgestellt. Ich hatte sogleich bessere Laune.
  4. In der ersten halben Stunde des Spiels haben wir über die Gedankenschnelligkeit und Spieltempo der Zebras gestaunt. Die Mannschaft wollte ein Tempo aufnehmen, dass wir im Duisburger Stadion fast immer nur von den anderen Mannschaften sehen. Die Niederlage erklärt vielleicht warum.
  5. Das frühe, sehr hohe Pressen mit mindestens drei Spielern bereitete den Kielern Schwierigkeiten bei ihrem üblichen Spielaufbau. Ich sah zugleich den riesigen Raum in der Hälfte des MSV, der zwangsläufig entstehen musste und fürchtete jeden Ball in der Nähe der Mittellinie. Doch der MSV beruhigte mich. Ich vertraute der Mannschaft immer mehr.
  6. Trotz schnellem Kombinationsspiel, trotz schnellem Umschalten, trotz Erobern zweiter Bälle kam der MSV nicht zu wirklich gefährlichen Torchancen.
  7. Ich rege mich nicht über den ausgebliebenen Elfmeterpfiff auf. Ich glaube nicht, dass das Spiel ein anderes geworden wäre, wenn der MSV mit einem Tor durch den Elfmeter in Führung gegangen wäre. Ich glaube deshalb nicht daran, weil die Kieler sehr viel mehr auf ihr Spiel vertraut haben als es dem MSV möglich war. Die Kieler hätten ihr Spiel unabhängig von diesem Gegentor weiter spielen können. Ein Gegentor hätte nichts an dem Bemühen der Kieler verändert, zu ihren Automatismen zu finden.
  8. Es war klar, der MSV wird nicht die Kraft besitzen, das hohe Pressen auch in der zweiten Halbzeit zu spielen. Wie sollte es weiter gehen?
  9. Der MSV lag für mich schon zum Ende der ersten Halbzeit einmal für kurze Zeit im Rückstand. Ein rasend schneller Konter der Kieler, ein freier Schuss, der Ball hätte im Tor sein müssen.
  10. Dennoch erfreuten wir uns noch in der Halbzeitpause an einem guten Zweitligaspiel. Wir freuten uns über einen MSV, der beim Kieler Tempo mithalten konnte. Wir machten uns keine Gedanken über die zweite Halbzeit. Keine. Das war auch gut so. Das Leben im Moment macht zufrieden.
  11. Das zufriedene Gefühl der Halbzeitpause wich nach dem Wiederanpfiff dem Abwarten. Beide Mannschaften begannen zurückhaltender. Es schien so, als ob alle Spieler nun allmählich dachten, um Fehler, also ein Gegentor, zu korrigieren, bleibt immer weniger Zeit.
  12. Dem reibungslos ablaufenden Kieler Konter nach eigenem Freistoß war das Tor schon kurz nach der Mittellinie anzusehen. Im Konter selbst barg sich für mich schon das Bild des Tores, das ich am Ende nur noch bestätigend akzeptieren musste.
  13. Das Tor der Kieler ließ alle Dämme in der MSV-Defensive brechen. Schon beim nächsten Angriff herrschte ein heilloses Durcheinander bei den Spielern und nur im letzten Moment konnte das 0:2 verhindert werden. Es sah so aus, als könne das Spiel mit vielen Toren enden, und keines dieser Tore werde der MSV erzielen.
  14. In der Offensive gelang dem MSV nichts mehr.
  15. Ich gehe nicht vor dem Schlusspfiff, auch wenn der MSV chancenlos ist und der Gegner immer weiter Tore schießen möchte.
  16. Vier Gegentore in einer Halbzeit bleiben nur dann stimmungstötend, wenn einem für einen 5:1-Sieg in Heidenheim die Fantasie fehlt.
  17. Bier auf dem Weihnachtsmarkt statt Glühwein hilft bei der Stimmungsaufhellung übrigens auch.

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