Archive for the 'Unausgesprochene Regeln' Category

Ich fahre auswärts – Ein Wochenendexperiment der Sozialpsychologie

Schon im letzten Jahr hatte ich nach meiner Zwangsettikettierung als gewaltbereiter Auswärtsfan durch die ostwestfälische Polizei etwas über mein eigenes Erleben schreiben wollen. Das ist untergegangen. Ich hole es nach, weil ich mich auch am Sonntag durch die Wahl meines Verkehrsmittels für die Sicherheitslage vor Ort als potentiell gefährdend erwiesen habe. Die Polizei vor Ort war wieder vorbereitet.

Man muss sich die Ankuft in Paderborn als Viehtrieb vorstellen. Es gibt nur einen Weg, und der führt über den Bahnsteig am Ende durch ein verwinkeltes Gatter auf den schmalen Ausgang zu, wo ein Bus wartet, der uns aufnimmt. Während wir zu diesem Ausgang schlendern, werden wir gefilmt und den Weg über versucht eine Phalanx von Polizisten möglichst finster drein zu schauen. Mancheiner hat vielleicht sogar einen Grund dafür. Das Wochenende ist kaputt. Unsympathische Typen kommen da an, das will ich gar nicht ausschließen. Die gibt es in Duisburg auch. Mancher Polizist hat mit ihnen schon schlechte Erfahrungen gemacht. Alle haben diesen Grund sicher nicht. Das gehörte zum Tagesbefehl, unfreundlich gucken.

Der schmale Durchlass vor dem Betreten des Busses dient der Personenkontrolle. Zwei Polizisten tasten die Männer ab, zwei Polizistinnen schauen unters lange Haar der Frauen. Natürlich folgt im Stadion später die gleiche Prozedur noch einmal. Eine Menge anderer Polizisten stehen drumherum und gucken. Natürlich möglichst finster. Es geht sehr langsam voran, denn in dem Regionalexpress waren doch noch einige Duisburger. Was da geschieht, ist nichts anderes als eine Demonstration von Macht. Eine auf Kooperation angelegte Gewaltprävention wäre auch möglich. Es hätten nur ein paar mehr der herumstehenden Polizisten bei der Durchlasskontrolle aktiv sein müssen.

Andererseits gäbe es ohne diese Haltung der örtlichen Polizei nicht diese so wunderbare Möglichkeit zur Selbsterfahrung, die, wenn ich recht überlege, eigentlich Pflichtprogramm für alle Politiker und Populisten sein sollte. Bei Auswärtsfahrten von Fußballfans vollzieht sich mit Hilfe der Polizei und der örtlichen Sicherheitsdienste unweigerlich ein Experiment der Sozialpsychologie. Dort haben wir während eines begrenzten Zeitraums die Möglichkeit, intensiv etwas zu erfahren,  was für die individualisierte Mehrheitsgesellschaft der Gegenwart meist vergessen ist. Es sind die Folgen der Zwangszuschreibung von Identität.

Mir geht es um die innere Befindlichkeit, die in dieser Situation erfahrbar ist.  Begibt man sich mit allen Sinnen und offenen Empfindens in die Situation, wird man dazu gezwungen, sich zu bekennen. In mir wuchs Empörung, obwohl ich Verständnis für Gewaltprävention habe. Obwohl ich schon in jungen Jahren beim Fußball nur den Fußball sehen wollte, und ich diesen Fußball als Anlass für Scharmützel irgendwelcher Art sogar fürchtete. Doch in solchen auswärtigen Momenten wächst ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit jedem MSV-Fan um mich herum. Wir sind Opfer einer willkürlichen Behandlung. Die notwendige Gewaltprävention hatte jegliches Maß verloren. Die scheinbar so wunderbar einfach zu handhabende Empfehlung der Polizei, mich gar nicht erst in Zusammenhänge von Gewalt zu begeben, wurde durch die Polizei selbst ad absurdum geführt. Sie hat den Gewaltzusammenhang in Paderborn erst installiert, und die Polizei vor Ort hat mir keine Möglichkeit gelassen, diesem Gewaltzusammenhang zu entgehen. Meine einzige Möglichkeit wäre es gewesen, mein Trikot auszuziehen, den Schal abzulegen und meiner Identität zu entfliehen. Dann hätte ich die Polizeisperre druchschreiten und den Gewaltzusammenhang verlassen können. Doch was wäre ich in Paderborn gewesen ohne diese Identität? Ein Niemand.

Ihr merkt worauf ich hinaus will? So eine Auswärtsfahrt versetzt uns für einen begrenzten Zeitraum in eine Lage, der in unserer Gesellschaft andere Menschen andauernd ausgesetzt sind. Ich kenne keine Lösungen. Ich finde es nur beachtenswert, wie das Bewahren von Sicherheit zu Gefühlen führt, die drei Stunden vorher zu einem mir völlig fremden Leben gehörten. Auswärtsfahrten sind klasse. Ich kann sie jedem als großes Experiment der Sozialpsychologie nur empfehlen. Man kommt bereichert zurück. Als Duisburger aus Paderborn zudem noch mit großer Sicherheit auch ohne Niederlage.

Die Wirklichkeit eines Managers im Profi-Fußball

Ein etwas verspäteter Hinweis auf das Interview mit Horst Heldt, dem Manager des VfB Stuttgart, am letzten Freitag in der Süddeutschen Zeitung. Ich weise deshalb darauf hin, weil Horst Heldt über das Tagesgeschäft bei der Suche nach dem Gomez-Nachfolger erzählt und dabei überaus deutlich wird, wieviele Einflussgrößen bei solchen Spielerverpflichtungen zum Tragen kommen. Der Unmut in Stuttgart über Horst Heldt war jedenfalls anscheinend mindestens ebenso groß wie der in Duisburg über Bruno Hübner. Mit diesen Einflussgrößen muss sich aber ein Manager in jedem Verein auseinandersetzen. Denn die jeweiligen Bedingungen bei den Verpflichtungen werden von oben nach unten durchgereicht. Der VfB Stuttgart sieht dabei hoch zu den internationalen Konkurrenten. Wenn Bruno Hübner als Vertreter des MSV Duisburg nach oben blickt, erkennt er natürlich andere Vereine. Der strukturelle Druck ist aber identisch.

Selbstbewusstsein muss man zeigen

Diese Meldung von der Vertragsverlängerung Olivier Veigneaus lese ich nicht nur gerne, weil sich allmählich auch für eine mögliche weitere Zweitliga-Saison Kontinuität innerhalb des Mannschaftsgefüges abzeichnet. Mir gefällt das Selbstbewusstsein, dass die Verantwortlichen nach Bekanntwerden von Veigneaus Gesprächen mit Fürth gezeigt haben. Gegenüber einem solchen Konkurrenten darf man in die Offensive gehen. Da war das öffentliche Sich-Ärgern von Peter Neururer wahrscheinlich wieder einmal ein Zeichen dafür, dass der Mann die Mechanismen der Branche sehr gut einzuschätzen weiß. Wenn das Ganze auch noch in Absprache mit Bruno Hübner geschehen ist, der in diesem Fall dann wohl den „good guy“ gespielt hat, wächst bei mir allmählich die Hoffnung, der Schulterschluss beider vor ihren eigenen Vertragsverhandlungen entstand aus dem Gefühl heraus, gemeinsam gut arbeiten zu können und sich bei dieser Arbeit zu ergänzen. Mal sehen, wie es weitergeht. Diese zwei Unterschriften fehlen ja noch.

Was am Karneval feiern in Köln schlimm sein könnte

Eins könnte gewiss ganz schlimm sein am Karneval feiern in Köln, wenn mir nicht die schon erwähnte Nachsicht und der Großmut zu eigen wären. Das will ich am Morgen des erhofften sicheren 3:1-Sieges über den TSV 1860 München noch erzählen, und dann ist aller Voraussicht nach aber auch Schluss mit dieser ganzen Brauchtumserklärerei.

Neben dem, was schlimm sein könnte, gibt es natürlich nicht wenig, was wirklich schlimm ist.  Die Polizeistatistik des Freitagmorgens oder die Bläck Föös in der Süddeutschen Zeitung vom Samstag geben einen Eindruck davon, warum ich die Kölner Innenstadt an den Karnevalstagen seit Jahren großräumig umfahre. Das  hat jedenfalls nicht nur mit dem dort das Fahrradfahren sehr behindernden Glasscherbenmeer zu tun. Wer mich also fragt, Karneval feiert man am besten in seinem Veedel. Das ist entspannt, unbeschwert und dennoch ausgelassen. Für die Karnevalsexzesse der Innenstadt reichen meine Nachsicht und mein Großmut längst nicht aus.

Beides allerdings brauche ich, gepaart mit Gelassenheit, dennoch beim Feiern und zwar weil das Karneval feiern zu einem großen Teil auch bedeutet, textsicher jedes angestimmte Lied mitzusingen. Grundsätzlich ist das die reine Freude. Es lässt auch mich so gefühlsduselig über Köln werden, wie es der eingeborene Kölner ja ohnehin grundsätzlich ist. Selbstverliebt glaubt der ja allen Ernstes, dat alles, was er gerade so wunderbares erlebt, „et so nur, nur, nur in Kölle jibt“.

Im zeitgenössischen Liedgut des Kölner Karnevals macht sich diese Selbstverliebtheit seit ein paar Jahren unangenehm bemerkbar. Ganz im Gegensatz zur textlichen Vielfalt des klassischen Karnevalsschlagers der 20er bis 60er Jahre gibt es in der Gegenwart eine thematische Verengung beim Karnevalsschlager. Als Auslöser für überbordende Heimatgefühle gibt es den Dom, das Kölsch, kölsche Mädcher und den FC. Und hier erhält ein MSV-Fan im Kölner Karneval eben reichlich Gelegenheit seine Nachsicht und seinen Großmut tatsächlich auf die Probe zu stellen. Wenn mal wieder so ein selbstverliebtes Nirjendwu-suns-iset-su-schön-wie-in-Kölle-am-Rhing-Lied angestimmt wird, heißt es natürlich mitsingen. Aber wenn solche Strophen als deutlicher Versuch mich zu einer hier vorherrschenden Leitkultur zu bekehren angestimmt werden, lächel ich in die Runde und stelle mir für einen Moment zum Beispiel das Tor von Markus Daun beim ersten Spiel des FC unter Christoph Daum vor.

Diese Erinnerung passt auch deshalb so wunderbar, weil ich den sagenhaften 3:1-Sieg im Dezember 2006 inmitten von FC-Fans spielfeldnah auf Höhe der Mittellinie bejubeln durfte. Als einziger sprang ich in dieser Menge jeweils hoch. Und wo mich beim ersten Tor noch gönnerhafte Blicke trafen, nach dem Motto, mal sehen, wer zuletzt lacht, gab es nach meinen impulsiven Aufspringen nach dem dritten Tor schon leicht feindselige Blicke mit dem unausgesprochenen Vorwurf, ich würde meine Freude wohl als Provokation zelebrieren. Stimmte natürlich überhaupt nicht, sondern entsprach einfach meinem Grundgefühl, eines der besten Erlebnisse in meinem ganzen MSV-Fan-Leben mitzumachen.

Gelandet bin ich in dieser FC-Fan-Masse übrigens, weil ich ansonsten ein Beispiel für gelungene Integration bin. Die Grundlage für den kölschen Klüngel, wir kennen uns, wir helfen uns, weiß ich nämlich zu schätzen und nehme gerne die angebotene zweite Tribünendauerkarte des Kölner Freundes und FC-Mitglieds an, wenn der MSV mal wieder hier vor Ort spielt.

Ich hoffe natürlich, heute wird weiter daran gearbeitet, dass das möglichst bald wieder geschieht. Wie es so aussieht, muss der Verein aller Vereine dazu aber aufsteigen. Denn der FC festigt ja gerade seinen Platz im Mittelfeld der Tabelle. Ich hoffe also wider besseren Wissens weiter und übe mich statt des Stadionbesuchs wie angekündigt in Sangesfreude und Schunkeln am Straßenrand. Nachsicht und Großmut werden mir dabei natürlich erneut bei allerlei FC-Bejubel-Textstellen helfen.

„Wir haben hart gearbeitet“

Selbstverständlich mehr als zu Beginn einer Saison drückt sich in Stellungnahmen vor dem Rückrundenstart letzte Hoffnung und Rechtfertigung gleichermaßen aus. „Wir haben hart gearbeitet“, ist der Satz, den einige Trainer nach der Winterpause sicherlich am häufigsten sprechen. Wer das sagt, steht unter Erwartungsdruck. Da gibt es einerseits Zusammenhänge mit dem Erfüllen von vor der Saison erwarteten hohen Zielen oder Abstiegsplätze und die Nähe dorthin wirken als die Worte auslösende Schlüsselreize. Sie sind ein Signal an die Mannschaft und an Fans gleichermaßen. Zuversicht soll bei den eigenen Spielern geweckt werden und bei den Fans Verständnis für das dennoch mögliche Versagen. Wer hart arbeitet, genügt zumindest der nicht gering geschätzten Grundtugend Fleiß. Dass das nicht immer ausreicht, interessiert in den von Journalisten verlangten kurzen Statements wenig. Leider ist es im Fußball wie im richtigen Leben. Am ersten Spieltag der Rückrunde geht es meist weiter wie zuvor. Große Wendungen im Geschick der hart gearbeitet habenden Mannschaften haben wir zum Beispiel gestern nicht gesehen. Mönchengladbach hat ebenso, wie erwartet, verloren wie Cottbus. Da erinnern wir uns daran, dass Fleiß vielleicht Voraussetzung ist, aber das ein oder andere noch hinzukommen muss. Bis 14 Uhr bin ich da voller Hoffnung, was den Verein aller Vereine angeht. Ich war da ganz empfänglich für die unermüdlich gesprochenen Worte Peter Neururers über die Arbeit der Mannschaft während der Winterpause. Doch wie wunderbar wäre es, wenn zur Grundvoraussetzung Arbeit noch etwas anderes hinzugekommen ist.


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