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Adventskalender meiner kurzen Nebensächlichkeiten – 20. Türchen

Nebensächlich wird ein vergebener Konter durch Michael Tönnies dann, wenn das Endergebnis stimmt. In der Saison 1989/1990 kehrte der MSV Duisburg nach den Oberligajahren in den Profifußball zurück. Am ersten Spieltag mussten die Zebras bei Alemannia Aachen antreten. Zwei Tore von Uwe Kober und der jubelnde Wilibert Kremer nach dem Schlusspfiff weisen darauf hin, dass ich das Endergebnis heute nicht verschweigen muss. 2:1 gewann der MSV. Der Sieg war die Grundlage für eine solide Saison in der Zweiten Liga. Zu Beginn des Spiels ist deutlich zu sehen, Stadionzäune waren seinerzeit noch aus nachgiebigerem Material als heute. Dem Sportreporter hat dieses Sicherheitsprüfverfahren der Zebrafans nicht gefallen.

 

Gewinnen ohne Ball im Spiel klappt selten, Herr Aussem

Wenn im Verein Spieler, Trainer und Verantwortliche den Blick schon wieder nach vorne richten, zum Spiel gegen Eintracht Braunschweig, dürfen wir Zuschauer uns noch immer freuen. Wir dürfen sogar diese Freude über den 2:0-Sieg gegen Alemannia Aachen schon mit Vorfreude auf den Klassenerhalt mischen. Wir dürfen uns Hoffnung machen, die Saison mit einem Mittefeldplatz abzuschließen, und wer sogar zum Ende der Saison noch zu den Sternen greifen will, darf von einem 9. Platz träumen. Wenn alles besonders gut läuft, ist diese Endplatzierung möglich. Mich beruhigt aber auch diese Stimmung im Verein, diese Konzentration auf das nächste Spiel und dieses Gegensteuern gegen überhitzte Gefühle, was dann heißt, ganz gesichert gegen den Abstieg ist der MSV Duisburg noch nicht. Diese Haltung macht Hoffnung auf die Zukunft, genauso wie die Leistung der Mannschaft, nun zum Ende der Saison hin. Denn so viel Wechsel wird es da nicht geben.

In der Nachberichterstattung zum Spiel erstaunt mich aber, wie uneingeschränkt Alemannia Aachen als gleichwertiger Gegner beschrieben wird. Was war denn das für eine Leistung dieser Mannschaft in der ersten Halbzeit? Anscheinend bestimmen Alemannias zwei Großchancen der zweiten Halbzeit jeglichen Eindruck vom Spiel. Diese zwei Chancen waren aber nicht erspielt, sondern sie waren Geschenke des MSV Duisburg. Wenn ich im Kicker lese, die Mannschaften seien sich auf Augenhöhe begegnet, kann ich nur sagen, da hätten die Spieler der Alemannia permanent ein Fußbänkchen mit sich herumtragen müssen. Da trifft bei DerWesten für die erste Halbzeit das Wort vom „Stillhalteabkommen“ schon eher. Obgleich die Bemühungen vom MSV Duisburg, ein Tor zu erzielen, deutlich zu erkennen waren. Mich beruhigte es eher, dass die Zebras nicht mit aller Macht nach vorne stürmten, sondern geduldig versuchten Lücken in dieser vollkommen zurückgezogen spielenden Aachener Mannschaft zu finden. Um erfolgreich zu sein, gab es aber zu wenig Bewegung in der Mannschaft, zu wenig Pressing nach Ballverlusten. Aber wahrscheinlich schafft gerade dieses Mehr an Bewegung aller Spieler die Fehler, auf die Aachens Mannschaft einfach nur gehofft hat. In der zweiten Halbzeit war das erkennbar. Da spielten die Zebras mit mehr Biss, versuchten das Spiel mehr nach vorne zu verlagern und schon wurde das Spiel in der Defensive fehleranfälliger.

Aachens Taktik in der ersten Halbzeit schloss die Spielzeitreduzierung mit ein. Nach dem Motto, wenn der Ball nicht im Spiel ist, kann kein Gegentor fallen, wälzten sich die Aachener Spieler auf dem Boden und schleppten sich nach minutenlanger Behandlung zur Seitenauslinie. Jede Bewegung von Aachener Spielern bei einer Spielunterbrechung war eine Bewegung in Zeitlupe. Sechs bis sieben Minuten weniger Spielzeit wurden auf diese Weise mindestens geschafft. Der Unmut im Duisburger Publikum nach dem nicht gegeben Abseitstor kurz vor der Pause war auch deshalb so groß, weil zuvor die Aachener Spieler jede Möglichkeit genutzt hatten, das Spiel länger zu unterbrechen. Das Selbsttor schien nicht nur mir die gerechte Strafe für dieses nervige Mittel im Abstiegskampf. Das Bestrafen wurde dann auf die zweite Halbzeit verschoben.

Felix Wiedwald muss man als ersten nennen, der diesen Sieg ermöglichte. Er hielt zweimal das Unentschieden, als David Odonkor alleine auf ihn zustürmte. Wie lange bleibt dieser Torwart stehen? Wie klein macht er das Tor für einen Stürmer, der nichts anderes kann, als geradeaus zu laufen. Großartig! Hinzu kommt eine immer sichere Strafraumbeherrschung, bei Ecken Mut ins Getümmel zu springen, und er strahlt jederzeit Präsenz aus. Alleine an den Abschlägen muss weiter gearbeitet werden, doch selbst die kommen immer genauer dorthin, wo sie landen sollen.

Natürlich gelang dieser Sieg nur als Mannschaftsleistung. Dennoch gibt es Schlaglichter, Branimir Bajic trifft eines. Als grätschender Retter im Strafraum vor einem einschussbereiten Aachener Spieler und als weiterhin torgefährlicher Strafraumspieler nach Ecken. Ein anderes erhellt die Einzelaktion von Maurice Exslager vor dem Führungstreffer. Es zeichnete sich ab, dass zur Überwindung der dichten Abwehrreihe der Aachener Einzelaktionen von Spielern unerlässlich waren. Maurice Exslager war bis dahin noch nicht sehr erfolgreich gewesen, und nun erhielt er den Ball auf dem rechten Flügel, versuchte es erneut und dieses Mal gelang es. Haken schlagend, fand er die Lücke zwischen drei Spielern, war vollkommen frei vor dem Tor, in ungünstiger Schussposition, hatte aber die Übersicht in den Rückraum zu spielen, wo Daniel Brosinski zu aller Duisburger Erleichterung den Ball ins Tor einschieben konnte. Das Tor gehört zu großen Teilen Maurice Exslager, der zu dem Zeitpunkt in Momenten ohne Ball schon müde wirkte, aufgerieben vom unentwegten Wühlen und Arbeiten bei Angriffsversuchen. Dieses Tor puschte ihn, und sobald der Ball in seiner Nähe war, wirkte er so, als hätte das Spiel gerade begonnen. Deshalb auch nahm er nur wenig später einen halblangen Pass in den Strafraum auf, schoss sofort, wurde abgeblockt und holte sich den Ball augenblicklich noch einmal, um Jürgen Gjasula in der zweiten Angriffswelle zuzupassen. Das 2:0 fiel. Der Sack war zu. Natürlich ging es den Aachener Spielern nun nicht schnell genug. Zeit ist schon ein komisches Ding in so einem Fußballspiel. Lässt sich nicht immer so bändigen, wie man es braucht.

Rhythmus bestimmen genügt nicht, Herr Aussem

„Natürlich muss man sich ’n bisschen nachem Gegner richten, aber ich denke, wenn wir unsere Leistung abrufen, wenn wir den Rhythmus und alles vorgeben, gut, dann sollte sich der MSV Duisburg nach uns richten.“ So spricht der Trainer von Alemannia Aachen vor dem Spiel gegen den MSV Duisburg in der Pressekonferenz, die in Ausschnitten im Clip auf den Seiten des Aachener Printmedienverbundes, wie hier bei den Aachener Nachrichten zu sehen ist. Im ersten Teil der Pressekonferenz hatte Ralf Aussem eine Einflussgröße für das Spiel versteckt: „Natürlich ist es klar, dass wenn man so zwei Spiele gepowert hat, dass das ein bisschen an die Physis geht“.

Wir fassen also zusammen, die Mannschaft von Alemannia Aachen hat Kräfte gelassen, hofft den Rhythmus dennoch vorgeben zu können und Ralf Aussem meint, die Mannschaft vom MSV Duisburg könnte sich dann nach diesem vorgegebenem Rhythmus richten. Inzwischen ist der ominöse Rhythmus zum Standard der Hoffnungs- und Erbauungsworte  vor dem Spiel geworden. Wenn aber nicht einmal das Wort vom Siegen fällt, klingt das doch sehr nach Tanz und überhaupt scheint mir so eine Reaktion im Geiste asiatischer Kampfkunst ganz vergessen zu sein. Der asiatische Kämpfer in mir aber meldet sich zu Wort – sonst gerne auch etwas blumiger, weil es so der Westeuropäer sehr liebt,  aber heute meine ich, reicht die gröbere Sprache. Wenn der asiatische Kämpfer in mir gewinnen will, nimmt er immer sofort den Rhythmus des Gegners auf, passt seine Bewegungen an, um die Energie des Gegners in eigene Kraft zu verwandeln und sie gegen ihn selbst zu richten. Gute Voraussetzungen also morgen für die Mannschaft vom MSV Duisburg, um zu gewinnen.

Habe ich schon erwähnt, dass bei aller wieder aufgekommener Sorge um den MSV Duisburg sogar ein Unentschieden zum Klassenerhalt reichen würde? Ich wiederhole es noch einmal, Aachen muss gewinnen. Wir können in Ruhe gewinnen.


Gut gespielt mit zwei entscheidenden Fehlern

Man kann sich an Spiele ohne Niederlagen ganz schön gewöhnen. Dabei war die jüngste Erfolgsserie des MSV Duisburg gar nicht so lang. Aber so ist der Mensch, wenn er so ein Mensch ist wie ich. Schaut auf die guten Gefühle und vergisst schnell den Rest der Saison. Deshalb will ich mich auch gar nicht lange mit der Enttäuschung aufhalten, die da nach einem guten Spiel des MSV Duisburg beim TSV 1860 München aufflackerte. Eine dumme Niederlage war das gestern Abend.

Dabei wirkte die Mannschaft vom Ausfall Goran Sukalos und Jürgen Gjasulas unbeeindruckt. Sie spielte von Anfang an mit und wollte in München gewinnen. Man kann es nicht oft genug wiederholen. Dieses Selbstbewusstsein der Mannschaft ist ein Verdienst der Arbeit von Oliver Reck und Uwe Schubert. Diese Mannschaft vertraut darauf, sich Chancen zu erspielen. Die Schwächen liegen auf der Hand. Sie braucht zu viele Anläufe für diese Chancen, die wiederum nur in Ausnahmen gefährlich werden. Es gibt nicht oft jene Präzision im Spiel der Mannschaft wie bei dem Konter, der zum Ausgleich führte. Deshalb muss viel gearbeitet werden, deshalb wird oft vergeblich gelaufen. Das ist offensichtlich und bedeutet viel Trainingsarbeit. Was aber nichts daran ändert, dass dieses wunderbare Zusammenspiel zwischen Srdjan Baljak und Emil Jula beiden hoffentlich zu weiterer Sicherheit verhilft. Dieses Tor war schon große Klasse.

Solche Tore müssen aber möglichst oft fallen, weil in der Defensive immer mal wieder ein Fehler passiert und zwar im Spiel nach vorne. Gegen die Mannschaften gleicher Spielstärke ist es weniger das Stellungsspiel der Abwehr als der Versuch des kontrollierten Spielaufbaus aus der Abwehr heraus, der dem Gegner Chancen eröffnet. Manchmal hat die Mannschaft dann Glück, in München war das nicht der Fall. So fiel der Siegtreffer durch den Ballverlust von Srdjan Baljak, der beim aggressiven Pressing der Münchner nicht schnell genug reagierte. Wahrscheinlich ist es das Risiko, das wir in Kauf nehmen müssen, wenn die Mannschaft konsequent versucht, ein Kurzpassspiel zu entwickeln. Aber wer hätte vor einigen Wochen  geglaubt, dass bei dieser jungen Mannschaft ohne zwei auch nur annähernd von gleicher Spielstärke wie beim TSV 1860 München zu sprechen ist. Über die miserable Freistoßmauer vor dem ersten Tor der Münchner schweige ich hier genauso wie von dem Geplänkel, das  zu diesem Freistoß führte.

Diese Mannschaft des MSV Duisburg braucht sich nicht zu sorgen vor dem Spiel gegen Alemannia Aachen, die sich nun doch noch einmal gegen den drohenden Abstieg aufbäumen. Am Samstag lastet der Druck auf den Aachenern, die Mannschaft vom MSV Duisburg kann in Ruhe gewinnen.

Revierderbyrahmenprogrammhinweis

Vor dem Spiel gegen den VfL Bochum wollte Tina in ihrer Achterbahn Meinungen aus Duisburg und Bochum gegenüber stellen. Wir in Duisburg und Bochum gehören ja quasi zu einer Famillje: Pott und enttäuscht. Da redet man auch schon mal vorher übers kommende Familientreffen, erzählt von Hoffnungen und versucht sich im Leichtnehmen des ganz Ernsten. Das kann ich auch deshalb ungeheuer entspannt erzählen, weil die Alemannia gerade nicht einmal den einen von mir prognostizierten Punkt geholt hat. Das ist das Schöne am Tabellenrechner, wir haben eine Basis, die uns Orientierung bietet und Ängste beherrschbar macht. Aachen ist also schon mal ein Punkt unter dem Soll.  Am Sonntag wollen wir hoffen, dass der MSV Duisburg sein Soll erfüllt. Den ausgeglichenen Stand von Prognose und Wirklichkeit möchte ich doch zu gerne am Montag vermelden. Und wie stehe ich sonst auch mit meinen Antworten auf Tinas Fragen da?

1. Wo steht der MSV am Ende der Saison? – fragte Tina, ich antwortete:

Nach einem Sieg gegen Bochum kann für den MSV der zwölfte, dreizehnte Platz noch drin sein. Vorhersehbar ist das nicht. Dazu spielt die Mannschaft zu unbeständig. Genauso ist das Zittern bis zum letzten Spieltag möglich. Dann werden wir 15. Von allem anderen reden wir nicht. Das wird nicht geschehen..

2. Warum gewinnt der MSV am Sonntag? – fragte Tina, ich antwortete:

Die Duisburger Mannschaft ist psychisch stabil und hat die Rückschläge der letzten beiden Spiele wegsteckt. Sie wird im heimischen Stadion wieder so entschieden auftreten wie gegen Fürth. Diese Entschiedenheit fehlt dem VfL als Mannschaft im gesicherten Mittelfeld. Hinzu kommt: Schau ich mich bei den Freunden um, deuten schon jetzt alle Zeichen unweigerlich auf sehr viel mehr als ein Quentchen Glück des MSV Duisburg. Wir fahren einiges an Erfolgsreliquien am Sonntag auf. Hummel-Trikot der 70er, Schal der 90er, Mütze aus der ersten Aufstiegssaison dieses Jahrtausends. So erhalten Spieler bei ihren wenigen Chancen die entsprechende atmosphärische Unterstützung. Alles wird gut.

Und: 3. Dein Tipp für Sonntag?

3:1! antwortete ich.

Was die Kollegen Tom McGregor, Andreas Wiemers und Ben Redelings als Anhänger vom VfL Bochum antworteten, und Michael Wildberg sowie Tina Halberschmidt selbst für den MSV Duisburg, könnt ihr hier lesen.

Jubiläumsfeiern stören

Es ist natürlich nicht angenehm für die Fußballer des MSV Duisburg Spielverderber sein zu müssen, aber heute geht es nicht anders. Das macht das Spiel für sie in Aachen nicht einfacher. Ausgerechnet heute kommt beiden Mannschaften das 1000. Zweitliagspiel von Alemannia Aachen in die Quere. Bei so einer Feier will man es doch sorgenfreier haben. Da will man doch nicht auf jeden Punkt gucken müssen. Da soll es doch mal so richtig krachen. Aber was ist? Die Aachener werden nicht weniger kniepig sein als wir Duisburger. Dennoch hoffe ich sehr, nur die Aachener Zuschauer werden schnell die Gelegenheit zu schlechter Laune bekommen. Ausnahmsweise wäre ich heute sogar mit spröder Jubiläumsansprachenstimmung auf beiden Seiten wegen eines Unentschiedens zufrieden.

Außerdem muss ich noch eben einer Legendenbildung vorbeugen. Das mache ich auch zur eigenen Beruhigung, weil ich weiter an konzeptionelles Arbeiten beim MSV Duisburg glauben will. Vorgestern hieß es in einem Vorbericht zum Spiel bei der Der Westen: Oliver Reck feierte beim 0:3 gegen den TSV 1860 München ein misslungenes Debüt. Man könnte meinen, der Effekt, den sich die sportliche Führung durch den Trainerwechsel erhofft hatte, ist bereits verpufft.“ Diese rhetorische Behauptung geht an der Wirklichkeit vorbei. Das könnte niemand meinen, weil es bei der Entlassung von Milan Sasic nicht um einen kurzfristigen Effekt ging. Es gab keine funktionierende Einheit mehr zwischen Trainer und Spieler. Und dieser in der rhetorischen Behauptung dahingesagte Grund für eine Trainerentlassung ist der schlechteste, den es überhaupt gibt. Wieviele Studien zeigen inzwischen, dass Trainerentlassungen statistisch gesehen keine Folgen haben. Im Einzelfall kann das natürlich anders sein. Milan Sasic ist hoffentlich nicht wegen seiner Erfolgslosigkeit entlassen worden. Milan Sasic ist entlassen worden, weil er in Zeiten der Erfolgslosigkeit keine Mittel besaß, mit der Erfolgslosigkeit umzugehen. Das ist ein Unterschied. Und ich hoffe, die Verantwortlichen kennen diesen Unterschied.

Warum geht Fußball nicht wie Film? Dann hätte der MSV gewonnen!

So kennen wir Filme. Der Held, früher häufiger als heute auch die Gruppe der Helden, muss  erst einmal ins ganz Dunkle gestoßen werden, damit das glückliche Ende um so erleichternder wirkt und die Helden um so strahlender da stehen.  Im Film lernen wir kurz solche Helden als hoffnungsvolle Menschen kennen mit mal kleineren, mal größeren Problemen. Vor letzteren steht die Mannschaft des MSV Duisburg im Moment. Recht schnell schlägt dann das Schicksal zu und die Helden erleben – vielleicht durch das Zusammenwirken von unglücklichen Umständen und kleinen eigenen Fehlern – den ersten Rückschlag auf dem Weg zum Glück.

Entsprechend begann das Spiel gestern mit dem hoffnungsvollen Gefühl eines Neuanfangs. Zuschauer und Mannschaft wussten, jetzt blicken wir nach vorne. Unheil lag aber schnell in der Luft. Die Münchner zielten zunächst nach schnellem Passspiel einmal zwei, drei Meter am Tor vorbei, und schon in der vierten Minute fiel das 1:0 für den TSV 1860 München. Dem Torschützen Daniel Bierofka wurde zu viel Raum gelassen, als er den Ball Richtung Strafraum trieb. Das Angebot zum Schuss nahm er an. Er traf den Ball gar nicht mal sehr hart, aber der heraneilende André Hoffmann lenkte ihn so sehr ab, dass er in jene Ecke des Tores fast schon kullerte, in die Florian Fromlowitz gerade nicht gesprungen war.

Was sich für Filme gehört, ist beim MSV Duisburg zurzeit nicht vorhersehbar. Doch die Mannschaft zeigte sich durch diesen ersten Rückschlag nur kurz erschüttert. Vielleicht trug auch das unterstützende Aufbäumen des Publikums dazu bei. Jedenfalls wurde nahezu sofort munter versucht, das Geschehene auszugleichen. Die Mannschaft strahlte Willen und Kampfbereitschaft aus. Sorgen vor einem Torschuss des MSV Duisburg mussten sich aber allenfalls sehr schreckhafte Münchner Zuschauer machen, und das auch nur einmal. Ich selbst hörte mit meinem Hoffen auf den Ausgleich während ersten Halbzeit immer ungefähr auf Strafraumhöhe auf.

In der zweiten Halbzeit kam Valeri Domovchiyski für den verletzten Emil Jula. Jetzt wurde der Druck auf das Tor vom TSV 1860 München groß. Jetzt bäumte sich die Mannschaft gegen das Schicksal der Niederlage mit großer Energie auf. Chancen unterschiedlicher Qualität wurden herausgespielt. Die Betonung liegt auf dem spielen. Und wie es sich für die Dramaturgie eines Films anbietet, die mögliche Rettung bahnt sich an und wird vergeben. Erst von Valeri Domovchiyski ein Kopfball, der von Gabor Kiraly mit einem sehr guten Reflex abgewehrt werden konnte, und dann die vermeintliche Riesenchance für Valeri Domovchiyski! Er wurde über drei, vier Spielzüge wunderbar freigespielt und schoss aus etwa sechs, sieben Meter Entfernung genau in die Mitte des Tores und das nicht einmal sonderlich scharf. Gabor Kiraly nahm den Ball ohne Probleme auf.  Ich stelle fest, Domovchiyski ist im Moment noch nicht einmal ein zweiter Sahan. Der machte aus zehn Chancen wenigstens anderthalb Tore.

Und auch das kennen wir aus Filmen, der vermeintlichen Rettung folgt der nächste Tiefschlag. Ein Konter ist immer drin, und so fällt das zweite Gegentor. Doch noch immer gibt die Mannschaft des MSV Duisburg nicht auf, wenn auch der große Druck der ersten Viertelstunde nicht mehr entfacht werden kann. Nach dem zweiten Tor der Münchner sehen wir wieder ein vergebliches Mühen. Ich selbst hatte mich damit abgefunden, dass Fußball anders geht als Film und das Spiel verloren gegeben. Denn dieses Mühen endete erneut auf Strafraumhöhe. Damit die Mannschaft ein Tor erzielen kann, muss sich ein Spieler des MSV Duisburg zurzeit im Fünfmeterraum befinden. Dorthin ist die Mannschaft nicht mehr gekommen.

Fußball ist nicht wie ein Film, und es gab kein glückliches Ende für Helden nach einer Serie von Rückschlägen sondern zudem das dritte Gegentor, das die Niederlage auch auf den ersten Blick zu einer deutlichen macht. Mir macht diese Schwäche im Sturmspiel sehr große Sorgen. Was die Mannschaft gestern an guten Momenten gezeigt hat, das haben wir schon häufiger zeitweise in Spielen gesehen. Sicher, die Spieler wirken befreiter, doch auch nach dem Spiel gegen den SC Paderborn habe ich gehofft, es könnten die spielerischen Ansätze sich stabilisieren. Vor allem aber nutzen diese Ansätze nichts, wenn daraus weiterhin so wenig gefährliche Situation direkt vor dem gegnerischen Tor entstehen und diese wenigen Situationen dann auch noch ungenutzt bleiben. Es ist im Moment schwer, an die immer wieder beschworene Qualität der einzelnen Spieler zu glauben. Ihr seht mich erst im Laufe der Woche wieder auf den Auswärtssieg gegen Alemannia Aachen hoffen.

Solidarität unter Leidensgenossen im Fußball-Westen

Gestern Abend spuckte Google unter dem News-Suchbegriff „MSV Duisburg“ eine Meldung mit folgender Überschrift aus: „Fußball 2. Liga: Keine Wettkampf-Aggressivität“. Ach, dachte ich, als ich Der Westen als Quelle las, haben die Herren Retzlaff oder Tartemann nochmal was zur Wochenendberichterstattung nachgelegt? Ein Klick, und welche Überraschung. Die Bochumer Kollegen im Haus beschäftigten sich mit Andreas Bergmanns Eindruck vom Spiel. Andreas Bergmann ist übrigens nicht der neue Trainer vom MSV Duisburg sondern vom VfL Bochum. Wie wir seit gestern Abend auch wissen, kann sich der MSV Duisburg zudem große Hoffnung für das Spiel am kommenden Sonntag machen. Denn in Bochum gibt es noch Solidarität und Hilfsbereitschaft. Friedhelm Funkel wurde keineswegs wegen der Erfolgslosigkeit der Bochumer Mannschaft entlassen. Als die ersten Berichte über die trainerlos gewordene Mannschaft von Alemannia Aachen Bochum erreichten, war den Verantwortlichen des VfL sofort klar, sie müssten handeln. Es sind immer die, denen es selbst nicht gut geht, die am meisten geben.

Saisonvorbereitung – Zweitligavereine wünschen heimlich Aufstockung der Bundesliga ab Saison 2012/2013

Erreichbare Ziele setzen. Das ist eine Grundbedingung für Erfolg. Weder überfordern noch unterfordern, heißt nicht nur die beste Richtschnur beim Lernen. Auch außerhalb von Schulen wäre es schön, wenn sich jede anstehende Aufgabe im Niveau ganz leicht über dem bereits vorhandenen Leistungsvermögen befände. Nie wäre etwas langweilig. Niemals geriete man in Bedrängnis, etwas nicht zu schaffen. Das Leben bestünde aus einem Rundum-Sorglos-Paket von gut abgefederter Weiterentwicklung.

Doch immer tauchen da andere Menschen auf, die einen beim Weiterkommen stören. Besonders stören sie dann, wenn Ranglisten gebildet werden und Tabellen. Denn dann gibt es für Ziele immer auch ein paar Anwärter mehr als Plätze vorhanden sind, und schon können Ziele noch so sehr punktgenau knapp oberhalb des Leistungsvermögens angesetzt werden, das Scheitern wird unweigerlich auf jemanden zukommen.  Zielbestimmung in Konkurrenzsituationen bleibt also einerseits notwendig, andererseits gefährdet diese Zielbestimmung vielleicht bereits den möglichen Erfolg. Ganz zu schweigen davon, wenn noch andere bei dieser Zielbestimmung mitmischen wollen. Dann heißt es für Verantwortliche in den Vereinen, schnell Meinung machen.

Milan Sasics Stellungnahme etwa war spätestens Ende Juni gefordert, als in den Redaktionsräumen vom Kicker die Sportjournalisten die vom MSV Duisburg eingehenden Pressemitteilungen über Spielerneuverpflichtungen kaum mehr  abarbeiten konnten. Die Arbeitsüberlastung ließ sie zum pauschalen Urteil finden, der MSV Duisburg sei endgültig zu einem Aufstiegskandidaten geworden. Milan Sasic gab sein bestes: „Es wäre bei 13 Neuen unprofessionell, vom Aufstieg zu sprechen. Welche Ziele sollen dann Eintracht Frankfurt, Bochum und St. Pauli ausgeben? Ich will mit dem MSV unter die ersten sechs Mannschaften.“ Milan Sasic konnte sich auf alte Vorhaben berufen. Drei-Jahres-Plan hieß das Ganze, als noch der Ex die Interviews gab. Und wenn Milan Sasic die ersten sechs Mannschaften erwähnt, wollen wir nicht vergessen, auf diese ersten sechs Mannschaften warten auch der erste, zweite und dritte Tabellenplatz. Es ist ja nicht so, dass in Duisburg nach Siegen gesagt würde: „Och nö, lasst das mal lieber mit den drei Punkten für uns, nachher bleiben wir noch zweiter und das haut uns unsere Aufstiegspläne kaputt.“ Da sind wir in Duisburg doch flexibel genug, mitzunehmen, was sich anbietet.

Andere Vereine können da sehr viel weniger flexibel sein. Wahrscheinlich nicht ganz zufällig sind es nur drei Vereine, die das große Ziel der kommenden Saison für die 2. Liga auch wirklich aussprechen. Sie waren entweder schon lange genug flexibel oder hinken ihrem Plan schon ein Jahr hinterher oder brauchen keine Pläne, weil sie gar nicht da sind, wo sie meinen, hinzugehören. Da ist es wieder, das Problem mit den anderen Menschen. Mindestens ein Verein von den dreien wird scheitern beim Streben nach dem sicheren Aufstiegsplatz.

SpVgg Greuther Fürth
„Doch mit dem ansonsten weitgehend unveränderten Kader soll es vielleicht schon 2011/12 endlich klappen mit dem großen Ziel Aufstieg. «Wir werden weiter daran arbeiten und ich bin zuversichtlich, dass ich das in meiner Zeit in Fürth mal erleben darf», sagte Manager Rachid Azzouzi. «Jeder in diesem Verein will das mit jeder Faser seines Körpers.»
dpa-Meldung in
Süddeutsche Zeitung – 16.5. 2011

VfL Bochum
„Der neue Sportchef Jens Todt hat den Aufstieg des VfL Bochum in die Fußball-Bundesliga als das erklärte Ziel bezeichnet.

Der Westen, 3.6.2011

Eintracht Frankfurt
„Es wird nicht einfach werden, aber wir haben ein Ziel, wir wollen aufsteigen.“
Armin Veh, Trainer –
  hr-online.de, 31.5.2011

In Frankfurt, Bochum und Fürth werden für die Saison 2011/2012 also klare Ansagen gemacht. Andere Vereine versuchen sich gleich dem MSV Duisburg an dem Balanceakt, die Kräfte für Aufstiegsanstrengungen zu bündeln, ohne dass die eine einzige Erwartung hemmungslos herumzutollen beginnt.

FC St. Pauli
Mit Eintracht Frankfurt ist eine Mannschaft dabei, die ähnlich wie zuletzt Hertha BSC der Top-Favorit ist. Kommt Gladbach runter, werden auch sie dazu gehören. Greuther Fürth sagt jetzt schon, dass sie den Aufstieg unbedingt schaffen wollen. Cottbus und Duisburg sind ebenfalls mit dabei. Das heißt aber nicht, dass wir die nicht packen können. Wir wollen oben mitspielen. Es wird kein Selbstläufer und wir sind realistisch. Aber es ist alles möglich.
André Schubert, Trainer – spox.com, 17.5. 2011

FC Energie Cottbus
„Lautet das langfristige Ziel Aufstieg?

Natürlich. Cottbus gehört aber nicht zu den Vereinen, die vor der Saison sagen können, dass sie in die Bundesliga wollen. … Wir können nur aufsteigen, wenn wirklich alles passt. Das kann man aber leider nicht planen
„.
Claus-Dieter Wollitz, Trainer – Eckball-Magazin, 20.5.2011

Alemannia Aachen
Eine Steigerung strebt auch für Benjamin Auer an. «Als ich im vergangenen Sommer einen Dreijahresvertrag unterschrieben habe, habe ich gesagt, dass ich gerne mit der Alemannia aufsteigen möchte. Dabei bleibe ich», sagte der Stürmer. «Vielleicht können wir in der neuen Saison die Qualität im Kader noch weiter steigern, damit dann die Plätze 3 bis 6 in der Abschlusstabelle möglich sind. Und dann bleibt ja noch mein drittes Jahr», so Auer: «Spätestens dann geht’s um Platz 1 bis 3.»
Aachener Zeitung, 12.5.2011

Nach der Saison 2011/2012 werden DFL und DFB allerdings nicht mehr daran vorbeikommen, die Bundesliga aufzustocken. Sonst werden deutschlandweit Hoffnungen enttäuscht und tiefe Depressionen werden unzählige Fußballfans arbeitsunfähig machen. Dann sollen ja nicht nur die Pläne oben genannter Vereine Wirklichkeit werden, dann wird auch mit jenen Vereine zu rechnen sein, die im Moment noch auf Wachstum setzen und sich über die deutsche Sprache freuen, in der die wunderbaren Wörter mittelfristig und langfristig die konkrete Zielbeschreibung in die Zukunft verlagern helfen.

TSV 1860 München
In drei Jahren möchen wir in der ersten Liga sein.
Hasan Ismaik, Großinvestor und Anteilseigner TSV 1860 München KgaA   Süddeutsche Zeitung, 8.6.2011

Fortuna Düsseldorf
Düsseldorf ist eine wahnsinnig attraktive Stadt, die sehr viel bietet. Die hat einfach Erstliga-Fußball verdient. Dafür arbeiten wir. Klar, ich würde mit Fortuna sehr gerne aufsteigen, das ist das mittelfristige Ziel.
Wolf Werner, Manager – Express, 13.6.2011

Eintracht Braunschweig
Eintracht Braunschweig besitzt im deutschen Fußball einen solchen Bekanntheitsgrad, dass es unser logisches Ziel ist, in der Bundesliga zu spielen. Allerdings wollen wir uns in den kommenden Jahren erstmal in der 2. Bundesliga etablieren. Denn wichtig ist auch, dass man sich in einem realistischen Zeitplan bewegt. Und ein solcher Zeitplan für die Zukunft existiert selbstverständlich auch bei Eintracht Braunschweig.“
Soeren Oliver Voigt, Geschäftsführer  – sportschau.de, 10.4.2011

FC Ingolstadt
Nun, ich habe eine ähnliche Situation beziehungsweise Entwicklung schon beim FC Augsburg erlebt. Als ich damals dorthin gekommen bin, war der Verein noch in der dritten Liga und hatte wenig Zuschauer. Sechs Jahre später sind sie nun in die Bundesliga aufgestiegen. Ich denke schon, dass man beide Klubs etwas miteinander vergleichen kann: Beide haben eine Perspektive nach oben – und auf Ingolstadt bezogen sollte es in nächster Zeit auf alle Fälle machbar sein, dass man in der 2. Bundesliga zumindest eine sehr gute Rolle und künftig nicht mehr gegen den Abstieg spielt. Was darüber hinaus noch möglich ist, wird man in den nächsten Jahren sehen.
Leo Haas, Neuzugang Saison 2011/2012 (offensives Mittelfeld) – Augsburger Allgemeine, 9.6.2011

FC Erzgebirge Aue
„Ich habe den Traum, mit Aue mittelfristig in die Bundesliga aufzusteigen und damit Einzigartiges für den Verein und die Region zu schaffen“.
Marc Hensel, Spieler (defensives Mittelfeld) – zitiert nach dpa-Bericht in der Leipziger Volkszeitung, 2.6.2011

SG Dynamo Dresden
Langfristig muss die Bundesliga das Ziel sein. Aber da gehört sehr, sehr viel Arbeit dazu. Es ist ja nicht nur die erste Mannschaft, sondern da gehört der gesamte Verein dazu. Ich denke, das wird noch ein paar Jahre dauern.
Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner, Berater – sid-Interview im RevierSport, 18.5.2011

So richtig zu Hause in der 2. Liga fühlen sich im Moment nur fünf Vereine.

1. FC Union Berlin
Es kann uns auf Dauer nicht genügen, drei oder vier Mannschaften hinter uns zu lassen. Die Mannschaft muss sich ebenfalls entwickeln“, sagt Zingler. „Dafür müssen wir die Strukturen schaffen.“ Das Wort Bundesliga wurde von Unions Präsidenten bewusst vermieden, Union soll auch in Zukunft „langsam wachsen
.
Dirk Zingler, Präsident – Tagesspiegel
, 18.5.2011

FC Hansa Rostock
„Ich bin keiner, der sagt, dass er eine Mannschaft in den nächsten zwei Jahren weiterentwickeln will. Fußball ist ein Ergebnissport, und ich orientiere mich immer an der Realität. Wenn wir es vom ersten Spiel an schaffen, von den Abstiegsrängen entfernt zu bleiben, kommt die Entwicklung automatisch.“
Peter Vollmann, Trainerkicker.de, 25.5.2011

Karlsruher SC
Wir werden wieder ein schweres Jahr haben, was nicht heißt, dass wir nicht ein Stück nach oben rutschen können. Aber die Liga wird brutal schwer. Mit Braunschweig und Rostock kommen sehr gute Aufsteiger. Von oben kommen St. Pauli und Frankfurt. Die Liga wird viel stärker. Da kann niemand ernsthaft erwarten, dass wir mit den oben genannten schwierigen Rahmenbedingungen sofort nach vorne durchstarten. Wir sind unten und wir müssen uns Schritt für Schritt nach oben arbeiten.
Rainer Scharinger, Trainer – Pforzheimer Zeitung, 18.5.2011

SC Paderborn
… Der SC Paderborn hat Mühe, mit dem Mini-Etat die 2. Liga zu halten …
Roger Schmidt, Trainer – Westfalen-Blatt, 4.6.2011

FSV Frankfurt
„Insgesamt 13 Neuzugänge muss Trainer Hans-Jürgen Boysen in diesem Jahr integrieren. „Ich bin davon überzeugt, dass wir im Vergleich zur Vorsaison einen stärkeren Kader haben“ zeigte sich der Coach aber durchaus optimistisch. Am Saisonziel Klassenerhalt habe sich dennoch nichts geändert, wie Geschäftsführer Uwe Stöver betonte: „Die Mannschaft und das Umfeld muss dafür viel Geduld und Herzblut aufbringen, damit wir dieses Ziel zusammen erreichen können.“
hr-online.de, 18.6.2011

Der Unterbau der Bundesliga wird in Zukunft wohl also nur noch aus sieben Vereinen bestehen, von denen fünf irgendwann den Rückzug in die Dritte Liga vorziehen. Dann wären die übrig bleibenden zwei Bundesligaabsteiger für ein Jahr endlich da, wo wir alle hin wollen. Selbstbestimmt könnten sie die Zielsetzung für die Saison gemäß des eigenen Leistungsvermögens ansetzen, ohne den Aufstieg und damit die eigene Weiterentwicklung durch zu viel Druck zu gefährden.

Geteilte Meinungen über ein Spiel am frühen Abend

Es gibt noch kein abschließendes Urteil darüber, ob Fußball dieses oft beschworene einfache Spiel ist, von dem meist die Stürmer-O-Töne zeugen, oder ob er als ungeheuer komplexer Sport gelten kann, der selbst von Fachleuten nur unzureichend durchdrungen wird. Diese Meinung verbreiten eher die Trainer und Sachbuchautoren. Nimmt man die Meinungsvielfalt zum Maßstab, kann das Spiel des MSV Duisburg gegen Alemannia Aachen am frühen Freitagabend kann ganz klar als Argument für die Komplexitäts-Theorie gelten.

Ich selbst habe am Freitag ein überaus unterhaltsames und spannendes Spiel zweier guter Mannschaften gesehen, bei dem Spieler beider Mannschaften sich eine überschaubare Zahl von Fehlern erlaubten.  Zu meiner Überraschung las ich sowohl bei Der Westen als auch in der Rheinischen Post Spielberichte, in denen die Fehler anders gewichtet waren. Der Ton der Berichte ließ die Leistung des MSV Duisburg schlechter erscheinen, als ich sie gesehen hatte. In den Spielberichten von Kicker und Reviersport sah das anders aus. Da fand ich mein Urteil bestätigt.  Auch Meinungen im MSVPortal zur Leistung einzelner Spieler gehen weit auseinander.

Im Fokus steht da vor allem Daniel Reiche. Natürlich fiel der Ausgleich zum 1:1 kurz vor dem Halbzeitpfiff nach dem Abspielfehler von Daniel Reiche und auch beim zweiten Tor der Aachener stand er unglücklich zum Gegenspieler und rutschte zudem weg. Doch auf das gesamte Spiel bezogen habe ich ihn als gleichwertigen Ersatz für Bruno Soares gesehen – sogar mit einem kleinen Vorteil für ihn beim Spielaufbau. Da müssen eigentlich Fakten her für ein Urteil und wer Zeit hat, analysiere die „Spiel-Matrix“ bei Bundesliga.de. Nur erinnere man sich dann daran, dass auch diese Daten nur die Interpretation von – wenn auch geschulten – Beobachtern des Spiels sind. Ob etwa ein misslungenes Tackling nur dem Spieler zuzurechnen ist oder in Teilen auch der misslungenen Aktion eines Mitspielers kurz zuvor, das steht nicht in diesen Daten. Deshalb überlasse ich für heute der sportlichen Leitung meines Vertrauens die abschließenden Urteile über die Leistungen der Spieler.

Denn meine Zufriedenheit nach dem Freitagsspiel gegen Aachen beruht nicht nur auf der Leistung der Mannschaft sondern auch auf Entscheidungen der sportlichen Leitung zur Spielweise dieser Mannschaft. Das schnelle Passspiel mit einem kontrollierten Spielaufbau schon aus der Defensive heraus war als taktische Anweisung für die Spieler deutlich zu erkennen. Die bevorzugten Anspielstationen waren die Flügel, doch wurden die Angriffe auch variiert, indem Flügel und Mittelfeldspieler zum Anspiel immer wieder auch mehr nach innen rückten. Die Spieler schienen zu wissen, der Fehler bei diesem Passspiel war eher erlaubt als der lange Pass als Notausstieg. Der unbedingte Versuch, Sicherheit und Vertrauen der Spieler in diese nach dem Ausfall von Stefan Maierhofer notwendige Spielweise zu bringen war für mich ein klares Bekenntnis zur vorhandenen Qualität der Mannschaft. So etwas ist ein Signal an die Spieler auch und gerade im Hinblick auf das Pokalfinale. Diese Spielweise lässt hoffen.

Beim Wechsel von Filip Trojan für Sefa Yilmaz war ich allerdings nicht auf der Seite der sportlichen Leitung meines Vertrauens. Das war ein uninspirierter Standardwechsel. Eigentlich war ich schon im Begriff angenehm überrascht zu sein, als ich Olcay Sahan im Moment des Wechsels zur Seitenlinie gehen sah. Diesen Wechsel hätte ich mutig gefunden, vor allem richtig, weil leistungsgemäß. Vielleicht ist aber auch bei diesem Wechsel alles viel komplexer, und das Verbleiben von Sahan war in einem von mir nicht durchschauten Gesamtsystem notwendiger als das von Sefa Yilmaz. Ausreichend erklären könnte Milan Sasic mit Sicherheit den Wechsel.

Der guten Nachrichten sind noch nicht genug. Srdjan Baljak gewinnt rechtzeitig zum Saisonhöhepunkt seine Klasse zurück. Er erläuft sich die Bälle wieder wie in der Hinrunde, selbst aus härtesten Pässen nimmt er bei der Annahme elegant die Geschwindigkeit, so dass sie ihm nicht mehr verspringen und im Zweikampf gewinnt er seine Durchsetzungsfähigkeit zurück. Die Notlösung Jürgen Säumel auf der linken Seite in der Defensive entpuppte sich vor allem im Spiel nach vorne als folgerichtige Option. Man merkt aber, sein Spielverständnis ist auf einen Platz im Mittelfeld ausgerichtet und ihm mangelt es an Automatismen auf der hintersten Linie der Mannschaft. Aber das hat mit der Sicherheit von Branimir Bajic an seiner Seite im Laufe des Spiels immer besser funktioniert. Auch Maurice Exslager hatte sich offensichtlich vom inneren Druck befreien können. In den Spielen bislang wirkte er schnell etwas übertourig und hastig. Davon war in diesem Spiel nichts mehr zu merken, um so schöner, dass er den Ausgleich erzielen konnte. Das Spiel rundete sich mit dem Siegtreffer durch Goran Sukalo. Er hatte zu Beginn den Elfmeter verschossen und bildete die letzte Anspielstation nach einer Dreierkombination von jeweils steil gespielten Pässen. Gerade diese Kombination mit dem erfolgreichen Abschluss weist in die Zukunft. Sie ist das Ergebnis von vorhandener Sicherheit im Kurzpassspiel und der Möglichkeit zum Tempo bis zum Abpfiff.

Um stärker besetzte Gegner zu schlagen, ist für eine Fußballmannschaft das Gefühl, von einer guten Stimmung getragen zu werden, keineswegs hinderlich. Solche Spiele schaffen diese Stimmung in der Mannschaft und im Umfeld. Dazu tragen dann auch die Momente nach dem Spiel bei. Julian Koch und Stefan Maierhofer waren im Stadion. Sie kamen nach dem Spiel mit ihren Krücken auf das Spielfeld gehumpelt, um sich gemeinsam mit den Kollegen zu freuen. Es war zunächst Julian Koch, den der „Stimmungsblock“ hochleben ließ, so dass er sich mit seinen Krücken auf den Weg Richtung KöPi-Tribüne machte. Kurze Zeit später eilte Stefan Maierhofer hinterher. Am Zaun angekommen boten beide tanzend und hüpfend den Fans nicht nur ein erinnerungswürdiges Bild für die MSV-Historie, sondern lieferten ihnen damit auch die Vorlage für ein witziges Gemeinschaftswerk. Titel des Ganzen: „Wer nicht hüpft, der ist kein Zebra“.

Wer´s verpasst hat, bitte schön …


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