Archive for the 'MSV Duisburg' Category

Mit Dynamik und Gefühl in das Winter Wonderland

Der MSV lehrt uns auch in dieser Saison etwas über das Leben. Neulich noch waren wir davon überfordert als Aufstiegsfavorit durch den Alltag zu gehen. Wir hatten keine passenden Gefühle. Wir wussten nicht, welche Erwartungen an ein Spiel die richtigen waren. Wir waren wie die Neureichen früherer Zeiten, die ihr Geld mal viel zu viel und mal viel zu wenig ausgaben. Wir waren mit den Erwartungen an die Mannschaft ganz oft ein wenig drüber. So wurden wir unzufrieden trotz Tabellenführung. Wir fanden keinen passenden Ausdruck für unsere Sorgen, dass die Mannschaft das unbedingt nötige Saisonziel verpassen könnte. Wir mussten erst lernen dem Favoritendasein zu vertrauen.

In dieser Saison zeichnet sich schon wieder etwas Neues ab. Ein paar Mal habe ich schon von meiner Entspanntheit im Stadion geschrieben. Immer wieder fällt mir auf, dass ein für mich in den letzten Jahrzehnten typisches MSV-Gefühl völlig fehlt. Es schwindet meine Sorge, in den letzten Minuten könne noch alles Erreichte gefährdet werden. Es schwindet meine Sorge das Saisonziel könne verfehlt werden. Über Jahre ging es in Duisburg immer dramatisch zu. Wenn wir ins Stadion gingen, schien sehr schnell immer alles auf dem Spiel zu stehen. Wir mussten unbedingt aufsteigen. Wir durften nicht absteigen. Und immer fielen Tore in den letzten Minuten.

Nun spielte der MSV gegen Dynamo Dresden und ich habe dieser Mannschaft vertraut, obwohl Moritz Stoppelkamp und Boris Tashchy fehlten. Ich wäre wegen dieser Ausfälle sogar mit einem Unentschieden zufrieden gewesen. Das ist ein Zeichen von Vertrauen in die Mannschaft. Denn ich bin mir des mittel- und langfristigen Erfolgs dieser Mannschaft sicher, so dass ich mögliche gegenwärtige Misserfolge einrechnen kann. Umso schöner ist der verdiente 2:0-Sieg gegen Dynamo Dresden. Das ist das neue MSV-Gefühl dieser Saison, die Bedrohung ist aus dem Spielverlauf geschwunden. Die Spannung im Spiel ist seit Jahren zum ersten Mal wieder eine durchweg angenehme Spannung.

Zwei Mannschaften mit ähnlicher Qualität haben sich gestern gegenüber gestanden. Zwei Mannschaften, deren Defensive gleich gut war, zwei Mannschaften, die im Offensivspiel sich ein wenig unterschieden. Dresden versuchte in Strafraumnähe etwas öfter das Kurzpassspiel, nachdem ein langer Ball das Mittelfeld überbrückt hatte oder die Mannschaft sich mühsam durch das Mitelfeld gespielt hatte. Der MSV suchte schneller den Abschluss und wollte mit weniger Pässen torgefährlich sein, nachdem der längere Ball gespielt worden war oder die Mannschaft sich mühsam durch das Mittelfeld gespielt hatte. Und dann gab es noch einen weiteren Unterschied. Für den MSV gab es das schnelle Flügelspiel auch ohne Flügelwechsel. Der Ball ging steil auf Ahmet Engin, und der nahm Tempo auf.

So war es klar, ein Tor würde nach einem Fehler fallen. Keine der beiden Mannschaften hatte die Möglichkeit, den Gegner auszuspielen. Der Fehler geschah auf Dresdner Seite kurz vor dem Halbzeitpfiff. Ein steiler Pass am linken Flügel auf Ahmet Engin rollte knapp an der Außenlinie entlang. Für einen winzigen Moment dachte der Dresdner Defensivspieler, der Ball geht ins Aus. Sein  Zögern war fast unmerklich. Es reichte aber zum entscheidenden Vorteil für Ahmet Engin im Sprint. Er zog am Defensivspieler vorbei Richtung Torauslinie, danach in die Mitte und passte zum hereinstürmenden Stanislav Iljutcenko. Das Führungstor fiel, angepfiffen wurde nicht mehr. Bis dahin hatte es schon zwei, drei gute Chancen für den MSV gegeben, während die Dresdner keine Torgefahr entwickeln konnten.

Nach dem Wiederanpfiff erwarteten wir ein ähnliches Auftreten der Dresdner wie von St. Pauli letzte Woche. Zum Glück, so dachten wir, gab es ja Gerrit Nauber, der erneut  souverän und ruhig die Defensive organisierte, dass es eine helle Freude war. Doch zunächst standen die Dresdner schwächer als in der ersten Halbzeit auf dem Platz. Der MSV drückte die Mannschaft sofort in die Defensive und versuchte, das zweite Tor zu erzielen. Diese Chance gab es, als Ahmet Engin erneut auf dem linken Flügel bei einem Konter davon zog. Besser lässt sich so ein Konter nicht spielen – bis auf den Abschluss des frei stehenden Fabian Schnellhardt, der den Ball mit der Sohle erwischte und nicht mit dem Spann. Der Ball kullerte dem Torwart in den Arm, und zum ersten Mal in dem Spiel blitzte für mich der Gedanke auf, hoffentlich rächt sich dieses Vergeben von Chancen nicht am Ende.

Tatsächlich wurden die Dresdner stärker. Dennoch war die Mannschaft nicht präzise genug im Abschluss. Einmal kam im Strafraum ein Dresdner zum freien Abschluss. Sein Schuss ging hoch am Tor vorbei. Dann kam der Auftritt des eingewechselten Lukas Daschner. Zunächst hatte er in der Rückwärtsbewegung etwas aufgeregt auf mich gewirkt, verständlich bei dem Spielstand und seiner geringen Erfahrung. Nun kam er an den Ball, trieb ihn kurz an der rechten Außenlinie entlang, um etwa auf Strafraumhöhe in die Mitte zu ziehen. Ein Abwehrspieler nach dem anderen versuchte ihn zu stellen, vergeblich, denn Daschner lief immer weiter an der Strafraumgrenze entlang auf die andere Seite. Wir warteten auf das Abspiel zum frei stehenden linken Flügel, doch dann kam das Foul.

Kevin Wolze trat zum Freistoß an, und wir wissen, dass er diesen Schuss aus der Entfernung über die Mauer kann. Die Dresdner bauten sehr optimistisch ihre Mauer in drei Meter Entfernung vom Freistoßpunkt auf. Der Schiedsrichter bat sie zurück. Kevin Wolze lief an und hob den Ball so weich und präzise über die Mauer knapp unter die Latte zum Endstand von 2:0 ins Tor. Ich zitterte nicht um den Sieg. Ich freute mich über diese souveräne Leistung des MSV. Auf diese Weise in die Winterpause zu gehen, macht Spaß, und ein wenig staunten wir nach dem Schlusspfiff noch über unser aller Entspanntheit und Vertrauen in diese Mannschaft. Für einen Moment waren wir mit diesem MSV auch ohne Schnee in einem Winterwunderland. Mit ein wenig Abstand ist das kein Wunder, sondern das Ergebnis von welcher Arbeit noch mal? Jetzt alle im Chor, weil es stimmt: von seriöser Arbeit. Winter Wonderland dürfen wir trotzdem fürs Gefühl mal singen.

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Mein Eishockey-Spiel beim FC St. Pauli

Manchmal gehe auch ich ins Stadion, und der Fußball auf dem Rasen ist weniger wichtig als ich selbst. Denn ohne mich hätte dieser Fußball nicht stattgefunden. Gut, an die 30.000 Zuschauer dieses Spiels und bestimmt auch die Spieler selbst sind sicher anderer Meinung, aber dieses Spiel des MSV beim FC St. Pauli erinnerte mich an eine zutiefst existentielle Frage. Was die Menschheit seit Jahrtausenden als Problem des Erkennens zunächst philosophisch und dann auch naturwissenschaftlich hin und her bewegt, bearbeitete ich am Sonntagnachmittag bei St. Pauli im Stadion. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Ich habe das gesamte Spiel gesehen, ohne alles gesehen zu haben – das Ausgleichstor zum 2:2 etwa, aber auch die vermeintlichen Fouls vor den Elfmetern auf der Gegenseite. Dieses Spiel vom MSV gegen St. Pauli hätte es für mich nicht gegeben, wenn ich nicht gesehen hätte, was ich nicht gesehen habe.

Es war wie beim Eishockey. Wer zum ersten Mal ein Eishockey-Spiel sieht, sieht auch nichts vom Spiel, weil der Blick des Betrachters der vom Puck gesteuerten Bewegung des Spiels zunächst fast immer hinterher hängt. Man muss das Spiel sehen lernen. Was beim langsameren Fußball genauso ist, aber nicht auffällt, weil wir meinen, es sei einfach, dem Ball zu folgen. Aber auch den Fußball muss man sehen lernen. Womit ich vor Jahrzehnten begonnen habe. Deshalb sah ich gestern, was meine Augen nicht haben wahrnehmen können. Das meiste hat mein Kopf erledigt und die fehlenden Momente des Spiels immer wieder ergänzt.

Als Spezie eines Herdentieres habe ich bei dieser Wahrnehmung die Hilfe der Herdenstimmung nutzen können. Hinzu kamen Eindrücke der Hamburger Voll- und Teilzeit-MSV-Anhänger, mit denen ich nun schon zum wiederholten Male im norddeutschen Raum einen Auswärtsspieltag des MSV verbracht habe. Alles in allem ergibt sich nun eine ansehnliche erste Halbzeit, in der der MSV das Spiel sicher in der Hand hatte. Souverän wurde dem Druck der Paulianer in den ersten zehn Minuten stand gehalten. Danach war deutlich, gegen diese MSV-Defensive fand St. Pauli kein Mittel. Die Souveränität von Gerrit Nauber wirkte in die Mannschaft hinein. Wir durften auf eine gelungene Offensivaktion mit Torerfolg warten oder uns auf ein Unentschieden einrichten.

So war die Führung durch das Elfmetertor von Kevin Wolze keine überraschende Folge dieses Spiels vom MSV, auch wenn wir den Elfmeterpfiff selbst mehr als willkommene Gabe sahen. Der Schrecken war dann groß, als Gerrit Nauber durch einen Schuss ausgeknockt wurde. Stabile Seitenlage auf dem Spielfeld kommt nicht häufig vor und ließ Schlimmes ahnen. Als er dennoch weiterspielte, war die Hoffnung auf sein Durchhalten groß.

Er kam nach dem Halbzeitpfiff nicht mehr aus der Kabine, und damit war klar, nun würde es sehr schwierig. Denn St. Pauli bestätigte die Vermutung, nach dem Wiederanpfiff mit sehr viel Druck aufzutreten. Die Defensive des MSV begann zu schwimmen, und unsere Hoffnung, dass die Mannschaft die normalerweise 10 bis 15 Minuten vermehrte Offensivkraft des Gegners in einer solchen Begegnung schadlos überstehen würde, schwanden schnell. Nicht nur der Ausgleich fiel, St. Pauli ging in Führung. Für den MSV bestand sofort die Möglichkeit, die Niederlage noch zu verhindern, weil sich St. Pauli nach dem Führungstor ebenfalls sofort wieder zurück zog. Die MSV-Defensive war entlastet, und die Mannschaft konnte auf den Ausgleich hin spielen. Vielleicht brachte die rote Karte gegen St. Paulis Spieler einen Vorteil. Sicher bin ich mir  nicht. Ich glaube, ein Ausgleich  wäre auch beim elf gegen elf möglich gewesen, so unermüdlich wie die Zebras sich Richtung Tor St. Paulis bewegten. Das Tor von Stanislav Iljutcenko habe ich mir dann wieder sehr lebendig vorgestellt.

Wie der MSV dieses Unentschieden erspielt hat, macht Freude. Diese Mannschaft reagiert variabel auf Spielstände und Spielsituationen. Diese Mannschaft strahlt eine Selbstsicherheit aus, die beeindruckt. Die Hektik des Spiels in der zweiten Halbzeit ging von den verunsicherten Paulianern aus. Die Zebras ließen sich davon nicht anstecken, sondern nutzten die dadurch entstehende Unruhe beim Gegner. Hoffen wir nur noch, dass Gerrit Nauber möglichst nächsten Spieltag wieder da ist. So weit möchte ich dann doch nicht selbst die Wirklichkeit in meinem Kopf herstellen müssen und ihn im Spiel gegen Dresden mir vorstellen, obwohl er nicht auf dem Spielfeld steht. Sonst wird meine Wirklichkeit dann mittelfristig so anders als die von euch, dass es schwierig werden könnte.

 

 

Trainerentlassungen sind komplett überwertet

Als der FC St. Pauli letzte Woche ein zweites Mal so hoch verlor, überlegten wir im Stadion kurz, welche Folgen diese hohen Niederlagen für den MSV beim Auswärtsspiel morgen haben könnten. Zum einen gab es bei uns die optimistische Fraktion mit dem Credo, der Gegner sei noch mehr verunsichert, die andere Fraktion dachte, jetzt hat es der MSV schwerer, weil sich St. Pauli nach zwei solchen Niederlagen vor eigenem Publikum erst recht beweisen will.

Solche Überlegungen sind nun durch die Einflussgröße Trainerentlassung hinfällig geworden. Der neue Trainer Markus Kauczinki verändert die Ausgangslage komplett. Die Spieler des Gegners müssen sich neu zeigen. Sie strengen sich deshalb vielleicht gerade jetzt im ersten Spiel unter dem neuen Trainer besonders an. Es gibt vielleicht vom neuen Trainer andere Spielideen, auf die Ilia Gruev noch nicht vorbereitet ist. Andererseits lässt sich aus der Arbeit Kauczinkis in Ingolstadt oder Karlsruhe etwas ablesen. Dass das beim MSV versucht wurde, davon dürfen wir bei Ilia Gruevs Arbeitsweise ausgehen.

Trainerwechsel haben statistisch betrachtet keinen Erfolg. Das ist inzwischen oftmals schon geschrieben worden, was nichts an den so oft hilflosen Versuchen das Schicksal zu beeinflussen ändert, wie gerade der 1. FC Köln sehr schön beweist. Ebenfalls sagt das nichts über den Einzelfall aus, geschweige denn etwas über das spezielle erste Spiel nach einem Trainerwechsel. Aber in diesem Fall gibt es den Transfermarkt mit der sehr schönen Statistikseite „Trainereffekt“, die ich bislang noch nicht kannte. Mit einem Blick lässt sich dort überprüfen, welche Auswirkung ein Trainerwechsel kurz- oder langfristig hatte. Die Daten beziehen sich nur auf die Bundesliga, aber das reicht erst einmal für ein beruhigendes Gefühl.

In der laufenden Saison hat es in der Bundesliga  vier Trainerentlassungen gegeben. Die Bilanz der vier neuen Trainer lautet: ein Sieg, eine Niederlage, zwei Unentschieden. Für den Sieg war Jupp Heynckes verantwortlich, und der fällt mit seinen bayernspezifischen messianischen Fähigkeiten ohnehin aus der Wertung.

Ich fasse die Trainerwechsel während der laufenden Saison für die letzten 6 Spielzeiten mal tabellarisch zusammen:

2016/2017: 10 Trainerwechsel – 2 Siege, 4 Unentschieden, 4 Niederlagen
2015/2016: 7 Trainerwechsel – 1 Sieg, 3 Unentschieden, 3 Niederlagen
2014/2015: 9 Trainerwechsel – 5 Siege, 1 Unentschieden, 3 Niederlagen
2013/2014: 11 Trainerwechsel – 4 Siege, 5 Unentschieden, 2 Niederlagen
2012/2013: 10 Trainerwechsel – 4 Siege, 4 Unentschieden, 2 Niederlagen
2011/2012: 11 Trainerwechsel – 5 Siege, 3 Unentschieden, 2 Niederlagen

Die Stichprobe ergibt bei 58 Trainerwechsel für das erste Spiel unter dem neuen Trainer 21 Siege, 20 Unentschieden, 16 Niederlagen. Wenn wir mit einem Unentschieden in Hamburg zufrieden sind, reist der MSV also mit einem kleinen Vorteil nach Hamburg. Und wenn wir der Statistik eine zeitliche Dimension geben, lässt sich gar ein Trend ablesen. Der Sieg im ersten Spiel nach einem Trainerwechsel wird seit zwei Spielzeiten immer unwahrscheinlicher. Tut uns leid, FC St. Pauli, Zahlen lügen nicht, allzu viel braucht ihr morgen nicht zu erwarten.

Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 6: Mitten in das Schalker Herz

Im Dezember 1977 trat am ersten Samstag des Monats der MSV Duisburg beim FC Schalke 04 an. Es war das letzte Spiel der Hinrunde, und viel erhoffte ich mir nach den Ergebnissen der davor liegenden Jahre nicht. Bei den drei Niederlagen in den Spielzeiten zuvor war der MSV zweimal mit fünf Gegentoren nach Hause gefahren. Andererseits lag eines der beeindruckendsten Spiele der MSV-Geschichte gerade knapp einen Monat zurück. Das war jener legendäre MSV-Heimsieg gegen den FC Bayern München, bei dem Bernard Dietz den MSV nach zweimaligen Rückstand in der 78. Minute mit 4:3 in Führung brachte und als einziger und damit viermaliger Torschütze des MSV bis dahin für die Führung sorgte. Fünf Minuten später brachte ein Tor von „Ronnie“ Worm die endgültige Entscheidung. Das 6:3 von Norbert Stolzenburg war dann noch das Sahnehäubchen in diesem Spiel.

Bis zu diesem kalten Dezembersamstag hatte ich also eine der besseren Spielzeiten vom MSV gesehen, der in meinem jugendlichen Empfinden schon seit Ewigkeiten mein Verein war. Als mein Stiefvater mir anbot, nach Gelsenkirchen zu fahren, war das eine Überraschung. Seine Heimat war Oberhausen, sein Sport war früher der Feldhandball und am MSV-Geschehen nahm er erst Anteil durch mich. Da vor den Heimspielen Schalkes auf der A 42 schnell ein Stau vor der Stadionabfahrt entstand, wollte er früh in Meiderich aufbrechen. Viel zu früh. Problemlos erreichten wir den Parkplatz, der noch so gut wie leer war. Nur vereinzelt schlenderten Zuschauer zusammen mit uns zum Stadion. Die Stadiontore waren noch geschlossen, und die Ordner verteilten sich gerade auf die Eingänge. In den Kartenhäuschen wurde alles getan, nur keine Eintrittskarten verkauft.

In der blau-weißen Schalker Umgebung fiel mein etwa zwei Meter langer MSV-Schal in denselben Farben nicht weiter auf. Ganz im Gegenteil, wie sich herausstellte. Als ich zu einem Kassenhaus laufen wollte, sprach mich ein Mann an. Ob ich mir ein paar Mark verdienen wollte?, fragte er. Eintritt für das Spiel müsste ich auch nicht zahlen, fügte er hinzu und mein Platz befände sich sogar auf der Sitzplatztribüne. Ich müsste nur vor dem Spiel am Eingang die Eintrittskarten der Zuschauer abreißen. Er würde auch dafür sorgen, dass ich auf jeden Fall so früh gehen könne, dass ich zum Anpfiff an meinem Platz sei.

Ich zögerte. Doch aufmunternde Worte von meinem Stiefvater zusammen mit der Aussicht, das erste Mal einen Sitzplatz einzunehmen, gaben den Ausschlag. So stand ich kurz danach an einem Eingangstor. Die Schalker Zuschauer freuten sich am vermeintlichen Blau-Weiß des Schals um den Hals des ungewohnt jungen Kartenabreißers. Für mich sahen die Ordner alle nach Rentnern aus. Aber wahrscheinlich war es damals nicht anders als heute, und auch Männer im mittleren Alter rissen die Karten ab. Nur Sicherheitsunternehmen gab es eben nicht als Sub-Unternehmer, und Fan-Utensilien waren fast immer eine Angelegenheit von Jugendlichen. Deshalb fiel der Schal am Stadioneingang besonders auf. Denn erwachsen waren damals nahezu alle Zuschauer ab Mitte zwanzig.

Besonders wohl fühlte ich mich nicht. Keineswegs wagte ich all den Männern zu widersprechen, die mir väterlich und erwartungsfroh den Schalke-Sieg verkündeten. Dafür hielt sich der Ansturm in Grenzen. Das Entwerten der Eintrittskarten war kein Problem. Kurz vor dem Spiel durfte ich dann mit einer ersten Gruppe von Ordnern zu meinem Tribünenplatz gehen. Er befand sich nahe an einer Kurve, auf dem Oberrang der Tribüne, etwas abseits von den anderen Zuschauern. Unter all den älteren Männern, die sich schon seit Jahren zu kennen schienen, fühlte ich mich einsam. Dieses Fußballspiel des MSV wurde anders als das Gemeinschaftserlebnis Stadion, das ich bislang kannte.

An die erste Halbzeit des Spiels habe ich nur verschwommene Erinnerungen. Ich meine, das Spiel war ausgeglichen, und der MSV gestaltete das Spiel offen. Das Halbzeitergebnis von 0:0 könnte meine Erinnerung bestätigen. In der Pause wurde das Geld ausgezahlt. Ich weiß nicht mal mehr, wie groß die Summe gewesen ist. Zwanzig Mark? Fünfzehn? Als die zweite Halbzeit begann wusste ich allmählich nicht mehr, ob ich vor dem Spiel richtig entschieden hatte. Auf dem Stehplatz hätte es mir mehr Spaß gemacht, das Spiel zu sehen. Andererseits wusste ich, am Montag konnte ich in der Schule eine gute Geschichte erzählen. Und diese Geschichte wurde noch besser.

Das Spiel blieb zwar zäh, aber dann erhielt Kurt Jara etwa Mitte der zweiten Halbzeit in zentraler Position an der Mittellinie den Ball und begann in die gegnerische Hälfte zu dribbeln. Kurt Jara war 1975 vom FC Valencia zum MSV gekommen. Zusammen mit dem Niederländer Kees Bregmann hatte er die Spielkultur des MSV verwandelt. Größere technische Fertigkeiten waren auf dem Rasen ab Mitte der 1970er Jahre zu sehen. An jenem Tag in Gelsenkirchen hielt sich das allerdings in Grenzen. Dafür lief Kurt Jara ungehindert Richtung Schalker Tor und setzte zum Schuss an. Solche Weitschüsse begleitete er mit einer sehr typischen, weit ausholende Armbewegung. In meiner Erinnerung taucht diese Armbewegung immer wieder auf. Dabei weiß ich nicht mal genau, ob ich sie für das Schalke-Spiel nicht aus einem Heimspiel oder aus einem Sportfoto in meine Erinnerung hineinkopiert habe.

Mit Sicherheit weiß ich, Volkmar Groß im Tor der Schalker war bei dem Schuss chancenlos. Dieses 1:0 durch Kurt Jara in der 72. Minute war zugleich der Endstand des Spiels. Unter all den älteren Schalker Herren wagte ich nicht, mich laut zu freuen. So erhielt ich an diesem Nachmittag in Gelsenkirchen neben freiem Eintritt und dem zusätzlichem Taschengeld noch eine überraschende Übung in Selbstbeherrschung. Erst bei der Rückfahrt konnte ich den von mir nicht erwarteteten Auswärtssieg genießen. Und ich begann mich zu freuen über die erste und einzige Siegprämie, die ich als Zuschauer erhalten habe. Eine Siegprämie vom Verlierer, vom FC Schalke 04.

Tür 7 öffnet sich morgen an dieser Stelle.

Der Fußball-Weihnachtskalender ist ein gemeinsames Projekt von @berlinscochise, Zebrastreifenblog, Cavanis Friseur, turus.net, Nachspielzeiten und 120minuten.

Informationen zur Fußballblog-Weihnachtskalender-Idee und eine Liste mit allen bisherigen Türchen, die natürlich fortlaufend aktualisiert wird, findet Ihr hier.

Spieltagslyrik – Der Tag des lang gestreckten Beins

Der Tag des lang gestreckten Beins

Ein freier Schuss,
gezirkelt von der Strafraumgrenze.
knapp an der Torwarthand vorbei.
Der Ball fliegt mit Effet,
der Weg ins Tor ist offen,
und aus dem Rückraum springt ein Stürmer
sehr stürmerhaft herbei.
Zur rechten Zeit am rechten Ort,
das macht den guten Stürmer aus.
Und sei der Ort die Defensive.
Das Stürmerbein so lang gestreckt, wie es nur geht.
So kann er Tore vorn erzielen
und hinten seine Mannschaft vor dem Rückstand retten.

So lang gestreckt das Bein von Stanislav,
dem Stani, Iljutcenko,
so lang gestreckt, wie es nur geht.

Als Stani um den freien Ball kämpft,
knapp neben dem Fünfmeterraum,
bedrängt vom gegnerischen Torwart,
der diesen Ball mit einem Sprung erreichen will,
streckt er sein Bein schon wieder lang und noch viel länger,
Der Torwart greift ins Leere,
und Stani kann den Ball fein spitzeln
zu Moritz Stoppelkamp,
der frei steht und so sicher flankt,
präzise auf den Kopf von Cauly Souza.
Das Führungstor dank Stanis lang gestrecktem Bein.

So lang gestreckt das Bein von Stanislav,
dem Stani, Iljutcenko,
so lang gestreckt, wie es nur geht.

Nur wenig später schneller Antritt
von Stanislav – dem Stani – Ijutcenko.
Er zieht am rechten Strafraumrand zum Toraus,
und sprintet Meter gegen seinen Gegenspieler,
der grätschend jetzt zur Ecke klären will.
Doch Stani hat etwas dagegen.
Er weiß, er kann sein Bein an diesem Tag lang strecken,
so lang und noch ein wenig länger.
So hebt er gegen Grätsche rutschend
den Ball zur Strafraummitte weiter.
In diesen Pass läuft Boris Tashchy,
das zweite Tor macht er
mit technisch anspruchsvollen Schuss.
Kein lang gestrecktes Bein ist noch mehr nötig.
Das 2:0 reicht bis zum Schluss.

Ein Tag vor dem Spiel gegen Fürth beginnt die Weihnachtskalenderzeit

Morgen spielt der MSV gegen die SpVgg Greuther Fürth. An diesem Verein habe ich dann mal wieder gemerkt, wie wenig mich der Fußball in der Bundesliga und drüber inzwischen überhaupt noch interessiert. Ohne den MSV hat das ganze Geschehen dort für mich so eine Art Bunte-Seiten-Nachrichtenwert bekommen. Kuriositäten und Sensationen als kurze Meldung nehme ich dann wahr. Mehr nicht. Dunkel erinnerte ich mich nämlich an eine Bundesligasaison der Fürther. Wenn mir einer mit Nachdruck gesagt hätte, das war noch letztes Jahr, ich hätte das geglaubt. Nun verrate ich euch nicht, wann die Fürther tatsächlich in der Bundesliga gespielt haben. Das könnt ihr MSV-Monokultur-Spezialisten schön mal selbst rauskriegen.

Die Vorberichte zum Spiel morgen konzentrieren sich in Duisburg auf Mark Flekken, der zu Beginn der Saison vom Gegner zum MSV wechselte. Von Mark Flekken und Ilia Gruev ist zu hören, die Niederlage gegen Regensburg sei abgehakt. Fürth sei besser, als es der Tabellenplatz vermuten ließ. Das ist ein Standardsatz aus dem Trainerhandbuch für Pressekonferenzen vor einem Spiel. Allerdings passt dieser Satz nicht richtig. In dieser Liga ist jeder Verein ab Platz 7, besser als es der Tabellenplatz vermuten lässt, manchmal aber auch sehr viel schlechter. Insofern steht der passende Satz auf einer anderen Seite des Trainerhandbuchs, verschlagwortet unter Liga, enge und Schlagen können, jeder. In Fürth weiß der Trainer Damir Buric nach dem 4:0 Sieg gegen St. Pauli, die Mannschaft könne selbstbewusster auftreten, aber der Gegner werde noch konzentrierter zu Werke gehen. Ich sehe Ilia Gruev dazu nicken und hoffe auf den Ertrag der Konzentrationsmaximierung.

Mit dem heutigen 1. Dezember werden überall in Deutschland Türen von Adventskalendern geöffnet. Es gibt sie an der Wand hängend, als Lebendige Adventskalender in Ruhrort etwa oder in Neumühl, und es gibt sie als Fußball-Weihnachtskalender von 120 Minuten, an dem ich mich beteilige. Dort, wo es ohnehin auch das Jahr über längere Erzählstücke zu lesen gibt, wird mit dem Fußball-Adventskalender von besonderen Begebenheiten rund um den Fußball zu lesen sein. Veröffentlicht werden die Texte auf den Seiten der Teilnehmer des Kalenders. In meinen Räumen hier werden vom 5. bis 8. die Kalendertüren geöffnet.

Das erste Türchen öffnet sich heute bei 120 Minuten.

Kurze Anmerkung zu Trainerdebattengesetzen in Köln und Duisburg

Wenn ich auf den Verlauf der Saison für den 1. FC Köln sehe, finde ich es interessant, in welch verdrehter Weise die übliche  Frage nach der Entlassung des Trainers aufgeworfen wird. Denn die Trainerdebatte findet rund um den FC bislang nicht statt. Also muss eine Meta-Trainerdebatte her. Nicht der Trainer selbst wird in Frage gestellt sondern die vermeintliche Handlungsbeschränkung des 1. FC Köln in Sachen Trainerfrage. Peter Stöger sei zu beliebt bei den Verantwortlichen selbst und bei den Zuschauern. Er passe einfach gut nach Köln. Zumindest war das gestern (?) so ähnlich in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Daran fällt auf, wie beschränkt das öffentliche Bild vom 1. FC Köln ist. Anscheinend ist es nur schwer vorstellbar, dass der Verein mit einem Trainer aufsteigt, die Klasse hält und dann wieder absteigt. Wer nicht handelt, hat keine strategische Absicht, sondern ist womöglich gehemmt.

Es wird ja nicht darüber gesprochen, welche anderen taktischen Ideen zu der vorhandenen Qualität des Kaders das Spiel des FC verbessern könnten. Zwar werden all die Bedingungen für den Misserfolg des Vereins gewürdigt, die unzähligen Verletzten werden genannt, ebenso wie die minimalen Momente von Pech und Schiedsrichterentscheidung, die ein Spiel kippen lassen, doch das hat keinen Einfluss auf die Kultur der Entlassung samt den unausgesprochen Gesetzen, die anscheinend beim FC erwartet wird. Es ist offenbar nur schwer vorstellbar, dass kontinuierliche Arbeit auch Arbeit unter widrigen Bedingungen bedeutet. Wenn es konkrete Kritik an Peter Stögers gäbe, könnten über einen Wechsel des Trainers geredet werden. Aber auf diese Weise eine Meta-Debatte über die Unmöglichkeit einer Debatte führen, wie kurios.

Ist Freiburg der einzige Verein, der es geschafft hat, eine andere Kultur bei der Bewertung von Trainerarbeit zu entwickeln? Ich habe das nicht so im Blick. Ihr könnt euch aber vorstellen, welche Kultur ich mir in Duisburg wünsche. Ilia Gruev macht seine Arbeit ziemlich gut, und die wird nicht schlechter, wenn der Verein in Abstiegsnot gerät. Und ich denke jetzt nicht an Zweitligaabstiege. Da bin ich ganz entspannt. Ich denke an die Zukunft und an noch bessere Konkurrenz, gegen die der MSV die Klasse halten muss. Muss ich eigentlich auch von Visionen sprechen, wenn ich mir schöne Vorstellungen von einem MSV in den kommenden Jahre mache? Oder heißt es unter Anhängern Träumereien?


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