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Von einer Traumdeutung

Während der Winterpause schien ich die bedrohliche Lage für den MSV von mir fern gehalten zu haben. Seit Ende November habe ich mit mir selbst und meiner Gesundheit genug zu tun. Aber das Verdrängte arbeitet weiter im Unbewussten. Jetzt träume ich schon vom MSV, und dieser Traum letzte Nacht war zwar kein Alptraum, gehörte aber doch zu diesen unangenehmen nächtlichen Bedrückungen, bei denen du eine diffuse, wenig konkrete Gefahr spürst. Eine Gefahr, die zudem zur Wirklichkeit des Erlebten nicht passt.

Solche Traumzeit verbringst du in Unruhe und Anspannung. Du weißt, es ist etwas zu erledigen und ein Ziel zu erreichen. Du weißt nicht, ob das gelingt. zumal dir nicht von Anfang klar ist, welchem Ziel du überhaupt folgst. Ich war unterwegs in mir unbekannten Straßen und wusste, zu einer bestimmten Zeit sollte ich an einem bestimmten Ort sein. Ich schritt voran, kannte aber als Träumender noch nicht die Handlung. Die begann ich zu ahnen, als ein Bus mit MSV-Fans an mir vorbeifuhr und auch auf dem Fahrradweg nebenan immer wieder Radfahrer im Trikot vorbeipreschten. Auf dem Bürgersteig weit vor mir sah ich dann auch Fans im Trikot, und da fiel mir ein, ich musste (!) ins Stadion. Dieses Muss bedeutete, gelänge es mir nicht, würde ich etwas Entscheidendes verpassen. Was genau blieb unkonkret.

Ich beschleunigte meinen Schritt, hatte unterdessen gleichzeitig plötzlich auch ein Fahrrad dabei. Ich stieg auf und fuhr innerhalb kurzer Zeit zum Stadion. Von meinem Gefühl her fuhr ich zur Arena. Den riesigen Fahrradparkplatz – etwa dort wo sich eigentlich die Jugendherberge befindet – hatte ich noch nie gesehen. Hunderte Fahrräder standen dort in einem wilden Durcheinander. Kurz zweifelte ich, mein Fahrrad jemals wiederzufinden und schloss es dennoch in großer Eile irgendwo ab. Schon beim Weggehen hatte ich den Überblick verloren, wo es stand. Ein weiteres unangenehmes Gefühl. Ich hastete Richtung Stadion, das sich im Gegensatz zur Wirklichkeit wie eine Burg auf einer ummauerten Anhöhe befand. Der direkte Weg führte steil nach oben über eine gepflasterte Wand, die hin und wieder ein paar Vorsprünge bot. Niemand versuchte natürlich an dieser Steilwand hoch zu rennen. Außer mir und ein paar Jugendlichen. Ich nahm Anlauf, machte einen Versuch, kam aber längst nicht zum ersten Vorsprung. Diese Steilwand würde ich nicht schaffen. Auch nur zwei der Jugendlichen waren erfolgreich.

Genervt ging ich noch einmal zurück Richtung Fahrradparkplatz, wo mir an dessen Rand überhaupt erst klar wurde, dass mein Ziel das Spiel des MSV gegen Havelse war. Ich problematisierte es nicht weiter, dass ich mich in Duisburg befand, während das Spiel in Havelse stattfand. Andere Fans gingen schließlich auch ins Stadion. Allerdings waren wir alle anscheinend auch zu spät, denn aus dem Transistorradio eines neben mir stehenden Fans hörte ich eine Reporterstimme den Namen Bouhaddouz rufen in diesem bekannten Ton, in dem Reporter eine vergegebene Chance kommentieren. Ich beeilte mich also doch ins Stadion zu kommen und ging zu dem Serpentinenweg, auf dem fast alle nach oben liefen. Er war so schmal, dass alle einzeln nacheinander laufen mussten.

Ich war sehr erleichtert, als ich in diesem Moment aufwachte und merkte, bis zum Spiel vom MSV gegen Havelse ist noch was Zeit. Der Traum allerdings erzählt symbolhaft die Lage des MSV momentan. Träume darf man natürlich nicht eins zu eins deuten. Aber in mir als Handelnder in diesem Traum handelt auch ein Ivo Grlic, da handeln die Spieler, da handel ich auch stellvetretend für alle sich sorgenden und diskutierenden Fans. Dieses Handeln folgt einem inneren Drang ohne Kenntnis des konkreten Ziels. Es ist oft reaktiv, folgt spontanen Eingebungen und hat häufig etwas Desorientiertes. Handelnde sind zu spät und müssen sich sehr anstrengen, um hoch zu kommen. Abkürzungen durch direkte, unkonventionelle Wege gibt es für kaum jemanden. Wer nicht weiß, wieso der MSV in der zweiten Saison nacheinander in der Dritten Liga gegen den Abstieg spielt, sollte in Zukunft meinen Traum lesen.


Alles Gute für 2022 mit der Blog-Tabellenspitze von 2021!

Sicher bin ich mir nicht, ob ich wie stets meine Wünsche für das neue Jahr mit einem Rückblick auf die meistgelesenen Texte des letzten Jahres verbinden soll. Am besten wäre es doch, nur nach vorne zu sehen. Dieses alte Jahr konnten wir doch ziemlich vergessen. Als ob es uns nur dieselben Sorgen um den MSV wie im Jahr davor gebracht hätte. Es gab ja einige andere, etwas gewichtigere Miseren mehr. Wenigstens in Sachen Bewältigung der Pandemie lässt sich beim Blick auf die nächste Zeit mit Christian Drosten Mut schöpfen. Mit den Folgen für diese Gesellschaft werden wir allerdings noch etwas länger zu tun haben. Was gäbe ich aber um einen Christian Drosten für den MSV, der in klarer, nachvollziehbarer Weise Risiken benennt, Entwicklungen unter bestimmten Bedingungen beschreibt und für die nahe Zukunft leichte Zuversicht erkennen lässt. Diese Zuversicht beim MSV fällt inzwischen auch mir schwer.

Zwei Jahre nacheinander haben meine Wünsche für die Fußballer der Zebras und für die Verantwortlichen nicht gefruchtet. So gerate ich nicht nur beim Rückblick ins Grübeln, selbst das Wünschen droht mir zur leeren Geste zu werden. Zumindest beim Wünschen in Richtung Verein, bei euch anderen mag es ja besser gewirkt haben. Deshalb: Alles Gute für  2022! Auf dass euch gelingt, was ihr erhofft in diesem neuen Jahr.

Für euch Fußballer des MSV und für euch Verantwortliche auf allen Ebenen halte ich natürlich auch einen Wünsche-Sack bereit. Darin gibt es vor allem eins: Wünsche zu Siegen und Erfolg. Wir machen es in diesem Jahr aber anders. Ihr nehmt bei Gelegenheit. Vielleicht helfen die Wünsche auf diese Weise mehr.

Nun zu den meistgelesenen Texten des letzten Jahres im Zebrastreifenblog. Eines steht fest: Das Jahrzehnt der BVB-Fußballtorten ist vorbei. Seit Jahren liefen sie schon nur außer Konkurrenz auf den vorderen Plätzen mit. Nun sind wohl alle BVB-Fans einmal bebacken. Eine neue kulinarische Attraktion muss her.  Dennoch gibt es weiterhin einen Beitrag außer Konkurrenz. Google schickt seit einigen Jahren bei Spielen von Arminia Bielefeld die Fans der jeweiligen Gegner zu meinem Anekdoten-Text darüber, wie die Bielefelder Alm zu ihrem Namen kam. Mal schauen, wann Fußballdeutschland genug Expertenwissen der besonderen Art kennt und auch dieser Text aus der Spitzengruppe verschwindet.

Die Texte auf Platz fünf bis drei dokumentieren die Krise beim MSV über das gesamte Jahr hinweg und mit unterschiedlichen Themen. Diese Krise ist so grundlegend, dass ich in meinen Texten sämtliche Bereiche rund um Sport, Fans und Verein aufgegriffen habe. Platz 5 belegt Nicht MSV, nur ich, ich, ich beim Pfiff.  Zu lesen ist mein runter geschriebener Ärger über die unsäglichen Pfiffe gegen Dominik Schmidt nach seiner Einwechslung im Spiel gegen Meppen. Auf Platz 4 befindet sich mein Kommentar zur Jahreshauptversammlung, so weit ich sie besuchen durfte: Der MSV, der Presseausschluss und geleistete Arbeit. Auf Platz 3 steht ein Text vom Beginn des Jahres, der weiter aktuell ist und für dessen „Muss“ eigentlich im  Laufe der nächsten Tage eine Nachricht versprochen war. Ein Muss: Der Mann fürs Planen unter Druck. Allerdings braucht man viel Fantasie, um den Platz neben oder über Ivo Grlic zu finden für die zusätzliche sportliche Kompetenz beim MSV.

Auf den ersten beiden Plätzen aber befinden sich Texte, die uns aus den gegenwärtigen Sorgen führen.  Platz 2 zeigt, wie sehr uns Erfahrungen als Fan des MSV aus der Vergangenheit interessieren. Im Fangedächtnis des MSV Duisburg sammel ich seit Jahren Erinnerungen, bei denen der MSV eine besondere Rolle spielte. Hans F., Jahrgang 38, erzählte mir Von Auswärtsfahrten in den 50ern und Kloppereien.

Mit einem großen Vorsprung befindet sich auf Platz 1 ein Text, der das große Bedürfnis von uns MSV-Fans nach ablenkendem, unterhaltsamen Spaß aufzeigt. Ein für mich kurios klingender Ticker-Eintrag beim Kicker vom Spiel KFC Uerdingen gegen den VfB Lübeck im März ließ mich eine satirische Meldung verfassen: Dritte Liga testet Regeländerung – Tim Albutat als erster betroffen.

Zum Schluss nun muss ich wiederholen, was letztes Jahr bei der Gelegenheit schon hier stand: Hoffen wir auf den Klassenerhalt. Hoffen wir auf ein Wiedersehen im Stadion, für das der Klassenerhalt die sportlichen Voraussetzungen schafft. Ich hoffe aber auch auf  den sportlichen Erfolg  – und das ist neu in diesem Jahr, weil das Buch von Tina Halberschmidt und mir im Oktober erschienen ist -,  weil Fans ohne Sorgen sich auch mal wieder für Bücher über den MSV interessieren könnten. Auf dass die Lachtherapie als Lektürefolge von MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten nicht mehr gebraucht werden muss. Habt ein gutes Jahr. Bleibt gesund!

Anti-Rassismus zum zweiten – Von Verantwortung und Haltung

Das ist doch schon mal was. Selbstbewusst nennt sich kaum einer mehr Rassist. Das kommt gleich hinter dem Nazi. Das ist eine sehr klare Einsicht, die wir aus den öffentlichen Debatten nach dem Abbruch des Spiels zwischen dem MSV und dem VfL Osnabrück gewinnen können. Jeder betonte, er sei gegen Rassismus. Da müssten also viele Türen in Deutschland offen stehen, in die alle vom Rassismus betroffenen Menschen gehen könnten. Dann ließen sich lange Gespräche führen über Erfahrungen der Diskrimierung und der rassistischen Ächtung. Es könnten besondere Empfindlichkeiten ausgesprochen werden, die entstehen, wenn sich jemand sein Leben lang benachteiligt fühlt.

Die Menschen könnten sich gegenseitig zuhören. Gegenseitig! Vielleicht empfinden die einen ja tatsächlich manchmal auch etwas als rassistisch, was die anderen nicht rassistisch meinten. Mit diesem letzten Satz bewege ich mich tief in die Rassismusdebatte hinein. Denn ich kenne die Forderungen der von Rassismus Betroffenen, dass ihnen endlich zugehört werde. Dass endlich sie sprechen, Weiße hätten lange genug geredet. Allerdings habe ich von privaten Unterhaltungen gesprochen. Eine Debatte in der Öffentlichkeit erfolgt nach anderen Regeln. In der Öffentlichkeit spielen sofort soziale Regeln eine Rolle. Wenn in der Öffentlichkeit darüber diskutiert wird, wie was gemeint gewesen sein sollte, führt das schnell zu den Fallstricken von Deutungshoheit und der ihr zugrunde liegenden Macht. Man entkommt dem strukturellen Rassismus dann nicht mehr.

Damit sind wir zurück bei dem, was uns seit Sonntag beschäftigt. Auch weil kaum einer mehr sich mit dem Rassisten als Ehrentitel schmücken will, drängen viele MSV-Fans darauf, die Wahrheit des Geschehens sei eine ganz andere gewesen. Sie nehmen Augenzeugen ernst, die bestätigen, nicht der Spieler Aaron Opoku sei mit der Beschimpfung „Affe“ gemeint gewesen, sondern sein weißer Mitspieler, der den Eckstoß ausführen wollte. Affenlaute habe es zudem nicht gegeben. Haben die Verantwortlichen des MSV sich also vorschnell zerknirscht gezeigt und den Rassismus voreilig verurteilt?

Die eindeutige Antwort lautet: Nein! Denn die Aussage der Spielleitung hatte für alle Verantwortlichen das entscheidende Gewicht. Laut Presse teilte der Schiedsrichter mit, sein Linienrichter habe Affenlaute gehört. Im Nachhinein (!) erst konzentriert sich die Schilderung des Geschehens auf die Tribüne. Während der entscheidenden Minuten waren das Schiedsrichtergespann und die Spieler die Akteure des Geschehens. Der Schiedsrichter bricht das Spiel ab. Dadurch hat er den rassistischen Vorfall zu einem Tatbestand gemacht. Der rassistische Vorfall war in diesem Moment als Fakt in der Welt. Daran war nichts zu ändern. Auf diesen Fakt musste der MSV kurz nach dem Spielabbruch reagieren. Dazu mussten sich Martin Haltermann und Ingo Wald verhalten. Das haben sie gut gemacht. Die Aufklärung nun kann nicht Sache des Vereins sein. Das muss die Aufgabe der Polizei sein.

Lassen wir das Sportliche mal außen vor und schauen auf den Ruf des MSV. Der MSV und seine Fans wurden von den überregionalen Medien als vorbildhaft wahrgenommen. Es gibt keine Kollektivschuld. Direkt nach dem Spiel betonte der Geschäftsführer des VfL Osnabrück Michael Welling, es ginge nicht um den MSV oder VfL, es ginge um eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Der MSV wird keineswegs auf besondere Weise mit dem Rassismus in Verbindung gebracht.

Ist denn der MSV jetzt einer Ungerechtigkeit ausgesetzt gewesen? Ich finde das nicht und zwar deshalb, weil der betreffende Zuschauer anscheinend sehr viel dazu beigetragen hat, einem möglichen Missverständnis Vorschub zu leisten. Dieses Missverständnis scheint der betreffende Zuschauer billigend in Kauf genommen zu haben. Um den Vorwurf des Rassismus als gerechtfertigt zu erachten, scheint dieser Zuschauer einige Anstrengungen unternommen zu haben. Warum sonst soll sich Leroy Kwadwo, ein Spieler der eigenen Mannschaft, ebenfalls beschimpft gefühlt haben? Warum erschrak der Zuschauer nicht, als Aaron Opoku sich offensichtlich gemeint gefühlt hat? Und jetzt kommt mir keiner mit dem normalen rauen Umgangston im Stadion. Ihr wolllt alle keine Rassisten sein. Dann müsst ihr ernst nehmen, wenn sich jemand rassistisch behandelt fühlt. Und ihr müsst dazu beitragen, dass derjenige eurer Aussage vertraut, ich will dich nicht rassistisch behandeln.

Wenn ich die Bilder des Spiels sehe, herrscht dort an der Ecke doch die Atmosphäre eines Kreisligaspiels. Da lassen sich die einzelnen Sätze gut verstehen. Da lässt sich ein Missverständnis ausräumen. Wenn ich das will. Wenn ich klar haben möchte, Florian Kleinhansl habe ich gemeint, dann sage ich das, so wütend ich auch noch bin. Der betreffende Zuschauer scheint dazu nicht in der Lage gewesen zu sein. Es bleibt die Verantwortung für das Geschehen bei ihm hängen.

Im Blick auf den Fortschritt zu einer humaneren Gesellschaft lässt sich aus dem Geschehen vom Sonntag weiterhin viel lernen. Für mich ist nicht die zentrale Botschaft dieses Sonntags, im Duisburger Stadion lassen wir keinen Rassismus zu. Das ist die selbstverständliche Haltung, die ich von Zebrafans und vom MSV erwarte. Für mich lautet die zentrale Botschaft, nehmt in eurem Alltag euer Bekenntnis zum Anti-Rassismus ernst. Hört nicht auf oder beginnt, einem Mann wie Aaron Opoku zuzuhören. Gebt ihm das Gefühl, er gehört zu euch. Verhelft ihm dazu, dass er sich nicht als erster gemeint fühlt, wenn er eine solche Beschimpfung wie am Sonntag hört. Verhelft ihm dazu, dass er seinen Kumpel Florian angrinst und ihm zuflüstert, der Typ hat recht, du kannst keine Ecken. Und danach kann Leo Weinkauf mit der leicht abgefangen Ecke durch einen weitem Abwurf den Konter zum Führungstor einleiten.

MSV und VfL Seite an Seite gegen Rassismus

Was für Wochen! Ich will doch einfach nur mal wieder in Ruhe mein Leben leben. Stattdessen Corona und Rechtsextreme, die bei Impfskeptikern andocken. Überall melden sich Menschen zu Wort, die meinen, ihren Körper so zu kennen, dass Sie die Evolution austricksen können. Nein, ihr wisst nicht, wie euer Körper auf das Virus reagiert. Vielleicht habt ihr Glück, vielleicht habt ihr Pech. Es ist nicht eure besondere Leistung. Es ist Schicksal. Das Virus mag den einen Körper mehr als den anderen, und ihr habt keine Ahnung, ob ihr der Lieblingsort dieses besonderen Virusses seid. Mich hat die Impfung definitiv vor dem Krankenhaus bewahrt. Ich habe dennoch zweieinhalb Wochen nur gelegen. Brauchte anderthalb Wochen, um mal einen ganzen Tag wieder auf den Beinen zu sein, und kann jetzt immer noch nicht längere Zeit mich so anstrengen, wie ich es Mitte November noch gewohnt war.

Mitte November hatte ich gerade das Manuskript für mein Anfang nächsten Jahres erscheinendes Buch über mein Leben mit dem MSV, dessen Geschichte und die Entwicklung im Ruhrgebiet, die MSV Fanfibel, mit folgenden Sätzen abgeschlossen.

Noch ist offen, ob seine Mannschaft die Liga nach oben oder unten verlässt. Sicher bleibt dabei eins, egal, wie es ausgeht, ich werde das im Stadion miterlebt haben. Ich habe also noch was vor mit diesem MSV. Dabei könnte der ein und andere Aufstieg ruhig nochmals drin sein in meiner Karriere als Fan.

Wenige Tage danach stand mir mein eigenes Schicksal näher als das des MSV. Und jetzt wo ich allmählich wieder meinen normalen Alltag aufnehme, zwar noch nicht ins Stadion gehen kann, ich aber dennoch auf drei Punkte hoffte, muss ich mich statt um den ersehnten Heimsieg um eine andere bedeutende Debatte dieser Gesellschaft kümmern. Zum ersten Mal im deutschen Profifußball wurde ein Spiel wegen eines rassistischen Vorfalls abgebrochen. Mit dem MSV wird diese Geschichte verbunden, weil ein Fan des MSV sich rassistisch verhalten hat und mit dem VfL Osnabrück. Dessen Spieler Aaron Opoku war laut Schiedsrichterkommentar Affenlauten ausgesetzt.

Nun wurde der MSV Duisburg zum Exempel im deutschen Fußball beim Umgang mit rassistischen Vorfällen im Stadion. Einen Verein musste es irgendwann treffen. Es ist ja nicht so, dass in den Stadien Deutschlands die heile Welt gleichberechtigter Mitmenschlichkeit auf den Rängen gelebt wird, während draußen die Rassisten ihr Unwesen treiben. Für den MSV ist es eine glückliche Fügung, dass beim VfL Osnabrück ein Mann wie Michael Welling Geschäftsführer ist. Auf der Pressekonferenz hat er den Vorfall in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gestellt – bei 2.23. Damit bekräftigt er, dass nicht nur dem rassistischen Handeln einzelner begegnet werden muss. Es geht um die Haltung dieser Gesellschaft. Es geht um grundsätzliche Grenzen, die gezogen werden müssen und für die wir uns einsetzen. Dabei brauchen Organe dieser Gesellschaft wie Fußballvereine Geschlossenheit und gegenseitige Unterstützung.

Eine Anmerkung sei zudem zu Ingo Walds Worten erlaubt. Er war natürlich tief betroffen und versuchte Worte zu finden, um diesem Vorfall als zu verurteilende Abweichung von einer Normalität des sonstigen Miteinanders in Duisburg für sich begreiflich zu machen. Die Stadt Duisburg böte vielen Nationalitäten eine Heimat, viele Ausländer gäbe es hier, sagte er. Doch behindert gerade dieser Gedanke die Normalität eines vielfältigen Miteinanders in Duisburg. Aaron Opoku ist in Hamburg geboren. Er ist Deutscher. Er macht die Heimat Hamburg aus und damit Deutschland. So wie alle jungen Menschen Duisburg ausmachen, denen ich in den letzten Jahren in Schreibwerkstätten begegnete, ob sie nun Dogukan, Abdul, Alisha oder Daria hießen. Sie alle waren meine Heimat Duisburg. Ich will das nur noch einmal deutlich machen, verstehe aber, was Ingo Wald ausdrücken wollte. Und ich kann verstehen, wie schwer es ist nach diesem Vorfall die richtigen Worte zu finden.

Alles ist immer eine Frage der Perspektive. Im ersten Schock war von einem Tiefpunkt für den MSV die Rede. Die Öffentlichkeit macht aber nicht den MSV verantwortlich. Im Gegenteil, das Handeln von den meisten Fans und Verantwortlichen wird als vorbildhaft sowohl von den Medien als auch von neutralen Beobachtern in den sozialen Medien wahrgenommen. Das beruhigt.

Diese Öffentlichkeit ist aber immer zersplitterter, und in den sozialen Medien melden sich noch viele andere Stimmen. Auf diesen Debattenplätzen wird um die Wahrheit der Geschichte gestritten. Augenzeugen behaupten in der Nähe gewesen zu sein, ohne dass sie Affenlaute gehört hätten. Die Beleidigung „Affe“ sei gefallen, aber ein anderer Spieler gemeint gewesen. Wobei in dem Fall zu fragen ist, wieso eskaliert dann die Situation? Wieso wird auch Leroy Kwadwo beschimpft, der hinzugekommen war. Nicht rassistisch, so heißt es. Aber er wird beschimpft vom eigenen Publikum. Auch das unfassbar. Man sieht, je mehr Menschen sich äußern, desto unübersichtlicher wird das Geschehen.

Das befriedigende Gefühl, die ganze Wahrheit zu kennen, wird es nicht geben. Mit der Unzuverlässigkeit von Augenzeugen kennen sich Polizei und Gerichte aus. Der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen kann gefährlich sein. Als eindeutige Erzählung wird sich das vom Schiedsrichtergespann dokumentierte Geschehen durchsetzen. Das sind die Fakten, und angesichts dieser Fakten gestern, war es gut, dass mit dem Spielabbruch eine strikte Grenze gegenüber rassistischem Handeln gezogen wurde. Dahinter lässt sich nicht mehr zurückgehen. Das ist kein Tiefpunkt, sondern ein nächster Schritt zu einer humaneren Gesellschaft.

Hilfreiche Lachtherapie mit unserem Buch über den MSV

Tina Halberschmidt und ich, wir haben uns neulich getroffen und uns gegenseitig aus unserem neuen Buch über den MSV vorgelesen. Wir kennen die Texte natürlich noch. Doch laut Amazon ist MSV Duisburg Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten nicht nur ein Sachbuch in der Kategorie Fußball und der Oberkategorie Sport. Der Versandoligarch findet, das Buch passt auch bestens in die Kategorie Lachtherapie. Und so eine Lachtherapie können wir momentan gebrauchen. Nicht nur dass der MSV sich weiter auf einem Abstiegsplatz befindet, die bedrohliche Lage beim MSV führt – um es mal vorsichtig zu sagen – zu einer gewissen Zurückhaltung, sich mit dem Inhalt des Buches zu beschäftigen.

Dem Buch geht es wie dem Zebratwist im letzten Jahr beim Grandprix de la Vereinslieder Song Contest. Die Lage ist zu ernst für die Geschichten außerhalb des Sports wie den Blick auf die Vergangenheit des MSV.

Beim MSV sträuben sich ja schon die Nackenhaare aller, wenn sie das Wort „Irrtümer“ im Untertitel lesen. Dementsprechend müsste das Buch eigenlich reißenden Absatz finden, wenn allerorten über die Irrtümer der sportlich Verantwortlichen gestritten wird. Dabei ging es uns doch um die alle verbindenden guten Geschichten über den MSV. Der Verlag hätte beim „Klugscheißer“-Titel der Reihe bleiben sollen. „MSV Duisburg für Klugscheißer“ verspricht Wissen. Unser Duisburg-Buch mit dem Reihen-Titel hat man uns ja förmlich aus der Hand gerissen. Ist mir auch noch nicht passiert, dass Siege des MSV meine Laune aus sehr unterschiedlichen Gründen heben.

Tina Halberschmidt und Martin Wedau
MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten
Klartext Verlag, Essen 2021
ISBN: ‎ 978-3837523959
€ 16,95

Jetzt erschienen: MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten

Schauen wir mal, wie Hagen Schmidt auf die Mannschaft weiter einwirken kann. So ein Trainerwechsel bringt ja immer sofort Hoffnung zurück, dass sich mit der äußeren Änderung auch innerhalb der Mannschaft entscheidendes verändert. Das hebt die Stimmung schon mal etwas.

Für den Restärger gibt es seit dieser Woche den Blick auf die MSV-Vergangenheit. Tina Halberschmidt und ich in Person von Martin Wedau haben uns in den Wochen größten Ärgers jedenfalls beim Schreiben von MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten gut ablenken können.

Natürlich muss man bei der Dosierung aufpassen. Sonst versinkt man vollkommen in diesen alten Geschichten von Erfolgen und der schon verarbeiteten Enttäuschung. Dann käme man womöglich auf den Gedanken, früher sei alles besser gewesen und will gar nichts mehr mit der Gegenwart zu tun haben. Also fragt euren Arzt und Apotheker, vulgo Kumpel, wieviel ihr euch zumuten könnt. Er kennt euch vielleicht besser als ihr euch selbst.

Amazon jedenfalls kennt unsere Bedürfnisse gerade sehr genau. Dort wird das Buch neben der Kategorie Sport und Fußball in einer dritten Kategorie geführt. Der Lachtherapie! Muss man mehr über uns und den MSV in diesen Tagen wissen?

Tina Halberschmidt und Martin Wedau
MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten
Klartext Verlag, Essen 2021
ISBN: ‎ 978-3837523959
€ 16,95

Der MSV, der Presseausschluss und geleistete Arbeit

Immer wieder lehrt uns der Fußball, wie widersprüchlich wir Menschen in der Welt sind. Wir selbst empfinden das meist nicht so. Für uns selbst erzählen wir unsere Geschichten völlig folgerichtig. So kann ich gut verstehen, warum gestern zu Beginn der Jahreshauptversammlung des MSV ein Mitglied zwei Anträge stellte. Zum einen sollten Bild- und Tonaufnahmen grundsätzlich verboten werden. Vor allem ging es hier um die Kameras der RTL-Dokumentation über den MSV. Zum anderen sollten die Journalisten der Printmedien gebeten werden, nach den Berichten der Vorstände die Jahreshauptversammlung zu verlassen. An der Aussprache, also die Fragen und die Kritik der Mitglieder, die ja normalerweise auch Anhänger der Zebras sind, sollten Journalisten nicht teilnehmen dürfen. Wenn schmutzige Wäsche gewaschen wird, sollte das nicht an die Öffentlichkeit, um den Ruf des Vereins nicht zu schädigen. Die Mitgliederversammlung nahm beide Anträge unter großem Beifall an. Wie gesagt, ich verstehe das Anliegen gut, obwohl ich beim Einlass meinen Presse- und keinen Mitgliedsausweis gezeigt habe. Nach den Berichten der Vorstände bin ich also gegangen und habe mir meine Gedanken gemacht.

Mir zeigten diese Anträge einmal mehr die Widersprüchlichkeit, in der wir Anhänger eines Fußballvereins leben. Ich rede jetzt nur vom Ausschluss der schreibenden Kollegen. Unbezahlte Unterhaltungsware werden für RTL empfinde ich auch nicht als erstrebenswertes Ziel einer Jahreshauptversammlung. Vereinsmitglieder haben also gesprochen. Was ihr gutes Recht ist. Zu einem professionellen Fußballunternehmen passt dieser Ausschluss der Tagespresse allerdings nicht. Ein professionelles Unternehmen informiert über Diskussionen von Interessierten und positioniert sich offen gegenüber kritischen Stimmen. Immer wieder treffen diese beiden Welten Unternehmen und Verein aufeinander. Einen gleichgewichtigen Ausgleich beider Welten gibt es nicht. Mal wird die eine Welt des Unternehmertums im Vordergrund sein, mal die andere des amateurhaften Vereinslebens. Mal wird an den Vereinsvorstand der eine Maßstab angelegt, mal der andere.

Wenn ich das Geschehen unabhängig vom Fußball und dem MSV betrachte, macht es mir leider ein paar Sorgen. Steckt in diesem Antrag doch das Misstrauen gegenüber der Institution des Journalismus, das ich aus politischen Zusammenhängen kenne und eben dort seine gesellschaftliche Wirkung entfaltet. Dieses Misstrauen zersetzt die bürgerliche Öffentlichkeit und damit Zusammenhalt. Ich wünsche mir sehr, dass dieses Misstrauen wieder schwindet, weil es nicht grundsätzlich gerechtfertigt ist. Wir haben eine vielfältige Medienlandschaft mit unterschiedlichen Stimmen. Auch ich habe die Jahreshauptversammlung verlassen müssen. Ich war nicht böse drum. Ich hatte mir ohnehin nicht vorstellen können bis maximal halb eins dort zu bleiben. Ich verdiene hier kein Geld. Da muss dann alles passen, um Zeit aufzuwenden. Zwar habe ich nicht die Reichweite der Printmedien dieser Region, dennoch werde ich wahrgenommen. Ich habe mehr Raum für meine Wertungen. Ich habe einen eigenen Blick. Ich denke, ich urteile sehr differenziert. Auch dieser andere Blick konnte die Aussprache nicht beobachten. Wie gesagt, ich verstehe gut die Beweggründe. Es gibt aber eine andere Perspektive, über die es lohnt nachzudenken.

Nun aber kurz zu zwei Berichten. Der Vorsitzende Ingo Wald erklärte die Arbeit der letzten zwei Jahre, sprach von der großen Enttäuschung über den verpassten Aufstieg und erläuterte die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Capelli. Die wichtigste Botschaft seiner Worte lautete: Wir haben an den Strukturen gearbeitet, so dass die vor zwei Jahren verkündete Mitteilung, der MSV überlebe in Liga 3 nicht länger als zwei Jahre, überholt sei. Das Zeitfenster für ein Überleben in Liga 3 ist größer geworden. Zwei, drei Jahre blieben jetzt Zeit, um den Aufstieg in Liga 2 zu schaffen.

Als Ivo Grlic zu seinem Bericht ans Rednerpult ging, buhten die Mitglieder. Man darf ihm abnehmen, dass dieser Gang schwer war und diese Ablehnung ihn trifft. So viel zum Menschlichen, das er anschließend immer wieder mal erwähnte. Das allerdings ist das grundsätzliche Problem bei seiner Arbeit. So klar war das gestern erkennbar. Denn vor allem das Menschliche kam zur Sprache in Sachen Gino Lettieri. Er wusste, er musste auf die Verpflichtung zu sprechen komrmen.

Was er sagte, ließ nicht erkennen, ob er den eigentlichen Fehler bei dieser Verpflichtung wahrnahm. Er scheint tatsächlich zu glauben, Gino Lettieri sei gescheitert, weil er in Duisburg von den Anhängern so viel „Gegenwind“ erhalten habe. Das war schon bei dessen Entlassung das Hauptthema. Darum geht es aber gar nicht, wenn ich Ivo Grlics Beweggründe verstehen will. Es gab keine Zuschauer im Stadion. Der Mann konnte in Ruhe arbeiten, auch wenn überall Unverständnis herrschte. Ivos Grlics oberflächliches Argument für die Verpflichtung war der einmal schon vorhandene Erfolg Lettieris beim MSV und dass er den Verein kannte. Die erste Entlassung Lettieris schien für Ivo keine Rolle mehr zu spielen. Zehn Verletzte hätte er damals im Kader gehabt.

Einem Nebensatz nur ließ sich indirekt entnehmen, ob sich Ivo Grlic Gedanken über die Rolle Lettieries bei der weiteren Entwicklung des Vereins gemacht hatte. Sinngemäß sagte Ivo, welchen Fußball er spielen ließe, darüber könne man ja streiten. Nein! Darüber kann man eben nicht streiten, weil darüber nicht gesprochen wurde. Doch Ivo Grlic muss sich um Spielideen von Trainern kümmern, weil er für die sportlichen Belange zuständig ist. Das ist eine der entscheidenden Stellschrauben für die Entwicklung des Vereins. Habe ich die Worte dazu überhört?

Wenn er dagegen über Spielerverpflichtungen spricht, ahne ich, dass er sich auf sicherem Terrain bewegt. Bei einem Spieler lassen sich einfacher Bewertungen vornehmen als bei einem Trainer. Die Datenlage bei Spielern ist viel umfangreicher und lässt sich klarer auf vergleichbare Zahlenwerte herunterbrechen als bei einem Trainer. Dessen Arbeit müsste umfassend analysiert werden, um seine Fähigkeiten zu bewerten. So ein Trainer-Profil muss wahrscheinlich immer erst erstellt werden. Ich habe gestern von Ivo Grlic nicht erfahren, dass diese Arbeit beim MSV vorgenommen wird. Das bereitet mir weiter große Sorgen. Wenigstens beschränken sich die nur auf den MSV. Gesamtgesellschaftlich betrachtet haben diese Trainerverpflichtungen wohl keine Auswirkungen.

Vereinsgeschichte entspannt bei Niederlagen

Für zwei Bücher beschäftige ich mich seit dem Frühsommer mit der Geschichte des MSV und wie mein Leben mit diesem Verein verwoben ist. Das eine Manuskript für den Klartext-Verlag ist schon etwas länger fertig, am anderen Manuskript schreibe ich noch. Ich freue mich sehr auf beide recht unterschiedlichen Bücher. Der MSV Duisburg des Klartext-Verlags vom Martin Wedau in mir und Tina Halberschmidt gehört in die Sachbuchecke, der MSV Duisburg in der Fußballfibel-Reihe des Culturcon-Verlags gehört als erzählerisches Buch in die Rubrik Literatur. Gelistet ist es dort übrigens noch nicht.

Als unerwarteter Nebeneffekt dieser Arbeit erweist sich zumindest heute meine Entspannung bei Niederlagen und schlechtem Spiel. Weil ich meine Erinnerungen an den MSV für die Gegenwart seit Wochen lebendig mache, trägt mich ein gutes Gefühl mir dem Verein durch den Fußballalltag. Das Geschehen der Gegenwart scheint neutralisiert zu werden. Das ändert natürlich nichts an den schlechter erscheinenden Aussichten für die Zukunft des MSV. Sie rücken nur so sehr in den Hintergrund, dass ich auch nach der 0:1-Niederlage gestern gegen Türkgücü München über die Ticker-Prosa des Kickers noch schmunzeln konnte.

Der Kicker machte Bakalorz‘ Einsteigen zum schnellen Geburtstagsgruß. Hart, aber herzlich gerieten die Glückwunsche. Alles andere des Spiels brauche ich in meiner Entspanntheit nicht einmal mehr verdrängen. Ärger ist kaum dagewesen. Die alten Zeiten des MSV bieten mir einfach zu schöne Erinnerungen. Ich bin mir nicht sicher, wie ich das nun für meine Zukunft mit dem Verein deuten soll.

Aus neu wird alt – Die unerwartete Kontinuität

Das Entsetzen nach dem Auswärtsspiel in Saarbrücken ist allgegenwärtig. Welch ein Glück! 2:0 nur hat der MSV verloren. Die Mannschaft hätte untergehen können, wären die Saarbrücker abschlussstärker gewesen. Freie Schüsse aus 20 Metern, die über das Tor gingen, haben den MSV vor dem Schlimmsten bewahrt. Hinzu kamen mehrere noch nicht perfekt vollendete Spielzüge, bei denen die zentralen Spieler frei vor dem Tor knapp verfehlten.

Man brauchte kein Hellseher zu sein, um in den Anfangsminuten sehr offensive Saarbrücker zu erwarten. Die erste Großchance ergab sich nach zwei Minuten? Oder waren es doch schon vier Minuten? Die Hoffnung, nach diesem zu erwartenden Angriffsdruck könnte sich das Spiel beruhigen, machte ab der 20 Minute etwa meiner neuen Hoffnung Platz, mit viel Glück vielleicht torlos in die Halbzeitpause zu gehen. Dem war nicht so. Das Führungstor der Saarbrücker fiel, und es war nahezu sicher, dass dem ein weiteres Tor folgen würde.

Die Defensive der Zebras war kaum vorhanden. Vor allem auf der linken Seite schien es so, als wolle man dem Gegner ein Labyrinthspiel für Kleinkinder aufstellen. Die Abstände zwischen den Spielern waren möglichst so groß gewählt, dass die Gegner im Dribbling mit ein paar gemütlichen Richtungsänderungen plus Dopelpassspiel hindurchspazieren konnten. Die jeweiligen Gegenspieler dort liefen in gebührendem Abstand mit – wie Eltern, die fürsorglich und stolz die Ballführung ihrer Kinder beobachten. Zum abrundenden Bild hat nur noch so ein typisches Aufmuntern von Eltern beim Mitlaufen gefehlt.

Als Moritz Stoppelkamp eine Ecke verhindern wollte und den Ball von der Grundlinie kratzte, war auf dieser linken Seite weit und breit niemand, der um diesen freien Ball hat kämpfen können. Diese Szene vor dem zweiten Tor ist das Symbolbild für das gesamte Spiel. Wenn dann noch Ballverluste in der eigenen Hälfte hinzu kommen, sowohl beim Passspiel als auch beim Versuch den heranlaufenden Stürmer auszuspielen, dürfen wir alle mit der überschaubaren Höhe der Niederlage zufrieden sein.

Natürlich ist das ein Spiel nur, wie jenes gegen Havelse auch nur ein Spiel war. Dennoch beunruhigt mich die atmosphärische Kontinuität zur letzten Saison. Eine Mannschaft, die zu mehr als der Hälfte aus neuen Spielern besteht, tritt genauso auf wie beim Aus im Niederrheinpokal in der letzten Saison.

Nach diesem katastrophalen Auftreten der Mannschaft erweist sich nun, wie befürchtet, Pavel Dotchevs offene Komunikation mit der Öffentlichkeit als ein Problem. Nach dem Spiel zeigte auch er sich überrascht von dem Versagen seiner Mannschaft. Er versteckt sich nicht hinter einer glatten Oberfläche, die Kontrolle der Situation vorgibt. Mich überrascht nicht, dass der Ärger vieler Fans über dieses Auftreten der Mannschaft sein Ventil jetzt schon im Schimpfen über den Trainer findet. Sein Engagement auf der Trainerbank während des Spiels wurde zudem vermisst.

Wie groß so ein Einfluss während des Spiels ist, steht allerdings keinesfalls fest. Denn auch in dem Fall zählt, ob jeder Spieler unter Druck im laufenden Spiel überhaupt Anweisungen umsetzen kann. Je niedriger die Liga, desto niedriger das Niveau. Geändert wurde und zwar in der Pause. Ein wenig war davon im Spiel zu sehen. Folgen für das Ergebnis gab es keine.

Das Spiel macht keine Hoffnung für den Mittwoch in Osnabrück. Der MSV trifft auf eine wütende Mannschaft, die in letzter Minute noch verlor. Der VfL wird wie Saarbrücken etwas gut machen wollen. Morgen aber werde ich wieder meine Grundzuversicht gefunden haben. Für einen Teil von euch da draußen hoffe ich auch auf die Rückkehr der Geduld mit Pavel Dotchev.

Das ist eine Schwierigkeit für den MSV

Gestern haben die Ruhrbarone ein Interview mit Dietrich Schulze-Marmeling veröffentlicht. Dietrich Schulze-Marmeling bereitete der heutigen Fußballbuchkultur mit seinem Werk „Der gezähmte Fußball“ den Boden und zählt heute zu den renommiertesten Sachbuchautoren im Fußballbuch. In Kamen geboren richtete sich seine Aufmerksamkeit auf den BVB. Im Interview spricht er vor dem Saisonstart in der Bundesliga über den Fußball im Allgemeinen und die Situation der drei Ruhrgebietsvereine in Bundesliga und 2. Liga. Seine abschließende Anmerkung zum Fußball im Ruhrgebiet gefiel mir allerdings gar nicht.

Dass der MSV in diesem Gespräch nicht neben Rot-Weiss Essen genannt wird, ist ein Problem für das Unternehmen MSV Duisburg. Wir können Dietrich Schulze-Marmelings Meinung natürlich nur als persönliche Meinungsäußerung eines voreingenommenen Autoren betrachten. Dann würden wir ihm als Anhänger des MSV je nach Persönlichkeit von humorvoll bis wütend antworten. Wir können das Fehlen des MSV in dieser Reihe der Ruhrgebietsvereine aber auch ernst nehmen und als Gefahr für die Zukunft sehen. Denn dieses Fehlen ist ein Symptom, das auf die wirtschaftlichen Bedingungen aufmerksam macht, die den sportlichen Erfolg ermöglichen. Die Vereine stehen eben auch in einem Wettbewerb um Sponsoren und dabei geht es um die Attraktivität der Marke MSV. Das Fehlen ist ein Gradmesser für diese Attraktivität.

Denkt man an der Stelle weiter, müssten wir in Duisburg uns wegen des weiter voranschreitenden Konzentrationsprozess im Unterhaltungssegment Fußball vor dem möglichen Aufstieg von Rot-Weiss Essen Sorgen machen. Was uns als Publikum mit Derbygelüsten reizvoll erscheint, könnte mittelfristig den wirtschaftlichen Druck auf den MSV erhöhen.

Ich kann mir vorstellen, im Beratersprech heißt so etwas: Der MSV hat ein Problem als Marke im Ruhrgebietsfußball. Sicher hat das auch etwas mit der Randlage von Duisburg im Ruhrgebiet zu tun. Was letztlich aber unerheblich ist. Weil auch das Einzugsgebiet Niederrhein an dieser schwachen Marke nichts ändert. Es ist keineswegs banal festzustellen, dass für die Marke MSV der sportliche Erfolg einen größeren Einfluss hat als bei anderen Vereinen. Anscheinend ist der MSV unabhängig von diesem sportlichen Erfolg weniger im Bewusstsein eines Betrachters des Ruhrgebietsfußballs als etwa Rot-Weiss Essen. Und wenn ich einen Blick auf die Zuschauerzahlen in Duisburg werfe, meine ich, selbst beim Duisburger Publikum ist das der Fall.


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