Posts Tagged '1. FC Magdeburg'

20 Anmerkungen zum MSV-Spiel gegen den 1. FC Magdeburg, die die Welt noch nicht gesehen hat

  1. Am Donnerstag in einer englischen Woche muss ein Text schneller als an einem Montag nach einem Wochenendspiel entstehen. Deshalb gibt es keine Rücksicht auf stilistische Feinheiten.
  2. Das 3:3-Unentschieden des MSV gegen gegen den 1. FC Magdeburg hat mich an den Rand der mir erträglichen Verzweifelung gebracht. Verzweifelung über den Lauf der Dinge. Verzweifelung über kurz unaufmerksame Spieler des MSV. Verzweifelung über eine Schiedsrichterentscheidung.
  3. Nach dem 2:1-Rückstand dachte ich kurz, ich könne mir das Spiel im Neudorfer Ostende nicht weiter ansehen. Im Stadion ertrage ich jegliche Spielverläufe. Vor dem Fernseher geht das nicht. Dort komme ich an gesundheitsgefährdende Grenzen. Als durch den Freistoß das zweite Tor für Magdeburg fiel, wurde die Ohnmacht unerträglich, einer erneuten Niederlage des MSV ausgesetzt zu sein. Ich merkte, jegliche Hoffnung meines Lebens war in diesem Moment auf den MSV gerichtet. Das war zu viel Hoffnung an der falschen Stelle. Ich wollte aus dem Ostende fliehen. Kevin Wolzes schnell folgendes Freistoßtor zum Ausgleich war ein betäubendes Schmerzmittel. Ich konnte es nicht bejubeln. Die Ohnmacht war einer gefühllosen Beruhigung gewichen.
  4. In der ersten Halbzeit hat der MSV gut gespielt. Die Magdeburger wurden früh bei ihrem Aufbauspiel gestört. So konnte immer wieder schnell umgeschaltet werden. Der MSV wirkte auf mich für Phasen spielbestimmend.
  5. Diese Wahrheit gab es aber auch: Das einer Balleroberung folgende Umschaltspiel führte auch hin und wieder zu spekulierenden Pässen ins Nichts. Es waren hilflose Pässe im Wissen darum, auf diese Weise bleibt der Ball nicht im Spiel. Auf diese Weise unterbindet man einen Konter der Magdeburger. Solche Pässe sind dann weniger ein Instrument der Offensive als der Defensive. Besser geht es in dem Moment nicht. Das müssen wir akzeptieren.
  6. Vier sehr gute Torchancen ohne Torerfolg für Magdeburg in der ersten Halbzeit belegen nicht das Glück für den MSV sondern die Tatsache, dass es in der Liga Mannschaften gibt, die mit denselben Schwierigkeiten umgehen müssen wie der MSV. Diese vier Torchancen sind eigentlich ein Beleg dafür, wie schwer es für den MSV in dieser Saison ist und wie wenig ein anderer Trainer als Ilia Gruev an der Situation ändern können wird.
  7. Die Mannschaft des MSV spielt offensiv so gut, wie sie es kann. Sie spielen inzwischen gut genug, um ein Spiel zu gewinnen.
  8. Die Führung des MSV war verdient. Nach einem schlechten Versuch zu flanken, verlor Kevin Wolze den Ball und eroberte ihn sofort zurück. Der Flankenversuch zwei in den Lauf von Stanislav Iljutcenko gelang. Der Raum für den Stürmer war da und souverän schob er den Ball ins Tor.
  9. Zuvor schon hatte der MSV mit variablem Spiel die Defensive von Magdeburg unter Druck gesetzt – zum einen über die Flügel, gefahrvoll oft durch Andreas Wiegel; zum anderen durch Mittelfeldläufe von Cauly Souza und Fabian Schnellhardt mit folgendem Pass ins Zentrum auf Tashchy oder Iljutcenko.
  10. Die Spieler des MSV sind defensiv bei Spielunterbrechungen immer wieder nicht präsent. Der Ausgleich zum 1:1 fiel auf dieselbe Weise wie in Dresden das Tor zur Niederlage. Das Tor wäre einfach zu verhindern gewesen, wenn Sebastian Neumann den Ball die ganze Zeit im Blick gehalten hätte und der Einwurfsituation nicht den Rücken gekehrt hätte. Die Spieler des MSV versuchen bei Spielunterbrechungen aber oft als erstes, ihre Position in der Defensivformation einzunehmen und verlieren den Blick dafür, dass das Spiel unterdessen weitergeht. Grundsätzlich muss beides zugleich beachtet werden, wo ist der Ball und wo bin ich im Verhältnis zu meinen Mitspielern. Das geschieht immer wieder einmal nicht. Das führt zu Toren vom Gegner. Das führt zu Wut und Verzweifelung bei mir, weil ich schon vor der Ballberührung des Gegners sehe, dass Gefahr droht. Ich kenne das aus dem Basketball. Dort ist es am Spielfeldrand oder auf dem Spielfeld einfacher. Spieler reagieren, wenn ich schreie. Sebastian Neumann hat mich in Magdeburg nicht gehört.
  11. Schon der Klärungsversuch von Sebastian Neuman, der zum Ausball führte, war der Anfang der Fehlerkette. Er hatte sich nicht entscheiden können zwischen präzisem steilen Pass und Ballwegschlagen. Es wurde irgendwas dazwischen, so dass der Ball zu nah am eigenen Tor ins Aus flog.
  12. Kurz darauf folgt ein Freistoß für Magdeburg nahe der Strafraumgrenze. Die Mauer bei diesem Freistoß stand nicht gut. Der Ball brauchte nicht viel Effet, um rechts dran vorbei zu fliegen. Magdeburg führte 2:1.
  13. Die Anforderungen an Kevin Wolzes Schusstechnik bei dem Freistoß zum 2:2-Ausgleich waren größer. Solche Freistoßtore kennen wir von ihm.
  14. Nach dem 2:2 entwickelte sich ein offenes Spiel. Ist meine Vereinsbrille der Grund dafür, dass ich den MSV mit leichten Vorteilen sah? Auf mich wirkten die Zebras spielerisch variabler als Magdeburg, sicherer im Ballbesitz, bissiger beim Stören der Gegenspieler.
  15. Jeder ruhende Ball für die Magdeburger machte mir Sorgen. Deshalb verzweifelte ich schon vor dem Eckstoß, der zum 3:2 führte über die Fehlentscheidung des Schiedsrichters. In welchem Winkel stand der Schiedsrichter zu Kevin Wolze und dessen Gegenspieler? Der Gegenspieler sprang nicht nur höher, sondern befand sich auch zwischen Wolze und der Torauslinie. Unabhängig vom TV-Bild schien es mir unmöglich zu sein, dass ein von Wolze berührter Ball auf direktem Weg ins Aus hat gehen können. Quasi überall um ihn herum war sein Gegenspieler, der von einem über Wolze kommenden Ball danach berührt werden musste.
  16. Ich habe keine Erinnerung an eine solche dichte Abfolge von Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, die so spielbeeinflussend gewesen sind. Denkt nur nicht, dass ich damit die Niederlagen erklären will. Dennoch sind diese Fehlentscheidungen Mühlsteine angesichts der momentanen spielerischen Möglichkeiten des MSV.
  17. Die Ecke war die klassische Gegentor-Ecke der Zebras. Die erneute Führung der Magdeburger erschöpfte mich. Ich fügte mich ins Schicksal der Niederlage.
  18. Die Spieler des MSV fügten sich nicht in die Niederlage. Sie hielten an ihrem Plan fest. Die Mannschaft brach nicht in sich zusammen.
  19. Der Ausgleich zum 3:3 war verdient und gerecht. Im Moment des Ausgleichs kam ein wenig Glück hinzu. Denn Lukas Daschner drückte einen eroberten Ball ins Netz, der zuvor im Magdeburg Strafraum einmal herumgeflippert war. Das Glück hatte aber erarbeitet und erspielt müssen. Dem Glück zuvor gingen Glaube der Mannschaft an die Mischung von spielerischer Lösung und hohem Ball in den Strafraum sowie Gedankenschnelle von Lukas Daschner. Daschner musste erst einmal im rechten Moment am rechten Ort sein. Das ist Können und kein Glück.
  20. Im Stadion beim notwendigen Sieg gegen Regensburg werde ich die Anspannung leichter ertragen als vor dem Fernseher.
Advertisements

Alles Gute für 2018 mit Big Data von 2017!

Der Stig ist gestern aus Aarhus wieder zurückgekommen. Anders als in den letzten Jahren wollte er Silvester in Duisburg feiern. So sind Ralf, Der Stig und ich hier im Zebrastreifenblog zum ersten Mal gemeinsam vor Ort, um euch alles Gute für das neue Jahr zu wünschen. Es hat sich bewährt, den Fußballern und den Verantwortlichen im Verein unserer Zuneigung von diesen Wünschen einen großen Sack abzupacken und mit auf deren Weg zu geben. Im letzten Jahr hat der große Wünscheverwalter das sehr wohlwollend in Erfolge des Vereins umgewandelt.

Wie in den Jahren zuvor verbindet sich mit den Wünschen für das neue Jahr der Blick zurück auf die meistgelesenen Texte des letzten Jahres. Allerdings habe ich von nun an die Regeln geändert. Im Zebrastreifenblog gibt es nun zwei Beiträge außer Konkurrenz. Der Stig ist ja immer leicht erregbar und hatte schon rumgeschrien, ich soll die zwei Beiträge endlich löschen. Der Zebrastreifenblog sei ein modernes Medium mit  journalistischem Anspruch. So Katzenbilder könnten sich alle sonstwo hinstecken. Er meinte die BVB-Torten. Sie sind so was wie die Katzenbilder des Zebrastreifenblogs. Populärer als diese BVB-Fußballtorten waren wie in den hundert Jahren zuvor keine anderen Beiträge. Von nun an erhalten Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge VI – Borussia Dortmund“ und Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge XXV – Borussia Dortmund Teil 2″ nur noch eine namentliche Erwähnung. So können sie bei der Party dabei sein, aber still in der Ecke sitzend.

Der Stig hatte natürlich komplett vergessen, dass diese Tortenbilder auch einen nicht zu verachtenden Werbeeffekt haben. Der Mensch will visuell eingefangen werden, um ihn dann mit neuen Reizen so lange wie möglich auf der Plattform zu halten. Alles, was Facebook kann, kann ich viel besser. Denn ich mache es für den guten Zweck. Vielleicht findet der ein oder andere Leser von den Torten zu Worten mit Gewicht über den wirklich wichtigen Verein etwa in diesen Räumen hier.

Gerade dieses Mal gibt es unter den meistgeklickten Texten des letzten Jahres zwei, die vom eigentlich Sport hin zu grundlegenden Fragen unserer Gesellschaft führen.  Platz 5 belegt:  Mit welcher Botschaft weht eine türkische Fahne? Den Text habe ich nach dem letzten Drittligaspiel geschrieben. Die Spieler feierten Aufstieg und Drittligameisterschaft auf dem Rasen. Tugrul Erat legte sich dabei zunächst eine Fahne der Türkei um. Was für mich in Ordnung gewesen wäre, wenn die Fahne in jenen Wochen damals in Deutschland nicht von den Erdogan-Unterstützernn okupiert worden wäre. Sie war für mich nicht mehr das Staatssymbol. Das ließ sich natürlich auch anders sehen. Mein Text stieß leider nur bei Facebook eine Debatte an, und um diese Debatte ging es mir eigentlich. Öffentliche Debatte heißt Austauch von Argumenten und nicht Gegenüberstellen von Meinungen mit anschließendem Krakelen. Diese Argumente wurden damals ausgetauscht.

Für den drittplatzierten Beitrag des Vorjahres hoffte ich sehr auf Konstanz in der Klickhäufigkeit. Tatsächlich findet sich dieser Beitrag 2017 erneut in meiner Bestenliste, auf Platz 4, wieder. Über die Zeit habe ich den Text zweimal angepasst, denn das Buch über die Rettung des MSV im Sommer 2013 und die anschließende Zeit bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre ist nun ein Jahr in Duisburger Buchhandlungen, beim Online-Oligarchen und eben mir weiterhin erhältlich. Also, erneut auf Wiederholung gehofft für: Jetzt bestellen – Mehr als Fußball. Das Buch über Duisburg im Sommer 2013 und den Wiederaufstieg des MSV. Und natürlich auch gerne noch bestellt, denn die zweite Auflage liegt weiterhin bereit.

Auf  Platz 3 findet sich der Spielbericht zum Heimspiel des MSV gegen Magdeburg: Wenn das Versprechen auf ein Spitzenspiel gehalten wird. Die Klickzahl ist auch mit Hilfe der Auswärtsfans erreicht worden. Sie hatten schon in Duisburg die Süd beeindruckend gefüllt und ihre Mannschaft so supportet, wie es bis dahin an der Wedau in den letzten Jahren meiner Erinnerung nach nicht geschehen war. Das Spiel endete Unentschieden, und wir dachten seinerzeit noch, wir hätten zwei mögliche Aufsteiger gesehen. Aufgestiegen ist dann ja doch nur die uns nächste Mannschaft unserer Zuneigung.

Platz 2 belegt: Der TSV 1860 München als Gegenbild vom MSV.  Auch hier spielte das Interesse der Fans aus München bei der Klickzahl eine Rolle. Für mich zeigten Insolvenz und Folgen bei 1860 noch einmal, welch besonderes Geschehen der Zusammenhalt im Sommer 2013 rund um den MSV in Duisburg gewesen ist. Denn Fans, die für ihren Verein einstehen, sind das eine. Das reicht aber nicht, um einen bedrohten Verein zu retten. Ohne all diejenigen, die mit dem MSV finanziell verbunden waren und sich ebenfalls für den Verein und Duisburg verantwortlich fühlten, wäre dieser Zusammenhalt ins Leere gelaufen.

Auf Platz 1 befindet sich ein Text, der uns hilft, den Zufall als Erfolgsprinzip im Leben zu akzeptieren. Nicht wegen seines Inhalts, wegen des besonderen Grunds für die Klickzahl. Die meisten Klicks des Jahres galten: Das ist mal eine Anekdote über die Bielefelder Alm. Den Text habe ich schon 2010 geschrieben. Populär wurde dieser Text sieben Jahre später, als im Forum der Frauenzeitschrift Brigitte die Frage aller Bielefeld-Fragen aufkam, warum die Alm wohl Alm heißt. So kam der Text zu später Popularität. 2010 hatte auch ich mal nachgesehen und mich über die  langweilige, recht beliebig wirkende Alm-Geschichte auf der Arminia-Seite amüsiert und gedacht, so eine Anekdote als Erklärung anzuführen, das kann ich unterhaltsamer. Gedacht, geschrieben und nun ist eine zweite Erklärung in der Welt, die manche Brigitte-Leserinnen und -Leser nun vielleicht für genauso wahr halten können wie jede andere Anekdote. Fake-News sind übrigens etwas ganz anderes.

Und nun der Blick nach vorne. 2018, wir im Zebrastreifenblog, wir sind bereit. Der Stig, Ralf und ich, wir werden auch in diesem Jahr einen Teil unserer Arbeitszeit in diesen Räumen hier verbringen und weiter vom neuen MSV-Gefühl schwärmen. Meine Art über den Fußball zu schreiben hat mich in dieser Saison immer wieder auch zu anderen Textformen geführt, weil ich viel von dem, was in einem Spiel über den Fußball hinausgeht, schon einmal gedacht und in Worte gebracht hatte. Die Spieltagslyrik als andere Form meines Schreibens machte mir große Freude, und manchmal stelle ich mir einen Mäzen vor, der es mir ermöglichte, eine Saison lang nach jedem Spiel ein Spieltagsgedicht zu verfassen; ein Spieltagsgedicht, das nicht schnell geschrieben werden muss, bei dem ich mir Zeit lassen kann, um formal und sprachlich noch anspruchsvoller zu sein, um jene Kunst zu schaffen, die so leicht daher kommt, dass sie den besten spielerischen Momenten des MSV entspricht. Mal sehen, wir auf den Rängen dürfen auch manchmal träumen.

Also, 2018, wir gehen ins Stadion, wir sehen uns, wir lesen uns. Klingt verdammt gut, 2018, so kann es weitergehen.

Wenn das Versprechen auf ein Spitzenspiel gehalten wird

20170224_174242_resizedFreitagsspiele der Dritten Liga beginnen üblicherweise um 19 Uhr. Das Spiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Magdeburg war für 18.30 Uhr angesetzt. Die Spiele der Zweiten Liga werden zu dieser Zeit angepfiffen. War der Karneval der Grund? Ein Drittligaspiel im Zweitliga-Kostüm? Letztlich führten die Einlasskontrollen bei den Gästefans zu Schlangen vor den Stadiontoren, und das Spiel begann erst um 18.45 Uhr – genau die Hälfte Strecke zwischen den beiden Anstoßzeiten der Ligen. Die Dritte Liga lugte im Zweitligagewand hervor.

Ich mag solch zufälligen Begebenheiten, die symbolisch aufladbar sind. Wahrscheinlich haben sich Drehbuchautor und Regisseur des Weltenlaufs gedacht, wir müssen an diesem Abend etwas ganz besonders deutlich machen. So viel wies bei diesem Spiel schon auf eine kommende Saison in der höheren Liga hin und gleichzeitig wurde die Gegenwart immer in Erinnerung gehalten. Auch das Spiel selbst blieb nicht durchweg auf dem hohen Niveau der ersten Halbzeit. In der zweiten Halbzeit wirkte das Zweitligakostüm etwas derangiert. Etwas, wohlgemerkt.

20170224_184428_resizedIn dieser ersten Halbzeit hingegen habe ich nach etwa 15 Minuten auf die Spielzeituhr gesehen und konnte es nicht glauben, wie kurz erst gespielt war. Das Spiel fühlte sich nach mindestens zehn Minuten mehr Spielzeit an, so hoch war das Tempo, so viel geschah auf beiden Seiten. Der MSV kombinierte sich Angriff um Angriff Richtung Magdeburger Tor, während die Magdeburger ihre Offensivaktionen meist mit schnellem Umschalten und anschließendem langen Ball für den Flügelwechsel versuchten. Diese Magdeburger Angriffe sahen zunächst gefährlich aus, weil die Spieler auf der anderen Seite manchmal recht lange unbedrängt Richtung Strafraum ziehen konnten. Torchancen ergaben sich dennoch nicht. Entweder störten die Zebras erfolgreich oder der Abschluss war zu ungenau.

Auch der MSV blieb ohne Tor, obwohl ich bei vier Angriffsaktionen die Arme schon halb hochgerissen hatte. Die größte dieser Chancen ergab sich aus einer schnellen Kombination über den rechten Flügel bei einem Konterspiel. Die Defensive der Magdeburger wurde stehen gelassen, als sei sie nicht vorhanden. Die Flanke kam hoch in den Lauf von Kingsley Onuegbu, der frei köpfen konne und es nicht schaffte, den Ball nach unten zu drücken.

Dieser Angriff war lehrbuchmäßig vorgetragen und die Enttäuschung war größer als bei den Aluminiumtreffern zuvor und später, weil von unserer rechten Stehplatzecke auf der Köpi aus die freien Räume in der anderen rechten Spielfeldhälfte so genau zu erkennen sind. Diese freien Bahnen liegen genau vor uns. Wenn dann die Spieler des MSV auf dem rechten Flügel das machen, was wir von unserer Stehplatzecke aus als Möglichkeit zur großen Chance erkennen, wächst die Hoffnung auf den Erfolg mit jeder Sekunde sehr viel mächtiger als bei jeder Spielaktion an einer anderen Stelle des Spielfelds. Im Grunde bin ich bei solchen Spielzügen der realen Spielzeit voraus. In meinem Kopf gibt es schon das flüchtige Bild des erfolgreichen Kopfballs, das erst durch den Ball zerstört wird, der über die Latte fliegt.

20170224_184655_burst01_resizedIn dieser ersten Halbzeit habe ich nicht nur auf ein Tor des MSV gehofft, ich habe den Fußball auf dem Rasen als gelingenden Sport genossen. Das können wir nicht oft über Spiele in der MSV-Arena sagen. Ich kann mich nicht daran erinnern, nach einem torlosen Unentschieden schon einmal derart zufrieden aus dem Stadion gegangen zu sein. Der klare Vorsprung als Tabellenerster trägt diese Zufriedenheit natürlich zusätzlich. Wir alle, die wir oft fast unser ganzes Leben mit dem MSV verbracht haben, machen in dieser Saison  immer wieder neue, ungewöhnliche Erfahrungen mit unserem Verein.

Diese erste Halbzeit fühlte sich sehr nach einer Zweitliga-Welt an. Nicht nur die spielerische Qualität beider Mannschaften war der Grund, der Gästeblock trug mit seinem Support dazu maßgeblich bei. Was dort auf der anderen Seite variantenreich und in großer Geschlossenheit zu sehen und zu hören war, zählt sicher zu den beeindruckendsten Auftritten von Gästefans in Duisburg.

20170224_194942_burst01_resizedIn der zweiten Halbzeit konnte der MSV das Spiel nicht mehr so bestimmen wie in den ersten 45 Minuten. Das Spiel war ausgeglichener. Zwar versuchten beide Mannschaften weiter, das Tempo hoch zu halten, doch kam es auf beiden Seiten nicht mehr zu wirklicher Torgefahr. Durch das höhere Tempo als in anderen Spielen erwarteten wir dennoch immer wieder eine Möglichkeit für den Torschuss auf beiden Seiten. Aber scheingefährlich war das Spiel nur in der zweiten Halbzeit.

Erst in den letzten fünf Minuten konnte der MSV noch einmal kontinuierlich die Magdeburger in die Defensive drücken. Gerade als wir uns auf die obligatorische Nachspielminute einrichten wollten, pfiff der Schiedsrichter ab. Dieser Pfiff kam plötzlich und unerwartet. Eingerichtet hatte ich mich noch nicht mit dem Ende des Spiels. So hing ich kurze Zeit in der Luft, ehe wieder diese Zufriedenheit zurück kam. Ein Spitzenspiel hatten wir gesehen. Manchmal stimmen Fußballsprachenstandards im wahrsten Sinn des Wortes.

Lesenswerte Worte aus Magdeburger Perspektive zu Anfahrt der Fans, Erfahrungen mit dem Sicherheitskonzept und natürlich zum Spiel selbst finden sich beim Blog Nur der FCM! – mit einem Klick.

Nur bis Donnerstagabend Karten für das Spiel gegen Magdeburg erhältlich

Gestern bin ich wieder mit jemandem ins Gespräch gekommen, der es noch nicht wusste: Eintrittskarten für das Heimspiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Magdeburg sind nur an den Vorverkaufsstellen bis Geschäftsschluss Donnerstagabend erhältlich. Online gibt es keine Karten. Die Tageskassen machen am Freitag nicht auf. Dieses Sicherheitskonzept wurde beschlossen, weil es Hinweise auf einen Hooligan-Zusammenschluss aus unterschiedlichen Städten Deutschlands gibt, der zusammen mit den Magdeburgern anreist. Mir geht es hier nur darum, diese Nachricht möglichst weit zu verbreiten. Die Vorverkaufsstellen finden sich mit einem Klick, weiter auf der Seite des MSV. Sie befinden sich über Duisburg verteilt, in Mülheim, Wesel, Moers, Voerde und Dinslaken.

Der FCM bringt Quote, während Zebras siegen

Wenn Fußballspiele uns die Welt erklären, freut sich der Sportsfreund. Denn eines hat uns dieser Spieltag gezeigt, der MDR berücksichtigt bei einer Konferenzübertragung die Popularitätswerte der beteiligten Ostvereine bei der Entscheidung, welches Spiel gerade gezeigt wird. Nicht die Spannung des Spiels gab der Senderegie das Signal zum Umschalten. Gerade in der zweiten Halbzeit war die hohe Führung des 1. FC Magdeburg in Wiesbaden von größerer Bedeutung als der knappe Rückstand von Rot-Weiß Erfurt gegen den MSV. Entsprechend wenig war vom Spiel der Zebras zu sehen. Erst zum Spielende hin konnten wir an den Bildschirmen uns einmal mehr die Gewissheit verschaffen, bei knapper Führung mal ein Tor nachzulegen, davon halten die Zebras nicht viel. Ein Urteil über die Spielqualität lässt sich aus dieser Übertragung aber kaum gewinnen.

2016-09-25_webradio_erfurtZumal ich sehr widersprüchliche Reportermeinungen zu hören bekam. Denn neben dem TV-Kommentar mit zunächst beruhigendem Fazit für die Zebras gönnte ich mir in den FCM-Auszeiten der TV-Konferenz das aufgeregt-fatalistische Reporter-Duo vom RWE-Radio. Was zwischenzeitlich sehr an meinen Nerven zerrte, weil die Hoffnung auf den Ausgleich sämtliche Andeutungen einer entstehenden RWE-Chance vor allem den Jüngeren der beiden jeweils in kurzzeitigen Optimismus-Überschwang versetzte. Wieviel Großchancen ich im Entstehen dachte, weil ein RWE-Offensivpass auf den Flügel ankam, weiß ich gar nicht mehr. Aber ich tappte jedes Mal aufs Neue in die Falle. Kurz nach dem dann missratenen Angriff sackte der Kollege in sich zusammen und beklagte die drohende Niederlage mit leisem Wehgesang. Sehr sympathisch, aber für uns in Duisburg gesundheitsgefährdend.

Wer sich vom gesamten Spiel ein Bild machen konnte, kann von keiner überzeugenden Leistung des MSV berichten. Unverdient war der Sieg aber wohl auch nicht. Für uns TV-Zuschauer begann der MSV jedenfalls mit dem deutlichen Willen, das Spiel zu gewinnen. Die Mannschaft übernahm die Spielkontrolle, ohne sich klare Torchancen zu erarbeiten. Wie sich das Spiel dann weiter entwickelte, konnten wir an den Spielzügen des 1. FC Magdeburg leider nicht ablesen. Die Webradio-Reporter waren in dieser ersten Halbzeit mehr um drohende Verletzungsausfälle ihrer RWE-Elf besorgt und dachten fatalistisch an mögliche Niederlagen. Was einen Anhänger des MSV natürlich erst einmal entspannte.

Das Führungstor durch Simon Brandstetter erinnerte uns daran, wie erfolgreich auch Stürmer des MSV im Strafraum sein können. Diese Spielaktion war fürs Fußball-Lehrbuch gemacht. Ein wunderbarer Pass in den Strafraum auf Simon Brandstetter, der, mit dem Rücken zum Tor stehend, den Ball in der Drehung technisch perfekt mitnimmt und dann frei vor dem Torwart steht. Erneut musste ich mich danach den Webradio-Reportern anvertrauen, die mit ihrer Hoffnung auf den Ausgleich meinen Blutdruck in die Höhe trieben.

Als endlich wieder TV-Bilder zu sehen waren, konnte ich die Aufgeregtheit in Erfurt einordnen. Zwar hatte es zuvor einmal einen Pfostenschuss der Erfurter gegeben, doch sah ich nun, die Reporter-Stimmen erhoben sich inzwischen schon bei jedem Steilpass der Erfurter über die Mittellinie. Wirklich gefährdet wurde der MSV nicht mehr. Der Glücksausgleich kann natürlich immer fallen. Deshalb wäre einmal mehr das zweite Tor für die Zebras schön gewesen. Es fiel nicht, selbst als Tim Albutat etwa fünf Minuten vor dem Schlusspfiff noch die Luft hatte, um nach einem Rückpass der Erfurter deren Torwart anzulaufen und ihn unter Druck zu setzen. Der Torwart-Versuch eines Passes missriet, und der Ball landete bei Stanislav Iljutcenko etwa 25-30 Meter vom Tor entfernt. Das Tor war leer, doch der sofortige Schuss von Iljutcenko ging über das Tor. Das Zittern in den letzten Minuten wäre uns erspart geblieben. Davon ab sind wir zurück im Favoriten-Leben.

Vorspiel Rot-Weiß Erfurt vs MSV Duisburg – Historische Bewegtbilder vom Heimverein

Vor dem Auswärtsspiel des MSV in Erfurt habe ich mir zum Zeitvertreib ein paar Clips mit Spielen von Rot-Weiß Erfurt aus der Vorwendezeit angesehen. Für Freunde historischer Bewegtbilder des Fußballs hat rrrstorage eine Menge Schätze aus DDR-Oberliga-Zeiten hochgeladen. Auch auf überraschendem Terrain sich nicht mit dem üblichen Vorgeplänkel von Aufstellung und Vorsätzen zu beschäftigen, sondern das Fremde kennenlernen und sich darin üben, kann ja nicht schaden.

Daten zu den den Spielen habe ich nicht weiter recherchiert. Das überlasse ich den Vereinshistorikern, und wie der Torschütze des 1:0 beim Spiel von Rot-Weiß Erfurt gegen den FC Magdeburg heißt, darauf hätte man bei den Platzverhältnissen selbst kommen können, oder, Herr Winter?

Im nächsten Clip ist die Anmoderation großartig. Diesen Ton aus fernen DDR-TV-Zeiten hören wir noch immer in jeder Morgenandacht gerne, ganz zu schweigen davon, dass in denselben Jahren die Wort-zum-Sonntag-Pfarrer und -Pastöre der BRD das  auch gut drauf hatten: Das beispielhafte Geschehen folgt einem großen Ganzen.

 

Und damit wir in Duisburg eine gute Ausgangslage für den Sonntag haben, will ich mit zwei Heimniederlagen für Rot-Weiß Erfurt enden. Zwar hat der MSV nicht einen solch einflussreichen Gönner wie der BFC Dynamo seinerzeit mit Stasi-Chef Erich Mielke, der Siege der Mannschaft seines Herzens in der DDR wahrscheinlicher machte. Dafür gibt es ja eine schon mehrmals gesehene spielerische Qualität der Mannschaft, zu der sie gegen Erfurt mal wieder zurückfinden könnte.

 

Wie lebt es sich als Fan des Aufstiegsfavoriten?

Jahr um Jahr sind wir zu diesem MSV Duisburg ins Stadion gegangen und wussten, bei einem Spiel des MSV Duisburg kann alles geschehen. In manchen Spielzeiten gab es irgendwann mehr Siege als Niederlagen, doch sicher konnten wir uns nicht sein. Und nun drängt sich ein völlig neues Gefühl bei einem Fußballspiel des MSV auf. Ich zöger noch etwas, davon zu schreiben. Fünf Spieltage hat es erst gegeben. Deshalb habe ich Sorge, voreilig zu sein. Doch der Verlauf des Spiels gegen den 1. FC Magdeburg ist ein weiterer Beleg dafür, dass dieser MSV Duisburg in dieser Saison den Erwartungen gerecht wird. Dieser MSV Duisburg erweist sich tatsächlich als Favorit auf den Aufstieg. Zusammen mit der Mannschaft beginnen wir die Sicherheit zu gewinnen, Spiele aus eigener Kraft zu gestalten, Rückschläge wegzustecken und souverän genug zu sein, das gesteckte Ziel zu erreichen.

Natürlich sind wir uns einig, für die völlige Sicherheit im neuen Fangefühl hätten die letzten 20 Minuten der Begegnung etwa  souveräner gespielt werden müssen. Doch der Auftritt bei diesem 2:1-Auswärtssieg bis dahin hat mich mit diesem neuen Gefühl als Anhänger des MSV sehr vertraut gemacht. Wie ungerührt hat die Mannschaft den frühen Rückstand hingenommen. Das erwarte ich von einem Aufstiegsfavoriten. Mark Flekken hat einen einfachen Schuss zwischen seinen auffangbereiten Armen durchrutschen lassen. Solche Fehler können passieren. Eine Mannschaft, die sich ihrer Stärke sicher ist, beunruhigt das nicht. Dann muss eben noch ein Tor mehr erzielt werden. Spielen wir also weiter wie bisher. So war das zu sehen.

Die Mannschaft des MSV trat sehr spielstark auf. Kombinationen durch das Mittelfeld, wechselten sich mit halblangen Bällen auf die Flügel ab. Variantenreich wurde gespielt und souverän der Ball kontrolliert. Diese Ballkontrolle führte vom Anpfiff an zum Druck auf die Magdeburger Defensive. Das frühe Gegentor ergab keinen Bruch in diesem Spiel. Wenn zudem Branimir Bajic seine alte Topscorer-Stärke nach Eckbällen auspackt, fällt zwangsläufig der Ausgleich. Ecke Janjic, Kopfballtor Bajic. In welcher Saison war es nochmal, als Bajic im Strafraum bei Eckbällen fast nach Belieben traf. Ich übertreibe etwas. Also, auf dem Boden bleiben, und keine Aufstiegsfavoriten-Euphorie entwickeln. Solide Aufstiegsfavoriten-Zuversicht reicht.

Der MSV bestimmte das Spiel und war präzise in der Spielanlage. Dagegen verfehlte beim FC Magdeburg schon vor dem Strafraum der letzte Pass meist den Mitspieler. Gelangte die Manschaft überhaupt einmal in den Strafraum, waren die Abschlüsse ungenau. Große Sorgen machte ich mir nicht. Dafür konnten wir einmal mehr zur Schublade mit dem Wort Chancenverwertung greifen. Eine scharfe Hereingabe traf Zlatko Janjic vor dem leeren Tor nicht richtig. Der Ball ging vorbei. Tugrul Erat machte es wenig später besser, als er in die Spitze gelaufen war und er einen von der Fußspitze Fabian Schnellhardts abtropfenden Ball in den Lauf erhielt. Die Führung war verdient.

Diese Führung hätte in der zweiten Halbzeit ausgebaut werden können. Dann hätte es die leichte Unruhe zum Spielende hin nicht gegeben. Daran muss weiter gearbeitet werden. Ein schneller Einwurf von Kevin Wolze auf Stanislav Iljutcenko, der freie Bahn aufs Tor hatte. Den Ball behauptete er ganz stark gegen den von hinten attackierenden Magdeburger, doch seinen Schuss im Strafraum parierte der Magdeburger Torhüter. Chancenverwertung – ein zweites Mal hervorgeholt. Danach begann allmählich jene Spielphase, in der die Magdeburger immer mehr Spielanteile erhielten. Klare Chancen konnten sie sich dennoch nicht erspielen. Ob die Magdeburg das Gleichgewicht im Spiel nun eroberten oder der MSV es durch defensive Wechsel ermöglichte, ist nicht ganz so eindeutig. Beides greift ineinander.

Vielleicht waren diese letzten zwanzig Minuten auch eine notwendige Mahnung, sich mit dem Favoritendasein weiterhin ganz allmählich vertraut zu machen. So einfach ist so eine Haltungsänderung für uns Fans auch nicht. Wir müssen alle hineinwachsen in dieses Favoritendasein. Vom Staunen wie es sich als Favorit so anfühlt, ist jedenfalls im Netz bei vielen Anhängern des MSV egal auf welchen Kanälen zu lesen.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten

Advertisements

%d Bloggern gefällt das: