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Bundesliga, ich komm‘ aus dir – Lesung Dinslaken MSV Fußballfibel – 14. Juli, 20 Uhr

Sicher, man kann sich entscheiden, ob man jetzt jeden unbedingt regelmäßig sehen muss. Mancher bricht ja sogar den Kontakt zu den Eltern ab. Aber sie bleiben deine Eltern. Der du bist, bist du auch durch sie. Neben vielem anderen. So ähnlich geht es mir mit dem MSV.

Ralf Koss alias Kees Jaratz: Fußballfibel – MSV Duisburg, Culturcon medien, 2022

Am Donnerstag vor dem ersten Zweitligaspieltag lese ich aus der Fußballfibel – MSV Duisburg im Schnierstrax, Eppinghofer Straße 21 bei freiem Eintritt in Dinslaken. Das scheint mir die Behauptung zu rechtfertigen, der MSV und ich eröffnen die Fußballsaison 2022/23 am 14. Juli um 20 Uhr.

Hier der Link zur Veranstaltungsankündigung bei Facebook.

Bundesliga, ich komm‘ aus dir

Was Ralf Koss in der „MSV Duisburg Fußballfibel“ von Fußballspielen, Auswärtsfahrten mit Freunden und verloren geglaubten Spielen erzählt, stößt bei Fans aller Vereine eigene Erinnerungen an. Dabei heißt es, kein Verein in Deutschland verschafft seinen Anhängern mehr Aufregung als der MSV Duisburg. Was ein Datenspezialist mit komplizierter Formel errechnete, weiß der Schriftsteller seit jeher. Die Dauerkarte kennt Ralf Koss noch als Abrissblock während der 1970er Jahre. Damals hielt er die Zebras als Teilnehmer im UEFA-Pokal für unabsteigbar. Er feierte die Erfolge vom Lienen- und Funkel-Fußball der 90er ebenso, wie er später skeptisch auf das Wirken von Walter Hellmich schaute. Nun erzählt er in der „Fußballfibel MSV Duisburg“ die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte seines Lebens mit dem Herzensverein. Seine Erlebnisse und Erinnerungen geben Duisburg und dem Ruhrgebiet Kontur. Ein Fußballbuch, das zum Portrait der Region wird.

Der MSV zwischen Fantreue und Kundenbindung

Der höherklassige Fußball in den anderthalb Saisonjahren der Pandemie zeigte sich beeindruckend klar als Wirtschaftssegment der Unterhaltungsindustrie. Für mich ähnelten Fußballspiele in den Monaten ohne Zuschauer Filmprodutionen. Ich konnte mir auch einen Fußball vorstellen, bei dem Zuschauer nicht mehr über Sieg oder Niederlage sprechen, sondern über Performance, Ausstrahlung und gelungenem Auftritt. Ein Verein wäre dann wie ein neues Musikstück, das gefällt oder auch nicht. Man zappt rein und wieder raus, wenn es langweilt. In dieser Logik gibt es die Blockbuster in der Champions League Endrunde, die man gesehen haben muss. Es gibt die Ballkünstler, die demnächst in einer neuen Arena ihren Auftritt haben.

Wer seinen Lieblingsverein in dieser medialen Distanz wahrnimmt, verändert seine Haltung zum Fußball. Entsprechend verändert sich dessen kultureller Gehalt und sein sozialer Wert. Vor dem Fernseher geht es im Fußballspiel vor allem um den Auftritt von elf hochbezahlten Fußballartisten. Es gibt keinen weiteren Sinn, der über den Moment hinausweist. Sportlich gesehen reduziert sich der Auftritt auf das Gewinnen und Verlieren. Daneben gibt es an die Unterhaltungsbranche gerichtete Bedürfnisse von Konsumenten. Der kulturelle und soziale Wert des Fußballs für eine Stadt verliert sich. Letztere entstehen erst, wenn Zuschauer das sportliche Geschehen vor Ort in der Gemeinschaft erleben. Es enststeht durch gemeinsame Erfahrung im Stadion, aber auch durch gemeinschaftliches Handeln danach in Gruppen, die sich erst durch den Besuch des Fußballspiels gebildet haben.

Zumindest für die führenden Wirtschaftsunternehmen im Fußball eines Landes, die wir gemeinhin noch Vereine nennen, gibt es also inzwischen zwei Zielgruppen. Schließlich können Menschen weiterhin Fußballspiele auch vor Ort erleben. Am Dienstag stieß ich bei der Süddeutschen Zeitung in der Berichterstattung über DFB-Aktivitäten rund um den Markenname „Die Mannschaft“ auf einen Satz, der in Kürze diese zwei Zuschauergruppen des Fußballs beim Namen nennt: „Dazu zählt insbesondere eine repräsentative Umfrage des Nürnberger Unternehmens SLC Management unter 5300 Fans und Kunden der Fußball-Bundesliga“. Der Artikel selbst ist dabei gar nicht wichtig, auch wenn der konstruierte Markenname einer Nationalmannschaft natürlich ein weiterer Beleg für den Fußball als Segment der Unterhaltungsbranche ist.

„Fans und Kunden“ – Bei Kunden kümmert sich der Fußball um Markentreue. Bei Fans um noch Emotionaleres. Dass das heute in vielen Vereinen Liebe genannt wird, ohne den Zusatz „Vereins“, verweist nur auf die Widersprüche dieses Sports. Denn natürlich steckt in der einen Zuschauergruppe auch jeweils etwas von der anderen. Wenn Kunden bei Misserfolgen fernbleiben, führt dieser zugleich zwischen Fans und Verein zu Verwerfungen. Gerade dann spielt auch für Fans der wirtschaftliche Erfolg als Mittel zum sportlichen Erfolg eine Rolle. Auch Fans beschäftigen sich dann etwa mit Fragen des Marketings und beklagend mangelnde Zuschauerbindung.

Wo aber steht der MSV in diesem Wirtschaftssegment? Denn die Gesetzmäßigkeiten der Branche schlagen ja auch auf die Vereine durch, die kaum „Kunden“ unter ihren Zuschauern haben, sondern fast auschließlich emotional gebundene Fans. Für einen Verein wie den MSV ist es nun deshalb so schwierig, weil auch Fans in ihrem Denken den Unterhaltungsbetrieb Fußball verinnerlicht haben. Servicebereitschaft, die Ansprüche an öffentlichen Auftritt, Kommunikation und professionelle Ansprache, Sponsorensuche – all das wird neben dem eigentlichen Sport eingefordert.

Seit dem Zwangsabstieg 2013 klopfte der MSV in der Unterhaltungsbranche Fußball mit ihrem sehr viel stärkeren Zugriff auf „Kunden“ zweimal an. Der Verein insgesamt tritt so auf, als gehöre er ihr an. Seine gesamte Infrastruktur verlangt wegen der Kosten sogar nach dieser Zugehörigkeit. Aber letztlich stand er bislang nur am Rand zur Probe dabei. Für mich steht seine Identität genau auf der Grenze zwischen einem Wirtschaftsunternehmen der Fußballbranche und dem Verein mit starkem lokalen Bezug.

Wenn in Zeiten des Misserfolgs nach mehr Professionalität gerufen wird, dann verweist das meiner Ansicht nach nur auf einen nicht einfach zu bearbeitenden Widerspruch, mit dem Verein und Fans umgehen müssen. Einerseits macht den MSV die starke lokale Bindung aus. Seine Anziehungskraft entwickelt er, gerade weil er aus dem Inneren der Stadtgemeinschaft heraus Unterstützung findet. Die Wege sind kurz, die Menschen kennen sich, man möchte gemeinsam etwas Gutes tun. Diese Anziehungskraft spüren Anhänger, indem sie dem Geschehen nah beiwohnen können, indem die Verantwortlichen meist ansprechbar sind, indem sie nah bei den Spielern sein können. Im Grunde sind das Werte, die diesen MSV ausmachen.

Solche Werte alleine führen nicht zum sportlichen Erfolg. In Zeiten des Misserfolgs können sie leicht als amateurhaftes Handeln gedeutet werden. Nähe und Engagement von vielen sind grundsätzlich Teil jener vergangenen Vereinswelt, aus der das Wirtschaftsunternehmen hervorgegangen ist. Für seine Attraktivität im Unterhaltungssegment Fußball muss der MSV aber sehr viel stärker diese vergangene Vereinswelt bewahren als andere Fußballunternehmen. Umgekehrt steckt im gewünschten professionellen Handeln der Keim zur Fußballproduktion im Kinofilmformat aus den Coronamonaten.

In welche Richtung sich diese widersprüchlichen Anforderungen an das Arbeiten des MSV Duisburg auflösen, ist eine offene Frage. Im Alltagsgeschäft wird dieser Widerspruch verdeckt durch das Ringen um sportlichen Erfolg. Wenn der MSV siegt, ist die Welt in Ordnung. Wir wissen aber, in der 3. Liga kann ein Verein wie der MSV nicht überleben. Bei jedem Wirtschaftsunternehmen heißt die Folge in so einem Markt dann expandieren oder gesundschrumpfen, in Worte des Sports übersetzt Aufstieg oder Abstieg.

Ooh…oohooo..MSV….weiß und blau…geschafft

So ein Mensch, der ein Partykiller sein will, braucht schon ein dickes Fell. Diese Freiburger wollten tatsächlich noch in der letzten Spielminute ein Tor machen. Ich konnte das nicht fassen. Hörten die nicht, was auf den Rängen gesungen wurde? Das war hymnisch, was wir unfassbar laut sangen – die getragene Melodie….das lang gezogene oooo als tiefes Raunen, als eine Art „roar“; das MSV, kürzer, manchmal sogar wie knallend, das weiß und blau wieder getragener, feierlicher.

Diese Freiburger wagten es noch einmal in diese Stimmung hinein, unsere Erleichterung zu bedrohen. Das war irritierend. Anscheinend konnten wir es auf den Rängen nicht mehr erwarten, dass endlich diese Zitterei vorbei war. Wir begannen den Klassenerhalt emotional schon vorwegzunehmen. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass dieser Support so anhaltend vernehmbar war. Den Support, den ich bislang nur in Spielsituationen gehört habe, in denen der MSV für den Tag sein Ziel erreicht. Vielleicht noch mal in ruhigen Spielphasen bei entspannten Spielen.

Wir schienen die Schnauze voll zu haben von diesem wirklichen Fußball. Wir wollten den ideellen Verein MSV Duisburg feiern, für den wir gekommen waren. Wir waren da. Wir waren präsent. Von so vielen Seiten hatte ich im Laufe der Woche genau diesen Appell gehört. Kommt! Schert euch nicht um die letzten Wochen. Spart euch die Kritik. Es geht um den Verein. Es geht um etwas Größeres als die schnöde eigene Enttäuschung.

Knapp 11.700 Zuschauer waren da und waren laut. Diese Zuschauer, wir alle wussten, worum es ging. Wir wollten so laut sein, als sei das Stadion ausverkauft. Der Zebratwist war die erste Ansage. Das MSV des Refrains knallte auf den Rasen wie schon Jahre nicht mehr. Das machte deutlich, wir werden unseren Part erledigen. Nun war es an den Spielern, sich auf diese Woge aufzuschwingen.

In den ersten zehn Minuten entschieden die Spieler des MSV und wir auf den Rängen gemeinsam dieses Spiel. Den Schalldruck verwandelten die Zebras in einen Pressingdruck, der die Freiburger in diesen wenigen Minuten überforderte. Deshalb geschah der Fehler. Zusammen haben wir diesen Abspielfehler beim Rückpass zum Torwart wahrscheinlicher gemacht. Ein Stoppelkamp-Tor, wie es typischer für ihn beim MSV nicht sein kann – diese Mischung aus Spekulation im freien Raum, instikthaftem Zug zum Tor und Coolness im Abschluss.

Ab der 30. Minute ungefähr hatten die Freiburger das Mittelfeld unter Kontrolle. Was natürlich nicht reicht, um ein Tor zu erzielen. Dazu fehlte in Strafraumnähe jene spielerische Überlegenheit, die die Kurzpass-Sicherheit im Mittelfeld andeutete. Mir reichte diese technische Überlegenheit, um für den Rest des Spiels zu zittern. Ich vertraute unserer Defensive keinen Augenblick. Ich war das gebrannte Kind, das bei einem Freiburger Ball etwa 20 Meter vor dem Tor den entscheindenden Stellungsfehler in unserer Defensive schon als geschehen sah. Ich schrie vor Entsetzten bei drei, vier Flanken auf, die fürs erste geklärt sofort wieder bei den Freiburgern landeten. Solche Bälle waren in früheren Spielen irgendwann auch ins Tor gegangen. Doch der Ausgleich fiel nicht. Meine Nervosität hielt an.

Die Zebras kämpften im gesamten Spiel um jeden Ball. Es wurde gegrätscht und nachgegangen. Eine kleine Schwächeperiode gab es zwischen 50. und 60. Minute in meiner Erinnerung. Von da an feierten wir jedes kurze Aufhalten eines Freiburger Angriffs bei uns. Jeder weggeschlagene Ball war uns einen Jubel wert. Die langen Bälle der Zebras ergaben dennoch ein paar winzige Chancen. Die Abschlüsse waren eher mäßig. Am meisten sorgte mich, diese Ruhe der Freiburger. Die spielten ihre Kombinationen herunter, als ob sie sicher wären, irgendwann seien die Zebras zermürbt und der Ausgleich werde noch fallen.

Deshalb beruhigte mich das hymnische Singen in den letzten Minuten. Es lenkte ab und nahm die Erleichterung ein wenig vorweg. Deshalb verwandelte sich meine Unruhe auch in empörende Ungläubigkeit. Ich fasste es nicht, dass diese Freiburger tatsächlich noch einmal den Ball in den Strafraum schlugen und dort eine zunächst unübersehbare Situation schufen. Den Freiburgern machte es tatsächlich nichts aus, Partykiller zu sein. Die hatten nicht den Anstand, sich an deren Klassenerhalt bei uns in den 90ern zu erinnern. Damals hatten sie einen Sieg nötig. Den haben sie geschafft, und der MSV hat sich in in meiner Erinnerung nicht sehr dagegen gewehrt. Nichts davon gestern. Das hymnische Singen nur senkte meinen Blutdruck etwas. Bis der Schlusspfiff uns erlöste.

Was für eine Erleichterung. Was für ein Zittern und Bangen. Noch einmal in diesem Spiel. Mit einer ersten Halbzeit, die mir lang wie ein ganzes Spiel vorkam. Mit einem Stadion, in dem mit uns auf den Rängen auch der Geist von sämtlichen MSV-Fans aller Zeiten anwesend war. Das war der MSV an diesem Tag. Die Spieler auf dem Rasen, wir auf den Rängen lebten an diesem Tag etwas, was sich nicht durch einen 1:0-Sieg und drei Punkten ausdrückt. Wir lebten eine Idee, ein Ideal unseres Fußballs, das über den Tag hinaus weist. Du bist es schon immer gewesen. Nur der MSV.

Wo der MSV mir weiter große Freude macht

Vielleicht sollte ich den wirklichen MSV allmählich gegen den MSV in meinen Büchern und in diesem Blog hier eintauschen. Dieser MSV aus Worten macht mir doch seit geraumer Zeit anhaltender Freude als der des wirklichen Fußballs. Nicht nur dass die MSV Duisburg Fußballfibel morgen dem Wochen-Anzeiger in Duisburg die Titelgeschichte wert ist.

Weil sie heute schon online zu lesen ist, kam ich überhaupt auf die Idee. Denn es gibt eine kleine Fotogalerie dort, und Reiner Terhorst, der Journalist des Wochen-Anzeigers, hat mich mit der Unterzeile des Fotos nebenan zum Träumen gebracht. Das Foto habe ich in der letzten Aufstiegssaison des MSV aufgenommen beim Auswärtsspiel gegen die zweite Mannschaft von Werder. Und bei dem Wort Weserstadion in der Unterzeile entstand in mir eine ganz andere Geschichte der Vergangenheit. Die Fantansie kennt keine Grenzen.

Damit es einfacher für euch ist, zitiere ich den den entscheidenden Satz:

Hier blickt Ralf Koss am Bremer Hauptbahnhof in die Linse, bevor es ins Weserstadion geht.

Ich weiß es noch wie heute. Ich traf mich mit den Hamburger MSV-Auswärtsfreunden am Bahnhof. Wir gingen zu Fuß, erst durch die Stadt, dann an der Weser entlang, bis wir das große Stadion vor uns sahen und es uns wie selbstverständlich schien, dorthin abzubiegen. Die volle Gästekurve im Weserstadion erinnerte uns an das legendäre 5:1, als Ewald Lienens Aufsteiger-Mannschaft die Liga aufmischte. Und nun war der MSV wieder da. Klingt gut, müsst ihr zugeben. Wahrscheinlich versteht ihr jetzt, warum ich bei einem MSV mit Worten gerade deutlich besser klar komme als mit einem MSV der Wirklichkeit.

Falls ihr auch probieren wollt, die Fußballgegenwart des MSV mit einem erfreulicheren Erlebnis zu überbrücken, habe ich da einen Vorschlag. Der Beifall der bisherigen Leserinnen und Leser sagt mir, dass dieser Vorschlag kein leeres Versprechen ist. Leseproben gibt es einmal hier und einmal da.

Ralf Koss alias Kees Jaratz
MSV Duisburg. Fußballfibel
Taschenbuch, ‏ 170 Seiten
ISBN: ‎ 978-3730817926
€ 13,99

Weiterhin vier drüber! – Soll und Haben im Tabellenrechner. 35. Spieltag

Mit der Niederlage gegen 1860 München lässt sich das Wirken meines Tabellenrechners auf Abstiegssorgen gut erklären. Eine Niederlage hatte ich einkalkuliert. Deshalb kann ich mit dem Abstand von zwei Tagen kühl auf das Ergebnis schauen. Der MSV hat immer noch vier Punkte mehr, als ich ihm zugestanden hatte. Was sich durch den Sieg der Verler auch als notwendige Investition in die Zukunft erweist. Allerdings bleiben die Berliner nun schon zwei Punkte unter meiner Prognose, und sie haben nur noch zwei statt drei Spiele wie der MSV, um Punkte zu holen. Falls die Berliner beide Spiele gewinnen, braucht der MSV noch einen Sieg, um sicher drin zu bleiben. Spielen sie nur einmal Unentschieden – was ich für wahrscheinlich halte – , reicht dem MSV ebenfalls ein Unentschieden aus den letzten drei Spielen.

So viel zum Klassenerhalt, dem ich zuversichtlich entgegen sehe. Dennoch kommt keine Freude auf, weil das 0:6-Debakel gegen München mich ratlos zurück lässt. Damit bin ich nicht alleine. Welche Perspektive kann dieser Kader in der nächsten Saison haben? 17 Spieler bleiben. Am Sonntag haben wir bei uns in der Ecke verzweifelt hoffnungsvolle Überlegungen zusammengekratzt. Ich erzählte etwa von all den Gruppen der Schüler und Jugendlichen, denen ich in meinen Kulturprojekten über die Jahre begegnet bin. Manchmal war es dann nur ein einziger Schüler oder eine einzige Schülerin, die die Gruppendynamik derart beeinflusste, dass das Leistungsniveau insgesamt sich veränderte. Manchmal reichte es, wenn einer ging oder jemand neues kam. Beim Schreiben von Texten verändert die minimale Kaderzusammensetzung das Gruppenergebnis also auf jeden Fall. Ob beim Fußball auch? Am Sonntag blieb dieser Gedanke meine winzige Hoffnung.

Und nun zum aktualisierten Stand im Tabellenrechner:
Vor der Klammer stehen die aktuell erreichten Punkte. In der Klammer stehen prognostizierte Platzierung und Punkte am Ende der Saison. Hinter der Klammer steht jene Punktezahl, die bislang von meiner Prognose abweicht und die mit der weiteren Prognose sich dann ergebende Platzierung.

  • 13. Hallescher FC 38 (10. mit 46 P) – 4; 12. mit 42
  • 14. Viktoria Köln 38 (15. mit 39 P) +/- 0; 15. mit 39
  • 15. MSV Duisburg 38 (16. mit 36 P) +4; 14. mit 40
  • 16. Viktoria Berlin 34 (14. mit 40 P) – 2; 16. mit 38
  • 17. Verl 33 (17. mit 34 P) + 2; 17. mit 36
  • 18. Würzburg 27 (18. mit 26 P) +3; 18. mit 29
  • 19. Havelse 23 (19. mit 21 P) + 2; 19. mit 23
  • 20. Türkgücü 0 ohne Wertung

Meine Prognose für den nächsten Spieltag

Spieltagslyrik – Die Klage und Der Trost

Es ist schon lange her, dass die Menschen in Gedichten vornehmlich Erbauliches suchten. Doch der Fußball hinkt der alltäglichen Kultur ja auch an anderer Stelle hinterher. Deshalb passen die zwei erbaulichen Gedichte zur Stimmung nach der hohen Niederlage gegen den TSV 1860 München.

Die Klage

Das nächste Spiel ist zwar das schwerste,
was läuft, versaut uns aber doch die Laune.
Der Klassenunterschied in einer Liga
weckt einmal noch das Abstiegsangstgeraune.
In jeder Hinsicht waren sie zu langsam,
Sie standen falsch und liefen hinterher.
Sogar ein siebtes Gegentor zu fürchten,
macht auch ein Spiel von heute mehr als schwer.

Der Trost

Das nächste Spiel ist zwar das schwerste,
doch heißt der Gegner dann nicht München,
nicht Kaiserlautern oder Magdeburg.
Auch Osnabrück wird uns nicht hoch besiegen.
Kein Abstieg, das verheißt das Restprogramm,
bekräftigt mit dem Blick auf and’re Plätze,
Denn selbst bei viel zu vielen Gegentoren,
ein Unentschieden noch, das reicht. Ich schätze!





Vom Verschwinden der Abstiegsangst

Verdammt hell gerade

Bin ich in Berlin, wohne ich beim Freund im Prenzlauer Berg. Das war schon zu Zweitligazeiten mit Besuchen bei Union und Hertha so. Nun zeigte sich am Samstag, die Wohnung war Mitte der 90er mit großer Voraussicht gewählt. Zum Jahn-Sportplatz sind es von dort aus sieben, acht Minuten zu Fuß. Wenn ich aus dem Fenster sehe, erinnert mich ein Flutlichtmast noch an den erzitterten 1:0-Sieg am Samstag.

Ich hätte nichts dagegen, wenn das der erste und letzte kurze Gang zum Berliner Auswärtsspiel des MSV gewesen wäre. Ich möchte wieder lange S-Bahnfahrten quer durch die Stadt machen, zur einen westlichen oder zur anderen östlichen Seite. Es fällt mit schwer zu beurteilen, wie wahrscheinlich das ist. Dafür, dass es mögich wird, spricht die Veränderung bei den Strukturen des Fußballunternehmens MSV. Dafür sprechen schön anzusehende Minuten der letzten Spiele mit gelungenen Offensivaktionen. Die wirken nicht zufällig. Da lässt sich ein Plan vermuten. Dagegen spricht mein Eindruck, das mögliche Scheitern des Spielaufbaus im Mittelfeld liegt manchmal sehr nahe. In dem Moment ist Holland in Not und nur die Qualität des Gegners bestimmt, wie gefährdet das Tor der Zebras ist.

Ihr seht, ich schreibe schon so, als sei der Klassenerhalt in trockenen Tüchern. Andere sind vorsichtiger. Ich denke, es muss schon sehr, sehr viel zusammenkommen, damit der MSV abstiege. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Aber dieses Mal lehne ich mich ganz gegen meine sonstige Vorsicht aus dem Fenster.

Am Samstag haben wir den Sportpark an den anderen Plätzen vorbei verlassen. Dem unbekannten Fußballer war dort ein Denkmal gewidmet. Er hatte eine interessante Körperhaltung, die mich einen heimlichen Turner beim Flankenlauf vermuten lässt. Das müssen noch die Rumpelfußballer-Zeiten gewesen sein. Der Bildhauer hatte offensichtlich nur wenig Ahnung vom Fußball. Nicht nur wegen der Körperhaltung, auch weil er sonst er den nächsten Moment dieser Bewegung für die Skulptur gewählt hätte. Es wäre eine viel eindrucksvollere Skulptur geworden, wenn der Mann mit dem Blick auf den Ball in den Verteidiger reingerannt wäre. Vielleicht war der Bildhauer aber auch von dem sich ergebenden Getümmel handwerklich überfordert.

So ein Getümmel erinnert mich übrigens sofort an John Yeboah, der, technisch sehr viel besser, ebenfalls gerne mal in die Verteidiger läuft. Er ist eine Verstärkung, keine Frage. Er muss seine Dribblings versuchen, aber da ist noch einiger Spielraum fürs Lernen, damit zurechtzukommen, wenn ihm der Weg gleich von zwei oder drei Leuten zugemacht wird.

Merkwürdig übrigens auch, wie auf der anderen Seite des Stadions im Mauerpark so viele Menschen kurz nach dem Spiel des MSV so unberührt in der Sonne herumsaßen.

Wie die Wohnung meines Freundes befindet sich auch die Schank- und Kulturwirtschaft BAIZ nur wenige Gehminuten vom Stadion entfernt. Angesichts der überschaubaren Viktoria-Fans im Stadion habe ich keine Sorge vor unnötigem Reviergehabe bei der Lesung heute Abend. Der Stadionsprecher rief ja die Zahl von 700 Gästefans in die Runde. Es waren deutlich mehr Duisburger da. Ich denke, die Zahl bezog sich auf die Gästekurve. Auf mehr als der Hälfte der Tribüne saßen aber auch Fans des MSV. Da blieb nicht mehr viel Berliner Anhang. Ich freue mich also entspannt darauf, über den MSV, das Ruhrgebiet und mein Leben als Anhänger der Zebras im Kiez der Viktoria sprechen zu können.

Vier drüber! – Soll und Haben im Tabellenrechner. 34. Spieltag

Bei Niederlagenfurcht und Abstiegsangst ist der Tabellenrechner aus dem Haus Jaratz seit Generationen ein verlässliches Heilmittel. Seine Grenzen erfuhr er allenfalls einmal als Stärkungmittel der Aufstiegshoffnung. Ich weiß, einigen von euch stellen sich beim Wort Klassenerhalt die Nackenhaare auf, aber mein Tabellenrechner lügt nicht. Vier zusätzliche Punkte für den MSV in meiner Rechnung verhindern das Endspiel in Verl. Das ist eben der Vorteil, wenn man die Ergebnisse des MSV so schlecht wie möglich und so gut wie nötig prognostiziert, die der Gegner dagegen so gut wie möglich. So etwas verleiht innere Ruhe und mindert den Druck.

Allerdings verhindert dieser Tabellenrechner nicht die Aufregung, wenn dem nicht sehr gefährlichen Gegner aber der 80. Minute etwa der Weg zum Tor sehr erleichtert wird und plötzlich noch große Torchancen für ihn entstehen. Solche Endphasen eines Spiels wie des MSV bei Viktoria Berlin bahnen sich schon etwas vorher an. Dann erhält der Gegner mehr Spielanteile, wirkt aber weiter ungefährlich. Nur mein Unbehagen machte sich schon mal leise bemerkbar. Noch wäre Gefahr zu verhindern gewesen, noch hätte man nur wieder etwas kontrollierter den Ball im Spiel halten müssen. Noch hätte es gereicht, in unklaren Spielsituationen zwei-, dreimal einen Schritt schneller zu sein. Da dem MSV das nicht gelang, spürten die Berliner immer mehr Zuversicht und wurden mutiger. Der Drehbuchautor dieses Spiels verstand sein Handwerk. Die allmähliche Steigerung der Torgefährlichkeit endete beim Vierkampf am rechten Pfosten des MSV-Tores. War das noch kurz vor Ende der regulären Spielzeit oder schon in der Nachspielzeit? Standen die Spieler eigentlich alle knapp vor der Torlinie und stocherten herum. Mit dieser letzten Riesenchance habe ich den Ausgleich als wirklich erlebt.

Das sind ja Sekundenbruchteile, in denen Eindruck und Gedanken durcheinanderwirbeln. Millisekunden vor der Erleichterung wegen des abgewehrten Balles, beruhigte ich mich schon, weil ja genau dieses mir wirklich vorkommende Unentschieden Bestandteil meiner Rechnung für den Klassenerhalt war. Ich muss am Ende einer Saison so ein Aufregungsmanagement mit dem Tabellenrechner aktiv betreiben, sonst könnte ich solche Spiele mir wahrscheinlich nicht mehr live ansehen.

Der Sieg gegen die Viktoria hat neben dem nun bald feststehenden Klassenerhalt die wunderbare Nebenwirkung gehobener Stimmung bei meiner Lesung am Dienstag im Berliner BAIZ. So lässt sich doch sehr viel entspannter sprechen und zuhören, wenn ein Satz das Kürzel MSV enthält.

Und nun zum aktualisierten Stand im Tabellenrechner:
Vor der Klammer stehen die aktuell erreichten Punkte. In der Klammer stehen prognostizierte Platzierung und Punkte am Ende der Saison. Hinter der Klammer steht jene Punktezahl, die bislang von meiner Prognose abweicht und die mit der weiteren Prognose sich dann ergebende Platzierung.

  • 13. MSV Duisburg 38 (16. mit 36 P) +4; 15. mit 40
  • 14. Viktoria Köln 37 (15. mit 39 P) +/- 0; 16. mit 39
  • 15. Hallescher FC 36 (10. mit 46 P) – 4; 12. mit 42
  • 16. Viktoria Berlin 34 (14. mit 40 P) + 1; 14. mit 41
  • 17. Verl 30 (17. mit 34 P) – 1; 17. mit 33
  • 18. Würzburg 24 (18. mit 26 P) +/– 0; 18. mit 26
  • 19. Havelse 20 (19. mit 21 P) – 1; 19. mit 22
  • 20. Türkgücü 0 ohne Wertung

Meine Prognose für den nächsten Spieltag

Läuft! – Soll und Haben im Tabellenrechner. 33. Spieltag

Nach dem wochenlangen krankheitsbedingten Ausfall bin ich auch in Sachen Kondition fast wieder bei 100 Prozent und schaffe, wenn es wie gegen Halle sein muss, mehr als 90 Minuten durchzustehen. Zumal ich in meiner Karriere als Fußballfan in einem Alter bin, in dem gerade die Erfahrung eine meiner Stärken ist. Das betone ich so sehr, weil einige von euch den besonderen Sinn eines Tabellenrechners für die mentale Verfassung in Duisburg noch nicht verstanden haben.

Das mag an mangelnder Erfahrung liegen oder an grundsätzlicher Skepsis gegenüber den modernen Methoden des Mentaltrainings. Ich darf unbescheiden behaupten, sollte sich im Funktionsteam die Position des Mentaltrainers in noch mehr spezialisierte Segmente aufspalten, wäre ich im deutschsprachigen Raum sicher einer der profiliertesten Experten des Motivationshilfensegments Tabellenrechnungswesen. Schon als junger Erwachsener habe ich mich mit dem Thema in zugegeben noch amateurhafter Weise für einen humoristischen Text auseinandergesetzt.

Die Grundbedingungen hatte ich damals aber schon erfasst. Beim Tabellenrechnungswesen ist die Wahrscheinlichkeit eines Ergebnisses nur eine von vielen Einflussgrößen. Vor allem geht es um die Stimmung in Umfeld und Verein, die ich durch die kontrollierte Steuerung eines komplexen Bedingungsgefüges beeinflusse. Wenn ich etwa das erste Spiel des MSV meiner diesjährigen Rechnung, das Spiel gegen Halle, Unentschieden getippt habe, machte ich das auch, um mit dem erhofften Sieg zusätzliche Schubkraft für die Erfolgswelle des MSV zu gewinnen. Denn nun stehen zwei Punkte mehr im Haben als bei dem von mir errechneten Klassenerhalt. Die bringen noch mehr Freude über den Sieg und damit noch mehr Selbstbewusstsein für uns im Umfeld. Was ja wiederum zurückwirkt auf die Mannschaft. In der Folge muss ich in der Rechnung bei den Konkurrenten des MSV manchmal ins Risiko gehen, was weniger erfahrene Tabellenrechnernutzer nicht sofort erkennen. Ich kann das verstehen. So ist Fußball, jeder meint den Durchblick zu haben. Deshalb ist Fußball so populär. Aber nur wenige haben meine Erfahrung in der Tabellenrechnerei.

Nun aber hin zur gehobenen Stimmung. Wir fahren mit breiter Brust nach Berlin und arbeiten weiter dran, das aus motivationstaktischen Gründen prognostizierte Endspiel gegen Verl am letzten Spieltag zu verhindern.

Vor der Klammer stehen die aktuell erreichten Punkte. In der Klammer stehen prognostizierte Platzierung und Punkte am Ende der Saison. Hinter der Klammer steht jene Punktezahl, die bislang von meiner Prognose abweicht und die mit der weiteren Prognose sich dann ergebende Platzierung.

  • 13. Viktoria Köln 37 (15. mit 39 P) +/- 0; 15. mit 39
  • 14. Hallescher FC 35 (10. mit 46 P) – 2; 11. mit 44
  • 15. MSV Duisburg 35 (16. mit 36 P) +2; 16. mit 38
  • 16. Viktoria Berlin 34 (14. mit 40 P) + 2; 14. mit 42
  • 17. Verl 30 (17. mit 34 P) +/- 0; 17. mit 34
  • 18. Würzburg 24 (18. mit 26 P) +/– 0; 18. mit 26
  • 19. Havelse 19 (19. mit 21 P) – 2; 19. mit 21
  • 20. Türkgücü 0 ohne Wertung

Meine Prognose für den nächsten Spieltag

Höchste Zeit für den Tabellenrechner

Langjährige Leser hier wissen das. Irgendwann kehrt mein Optimismus zurück. Dazu hätten die Zebras nicht mal spielen müssen wie gegen Bocholt. Deshalb hat dieser Sieg im Niederrheinpokal auch nicht die geringsten Auswirkungen auf meinen Glauben, der MSV wird den Klassenerhalt schaffen. Ich hätte mich bis Samstag auch nicht weiter drum gekümmert, wäre mir nicht gerade der Titel eines Onlinebeitrags bei Funkes WAZ zum MSV ins Auge gesprungen. Ich weiß jetzt nicht mal mehr wo in meinen Timelines. Der Titel entfachte eine Dramatik, die mir heute komplett unverständlich war. Nach dem Motto, die Luft wird dünn, wurden da wohl Restprogramme zusammengestellt. Spontan dachte ich, was für ein Unsinn. Und als nächstes: Das kann ich auch und zwar besser. Ich habe jahrelange Erfahrung mit Prognosen anhand von Restprogrammen, selbst wenn in Sachen Aufstieg die Kraft meiner Tabellenrechnungen nicht immer wirkten.

Der Einfachheit halber habe ich wieder nur 1:0-Siege oder torlose Unentschieden prognostiziert. Ich habe die Ergebnisse des MSV so schlecht wie möglich und so gut wie nötig gewählt, entsprechend umgekehrt habe ich es bei den Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg gemacht. So käme es zum Endspiel gegen Verl, bei dem den Zebras ein Unentschieden genügte. Der einzige Grund für das Anwenden meines Tabellenrechners ist ja, uns allen ein Gefühl der Sicherheit zu geben, falls es mal nicht so gut für die Zebras läuft. Deshalb hoffe ich natürlich, in Wirklichkeit wird es zum Endspiel nicht kommen. Und schon gegen Halle könnte der MSV ein besseres Ergebnis erzielen, als ich hier einrechne.

Das Nachholspiel von Halle gegen Osnabrück habe ich unentschieden getippt. Somit waren für die Spieltag heute alle Vereine auf Stand.


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