Archive for the 'MSV Duisburg' Category

Blick aufs Meer – Ein letztes Saisonfazit

Der Urlaubskatalog vor der Saison

Freuen Sie sich auf die kommende Saison, in der unser ganzes Team bereit ist, oben mitzuspielen. Wir stellen die höchsten Ansprüche an Qualität. Ausbildung wird bei uns ganz groß geschrieben. Die langjährigen Gäste unseres Hauses werden sich über einige neue Gesichter freuen können. Wie immer konnten wir junge und erfahrene Kräfte mit unserem ganz speziellen Ambiente überzeugen. Die Westender Straße punktet mit ihrer Wohlfühl-Atmosphäre im satten Grün der Natur mitten in einem pulsierenden Szeneviertel zum Ausgehen. Der Weg zum Strand ist nicht weit. Der wunderbare Blick aufs Meer wird Sie den Alltag vergessen lassen.

Die Wirklichkeit beim Aufenthalt in der Saison

#BeleidigtEndlichVäter

Nach dem Samstagsspiel des MSV Duisburg in Magdeburg ging alles ganz schnell. Die MSV-Fans Arca Ceribasi und Jan Kastner telefonierten. Am Abend wurde aus dem Dauertelefonat eine Zoom-Konferenz, weil Esra Bashri und weitere Freundinnen, Freunde und Bekannte hinzukamen. Um Mitternacht stand der Plan, angesichts des Geschehens in Magdeburg grundsätzlich zu werden. Denn der Magdeburger Spieler Alexander Bittroff hatte mal wieder ganz tief in die Mottenkiste abgestandener Beleidigungen gegriffen. Die Mutter von Aziz Bouhaddouz war das Ziel. Bittroff störte sich auch nicht an der traurigen Wahrheit, dass diese Mutter schon gestorben war. Anscheinend hatte ihn das sogar befeuert in seiner Beleidigungslust.

Kurzum, diese Beleidigung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte für die jungen Erwachsenen. Gestern nun traten drei von ihnen aus Duisburg als Sprecher einer Initiative an die Öffentlichkeit. Sie fordern Gleichberechtigung für Väter. Unter dem Hashtag #BeleidigtEndlichVäter kann man ihnen auf allen sozialen Kanälen folgen. Sie sprechen nicht nur für sich, sondern für die Interessen von Millionen Vätern in Deutschland und wissen sich von vielen Prominenten unterstützt.

In der Kulturszene gärt das Thema schon lange. Jan Kastner arbeitet als Aufnahmeleiter in bekannten TV-Produktionen und kennt aus vielen Gesprächen mit Kulturschaffenden die Nöte von unbeleidigten Vätern. „Das große Problem ist“, so Kastner, „Männer, und das sind ja Väter meistens, trauen sich nicht über ihre Minderwertigkeitsgefühle zu sprechen.“

„Genau“, bestätigt Esra Bashri. „Am Samstag gab es ja auch das große Missverständnis, Aziz Bouhaddouz hätte sich über die Beleidigung der Mutter so aufgeregt.“ Esra hat schon oft mit Aziz gesprochen, seit er in Duisburg spielt. Sie weiß, wie er tickt. „Schon in unserem ersten Gespräch an der Westender Straße habe ich das mitbekommen, wie ihn dieses Mütter-Väter-Ding beschäftigt. Er sagte mir, seit Jahren werde seine Mutter in allen möglichen Spielen beleidigt. An seinen Vater habe noch niemals einer gedacht. Aber der sei doch auch immer für ihn dagewesen. Aziz spricht viel mit anderen Spielern und versucht schon was, aber wenn einer alleine nur aktiv ist, reicht das natürlich nicht“

„Ganz ehrlich“, mischt sich Arca wütend ein, „so Typen wie der Bittroff bringen diese Gesellschaft doch nicht weiter.“ Arca ist seit zwei Jahren selbst Vater und auch für ihn gilt, noch niemals in seinem Leben wurde sein eigener Vater von jemandem beleidigt. „Ich meine, mein Vater hat sich längst damit abgefunden, dass er niemals die Chance erhielt, über eine Vaterbeleidigung wütend zu werden. Aber das war auch eine andere Zeit. Ich mache das nicht mehr mit. Bin ich es etwa nicht wert beleidigt zu werden, oder was? Das ist doch ein Denken von Vorgestern. Weißt du, am liebsten würde ich zu dem Bittroff gehen und dem sagen, man, sei doch ein Mann, Bitroff und beleidige mal irgend’nen Vater. Mütter beleidigen, wie klein bist du.“

Esra legt ihm beruhigend die Hand auf den Arm und fügt hinzu: „Unser Aufruf ist erst der Anfang. Wir kennen so viele Leute in ganz Deutschland, die genauso denken wie wir. Jeder Vater hat ein Recht auf Beleidigung. Du Sohn eines Strichers macht doch nicht weniger wütend als deine Mutter ist ’ne Hure.“

Dresdner Kehrwochenergebnisunsicherheit

Guck mal einer an, wie sich die Wege von Menschen immer wieder kreuzen. Alexander Schmidt wird gute Erinnerungen an erste Begegnungen mit dem MSV in seinen neuen Vereinen haben. 2014 hatte Alexander Schmidt als Trainer vom SSV Jahn Regensburg sein erstes Pflichtspiel dort gegen den MSV. HIer seine Pressekonferenz seinerzeit. Den MSV trainierte damals Gino Lettieri. Es hängt also alles mit allem zusammen. Das erleben wir heute. Wahrscheinlich war das Spiel gegen Dresden mit ein Grund für die Entlassung von Gino Lettieri. Denn Alexander Schmidt sah damals einen recht ungefäährdeten 3:1-Sieg seiner Mannschaft.

Man muss die Trainerwechsel in den Ligen wohl inzwischen als eine Art Reigen verstehen, bei dem Entscheidungen auch im Hinblick auf Wackelkandidaten und deren Nachfolger in anderen Vereinen getroffen werden. Dass Gino Lettieri nicht mehr am Spielfeldrand sitzt, führt also heute zu einem späten Vorteil, der über den des bisherigen Einflusses von Pavel Dotchev hinausgeht. Ob dieser so große Vorteil in Person von Pavel Dotchev diese merkwürdigen psychischen Prozesse zumindest im ersten Spiel nach Trainerentlassungen egalisiert, können wir nur hoffen. Solche ersten Spiele von neuen Trainern setzen ja oft zumindest kurzfristig Kräfte frei, die später meist wieder versickern.

Deshalb nutzen Trainerentlassungen ja auch nur im Fall von Gino Lettieri und dem MSV etwas. Hoffe ich jedenfalls mit Blick auf das Spiel heute Abend und dem guten Gefühl, dass das Selbstbewusstein einer siegreichen Mannschaft vielleicht auch noch hinzu kommt, um die Verunsicherung der Dresdner trotz neuem Trainer schnell wieder hervor zu rufen. Schauen wir mal, ob die gewohnte Verunsicherung der Zebras in den ersten Minuten dieses Mal ausbleibt und der Trainerwechsel in Dresden zur bekannten Statistik ausgleichend für den Dotchev-Fall beiträgt. Denn wir wissen alle, rein statistisch betrachtet nutzt so ein Trainerwechsel gar nichts. Die statistische Verteilung verlangt geradezu als Ausgleich für den Dotchev-Erfolg das gänzliche Nutzlose in Dresden als Trainerwechsel-Resultat.

Selbst vom Alphabet noch benachteiligt – Marco Antwerpen ein a geklaut

Marco Antwerpen, der Trainer vom 1. FC Kaiserslautern, gehört vermutlich zu solchen Personen, die zwitschernde Vögel am Morgen als persönliche Beleidung betrachten. Jemand wird schon dafür verantwortlich sein, dass sie vor seinem Fenster Geräusche machen. Jemand, der ihn an seinem Schlaf hindern will, um seine Arbeitskraft zu schwächen. Im Zweifel haben sich die Schiedsrichter der letzten Spiele zusammengeschlossen. Sie wollen sich rächen, weil er einfach Wahrheiten über sie ungeschönt ausspricht.

Ich muss sagen, meine Freude über den späten Ausgleich durch Wilson Kamavuaka zum 2:2-Unentschieden im Spiel gestern gegen Kaiserslautern ist noch größer, seitdem ich gerade die Pressekonferenz nach dem Spiel gesehen habe. Dabei gehört Schadenfreude nur selten zu meinen spontanen Empfindungen. Marco Antwerpen ist schon was besonderes. Wie kann man derart blind für die zweite Halbzeit sein? Wie kann man sich in einer eigenen Welt derart behaglich einrichten und sich ständig benachteiligt fühlen?

Sogar ein „a“ haben sie ihm vorenthalten. So würde er wahrscheinlich sagen, wenn man ihn darauf aufmerksam machte, dass an seinem Statement auf der PK etwas nicht gestimmt hat. Er würde auf den MSV verweisen, den Pressesprecher Martin Haltermann. Der Schiedsrichter, der Stadionsprecher, irgendeiner war es bestimmt. Er antwortete ja auf die Frage eines Kollegen, er habe dem Schiedsrichter nach dem Spiel nur gesagt, warum „Kamavuka“ (sic) noch auf dem Platz stände. In diesem Satz offenbart sich sein ganzes Wesen. Der Mann lebt in einer Welt, in der es Spieler gibt, die keiner kennt. Was soll so ein armer Schiedsrichter dann machen? Er kann doch niemanden vom Platz stellen, der gar nicht spielt.

Neben einem solchen unsympathischen Fantasten wie Marco Antwerpen hat es Philipp Klug ganz gut gemacht. In der Nachbesprechung seines PK-Auftritts braucht er allerdings den Hinweis, dass nicht „vieles“ von dem Kollegen-Statement richtig war sondern nur einiges. Schließlich hat er die zweite Halbzeit deutlich anders gesehen als sein Kollege. Ich übrigens auch.

Wir sind uns einig, in der ersten Halbzeit gab es nur eine kurze Phase zwischen der 30. und 40. Minuten, in der die Mannschaft sicher im Spiel war. Die Halbzeitpause kam zur rechten Zeit. Erst nach dem Wiederanpfiff schien das Spiel für den MSV richtig zu beginnen. Aber für Marco Antwerpen hatte der FCK ja alles im Griff. Nein, hatte er nicht. Es war ein ausgeglichenes Spiel nach dem 1:1-Zwischenstand. Es war hart umkämpft. Marco Antwerpen kann in seiner blinden Selbstgewissheit nicht wahrnehmen, dass dieser MSV in der zweiten Halbzeit nicht nur auf keinen Fall verlieren wollte, diese Mannschaft wollte gewinnen. Dazu hat sie einiges versucht. Der FCK hat gut dagegen gehalten. Weder der Sieg der einen noch den anderen Mannschaft wäre unverdient gewesen. Wenn man den Blick von Wilson Kamavuaka beim Jubel nach seinem Ausgleich sieht, weiß man aber, diese Zebras haben im Grunde gewonnen.

Die Superleague, MSV-Gemeinsinn und die Causa Flick

Momentan bekommen wir in unseren unterschiedlichen Rollen im und um den MSV Duisburg den Spagat einigermaßen hin zwischen den idealistischen Vorstellungen von Unterstützung und Mitbestimmung in einem Verein sowie der unternehmerischen Arbeit für wirtschaftliche Solidität und sportlichen Erfolg. Um im Bild zu bleiben: Eine Gruppe von MSV-Anhägern versucht sich seit jüngstem an einer Turmkonstruktion von Anhängern im Spagat. Sie haben mit den Zebra-Genossen eine Genossenschaft gegründet und sich damit in eine lange Tradition von wirtschaftlichen Solidargemeinschaften gestellt, die in der Arbeiterbewegung ihre Wurzeln hat.

In Genossenschaften ist ökonomisches Handeln gebunden an Ziele, die vom Gemeinsinn getragen werden. Ihr könnt euch vorstellen, dass mir diese Genossenschaftsgründung sehr gefällt. Was nichts damit zu tun hat, dass Gründungsmitglieder der Genossenschaft Bekannte von mir sind und wir zum Teil denselben Fanclubs angehören.

Das schreibe ich nur der Transparenz wegen. Das Ringen um Erkenntnis in dieser Gesellschaft braucht mehr Wissen über die sozialen Verbindungen derjenigen, die sich über ein Thema äußern. Es geht dabei nicht ums Skandalisieren sondern um Einordnen. Das ist idealistisch gedacht, ich weiß. Aber wenn ich mich schon mal für dieses Bewusstsein einsetzen kann, dann mache ich das nun mal. Demnächst also in diesen Räumen etwas mehr Hintergrund zu der Genossenschaft. Ich denke an ein Gespräch mit einem der Vordenker der Genossenschaft.

Das ist der Fußball in Duisburg. Der Fußball in Europa erlebt gerade den sich doll drehenden Turbokapitalismus. Zwölf Vereine aus England, Spanien und Italiene haben die Katze aus dem Sack gelassen. Seit langer Zeit ist die Superleague im Gespräch, der feuchte Traum von Geldanlegern im Fußballgeschäft. Verlustrobust im Niederlagenfall durch ewige Zugehörigkeit. Natürlich ist so eine Entwicklung konsequent in diesen Corona-Tagen. Die leeren Stadien haben gezeigt, Fußball funktioniert auch ohne Anhänger. Nun ist sogar niemand präsent, der den Plänen laut in die Quere kommen kann. Die Gründung ist auch die konsequente Fortschreibung der ökonomischen Leitgedanken der letzten 20 Jahre. The winner takes it eben all.

Dass deutsche Vereine nicht dabei sind, zeigt für mich einerseits, dass handelnde Protagonisten bei Bayern München und auch Borussia Dortmund sich trotz gegenteiligem Eindruck im deutschen Binnenmarkt mit der deutschen Wirtschaftskultur des Ausgleichs identifizieren. Andererseits ist die kulturelle Kraft des Vereinsgedanken und der Mitbestimmung in Deutschland offensichtlich sehr viel mächtiger als in den anderen europäischen großen Fußballnationen. Was dann wiederum einigen Druck auf Fußballunternehmen und deren leitende Mitarbeiter ausübt. Ob das so bleiibt, ist mir völlig egal. Letzte Woche im Podcast habe ich noch gesagt, sollen sie ihre Superleague doch gründen. Damit meinte ich auch die Bayern und den BVB. Mein Fußball wird dadurch nicht schlechter. Mein Fußball wird dadurch nicht gefährdet. Mich interessiert dieser Fußball nicht mehr. So eine Superleague wird wie jeder schlechte Hollywoodfilm sein weltweites Publikum finden. Kulturelle Kraft hat so ein Fußball nicht mehr. Besorgnis erregend finde ich das nicht.

Dass im deutschen Fußball trotz momentaner Abwesenheit in der Superleague bei den Großvereinen auch Gepflogenheiten von Großunternehmen herrschen, versteht sich von selbst. Schmunzelnd lese ich, dass der FC Bayern Hansi Flicks Stellungnahme am Samstag missbilligt. Als versierter Offensivtaktiker hatte er verkündet, er beende seine Arbeit bei den Bayern am Saisonende. So eine Geschichte steht normalerweise auf den Wirtschaftseiten, wenn über Machtkämpfe in Großunternehmen berichtet wird.

In Deutschland redet die Fußballbranche aber seit Wochen über die Bayern so, als ginge es dort um Meinungsverschiedenheiten über Kaderstärken, die zu persönlichen Animositäten wurden. Dabei zeigt sich in diesem Konflikt einmal mehr nur der immerselbe Widerspruch. Ein Unternehmen handelt nach unternehmerischen Prinzipien. Im Geschäftsfeld Sport zählt zwar Erfolg, aber in Deutschland nun auch die Sportkultur. In dem Fall vertritt Hasan Salihamidzic das Unternehmen FC Bayern München gegenüber dem leitenden Mitarbeiter Hansi Flick. Das Unternehmen sieht nun unternehmerische Prinzipien verletzt, muss aber klein beigeben. In dem Fall ist nicht das Unternehmen FC Bayern bedeutender als Hansi Flick. Denn dessen Erfolge sind in der öffentlichen Wahrnehmung Vereinserfolge. Sie machen ihn unabhängig vom Unternehmen. Selbst beim FC Bayern wirkt noch immer die kulturelle Kraft von Vereinen, auch wenn die nur im Konflikt bemerkbar wurde.

Der Dotchev der Woche – VII –

Vielleicht werden irgendwann Psychologen oder Sozialpsychologen Pressekonferenzen mit Pavel Dotchev als Anschauungsmaterial entdecken, um anhand der Worte von Pavel Dotchev zu illustrieren, wieviel Einflüsse es auf das von Gruppen gibt und wie komplex es bestimmt wird.

Das Spiel gegen Dresden zeigt eine weitere Facette von Pavel Dotchevs Arbeit, weil er nach seiner vierten gelben Karte in Dresden weder am Spielfeldrand sitzen noch 30 Minuten vor und nach dem Spiel Zeit mit der Mannschaft verbringen darf. Hört man diesem Mann in den ersten Minuten der PK zu, beeindruckt es einmal mehr, wie er den ersten Fragen ihren Beiklang der schwierig zu bewältigenden Besonderheit der Situation nimmt.

Wenn man hört, wie er die Bedeutung seiner Abwesenheit in ein grundsätzliches Vertrauen in Co-Trainer und Mannschaft verwandelt, ohne die zusätzliche Schwierigkeit kleinzureden oder sie zu dramatisieren, bleibt einem nur festzustellen: Dieser Mann ist ein begnadeter Erwachsenenpädagoge. Er hat ein Gespür dafür, wann er dem Gegenüber Raum lassen muss für die eigene Persönlichkeit. Gleichzeitig besitzt er eine klare Vorstellung davon, wie ein Handeln wirken muss, wenn der einzelne Verantwortung wahrnimmt.

Schon bald nach den ersten Pressekonferenz ging mir durch den Kopf, dass genau diese Transparenz seines Denkens und Handelns ihm in Phasen des sportlichen Misserfolgs zum Nachteil werden kann. Sie ist so ungewöhnlich, dass alleine diese Besonderheit ihn im konservativen Fußballgeschäft angreifbar macht. Völlig unabhängig davon, wie seine Arbeit mit Spielern zu bewerten ist. Sollte es je so sein – was natürlich nur ein Gedankenspiel ist -, so wünsche ich mir gerade so sehr denselben Rückhalt vom Verein wie ihn die ganze Zeit Ivo Grlic erlebt. Es wäre schön, wenn dann nicht von irgendwelchen Gesetzen des Fußballs gesprochen würde. Die gibt es nämlich nicht. Es gibt nur ein komplexes Geschehen, in dem Stimmungen rund um den Verein nur eine Einflussgröße sind.

Sehr viel besser gefällt mir allerdings der Gedanke, dass der MSV Duisburg in Zukunft vom folgenden ganz anderen Leitspruch Pavel Dotchevs bestimmt wird, der einen „Dotchev der Woche“ wert ist.

Man macht die meisten Fehler, wenn man erfolgreich ist.

Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die SG Dynamo Dresden, 15. April 2021

Da Pavel Dotchev eine der größten Gefahren des Erfolgs kennt, ist der MSV Duisburg in Dresden und in weiterer Zukunft gewappnet. Bemerkenswert war zudem sein klares Wissen um die oft vernachlässigte Wahrheit, dass vorher niemand weiß, wie ein Mensch auf eine ihm zuvor unbekannte Situation reagiert. Die Mannschaft Dresdens ist in eine ihr bis jetzt unbekannte Situation geraten. Dreimal erfolglos nacheinander mit der Zuspitzung gegen den Tabellenletzten verloren zu haben, macht diese Mannschaft entweder besonders gefährlich oder besonders angreifbar.

Niemand weiß das, und deshalb lassen sich die Chancen des MSV weniger genau bestimmen als noch vor drei Wochen. selbst wenn der Dresdner Journalist Pavel Dotche in der PK auf eine selbstbewusstere Aussage festnageln will. Was wir aber wissen: das Handeln des MSV ist ein externer Einfluss auf das Handeln der Gruppe Dynamo Dresden. Schauen wir welche Entwicklung dieses komplexe System Fußballspiel nehmen wird. Auf die gute Vorbereitung des MSV durch Pavel Dotchev dürfen wir auf jeden Fall zählen.

Der Dotchev der Woche – VI –

Während der MSV Duisburg gegen den SV Waldhof Mannheim Fußball spielen wird, versucht sich Pavel Dotchev gegen den Trainer Waldhofs Patrick Glöckner in einer fußballgemäßen Abwandlung des Quartettspiels, dem Terzett. Zweimal standen die Trainer in dieser Saison am Spielfeldrand bereits nebeneinander. Pavel Dotchev hat dabei Niederlage und Unentschieden gesammelt. Nun braucht er noch den Sieg, dann ist das Terzett vollständig.

Um diesen persönlichen Erfolg im Terzettspiel erreichen zu können, war Pavel Dotchev diese Woche kommunikativ besonders gefordert. In der Pressekonferenz konnten wir ihn als Großmeister wertschätzender Pädagogik erleben. Er weiß, wie wichtig es ist, das Gefühl, erfolgreich zu sein, nicht zu beschädigen. Das ist schwierig, wenn der Erfolg nicht als sicher wiederholbar erkennbar ist. Also braucht es Hinweise der Korrektur, die aber nicht als mangelnde Anerkennung bremsend auf das Selbstbewusstsein wirken dürfen.

Ich habe keinen Zweifel, dass Pavel Dotchev solche Spagatübungen der Kommunikation bestens gelingen. Er ist sich des dazu notwendigen pädagogischen Handwerks sehr bewusst. Deshalb kann er allgemein gültige Lebensregeln so aussprechen, dass sie nicht inhaltsleer wie ein Kalenderspruch wirken, obwohl sie jeden solcher Weisheits-Kalender schmücken würden.

Nimmt man den Gesamtzusammenhang für den Dotchev dieser Woche, stehen wir auf dem festen Fundament einer humanistischen Pädagogik, die die Gegenwart gleichmaßen schätzt wie das Wachstum von Menschen, dem manchmal leichte Lenkung gut tut.

Wir sind gut, aber um gut zu bleiben, müssen wir uns verbessern.

Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den SV Waldhof Mannheim, 8. April 2021

Kennt Patrick Glöckner eigentlich die Terzett-Regeln noch? Ihm ist hoffentlich klar, dass nur ein vollständiges Terzett gewinnt. Weiß er, dass ihm nur noch die Niederlage für sein Terzett fehlt. Welch seltenes Ereignis bahnt sich da an. Ein Spiel, bei dem jeder gewinnen kann, sogar wenn Waldhof verliert. Sicherheitshalber sollte das Patrick Glöckner wahrscheinlich gesagt werden, damit er seine Mannschaft entsprechend einstellen kann.

Aygün Yildirim erscheint der Fußballgott

An diesem Sonntag wurde das Osterfest gefeiert. Wofür der Fußballgott nicht zuständig war. Das gehörte zum Arbeitsbereich seines Kollegen vom christlichen Glauben. Der Fußballgott hatte sich von Anfang an ganz dem Ballspiel gewidmet. Da ließ er sich nicht reinreden. Am Sonntag hatte er also meist kaum Zeit. Dann hatte er nach den Spielen am Vortag zu tun. Meist arbeitete er schnell und konzentriert seine Listen ab. Es waren Folgearbeiten für ihn. Eine Erscheinung hier, ein Zeichen dort. Gehandelt werden musste schließlich nur in den Spielen.

Am liebsten erledigte er alles möglichst sofort, weil er nur zu genau wusste, wie verführerisch Fußballspiele und die Fußballer für seine Kollegen oft waren. Wie gerne griffen sie dort ein, wenn er mal kurz nur unaufmerksam war. Wie oft schon hatten sie hinter seinem Rücken mit einem Spieler Tacheles geredet, wenn er nach einem anstrengenden Spieltag erst einmal entspannen wollte.

Gerade der Kollege vom christlichen Glauben mit seinem Stolz auf den Bohei der Menschen in seinem Namen um die Schuld, mochte den Fußball sehr. Der Fußballgott wusste auch, wer von seinen Kollegen sich grundsätzlich allmächtig vorkam. Gerne wurde das zusammen mit dem Alleinvertretungsanspruch zur Sprache gebracht. Auf so eine Idee waren natürlich zuerst die Menschen gekommen, aber wer gar nicht mehr weiter weiß, greift noch auf den abwägigsten Gedanken zurück. Für Menschen in ihrer Beschränktheit war der ja vielleicht ganz praktisch gewesen, um ihr Leben zu bewältigen oder ihre Interessen durchzusetzen. Aber für Götter? Da musste er doch immer wieder lachen.

Er hatte also heute zu tun. Das war klar. Es ging um keine große Sache. Im menschlichen Maßstab ging es sogar nur um die Dritte Liga. In Deutschland. Aber ihm ging es immer um das Spiel selbst. Um die Werte, die ein Fußballspiel vermitteln konnte. So schaute er deshalb auf diese Geplänkel der großen Vereine nur noch flüchtig. Da konnte er noch so oft eingreifen, dort ging es nicht um Details. Dort ging es um Grundsätzliches. Für diese Arbeit bräuchte er vielleicht Unterstützung. Neulich hatte er zufällig einen germanischen Kollegen getroffen. Thor, Donnergott, der hatte ihn auf eine Idee gebracht. Aber das musste noch warten.

Heute richtete er seinen Blick auf Westfalen. Dort lebte die Familie Yildirim. Aygün Yildirim hatte mit seiner Mannschaft, dem SC Verl am Vortag gegen den MSV Duisburg 2:1 verloren. Der Sieg der Duisburger war nicht unverdient, wenn auch etwas überraschend. Der Fußballgott hatte unauffällig gewirkt. Er hatte auf die eindrucksvolle Leistung der Duisburg kein dunkles Licht werfen wollen. Auf keinen Fall wollte er, dass jemand nach dem Spiel von großem Glück sprach.

Dieser MSV brauchte ihn momentan eigentlich nicht. Im Grunde hatten die Spieler das selbst erledigt mit dem Siegen, welch schöne Tore hatte Moritz Stoppelkamp geschossen. Aber der Fußballgott wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Zu sehr hatte er sich über den Verler Spieler Aygün Yildirim geärgert. Zweimal hatte der sich ohne Berührung des Gegners fallen gelassen. Die Absicht einen Elfmeter herauszuholen war so offensichtlich, selbst wenn er sich einmal beim Fallensassen verschätzte und er sich nur am Strafraumrand befand. Über eine gelbe Karte hätte er sich nicht beschweren dürfen. Wenigstens ist der Schiedsrichter auf diese Versuche zu betrügen nicht hereingefallen. Sonst hätte er um der Gerechtigkeit willen für den MSV womöglich tatsächlich eingreifen müssen.

Nun also kam der Fußballgott in Westfalen nieder, fand Aygün Yildirim auf seinem Sofa vor und sprach zu ihm: „Aygün Yildirim, hörst du mich, mein Sohn? Wo bist du mit deinen Gedanken? Denkst du an deine Leistung im Spiel deiner Mannschaft gegen den MSV Duisburg? Denkst du an eure Niederlage? Deine Mannschaft hat zurecht 2:1 verloren. Du meinst zu wissen, warum. Aber zwei Tore hat der MSV Duisburg erzielt. Zwei! Tore! Weißt du, Aygün Yildirim, warum zwei Tore? Wie oft, Aygün, hast du dich dort fallengelassen, wo du geglaubt hast, der Schiedsrichter könnte Elfmeter pfeifen. Wie oft, Aygün Yildirim? Wenn du es nicht mehr weißt, ich erinnere mich genau. Zweimal, Aygün Yildirim. Zweimal bist du gefallen. Zweimal zu Unrecht. Vergiss, was dein Trainer über das Spiel gesagt hat. Erst jetzt weißt du, warum deine Mannschaft durch zwei Gegentore verloren hat.“

Der Dotchev der Woche – Spezial – Heute zu Gast Serdar Dayat

Trotz ganz unterschiedlicher Lebensbedingungen ist der Blick der Menschen auf die Wirklichkeit oft ganz ähnlich. Wir neigen nun mal dazu, das Leben selbst als grundsätzliches Problem anzusehen. Da kann dem einen schon mal der 2:0-Vorsprung fast so vorkommen wie ein 0:2-Rückstand. Weil auf der Pressekonferenz nach dem Spiel des MSV gegen Türkgücü München erinnert wurde, dürfen wir mit dem Trainer von Türkgücü München Serdar Dayat einen Gast beim „Dotchev der Woche“ begrüßen.

Um die Lage für seine Mannschaft nach der ersten Halbzeit zu beschreiben, griff er auf eine weit bekannte Fußballweisheit zurück und passte sie an die Wirklichkeit des Tages an.

2:0 ist immer gefährlich, auch für die zweite Halbzeit.

Serdar Dayat, Pressekonferenz nach dem 3:2-Sieg des MSV gegen Türkgücü München, 20. März 2021

Pavel Dotchev offenbarte wenig später, dass er nach dem 2:0 gedacht habe, es werde „verdammt schwer“ für den MSV. So sahen die Trainer scheinbar gleiche Ausgangsbedingungen für die zweite Halbzeit des Spiels. Ob Gefahr oder große Bürde, beides macht das Leben nicht gerade einfach.

Doch wie im richtigen Leben offenbart der Blick des Benachteiligten die wahren Machtverhältnisse. Pavel Dotchev sprach aus, wie er die soziale Lage des Spiels sah:

Solche Bedingungen für die, ist ja sogar Riesenvorteil.

Pavel Dotchev, Pressekonferenz nach dem 3:2-Sieg des MSV gegen Türkgücü München, 20. März 2021

Es blieb Niko Schmitz, einem Journalisten des Münchner Merkur, vorbehalten, Serdar Dayat mit der Sozialkritik an diesem Spiel zu konfrontieren. Er versuchte die Wirklichkeit zu benennen hinter Serdars Nebelkerze der vermeintlich ähnlichen Ausgangslage beider Mannschaften ab Minute 45 und verband sie zudem mit der Machtfrage. Er wollte wissen, wie sich Serdar Dayat erklärte, „dass das Spiel wieder in der zweiten Halbzeit aus der Hand gegeben wurde?“ Serdar Dayats Antwort besitzt ebenfalls eine lange Tradition im richtigen Leben. Einst war Erfolg das Zeichen für Gottes Wille. Heute bemühen wir Magisches Denken und das Schicksal.

Erste Halbzeit wollte der Ball uns, war auf unserer Seite, zweite Halbzeit war er auf deren Seite. Deswegen haben wir 3:2 verloren.

Serdar Dayat, Pressekonferenz nach dem 3:2-Sieg des MSV gegen Türkgücü München, 20. März 2021

Bleiben wir also bei seiner Weltdeutung und freuen uns, dass die Zebras so attraktiv wurden für den Ball. Lassen wir ihm zudem den Glauben an die Treue des Balls in Halbzeit eins und verraten ihm nicht, dass der schon in der ersten Halbzeit immer mal wieder mit den Zebras geliebäugelt hat.

Lasst uns Spaß haben am Sieg und Spielereien mit Pressekonferenzen. Denn irgendwie muss ich mir immer wieder die Anflüge von Melancholie vertreiben, die mich beim Denken an das Siegestor in der 88. Minute anwehen. Ich bekomme einfach die Leere des Stadions nicht aus dem Kopf und die Erinnerung an diese explosiven Aufschreie von Tausenden, wenn der MSV so kurz vor Ende ein Spiel gedreht hatte. Mit dem Spaß füttere ich meine Hoffnung auf andere Zeiten.

Der Dotchev der Woche – V –

Keine Verspätung lässt mich heute erst zum „Dotchev der Woche“ kommen, auch wenn die schon zwei Tage zurückliegende Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Halle meine Quelle für das Dotchev-Zitat ist. Vielmehr folgte ich der Weisheit der Worte selbst. Sie geben Gelassenheit, wenn man die richtigen Schlüsse aus ihnen zieht. Ich nahm Abstand vom Aktualitätenwahn. Ich sah die Zeitlosigkeit als anzustrebendes Lebensgefühl und konnte mich dem Fluss des Alltags überlassen. Denn der richtige Moment für den „Dotchev der Woche“ käme, wenn ich mich nicht von der trotz Pandemie in einigen Teilen unserer Gegenwart bemerkbaren Hast und Unruhe anstecken lassen würde.

Auf dem Spielfeld in Halle war letzteres Dienstagabend der Fall. Was Pavel Dotchev nicht unkommentiert ließ:

Und je länger das Spiel dauerte, desto hektischer wurde natürlich auch das Spiel durch diese ganze Hektik.

Pressekonferenz Halle, 16. März 2021, ab Minute 2.19

Ich bin alleine auf meinem Spielfeld vor der Tastatur. Deshalb fällt mir diese innere Ruhe leichter als einem Spieler vom MSV, der auf dem Rasen unter einer Menge Leute ist. Wir sind soziale Wesen und Gefühle sind ansteckend. Verursacht wird das durch unbewusste, reflexhafte Reaktionen unserer Körper. Wir können nur schwer etwas gegen diese Ansteckung machen, wenn wir uns in Situationen befinden, die vor allem intuitiv und ohne Rationalität bewältigt werden müssen. Ein Fußballspiel ist so eine Situation. Dann springt Angst leichter von einem zum anderen als in Situationen mit Zeit zum Überlegen. Dann verführt die für den Einsatzwillen vorhandene Aggressivität beim einen zum unpassendem Aggressivitätsschub beim anderen, so dass ein Pass dann doch stärker gespielt wird als beabsichtigt, usw usw.

Bleibt mir fürs nächste Spiel auf ansteckende Ruhe zu hoffen, die mir momentan besonders bei Aziz Bouhaddouz vorhanden zu sein scheint. Damit sich diese Ruhe aus der vordersten Reihe über das ganze Spielfeld ausbreiten kann, muss sie möglichst lange wahrnehmbar bleiben. Denn Pavel Dotchev wird mir sicher zustimmen, wenn ich prophezeie, je länger ein Spiel dauert, desto ruhiger wird das Spiel durch diese ganze überzeugende Ruhe.


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