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Uraufführung dieser „Abseitsfalle“ vom Theater Oberhausen

Wer als Fußballspieler in eine Abseitsfalle läuft, erhält beim nächsten Angriff seiner Mannschaft eine neue Chance, ein Tor zu erzielen. Wenn die Abseitsfalle aber auf Verhältnisse im wirklichen Leben anspielt, sieht es düster aus mit dieser neuen Chance. Dann geht es um ein dauerhaftes Abseits oder wenigstens um die Gefahr dort zu landen. In Oberhausen als einer der überschuldeten Städte des Ruhrgebiets kennen die Menschen diese Gefahr als Alltag. Jahr für Jahr sieht sich die Stadt zu neuen Sparmaßnahmen aufgefordert. Geschaut wird dann jeweils als erstes auf die freiwilligen Leistungen. Hinter diesen zwei Wörtern der Verwaltungssprache versteckt sich vieles, was ein Leben lebenswert macht. Dazu zählen Kultur, Sport und Bildung, so dass nicht selten Theaterleute und Sportler in einem Wettbewerb um kommunale Gelder stehen.

Diesen Moment des kommunalen Alltags greift Schorsch Kamerun für sein Theaterprojekt „Abseitsfalle“ auf und verwandelt ihn in eine märchenhafte Phantasie. Denn wenn die Stadt kein Geld hat, hilft mit „Arab Petrol“ vielleicht ein Sponsor aus dem Orient. Der Eigner von Arab Petrol, Herr Vorsprung genannt, weiß allerdings nicht so recht, ob er dem Theater Oberhausen oder dem ortsansässigen Fußballverein Rot-Weiß  sein Geld zukommen lassen soll. Bei einer „Vier-Chancen-Tournee“ treten deshalb an: „Team Theater“ mit Schauspielern, Pförtner und Dramaturgin gegen „Team RWO“ mit Vereinsvorsitzendem, Fans, Securitymitarbeiter und Sportjournalistem. Sie werben um die Gunst des Publikums, dessen Votum Herr Vorsprung sich zueigen machen möchte. Es ist ratsam, diese Entscheidung zum Ende der Vorstellung hin nicht spielerisch und leicht zu nehmen. Man sollte sich ihr bewusst stellen, denn darin liegt der Wert dieses Abends.

Etwa zehn Minuten dauert die Sonderfahrt mit dem Oberhausener Linienbus vom Theater der Stadt aus zur Dreifachsporthalle der Gesamtschule Osterfeld, wo die „Vier-Chancen-Tournee“ stattfindet. Auf dem Hinweg erfahren wir durch die Schauspielerin Anna Polke, wie die Industriearbeit aus Oberhausen verschwand und dass Europas größtes Einkaufszentrum stattdessen als „Neue Mitte“ für die Identität dieser Stadt wichtig ist. Die Wirklichkeit soll an diesem Abend nicht vergessen werden.

Es ist ein ungleicher Wettbewerb, der dann in Osterfeld stattfindet, nachdem das Publikum auf den Ausziehtribünen der Sporthalle Platz genommen hat. Zwar steht der RWO-Vorsitzende Hajo Sommers als Schauspieler auch auf anderen Theaterbühnen, doch seine Mitstreiter im „Team RWO“ sind Laien. So geht es für das Team RWO weniger um künstlerischen Ausdruck als um authentische Präsenz von Menschen, in deren Leben Fußball von Bedeutung ist. Da werden dann Fußballersprüche vorgelesen. Da wird ein Bild im Keith-Haring-Stil gemalt. Oder zur Vorstellung des neues Vereinslogos wird die von Schorsch Kamerun geschaffene Oberhausen-Hymne eher gerappt als gesungen sowie eine Cheerleader-Choreografie wird dazu getanzt. King Lear im „volksnahen“ Stil bildet den Abschluss dieser ersten Halbzeit.

Team RWO malt im Stil von Keith Haring ein Gastgeschenk für Arab Petrol. Auf der Leinwand ist eine Videoprojektion zu sehen von der gleichzeitig stattfindenden Aufführung einer Szene aus „King Lear“ durch das Team Theater.

Foto: Axel J. Scherer

Zeitgleich beginnen beide Teams in zwei der drei Querfelder der Sporthalle mit ihren Darbietungen und bald nach Beginn senkt sich eine Faltwand zwischen den beiden Hallenteilen herab. Erst in Halbzeit zwei wird man, nach einem Wechsel der Tribünenseite, vom jeweils anderen Team in Gänze sehen, was als Videoprojektion manchmal im Hintergrund auf eine große Leinwand eingespielt wird.

Das „Team Theater“ agiert selbstverständlich in professioneller Weise. Auch wenn die Darbietungen dabei den Anschein von Arbeitsproben annehmen, machen die Schauspieler Qualität und Möglichkeiten ihrer Kunst erlebbar. Da wird jene  Szene aus King Lear in klassischer Sprechtheatermanier gegeben, wobei die an Stars-Wars-Filme erinnernden Kostüme den Kontrapunkt Moderne bilden. Da wird Actionpainting per Gruppenaktionskunst persifliert. Da wird die Oberhausen-Hymne vom Männerchor gesungen, während die Schauspieler, maskiert als Kulturklassiker und Feuilletonstars der Gegenwart einen Ausschnitt des Kulturkanons auf die Bühne bringen.

Marek Jera spielt den „Prinz“, der den potentiellen Sponsor „Herrn Vorsprung“ vertritt und der als Spielleiter den Wettbewerb begleitet.

Foto: Axel J. Scherer

Auch wenn es in der Vorberichterstattung so angedeutet wurde, „Abseitsfalle“ kritisiert keineswegs Auswirkungen möglichen Sponsorings. Dazu geht das Stück nicht tief genug in die Wirklichkeit solcher Finanzierungsquellen. Da bewegt sich der Abend auf der Ebene bekannter Gags aus Comedy- und Kabarett-Zusammenhängen, wenn die Darbietung selbst sponsorgerecht inszeniert wird und während der Übergänge per Großleinwand der tatsächlich existierende lokale Sponsor präsentiert wird.

Klaus Zwick als Mitglied im Team Theater tritt als „King Lear“ auf. Im Hintergrund warten zwei seiner Töchter, gespielt von Annika Meier und Nora Buzalka.

Foto: Axel J. Scherer

Wenn wir der Prämisse des Stück vertrauen, so leben wir noch in zivilisierten Zeiten. Noch scheint es den Glauben an wirksame Verfahren der Entscheidung zu geben. Zumindest hält der Glaube bis zum Ende an, wenn sich Herr Vorsprung dann doch per Telefon als wahrer Machthaber erweist und mit einem Mal die Ökonomie als Entscheidungsgrundlage entdeckt.  Sonst deutet der Text des Stückes aber nirgendwo an, was da als heftigerer Verteilungskampf noch kommen mag. Da ist der Zuschauer auf sich gestellt und muss in sich selbst spüren, was passiert, wenn er sich auf den Wettbewerbsgedanken dieses Stückes wirklich einlässt. Nimmt der Zuschauer seine Macht als Juror ernst, bewegt der Abend.

„Abseitsfalle“ braucht nicht den Überbau einer kritischen Aussage, wie sie in der Pointe des Ende angelegt ist. Herr Vorsprung meldet sich telefonisch und setzt sich über das vermeintliche Publikumsvotum für das Theater Oberhausen hinweg. So eine Pointe macht nur jene Schublade mit Fragen auf, die von dem Stück nur unzulänglich behandelt werden. Es wäre nicht nötig gewesen. Es langt, die Zuschauer mit dem Gefühl alleine zu lassen, sich entscheiden zu müssen. Es reicht aus,  das Publikum vor die Wahl zu stellen, was wichtiger ist für die Stadt, für die Allgemeinheit und letztlich vielleicht nur für einen selbst. In dem Moment wirkt dieses Theaterstück in die Wirklichkeit hinein. Das aber muss man als Zuschauer zulassen.

Weitere Vorstellungen:

25. und 27. März 2010
13. und 29. April 2010
4., 14., 15. und 19. Mai 2010


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