Posts Tagged 'Adam Bodzek'

Milan Sasic näher kennenlernen

Der Hinweis auf die Pressekonferenz vom MSV Duisburg soll hier nicht die Regel werden, aber dieser Artikel über Milan Sasic in Der Westen hat meiner Meinung nach einen besonderen Grund, und das ist der Verlauf der Pressekonferenz des MSV Duisburg vor dem Spiel gegen die SpVgg Greuther Fürth, in der neben Milan Sasic auch Adam Bodzek sich den Fragen der Journalisten stellte. Auch der NRZ-Journalist Klaus Wille hat wahrgenommen, dass Milan Sasic bei dieser Pressekonferenz noch mehr aus sich heraus gegangen ist, als er es ohnehin gelegentlich macht. Da entstand nach und nach in dem Raum an der Westender Straße eine Atmosphäre der Offenheit, in der ein wenig mehr vom Menschen Milan Sasic hinter der Trainerpersönlichkeit sichtbar wurde. Das geschah, indem er über die Entwicklung beim MSV Duisburg in dieser Saison erzählte; indem er noch einmal auf das Spiel in Düsseldorf zu sprechen kam und indem er sein Verständnis von „Euphorie“ und deren Bedeutung für den Fußball sehr bildhaft zum Ausdruck brachte.  Deshalb sieht man bei eyeP.tv keine Routinepressekonferenz vor dem nächsten Spiel. Wer etwa dreißig Minuten Zeit hat, schaue sich die Pressekonferenz in voller Länge an. Zu Teil 1 geht es hier entlang und zu Teil 2 hier.

Langsam wieder mehr Worte über Fußball schreiben

Vorgestern Abend hat der MSV Duisburg mit dem Pokalspiel beim VfB Lübeck sein erstes Pflichtspiel der Saison 2010/2011 erfolgreich bestritten. Die zweite Halbzeit habe ich beim Nachbarn recht entspannt und nur halb aufmerksam mitbekommen. Der MSV Duisburg kontrollierte mit einer Ausnahme das Spiel und zeigte im Abschluss bekannte Schwächen. Es gab keinen Grund für überschwänglichen Jubel und große Freude, und wenn es hier nur um Fußball ginge, wäre spätestens nun den Zeitpunkt gekommen, sich ein paar Gedanken über den MSV in den nächsten Wochen zu machen.

Hier geht es nicht nur um Fußball. In den Worten über Fußball geht es immer auch um mich. Das soll heißen, Worte über Fußball und all die Nebensächlichkeiten ergeben sich deshalb, weil Quelle und Antrieb dieses Schreibens nichts anderes ist als der Versuch, mich mit meiner ganzen Wahrheit öffentlich zu machen. Diese ganze Wahrheit aber machte in den letzten Tagen jedes meiner Worte über Fußball in meinen eigenen Ohren zu einem Missklang. Deshalb schwieg ich hier länger, als von mir selbst gewünscht. Das ist keine philosophische Spinnerei, sondern das Ergebnis von zu viel Erleben. Alltag und Normalität hatten sich für mich aufgelöst, die Dinge waren kräftig ins Schwanken geraten. Sobald ich etwa an die Saisonvorbereitung und dieses erste Pflichtspiel der Saison 2010/2011 des MSV Duisburg beim VfB Lübeck dachte, schob sich deshalb zu viel in und von mir in diese Fußballworte. Dieses Etwas durchdrang sie und zerfraß den Fußball bis zur Durchsichtigkeit. Nur noch dieses Etwas wäre im Text übrig geblieben. Wäre ich Sportjournalist hätte der Arbeitsauftrag geholfen. The show must go on, wäre das professionelle Credo gewesen. Doch hier bin ich auf mich selbst zurück geworfen, und deshalb hätte jedes Wort über Fußball falsch geklungen.

Fürs erste wird das Schwanken weniger. Es ist immer noch schwierig genug,  sich mit Worten über Fußball zu dieser ganzen eigenen Wahrheit zu bekennen und die Nabelschau zu vermeiden. Doch nach mehreren Anläufen verflüchtigt sich nun dieses Gefühl von Falschheit der Worte, und ich kann zweifelsfrei schreiben: Wenn man sich einen Theaterbetrieb in der Situation des MSV Duisburg und noch vieler anderer Mannschaften des Profi-Fußballs vorstellte, müsste die erste Klassikerpremiere der Spielzeit als sehr moderne  Inszenierung verkauft werden. Werktreue wird zwar angestrebt, doch den Umständen gemäß muss das Publikum in Teilen mit einer sehr freien Fasssung Vorlieb nehmen. Im Programmheft wäre das „N.N.“ als Besetzung von Rollen keine Seltenheit, und während das Publikum zur Premiere in den Zuschauerraum käme, probten die Schauspieler immer noch ihre Gänge in den einzelnen Szenen. Man sähe, den einen Gang mal vom ehrgeizigen Schauspielschüler ausgeführt und im nächsten Moment vom Veteran des Ensembles. Scheinwerfer erhellten Teile des Bühnenraums, wo niemand sich im Verlauf der Aufführung aufhielte, Kulissen aus anderen Stücken ständen noch im Weg und Schauspieler sprächen in Erwartung eines Auftritts des Kollegen nach links, unterdessen er ihnen von hinten auf die Schulter tippt. Wir stehen eben vor der Saison nach einer Fußballweltmeisterschaft. Da dauert es ein wenig länger, bis alle Schauspieler wissen, ob das renommierte Off-Theater in der Großstadt besser für ihre Karriere ist oder die ambitionierte Landesbühne auf Tour durch die Provinz oder gar das geruhsame Boulevardtheater in der Kleinstadt. Und den kleineren Theatern ist zwar klar, welche Rollen sie noch besetzen müssen, doch die größeren Theater wissen noch nicht alle, ob für die rauschende Inszenierung nicht noch der eine große Name in der Besetzung fehlt. Da dauert es etwas länger, bis sich die Ensembles von oben nach unten neu sortiert haben.

Nur gut für den MSV Duisburg, dass Julian Koch schon früh wusste, wie er sich weiter entwickeln will. Von meinem flüchtigen Lesen der Berichterstattung über die Saisonvorbereitung blieben vor allem die Sätze über ihn haften. Da gibt es anscheinend einen sehr jungen Spieler, der sofort beim MSV Duisburg eine Präsenz beweist, wie wir sie uns von allen Neulingen erhoffen und die von keinem Beobachter – ob Journalisten oder Zuschauer – übersehen werden konnte. Seit vorgestern kann nun auch das offensive Mittelfeld mit der Ausleihe von Filip Trojan als besetzt gelten und vielleicht nähern wir uns der Werktreue des Fußballspiels vom MSV Duisburg bereits im September. Spätestens aber, wenn im Oktober die Verletzung von Adam Bodzek ausgeheilt ist, sollte dem nichts mehr entgegen stehen. Das Publikum weiß jedenfalls um die jugendlichen Vorzüge des Ensembles und die daraus sich ergebenden Grenzen ihres Könnens. Wobei Entwicklungen von jungen Menschen ja manchmal auch sehr sprunghaft geschehen. Wir werden sehen.

Vom Spiel vorgestern bleibt mir weniger der Sieg selbst als die ausgelassene Freude bei den Toren im Gedächtnis. Anscheinend ist da bereits ein guter Zusammenhalt entstanden, was für den Alltag der 2. Liga keine schlechte Voraussetzung ist.

Nach der Pause hier, habe ich auch etwas für die Ablage. Ich hefte es mal weg, und ihr könnt selbst entscheiden, ob ihr da noch mal drüber schauen wollt: Wenn der der SC Freiburg, für aufstiegsorientierte Spieler des MSV Duisburg anscheinend eine erste Adresse ist, scheint der FSV Frankfurt jener Verein zu sein, der gerne bei Spielern zugreift, die beim MSV Duisburg für nicht gut genug befunden werden. Björn Schlicke hat es dort sofort zum Mannschaftskapitän gebracht, und Sascha Mölders, der schon ein paar Monate länger beim Verein ist, liefert den Frankfurtern eine bunte Geschichte über die Schwierigkeit die richten Entscheidungen im Leben zu treffen.

Keineswegs etwas für die Ablage ist der Bericht eines weiblichen MSV-Fans, „wie sie zum MSV kam“ für das Fan-Gedächtnis. Auch ihre Erzählung stellt einen Gegenbeweis dar für meine Lieblingsthese des irreversiblen Lernens von Fan-Zugehörigkeit in jungen Jahren durch Prägung. Allerdings, so werden ihr sehen, hat sie für meine These ein Hintertürchen geöffnet. Man müsste in einem Fragebogen nämlich eine Unterscheidung einführen zwischen dem ersten Erleben eines durch Medien vermittelten Fußballspiels und dem ersten Erleben eines Fußballspiels in einem Stadion. Vielleicht lässt sich meine These noch retten.

Aus dem Mannschaftsbus in die ZebraBahn

Mittwochs bin ich ja regelmäßig in Duisburg. Deshalb bot es sich gestern für mich an, auf dem Betriebshof Grunewald der Duisburger Verkehrsgesellschaft AG einmal vorbeizuschauen. Ich war neugierig. Angekündigt war der „Presse- und Fototermin: ZebraBahn rollt ab sofort durch Duisburg“. Durch Duisburg rollte die ZebraBahn gestern dann noch nicht, sondern sie fuhr erst einmal aus der Wagenhalle heraus, um auf dem Betriebshof stehen zu bleiben. So war es nicht nur für die anwesenden Fotoreporter und Kameramänner beim Schuss auf die stehende Straßenbahn einfacher, ihrem dokumentierenden Auftrag nachzugehen, auch die angekündigte „komplette Lizenzmannschaft des MSV Duisburg“ konnte so gefahrlos vom Mannschaftsbus in die Straßenbahn für allerlei Symbolfotos umsteigen. Einweihen bedeutete also vor allem Fotos und Filmaufnahmen machen, nachdem ein DVG-Offizieller und Bruno Hübner kurz ein paar Sätze gesprochen hatten. Die Fans wurden von Fotografen und Kameraleuten gerne vor deren eigenen Portraits auf der Straßenbahn aufgenommen.

Die Fußballprofis aber durften andeuten, dass sie wissen, wie Straßenbahn fahren geht: Einsteigen und auf die Abfahrt warten. Das sah dann so aus. Weil Tageszeitungsfotos ja bekanntermaßen zum Hingucker werden, wenn Kleinkinder und Tiere im Spiel sind, rief irgendwann einer der DVG-Offiziellen nach Kindern.  Deshalb wurde Adam Bodzek noch ein besonders junges Kind hochgereicht, bis dieser Nachwuchs-Fan seinem Alter entsprechend schreiend deutlich machte, er hätte jetzt genug von Fotos in Straßenbahnen. Fußballprofis sind da geduldiger. Die blieben noch ein wenig stehen.

Das Baby-Foto habe ich verpasst, weil ich darum bemüht war, alle Fotoreporter im Gegenschuss aufs Bild zu bekommen. Was mir leider misslang. Über die Anzahl der Fotoreporter bei diesem Pressetermin war ich jedenfalls erstaunt. Entweder muss es mehr Medien geben, die über so ein Ereignis von lokaler Bedeutung berichten, als mir bekannt sind oder die Konkurrenz in dem Beruf muss sehr groß sein.

Mein mir selbst gegebener journalistischer Auftrag galt der ZebraBahn nur am Rande. Deshalb weiß ich nicht, wann diese Straßenbahn ihre Jungfernfahrt im Linienverkehr haben wird. Tinas Frage an die Leserreporter gilt weiterhin.

Vom Himmel fiel ein Ball zum Torerfolg – Der Heimsieg gegen Hansa Rostock

Wenn ich derart, nämlich mit präzisen Ergebnisvoraussagen gegenüber Dritten, dazu beitragen kann, den Erfolg des MSV Duisburg zu ermöglichen, bin ich gerne bereit, daran mitzuarbeiten, wovon wir seit letzter Woche bis zur Winterpause nicht mehr sprechen. Dieses Mal kündigte ich den 3:1-Sieg der Bloggerkollegin Tina an, gegen Berlin war es die Tipprunde. An den Auswärtssiegen muss ich allerdings noch was arbeiten, da scheint sich meine wirklichkeitsbestimmende Macht nicht zu entfalten. Vielleicht hat einer der Spieler des Vereins aller Veine eine Idee, woran das liegen kann. Ich bin da ganz offen für Vorhersagebedingungsumstellungen. Peter Neururer sah sich ja vor dem Spiel gegen Hansa Rostock ebenfalls gezwungen, Veränderungen bei der Mannschaftsaufstellung vorzunehmen. Ein anderes taktisches System sollte den Erfolg ermöglichen.

Ob dieser Sieg aber tatsächlich der veränderten Taktik zu verdanken war, lässt sich keineswegs so sicher sagen wie der Sieg für alle aussieht, die nur das Ergebnis kennen. Das war mal wieder ein typisches MSV-Erlebnis gestern im Stadion. Diese Mannschaft gewinnt mit 3:1, doch richtig zufrieden gehen die wenigsten nach Hause. Was war das für ein Gegrummel beim Rausgehen. Grundsätzlich fühlen sich Siege ja besser an als Niederlagen oder Unentschieden, doch um das Stadion herum schwirrten diese unzähligen „aber“  durch die Luft. Ich habe dazu beigetragen. Natürlich ist es in Ordnung, in der zweiten Halbzeit erst einmal abzuwarten, was der Gegner noch macht, wenn man mit drei Toren Vorsprung führt. Dienstag arbeiten wir ja weiter am Projekt „Berlin“. Wenn Rostock nun nur mit gebremsten Schwung aus der Kabine kommt, gibt es eben nicht viel zu sehen. Warum aber habe ich nach dem einen Tor der Rostocker in der 70. Minute bis zwei Minuten vor Spielende die Sorge, der Verein aller Vereine könnte den Sieg noch verspielen? Ich befürchte, das hat dann doch mit der nicht allzu stabilen spielerischen Qualität der Mannschaft zu tun. Andererseits besitze ich ja einen unerschütterbaren Grundoptimismus und sehe, wie diese Zweitligamannschaften, bislang mit Ausnahme von Bielefeld und Kaiserslautern (?), nicht allzu konstant ihre Leistungen zeigen können. Um noch einmal meine stets so lang wie möglich bestehende Hoffnung anzudeuten, von der wir bis auf weiteres schweigen.

Gleichzeitig wird aber auch die Erinnerung an die erste Halbzeit wieder wach, einer Halbzeit, in der wir zwei überaus vorsichtige Mannschaften gesehen haben, die partout keine Fehler machen wollten und natürlich Fehler über Fehler machten. Doch man sah auch eine Mannschaft des MSV Duisburg, die diese Fehler entschiedener ausbügelten als die Rostocker. Spielfluss kam da nicht groß auf. Die Tore ergaben sich ja keineswegs aus dem kontinuierlichen Aufbau von immer mehr Chancen. Mir kommt im Rückblick die erste Halbzeit vor wie der lange Spielzusammenschnitt einer Sportsendung. Zu sehen waren mal längere, mal kürzere Einheiten des Spiels, die aber keinen Rhythmus entwickelten. Alle drei Tore stehen als einzelne Momente des Spiels für sich und fügen sich für mich nicht als Höhepunkte in eine Einheit. Gerade das erste Tor von Frank Fahrenhorst wirkte so,  als ob da ein Ball kurz vor dem Rostocker Strafraum aus dem Himmel gefallen kam. So ein göttliches Zeichen kann dann natürlich zu jenem bewegungslosen Staunen führen, das die Rostocker Verteidigung überfiel. Sie schienen den Angriff des MSV Duisburg für abgeschlossen zu halten, als sie beobachteten, wie Adam Bodzek nach der ersten Klärung des für Rostock wenig gefahrvollen Angriffs zum Volleyschuss ansetzte. Dass er damit nur die kunstvolle Variante eines Passes auf den vor dem Tor völlig frei stehenden Frank Fahrenhorst versuchte, konnten sie natürlich nicht ahnen. Kühl hat Fahrenhorst die Chance verwandelt, und da ich meine Sicht auf die Wirklichkeit den billigen Pointen vorziehe, ist die Torgefahr in beide Richtungen hier völlig fehl am Platz. Denn hinten war Fahrenhorst nicht besser oder schlechter als seine Mitstreiter. Allesamt waren immer mal wieder für ein wenig Ballgeflipper gut, allesamt hatten immer mal wieder kurze Orientierungsprobleme bei der Bestimmung, wie nah der gegnerische Stürmer schon dem Tor gekommen war. Allesamt aber waren immer wieder auch bemüht um kontrollierten Spielaufbau aus der Defensive heraus.

Chavdar Yankov zeigte, wie wichtig er für diesen kontrollierten Spielaufbau ist. Nicht nur wegen seines beeindruckenden Tores war er für mich der beste Mann auf dem Platz. Wenn nach vorne gar nichts ging, konnte ihm der Ball überlassen werden. Raumgewinn brachte das nicht unbedingt, doch die sichere Ballkontrolle war ungeachtet der Zahl der Gegenspieler gewiss. Wie wichtig er für das Spiel des MSV Duisburg ist, wird auch deshalb so deutlich, weil Adam Bodzek zurzeit nur defensiv überzeugt. Unser Sportlehrer hatte sich einmal ein kurioses  Fußballspiel überlegt, bei dem zwei Spieler einer Mannschaft ein Band in der Hand halten mussten und so sich paarweise bewegend einen einzigen Spieler der Mannschaft bildeten. Zwischenzeitlich hatte ich den Gedanken, so einen zweiten Spieler direkt bei sich könnte Adam Bodzek gut gebrauchen. Der übernähme dann den Spielaufbau und Adam Bodzek müsste sich seine gute Defensivleistung nicht immer wieder durch katastrophale Fehler im Spiel nach vorne kaputt machen. Gestern machte er mich immer wieder nervös, sobald er sich den Ball erobert hatte. Dieses Tal der Teilleistung Offensvispiel ist hoffentlich bald durchschritten.

Dass Sören Larsen arbeitet und ackert war von Anfang zu sehen. Inzwischen ist er in der Mannschaft angekommen. Nicht nur wie er sich vor dem zweiten Tor den Ball erobert hat, sondern auch das anschließende, technisch saubere Ausspielen des Torwarts war so sehenswert wie die Reingabe erfolgreich. Ich hätte zudem gerne Änis Ben-Hatira im innigen Jubel mit Larsen gesehen. Schließlich war es hauptsächlich das Tor von Larsen. Zwar gab es den dankenden Fingerzeig, doch auch an Ben-Hatiras  Jubel ist wieder zu erkennen, da gibt es weiter Arbeit bei der Persönlichkeitsbildung. Meiner Meinung nach braucht er während der Woche ununterbrochen jemanden, der ihm sagt, ohne die Mannschaft kannst du nicht glänzen. Sein Spiel war gestern schon mannschaftsdienlicher als in den Wochen zuvor, einiges mehr ist da aber noch möglich. Außerdem darf Christian Tiffert nicht unerwähnt bleiben. Nicht nur, dass seine spielerische Leistung weiter stabil bleibt und über ihn ein schnelles Passspiel immer möglich ist, darüber hinaus zeigt er eine Ausstrahlung und Präsenz auf dem Spielfeld, die andere Spieler mitreißen kann.

War das nun ein Sieg, weil Rostock zu schwach war? Was war die eigene Stärke, um die sich bietende Chance zum Sieg zu nutzen? Verdeckt der Sieg den klaren Blick auf Schwächen? Wie wir die Dinge sehen, bestimmt unsere Gefühle. Weil es keine eindeutigen Antworten auf die gestellten Fragen gibt, gibt es diese gemischten Gefühle in mir. Was wir vom MSV dieser Saison nach so einem Spiel weiter erwarten können, ist wenig vorhersehbar. Was mich nicht hindert, auch in Zukunft meinen Teil zum erhofften Erfolg beizutragen.

Eine Freistoßmauer wie das ganze Spiel

Hat man das Zustandekommen dieser Freistoßmauer in der 6. Spielminute gesehen, weiß man, wie das Spiel des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Oberhausen gewesen ist. Da pfeift der Schiedsrichter einen Freistoß für Oberhausen – gefährlich nah vor dem Tor des  MSV. So wirkt es jedenfalls sofort für uns, die wir direkt auf den Rängen hinter diesem Tor stehen. Während wir noch darüber reden, ob der Pfiff berechtigt war, richtet Björn Schlicke den linken Rand der Mauer aus. Tom Starke winkt, Schlicke rückt. So weit nimmt alles also seinen gewohnten Gang. Doch die neben Schlicke sich zur Mauer aufstellenden Spieler des MSV scheinen weniger beunruhigt zu sein als ich. Vier oder fünf Spieler reihen sich da auf. Allerdings lassen sie kleinere Lücken zum Nebenmann, und es sind so wenige Spieler. Das sieht überhaupt nicht so aus, als wollte diese Mannschaft sich entschlossen  gegen den Freistoß wehren. Das wirkt so, als könnten diese Spieler noch nicht glauben, der Freistoß werde gefährlich. Der Aufbau der Freistoßmauer  geschieht alles andere als zupackend und kontrolliert.

Deshalb ist der Oberhausener Spieler, der sich im Abstand von etwa einem Meter rechts neben die Mauer stellt, augenblicklich auch eine Gefahr für die Statik der Mauer. Da geht dann der rechts, als letzter in der Mauer stehende MSV-Spieler zum Oberhausener Gegner hinaus.  Damit wird doch keine gefährliche Freistoßoption unterbunden. Da entsteht eine für den Schützen verführerische Lücke. Diese Mauer ist eher Zielhilfe für den Schützen, als dass sie Verteidigungsbereitschaft ausstrahlt. Eine Mauer ist doch nicht einfach nur ein Wall aus Körpern, um den Schuss aufzuhalten. So eine Mauer dient doch auch der Verunsicherung des Schützen, ehe er den Freistoß ausführt. Nichts davon ist auf dem Feld zu spüren. Die Körpersprache dieser Spieler in der Mauer machte nicht dem Schützen sondern mir Angst. Zu recht, wie wir wissen. Der Freistoß wurde erfolgreich verwandelt. Würden Häuser mit Mauern der entsprechenden Qualität gebaut, führten Türen im dritten Stock an der Außenwand ins Bodenlose, es gäbe Wände, die nur auf halbe und dreiviertel Höhe hochgezogen wären und die ein oder andere tragende Wand fehlte mit Sicherheit ebenfalls. Diese Freistoßmauer ist ein Sinnbild für das gesamte Spiel.

Schon in den ersten sechs Minuten schaffte es diese Mannschaft, sich durch Fehlpässe und Fehler bei der Ballbehandlung zu verunsichern. An das Spiel gegen Borussia Mönchengladbach erinnerte nichts mehr, und das hatte wenig mit dem Gegner zu tun. Die Mannschaft des MSV stand von Anfang an anders auf dem Platz als in Mönchengladbach. Den entschlossen auftretenden Oberhausener Spielern wurde nicht ebenso entschlossen entgegen getreten. Dabei ging es erst einmal nur darum, sich in Zweikämpfen zu behaupten. Noch ging es gar nicht um Spielzüge und Spielaufbau, es ging um die Präsenz  jedes Spielers. Diese Präsenz blitzte später immer mal wieder in einzelnen Momenten auf, verpuffte aber ebenso schnell wieder in genau diesem einzelnen Bemühen, weil an anderer Stelle gerade wieder was schief lief. Für solche Spiele scheinen die Strukturen zu fehlen, auf die sich die Mannschaft zurück ziehen kann, um Sicherheit zu gewinnen.

Es ist nun so deutlich geworden, diese Mannschaft kann das Mittelfeld im langsamen Spielaufbau nicht überbrücken. Diese Mannschaft gelangt nur in die Nähe des gegnerischen Strafraums, wenn ein Angriff schnell vorgetragen werden kann. Warum, so frage ich mich deshalb,  zeigt diese Mannschaft nicht wie alle bislang von mir gesehenen Gegner nach der Balleroberung im Mittelfeld ein schnelles Spiel über die Außenbahnen? Warum wird trotz der Schwächen beim langsamen Spiel das Tempo so oft nach Balleroberung verschleppt? Das verstehe ich nicht und hätte es gerne von Peter Neururer erklärt.

In den letzten zwei Tagen ist über die Leistungen der einzelnen Spieler schon viel geschrieben worden. Allmählich kennen wir ihre Schwächen. Ben-Hatira war bemüht, aber ohne Auge für die Mitspieler und verrannte sich dieses Mal meist im Dribbling, gerne auch über die Außenlinie. Gleiches gilt für Caiuby. Bodzek spielt zurzeit immer wieder den eröffnenden Pass für den nächsten gefährlichen Angriff  – allerdings für den des Gegners.  Larsen läuft als Wiedergänger unseres Sturms von vor einem Jahr über den Platz. Ohne Timing beim Kopfballspiel wie Sandro Wagner seinerzeit und antrittsschwach wie damals Dorge Kouemaha. Was angesichts der Entwicklung beider Stürmer für die Rückrunde hoffen lässt. Tifferts Leistungen sind eigentlich immer zumindest solide. Die Verteidigung war einmal mehr oft in Bedrängnis, weil viele Angriffe knapp hinter der Mittellinie endeten. Tom Starke als Rückhalt und so weiter und so weiter. Das kennen wir nun und haben es in Ansätzen auch während der erfolgreichen Spiele gesehen.

Wenn Peter Neururer nach dem Spiel verkündet, er werde von nun an nicht mehr die Hand schützend über seine Spieler halten, dann will ich aber auch hören, was denn die Vorgaben für diese Spieler gewesen sind. Natürlich können nach einem Spiel wie gegen Rot-Weiß Oberhausen einzelne Spieler problemlos mit ihren schlechten Leistungen in den Blick gerückt werden. Mir scheint das aber zu einfach. Schließlich war das nun das dritte Spiel, in dem die gesamte Mannschaft schlecht spielte. Nur wenn ich weiß, welche taktischen Mittel im Spiel hätten angewendet werden sollen, kann ich bewerten, ob sich tatsächlich das schlechte Spiel von einzelnen Spielern zum schlechten Mannschaftsspiel summierte. Fußball scheint zwar ein einfacher Sport zu sein, doch der Erfolg ist abhängig von so vielen Einflussgrößen. Auf dem Spielfeld sehen wir nur einen Teil davon.

Bodzeks Retten lässt mir keine Ruhe

Sowohl die NRZ als auch die Rheinische Post haben das Spiel vom Freitagabend mit dieser Artikelüberschrift zusammen gefasst: „Bodzek rettet […] einen Punkt“. Heute beschäftigen mich nebem dem Spiel selbst auch diese Artikelüberschriften noch immer. Ich überlege nämlich, ob diese häufig gebrauchte Sprachformel des Sportjournalismus die Wirklichkeit des Spiels trifft.

Selbstverständlich gibt eine sehr eng verstandene Aussage des Satzes eine Wirklichkeit des Fußballspiels wieder, die nicht im Widerspruch zu dem steht, was am Freitababend zu sehen war. Aber der Bedeutungsraum, der in meinem ersten, intuitiven Verständnis des Wortes „retten“ ebenfalls anklingt, entspricht nicht dem, was ich gesehen habe.

Anscheinend habe ich in meinem Leben mehr Artikel gelesen, in denen die Sprachformel der Rettung angewendet wurde, wenn eine Mannschaft über das Spiel hinweg die schwächere Mannschaft war und dann ein Spieler dieser unterlegenen Mannschaft das Führungstor kurz vor Spielende ausgleicht.  So hat sich mit diesem Bild des Retters in meinem Sprachverständnis ein Bedeutungsraum verfestigt, der nicht mehr mit meinem Eindruck vom Freitagabend übereinstimmt. Der MSV war nicht unterlegen. Deshalb stutze ich, wenn ich das Wort „retten“ lese. Es stellt sich für mich ein Gefühl der Unstimmigkeit ein. Was Adam Bodzek mit seinem Tor getan hat, war etwas anderes als retten. Nur was? Das Wort „retten“ klingt also in meinen Ohren falsch, weil es das überlegene Spiel des MSV Duisburg für mich ausschließt.

Wahrscheinlich gibt es genügend Menschen, die mir bei diesem Gedanken nicht folgen und nicht verstehen, was am Wort „retten“ falsch sein soll. Wenn ich über die Bedeutung des Wortes „retten“ schreibe, geht es mir aber gar nicht darum, jemanden von einer anderen Bedeutung des Wortes zu überzeugen oder gar Journalisten zu korrigieren. Es geht mir darum an einem nicht so wichtigen Alltagsgebrauch von Sprache zu zeigen, gegenseitiges Verstehen gelingt seltener als man meint. Meist ist es nämlich nicht ganz so wichtig, was so ein dahin gesprochenes Wort alles bedeutet. Dann geben wir uns mit einem ungefähren Verstehen zufrieden und fühlen uns zusammen gut. Manchmal aber gibt es Situationen, in denen genaues Verstehen angebracht ist. In so einem Moment sollte man sich erinnern. Wir haben alle solche oft unscheinbaren Wörter, die Bedeutungsräume öffnen oder verschließen, von denen das Gegenüber nicht ahnt. Von denen meinen wir aber, jeder müsse sie kennen.

Wieviel Ballkontakte hatte Starke? – FC Energie Cottbus (H)

Nach dem Spiel gegen den FC Energie Cottbus schillern meine Gefühle zwischen Begeisterung, Zuversicht und einem leisen und deshalb auch immer wieder verschwindenden Hadern. Was für eine Überlegenheit des MSV und dann steht da ein Unentschieden als Ergebnis. Nur oder gerechter Weise? War es erst um die 32. Minute, als Tom Starke das erste Mal den Ball aufnehmen musste? Und hatte er in der ersten Halbzeit fünf oder sechs Ballberührungen? Das hat sehr gut ausgesehen, was der MSV Duisburg gestern Abend gezeigt hat. Was mich daran besonders zuversichtlich stimmt, ist die Entwicklung, die diese Mannschaft genommen hat. Die Startelf kennen wir bis auf zwei Spieler aus der letzten Saison, und es ist tatsächlich so, dass die Sicherheit des Mannschaftsspiel nach vorne die einzelnen Spieler besser macht und natürlich wirkt das Ganze auch umgekehrt. Die besseren einzelnen Spieler machen den Aufbau des Spiels sicherer.

Die Überlegenheit des MSV ergab sich nun nicht, weil der Gegner so schwach war. Cottbus wollte vorsichtig aus sicherer Abwehr heraus beginnen, doch der MSV Duisburg hat die gegnerische Mannschaft von Anfang in die eigene Hälfte gedrängt. Die Überlegenheit wurde gegen gut stehende Gegenspieler erspielt. Kein Gedanke daran, dass Cottbus nur den ersten, meist eine Viertelstunde dauernden Ansturm einer Heimmannschaft überstehen musste. Die Überlegenheit hielt an. Selbst das Gegentor brachte das Spiel des MSV nicht zum Erliegen.

Die Angriffsbemühungen der Cottbusser wurden normalerweise so im Keim erstickt, dass dieser Angriff, der zum Gegentor führte, wie aus dem Nichts kam und so nicht einmal Gelegenheit bot, sich aufzuregen. Dabei war es gekommen, wie wir es die ganze Zeit befürchtet hatten. Auf solch einen Angriff hatten die Cottbusser offensichtlich gewartet. Wahrscheinlich hätten sie gegen ein paar Chancen mehr nichts gehabt. Sie hätten sich aber auch nicht beschweren können, wenn der MSV in Führung gelegen hätte. Die größte Chance war ein Kopfball von Frank Fahrenhorst, der auf der Linie geklärt wurde. Als Abwehrspieler allerdings strahlt Frank Fahrenhorst noch nicht die Sicherheit aus, die Markus Brzenska in der letzten Saison von Anfang an auszeichnete. Natürlich hat die Abwehr in so einem Spiel nicht viel Gelegenheit, sich im eigenen Strafraum auszuzeichnen. Und an solchen Spielsituationen wie vor den zwei Gegentoren gibt es ist nicht sehr viel zu kritisieren. Es sind weniger die Kleinigkeiten im Stellungsspiel als die der Präsenz des Abwehrsspielers, die mich unruhig machen, wenn ich an Gegner denke, die vielleicht einmal häufiger als Cottbus in die Nähe des MSV-Tores kommen. Die Arbeit des Abwehrsspielers muss längst geschehen sein, ehe ein Stürmer im Strafraum an den Ball gelangt. Bei so einem Spiel wie gestern kann es nach einem Konter zu dem Ballkontakt des Stürmers im Strafraum kommen. Verhindern wird der Abwehrspieler den Torschuss dann nicht mehr völlig, aber er kann ihn erschweren und da scheint es mir für Frank Fahrenhorst noch Verbesserungsbedarf zu geben. Weder strahlt er einschüchternde Präsenz noch Ruhe aus.

In der zweiten Hälfte bot sich das selbe Bild wie in den ersten 45 Minuten. Der MSV blieb weiterhin deutlich überlegen, und dennoch musste wieder ein Gegentor aus dem Nichts weggesteckt werden. Erst da, meine ich, war zu erkennen, der Glaube der Mannschaft an sich selbst, begann zu wanken – trotz des weiter erkennbaren Willens den Ausgleich zu erzielen. Denn von dem Moment an gab es einige wenige Versuche den Ball Richtung Tor zu bringen, die zwar noch nicht verzweifelt, aber auch nicht mehr völlig überlegt waren.

Der Ausgleich dann brachte mir zumindest so etwas wie ein Gefühl von Gerechtigkeit zurück. Gerade wie die Tore vom MSV zustandekamen, zeigt die Qualität des Spiels noch einmal in konzentrierter Form. Beide Tore fielen dank einer ausgewogenen Mischung von Einzelleistung und Mannschaftsspiel. Dieses zweite Tor wurde hervorragend vorbereitet durch Sandro Wagner, der sich gegen zwei eng deckende Cottbuser durchsetzte. Als er nach rechts auf Adam Bodzek ablegte, sah man von unserem Platz aus, im Rücken Bodzeks, wie perfekt sich Bodzek zum Ball hin bewegte. Er musste einfach treffen. Das erste Tor wiederum ergab sich aus einem perfekten Abwurf Tom Starkes fast bis an die Mittellinie in den Lauf von Dorge Kouemaha hinein. Kouemaha überdribbelte die herankommenden Cottbusser Verteidiger dank Schnelligkeit und technischen Geschicks, um im richtigen Moment auf den mitgelaufenen und frei stehenden Sandro Wagner zu passen. Der wiederum brachte den Ball sicher ins Tor.

Noch einmal: Auch wenn in manchen Spielberichten heute Sandro Wagner im Mittelpunkt steht, es waren nicht einzelne Spieler sondern die Mannschaft, die sich in der Vorwärtsbewegung sicher war. Immer wieder gab es auf engstem Raum Ballkontrolle dank technischer Sicherheit der einzelnen Spieler und schnellem Kurzpassspiel. Christian Tiffert zeichnete sich da aus. Die Pässe und die Einsatzbereitschaft von Mihai Tararache waren wieder auf einem Niveau, das wir in Duisburg schon nicht mehr geglaubt hatten noch einmal zu sehen. Die Entwicklung von Sandro Wagner ist hervorragend. Endlich behauptet er den Ball nicht nur aufgrund seiner Schnelligkeit. Endlich blitzt seine Technik nicht nur in einigen wenigen Spielsituationen auf, sondern sie ist das ganze Spiel über erkennbar. Sein Kopfballspiel wird zudem immer besser. Chavdar Yankovs spielerische Qualiäten blieben gestern allerdings meist ein Versprechen. Adam Bodzek knüpft an die starken Spiele zum Schluss der letzten Saison nahtlos an.  Zur Verteidigung wird nach anderen Spielen mehr zu schreiben sein. Nachdem Caiuby eingewechselt wurde, war seinem Spiel die noch nicht genügende Bindung ans Mannschaftspiel anzumerken. Als Einzelspieler ist technisch großartig. Seine Pässe finden aber nicht immer die Mitspieler, mehr noch, vor allem seine Querpässe bringen die eigene Mannschaft in Gefahr, einen Konter hinnehmen zu müssen.

Nicht oft habe ich ein derart gutes Zweitliga-Spiel vom MSV gesehen. Natürlich kitzelt da ganz kurz ein Gedanke an die letzte Saison, in der auch das erste Heimspiel gegen Rostock mit eines der besten Spiele der Saison überhaupt gewesen ist. Meine heutige Hoffnung auf stabile spielerische Verhältnisse beim MSV Duisburg beruht aber darauf, dass dieses Spielvermögen das Ergebnis einer Entwicklung ist und damit alles andere als ein Augenblicksereignis. Da sollten noch einige gute Spiele mehr drin sein. Ich bin dabei.

Vor dem Spiel gegen Erfurt im Urlaub

Unvorhergesehenen Dinge geschehen immer. Haltegurte reißen während Sprungkraftübungen, Diebe brechen auf Sportplätzen in Umkleidekabinen ein und schon aufgegebene Urlaubsreisen können in veränderter Form doch noch wirklich werden. Deshalb hat Adam Bodzek nun seine Bänderisse, MSV-Spielern fehlen Geld und Fußballschuhe und ich bin nicht mal mehr an den Schreibtisch gekommen, um mich für zehn Tage zu verabschieden. So ist das Leben manchmal. Die Dinge hören einfach auf und ein geordneter Übergang von einem Zustand zum anderen findet nicht statt. Ich höre aber natürlich nicht auf und mache nur Pause. So bekomme ich von der letzten Woche der Saisonvorbereitung erst heute die Nachrichten am Schreibtisch des Schwagers in Wolfenbüttel nachgeliefert und viel zu erzählen habe ich zwischen lauter Familiengedöns dazu nicht. Die Konzentration fehlt nach dem Kuchen und vor dem Grillfleisch. Wie das eben so ist bei Familientreffen. Ein wenig denke ich in ruhigen Momenten darüber nach, wie ich morgen die Weiterfahrt nach Hamburg mit einem Umweg über Erfurt begründen kann. So richtig finde ich da keine Gründe, aber unser Sohn möchte noch einen Tag länger hier bleiben. Mal sehen, wie sich das nutzen lässt. Auf jeden Fall bin ich froh, dass es morgen nun losgeht und das Bild zur kommenden Saison, dieses Bild mache ich mir zu Hause, dort, wo fast von jetzt auf gleich alles liegen und stehen gelassen werden musste, was den Fußball angeht, um doch noch ein paar Tage in den Urlaub zu fahren. Ende nächster Woche dann wird der Alltag mich wiederhaben. Ein Alltag, in dem es auch wieder das Schreiben am Blog geben wird.

Saison 2008/2009 – 24. Spieltag SC Freiburg (H)

Bevor ich irgendeinen Spielbericht lese, möchte ich noch einmal im Gefühl des gestrigen Abends schwelgen, jenem umfassenden Hochgefühl, das nur den Nachteil der Totalen hat und den zur genaueren Spielanalyse notwendigen Blick auf das Detail, die Nahaufnahme, sehr erschwert. Es passierte außerdem in diesem Spiel zu viel, als dass es ein Leichtes wäre, dieses Geschehen ohne spielbegleitende Notizen und den Blick auf Einzelne gerecht zu beurteilen. Das, als Vorrede, sei gestattet, um das Folgende einzuordnen.

Auch wenn Erinnerungen oft trügen können und ich vielleicht später andere Quellen zur Überprüfung zu Rate ziehe, das muss ich erst einmal ungedeckt schreiben. So ein Spiel habe ich in Duisburg sehr lange nicht mehr erlebt. Ein Spiel, bei dem über die gesamte Spielzeit beide Mannschaften etwas riskierten und dabei nicht planlos wirkten. Ein Spiel, das aus diesem Grund ansehlichen Fußball bot (In Klammern gesprochen für alle, die bereits wieder den Blick nach vorne werfen: Natürlich ist da Luft nach oben beim Verein aller Vereine).  Und vor allem ein Spiel, das trotz allen Bangens mit einem von glücklichem Jubel begleiteten Ergebnis für den MSV endete. Kurzum, es war ein Spitzenspiel, das man nicht mit den sonst so häufig notwendigen Standardsätzen der Berichterstattung einschränken muss.

Manchmal kommt es mir so vor, als erreichte ich ein Alter, in dem es immer schwerer für mich wird, die Spannung solcher Spiele zu ertragen. Zum ersten Mal ist mir das bei zwei, drei Spielen in der letzten Erstliga-Saison so gegangen und auch heute kam ich ab ungefähr der 65. Minute an einen Punkt, ab dem ich für ungefähr fünf Minuten aus dem Stadion flüchten wollte und nur die beruhigenden Worte der Freunde mich davon abhielten. Ich hatte das Gefühl, zwar könnte ich eine mögliche Niederlage aushalten, aber keinesfalls mehr sehenden Auges. So viel investierte der MSV in das Spiel, so groß wurde der Druck in der zweiten Halbzeit und so sehr ergaben sich die Konterchancen für die Freiburger, die ich schon beim MSV-Angriff gleichsam mitdachte. Der Höhepunkt war ein Freistoß  von halbrechts, der ja eigentlich Gefahr für die Freiburger sein sollte und bei dem sich sämtliche Freiburger in den Strafraum zurück zogen, aus diesem Freistoß, befürchtete ich, würde das erste Tor der Freiburger unweigerlich folgen. Schon wieder wurden die Last-Minute-Gegentore der letzten Saison wieder lebendig und die Angst vor der Enttäuschung drohte, mich zu überwältigen. Andererseits wuchs ja gerade dadurch das mögliche Glück,  je länger ich diese Angst aushielt und es sich dann doch schließlich zum Guten wendete, desto mächtiger konnte mich die Freude erfüllen. Man sieht, es gibt dieses Gefühl der großen Begeisterung nicht ohne das Risiko ebensolch großer emotionaler Gefahren.

Ohne journalistische Stimmen zum Spiel gehen mir nun nur einzelne Momentaufnahmen durch den Kopf, die höchstens Ansätze bilden für Urteile. Wann habe ich mich etwa das letzte Mal so einig im Urteil mit dem Trainer meiner Mannschaft gefühlt wie in dem Moment, als Sandro Wagner schon zu Beginn der zweiten Hälfte tatsächlich für Dorge Kouemaha eingewechselt wurde?  Kouemahas Spiel erinnerte an die Leistungen der Hinrunde. Da sah man ein paar altbekannte Stockfehler und die fehlende Schnelligkeit, um dem dann wegspringenden Ball hinterherzujagen. Wagner zeigte zunächst ebensolche Stockfehler, aber war im Antritt so schnell, dass er dem dazwischengehenden Verteidiger den Ball wieder abnehmen konnte. Eine sehr gute Auswechslung, zumal die hohen Bälle auf Kouemaha nicht wirklich Gefahr brachten. Dazu stand die Freiburger Abwehr zu gut. Diese Abwehr war nur mit schnellem flachen Spiel zu überwinden, und das erste Tor lieferte den Beweis dazu. Dennoch ergaben sich für den MSV wie Freiburg schon auch in der ersten Hälfte Chancen auf ein Tor. Zwar war Kouemaha daran beteiligt, hatte aber zu wenig Spielübersicht, um den völlig frei stehenden Mitspieler zu sehen. Stattdessen schloss er selbst ab, ohne wirklich gefährlich zu werden.

Tom Starke war ja schon in der Erstliga-Saison auf der Linie sehr gut. Diese Klasse hat sich gestern wieder gezeigt. Zudem ist seine Strafraumbeherrschung besser geworden. Er läuft entschlossener raus, auch wenn immer wieder mal die alte Schwäche aufblitzt.

Dann fällt mir Adam Bodzek ein, der immer besser wird. Unzählige Bälle im schnellen Spiel der Freiburger hat er ungefährlich gemacht und kontrollierte danach den Ball. Das war kein Retten, sondern konzentriertes Erobern, sein Stellungsspiel wird von Spiel zu Spiel besser und der anschließende Pass findet den Mitspieler. Manchmal geht das dann sofort in den Angriff über, auf jeden Fall wird aber nahezu immer ein sicherer Pass gespielt und sogar nur das wäre bereits ein großer Fortschritt. War es bislang im Spiel des MSV doch häufig so, der Angriff des Gegners wird zwar zerstört, aber die Anschlusshandlung bringt den Ball nahezu augenblicklich wieder in die Reihen des Gegners.

Auch die Einwechslung von Marcel Heller ergab sich zwangsläufig aus dem Versuch, das Spiel nach vorne weiter zu beschleunigen. Änis Ben-Hatira war mit seiner am Dribbling orientierten Spielweise nicht sehr erfolgreich und wie sich das Spiel entwickelte, wurde er immer wirkungsloser. Das zweite Tor war übrigens jenes Wagner-Tor, das er in der Hinrunde gegen St. Pauli bereits hätte machen können. Wie vor ein paar Monaten erkämpft er sich den Ball und macht dieses Mal alles richtig. Ich bin mir jetzt nicht mal sicher, ob Makiadis Einsatz noch nötig gewesen wäre.

Dass ich andere Namen nicht erwähne, liegt nicht an mangelnder Leistung sondern an mangelndem Ausdrucksvermögen, ach Quatsch, Phrasen her, ich will keinen Spieler mehr herausheben, weil die Mannschaft gewonnen hat. Das hat den Eindruck einer funktionierenden Gemeinschaft gemacht, in der jeder deshalb so gut spielen konnte, wie er spielte, weil er sich der Mitspieler sicher war. So soll es weiter gehen, und dann wäre es natürlich enttäuschend, wenn es am Ende doch nicht klappt, aber Fußball ist eben nicht bis ins Letzte planbar. Zufrieden wäre ich nach einer auf diese Weise gespielten Saison dennoch.

Saison 2008/2009: 16. Spieltag 1. FC Kaiserslautern (H)

Immer noch insgeheim  – oder war das nicht eher doch ganz offen? Doch, das war offen! Ganz offen wurde da auch auf Vereinsseite von Möglichkeiten geredet, oben wieder den Anschluss zu finden – Also, für alle, die auf die ersten drei Tabellenplätze schielen – ich gehöre natürlich, wenn ich ehrlich bin, dazu – ich verhedder mich gerade im Satz, weil ich ja ehrlich sein will und der Realist in mir aber ganz heftig an die Tür klopft – ich fange nochmals von vorne an: Für alle, die nach oben geschielt haben, ist das torlose Unentschieden eine Enttäuschung. Für alle, die die Mannschaftsleistungen der anderen Heimspiele – Ausnahme Rostock und Aachen – im Kopf haben, ist die Spielanlage des MSV heute ein Fortschritt gewesen.

Es gab den Willen, schnell zu spielen. Das hat immer wieder auch geklappt, obwohl die die Abwehr vom 1. FC Kaiserslautern gut stand. Sicher, wirklich torgefährlich wurde das nicht, dennoch war die Spielanlage in den anderen Spielen mit ähnlicher Ausgangssituation auch schon ganz anders. Ganz am Anfang, als Kaiserslautern noch nicht richtig auf dem Platz stand, gab es ein wenig Gefahr. So ein Spiel macht dann mehr Freude als dieses: Ball stoppen, gucken, wo ist mein Mitspieler, Pass und der Mitspieler ist leider nicht mehr da, wo ich gedacht habe, dass er war oder meinem Mitspieler ist gerade der Gegenspieler auf den Leib gerückt, also, passt er mal besser wieder zurück.

Aus Kaiserslauterner Perspektive sah das etwas anders aus. Da hörte ich auf der Rückfahrt nach Köln die ein oder andere unzufriedene Stimme von Fans im voll besetzten RE. Zu wenig Druck nach vorne, sei gemacht worden. Zu wenig hätte man sich um ein Tor bemüht.  Da sage ich drauf, das wäre vielleicht auch gefährlich für Kaiserslautern geworden, als in der 1. Halbzeit das Spiel des MSV ganz ansehlich nach vorne ging.  Wie gesagt, nach den anderen Spielen der Hinrunde bin ich eigentlich gar nicht so unzufrieden. Ein Sieg wäre schön gewesen, war aber nicht drin und als in der 2. Halbzeit Kaiserslautern versucht hat, mehr nach vorne zu spielen, hat der MSV ganz gut gegengehalten. Torchancen gab es auf beiden Seiten nicht viele. Sprich: die Abwehrreihen haben gut gestanden. Jedenfalls war der Auftritt der Mannschaft ein ganz anderer als im ersten Spiel unter Neururer gegen Frankfurt oder diese viel zu vielen anderen Spiele der Hinrunde unter Bommer.

Zu einzelnen Spielern fällt mir als erstes meine leichte Gereiztheit gegenüber Maicon ein. Ich weiß, es ist ein bisschen gemein, wenn einem ein Spieler wegen einer Art Tick missfällt. Aber Maicon mit seinem Die-Sohle-auf-den-Ball-und-dann-erst-abspielen regt mich doch manchmal so sehr auf, weil deutlich ist, schnell geht es über ihn ganz sicher nicht. Andererseits schien er im vorderen Mittelfeld dann doch auch wieder eine mögliche Anspielstation zu sein. Bodzeck hat in der Abwehrreihe ein gutes Spiel gemacht. Grlic, heute mit manch unpräzisem Pass nach vorne, aber auch bei Bedrängnis in eigener Hälfte immer derjenige, der den Ball übernimmt und damit die Verantwortung. Sahan mit Luft für 70 Minuten, aber mit Zug nach vorne und einigen sehr schönen Aktionen. Technisch sehr gut.  Bei Kouemaha denke ich immer noch, effektiv ist er nur an der Strafraumgrenze. Für alle anderen Bereiche des Spielfelds fehlt ihm die Schnelligkeit. Vielleicht fällt mir zu einzelnen später noch was ein. Jetzt ist erstmal Schluss!

Doch eins noch: Der FCK-Fanclub Rodte Teufel hat bei mir was gut. Einen von drei freien Plätzen ihres Wochenendticketsammelkaufs habe ich freundlicher Weise bis Köln erhalten, auch wenn sich das im überfüllten RE als völlig überflüssig erwies.  Schöne Grüße nach Trier! Trier hat mich außerdem nochmals daran erinnert, welch großes Einzugsgebiet der 1. FC Kaiserslautern besitzt. Andererseits MSV-Fans gibt es auch überall auf dieser Welt. Demnächst auch wieder hoffentlich wegen des attraktiven Spiels. Das wollen wir doch aus diesem Spiel mal heute mitnehmen.


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