Archive for the 'MSV Duisburg' Category

Jubiläumswochen – Eine Erkenntnis zur Verwandtschaft von MSV- und FC-Hyme vom 26. 2. 2009

Zehn Jahre gibt es den Zebrastreifenblog, ein Anlass, um in den Jubiläumswochen bis zum Saisonstart zurückzublicken. In einem frühen Text des Zebrastreifenblogs habe ich versucht, ein wenig Licht in das Entstehen der MSV-Hymne zu bringen. Ein Zufall hatte zu diesem Text geführt. In dem Fall war es eine Top- und Flopliste vom Kölner Stadt-Anzeiger, die die Karnevalssession 2008/2009 zusammenfassen sollte. Ein Flop beschäftigte sich mit der Frage, wer darf wo seine Aufwartung machen, genauer, wo dürfen die Höhner mit welchen Vereinsinsignien auftreten? Ist das nicht interessant, wo überall so etwas wie Loyalität und Identität als Konfliktgrund auftauchen? Da Köln nicht Deutschland, Mönchengladbach nicht die Türkei und eine Mönchengladbacher Karnevalsgesellschaft kein autokratischer Staatspräsident ist, mussten die Höhner nicht beim damaligen Bundespräsidenten von Köln, Oberbürgermeister Fritz Schramma, ihren Karnevalsauftritt in Mönchengladbach erklären. Ich aber hatte einen Anlass, um über die MSV-Hymne zu schreiben.

Was verbindet MSV Duisburg, 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach?

Die eine Antwort auf die oben gestellte Frage wird euch sofort einfallen, und ihr werdet genauso schnell vermuten, dass es mir wahrscheinlich darum hier nicht geht. Regelmäßiger Auf- und Abstieg in den letzten Jahren soll nicht das Thema sein. Es geht im weitesten Sinn um Musik und im engeren Sinn um die Aktivitäten einer populären Kölner Karnevalsband in Sachen Fußball.

Dazu muss ich nun etwas ausholen. Gestern wurde vom Kölner Stadt-Anzeiger ein Resumée der zurück liegenden Karnevalsaison gezogen. Das geschah nun nicht in einem rückblickenden Artikel, sondern ganz im Zeichen einer journalistischen Mode der jüngsten Vergangenheit als Ranking von „Hits und Flops der Session“. Was ich als Platz 5 bei den Minuspunkten las, empfand ich aber als etwas kleingeistig. Man schimpfte nämlich darüber, dass die „eingefleischten FC-Fans“, De Höhner, auf der Karnevalssitzung von Borussia Mönchengladbach mit einem Fanschal der Borussia um den Hals aufgetreten sind. Die moralische Keule wurde herausgeholt und den anscheindend heftig diskutierenden FC-Fans nach dem Mund geredet. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ hieß es da abschätzig und vergessen wurde, dass die Musiker der Karnevalsband in erster Linie als Unterhaltungskünstler einen Beruf ausüben und nicht beim 1.FC Köln angestellt sind. Das ist purer Populismus, wenn dieser Auftritt in eine Reihe mit  Karneval-Hooligans und „Kids“, die „saufen“, gestellt wird. Ich kann das nicht ernst nehmen, hatte aber ein Thema für den Blog.

Ich fragte mich nämlich, was nur werden solche Fans sagen, wenn sie etwas ganz anderes über De Höhner erfahren, etwas, was sich bislang, nun fast schon fünf Jahre, anscheinend unterhalb des Empörungsradars befunden hat. Und vielleicht gibt es MSV-Fans, die demnächst genauso heftig schimpfen, wenn ich an dieser Stelle wieder zur Musik komme, genauer gesagt zur MSV-Hymne. Als diese Hymne 2004 zum ersten Mal gespielt wurde, traute ich meinen Ohren nicht. Ich war kurze Zeit zuvor bei einem Heimspiel des 1. FC Kölns gewesen und erinnerte mich noch gut an das beeindruckende Spektaktel kurz vor dem Spiel mit dem Zusammenschnitt des kölschen Liedguts. Nun hörte ich in Duisburg etwas, was mir vom Sound her durch meine Kölner Stadionbesuche sehr bekannt vorkam.

Gab es da etwa ein Verbindung nach Köln? Woher kam diese Hymne nach Duisburg zum MSV?  Kurze Zeit später erhielt ich die CD mit der Hymne geschenkt und wusste sofort des Rätsels Lösung. Wer in Köln lebt, kennt unweigerlich nach einiger Zeit die Namen Henning Krautmacher und Janus Fröhlich und weiß sie als Mitglieder von den Höhnern einzuordnen. Unter dem zweiten Stück auf der CD nun fand ich beide Namen. Für Komponist und Texter der MSV-Hymne habe ich erst heute dann noch ein wenig gegoogelt. Der neben C. Ledwig für Text und Musik verantwortliche H. Schöner erweist sich als Hannes Schöner und ist Bassist bei den Höhnern.

Jetzt wisst ihr, was den MSV Duisburg, den 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach verbindet. Und tatsächlich stimmt es wortwörtlich, wes Brot ich ess, des Lied ich sing. De Höhner sind Musiker und verdienen ihren Lebensunterhalt mit Musik. Damals, als ich die Hymne das erste Mal hörte, hatte das ein G´schmäckle für mich, aber heute ist dieser Kölner Hintergrund der MSV-Hymne für mich verschwunden.  Sie klingt durch das ausdauernde Abspielen vor jedem Spiel so, als sei diese Art Musik immer schon nur in Duisburg gespielt worden.

Wie es genau dazu gekommen ist, dass De Höhner die MSV-Hymne eingespielt haben, kann ich natürlich einmal mehr nur vermuten. Ich weiß nur, dass in jenem Jahr 2004 im Innenhafen die „Höhner Rockin´ Roncalli Show“ gastierte. Für Duisburg war das ein kulturelles Ereignis, das sich bestimmt auch die lokale Prominenz samt Walter Hellmich angesehen hat. Damals wurde der MSV Duisburg ja rundum erneuert. Und wenn man schon mal beim After-Show-Event mit jemanden zusammensteht, der schon einmal sein Fußballhymnen-Können bewiesen hat, warum nicht auf dieses Know-How für die aufgefrischte corporate identity zurückgreifen? So stelle ich mir vor, ist es dazu gekommen, dass es nun zwei Vereinshymnen gibt, für die sich De Höhner-Musiker verantwortlich zeichnen. Dass De Höhner bei der Hymne für den MSV diskreter sein mussten und nicht als ausführende Band auf die CD wollten, kann ich angesichts des G´schmäckles natürlich verstehen. Jetzt aber, wo diese Hymne vom Publikum längst angenommen ist, sollte die Wahrheit auf den Tisch. Da könnten dann auch neue Zeiten anbrechen. Was wäre etwa mit einer Fan-Freundschaft zwischen dem FC und dem MSV, die mit einem Höhner-Medley besiegelt wird. Ich, als Vermittler zwischen beiden Kulturen, hätte da nichts gegen.

In den Kommentaren damals wurde darauf hingewiesen, dass Höhner-Mitglied Henning Krautmacher sogar schon für den FC-Rivalen aus Leverkusen als Hymnenproduzent aktiv war. Wir stehen also quasi vor einem Stadionhymnen-Imperium.

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Hurra, die Jubiläumswochen – Zehn Jahre Zebrastreifenblog

Heute morgen habe ich kurz überlegt, ob ich in Anzug, Traditionstrikot mit Kragen und Krawatte an den Schreibtisch gehe. Der Kollege Koss hat mir gestern sogar eine Flasche Sekt kalt gestellt. Zum Öffnen ist es allerdings noch ein wenig früh. Das mache ich zusammen mit Herrn Koss und dem Stig später. Es gibt was zu feiern.

Vor zehn Jahren standen die ersten Worte im Zebrastreifenblog online. „Hallo Welt“ hieß die formelhafte Wendung, die WordPress als Standardpremierentext zur Verfügung stellte. Für mein „Hallo Welt“ hielt ich Worte aus der Fußballwelt für angemessener.

 

Wenn ich auch Worte aus der Fußballwelt nutzte, so waren Herr Koss und ich uns damals einig, im Zebrastreifenblog müsste es um mehr als reine Sportberichterstattung gehen. Fußballjournalismus gab es schon satt und genug. Heute sind unzählige Online-Medien dazu gekommen. Das Schreiben hier sollte also immer auch über den Sport hinaus führen, und es sollte um den eigenen Spaß auch am Wort gehen. Ich wollte und will über das Ruhrgebiet schreiben, über Duisburg und über Kultur. So sind seitdem 1919 Beiträge entstanden.

Auch wenn ich als Anhänger des MSV in Teilen gerne eine andere Geschichte mit meinem Verein erlebt hätte als die in diesen zehn Jahren, so war sie für mich als Wortwerker ergiebig. Der Zwangsabstieg war ein Drama mit einem Happy End. Journalistische Neugier konnte ich befriedigen, indem ich Hintergründe erhellte. Immer wieder ging es um mehr als den eigentlichen Sport. So entstand aus der Arbeit im Zebrastreifenblog mit Hilfe von Anhängern des MSV auch „Mehr als Fußball“, das Buch über den Zwangsabstieg 2013, die Rettung des MSV und die Zeit bis zum ersten Wiederaufsteig.

Seit einiger Zeit habe ich hohe Zugriffszahlen aus den USA, hinter denen ich eher Robots vermute als tatsächliche Leser. Ein Teil dieser Klicks führt zu alten Texten und manchmal schaue ich sie mir dann wieder an. Mancher dieser Texte ist zeitlos. Vielleicht stelle ich demnächst mal einen Sammelband „Zehn Jahre Zebrastreifenblog“ zusammen. Mal sehen. In den nächsten Tagen blicke ich jedenfalls immer mal wieder zurück und hole einen dieser alten Texte hervor.

Zehn Jahre Zebrastreifenblog heißt auch, noch einmal zu überlegen, wie ich in diesen Räumen hier über die Spiele des MSV weiter schreiben kann. Ich möchte mit meinen Spielberichten, so es irgend geht, ja immer auch über den Sport hinaus ins wirkliche Leben führen. Inzwischen habe ich aber das Gefühl, das meiste schon gesagt zu haben. Meine Fußballlyrik in der letzten Saison war eine Möglichkeit, aus dem Dilemma herauszukommen. Ich weiß, Lyrik ist nicht populär, selbst wenn ich auf Komik abziele, und Lyrik ist vor allen Dingen zeitaufwändiger. Aber der Gedanke ist verführerisch: die Saison in 34 Gedichten. Realistisch ist das nicht, aber hat das jemals die Menschen gehindert? Eines ist jedenfalls sicher, die zehn Jahre im Zebrastreifenblog sind eine Wegmarke. Diese Zahl bedeutet nicht, dass sich etwas gerundet hat. Es geht weiter. Wie das Leben. Wir lesen uns. Wir sehen uns.

Zufrieden in der Sommerpause

Im Zebrastreifenblog herrschen gerade ruhige ZeitenDie Sommerpause ist dafür erst in zweiter Linie der Grund. Die Arbeit von Ivo Grlic entspannt mich vor allem und lässt mir Zeit für die Vorbereitung eines unterhaltsamen Abends zur Historie des Ruhrgebiets am Freitag, den 8. Juni um 19.30 Uhr bei Tausendundein Buch in Neudorf. 

Das Verkünden von Neuverpflichtungen in schneller Abfolge sofort nach dem letzten Spieltag zeigt einmal mehr, die Arbeit beim MSV Duisburg geschieht kontinuierlich auf die Zukunft hin gerichtet und hat eine langfristige Perspektive. Versucht wird das mit Sicherheit von fast allen Vereinen. Gelingen kann das nur, wenn Spieler dem Verein und den Verantwortlichen vertrauen. Nur dann sind Vereine wie der MSV Duisburg nicht grundsätzlich darauf angewiesen zu reagieren. Sie müssen nicht bei jedem Spieler abwarten, ob er nicht hofft, ein besseres Angebot zu bekommen. Nur dann überwiegt das Agieren, nur dann behält ein Verein die Handlungshoheit beim Kaderaufbau. Nicht die Not bestimmt dann das Handeln sondern der eigene Plan.

Wenn nach dem Verkünden der Neuverpflichtungen zudem Ivo Grlic der lokalen Presse ein Interview gibt, um schon jetzt die Perspektiven für die neue Saison abzustecken, gehört auch das zur Grundlage eines erfolgreichen Abschneidens des MSV in der kommenden Saison. Er betont, die zweite Saison nach dem Aufstieg sei die schwerere Saison und deshalb sei der Klasssenerhalt erneut das vorrangige Ziel. Damit kann ich leben. Einmal mehr weiß ich aber auch, mit diesem Wissen auf noch mehr hoffen ist jederzeit möglich.

Schauen Sie, wie schnell der Salou ist

Nicht nur mich beschäftigt dieser Tag heute vor 20 Jahren immer wieder. Ich bin mir dann nie sicher, ob ich mir die Bewegtbilder vom Führungstor ansehen soll oder nicht. Ist doch die Erinnerung an die guten Momente des Tages nicht ohne das Wissen um den Ausgang des DFB-Pokalfinales 1998 zu haben. Meist bleibt der Rest des Spiels aber verblasst, und das Tor von Salou begeistert nur wieder einmal. Ihr müsst es selbst wissen, ob ihr den Clip anklickt. Ihr steigt jedenfalls mit dem Mittelfeldpass des MSV in Minute 3.22 ein.  Der Rest der Geschichte spielt hier heute keine Rolle mehr. Darum kümmer ich mich an anderer Stelle, mit anderen Worten.

 

Abschiede, ein Sieg und der rastlose Aytekin

Was gibt es zwei Tage nach dem 2:0-Sieg über den FC St. Pauli im letzten Spiel der Saison noch zu schreiben? Wir haben Sommerpause. Die Mannschaft sei auf Mallorca, las ich gestern. Der Sieg rundete eine Saison, wie wir sie nicht erwartet hatten. Vom letzten Juli bis vorgestern bot der Verein unserer Herzen uns jede emotionale Befindlichkeit eines Fußballfan-Lebens. Wir durften staunen über fußballerische Klasse der Mannschaft, die dennoch verlor. Dann konnten wir uns mit den gesammelten Siegen einen entspannten Ablauf der Restspielzeit vorstellen. Wir wurden immer erfolgreicher und durften heimlich oder auch laut von einem Aufstieg reden. Aber was wäre eine Saison ohne eine Serie von Misserfolgen nach schlechtem Spiel? Unsere Gefühle wären nicht vollständig angesprochen gewesen. Die Sorge vor dem Abstieg bot uns die Mannschaft ebenso noch wie die entspannte Sommerlaune auf der Zielgerade der Saison.

Was soll ich also noch über ein nicht mehr so wichtiges Spiel schreiben? Meine gute Laune hält an. Allenfalls nervt schon jetzt die Dauer der Sommerpause. Was für eine Zeit des Stillstands und welch klägliche Versuche des Fußballunterhaltungsbetriebs, sie mit nebensächlichen Wettbewerben wie dieses Jahr in Russland der WM zu füllen.

Die Abschiede gehen mir allerdings noch durch den Kopf, bei denen es ja nur um Spieler ging, von denen die sportlich Verantwortlichen glauben, ihre Leistungsstärke reiche nicht mehr für die kommende Saison. Bei diesen Abschieden wurde offensichtlich, wie gut es den sportlich Verantwortlichen, Ilia Gruev und dem Trainerteam sowie Ivo Grlic gelingt, im Kader ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu  entwickeln. Davon ab trägt auch die Vereinsführung dazu bei. Es kommt nicht von ungefähr, wenn die Ersatzspieler die Verabschiedungszeremonie in der Pause begleiten. Das ist nur eines der Zeichen für die Stimmung im Kader. Darin steckt eine gerichtete Energie, die der Leistung einer Mannschaft zugute kommt. Diese Abschiede wurden gut bewältigt. Keine falschen Töne ließen sich vernehmen, und dass auch Kingsley Onuegbu in seinem Königsgewand während der Halbzeitpause noch einmal eine besondere Würdigung erhielt, war eine gelungene Geste.

Das Spiel gegen den FC St. Pauli fühlte sich in der  ersten Halbzeit sehr nach einem Freunschaftsspiel zwischen zwei gleichwertigen Gegnern an. Eine Führung für St. Pauli war genauso wahrscheinlich wie eine für den MSV. Keine Frage, dass das 1:0 durch Moritz Stoppelkamp nach der Ecke in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit uns sehr viel besser gefiel. Er lief zur rechten Zeit in den leeren Raum. Das war ein typisches Tor für ihn, dank dieser Verbindung von Erfahrung und spekulierender Bewegung, die man dann Instinkt nennt.

In der zweiten Halbzeit sah es nur kurz so aus, als wolle St. Pauli sich für den Ausgleich noch anstrengen. Immer mehr überließen sie dem MSV den Ball für deren Offensivaktionen. Alleine am Spielfeldrand schien St. Paulis Trainer Markus Kauczinski sich nicht zufrieden geben zu wollen. Er kämpfte darum, Einfluss auf seine Spieler zu nehmen. Vielleicht legte er damit eine Grundlage für die unerklärliche Rudelbildung in der Nachspielzeit. Friedlich plätscherte das Spiel dahin, bis die Nachspielzeit angezeigt wurde und den Spielern St. Paulis anscheinend dann erst auffiel, dass sie nicht ewig Zeit haben, ein Tor zu erzielen. Erst regte sich Markus Kauczinski noch einmal auf. Dann geriet Moritz Stoppelkamp mit einem Spieler St. Paulis aneinander, der während des eigenen Angriffs bis zur Mittellinie beim gemeinsamen Trab mit Stoppelkamp unentwegt auf ihn einschimpfte. Als dann der Ball noch einmal in das Areal von beiden kam, gab es kein Halten mehr. Hoch die Tassen und alle kamen zum gemeinsamen Aufregen hinzu. Geschubse hier, Geschubse da. Was für eine kuriose Entwicklung.

Der Schiedsrichter, Deniz Aytekin, hatte das schnell wieder im Griff, und damit komme ich zu seiner besonderen Leistung. Ich habe noch nie bewusst ein ganzes Spiel unter seiner Leitung wahrgenommen. Der Mann läuft und läuft und läuft. Ist er während des Spiels einmal stehen geblieben? Konnte er die Beine still halten, als er in der Nachspielzeit Markus Kauczinski ermahnte? Oder trabte er auf der Stelle? Ununterbrochen ist er in Bewegung. Er pfeift einen Freistoß, läuft nur kurz an die Stelle der Ausführung und vertraut darauf, dass sämtliche Regularien von den Spielern eingehalten werden. Es war natürlich fast die gesamte Zeit ein einfaches Spiel für ihn, aber sein ständiges Kreises auf dem Platz ist sehr eigen und auffällig, wie ein Mensch gewordener Radar zur Spielüberwachung. Was ihm ja bestens gelingt.

Wer sich so spät aufregt und nicht merkt, dass er das macht, nur weil er verliert, wird sofort bestraft. Das 2:0 kurz vor dem Schlusspfiff war eine gelungene erzieherische Maßnahme für den FC St. Pauli. Ob sie gewirkt hat, werden wir nächste Saison sehen, und ich muss jetzt schauen, wie ich die Zeit der Sommerpause rumkriege. Ich finde schon was. Keine Sorge.

Schon mal Tabellenrechnerspielerei und Wirklichkeit

Wir wissen nicht, was dieser freundliche Tankwart empfiehlt, aber wir empfehlen bei Abstiegssorgen in Duisburg den Tabellenrechner im Zebrastreifenblog. Nichts wirkt mit seinen besonderen Wirkstoffen des Zweckpessimus lindernder als die Vorhersagen dort. Nichts beruhigt mehr die Nerven. Nichts stimmt froher, weil der MSV immer wieder sehr viel erfolgreicher spielt, als es die düsteren Prognosen ankündigen.

Ich hoffe nicht, dass dieses Sorgenmittel noch öfter in Anspruch genommen werden muss in der 2. Liga. Nur, dass ihr es wisst, was hilft.

Wenn der MSV immer so viel erfolgreicher spielt, müssen andere Mannschaften zwangsläufig mit weniger Erfolg vom Platz gehen. Wenn dann zwei Mannschaften, nämlich Bielefeld und Darmstadt, ebenfalls noch viel erfolgreicher spielen als angenommen, wird der Abstieg jene treffen, die ich auf gesicherten Plätzen erwartet habe und zwar nicht weil sie dauerhaft sehr viel schlechter spielten, sondern weil sie wenige Punkte nur nicht gewannen. Bei Braunschweig und Aue ging es um einen einzigen Sieg zu wenig, der die Vereine auf den Abstiegs- bzw. Relegationsplatz brachte.

 

 

4. Arminia Bielefeld 48 (12. 42 +6)

5. SSV Jahn Regensburg 48 (in meiner Prognose als damals Viertplatzierter unberücksichtigt)

6. VfL Bochum  48 (9. 45 +3)

7. MSV Duisburg 48 (15. 40 +8)

8. Union Berlin 47 (6. 47 +/-0)

9. Ingolstadt 45 (in meiner Prognose als damals Fünftplatzierter unberücksichtigt)

10. SV Darmstadt 98  43 (18. 34 +9)

11. SV Sandhausen 43 (7. 47 -4)

12. FC St. Pauli 43 (8. 47 -4)

13. 1. FC Heidenheim 42 (16. 39 +3)

14. Dynamo Dresden 41 (14. 41 +/-0)

15. SpVgg Greuther Fürth 40 (13. 42 -2)

16. Erzgebirge Aue 40 (10. 43 -3)

17. Eintracht Braunschweig 39 (11. 42 -3)

18. 1. FC Kaiserslautern 35 (17. 36 -1)

 

Schon lange legendär – Branimir Bajic

Branimir Bajics Verabschiedung verdient auch im Zebrastreifenblog besondere Aufmerksamkeit. Bewegende Momente waren das gestern vor dem Spiel gegen St. Pauli. Hoffnungsvolle Momente auf ein Bajic-Tor nach Ecken waren das im Spiel. Bewegende Momente waren das bei seiner Auswechslung. Dieser Mann hat einen Platz an der Legendenwand verdient.

Seine Geschichte beim MSV ist deshalb so schön, weil diese Entwicklung zu einem legendären Spieler im gegenwärtigen Fußball nicht wahrscheinlich war. Sie ist besonders, weil es Zeit und Gelegenheit für Entwicklung gab. Diese Geschichte ist deshalb besonders, weil sie zugleich etwas über die Persönlichkeit von Branimir Bajic erzählt.

Der MSV kann Bewegtbilder zu einem Clip zusammenschneiden, ich kann im Zebrastreifenblog Sätze aus früheren Texten montieren und samplen. Applaus für Branimir Bajic, der zu einem Großen der MSV-Geschichte geworden ist.

Branimir Bajic scheint so eine Art Frank Fahrenhorst von Milan Sasic zu sein, auch wenn er ihn in Koblenz nicht mehr trainiert hat. […] So wirkt diese Spielerverpflichtung wie eine Maßnahme zur Basissicherung. Grundnahrungsmittel müssen eben auch im Haus sein.

Die 11-Freunde-Redaktion fragte mich vor der Saison 2017/2018: „Aus unserem Team unverzichtbar für Jogi Löw ist in Russland…?“ Für meine Antwort musste ich nicht lange überlegen:  Wie Confed-Cup und U21-Euro zeigen, deutsche Fußballspieler hat Jogi Löw ja mehr als genug. Einen Spieler wie Branimir Bajic aber hat er nicht. Mit seinen 38 Jahren gibt er inzwischen durch die Aura seines Auftretens auch von der Bank aus Sicherheit bis in alle Ecken des Spielfelds. Wenn es nötig ist, auch auf dem Spielfeld präsent. Großartiger Mann. Deshalb Nationalitäten-Sondersstatus für den Bosnier Bajic.

In der Kopfballabfolge beim Führungstor war zunächst Branimir Bajic am Ball. Er spielte wieder, und dabei haben wir zunächst immer die Stabilität in der Defensive im Auge. Doch auch in der Offensive verbreitet er als Kopfballspieler oft Gefahr. Was aber für mich am meisten zählt und nicht wirklich als Leistung messbar ist, heißt Erfahrung, die ins Mannschaftsspiel eingeht. Die Ruhe, die er ausstrahlt, dient dem gesamten Team als Stützpfeiler.

Weite Bälle hingegen nehmen Branimir Bajic und Dustin Bomheuer problemlos auf.

Wenn zudem Branimir Bajic seine alte Topscorer-Stärke nach Eckbällen auspackt, fällt zwangsläufig der Ausgleich. Ecke Janjic, Kopfballtor Bajic. In welcher Saison war es nochmal, als Bajic im Strafraum bei Eckbällen fast nach Belieben traf? Ich übertreibe etwas.

Mit Branimir Bajic auf dem Feld erhielt das Spiel des MSV Stabilität. Nicht nur, dass die Defensivreihe nach seinem Einsatz ruhiger agierte, selbst das Mittelfeld dirigierte er manchmal und verteilte die Mitspieler in freie Räume bei eigenem Ballbesitz.

Zum anderen macht Branimir Bajic freien Raum zu, indem er aus dem Zentrum auf die halben Flügel sprintet und spektakulär grätscht. Sprintete!

Branimir Bajic als Standardschütze trat zum Elfmeter an und traf.

Natürlich gelang dieser Sieg nur als Mannschaftsleistung. Dennoch gibt es Schlaglichter, Branimir Bajic trifft eines. Als grätschender Retter im Strafraum vor einem einschussbereiten Aachener Spieler und als weiterhin torgefährlicher Strafraumspieler nach Ecken.

Einen Eckstoß nahm Branimir Bajic volley und schoß unhaltbar ein. Wahrscheinlich möchte Branimir Bajic den Ehrgeiz seiner Kollegen aus dem Sturm ein wenig kitzeln. Bislang schien er bei Eckbällen ja vor allem ein besonderes Gespür für den abprallenden Ball als zweite Chance zu haben. Nun beginnt er, schon bei der ersten Chance am richtigen Platz zu sein. Großartig!

Beeindruckend wie ruhig und abgeklärt in so einer Spielphase Branimir Bajic die Abwehr organisiert. Dieser Mann ist ein Phänomen. Wie kann ein Spieler derart unauffällig so präsent sein?


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