Posts Tagged 'Ahmet Engin'

Mit Dynamik und Gefühl in das Winter Wonderland

Der MSV lehrt uns auch in dieser Saison etwas über das Leben. Neulich noch waren wir davon überfordert als Aufstiegsfavorit durch den Alltag zu gehen. Wir hatten keine passenden Gefühle. Wir wussten nicht, welche Erwartungen an ein Spiel die richtigen waren. Wir waren wie die Neureichen früherer Zeiten, die ihr Geld mal viel zu viel und mal viel zu wenig ausgaben. Wir waren mit den Erwartungen an die Mannschaft ganz oft ein wenig drüber. So wurden wir unzufrieden trotz Tabellenführung. Wir fanden keinen passenden Ausdruck für unsere Sorgen, dass die Mannschaft das unbedingt nötige Saisonziel verpassen könnte. Wir mussten erst lernen dem Favoritendasein zu vertrauen.

In dieser Saison zeichnet sich schon wieder etwas Neues ab. Ein paar Mal habe ich schon von meiner Entspanntheit im Stadion geschrieben. Immer wieder fällt mir auf, dass ein für mich in den letzten Jahrzehnten typisches MSV-Gefühl völlig fehlt. Es schwindet meine Sorge, in den letzten Minuten könne noch alles Erreichte gefährdet werden. Es schwindet meine Sorge das Saisonziel könne verfehlt werden. Über Jahre ging es in Duisburg immer dramatisch zu. Wenn wir ins Stadion gingen, schien sehr schnell immer alles auf dem Spiel zu stehen. Wir mussten unbedingt aufsteigen. Wir durften nicht absteigen. Und immer fielen Tore in den letzten Minuten.

Nun spielte der MSV gegen Dynamo Dresden und ich habe dieser Mannschaft vertraut, obwohl Moritz Stoppelkamp und Boris Tashchy fehlten. Ich wäre wegen dieser Ausfälle sogar mit einem Unentschieden zufrieden gewesen. Das ist ein Zeichen von Vertrauen in die Mannschaft. Denn ich bin mir des mittel- und langfristigen Erfolgs dieser Mannschaft sicher, so dass ich mögliche gegenwärtige Misserfolge einrechnen kann. Umso schöner ist der verdiente 2:0-Sieg gegen Dynamo Dresden. Das ist das neue MSV-Gefühl dieser Saison, die Bedrohung ist aus dem Spielverlauf geschwunden. Die Spannung im Spiel ist seit Jahren zum ersten Mal wieder eine durchweg angenehme Spannung.

Zwei Mannschaften mit ähnlicher Qualität haben sich gestern gegenüber gestanden. Zwei Mannschaften, deren Defensive gleich gut war, zwei Mannschaften, die im Offensivspiel sich ein wenig unterschieden. Dresden versuchte in Strafraumnähe etwas öfter das Kurzpassspiel, nachdem ein langer Ball das Mittelfeld überbrückt hatte oder die Mannschaft sich mühsam durch das Mitelfeld gespielt hatte. Der MSV suchte schneller den Abschluss und wollte mit weniger Pässen torgefährlich sein, nachdem der längere Ball gespielt worden war oder die Mannschaft sich mühsam durch das Mittelfeld gespielt hatte. Und dann gab es noch einen weiteren Unterschied. Für den MSV gab es das schnelle Flügelspiel auch ohne Flügelwechsel. Der Ball ging steil auf Ahmet Engin, und der nahm Tempo auf.

So war es klar, ein Tor würde nach einem Fehler fallen. Keine der beiden Mannschaften hatte die Möglichkeit, den Gegner auszuspielen. Der Fehler geschah auf Dresdner Seite kurz vor dem Halbzeitpfiff. Ein steiler Pass am linken Flügel auf Ahmet Engin rollte knapp an der Außenlinie entlang. Für einen winzigen Moment dachte der Dresdner Defensivspieler, der Ball geht ins Aus. Sein  Zögern war fast unmerklich. Es reichte aber zum entscheidenden Vorteil für Ahmet Engin im Sprint. Er zog am Defensivspieler vorbei Richtung Torauslinie, danach in die Mitte und passte zum hereinstürmenden Stanislav Iljutcenko. Das Führungstor fiel, angepfiffen wurde nicht mehr. Bis dahin hatte es schon zwei, drei gute Chancen für den MSV gegeben, während die Dresdner keine Torgefahr entwickeln konnten.

Nach dem Wiederanpfiff erwarteten wir ein ähnliches Auftreten der Dresdner wie von St. Pauli letzte Woche. Zum Glück, so dachten wir, gab es ja Gerrit Nauber, der erneut  souverän und ruhig die Defensive organisierte, dass es eine helle Freude war. Doch zunächst standen die Dresdner schwächer als in der ersten Halbzeit auf dem Platz. Der MSV drückte die Mannschaft sofort in die Defensive und versuchte, das zweite Tor zu erzielen. Diese Chance gab es, als Ahmet Engin erneut auf dem linken Flügel bei einem Konter davon zog. Besser lässt sich so ein Konter nicht spielen – bis auf den Abschluss des frei stehenden Fabian Schnellhardt, der den Ball mit der Sohle erwischte und nicht mit dem Spann. Der Ball kullerte dem Torwart in den Arm, und zum ersten Mal in dem Spiel blitzte für mich der Gedanke auf, hoffentlich rächt sich dieses Vergeben von Chancen nicht am Ende.

Tatsächlich wurden die Dresdner stärker. Dennoch war die Mannschaft nicht präzise genug im Abschluss. Einmal kam im Strafraum ein Dresdner zum freien Abschluss. Sein Schuss ging hoch am Tor vorbei. Dann kam der Auftritt des eingewechselten Lukas Daschner. Zunächst hatte er in der Rückwärtsbewegung etwas aufgeregt auf mich gewirkt, verständlich bei dem Spielstand und seiner geringen Erfahrung. Nun kam er an den Ball, trieb ihn kurz an der rechten Außenlinie entlang, um etwa auf Strafraumhöhe in die Mitte zu ziehen. Ein Abwehrspieler nach dem anderen versuchte ihn zu stellen, vergeblich, denn Daschner lief immer weiter an der Strafraumgrenze entlang auf die andere Seite. Wir warteten auf das Abspiel zum frei stehenden linken Flügel, doch dann kam das Foul.

Kevin Wolze trat zum Freistoß an, und wir wissen, dass er diesen Schuss aus der Entfernung über die Mauer kann. Die Dresdner bauten sehr optimistisch ihre Mauer in drei Meter Entfernung vom Freistoßpunkt auf. Der Schiedsrichter bat sie zurück. Kevin Wolze lief an und hob den Ball so weich und präzise über die Mauer knapp unter die Latte zum Endstand von 2:0 ins Tor. Ich zitterte nicht um den Sieg. Ich freute mich über diese souveräne Leistung des MSV. Auf diese Weise in die Winterpause zu gehen, macht Spaß, und ein wenig staunten wir nach dem Schlusspfiff noch über unser aller Entspanntheit und Vertrauen in diese Mannschaft. Für einen Moment waren wir mit diesem MSV auch ohne Schnee in einem Winterwunderland. Mit ein wenig Abstand ist das kein Wunder, sondern das Ergebnis von welcher Arbeit noch mal? Jetzt alle im Chor, weil es stimmt: von seriöser Arbeit. Winter Wonderland dürfen wir trotzdem fürs Gefühl mal singen.

Advertisements

Das Duisburger Fauna-Wunder: Aus Schwan wird Eichhörnchen

Warum hätte das Spiel gegen die Sportfreunde Lotte anders werden sollen als die Spiele der letzen Wochen? Weil es jetzt aber wirklich um den Aufstieg ging? Es geht die ganze Zeit wirklich um den Aufstieg. Sehr wirklich, ganz ganz wirklich. Das wissen alle. Deshalb wählt Ilia Gruev seine Taktik. Deshalb spielt die Mannschaft, wie sie spielt. Die gesamte Saison gibt es diesen Druck aufsteigen zu müssen für die Mannschaft und die sportlich Verantwortlichen. Es gab keinen realistischen Grund anzunehmen, wir könnten etwas anderes erleben als in den Wochen zuvor. Es gab nur die Hoffnung, dass jedes Fußballspiel seine eigene Geschichte haben kann. Es gab nur die Hoffnung, wir könnnten begeistert werden.

Aber um Begeisterung geht es nicht als erstes, es geht darum ein Spiel zu gewinnen. Es geht um das profane Ziel Aufstieg. Wir haben eine erste Halbzeit gesehen, in der der MSV das Spiel komplett unter Kontrolle hatte, eine Halbzeit, in der die Sportfreunde Lotte ihr eigenes Tor so dicht machten, wie es irgend geht. Der MSV hatte dennoch zu Beginn eine Chance durch Tim Albutat, dessen freier Schuss von der Strafraumgrenze aus den Lotter Torwart vor keine Probleme stellte. Nach etwa 20 Minuten verlor sich der Druck im Spiel des MSV. Blieb noch Zlatko Janjics Weitschuss über den weit vor seinem Tor stehenden Torwart, der ein Versuch wert war. Wirklich gefährlich war er dennoch nicht.

Das Offensivspiel war wie immer durch gleichmäßigen Rhythmus geprägt. Geduldiger Aufbau, Tempoaufnahme im Dribbling. Ahmet Engin unermüdlich am Flügel gegen zwei, drei Lotter Spieler. Ihm fehlte oft ein Mitspieler in der Nähe gegen diese Übermacht. Neben diesen Dribblings mit Zug zum Tor flog der Ball immer wieder auf verschiedene Weise in den Strafraum, wo Kingsley Onuegbu ebenfalls meist alleine auf sich gestellt war. Zwei, drei Lotter Defensivspieler standen bei ihm. Es wurde auf ihn von den Außenbahnen geflankt, oder es wurden hohe Bälle aus dem Halbfeld gespielt. Das Ergebnis: Keine Torgefahr.

Die Versuche der Lotter zu kontern endeten kläglich. Doch wer das Hinspiel gesehen hatte, erinnerte sich bei den Flügelläufen, wie gefährlich sie hätten sein können. Auf der Außenbahn geht es für die Lotter besonders über links sehr schnell. Um die Abschlüsse und Flanken musste sich niemand in der ersten Halbzeit sorgen.

In der Halbzeitpause war also offensichtlich, der Aufstieg sollte auch in diesem Spiel so kontrolliert geschehen, wie die gesamte Saison über dieses Ziel verfolgt wurde. Dennoch kann ein Gegentor ohne dauerhaften Druck auf das gegnerische Tor durch den eigenen Ballbesitz immer geschehen. Das war die Gefahr, und nachdem das Spiel wieder angepfiffen wurde, war zu merken, die Lotter kamen mit mehr Mut aus ihrer Kabine. Sie hatten auf einmal mehr Zugriff auf ihr eigene Spielweise. Die Konter wurden gefährlicher. Die Zebras mühten sich dagegen zu halten. Sie hatten nach einem Eckball sogar die große Chance mit dem gleichen Haijri-Kopfball wie gegen Frankfurt in Führung zu gehen. Der wuchtige Kopfball ging knapp am Tor vorbei.

Stattdessen fiel nach einem dieser immer besser vorgetragenen Konter das Lotter Führungstor. Dieses Tor ließ die Zebras für Minuten geradezu verzweifeln. In der Körpersprache fast aller drückte sich eine große Enttäuschung aus. Vielleicht kam Angst zu versagen hinzu. Die Mannschaft geriet ins Schwimmen und Mark Flecken war derjenige, der den MSV im Spiel hielt. Schon vor dem Führungstor hatte er zweimal großartig reagiert. Wenn es einen Sieger dieses Spiels gibt, ist es Mark Flekken.

Für zehn Minuten bestimmt drohte ein Totalversagen. Dann hatten sich alle gefangen. Ab der 80. Minute begann das Dauerspiel auf das Lotter Tor. Immer wieder wurden hohe Bälle aus dem Halbfeld geschlagen. Präzise war das immer noch nicht, aber es reichte, um die Lotter Defensive in Unordnung zu bringen.

Was für ein unsympathische Mannschaft im Übrigen. Jeder Spieler geht zu Boden, wenn er gefoult wird. Trashtalk ist anscheinend üblich, wenn ein Duisburger gefoult wurde. Zuminest lässt sich so die Körpersprache der Lotter oft deuten. Dazu Nickligkeiten im Zweikampf immer wieder. Für die stoische Ruhe vom „King“ in den letzten Minuten dürfen wir ruhig einmal besonderen Applaus geben. Wie er angegangen wurde, das war nicht feierlich. So war sein Ausgleichstor in der Nachspielzeit auch der Lohn für diese Kärnerarbeit im gesamten Spiel. Wer zwei Drittel des Spiels alleine auf sich gestellt im Sturmzentrum steht, kommt immer wieder in Situationen, in denen die eigene Leistung nicht gut aussieht. Dennoch immer weiter zu machen, das ist seine Qualität in diesem Spiel gewesen. Nur deshalb stand er an der richtigen Stelle. Nur deshalb konnte er die gar nicht einfach zu verarbeitende Flanke ins Tor bringen.

Die Enttäuschung der Spieler hielt nach dem Schlusspfiff an. Auf den Rängen herrschte eine gemischte Stimmung. Doch schnell war an allen Ecken von Köln zu hören. An diesen letzten Spieltagen geht es tatsächlich schnell wieder um das nach vorne Sehen. Das hässliche Entlein ist kein Schwan geworden sondern Eichhörnchen. In Duisburg schaffen wir solche besonderen Verwandlungen der Tierwelt. Punkt für Punkt sammeln wir uns dem Aufstieg entgegen. In Köln wird die Mannschaft dann hoffentlich das vollenden, was vom ersten Spieltag dieser Saison an von Bedeutung war – der Aufstieg.

Ein Loblied auf Sicherheit und Wohlergehen in Paderborn

Anhänger des MSV, die ohne Vollkaskoversicherung kein Auto fahren, die ihre Wohnungstür fünffach verriegeln und keine Folge der Lindenstraße seit dem Start im Jahr 1985 verpasst haben, können bedenkenlos zu einem Auswärtsspiel des Vereins unserer Herzen nach Paderborn fahren. Darauf muss ich einfach mal hinweisen in dieser Gegenwart, in der sich scheinbar alles so rasant verändert, in der ständig neue Schwierigkeiten zu bewältigen sind und viele Menschen auf die komplexen Probleme dieser Welt die ganz einfachen Antworten suchen. Ausnahmsweise gibt es nämlich mal eine einfache Antwort, die die vorhandenen Probleme nicht vergrößert.

Diese einfache Antwort lautet, fahrt nach Paderborn, wenn ihr glaubt, das Leben sei zu unsicher geworden. Gut, man muss für diese einfache Antwort ein Anhänger des MSV sein. Die Heimspielstätte des SC Paderborn ist für uns aus Duisburg aber ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit. Sie gibt uns Duisburgern jenes Regelmaß der Wiederkehr, das uns ermöglicht an die Zukunft zu glauben. Allenfalls mutet sie uns die kleine Enttäuschung eines Unentschiedens zu. Normalerweise gewinnen wir dort Lebensfreude und Zuversicht, wenn wir uns wie am Samstag in dieser Blechbox-Arena des SCP einen Auswärtssieg ansehen dürfen.

Deshalb habe ich es sehr bedauert, nicht nach Paderborn fahren zu können. Die TV-Bilder in der Konferenz waren nicht annähernd ein Ersatz, um die Freude über den 1:0-Sieg genießen zu können. Nicht annähernd war spürbar, wie auch der Tod von Michael Tönnies dort durch gemeinsame Trauer in der Zebraherde weiter bewältigt werden konnte. Nicht annähernd ist die Leistung des MSV für mich zu bewerten, weil die Schalten zwischen den drei Stadien der TV-Übertragung so unstrukturiert wirkten. Natürlich kann ich davon schwärmen, wie cool Ahmet Engin das Siegtor erzielte, wie seine gute Technik das Tor erst möglich machte.  Im Grunde steckt in diesem Tor die Zukunft des MSV. Ein Spieler, der sich im Verein entwickelt hat, wächst in die Profi-Mannschaft hinein und gewinnt Konstanz in seiner Leistung.

Zum Schluss des Spiele nur blieb die Regie in Paderborn, und es wurde erkennbar, dass  es für den MSV noch einmal schwierig wurde, die Führung zu behaupten. Das wegen Abseits nicht gegebene Tor der Paderborner erwies sich dann ja sogar als regelkonformes Tor. Glück war also auch nötig für den Sieg. Die vorherige Überlegenheit der Zebras war durch die TV-Bilder nicht nachzuvollziehen. Ich musste dem Kommentator glauben und lese davon heute.

Leider sind die Paderborner zu weit abgeschlagen, als dass sie noch einmal um Platz 2 oder 3 mitspielen könnten. Wir Duisburger sollten auf ein dazu notwendiges Wunder hoffen. Ein wenig Sicherheit und Regelmäßigkeit tut uns jetzt schon nach dem hoffentlich erreichten Aufstieg gut. Und was hilft da mehr als eine Auswärtsfahrt nach Paderborn.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 9,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: