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Aufstieg? Karneval? Wie geht denn dann das?

Weil ich mich letztes Jahr während der Karnevalszeit ein wenig für die Städteverständigung zwischen Köln und Duisburg eingesetzt habe und mein sehr persönliches Wissen über den Fastelovend hier verbreitete, sieht Google anscheinend in mir schon den Karnevalsfachmann. Wahrscheinlich sollte ich mein Dienstleistungsportfolio erweitern und demnächst in Talk-Shows bei gutem Stundenhonorar als Brauchtumsexperte sitzen.

Hier kommen jedenfalls seit einigen Tagen immer wieder Menschen mit Fragen vorbei. Ratlos sitzen sie irgendwo vor ihren Kostümen und denken bange, was wird mich in Köln bei meinem ersten Karneval am Rhein erwarten? Verrate mir doch einer nur die Regeln dieses undurchsichtigen Feierns dort. Google hilf!

Für all die ratlosen Menschen habe ich ein ganz einfaches Rezept. Wer sich in den Kölner Karneval begibt, sollte sich wie bei jeder ersten Begegnung mit einer fremden Kultur verhalten. Freundlich sein, und damit rechnen, Fehler zu begehen. Dann den Kontakt zu ebenfalls freundlichen Feiernden suchen und sich nicht scheuen, um Rat zu fragen. Fremde Getränke und Speisen sollte man nur in vorsichtigen Mengen genießen, und schließlich sollte man auf sein Glück hoffen, jemandem zu begegnen, der einen dorthin führt, wo ein ausgewogenes Verhältnis herrscht zwischen Einheimischen und Karnevalstouristen. Mehr braucht man nicht. Auf jeden Fall sollte alles vergessen werden, was man jemals über den Kölner Karneval gelesen hat. Wer mit dem unbedingten Willen anreist, auf jeden Fall den einzigartigen Sujet-jibbet-nur-in-Kölle-Spass-an-der-Freud  zu erleben, kann nur enttäuscht werden. Man kann zum „Spass an der Freud“ bereit sein, aber irgendetwas, was man nicht in der Hand hat, wird dazu kommen. Ävver et hät noch immer jot jejange. Dieses rheinische Lebensmotto kennt man wie den Karneval wahrscheinlich inzwischen auch schon überall in Deutschland, und wer das als Mantra bei der Anreise vor sich hinmurmelt, fühlt sich schon mal ein wenig in die kölsche Mentalität ein.  Denn oft tut es das dann auch. Im Karneval!

Beim Fußball kommt diesem kölschen Lebensgefühl allerdings die gegnerische Mannschaft nur allzu oft dazwischen. So musste ich nicht nur nach den letzten zwei Punktespielen des MSV Duisburg mein Päckchen tragen, auch die Kölner Freunde traf in der letzten Woche die Wirklichkeit hart. Der 1. FC Köln ist wie der MSV Duisburg gegen Augsburg aus dem DFB-Pokal ausgeschieden, und vorher waren die Spieler der Mannschaft zum ersten Mal seit Jahren nicht einmal auf der FC-Sitzung. Die Karnevalsfeier des Vereins fand ohne diejenigen statt, die Wohl und Wehe der Fans maßgeblich mitbestimmen. Was für eine Woche! Mit der Niederlage gegen Augsburg war ja zudem das Ausscheiden aus dem Europapokal verbunden. In diesem Große-Hoffnungswettbewerb nimmt der FC regelmäßig teil, sobald die Mannschaft zwei Spiele hintereinander gewinnt. Für den Verein ist dieser Europapokal ein sehr zwiespältiger Wettbewerb. Denn was heute stimmungsaufhellend und begeisternd wirkt, ist morgen Anlass zu großer Enttäuschung.

Ob der Europapokal beim MSV Duisburg Aufstieg heißt? Ich möchte Bruno Hübner so gerne bei seinem Versuch der Stimmungsaufhellung folgen. Ich weiß es auch sehr zu schätzen, wie er im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht auf die Psyche der Mannschaft einzuwirken. Wer nach den letzten zwei Spielen von der Möglichkeit spricht, den dritten Platz noch zu erreichen, macht sich angreifbar. Denn in Duisburg schlägt Enttäuschung niemals in Depression um. Dort hat man für die Psychohygiene Wut und Ärger, und es besteht bei einer Meinungsäußerung zum MSV immer die Gefahr, davon eine Menge abzubekommen.

Ihr wisst, auch ich hänge an hohen Zielen – manchmal wider besseren Wissens. Denn „Kopfprobleme“ habe ich in den letzten Jahren viel zu oft erlebt. Höre ich dieses Wort, macht mir das keinen Mut. Allerdings muss ein Sportdirektor einen rationalen Umgang mit dem Geschehen finden. Ich als Fan kann mir etwas Esoterik leisten. Meine Hoffnung auf den dritten Platz nährt das Wissen darum, dass im Fußball gegen alle Wahrscheinlichkeit Unmögliches geschehen kann. Griechenland wird Europameister, der 1. FC Nürnberg steigt in der letzten Saison auf und der MSV …?

Am Rosenmontag werden wir mehr erfahren. Bis dahin feier ich noch ein wenig Karneval. Süddeutschen Google-Nutzern sei noch ans Herz gelegt, wer Köln eingibt und Karneval meint, darf auf keinen Fall Fasching sagen. Vielleicht ist das auch die erste Regel, an die sich Karnevalstouristen halten sollten, auf jeden Fall in Erfahrung bringen, wie das Ganze heißt, wo man hin will.

Es heißt übrigens auch nur in Teilen Ballermann, obgleich die Stadt Köln vor den Auswüchsen während des Straßenkarnevals anscheinend schon kapituliert hat. Der „Karnevals-Knigge“ kommt jedenfalls sofort auf das Wesentliche zu sprechen: „Sex, Anmache und Saufen“ gebe es tatsächlich im Kölner Karneval, heißt es dort. Da hat ein Realist den Text geschrieben. Natürlich gibt es auch einen anderen Karneval, ich schrieb hier schon einmal, der ist vor allem in den Veedeln zu finden. Wenn ich dann aber weiter in den Benimmregeln lese und mir genau erklärt wird, wie denn nun ein Küsschen zu verstehen ist, fühle ich mich plötzlich wie ein grantelnder alter Mann, der vor sich hinmeckert: „Dass die nicht mal das mehr für sich klären können, wenn sie schon unbedingt ihren Spass haben wollen.“ Da sollte man vielleicht allen Anreisenden mit einem Klassiker von Köbes Underground, der Hausband der Stunksitzung, vor allem das hier mit auf den Weg geben: „Der Geschlechtsverkehr wird im allgemeinen völlig überbewertet“.

In dem Sinne: Weiter schöne Karnevalstage!


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