Archive for the 'MSV Duisburg' Category

Ein Spiel zum Verzweifeln

Am Morgen nach der 1:2-Niederlage des MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue bin ich immer noch in einer Art Duldungsstarre. Zwar habe ich mir gestern Abend mit Rico Brömseklöten noch eine Dosis Gegengift gegeben, so dass mich das Wort Erzgebirge fortan nicht nur noch in tiefe Verzweifelung stürzt. Doch solches Gegengift hilft anscheinend zunächst nur als Akutmaßnahme.

Für längeres Wohlbefinden muss anderes hinzukommen. Am besten natürlich ein erfolgreicherer MSV Duisburg. Allerdings vertraue ich auf diese begleitende Unterstützung momentan nicht wirklich. Wo soll das Vertrauen auch herkommen, wenn ich mir die Leistung der Mannschaft im Spiel gegen Aue genau ansehe?

Die Zebras haben in der ersten Halbzeit gut gespielt. Sie waren so gut, wie sie im Moment sein können. Sie haben sich in dieser ersten Halbzeit eine so sichere Torchance erspielt, dass ich den Torwart habe vergeblich hechten sehen. Ich war bereit zum Jubeln. Boris Tashchy hat den freien Schuss über das Tor gesetzt. Einen nicht ganz so freien Schuss setzte Cauly Souza zudem an die Latte. Mit der Jubelbereitschaft kam ich nicht hinterher. Dazu gab es zwei, drei Chanchen, die nicht ganz so klar waren, die aber in anderen Spielen von anderen Spielern in ähnlichen Situationen schon genutzt wurden, um Tore zu erzielen. Der MSV konnte sie nicht nutzen. Auch in einem dieser Momente hatte ich meine Arme schon erhoben.

Ich sorgte mich nicht mehr, der MSV könne in Gefahr geraten in diesem Spiel. Die Defensive stand sicher, mit einer Ausnahmen kurz nach Anpfiff. Daniel Mesenhöler klärte auf der Linie mit einem guten Reflex. Ein Konter hatte zu einem freien Schuss aus zwölf Metern geführt. Kurz vor der Pause hieß es zwar nicht drei Ecken, ein Elfer, doch drei halbe Jubel hatten diese Folge. Boris Tashchy wurde bei der Ballannahme gegen den Fuß getreten und fiel. Kevin Wolze verwandelte den Elfmeter sicher.

Kurz nach der Halbzeitpause pfiff Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck erneut Elfmeter. Dieses Mal gegen den MSV. Wahrscheinlich haben die meisten Zuschauer wie wir bei uns in der Kurve diesen Elfmeterpfiff nicht richtig mitbekommen. Es war merkwürdig still geblieben im Stadion. Schließlich hatte es keine offensichtlich elfmeterreife Spielsituation gegeben. Wir konnten das Bedrohliche des Moments erst nicht erkennen, dann wollten wir es nicht wahrhaben. Aus heiterem Himmel verschwand die Zuversicht für dieses Spiel. Aus heiterem Himmel waren alle Sorgen wieder da. So ungerecht fühlte sich das an. Der Elfmeterpfiff war ungerecht.

Für die Spieler des MSV hatte dieser Pfiff anscheinend eine ähnliche Wirkung wie für mich. Gefährliche Chancen konnte sich die Mannschaft in der zweiten Halbzeit nicht mehr erspielen. Es war nicht leicht mit anzusehen, wie sehr sich jeder einzelne Spieler anstrengte, ohne dass diese einzelnen Anstrengungen vor dem Auer Tor sich bündelten. Es fehlten Ideen für das Zusammenspiel in der Nähe des Auer Strafraums.

Der Boden war tief. Lange hatte es geregnet, und zu Beginn des Spiels hatten sich alle, samt Schiedsrichter, an die Glätte des Rasens gewöhnen müssen. Man war ausgerutscht und geschlittert. Nun war bei den Sprints die zusätzliche Kraft erkennbar, die die Vergeblichkeit der Anstrengung noch spürbarer machte. Es war zum Verzweifeln. Wenn es doch wenigstens beim Unentschieden geblieben wäre. Doch ein Ballverlust von Joseph-Claude Gyau auf dem linken Flügel nach einem harten Tackling führte zu einem Konter, der mit einem Schuss, der nicht oft so gelingt, abgeschlossen wurde. Die 1:2-Niederlage stand fest. Es blieben noch ein paar Minuten mit hohen Bällen in den Strafraum. Ein aussichtsloses Hoffen auf den Zufall. Es war zum Verzweifeln. Ich sehe nicht, dass die Mannschaft besser spielen kann. Ich sehe Spieler, die alles geben. Ich sehe Spieler, die mit ihrem derzeitigen Können alles versuchen. Ich sehe Spieler an ihre Grenzen kommen. Es ist zum Verzweifeln.

Drei Stahlarbeiter stehen inzwischen nur noch vor dem Spiel auf dem Rasen. Beim letzten Heimspiel waren es vier. Beim ersten Spiel zehn? Ich weiß es nicht mehr genau. Überall sehe ich nur noch Zeichen des Niedergangs. Es ist zum Verzweifeln.

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Bock-umstoßen-Revival im Osten

Früher haben die Menschen manchmal einfach nur nicht verstanden, warum ich ihnen etwas erzählte. Heute beginnen sie allmählich in mir einen von diesen alten Nörglern zu sehen. Zumindest wenn diese Menschen junge Bäckereiverkäuferinnen sind. Denn in einer Bäckerei wird es für mich immer schwieriger zu bekommen, was ich kaufen möchte. Mir kommt so vieles von dem, was es in Bäckereien gibt, beim Bestellen nicht mehr über die Lippen. Niemals werde ich sagen: „Ich hätte gerne einen Smiley“, wenn ich einen Amerikaner bestellen will, auf dem sich dummerweise gerade irgendwelche Schokoverzierungen befinden. Dann sage ich: „Ich hätte gerne einen Amerikaner“ und bin mir nicht mehr sicher, ob die junge Bäckereiverkäuferin weiß, was ich meine.

Wegen dieser recht konservativen Haltung bin ich auch ganz froh, dass Erzgebirge Aue laut Kicker morgen beim MSV Duisburg punkto Auswärtsschwäche den Bock umstoßen will. Schön, dass in der Fußballersprache sich wenig ändert. Noch besser, dass die Auer anscheinend nicht mitbekommen haben, was bei solchem Vorhaben auf dem Rasen im Stadion beim MSV geschieht. Wir erinnern uns alle jedenfalls sehr gut, dass Böcke auf dem Rasen der SIL-Arena gerne unüberwindbare Hindernisse bleiben. Ich bleibe dabei, der geplatzte Knoten gefällt mir als Bild ohnehin viel besser.

Zwei Mannschaften treffen also aufeinander, die am letzten Spieltag ihr erstes wirkliches Erfolgserlebnis hatten. Trotz der vielen Ausfälle im Kader gehe ich nicht nur wegen der Auer Unaufmerksamkeit in Sachen Böcke zuversichtlich ins Stadion. Die Hierarchie im Kader ergibt sich jedenfalls gerade von selbst. Und da es im Moment auch um Stimmung geht, sind die Ausfälle kein schlechtes Zeichen. Der MSV hat es vielleicht etwas schwerer als die Auer, weil der Siegeswille der Mannschaft von Anfang deutlich erkennbar sein muss. Sonst könnten die Zuschauer unruhig werden.  Eine Haltung, die in Berlin gegen die Übrmacht des Heimpublikums gerade in der zweiten Halbzeit auch als Geduld hat wirken können, wird es in Duisburg jedenfalls nicht geben. Dann kann der Heimvorteil leicht zum Nachteil werden.

Mit Wechselbad ein Schritt zur Wellness an der Alten Försterei

Allein unter Unionern

Meine Stadionbesuche beim MSV sind immer zugleich mein ganz persönliches Zen. Sie sind Übungen in Lebenszufriedenheit bei jeglichen Erfahrungen und den damit verbundenen aufwühlenden Gefühlen. Auch wenn man mir auf dem Stehplatz nur die äußere Aufregung ansieht, so wird manches Spiel mir doch zu einer Art Meditation. Denn was ist Meditation anderes als die Erfahrung, dass die Gedanken kommen und gehen, dass Gefühle kommen und gehen und ein fühlendes Erkennen, dass auch Ereignisse im Leben kommen und gehen, ohne dass wir einen Einfluss darauf haben.

Den Tag über war es mir in Berlin gelungen, die Sorge vor einem weiteren Misserfolg des MSV bei Union Berlin zu verdrängen. Je näher der Anpfiff rückte, desto unruhiger wurde ich aber. Früh war ich schon in die fast leere Gästekurve des Stadions an der Alten Försterei gekommen. Mit einem jungen MSV-Fan aus Mannheim kam ich ins Gespräch. Wurzeln der Familie in Duisburg führen zu familiären Fan-Traditionen. Der MSV in Berlin erwies sich als Zwischenstation auf seiner Inter-Railreise mit einer jener Inter-Railkarten, die die EU unter jungen Europäern verlost hatte. Auswärtsfahrt zum MSV. Gut genutztes EU-Geld für junge Leute.

Der Wechsel im Tor hatte sich angekündigt. Völlig abgesehen vom Leistungsvergleich war dieser Wechsel auch ein symbolisches Zeichen für Veränderung. Jetzt konnte alles anders werden. Meine Sorge wurde größer, dass das nicht geschah. Wenn die Spieler des MSV sich derart verunsichert zeigten, wie ich mich fühlte, hatten sie keine Chance. Die gesamte erste Halbzeit war ich mit dem Spiel und einer drohenden Enttäuschung beschäftigt. Immer wieder lehnte ich mich gegen etwas auf, was noch gar nicht eingetreten war.

Mit dem Anpfiff war die Gästekurve zweidrittel gefüllt. Die Zebras fanden gut in ein intensives Spiel mit durchweg hohem Tempo. Ballkontrolle führte kaum zu langsamen Passagen. Beide Mannschaften schafften es aber nicht, gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Defensiv drohte dem MSV nur auf der rechten Berliner Seite zwei-, dreimal Gefahr, weil Andy Gogia von Kevin Wolze alleine nicht gehalten werden konnte. Gogia dribbelte ihn aus oder überlief ihn. Doch im Zweierverband mit Sebastian Neumann konnten auch diese Angriffe neutralisiert werden, allerdings nicht dauerhaft. Kurz vor der Pause dann, ein Ballverlust im Mittelfeld, dem ein weiter Ball auf den frei stehenden Gogia folgt. Für einen Moment hatte ich die Hoffnung, er braucht Zeit, um den Ball anzunehmen. Doch wie Gogia in einer Bewegung diesen Ball herunterholt und verarbeitet, war großartig. Obwohl Kevin Wolze in der Nähe war.

Es geschah, was ich die ganze Zeit befürchtet hatte. Der MSV lag zurück nach einem Tor durch besagten Gogia. Diese Wahrheit wollte ich nicht hinnehmen. Alles lehnte sich in mir auf. Das ist die Zen-Übung, von der ich sprach. Das Auflehnen zu akzeptieren, vorbei gehen zu lassen und die Wirklichkeit wahrhaftig zu sehen. Vor diesem Tor hatte es noch eine wunderbare Kombination vom MSV über den linken Flügel gegeben. Sebastian Neumann hatte an der eigenen Torauslinie den Ball am Strafraumrand erobert, ihn nicht weggeschlagen, sondern zwei Berliner Spieler gelassen ausgespielt, um dann präzise auf den linken Flügel zu Moritz Stoppelkamp zu passen. Leider kam nach dem Dribbling über Außen der letzte Pass nicht in den Strafraum. Ich erzähle das so detailliert, um zu erinnern, wie kontrolliert der MSV auch unter großem Druck den Ball in die Offensive bringen konnte.

Nach dem Spiel habe ich nicht glauben können, wie schlecht die Leistung vom MSV im Netz von vielen Seiten bewertet worden ist. Nicht oft klaffen Stadionerleben und Bewegtbild-Bewertung des Spiels derart auseinander wie bei diesem Spiel. In der Gästekurve im Stadion war bei aller Enttäuschung über den späten Ausgleich doch von den meisten Anerkennung für die Leistung zu hören. Die entscheidende Botschaft dieses Spiels ist für mich der Glaube an ein Ausgleichstor nach dem Rückstand. Die Zebras haben das ganze Spiel über gelebt. Konzentration und Engagement ließen nicht einen Moment nach.

Die vom Berliner Trainer in der Pressekonferenz verlorenen geglaubten zwei Punkte können wir genauso beklagen. Worauf bezieht er sein Gefühl der Überlegenheit? Auf das Potential seiner Spieler oder auf die tatsächlich gezeigte Leistung? In der ersten Halbzeit gab es nur eine weitere  Chance für Berlin. Den Lattentreffer von Gogia gab es deshalb, weil der Ball abgelenkt wurde, sonst wäre er Daniel Mesenhöler in die Arme gefallen.

Bei Union herrscht die Meinung vor, das Spiel in der zweiten Halbzeit im Griff gehabt zu haben. Doch diese Meinung lässt außer Acht, dass der MSV kontinuierlich mit Geschwindigkeit das Offensivspiel suchte. Zunächst ohne Torgefahr, sicher. Wenn zugleich aber individuelle Fehler angeführt werden als Grund für Gegentore, muss man doch schauen, wie diese Fehler zustande kamen. Ohne Fehler gibt es nie Tore. Ein Fehler nach einer Ecke ist aber ein anderer Fehler als einer, der im Spielverlauf geschieht. Und solch ein Fehler im Spielverlauf führte zum Ausgleich. Dieser Fehler musste erst einmal erzwungen werden. Dazu mussten Spielsituationen vom MSV geschaffen werden, die Fehler hervorrufen.

Man darf doch nicht übersehen, dass die Berliner Spieler in Teilen individuell besser waren. Die Defensivschwäche auf der linken Seite des MSV führte doch die ganze Zeit zu einem Risiko, bei dem die Mannschaft dennoch Offensivkraft entwickeln musste. Das war ein Ritt auf der Rasierklinge. und der hat nur deshalb nicht zu schmerzhaften Folgen geführt, weil der MSV zum schnellen Offensivspiel über alle Positionen durch das Mittelfeld zurückgefunden hat.

In diesem Spiel hoffte ich nicht einmal auf den Zufall als zwölften Mann des MSV, damit ein Tor fällt. In diesem Spiel hoffte ich auf ein Tor aus dem Spiel heraus. Und das war keine Träumerei, das war nicht unrealistischer Wunderglaube. Das ergab sich aus der Spielanlage vom MSV. Das ergab sich, weil die Mannschaft an ihr eigenes kontrolliertes Spiel glaubte und sich nicht davon irritieren ließ, dass die Zeit immer knapper wurde.

Was für ein Jubel dann, als Souza den Ball per Direktabnahme und Aufsetzer im Tor unterbrachte. Richtig getroffen hatte er den Ball nicht. Doch seine Torchance hatte sich in einem Spielzug angebahnt. Das kam nicht aus dem Nichts, egal, was in Berlin gesagt wird. Dort ist man blind dafür, dass diesem Tor Entwicklung vorausging. In Berlin richtet man nur den Blick auf die mangelnde Torgefahr der Zebrras bis zur 70. Minute etwa. In Berlin sieht man nicht, dass kontinuierliches Versuchen, auch wenn es im Strafraum zunächst ungefährlich bleibt, auch der eigenen Mannschaft Kraft nimmt, mental und körperlich. Das will man in Berlin vielleicht nicht sehen und in Duisburg vor dem Fernseher sieht man das nicht, weil es schlecht messbar ist. Im Stadion selbst ist das als Atmosphäre vielleicht eher zu spüren.

Dem frenetischen Jubel folgte sechs Minuten später die Ekstase in der Gästekurve. Nicht wissen, wohin mit diesem Jubel. Quer durch die Reihen in die Arme fallen, weil alles heraus muss. Weil alles möglich scheint an diesem Tag. Denn der Ausgleich hatte den Zebras nicht gereicht. Das Spiel war offen. Richard Sukatu-Pasu wurde mit einem wunderbaren Pass steil geschickt. Kühl schob er den Ball ins Netz.

Wenige Minuten blieben noch, dazu die Nachspielzeit, und immer noch zogen sich die Zebras nicht zurück. Trotz des nun größer werdenden Drucks durch Union. Ich glaube nicht, dass ohne ruhenden Ball Union noch ein Tor erzielt hätte. Dem Freistoß aus dem Halbfeld heraus in der 90. Minute folgte der Ausgleich. Schade. Noch einmal deutlich gesagt: Ein Sieg des MSV wäre keinesfalls glücklich gewesen. Er wäre verdient gewesen, weil die Mannschaft weiter an ihr Spiel geglaubt hat. Selbst nach dem Ausgleich suchte die Mannschaft noch die Chance auf ein drittes Tor. Das nehme ich aus dem Spiel mit. Die Zebras haben ihr Selbstvertrauen wiedergefunden. Natürlich muss ein Sieg gegen Aue her. Dann erst wird meine Meinung bestätigt. Bis dahin aber steht sie mit gleichem Recht in der Welt, wie all jene Wertungen, bei denen der MSV sehr viel schlechter wegkommt.

Beim Kollegen Sebastian Fiebrig vom Textilvergehen der Berliner Blick samt Presseschau.

Ebenfalls bei Textilvergehen Fotostrecke mit unübersehbarer Schwäche für die Heimmannschaft. Verstehbar.

Und bei Eiserne Ketten die Taktikanalyse für die Berliner Mannschaft.

Bitte, liebe Zebras, glaubt nicht, was die Online-WAZ titelt!

Gestern, auf der Fahrt nach Berlin war ich noch entspannt. Jetzt gerade aber kriecht die Sorge in mir hoch. Schuld ist die Online-Redaktion bei Funkes. Soweit ich weiß, verantworten die Online-Leute auch die Online-Titel der Printredaktionen. Eigentlich wollte ich nur kurz schauen, was die Heimat noch Neues zum MSV weiß. Doch was muss ich bei der Online-WAZ als Titel des Vorberichts zum Spiel lesen? Was für ein Omen!

Der MSV muss doch nichts abliefern. Liebe Leute, seid ihr verrückt? Wenn überhaupt, muss der MSV liefern. So heißt dieses ausgeuferte Wirtschaftssprech, das im Sportsprech vor langer Zeit begierig aufgenommen wurde. Beim Abliefern denke ich sofort an drei Punkte, die in Berlin gelassen werden und nicht an eine Leistung, die gezeigt wird.

Nicht dass einer der Spieler auf die Idee kommt, diesen Titel zu lesen. Ihr kennt doch die self-fulfilling prophecy und die Wirksamkeit dessen, woran eigentlich nicht gedacht werden sollte. Oh Gott, oh Gott, mein Vertrauen in die Mannschaft verträgt solche Nebengeräusche nicht. Dieses Vertrauen ist nicht so groß, als dass ich solche kleinen Begleiterscheinungen als unwichtige Spielerei abtun könnte.

Der Druck auf die Mannschaft heute Abend ist immens groß. Hat je ein Trainer länger weiter gearbeitet, wenn im Vorbericht zu einem Spiel die Standardsätze des Entlassungsunkens fielen, bei einer Blabla-Niederlage wäre Blablabla wohl nicht mehr zu halten. Ich frage mich, ob die beabsichtigte Kontinuität überhaupt wieder herstellbar ist. Selbst wenn die Mannschaft heute erfolgreich ist, wird es Ilia Gruev weiter schwer haben. Um die Stimmung bei den Anhängern des MSV zu verändern, kann sich die Mannschaft über mehrere Wochen keine schlechten Spiele mehr erlauben. Ich wünsche so sehr Kontinuität beim MSV Duisburg. Gleichzeitig weiß ich, dass die Diskussion um Ilia Gruev nicht mehr alleine durch die vor der Saison erhoffte Leistung beendet werden kann. Wahrscheinlich müsste die Mannschaft sehr viel besser spielen, als es das Saisonziel Klassenerhalt erwarten lässt. Erst dann wird Ilia Gruev die Zweifel an seiner Arbeit beseitigt haben. Eigentlich ist das kein schlechter Gedanke. Eigentlich könnten die Zebras heute bei Union damit beginnen, sehr viel besser zu spielen, als wir es erwarten.

Ein Feuerwerk möchte die Mannschaft entzünden, sagt Lukas Fröde. Das gefällt mir deutlich besser als irgendetwas abzuliefern. In Berlin habe ich übrigens gelesen, dass die Umkleideräume der Gäste saniert werden und die Mannschaft sich deshalb in Containern umziehen muss. Ein gutes Omen! Zurück zu den Wurzeln, heißt das. Zurück zu dem, was diese Mannschaft in den letzten zwei Jahren ausgezeichnet hat. Zurück zum Erfolg.

Original und Kopie

Montagabend habe ich in der VHS einen Vortrag über die Identität des Ruhrgebiets gehalten. Ein interessanter Vortrag übrigens, wenn ich das mal so unbescheiden sagen darf. Führte er doch zu einer grundsätzlichen Diskussion über Selbstbewusstsein, Stärken und Schwächen des Ruhrgebiets, wie sie eigentlich in einem ruhrgebietsweiten Debattenforum immerzu geschehen müsste. Dieses Forum gibt es nicht. So ein fortwährendes öffentliches Reden wäre nötig, denn natürlich interessiert die Identität des Ruhrgebiets vor allem deshalb, weil mit ihr ein Image verbunden wird und dieses Image leider immer wieder nicht so ist, wie die Wirtschaftsförderer dieser Region es gerne möchten.

Während der Vorbereitung dieses Vortrags war ich vom täglichen Geschehen etwas abgelenkt. Gestern, sehr spät abends habe ich mir deshalb einen Stapel Zeitungen vorgenommen. Zu meiner großen Überraschung las ich dann in der Süddeutschen Zeitung dieses gestrigen Dienstags einen großen Artikel über das Spiel vom MSV gegen Fürth. Ich konnte das erst nicht glauben. So lange nach dem Spieltag? Aber ich las „Der Mangel an Treffsicherheit ist zur unangenehmen Gewohnheit geworden.“ Ich las vom „Gegentor“, bei dem ein Schulz, den Ball hätte wegschlagen müssen.  Aber das war doch Nauber, dachte ich noch und schimpfte auf die Journalisten, die sich mal wieder überhaupt nicht auskennen. Erst als ich vom „Zufallstor“ las, habe ich noch einmal von vorne angefangen zu lesen. Dieses Zufallstor war ja gegen Fürth eben nicht gefallen. Darauf hatten wir doch nur gehofft.

Natürlich wisst ihr das schon längst, die SZ hatte über das Länderspiel Deutschland gegen Peru berichtet. Sowohl dieses Spiel als auch das gegen Frankreich habe ich nicht gesehen. Das war wohl eine gute Entscheidung. Ich schau mir doch nicht die Kopie an, wenn ich fast jede Woche das Original haben kann. Bleibt die Frage was uns die Erkenntnis verrät, dass Ilia Gruev vor denselben Schwierigkeiten steht wie Joachim Löw.

Wenn MSV-Fans zurzeit einen Jazz-Standard hören

Gestern beim Jazz auf’m Platz spielte Soleil Niklasson zusammen mit dem Blue Motion Trio. Der skandinavisch klingende Name gehört einer in Chicago geborenen US-Amerikanerin. Zu hören war vom Swing inspirierter Vocal-Jazz. Zufällig habe ich beim Konzert einen Freund getroffen, mit dem ich sonst immer wieder auch im Stadion beim MSV zusammen stehe.

Obwohl wir über die Niederlage gegen Fürth schon gemeinsam vor Ort geschimpft hatten, mussten wir noch einmal kurz klagen über dieses Spiel vom MSV. So was ist Trauerarbeit und hilft, sich der Wirklichkeit der nächsten Spiele zu stellen. Denn die werden wieder auf uns zukommen, das ist ja klar, und während wir noch sprachen, hörten wir im Hintergrund, wie Soleil Niklasson das letzte Stück vor der Pause Moritz Stoppelkamp widmete. „I dedicate this song to Moritz Stoppelkamp“. Das muss sie gesagt haben. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich. Der Freund war sich von Anfang an sicher. Er sagte sofort: „Die hat doch gerade Moritz Stoppelkamp gesagt.“

Gerade wenn ich ihre längere Erklärung vor dem Stück versuche zusammen zu bekommen, dann meine ich, sie hat sogar erzählt, wie sie in Chicago im letzten Herbst den MSV als ihren Lieblingsverein entdeckte. Sie klang so melancholisch. „What a nice one!“, sagte sie. Da muss sie sich an das Stoppelkamp-Tor erinnert haben, bei dem er auf den Rückpass zum Torwart spekulierte und dazwischenging. Und dann geriet sie ins Schwärmen und heute weiß ich, dass sie vom „early goal“ sprach, von „the volley against Sändhausen“.

Schön, wenn jemand sein MSV-Gefühl zurzeit mit einem Jazz-Standard wie These foolish things ausdrücken kann. Ein Standard, bei dem im Text Gegenstände aufgelistet werden, die an jemanden erinnern, der gerade nicht anwesend ist. Erfolgreich Enttäuschungen verarbeiten verschafft Energie und Hoffnung. Dann wird es wieder vorstellbar, dass Abwesendes durch Neues wie Stoppelkamp-Tore in der Gegenwart ersetzt werden kann. Die Fahrkarte nach Berlin habe ich schon länger im Haus.

Nat King Cole hat den Song übrigens auch schon sehr schön interpretiert.

Als Kommentar zur Spieltagsterminierung reicht auch mal ein Lied

Montag, zweimal, nacheinander, nein, das muss nicht sein. Selbst wenn ich das als Vertrauensbeweis seitens der DFL in die weitere Entwicklung des Vereins unserer Herzen ansehe.


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