Posts Tagged 'Bayer Leverkusen'

Das Kartellamt und das Selbstbild des deutschen Profifußballs

Es ist zwar schon ein paar Tage her, dass das Interview mit dem Präsidenten des Kartellamts Andreas Mundt in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde, aber diese elegante Spitze von ihm gegen den Profifußball möchte ich euch nicht vorenthalten.

Das Interview wurde geführt, nachdem das Bundeskartellamt veröffentlichte, wie es die 50-plus-1-Regel wettbewerbsrechtlich bewertet. Die Prüfung geschah auf Bitten der DFL hin. Die sportpolitischen Ziele dieser Regel wurden nicht in Frage gestellt. Problematisch seien aber die Ausnahmeregeln für die TSG Hoffenheim, Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg.

RB Leipzig ist ein Sonderfall, da der Verein formal nicht von der 50-plus-eins-Regel ausgenommen ist. Im Interview warf Andreas Mundt allerdings die Frage auf, ob die sportpolitische Zielsetzung mit der findigen Auslegung des Vereinsrechts bei RB Leipzig zusammen passe. Seiner Meinung nach müsse auch das bei der DFL mitdiskutiert werden.

Schön war es zu lesen, wie beiläufig und elegant er die besondere Rolle, die dem Fußball in der Gesellschaft zugemessen wird, ins Leere laufen ließ. Die DFL hat nun eine Aufgabe. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn der Fußball nun mal zum Wirtschaftszweig der Unterhaltungsindustrie geworden ist, gilt es eben auch entsprechende Regeln zu beachten. Der gern genommene Ausweg ist das Verweisen auf die kulturelle und soziale Bedeutung, die entsprechende Sonderbehandlung ermöglichen soll. So geht das seit Gründung der Bundesliga. In diesem Spannungsfeld bewegen auch wir Anhänger uns.

Süddeutsche Zeitung Nr. 146, 29. Juni 2021

Beşiktaş Müzesi, Olcay Sahan und vermutete Wünsche

In Istanbul heißt die jüngste Vergangenheit des MSV Duisburg Olcay Sahan. Für seinen Verein Beşiktaş Istanbul verläuft die Saison bislang durchwachsen. Für Olcay Sahan alleine fiele das Urteil besser aus. Zwei Tore erzielte er schon.

Das Siegtor beim 1:0 gegen Gaziantespor:

Und den Ausgleich zum 1:1-Endstan gegen Kayserispor:

Die Länderspielpause nutzte Beşiktaş für ein viertägiges Trainingslager in Antalya, so dass mir aus alter Verbundenheit zu Olcay Sahan in Istanbul nichts anderes übrig blieb, als einen Blick aufs Stadion und ins Museum des Vereins zu werfen.

Für das Museum hätte ich mich vorher ein wenig mehr mit der Geschichte des Vereins beschäftigten müssen, um die einzelnen Trophäen besser wertschätzen zu können. Denn dieses Museum ist ganz alte Schule. Vornehmlich ist es in einem halb geschwungenem Raum unterhalb der Stadionkurve eine Pokalsammlung nebst ganz wenigen Dokumenten der Vereinsgeschichte, die ich, des Türkischen nicht mächtig, nicht habe einordnen können. Dazu gibt es einen Flur mit Trikots und anderen Reliquien verdienter Spieler des Vereins. Das ein oder andere fiel dem deutschen Besucher natürlich besonders auf.

Ab heute bereitet sich Beşiktaş auf das Meisterschaftsspiel am Sonntag gegen Trabzonspor vor. Bis dahin werde auch ich keine Möglichkeit mehr finden, von Olcay Sahan ein paar Wünsche für das Spiel seines alten Vereins gegen Ingolstadt einzuholen. Den Boulevardjournalisten würde so was nicht groß stören. Er nähme irgendein altes Foto von dem Ex-Zebra und zitierte ihn ohne Bedenken. Ich tue das nicht, auch wenn ich vermute, Olcay Sahan hätte das ein oder andere Glück bringende Wort für die Zebras gefunden.

Hauptsache Fussball – Eine DVD-Besprechung

Als ein Verliebter dem Rest der Welt sein Verliebtsein zu erklären ist nicht einfach. Letztens schwärmte ich hier von Hermann Gerland herum, sammelte im gefühligen Nebel ein paar halbwegs rationale Momente der Begründung und dachte eigentlich, wenn der Rest der Welt nicht sofort von selbst Hermann Gerland anhimmelnd zu Füßen liegt, kann denen sowieso keiner helfen. Lieber noch einmal das ungeschnittene Interview mit Hermann Gerland auf der DVD „Hauptsache Fussball – Junge Fussballprofis auf dem Weg ins Spiel“ ansehen, weiterschwärmen und schweigen. Aber gut, dass die Macher von „Hauptsache Fussball“ neben dem Bonusmaterial auch den eigentlichen Dokumentarfilm mit auf die DVD gepackt haben. Deshalb kann ich nämlich nun, statt glückselig lächelnd dazusitzen, doch noch ein paar Worte schreiben und jedem Fußballinteressierten auch mit Argumenten empfehlen, bei dieser DVD schnell zuzugreifen.

„Hauptsache Fussball“ dauert lange 140 Minuten, dazu gerechnet die 57 Minuten Bonus-Material, und nach dem Ansehen der DVD hat man nicht nur Einblicke in Denken und Handeln von unzähligen Akteuren des Fußballgeschäfts gewonnen. Außerdem sind diese Akteure mit ihren sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten überaus präsent geworden. Das ist dieser eine so beeindruckende, grundsätzliche Wert dieses Films. Dem Produzenten und Regisseur Andreas Bach und seinen Co-Regisseuren Marco Jankowski sowie Burkhard Vorländer ist es gelungen, das Vertrauen ihrer Interviewpartner so zu gewinnen, dass sie die sonst schnell aufgebaute Kulisse dieses Fußballgeschäfts beiseite schieben konnten. Der Blick war frei auf das Innenleben dieser Bühne. Für die Macher muss sich eine unglaublich große Fülle an Material ergeben haben, die es zu bewältigen galt. Viele disparate Stimmen und ebenso viele Bilder waren rund um das Grundthema „junge Profis im Fußballgeschäft“ zu einer erzählerischen Einheit zu formen.

„Hauptsache Fussball“ ist angelegt wie ein Roman mit einigen Nebenlinien der Erzählung. Das thematische Zentrum der Dokumentation sind die Erfahrungen von jungen Spielern an unterschiedlichen Arbeitsplätzen in der Unterhaltungsbranche Fußball. Das geht vom Nationalspieler Holger Badstuber bei Bayern München über zwei Torhüter mit unterschiedlichen Perspektiven auf der Suche nach dem richtigen Verein hin zu Tobias Schweinsteiger beim Drittligisten oder Fabian Bäcker als Nachwuchsspieler auf dem Sprung in den Profikader des Bundesligisten. Ihre Trainer wie Hermann Gerland, Jürgen Gelsdorf oder Michael Frontzeck kommen ebenso zu Wort wie der Spielerberater Jörg Neblung, der für die jungen Spieler passende Arbeitsplätze finden will. In den Nebenlinien geht es immer wieder um die Bedeutung von Fußball im Leben der Menschen. Es geht aber auch um das öffentliche Bild von Vereinen wie Bayer Leverkusen oder dem FC Schalke 04, es geht um Meinungen von Fans und Journalisten. Zudem nimmt der Regisseur des Films Andreas Bach das eigene Fan-Dasein und das seiner Familie als erzählerisches Moment in den Film mit hinein.

Ein erster Eindruck lässt sich durch den Trailer mit Holger Badstuber vom FC Bayern München und dem Nachwuchsspieler von Borussia Mönchengladbach Fabian Bäcker gewinnen.

In diesen Interviews mit den Akteuren des Fußballgeschäfts, den Spielern, dem Spielerberater, den Trainern, Managern oder Nachwuchskoordinatoren, in diesen Interviews wird über den beruflichen Alltag im Fußball geredet, über die Bedeutung des Fußballs für die einzelnen Sportler und immer wieder über die Bedingungen, unter denen dem Beruf nachgegangen wird. Oft ziehen  gerade die Trainer den historischen Vergleich. Sie sehen – manchmal auch mit Skepsis – auf die veränderte Gesellschaft, in der Kinder heute aufwachsen. Sie beschreiben mit welcher Persönlichkeit und mit welchen Eigenschaften Jugendliche heute in die Vereine kommen. Sie haben die Entwicklung dieses Sports in den letzten zehn Jahren im Kopf und die Folgen der so immensen Professionalisierung in den Vereinen für die jungen  Spieler.

Die Interviews sind unterhaltsam mit atmosphärischen Bildern rund um den Fußball zusammengeschnitten, so dass die Dokumentation einen filmischen Rhythmus erhält und mehr ist als die Aneinanderreihung von „sprechenden Köpfen“. Andreas Bach, Marco Jankowski und Burkhard Vorländer haben auf jeden Fall einen Film für alle Fans des Fußballs gemacht. Noch etwas besser wäre der Film geworden, hätten sich die Macher in den Nebenlinien etwas zurückgenommen und sich gerade zum Ende des Films mehr auf das Hauptthema, die jungen Profis, konzentriert. Auch ein Roman kann im letzten Drittel nicht mehr sehr weit abschweifen vom Zentrum seiner Handlung, ansonsten droht er zu zerfasern. Einen ähnlichen Eindruck macht mir das letzte Drittel der Dokumentation. Hier wäre weniger mehr gewesen.  Die 140 Minuten bekommen im letzten Drittel Längen, wenn die 11Freunde-Mitarbeiter ihre nur für Fußballfans spaßigen Scherze treiben und der Filmemacher Andreas Bach Bilder aus einer Art Filmtagebuch der eigenen Stadionbesuche in den Film schneidet. Ohne diese Längen wäre der Film überragend und auch für ein Publikum ohne Fußballinteresse durchgehend interessant, nur wir Fußballfans nehmen jedes dieser Bilder gerne. Solche Worte verträgt der Film. Sie mindern nicht die uneingeschränkte Kaufempfehlung an alle, die hier normalerweise lesen.

Mehr Informationen über den Film finden sich auf einer eigens eingerichteten Seite im Netz. Dort sind auch Trailer zu sehen, die vor dem 21. Mai in diesen Räumen hier keinen Platz erhalten können. Schließlich müssen wir am MSV Duisburg Interessierten die Kräfte für das DFB-Pokalfinale bündeln, und auch wenn ich mich sonst an jeder Fan-Geschichte erfreue, im Moment gibt es für Sympathiebekundungen auf jeden Fall ein richtig und falsch.

Hauptsache Fussball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel. Ein Film von Andreas Bach, ab € 15,99.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: