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Ingolstadt, wir danken euch

Hat überhaupt schon jemand Ingolstadt gedankt? Wenigstens haben die uns durch frühe Führung und klarem 3:0-Sieg Entsetzen und Verzweiflung im Spiel gestern erspart. Stellt euch das mal vor: Ingolstadt liegt zurück, wir behalten die Chance auf die Chance, dann geraten wir in Rückstand, gleichen immer wieder aus und jedes Mal folgt spätestens im übernächsten Angriff des Gegners der erneute Rückstand. Es kann immer auch noch schlimmer kommen.

4:3 verliert der MSV gegen Heidenheim, und schon wieder bekommen wir in einem Spiel auf dem Silbertablett geliefert, was sich als Abbild der gesamten Saison eignet. Vorne erzielt Dustin Bomheuer per Kopf den Ausgleich. Wenige Minuten später vollendet er frei stehend und unbedrängt durch ein unfassbares Selbsttor einen Heidenheimer Angriff, bei dem seine Defensivkollegen samt Torwart das eigentlich schon fällige Tor in höchster Not verhindert hatten. Dieses Selbsttor bringt Dustin Bomheuer und dem MSV Click-Garantie bei youtube. Es war ein Tor, das ich gar nicht als Tor begriffen habe. Ich sah Dustin Bomheuer technisch vorbildhaft den Ball ins leere Tor einköpfen und dachte, das Spiel muss wohl unterbrochen gewesen sein, ohne dass ich es bemerkt hatte. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass ihm etwas misslungen sein muss. So ein Selbsttor habe ich mein Fußballleben lang mit dem MSV noch nicht gesehen.

Ein Spieler, zwei Spielsituationen, eine ganze Saison: Statt eines Offensiv- erzielt ein Defensivspieler notwendige Tore nach einer Standardsituation. Defensivspieler erleichtern dem Gegner das Tore erzielen bis hin zum Selbsttor.

Wir hatten genügend Zeit, um uns auf diesen Abstieg vorzubereiten. Die TV- und Fotokameras werden es schwer gehabt haben, Symbolbilder trauriger, weinender Fans zu erhalten. Ärgerliche Fans hat es gegeben. Für mich ist das die dunkle Seite des Fußballs. Es ist die dunkle Seite aller Gruppenidentäten, wenn das Ich durch das Massengefühl der Gruppe sich gesteigert und vergrößert fühlt. Wenn einzelne der Gruppe dann stellvertretend für die Masse sich an Prüfungen messen und keinen Erfolg haben, wirkt das auf den Selbstwert des Ichs zurück. Manchmal denke ich, gut, dass diese dunkle Seite von Massenbewegungen im Fußball auf eine von der Gesellschaft doch recht kontrollierte Weise zum Ausdruck gebracht werden kann.

Das aber nur nebenbei und angesichts meines Eindrucks, dass sich den Spielern der Wille zum und der Einsatz für Erfolg nicht abstreiten lässt. Die Spieler haben es einfach nicht gekonnt. Jeder einzelne hat die Saison über versucht, sein vereinzeltes Können und seine persönliche Energie in die Spiele hineinzugeben. Das haben die meisten von uns auf den Rängen schnell begriffen. „Wir wollen euch kämpfen sehen“, den Klassiker der Distanzierung von Fans zur Mannschaft hat es in dieser Saison nur aufflackernd kurz gegeben. Das ist für mich ein Zeichen dafür, dass die meisten auf den Rängen gespürt haben, um diesen Kampfeswillen geht es nicht in dieser Saison. Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres, was nicht durch zusätzliche Anstrengung zu beheben ist.

Wir haben aber auch gesehen, es gibt keinen deutlichen Widerstand gegen den drohenden Abstieg. Es fehlte der gemeinsame unbedingte Wille etwas zu schaffen. Dieser Geist entsteht nur aus einem Zusammenwirken der Anstrengungen jedes einzelnen. Wir haben gesehen, die Anstrengung des einzelnen gibt es. Der Geist des Widerstands als mannschaftliches Auftreten entstand dennoch nicht. Auch deshalb war so ein Appell an den Kampfeswillen sinnlos.

Der MSV ist abgestiegen. Derart chancenlos war eine Mannschaft des MSV schon lange Jahre nicht mehr in einem Ligawettbewerb. Es wird schwer, eine Mannschaft der kommenden Saison von der Last dieses Abstiegs zu befreien. Das gilt selbst dann, wenn neue Spieler kommen und viele Spieler den Verein verlassen. Das ist die schmerzhafteste Folge all der Niederlagen dieser Saison.

Von Wiederholung und fehlender Gier

Über Niederlagen des MSV Duisburg habe ich alles schon einmal gesagt. So kommt es mir vor. Ich habe geschaut, ob sie uns etwas über das wirkliche Leben erzählen. Manchmal sind mir zumindest unterhaltsame Worte gelungen. Nun fällt mir nach der 1:4-Niederlage gegen den 1. FC Heidenheim nichts ein, was nicht offensichtlich ist. Ich muss diese Niederlage nicht noch einmal nacherzählen, so klar ist ihr Verlauf erkennbar. Es müsste etwas über den sportlichen Verlauf hinaus erzählt werden. Ich habe das Gefühl, ich müsste mich wiederholen. Ich möcht mich nicht wiederholen. Es reichen wenige Sätze.

Eine gute Leistung in der ersten Halbzeit verhindert nicht den 1:0-Rückstand. Ein einziger langer Ball bringt die Heidenheimer Führung. Vor diesem langen Ball hatte ich die ganze Zeit Angst, vor diesem langen Ball und den Folgen. Denn es ist momentan sehr unwahrscheinlich, dass die Zebras einen Rückstand ausgleichen. Könnte diese Mannschaft einen Rückstand leicht ausgleichen, wäre sie schon vorher längst in Führung gegangen. Das klingt paradox. Das ist die Wahrheit. Das sind normale Spielverläufe in dieser Saison. Die Mannschaft spielt passabel, dennoch gibt es nur wenige Torchancen. Die wenigen Torchancen werden meist vergeben. Ein Gegentor kann immer fallen. Das Gegentor führt zu vermehrten Offensivbemühungen. Ein zweites Gegentor wird noch wahrscheinlicher.

Leise Sorgen beschleichen mich nun, wenn ich Thorsten Lieberknecht auf der Pressekonferenz nach dem Spiel von fehlender „Gier“ sprechen höre. Das klingt für mich wie ein verkleideter Verzweifelungsschrei. Thorsten Lieberknecht war nach dem Spiel enttäuscht und verärgert. Er ist nicht der erste Trainer Deutschlands, der von fehlender Gier spricht. Mir ist dieses Wort aber suspekt, auch wenn es inzwischen Eingang in die Fußballersprache gefunden hat. Bewusst wahrgenommen habe ich es das erste Mal, als Markus Babbel davon sprach. Schon damals habe ich mich gefragt, ob er auch seine Kinder zu so richtiger Gier auffordern würde. Eine Tugend ist diese Gier definitiv nicht.

Darüber hinaus zweifel ich, ob so eine Gier geeignet für eine konstruktive Analyse ist. Mir kommt es nicht so vor, als führte fehlende Gier zu dem Gefühl von Daniel Mesenhöler und Lukas Fröde, dass an den langen Pass in den Duisburger Strafraum kein Heidenheimer Spieler mehr herankommt. Mir kommt es nicht so vor, als führte fehlende Gier zum zweiten Tor der Heidenheimer. Mir kommt es nicht so vor, als führte fehlende Gier dazu, dass Andreas Wiegel den Ball im Strafraum spielen will und nicht mitbekam, dass ein Heidenheimer Spieler an ihm noch vorbeiläuft, so dass er statt des Balls dessen Beine berührt. Mir kommt es nicht so vor, als bräuchte John Verhoek mehr Gier, um aus sechs Metern einen scharfen Pass ins Tor zu schießen und nicht weit darüber. Das hat dann doch mehr mit der Fußhaltung, also mit Technik, zu tun und nicht mit dem Einsatzwillen. Mir kommt es auch nicht so vor, als könne mehr Gier die Balance herstellen zwischen defensiver Stabilität und Offensivkraft.

Die fehlende Gier wird wahrscheinlich in Zusammenhang gebracht mit dem berühmten Meter mehr, der gelaufen werden muss. Die Gegentore fielen nicht wegen mangelnder Laufbereitschaft. Die Torchancen blieben ohne Erfolg doch nicht, weil der Einsatz gefehlt hat. Im Grunde ist dieses Beklagen der fehlenden Gier nichts anderes als ein emotionales Aufschreien nach dem Motto „jetzt macht doch mal was“. Die Spieler machen die ganze Zeit etwas. Sie suchen den Erfolg im Rahmen ihrer derzeitigen Möglichkeiten. Es ist eine Frage der Persönlichkeit, ob ein Trainer pragmatisch wie Ilia Gruev mit einer Mannschaft umgeht oder emotional wie Thorsten Lieberknecht. Die Probleme, vor denen Thorsten Lieberknecht steht, sind dieselben geblieben wie die, die Ilia Gruev bewältigen musste. Ein Trainer kann seine Vorstellung von einem Spiel nur auf den Möglichkeiten der einzelnen Spieler aufbauen.

Verhoeks versteckte Kopfballstärke

Als Akutmaßnahme gegen Niederlagenschmerz war meine 5:1-Sieg-Fantasie für das Spiel gegen Heidenheim am letzten Sonntag  notwendig, als Einschätzung für den Spielverlauf morgen wirkt sie mit etwas Abstand vielleicht etwas zu optimistisch. Mein realistischer Freitagsblick sieht eine Krankmeldung nach der anderen beim MSV. Mein Realismus rät mir, nur noch auf knappe Siege zu hoffen. Vor allem hoffe ich dazu aber auf eine bislang noch nicht sehr offensichtliche Stärke von John Verhoek, die im Spiel gegen seinen Ex-Verein sich bemerkbar macht. Heidenheims ehemaliger Mannschaftskollege Marc Schnatterer kennt sie noch, so ist im Interview mit den Funkes zu lesen. Dass John Verhoek über die Schmerzgrenze hinaus für die Mannschaft alles gibt, habe ich in Duisburg auch schon gesehen. Doch seine Kopfballstärke, die ihn auszeichne? Das wäre mir jetzt nicht spontan eingefallen. Vielleicht war diese Kopfballstärke nicht erkennbar, weil zu ungenau in den Strafraum geflankt wird oder anders, als er es bis dahin kannte? Manchmal brauchen Stärken besondere Zusammenhänge. Manchmal müssen Stärken aber auch nur wieder entdeckt werden, gerade dann, wenn sie die ehemaligen Mannschaftskollegen fürchten.

13 unvergessliche Anmerkungen zum Spiel des MSV gegen Heidenheim

  1. Ein Ausgleichstor in der 90. Minute nach einem Zwei-Tore-Rückstand fühlt sich für die ausgleichende Mannschaft und ihre Anhänger nach einem Siegtor an. Sechs Tore in einem Spiel machen den Besuch eines Stadions zu einem unterhaltsamen Freizeitangebot. Wie war der Endstand des Fußballspiels zwischen dem MSV Duisburg und dem 1. FC Heidenheim?
  2. Lasst uns doch endlich einen Moment mehr Zeit, um mit dem Ball unser Spiel aufzuziehen. Dieser Satz hing in der ersten Halbzeit immer klarer als eine große Gedankenblase auf Zebra-Seite über dem Rasen.
  3. Die Heidenheimer kauften den Zebras von der ersten Minute einen großen Teil ihres Schneids ab. Sie griffen früh an, standen hinten sehr sicher und schienen auf dem gesamten Spielfeld in der Nähe des Balls immer ein Mann mehr zu sein. Es war schnell deutlich, dieses Spiel wird nicht einfach für den MSV.
  4. Die Mannschaft des MSV stemmte sich mit aller Kraft gegen die drohende Überlegenheit der Heidenheimer. Für die engen Räume war das Kurzpassspiel des MSV meist nicht präzise genug.  Zudem gehörten lange, hohe Bälle fast immer den Heidenheimern dank ihrer Kopfballstärke.
  5. Ballverluste des MSV führten zu gefährlichen Offensivaktionen der Heidenheimer. Die Führung der Gäste zeichnete sich von Beginn an als mögliche Entwicklung des Spiels ab.
  6. Nach dem Rückstand kämpfte der MSV darum, im Spiel zu bleiben. Das misslang trotz des zwischenzeitlichen Ausgleichs. Ahmet Engin wurde nach schönen Pass im Strafraum gefoult. Kevin Wolze verwandelte den Elfmeter souverän.
  7. Die Hoffnung auf ein stabileres Spiel des MSV wurde enttäuscht. Heidenheim verhinderte weiter effektiv das Offensivspiel des MSV und brachte die im Mittelfeld eroberten Bälle schnell in die eigene Offensive. Ein zweites Tor fiel und ein drittes als Eigentor von Dustin Bomheuer. Eigentore sind besonders frustrierend, nehmen der eigenen Zuversicht noch mehr Kraft. Mit dieser Bürde ging der MSV in die Halbzeitpause.
  8. Nach dem Wiederanpfiff rangen beide Mannschaften wieder darum, das Spiel zu bestimmen. Es dauerte noch ein paar Minuten, ehe der Vorteil auf Seiten des MSV lag. Dort blieb er dann bis zum Schlusspfiff.
  9. Das Leben schreibt nicht immer die schönsten Geschichten. Sonst wäre der kitzelnde Wunsch Kevin Wolzes erhört worden. Treffe noch zum Ausgleich, raunte es verführerisch, nachdem Kevin Wolze ein zweites Mal erfolgreich gewesen war. Mit einem wunderbaren Volleyschuss traf er zum 2:3. Sein drittes Tor zum Ausgleich wollte aber nicht fallen, obwohl er es noch zweimal, dreimal (?) aus der Distanz per Brechstange versuchte. Die verführerische Stimme war in den Momenten etwas zu laut geworden. Er verkörperte aber den Willen, das Spiel zu drehen. Seine Willenskraft wirkte in die Mannschaft hinein, steckte das Publikum an, machte spürbar, in der zweiten Halbzeit ist noch alles drin.
  10. Die Kräfte der Heidenheimer schwanden. Unermüdlich rannte der MSV auf das Tor des Gegners zu. So kurz vor dem Abpfiff ging dem Ausgleich noch ein klar strukturierter Angriff voraus, bei dem Kingsley Onuegbu, am hinteren Pfosten stehend, wunderbar freigespielt wurde.
  11. In Duisburg kommen nur etwas mehr als 13.000 Zuschauer, wenn der MSV nach der Winterpause das erste Auswärtsspiel souverän gewinnt und als Aufsteiger auf dem 5. Tabellenplatz steht. Das ist enttäuschend. Aber es wäre zu kurz gedacht, wenn man dabei nur an den MSV und sein Publikum denkt. Diese Zuschauerzahl entspricht dem zwiespältigen Verhältnis, das viele Duisburger zu ihrer Stadt haben. Da Duisburger immer bereit sind, sich von der Wirklichkeit Duisburgs zu distanzieren, braucht diese Stadt besonders eindrückliche Beweise ihrer Erfolge.
  12. Ein Stehplatzsittengemälde: Selbst volltrunkene Vollidioten finden das Glück in der Liebe und schützenden Halt in der Ehe. Denn Ehefrauen von volltrunkenen Vollidioten trauen ihren Männern beim Griff zum vollen Bierbecher zu, dass sie wissen, was sie mit dem Becher tun werden. Mit hochrotem Kopf und keifender Stimme treten sie für ihren Ehemann ein, der sich nur noch undeutlich artikulieren kann. Sie wittern sogar Gefahr, wenn ich freundlich volltrunkene Vollidioten bitte, diesen Becher auszutrinken, statt ihn erneut in flacher Flugkurve auf die Menschen direkt vor ihm auszuschütten. Der Unmut der Zuschauer  entlang der flachen Schneise von etwa fünf Metern war groß gewesen. Ich hatte ihn schützen wollen vor weiterem Unbill. Er brauchte den Schutz nicht. Er hatte seine Frau. Welch hoffnungsfrohe Botschaft für den Wert einer Ehe gibt uns diese Begegnung mit einer fürsorglichen, an ihren Ehemann glaubenden Frau.
  13. Die Zuschauer, die nicht gekommen sind, fühlen sich übrigens durch das Unentschieden bestätigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Denn siehe oben: Sie kommen nur, wenn der MSV für eine etwas längere Zeit besonders erfolgreich ist.

Groundhop at Voith-Arena – FC Heidenheim v MSV Duisburg

Adam Thurston ist Anfang 20 und kommt aus Bristol, England. Er ist Groundhopper. Samstag war er in Heidenheim und hat den Auswärtssieg des MSV gesehen. Sein Clip ist um Klassen besser als jener, den ich vorgestern gepostet habe. Vorgestern hat der Versuch von LaMaTV sich als youtuber des Groundhoppings und Ultra des MSV zu präsentieren bei einigen Anhängern des MSV zu großem Unmut geführt. Was ich angesichts der Qualität des Clips erwartet hatte. In meinem Alter habe ich allerdings einen milden Blick auf solche Versuche.

Diesen milden Blick braucht Adam Thurston nicht. Mit Vergnügen habe ich mir seinen Clip angesehen vom „Bundesliga two match between FC Heidenheim and“ – er muss sein Ticket herausholen und liest ab – „Emeswi Düsbörg…never heard it before“.  Das gestern problematisierte ungefragte Filmen von Fans in Kurven ist natürlich bei diesem Clip ebenfalls ein Thema. Wobei Adam Thurston sich des Problems bewusst ist.

Seine Bilder vom Support der Heidenheimer werden immer wieder unterbrochen von eigenen Kommentaren, vom Zoom auf die Gästekurve, und sie werden eingerahmt durch Impressionen aus Heidenheim. Darüber hinaus wirkt er sympathisch in seinem Bemühen im Heidenheimer Block heimisch zu werden. In Duisburg erleben wir so etwas ja auch immer wieder, wenn Groundhopper zu uns die Kurve kommen. Am auffäligsten geriet das vor geraumer Zeit, als schottische Fans uns bei einem Drittligaspiel unterstützten

Schade, dass Adam Thurston nicht in der Gästekurve war. Jetzt kennt er ja den MSV Duisburg. Vielleicht sehen wir ihn einmal bei dem Verein, dessen Namen er jetzt kennengelernt hat und vielleicht bleibt Duisburg dann länger in Erinnerung als Heidenheim – ein Name, den er bald nach dem Spiel schon nicht mehr wusste.

Neben Adam Thurstons Channel bei Youtube gibt es auch einen Blog, den er bis April gefüllt hat.

Pflaumenkuchen backen mit dem MSV

Seit Äonen vor meiner Geburt backe ich am 19. August Pflaumenkuchen. Daran ist nicht zu rütteln. Gegessen wird er danach auch. Sahne gibt es dazu, natürlich, und es wird weit geschnittene Kleidung getragen, damit der Bauch hinein wachsen kann. Die Bleche müssen leer werden. Dieser Tag im August verlangt also einige Umsicht von mir. Die notwendigen Zutaten vorzuhalten ist nicht das Problem. Aber nicht jeder Ort verfügt über Backöfen. Der Stehplatz in Heidenheim etwa wurde leider ohne Backofen-Zugang errichtet. Die Stadionordnung untersagt zwar nicht ausdrücklich die Selbstversorgung per portabler Backstube, aber ich war skeptisch, ob ich meinen kleinen Ofen unter der Jacke ins Stadion hätte hineinschmuggeln können.

Deshalb blieben Bewegtbilder vom Spiel auf dem Laptopbildschirm. Während der Hefeteig ging, gelang es dem MSV in der ersten Halbzeit die guten Leistungen der bisherigen Spiele zu bestätigen. Das Mittelfeld gehörte den Zebras. Ich sah das Spiel vornehmlich in der Hälfte der Heidenheimer, denen es nicht oft gelang, das frühe Pressing des MSV erfolgreich zu überspielen. Schafften sie es einmal den Ball in die Nähe des MSV-Tores zu bringen, waren lange Pässe viel zu unpräsise, als dass daraus Gefahr für das Tor hätte entstehen können. Mark Flekken oder die Defensivreihe liefen die meisten Bälle ab, Verlegenheitsschüsse gingen am Tor vorbei. In der Offensive arbeitete der MSV wieder viel. Die Mannschaft setzte auf den bekannten kontrollierten Spielaufbau. Wirkliche Torgefahr schaffte der MSV aber auch nicht. Dennoch wirkte das Spiel der Zebras gefälliger.

Beim Ausrollen des Teiges in der Halbzeitpause beschlich mich leise Furcht, dass die bis dahin gute Leistung erneut unbelohnt bliebe. Ohne Torgefahr kein Tor, aber die Erinnerung an die Pokalniederlage war noch frisch. Bewahre uns vor der Standardsitutation des Gegners. Schütze uns vor Zufall und Glück bei dessen Abschlüssen. Ich verpasste die ersten Minuten der zweiten Halbzeit, weil das Belegen des Teigs mit Plaumen länger dauerte, als ich dachte. So hörte ich den Torjubel nur, und er hörte sich nach Stadion an, nicht nach Gästekurve. Ich war erschüttert. Nicht schon wieder diesen Spielvorlauf, der irgendwann in die Geschichte münden würde, der MSV musste Lehrgeld bezahlen. Ich legte die letzten Pflaumen auf den Teig, schob die Bleche in den Ofen und konzentrierte mich aufs Spiel.

Vor dem Laptop blieb ich stehen, denn der Ball stürzte gerade in den Heidenheimer Strafraum hinunter und schien gleich in klassischer Rücken-zum-Tor-Stürmer-Weise per Drehschuss aufs Tor zu fliegen, so wunderbar wurde er von Boris Tashchy angenommen. Doch von der Seite kam Moritz Stoppelkamp herbei und hatte es sehr viel einfacher aufs Tor zu schießen. Tashchy überließ ihm, Stoppelkamp zirkelte ins rechte Eck und der Ausgleich fiel. Der MSV wollte danach das Führungstor. Das war so deutlich zu sehen. Boris Tashchy selbst erzielte es nur wenig später, wie gegen Bochum mit einem Schuss von der Strafraumgrenze nach sehr guter Vorarbeit von Cauly Souza.

Auch nach der Führung minderte der MSV sein Offensivspiel nicht. Das war beruhigend anzusehen, dass die Heidenheimer zunächst keinen großen zusätzlichen Offensivdruck entfalten konnten. Sicher gab es eine Chance durch einen Schuss aus etwa 16 Metern, doch der MSV hat mit Mark Flekken einen Torwart, der Chancen auch zunichte macht. Erst in den Schlussminuten geriet die Defensive des MSV tatsächlich unter Druck. Wo die Nachspielzeit von Minuten herkam, weiß ich nicht. Vier Minuten, die nicht nur meinen Pflaumenkuchen fast gefährdet hätten. Vier Minuten, in denen die größte Chance zum Ausgleich durch einen Schuss aus etwas zehn Metern auf oder kurz vor der Linie von Dustin Bomheuer abgewehrt wurde. Standen alle Spieler des MSV im Fünfmeterraum? Wahrscheinlich nicht, aber die Hälfte der Mannschaft war dort bestimmt versammelt. Mit aller Macht sollte der Ausgleich verhindert werden.

Endlich pfiff der Schiedsrichter ab. Dieser verdiente Sieg war wichtig und mein Pflaumenkuchen gerettet. Er war etwas zu lange im Ofen geblieben, die ersten Pflaumen waren schon sehr dunkel geworden. Ein verbrannter Pflaumenkuchen hätte mir wie eine erneute Niederlage die Laune verdorben. Je öfter nach erneut gutem Spiel nicht gewonnen wird, desto schwieriger wird es, an das eigene Können zu glauben. Dieser Sieg ist die Folge der guten Arbeit schon in der letzten Saison, als die Grundlage für diese Möglichkeiten des Spielaufbaus gelegt wurde. Was haben wir geschimpft auf die Spielweise des MSV. Doch seht euch an, wo Würzburg und Karlsruhe nach 5 Spieltagen in der 3. Liga stehen. Der KSC muss wie der MSV in der letzten Saison notwendig aufsteigen. Vor der Saison gab es keine Zweifel an der Verwirklichung dieses Plans. Vier Punkte aus fünf Spielen ist das Ergebnis bislang. So kann es auch gehen.

Arbeitserleichterung samt verlorenen Illusionen

Meine Großmutter hat ihrem Sohn, also meinem Vater, neben manch anderem eine Lebensweisheit mit auf den Weg gegeben. Diese Lebensweisheit sollte Trost sein, wenn etwas nicht geklappt hat, und sie war Auftrag zugleich. Es sei kein Schaden so groß, dass nicht ein Vorteil dabei ist, muss sie wohl oft gesagt haben, und selbstverständlich hat mein Vater das bei passender notwendiger Gelegenheit  auch mir gegenüber wieder erwähnt.

Daran musste ich denken, nachdem der MSV Duisburg am Freitag gegen den 1. FC Heidenheim im Heimspiel mit 0:2 verloren hatte. Dieser Niederlage bedeutet weniger Arbeit für mich. Das wusste ich schnell und begann deshalb schon bald nach dem Schlusspfiff wieder nach vorne zu schauen. Diese Niederlage enthebt mich von der Aufgabe, nach jedem Spieltag meine Tabellenrechner-Fieberfantasie mit der Wirklichkeit abzugleichen. Unbescheiden darf ich dennoch darauf hinweisen,  die anderen Konkurrenten im Abstiegskampf hielten sich alle an meine Vorgaben. Nur dem MSV Duisburg missriet die unverzichtbare Arbeitsgrundlage für das Erreichen meines vorhergesagten Saisonziels. Ich sehe nicht, dass diese fehlenden drei Punkte stattdessen im Auswärtsspiel gegen den 1. FC Nürnberg eingefahren werden könnten. Das wäre in meiner Rechnung die einzige Chance den Schaden zu beheben.

Der Heimsieg war nicht möglich. Einmal mehr stieß die Mannschaft an ihre Grenzen. Sie glich damit meinen kleinen weißen Freunden des Immunsystems, denen es über 14 Tage auch nicht gelang, mehr als ein Unentschieden gegen Viren und Bakterien herauszuarbeiten. Deshalb war ich nicht im Stadion und musste am Bildschirm mit ansehen, wie ein in dieser Form nicht oft wiederholbarer Distanzschuss in der ersten Halbzeit die Führung für Heidenheim brachte. Das geschah in jener Spielphase, als der MSV Duisburg etwas die Oberhand zu gewinnen schien. Es war aber zugleich erkennbar, wie gefährdet die Mannschaft war bei ihren Versuchen, die Offensive druckvoll zu gestalten. Voraussetzung dafür war der kontrollierte Ballbesitz, und damit komme ich zurück zu diesem 1:0, bei dem der Schuss vielleicht von Glück begleitet war. Die Entstehung aber zeigt, warum es dem MSV Duisburg nicht gelingt, stabil erfolgreich zu sein.

Dem Tor ging ein Angriff der Heidenheimer über den linken Flügel voran. Wenn die Heidenheimer nach vorne spielten, wirkten sie gefährlich, auch wenn die Defensive des MSV bis dahin sich recht sicher bewegte. Auch dieses Mal konnte der Angriff selbst zunächst unterbunden werden. Thomas Meißner ließ sich dann sogar vom Gegenpressing nicht aus der Ruhe bringen und wollte die Situation spielerisch lösen. Die Ballbehauptung gegen den pressenden Stürmer war noch kein Problem. Der Pass danach ins Mittelfeld aber konnte dort nicht mehr gesichert werden. Der Pass kam zwar zu seinem Mitspieler – ich weiß gar nicht mehr, wer es war –  aber der Pass war nicht genau genug für die technischen Möglichkeiten des Passnehmers. Zu Pässen gehören zwei Spieler, und es geht mir nicht um Schuldzuweisung. Es geht mir um das Aufzeigen der spielerischen Grenzen, die momentan vorhanden sind. Aus dem Zusammenspiel zweier Spieler ergibt sich ein Fehler. Der Ball wurde von den Heidenheimern abgefangen, sofort ins Zentrum gepasst. Der Heidenheimer Spieler hielt drauf. Das Ergebnis kennen wir.

Die Einsicht ist natürlich banal. Der MSV macht Tore des Gegners wahrscheinlicher als es umgekehrt der Fall ist. Die Mannschaft muss im Verhältnis sehr viel mehr für ein Tor arbeiten als es die Gegner tun, weil der Mannschaft zu viele kleine Fehler passieren. Diese Mannschaft will. Sie kämpfte. Sie hat versucht den Rückstand auszugleichen. Es gab vereinzelte Spielzüge fast über das gesamte Feld, bei denen die Heidenheimer schlecht aussahen. Kevin Wolze wurde kurz vor der Pause wunderbar frei gespielt, sein Abschluss im Strafraum ging knapp am Tor vorbei. Der Ausgleich wäre verdient gewesen. Das schnelle 2:0 nach der Halbzeitpause habe ich nicht gesehen. Mein Fieber war zurückgekehrt. Ich fühlte mich schlecht. Der Rückstand tat dazu sein Übriges, als ich ihn sah. Mir war klar, das Spiel war verloren.

Meine kleinen weißen Freunde des Immunsystems haben seit Samstag endlich die Verstärkung erhalten, die dieses leidige Unentschieden allmählich in einen Sieg verwandelt. Der abgebende pharmazeutische Verein spricht von bewährter Durchschlagskraft, die sogar vor Sehnen nicht halt mache. Deshalb müsse ich meine Achillessehnen schonen. Kein Problem, dachte ich bei mir. Basketball pausiert, und in die Verlegenheit von Jubelsprüngen bringt mich der MSV momentan ja auch nicht. Auch der MSV hat diese Verstärkung gesucht und nur in Ansätzen gefunden. Was uns den Beweis erbringt, so eine Fußballmannschaft ist ein sehr viel komplexeres System als  ein menschlicher Körper.

Der Stig hat übrigens ziemlich gemeckert, weil sich die Fans in der Kurve von der Mannschaft so abgewendet haben wie am Freitag. Respekt, fügte er noch hinzu, Respekt vor der Mannschft, die sich den wütenden Stimmen dort in der Kurve gestellt hat. Vielleicht schreibt er demnächst mal was dazu. Diese Distanzierung der Fans von der Mannschaft bahnte sich bei den Auswärtsspielen in Braunschweig und Paderborn schon an. Ich kann das auch nicht verstehen. Es ist für mich so offensichtlich, dass diese Spieler an ihre Grenzen gehen. Meine kleinen weißen Freunde des Immunsystems habe ich auch nicht beschimpft, obwohl ich genervt von ihnen war. Sie gehören zu mir. Wie die Spieler des MSV. Ich mache ihnen keinen Vorwurf und kann dennoch sagen, dass sie nicht gut genug spielen.

Fokussiert sein

Je beschwerlicher das Leben, desto klarer gilt die Konzentration den wesentlichen Dingen. Fußballländerspiel gegen England: Weg damit. Ich habe geschlafen. Nachträglich auch noch über die Stimmung im Olympiastadion reden: Du meine Güte, dafür keine Energie. Länderspiel gegen Italien? Egal. Max Kruse und DFB-Doppelmoral, nächste Woche kommt die neue Sau für die Ethik-Diskussion. Viktoria Köln besiegt RWE, Fußballberichterstattung überhaupt. Null Aufmerksamkeit.

An den Freitag denke ich. Das ist das einzige, was zählt. Ich denke an eine Mannschaft mit gestreiften Trikots. Ich denke an den MSV, sehe all die Spielergesichter, ohne dass ich an Namen denke. Ich sehe nur diese Mannschaft in den Zebratrikots auf dem Rasen. Nach und nach gesellen sich Spieler vom FC Heidenheim dazu. Die sehen alle gleich aus und versuchen offensiv zu spielen. Ihr seht, mein erstes Bild vom Freitag ist eines der Bedrohung. Doch dieser Angriff trifft auf eine konzentrierte Defensive. Ich sehe Licht. Ich sehe die Gegenbewegung. Ich sehe einen Torwart, der wie der Spieler aussieht, der gerade so kläglich beim Dribbling am linken Flügel scheiterte. Ich sehe einen Torwart, der mit derselben enttäuschten Miene den Ball aus dem Netz holt. Einmal, zum zweiten Mal. Zum dritten Mal. Freitag, so heißt der Tag, der wichtig ist in dieser Woche. Der einzig wichtige Tag ist der Freitag.

Schrieb ich schon, dass ich noch immer wieder Fieber habe? Ich meine ja nur, einfach zur Einordung zu all dem, was mir durch den Kopf geht zurzeit. Meine kleinen Freunde des Immunsystems, diese klitzekleinen Virenfresszellen, die scheinen sich in Paderborn den MSV zum Vorbild genommen zu haben. Bislang meinen die tatsächlich, so ein Unentschieden gegen die Viren könne reichen. Das reicht Freitag nicht, damit ich dabei sein kann. Ich hoffe, die wissen das genauso gut wie die Mannschaft vom MSV. Denn die Spieler wissen das sicher, dass so ein Unentschieden nicht reicht.

Fieberfantasien mit Tabellenrechner

Am Montag begann meine Erkältung mit starkem Husten und heftigem Krankheitsgefühl. Sie nahm einen für mich klassischen Verlauf. Der leichten Besserung am zweiten Tag folgte Fieber am dritten. Da lag ich also im Bett, war genervt, las zuweilen etwas ohne Konzentration, döste ein, guckte wach werdend, was Facebook und Twitter mir ins kranke Leben reinschickten und langweilte mich immer mal wieder. Mir war heiß – trockene Hitze auf der Haut in müder Unruhe.

Plötzlich hörte ich ein Flüstern: „Weißt du noch, wie es schon zweimal war? Du warst Gott der Zweiten Liga.“

Oh, nein, dachte ich, das glaube ich jetzt nicht.

Das Flüstern wurde lauter. „Der Tabellenrechner“, raunte es, „Du hast es in der Hand. Die Mannschaft braucht dich. Jetzt, in diesem Moment. Mach es!“

„Das hilft doch nichts“, warf ich ein, „jetzt doch nicht mehr. Die Ausgangslage war damals beide Male sehr viel besser“.

„Unsinn“, hörte ich, „das denkst du nur. Hast du nicht gerade noch geschrieben, die Mannschaft spielt inzwischen so, dass ein Platz im unteren Mittelfeld kein Problem gewesen wäre, wenn sie von Anfang an  so aufgetreten wäre?“

Jetzt diskutierte ich mit der Wand über den MSV. Ich fasste es  nicht und rief: „Ich habe aber auch geschrieben, diese Mannschaft kann ein Spiel nicht unbedingt gewinnen. Sie braucht Glück. Glück! Manchmal klappt’s auch, wenn sie gar nichts mehr zu verlieren hat.“

„Und? Ist es etwa gerade anders?“, raunte es beruhigend.

Die Seite vom Kicker war bereits geöffnet. Wer machte so etwas? Ich starrte über den Laptopbildschirm hinweg ins Leere und hörte immer weiter diese Stimme. „Ein Sieg gegen Heidenheim. Fang klein an.“

Ich traute meinen Ohren nicht. Der letzte Rest gesunder Verstand meldete sich zaghaft, während die Stimme immer hoffnungsfroher klang: „Sechs Punkte. Du packst das. Acht Punkte! Quatsch Relegation. Klassenerhalt. Streng dich an.“

„Aber…“, begann ich und hatte schon das 1:0 gegen Heidenheim eingetippt. Weiter ging es, und wenn ich mir das heute morgen alles ansehe, habe ich in meinem Fieberwahn nur ein einziges ganz unwahrscheinliches Ergebnis vorgegeben, sieht man mal davon ab, dass Siege vom MSV in gewisser Weise grundsätzlich wenig wahrscheinlich sind in dieser Saison. Dieses sehr unwahrscheinliche Ergebnis ist ein Sieg des MSV gegen RB Leipzig, denen ich am letzten Spieltag eine mächtige Aufstiegsfeierlaune verordnet habe. Dafür gab es in Sandhausen ein Unentschieden. Notfalls lässt sich das noch tauschen. Relegationsrang habe ich geschaffft als Zweitliga-Gott im Fieberwahn per Tabellenrechner.

Seht selbst. Und wenn ich dann bei diesem dritten Male meines göttlichen Tabellenrechner-Daseins mit der Saisonziel-Gelingensprognose zum ersten Mal scheitern sollte, hat´s mir zumindest dabei geholfen, wieder gesund zu werden.

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Kaum mehr Spielraum für solche Niederlagen

Wenn eine Mannschaft am Ende der Tabelle steht, wird sie im Verlaufe der Saison klare Niederlagen hinnehmen müssen. Das ist normal. Das sind die Niederlagen, die einzukalkulieren sind, im Kampf gegen den Abstieg. Außerdem wird es knappe Niederlagen geben, allerdings auch das in Spielen, in denen eine Mannschaft sich nur bei einem äußerst günstigen Verlauf etwas ausrechnen kann. Auch solche Niederlagen sind einkalkuliert.

Schließlich aber gibt es die unnötigen Niederlagen, jene Spiele, in deren Verlauf die Mannschaft das Gefühl bekommt, sie könne am Ende erfolgreich sein. Spiele, in denen jeder einzelne Spieler an Grenzen geht und die dennoch verloren werden. Viele solcher Spiele darf sich eine Mannschaft am Tabellenende nicht erlauben. Das sind die Spiele, die zumindest mit einem Punktgewinn beendet werden müssten. Viele Möglichkeiten erfolgreich zu sein erhält eine Mannschaft im Kampf gegen den Abstieg nämlich nicht. Und nicht zuletzt wird es für die Spieler immer schwieriger an sich zu glauben, wenn sie, wie gesagt, vor allem in ihren einzeln genommen Leistungen, alles geben. Wenn selbst das nicht reicht, um erfolgreich zu sein, wie schnell schwindet dann das Selbstbewusstsein?

Beim 1. FC Heidenheim gab es solch eine unnötige Niederlage. In der 83. Minute fiel das einzige Tor es Spiels. Tim Skarke erzielte es für den Gastgeber. Sicher ließe sich einwenden, der MSV Duisburg hat von Glück reden können, etwa die ersten 20 Minuten ohne Gegentor geblieben zu sein, doch danach hatte die Mannschaft das Spiel beruhigen können. Das Tempo des Heidenheimer Offensivspiels hatte sich verflüchtigt, und beide Mannschaften zeigten viel Einsatz, aber kaum mehr klare Aktionen, die in Tornähe führten. Nach der Halbzeitpause brachte der MSV  den 1. FC Heidenheim sogar in Bedrängnis. Die Zebras übernahmen ab ungefähr der 50. Minute für etwa 25 Minuten die Kontrolle des Spiels. Der Gastgeber geriet in die Defensive und kam nur noch vereinzelt vor das Tor des MSV.

Stattdessen drängten die Zebras Richtung Heidenheimer Tor. Dennis Grote hatte zwei große Torchancen. Die eine erarbeitete er sich selbst, indem er einem Heidenheimer Defensivspieler den Ball kurz vor dem Strafraum abjagte. Alleine lief er auf den Torwart zu, der im eins gegen eins erfolgreich blieb und den Schuss neben den Pfosten lenken konnte. Die zweite große Chance ergab sich nach einer Flanke. Oder war es gar eine Ecke? Ich weiß es nicht mehr. Freistehend im Elfmeterraum nahm er den Ball nicht direkt. Schon war die Chance dahin. Kingsley Onuegbu versuchte nach einem langen Ball in den Fünfmeterraum auf links den Abschluss mit rechts, was bei der Geschwindigkeit keine Ballkontrolle ergab. Auch diese große Chance mit einem Schuss links neben den Pfosten vergeben.

Wenn eine Mannschaft mit unterlegener Spielanlage solche Chancen nicht in Tore verwandelt, droht immer das Gegentor des Gegners mit den besseren spielerischen Möglichkeiten. Der 1. FC Heidenheim war grundsätzlich schneller in allen seinen Aktionen. Es wirkte so, als stände die Mannschaft des MSV vor dem Problem für eine vorsichtige, kontrollierte Spielweise zu wenig spielerische Möglichkeiten der Einzelspieler zu besitzen. So wurde aus Ballkontrolle in der ersten Halbzeit zu oft langsame Wirkungslosigkeit. In der zweiten Halbzeit war das anders.

Außerdem kam die Wirkungslosigkeit des MSV bei Standardsituationen hinzu. Auf Freistöße und Eckbälle der Zebras durften sich die Heidenheimer Anhänger freuen, weil die Wahrscheinlichkeit für eine gute Kontersituation groß wurde. Da aber die Mannschaft des MSV inzwischen anscheinend um diese Standardschwäche weiß, war sie auf diese unweigerlich entstehenden Heidenheimer Angriffe gleichfalls gut eingerichtet. Die Konter führten nicht zu Torgefahr.

Die verschiedenen Spielphasen machen es schwierig, die Leistung der Mannschaft einheitlich zu bewerten. Das Tor zur Niederlage bestimmt die Perspektive. Dieses Tor macht sowohl die guten offensiven Ansätze der zweiten Halbzeit vergessen wie auch die Coolness und Stabilität, die im Zentrum der Defensive über weite Strecken des Spiels geherrscht hat. Eines gilt aber mit Sicherheit, wenn der MSV Duisburg in der 2. Liga bleiben will, darf ein Spiel mit solchem Verlauf in Zukunft nicht mehr verloren werden.

Dem Vorbild des erfolgreichen Crowdfundings ist der MSV also nicht gefolgt. Dieses Zwischentief des Vereins unserer Zuneigung soll niemanden davon abhalten, bis 23.59 Uhr mein geplantes Buch über die letzten zwei Jahre des MSV bei startnext vorzubestellen oder ein anderes der dortigen Angebot zu buchen. Jede zusätzliche Einnahme hillft beim Entstehen eines zweiten Buches. Alles Geld über die 8000 Euro hinaus bildet den Grundstock für das „Fangedächtnis des MSV Duisburg“ , eine Art Oral History, also eine erzählte Geschichte des Pottalltags rund um den MSV.


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