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Ein Spiel wie eine Karnevalsfeier – Endlich mal wieder was zum deuten

2013-02-09_MSV_1860 034_beabGut, es war Karnevalssamstag, aber es hätte genügt, wenn sich um diesen Karneval, wie auf den Fotos zu sehen, nur wir paar Zuschauer gekümmert hätten. Stattdessen lässt sich auch die Mannschaft dazu hinreißen, ein wenig Karnevalstimmung im Spiel gegen den TSV 1860 München zu verbreiten. Da wirken die Spieler fast eine ganze Halbzeit lang wie eine hoffnungsfrohe Unentschieden-Elf, nur um kurz vor der Halbzeitpause daran zu erinnern, es könnte auch alles nur ein Karnevalsspaß sein. Man weiß in dieser Zeit des Straßenkarnevals eben oft nicht, was ist nur  Verkleidung und was gehört zum wirklichen Leben.  Bei Ranisav Jovanović muss man sich darum im Moment keine Gedanken machen. Er hat sich für dieses Spiel gar nicht erst verkleidet, er ist der Stürmer, der zu sehen ist. Durchsetzungsstark, lauffreudig und dieses Mal mit einer sehr gelungenen Einzelleistung auch Schütze des Führungstreffers vom MSV Duisburg.

Die Spieler legten sich ja in dem Moment sogar für ein paar Minuten ein Superheldensiegercape an, und mir haben sie wirklich gut gefallen, wenn auch für die Defensivabteilung der Zebras das Cape von Anfang an einige Zentimeter zu lang war.2013-02-09_MSV_1860 035_beab Bei den Angriffen des TSV 1860 München war jedenfalls sofort das Kostüm als Kostüm zu erkennen. Benjamin Kern hatte auf seiner Seite einen sehr schlechten Tag. Andreas Ibertsberger passte das Unentschiedenkostüm allerdings schon mal wie angegossen. Er machte einen guten Eindruck. Er wirkte ruhig und sachlich, spielte bis auf seinen Fehlpass in der zweiten Halbzeit solide und war sehr präsent. Gerade seine souveräne Ausstrahlung hilft der Defensive der Zebras weiter, zumal auch die  Innenverteidigung zunächst für das Unentschieden gut genug schien.

Meine Zweifel wuchsen allerdings, als sich ausgerechnet Daniel Brosinski in seinem Elfmeterschützenkostüm tatsächlich auch als Elfmeterschütze fühlte. Da glich er all jenen Piraten und Cowboys, die mit ihrer alkoholgedopten Männlichkeit glauben, das weibliche Begehren konzentriere sich für den Rest des Lebens rund um sie. Aber der Alltag ist nah.2013-02-09_MSV_1860 03_web Die gerade noch wild tanzende Meerjungfrau verschwindet von jetzt auf gleich zu zweijährigem Kind sowie Ehemann, und Daniel Brosinski bleibt der nur manchmal zielsichere Torschütze, selbst wenn er alleine am Elfmeterpunkt frei vor dem Tor steht. Die erneute Chance zur Führung war vergeben. Und dann zerfetzt in der Nachspielzeit dieser ersten Halbzeit der Alltag sogar so richtig das Unentschiedenkostüm.

Das hinterlässt das schale Gefühl, der TSV 1860 München war die bessere Mannschaft und dennoch gab es gute Gründe an den Erfolg des MSV Duisburg zu glauben. Die Münchner kombinierten sicherer, hatten etwa mit Daniel Halfa einen technisch sehr starken Einzelspieler, der, einmal am Ball, kaum zu stoppen war. Frei- und Eckstöße bargen jedes Mal Torgefahr. Und dennoch waren diese Chancen nicht zwingend, dennoch war der MSV Duisburg gut im Spiel. Selbst in der zweiten Halbzeit, als die Zebras die weiter zurück gezogenen Münchner kaum mehr aus ihrem Defensivverband herauslocken konnten, gab es dann doch die eine Riesenchance auf den Ausgleich. Gabor Kiraly wehrte den Torschuss aus kurzer Distanz von Sascha Dum ab. Und es ist bezeichnend, dass im direkten Gegenzug das dritte Tor der Münchner fiel. Alle schon gesehenen Fehler der Zebras in diesem Spiel kamen dabei zusammen.  2013-02-09_MSV_1860 038_beabBeim Umschalten war die Mannschaft einen Tick zu langsam. Das machte sich schon vorher in der Defensive immer wieder bemerkbar. Die Spieler empfinden Spielsituationen oft einen Moment zu früh als beendet. Es war schon in Dresden abzusehen, dass eine bessere Mannschaft als die Dresdner,  „zweite Bälle“ besser nutzen könnte. Hinzu kam ein Roland Müller, der auch nicht seinen besten Tag hatte und bei diesem Konter die eigene  Schnelligkeit beim Herauslaufen über- und die des gegnerischen Stürmers unterschätzte. So machte er unnötigerweise das Tor frei für den Schuss von Moritz Stoppelkamp.

Die Unentschieden-Elf war also am Karnevalssamstag nicht mehr als ein schönes Kostüm der Mannschaft des MSV Duisburg. Aber wir Karnevalsjecken wissen auch, oft steckt in einem Kostüm mehr alltäglicher Mensch als im ersten Moment erkennbar ist. Manchmal ist es nicht das ganz Andere, das in der Verkleidung gesucht wird, sondern nur die ideale Vorstellung von einem selbst. Und so bleibt die Hoffnung, der MSV Duisburg ist auf einem guten Weg. Der Trainer des TSV 1860 München, Alexander Schmidt, ließ sich nach dem gemeinsamen Kostümball jedenfalls zu dem charmanten Kompliment hinreißen, die Mannschaft sei der erwartet schwere Gegner gewesen und es sei kein Vergleich zur Vorrunde, wie  gut sie inzwischen spiele. Kosta Runjaic hat es sich gelassen angehört.

Hier also die Pressekonferenz nach dem Spiel, samt Standard-O-Tönen von Jürgen Gjasula, Andreas Ibertsberger, Ranisav Jovanović und Julian Koch.

Kein Spiel zum Streiten

Zufriedenheit allerorten, gepaart mit ganz leisem Bedauern über vergebene späte Torchancen, was immer wieder schnell weggewischt wird. So fühlt die MSV-Welt nach dem torlosen Unentschieden in Dresden. Die Leistung der Mannschaft stimmt zuversichtlich, auch wenn ich jetzt mal die Harmonie ein wenig stören möchte. Diese Querschläger und Verlegenheitskerzen, mit denen  hin und wieder in der zweiten Halbzeit die Dresdner Angriffe unterbunden wurden, haben mich jedes Mal aufgeregt. Auch ein blindes Huhn findet bei so viel Körner Hinlegen gelegentlich eins.

Andererseits bin ich auch dankbar für diese Anspannung. Ich hatte da so meine Befürchtungen. Ihr kennt das vielleicht? Du fühlst dich merkwürdig leer, wenn du daran denkst, was du magst.  Nichts schwingt dann in dir. Ist irgendwas geschehen und du willst es dir nicht eingestehen? Du weißt selbst nicht was. Doch du fühlst nichts, wo du sonst so bewegt bist. Du machst weiter wie gewohnt, willst es auch nicht wahrhaben und dann …

Dann war sofort alles so wie immer. Keine Ahnung, was das war. Manchmal hilft es eben, einfach weiterzumachen. Jeder Angriff Richtung Dresdner Tor ließ mich hoffen, wenn auch bis auf den Beginn und die letzten Minuten solche Hoffnungen  nicht lange anhielten. Fast allen Angriffen Richtung Duisburger Tor sah ich eigentlich recht entspannt entgegen bis eben zu jenen Momenten, in denen da der Ball wild hoch in die Luft geschossen wurde. In den letzten zehn Minuten war den Dresdnern die Angst vor einer Niederlage anzumerken. Und natürlich wäre dieses Siegtor kurz vor Schluss durch Goran Sukalo oder Ranisav Jovanović großartig gewesen.  Zunächst dachte ich sogar, das wäre ungerecht gewesen, aber mit etwas Abstand hätte ich dieses Tor als Ergebnis des besser organisierten Spiels der Zebras und des längeren Atems angesehen.

Es sollte nicht sein. Karnevalssamstag nun gegen den TSV 1860 München, ohne die gelbgesperrten Goran Sukalo und Branimir Bajic. Trotz dieses Handicaps bleibe ich nach dem Spiel gegen Dresden sehr viel gelassener, als es im Herbst letzten Jahres noch der Fall gewesen wäre.

Die Pressekonferenz und Stimmen von Benjamin Kern, Ranisav Jovanović und Julian Koch nach dem Spiel:

Der Nachbericht vom MDR mit einigen Pacult-O-Tönen und launigem Kommentar aus Dresdner Perspektive findet sich mit einem Klick weiter bei youtube.

Bilder vom Spiel in einem etwa 13minütigen Zusammenschnitt von einer Hintertorkamera ebenfalls dort mit einem Klick weiter.

Auswärtssieg als Regel und die ganze Wahrheit über Halbzeitpausen

Was wäre das für ein Leben, wenn es für den MSV Duisburg nur Auswärtsspiele in Paderborn gäbe? So ein MSV könnte sich vor Erfolgsfans nicht mehr retten. Der Verein wäre im Nu schuldenfrei, weil keine Miete mehr für lästige Heimspielstätten bezahlt werden müsste. Stattdessen würden in Paderborn Arbeitsplätze für Busfahrer geschaffen, die den Strom der Duisburger Zuschauer ins Stadion vor Ort bewältigen müssten. Und im Möbelladen vom Walter Hellmich des SC Paderborn, Wilfried Finke, sähe man bei Samstagsspielen immer wieder ein paar blau-weiß gekleidete Hektiker auf der Suche nach einem schicken, leicht transportablen Möbel,  um endlich mal all die gesammelten 5-Euro-Einkaufsgutscheine der Eintrittskarten loszuwerden.

Ein verdienter 2:0-Auswärtssieg in Paderborn! Ich rate es jedem Anhänger des MSV Duisburg: Fahrt in die ostwestfälische Metropole des Katholizismus, wenn die Zebras dort spielen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr, sehr groß, gut gelaunt, die Rückreise anzutreten.  Dabei gab es in der ersten halben Stunde kaum einen Unterschied zu den letzten Spielen. Zunächst spielten die Zebras wie in Pauli oder gegen Union Berlin einigermaßen mit. Das Spiel fand vornehmlich außerhalb der beiden Strafräume statt, und der Gegner suchte dabei etwas konsequenter den Weg zum Tor. So ließ jede Ecke des SC Paderborn meinen Puls etwas höher schlagen. In solchen Momenten geschahen in der letzten Woche die Fehler, die zu den leichten Toren der Gegner führten. Doch wirkliche Aussetzer gab es nicht, dennoch hatten die Paderborner nach etwa 25 Minuten die erste große Chance des Spiels, bei der Roland Müller erneut zeigen konnte, wie stark er auf der Linie ist. Er zeigt unglaublich starke Reflexe kombiniert mit explosiver Sprungkraft. Großartig!

Doch kurz darauf schon zeichnete sich der Unterschied zu den letzten Spielen ab. Die Mannschaft erarbeitete sich wirkliche Torchancen. Ein guter Kopfball von Ranisav Jovanović gegen die Laufrichtung des Torwarts konnte dieser gerade noch mit dem Fuß abwehren, und kurze Zeit später köpfte Branimir Bajic nach einer klugen Kopfballweitergabe durch Goran Sukalo knapp am Tor vorbei. Auch die Paderborner kamen noch zu guten Chancen. Auf der Gegenseite landete der Ball auf der Latte, und ein weiteres Mal verhinderte  Roland Müller mit einer großartigen Parade den Führungstreffer der Paderborner.

Mut machte mir, dass die Zebras sich nicht nur auf reines Konterspiel verließen und die Mannschaft sich bei ruhigem Aufbau dennoch Chancen erarbeitete. Sprich: im Mittelfeld gab es das Spiel öffende Pässe, Lücken in der Defensive wurden gesucht und manchmal gefunden. Verantwortlich dafür vor allem Julian Koch und Zvonko Pamic als Passgeber aber auch Maurice Exslager und Sören Brandy, die mehr zur Mitte hin immer wieder steil liefen und Daniel Brosinski, der auf dem Flügel seine Offensivmöglichkeiten als Verteidiger gut nutzte.

Als Ranisav Jovanović dann, wunderbar frei gespielt, alleine aufs Tor zulief, hätte ich es lieber gesehen, er hätte den Ball über die Linie schieben können. So groß war meine Sorge, dieser Elfmeter könnte vergeben werden. Benjamin Kern aber schoss mutig, wuchtig und ließ keinen Zweifel, dass er dieses Tor wollte. Dass Paderborn nach der roten Karte für  Torwart Lukas Kruse nur noch zu zehnt spielte, war für mich zunächst nicht unbedingt ein Vorteil für die Zebras.

Gut zusammen agierende Mannschaften können diesen fehlenden Spieler problemlos kompensieren, wenn der Gegner nicht sehr schnell spielt. Und an dieser Schnelligkeit beim Umschalten hapert es in der Mannschaft des MSV weiterhin. Schnelligkeit muss diese Mannschaft bei einem Angriff am besten ruhig entwickeln. Ging es in der ersten Halbzeit sofort nach der Balleroberung in die andere Richtung, waren die Pässe nicht präzise genug.  Doch wer Selbstvertrauen durch eine Führung gewinnt, wird auch im Passspiel präziser. Konter konnten gespielt werden, und ein, zwei Chancen durch Einzelaktionen waren alles, was die Paderborner sich erspielen konnten. Mannschaftlich geschlossen erarbeiteten Druck auf das Tor der Zebras gab es nicht. Bliebe noch das Tor von Timo Perthel, der mit Betreten des Spielfelds sofort große Präsenz ausstrahlte. Ich bin so dankbar für jeden Spieler, der bei seinem ersten Schuss aufs Tor nicht drüber oder daneben schießt. Das macht Hoffnung für die Zukunft. Schlusspfiff, und nach dem letzten Spiel der Hinrunde zum ersten Mal nicht auf einem Abstiegsplatz. Sieht gut aus, die Tabelle! So kann das bleiben.

Die Pressekonferenz und die Stimmen von Goran Sukalo, Benjamin Kern, Sören Brandy und Timo Perthel nach dem Spiel:

Neben der Nachricht vom Auswärtssieg ist aus Paderborn noch etwas anderes zu berichten. Wir durften nämlich nach der ersten Halbzeit, ganz versteckt in der Pausenbeschallung , die ganze Wahrheit über die Kabinen-Wirklichkeit in Halbzeitpausen hören. In den letzten Jahren ist dieses Lied an mir vorbei gegangen, oder es ist neu, ich weiß es nicht. Jedenfalls: Vergesst die Mär von Traineransprachen! Vergesst Fußballer, die regenieren! Vergesst alles, was Medien jemals über schimpfende Sportdirektoren gesagt haben! Das alles gibt es nur, weil wir Zuschauer so was erwarten.

Die ganze Wahrheit kennen Schlagertexter aus dem Ostwestfälischen. Anonym und unter dem Siegel der Namens-Verschwiegenheit haben Fußballer aus allen Ligen den recherchierenden Schlagertextern ein großes Geheimnis verrraten. Nicht der Ball steht als Fußballers Freund oder Feind im Zentrum eines Fußballerlebens, die Halbzeiten sind des Fußballers wahre große Lieben. Und was machen Männer, wenn eine große Liebe irgendwann mal vorbei ist? Männer lassen es dann richtig krachen. Abschiedsparty! Und dann her mit der neuen Beziehung:

Halbzeit, es ist so weit,
Halbzeit, ich bin bereit
erste Hälfte ade, du bist Vergangenheit
Halbzeit, es ist so weit,
Halbzeit, die Party steigt
zweite Hälfte, hallo,
ich bin für dich bereit.

In dem Sinn: Spieltag, es ist so weit. Spieltag, wir sind bereit. Letzter Spieltag, ade, du bist Vergangenheit. Spieltag, es ist so weit. Spieltag, die Party steigt. Nächster Freitag, hallo. Ein Sieg in Aalen macht froh!

Der Spielbericht von Sky mit einem Klick weiter hier.

Stimmen des SC Paderborn im Bewegtbild mit einem Klick weiter auf der Seite der Neuen Westfälischen.

Der Spielbericht als Verdrängungsarbeit

Gute Geschichten brauchen ein starkes Thema, auf das sich das Erzählte hin ausrichten lässt. Das ist selbst bei einem kurzen Text über ein Fußballspiel so. Das nahe liegende zentrale Thema bei einem Fußballspiel ist meist das Ergebnis des Spiels. Heute morgen allerdings kommt jedes starke Thema für die Geschichte vom  Spiel des MSV Duisburg beim FC St. Pauli in einen Konflikt mit einem sehr viel stärkeren Thema. Wenn es um den Tod geht, interessiert jedes Unglück ohne lebensbedrohliche Folge nur noch am Rande. Bis Donnerstag brauche der Verein 2,3 Millionen Euro, so meldet die WAZ.

Wenn 2.500 Duisburger Anhänger durch eine fünf Mann starke Sicherheitskontrolle mit bekannter Leibesvisation müssen, bilden sich schon mal längere Schlangen. Ich weiß nicht, ob alle zum Anpfiff dann im Stadion waren.

Bei dieser Nachricht muss ich schon einige Verdrängungsarbeit leisten, um mir die Bilder vom Auswärtsspiel der Zebras in Hamburg wieder in Erinnerung zu rufen. Und auch dann fällt mir nicht als erstes das Spiel selbst ein oder eine Szene aus dem Spiel. Mir fällt so eine merkwürdig leichte Stimmung ein, die ganz oft bei Begegnungen mit anderen Zebra-Fans zu spüren war und mich sehr an die Zeit vor dem Pokalendspiel in Berlin erinnerte. In Gesprächen war die drohende Insolvenz zwar Thema, aber was war daran in Hamburg im Moment zu ändern? Genauso wenig, wie an der Verletztenmisere etwas zu ändern war. Und so schien eine Stimmung zu entstehen, die sich unabhängig machte von der Gegenwart, die wieder enthüllte, dass Fußball mehr ist als das Spiel.

In Hamburg war wieder all das beobachtbar, was jede im Verein handelnde Person überdauert, so es in den Anhängern des MSV Duisburg, egal in welcher Liga spielend, lebendig bleibt. Und das war zu spüren, ob ich nun auf Anhänger der Zebras traf, die in Gruppen unterwegs waren, im Familienverband angereist waren oder sich gar alleine zum Stadion auf den Weg gemacht hatten. Diese Stimmung war entstanden unabhängig vom Alter. Es gab die jugendlichen Fans, die am Samstag eindeutig vorhatten die Nacht zum Tag zu machen. Da waren die Eltern von fast erwachsenen Kindern. Es waren die Rentner da und ihre Frauen.

Die fünf jungen MSV-Fans sammelten und nahmen Pfandflaschen an.

Anschließend fallen mir auch die bekannten Firmenschilder in gelb mit dem blauen Namen Hellmich ein, und ich denke an die rührigen jungen Pfandflaschensammler, die mit allem Einsatz ein Zeichen setzen wollten und niemals in auch mehr als drei Tagen annähernd so viele Flaschen sammeln könnten, um solch eine Summe Geld zusammen zu bringen. Oder ich denke an Chris Schulze, den Stadionsprecher, der mit dabei ist, eine „Retterparty“ am 14.12. in der Alten Feuerwache in Hochfeld zu organisieren. Ab 21 Uhr, Eintritt als Spende von € 5,02.

All das fällt mir ein,  und dann erst ärgere ich mich, weil mir die Geschichte von einem der kuriosesten Unentschieden vom MSV der letzten Jahre nur wegen weiterer drei Tore des FC St. Pauli zur 1:4-Niederlage durch die Lappen gegangen ist.  Was war das für ein unerwartetes Tor durch Benni Kern zum Ausgleich fast mit dem Pausenpfiff. Eine Flanke aus Verlegenheit schlug er in den Strafraum, so hoch und so langsam, dass sie wahrscheinlich von fast allen Zuschauern längst abgehakt war. Wir hatten keinen kopfballgefährlichen Stürmer im Strafraum, wir hatten nicht einmal einen Spieler im Strafraum. Und dann lassen die Verteidiger den Ball für den Torwart durch. Der aber dachte wahrscheinlich, mein Verteidiger wird schon köpfen. Und so titschte der Ball einmal auf und sprang über den Torwart hinweg ins Tor. Großartig! Von diesem Tor mussten sich eine Menge Zuschauer im Stehplatzbereich des Gästeblocks erzählen lassen. Wir standen ganz oben in Vierreihen mit oft sehr eingeschränkter Sicht. Der Umbau des Stadions durch das Unternehmen von Walter Hellmich ist noch nicht vollendet.

Die Hoffnung auf das Unentschieden blieb in der zweiten Halbzeit einige Zeit lebendig. Der FC St. Pauli kombinierte auch nicht sonderlich sicher, viele Pässe gingen ins Nichts. Die Heimfans brauchten die von Michael Frontzeck angekündigte Geduld. Michael Frontzeck konnte darauf setzen, weil seine Stürmer im Strafraum technisch sehr gut waren und so auf engem Raum sich durchsetzen konnten. Diese Durchsetzungskraft fehlte den Spielern der Zebras fast immer. Da gab es keinen der im Eins gegen Eins gefährlich wurde. Aber auch im Zusammenspiel wurde kein Druck entwickelt. Es fehlten die spielerischen Mittel, um gefährlich vor das Tor des FC St. Pauli zu kommen. Dennoch hielt sich die Mannschaft bis zum zweiten Rückstand im Spiel. Das Ergebnis klingt deutlicher als es der Spielverlauf bis dahin erwarten ließ.

Nach der gelb-roten Karte für Zvonko Pamic aber funktionierte die Defensivarbeit nicht mehr zuverlässig. Immer wieder fanden die Spieler vom FC St. Pauli nun die Lücken in der Abwehr, und die Hamburger Spieler genossen es, endlich ihrer Spiellaune nachgeben zu können. Auch deshalb fielen zwei weitere Tore, die Mannschaft hatte nach der gelb-roten Karte wirklich Spaß am Spiel, während die Zebras immer deutlicher ihre Schultern hängen ließen.

Mitzunehmen bleibt als Erkenntnis aber noch das Wissen, mit Roland Müller gibt es einen wirklich guten Torwart im Kader, der auf der Linie unglaublich stark ist. Unfassbar wie er zu Beginn der zweiten Halbzeit einen fulminanten Schuss vom Rand des Elfmeterraums durchs Gewühl hindurch noch hat halten können. Für einen Torwart ist er nicht sehr groß, und deshalb ist zudem zu vermerken, wie sicher und mutig er beim Herauslaufen wirkt. Warten wir ab, ob dieses Wissen über Roland Müller am Freitag noch von Belang für die Zukunft des MSV Duisburg ist.

Und Pressekonferenz mit realistischer, sehr präziser Einschätzung des Spiels von Kosta Runjaic, sowie die Stimmen nach dem Spiel gibt es ja auch noch.

Das wird schwierig in dieser Saison

Meine Dauerkarte lag noch auf dem Küchentisch. MSV-Fans waren die Einbrecher schon mal nicht. Den Stehplatz hätte einer der oder der Einbrecher  ja unerkannt besuchen können. Mitten in der Nacht waren wir nach sieben Tagen Istanbul wiedergekommen, und die Nachbarn erwarteten uns dennoch. Sie wollten uns nicht unvorbereitet, dem Chaos begegnen lassen. Viel gab es bei uns nicht zu holen. Wir sind technisch nicht ganz auf der Höhe der Zeit. So hält sich der materielle Schaden trotz Laptop-Verlust in Grenzen. Was mich umtreibt, und was sich an diesem Freitag wie die Nachricht vom Tod eines nahestehenden Menschen anfühlte, ist der Verlust an Kontrolle über das eigene Leben. Da blieb erst mal nicht viel Platz im Kopf für das Spiel des MSV Duisburg gegen den FC Ingolstadt am Abend. Nach dem Aufräumen brauchte ich noch etwas Zeit für die Entscheidung, mich in dieser gedrückten Stimmung auf den Weg nach Duisburg zu machen. Das Spiel hat sie dann nicht besser gemacht.

Die 0:2-Niederlage gegen den FC Ingolstadt macht es uns schwer, an mögliche Siege des MSV Duisburg zu glauben. Die Zebras hatten nach einer passablen ersten Halbzeit nach der Pause nicht den Hauch einer Chance mehr. Die Grenzen dieser Mannschaft sind so deutlich geworden, und im Moment glaube ich tatsächlich, wir können nur noch auf mehr Glück in der Hinrunde hoffen, um  ein paar Punkte zu holen, bis die Verletzten zurückkommen. Anscheinend ist Kosta Runjaic der Ansicht, Antonio da Silva sei nicht gut genug, um eine spielgestaltende Rolle in der Mannschaft zu übernehmen. Da Silvas Verpflichtung war aber die Reaktion auf die Erkrankung von Jürgen Gjasula, und schon in der letzten Saison hatte der MSV Duisburg nur mit eben Jürgen Gjasula spielerische Qualität erkennen lassen. Wie also soll sich die Mannschaft ohne diese beiden spielerisch behaupten?

Die Stimmung nach Niederlagen in solchen Spielen wie gegen den FC Ingolstadt schlägt sogar in Ärger um, weil der Eindruck entsteht, die Mannschaft habe auch kämpferisch versagt. Doch in so einem Spiel verliert sich der andauernde Kampf, weil der Gegner sich nicht auf Kampf einlässt.  Dazu hatte sich der FC Ingolstadt zu weit zurück gezogen. Das macht den großen Unterschied des ersten Eindrucks zum Spiel gegen Hertha BSC, einem Verein, der das Spiel mitbestimmen wollte. Der FC Ingolstadt wollte nichts mitbestimmen. Dieser Gegner wollte auf die Fehler des MSV Duisburg warten, und damit das Spiel gewinnen. Dieser Gegner machte das deshalb, weil die Mannschaft ihre Konter beeindruckend schnell und präzise ausspielte. Jeder Ballverlust des MSV konnte zur Bedrohung für dessen Tor werden. Die Ingolstädter hatten einen Plan, den sie genau befolgten. Es schien so, als sei ihnen die Ballführung in der Mitte beim Konter verboten gewesen. Bei den Kontern war die Nähe der Eckfahne das Ziel, selbst wenn der Ball sich schon in der Mitte befand und das erste Torgefahr bedeutet hätte. So fiel das 1:0 vielleicht auch deshalb, weil zum Unglück des MSV Duisburg kein Ingolstädter mehr zur Eckfahne mitgelaufen war. Der Abschluss in der Mitte war die Konsequenz.

Diese Schnelligkeit der Ingolstädter nach der Balleroberung sehen wir seit Spielzeiten beim MSV Duisburg nicht als gefestigte Spielweise der Mannschaft. Fast immer erfolgt der Pass nach der Balleroberung nicht sofort in die Spitze, weil der ballerobernde Spieler erst die Übersicht gewinnen muss, wo er Mitspieler findet und dann ist es wie gestern gegen Ingolstadt zu spät. Die nur vorsichtig aufgerückte Verteidigung steht wieder bereit. Im Gegensatz dazu musste die Defensive des MSV deutlich mehr als vorsichtig aufrücken, damit überhaupt Druck auf die Ingolstädter aufgebaut werden konnte.

In der zweiten Halbzeit fand die Mannschaft kein einziges Mittel mehr, den Ball in die Nähe des Ingolstädter Tores zu bringen. Diese Mittel standen in der ersten Halbzeit zumindest zeitweilig zur Verfügung. Es hatte ja die Chance auf die Führung gegeben. Völlig untergegangen in der Nachbetrachtung ist etwa die erste Minute, in der der angelegte Plan des MSV Duisburg so offensichtlich war. Aus dem Halbfeld kommt ein halbhoher Pass in die Sturmspitze auf Valeri Domovchiyski in den Elfmeterraum. Der Verteidiger bedrängt ihn zwar, doch Valeri Domovchiyski kann den Ball annehmen und ist vollkommen frei vor dem Tor. Nur scheint er damit nicht gerechnet zu haben. Er erkennt in diesem Moment seine große Chance nicht, sucht nicht den Abschluss, sondern läuft weiter, ohne den Ball wirklich kontrollieren zu können und gibt dem Verteidiger genügend Zeit, ihn zu stören.  Dabei hat er sich im weiteren Verlauf dieser ersten Halbzeit bei den engen Räumen immer wieder gut behauptet, ehe auch er in der zweiten Halbzeit nicht mehr in Erscheinung trat.

Der MSV Duisburg bekommt in so einem Spiel nicht viele Chancen für ein Tor. Diese wenigen Chancen wurden also entweder nicht erkannt oder vergeben wie um die 35. Minute herum, als kurz nacheinander Benjamin Kern die Latte traf und Ranisav Jovanović an einem überragenden Reflex vom Ingolstädter Torwart scheiterte. Die Spieler wussten um ihre beschränkten Möglichkeiten. Deshalb folgte dem Gegentor der vollkommene Zusammenbruch der Mannschaft. Sie fühlten  Aussichtslosigkeit und ergaben sich dem Schicksal der Niederlage. Das sah dann so aus, als wollten sie sich nicht  anstrengen.  Es ist aber die Lähmung nach vergeblicher Anstrengung, die wir da sahen. Das wenige Selbstvertrauen aus den letzten Spielen war wieder vollends verschwunden. Bezeichnend, dass selbst der eigene Anstoß dann sofort wieder zur Großchance von Ingolstadt wird.

Felix Wiedwald übrigens ist ein verdammt guter Torwart.  Für mich verebbt das Nachdenken über das Spiel hier jetzt. Lähmung als Ergebnis von Kontrollverlust bei den Spielern und bei mir. Also, bewältigen und weiter machen. Was anderes gibt´s mal wieder nicht.

Sicher nach Hause geirgendwast

Im sportlichen Bereich des MSV Duisburg kehrt allmählich Normalität ein. Der 3:1-Sieg gegen den Karlsruher SC entspricht dem, was angesichts der letzten Wochen und  was vor allem angesichts des Tabellenstandes erwartet werden konnte. Wenn ich allerdings die  Stimmen nach dem Spiel lese, war ich vor dem Anpfiff der Zeit etwas voraus. Da klingt bei den Spielern doch auch noch einmal etwas Erleichterung an. Ich hingegen war so entspannt und siegesgewiss wie schon lange nicht mehr ins Stadion gekommen, und das Slapstick-Tor in der 3. Minute bestätigte mein Gefühl auch schnell. Da fliegt ein Ball stundenlang in hohem Bogen vor das Tor, der Ball senkt sich und drei Männer prallen zusammen, während der Ball auf den Kopf des Mannes im blau-weiß gestreiften Trikots fällt. Zum Leidwesen der Karlsruher ist einer der drei Männer der Torwart der Mannschaft, der mutig fast bis an die Strafraumgrenze zum Fausten herausgelaufen ist und dabei Luftlöcher schlägt. So hat der Ball genügend Zeit über ihn hinweg ins Tor zu trudeln. Die Mischung aus Entgeisterung, Amusement und Freude über das Tor um uns herum ist auch nicht oft im Stadion zu sehen.

Was folgte war eine Halbzeit, in der dem KSC  nichts gelang. Gar nichts. Na gut, ein gefährlicher Kopfball ergab sich kurz vor der Halbzeitpause, damit Felix Wiedwald das Gefühl bekam, er müsste auch zum erhofften Sieg beitragen. So schlecht habe ich bislang keine andere Mannschaft in Duisburg gesehen. Wenn ein nach vorne gespielter Ball nicht direkt im Aus landete, so konnten ihn sich die Duisburger Spieler  erlaufen oder durch gutes Stellungsspiel abfangen. Das sah alles einfach aus und musste doch erst einmal konzentriert angegangen sein. Das Spiel nach vorne vom MSV war bemüht, blieb aber ohne kontinuierlichen, größeren Druck. Doch selbst das ergab Chancen, was mehr über die Defensive der Karlsruher aussagt als über die Offensive des MSV.

Die zweite Halbzeit gab uns dann noch eine Anschauung in Sachen Psyche von Mannschaften. Da standen die selben Spieler es KSC auf dem Platz und sie konnten sich zumindest für eine kurze Zeit daran erinnern, wie Fußball gespielt wird. Damit sie so richtig wieder alles im Kopf hatten, musste der MSV allerdings noch ein zweites Tor schießen. Emil Jula war erfolgreich. Danach steigerte sich die Fehlpassquote seiner Mannschaft. Bruno Soares hatte in dieser Phase in einem unbeobachteten Moment anscheinend seine Beine ausgeklinkt und von links auf rechts vertauscht wieder eingehängt. Anders habe ich mir die Streuweite seiner Pässe auf eine Entfernung von fünf Metern nicht erklären können.

Ich ließ  mich aus der Lethargie meiner Siegesgewissheit also doch noch rausholen, regte mich auf und begann angesichts des Anschlusstores der Karlsruher ein drittes Tor für unbedingt notwendig zu halten. Die Abwehrreihe des MSV machte jedenfalls zu diesem Zeitpunkt einen etwas unorthodoxen Eindruck. Da war Markus Bollmann, wahrscheinlich wegen einer Verletzung, ausgewechselt worden. Bei Flanken vor das Tor ging es drunter und drüber, sprich, gestern durfte man mit seiner Leistung zufrieden sein, mehr noch, als er ging, wurde die Mannschaft geschwächt. Wir konnten dankbar sein, dass bei den Karlsruhern Abschlussstärke im Moment auch nicht gerade zu den hervorragenden Eigenschaften der Mannschaft zählt.

Das Tor von Daniel Brosinski zum 3:1 war dann ein technisches Kabinettstück. Von der linken Seite hat er den Ball ins lange Eck geschlenzt. Sehr schön war das anzusehen, nachdem der Ball von ganz rechts über drei, vier Stationen an der Strafraumgrenze entlang gewandert war und man jedes Mal dachte, jetzt, mach es doch. Und tack, war der Ball noch einmal nicht auf sondern parallel zum Tor gespielt. Immer ungefährlicher schien die Schussposition und dann stand da doch Daniel Brosinski. Habe ich es schon einmal geschrieben? Ich glaube. Mir scheint er derjenige zu sein, der vom Trainerwechsel am meisten profitiert. Welch Wandel beim Selbstvertrauen ist nach der Entlassung von Milan Sasic bei ihm zu sehen.Verlierer gibt es durch den Wechsel allerdings auch. Kennt noch jemand Janos Lazok?

Wenn ich darüber hinaus, den Spielkommentar von Jörn Andersen lese, stelle ich fest, Trainer haben es auch schwer, sich zwischen Realität und Hoffnung mit Worten zu äußern. Man träumt dann gerne und hält sich an den wenigen Momenten des Spiels fest, in denen alles anders hätte werden können. So Momente gibt es so häufig bei Niederlagen. Wer aber die Mannschaft des KSC in der ersten Halbzeit gesehen hat, kann nur sagen, da muss viel zusammen kommen, damit diese Mannschaft im Moment nicht verliert. Der MSV ist da sehr viel weiter. Jetzt noch ein Unentschieden in Cottbus – ein wenig schiele ich natürlich auch auf mehr – und dann werden wir mit Gewissheit allmählich die nächste Saison planen können. Das sage ich im Hinblick auf die berühmten Verstärkungen in der Winterpause. Da sollte die erste Frage nach dem Zweck sein. Nach oben ist nichts mehr drin, das Mittelfeld scheint mir mit dieser Mannschaft als gesichert. Da braucht man also nicht überhastet irgendwelche halbgaren Hoffnungsträger gegen die Abstiegsangst verpflichten. Da braucht es Perspektive.

Nur ein wenig „egal wie“ gesiegt

Einen Spieltag lang hat sich der MSV Duisburg wieder auf dem 16. Tabellenplatz befunden, dem Relegationsplatz. Wenn ich meine eigene Haltung dazu genauer in den Blick nehme, ahne ich, wie es einigen Fußballern des MSV Duisburg gehen muss. Diese Fußballer sind mit Hoffnung auf größere Erfolge nach Duisburg gekommen und müssen sich nun damit beschäftigen, andere Ziele zu verfolgen. Ich muss mich immer wieder zur Ordnung rufen. Schnell schleicht sich ein: Eigentlich sind wir ja besser. Ich bemerke eine sich gerne einstellende, grundlose Sorglosigkeit. Ich schaffe mir mit dem Verein meiner Zuneigung das gesicherte Mittelfeld selbst und muss mich dann ermahnen, die Wirklichkeit im Kopf zu behalten.

Um so besser, dass sich gestern durch den Sieg des MSV Duisburg gegen Eintracht Braunschweig inneres Bild und Wirklichkeit angenähert haben. Erneut haben die Spieler gezeigt, sie wissen, worum es geht. Eigentlich gab es diese Bereitschaft zur bedingungslosen Anstrengung, bereits im Spiel gegen den SC Paderborn, als Milan Sasic noch Trainer war. Mit Oliver Reck aber ist das Selbstvertrauen aller Spieler zurück gekommen, und der Mut von allen ist wieder spürbar. Dieser Wandel der Einstellung ist ohne Frage Oliver Reck zu verdanken.

Welch ängstlicher Spieler wurde etwa Daniel Brosinski unter Milan Sasic immer wieder. Seine Laufwege vermittelten oft den Eindruck, das Sprinten ist allein ein Zeichen für die Bank. Es schien zu verkünden, ich setze mich so sehr ein, wie ich nur kann, aber bitte spielt mich nicht an.  Unter Oliver Reck lebt Daniel Brosinski auf. Nicht seine zwei Tore gestern machen dieses Urteil möglich, sondern seine dauerhaft vorhandene Bereitschaft, sich auch auf ungewohntem Weg für den Pass anzubieten und im Spiel etwas zu riskieren.

Egal wie, so sagte Oliver Reck, solle gewonnen werden. Es wurde nur ein wenig egal wie. Schon lange fühlte ich mich nicht mehr so zufrieden wie nach der ersten Halbzeit. Eine Führung mit zwei Toren Unterschied. Das war das glückliche, frühe 1:0, bei dem Daniel Brosinskis Kopf nach Emil Julas scharfer Reingabe dem Ball im Weg war, so dass er nicht anders konnte als zu köpfen. Da war dann das zweite Tor von Daniel Brosinski, nachdem er einen von Emil Jula lang geschlagenen Ball  aus der Luft heraus annimmt, ihn dabei über den Torwart hebt und anschließend ins leere Tor einköpfen kann. Und in diesen ersten 45 Minuten kaum Gefahr für das Duisburger Tor durch die Eintracht.

Dieses „egal wie“ zeigte sich dann vor allem in der zweiten Halbzeit, als die Braunschweiger druckvoller spielten. Doch entweder blieb die Eintracht beim letzten Pass zu harmlos, oder der Abschluss geriet zu ungenau. Eine Ausnahme gab es. Felix Wiedwald parierte den Kopfball. Felix Wiedwald stand an Stelle von Florian Fromlowitz im Tor. Was dieser wohl nicht erwartet hatte und nur schwer ertragen konnte. Er sah sich „mental“ nicht dazu in der Lage, ins Stadion zu kommen. Florian Fromlowitz gehört mit Sicherheit zu den Spielern, die sich ganz andere Vorstellung vom Verlauf der Saison gemacht haben. Nach den Patzern in den letzten Spielen ist die Entscheidung von Oliver Reck nachzuvollziehen. Für Felix Wiedwald war es aber auch ein angenehmes Spiel, um zu debütieren. Die Braunschweiger stellten ihn auf die Probe, ohne ihm alles abzuverlangen.

An Abschlag und Abwurf allerdings sollte er noch stark arbeiten. Die Braunschweiger nahmen seine Bälle oft dankbar auf. Vielleicht wollte er aber auch nur seinen Kollegen Bollmann und Bajic nicht nachstehen. Wobei mir Bajics Fehlpässe als so leichtfertig erscheinen, dass ich sogar schon vermutet habe, ihnen lägen grandiose Spielideen zugrunde, die seine Mitspieler nur noch nicht erkennen können.

Nach den Fehlpässen im Spielaufbau wurde dem Ball sofort im Mannschaftsverband wieder hinterher gegangen. Da war das „egal wie“ der bedingungslose Einsatz um die Kontrolle des Spiels. Dieses „egal wie“ wurde aber nicht zu dem berühmten „dreckigen“ Spiel. Dieses „egal wie“ war nur das Wissen, wir müssen rennen und rennen und rennen. Wie es zu den leichtfertig wirkenden Fehlern kommt, ist nicht so genau auszumachen. Liegt es an mangelnde Abstimmung oder am unzureichenden Spielvermögen einzelner Spieler? In Aachen sah der Spielaufbau jedenfalls besser aus. Trotz der Zwei-Tore-Führung zweifelte ich noch lange am Sieg, und erst nach dem Tor von Zvonko Pamic verschwanden diese Zweifel. In diesem Spiel gegen Eintracht Braunschweig zählt nicht nur das Ergebnis. Es war nur ein wenig „egal wie“ gesiegt. Weil der Sieg gerade trotz der Fehler in der zweiten Halbzeit so deutlich wurde, macht er mich sicher, es wird nicht mehr lange dauern, bis mein inneres Bild und die Wirklichkeit endgültig wieder übereinstimmen.

Die Mannschaft sieht nur auf den Misserfolg

Zwei Ausfälle hatte der MSV Duisburg beim Auswärtsspiel gegen den VfL Bochum zu beklagen. Zumindest Emil Julas schmerzende Achillessehne hatte direkten Einfluss auf das Spiel. Statt seiner versuchte sich Flamur Kastrati  darin, lange und hohe Anspiele zu erlaufen. Zwar hatte die Mannschaft schon mitbekommen, Kopfballduelle gewinnt der Norweger eher nicht, die langen Bälle blieben dennoch in der ersten Halbzeit das bevorzugte Mittel, den Ball in die gegnerische Hälfte zu bekommen. Da wusste die Mannschaft noch nicht so recht, auf welche andere Weise sie nach dem Ausfall von Emil Jula Angriffe versuchen sollte.  Erfolgsversprechen sehen allerdings ganz anders aus.

Dagegen lässt sich sicher darüber streiten, wie mein Ausfall durch eine fiebrige Erkältung sich auf das Ergebnis ausgewirkt hat. Vor Ort konnte ich nicht dabei sein, so blieb mir der Blick aufs TV-Bild. Trotz aller stilistischen Bedenken hätte ich jetzt gerne mit dem Kalauer mitfiebernd weitergemacht. Leider gab es da nicht all zu viel mitzufiebern beim Spiel des MSV Duisburg. Etwas regte sich in mir zum Ende des Spiels hin. Da hätte ich den Spielern gerne zugerufen, merkt ihr denn nicht, wie groß die Angst diese Bochumer ist zu verlieren? Vielleicht fiele mein Urteil auch etwas anders aus, wenn ich die ersten zehn bis fünfzehn Minuten des Spiels nicht noch gesundheitsschlafend im Bett gelegen hätte. In dieser Zeit scheint die Mannschaft des MSV Duisburg ja versucht zu haben, das Spiel zu bestimmen.

Nachdem der VfL Bochum aber das Tor zur Führung erzielt hatte, blieb nichts mehr davon übrig. Das Spiel ist nicht in der letzten Minute verloren worden. Das Spiel wurde in dieser ersten Halbzeit verloren, als ein einziges Gegentor jegliches Selbstbewusstsein des MSV Duisburg pulverisierte. Ich verstehe nicht, wieso der Mannschaft ein Gegentor jegliche Kraft nimmt. Warum hat diese Mannschaft keine Routinen, an denen sie sich erst einmal festhalten kann? Das sind Fragen des Interesses. Ich finde das erstaunlich, lese ich doch von guten Trainingsleistungen, die nicht nur Milan Sasic anführte, sondern auch Nutzer des MSVportals gesehen haben.

Ich habe große Sorgen. Ich sehe keinen Fortschritt bei der Entwicklung einer Spielkultur. Ich sehe keine Fortschritte bei der Entwicklung mentaler Stärke. Ich sehe nichts, woran sich diese Mannschaft halten kann, wenn es schlecht läuft. Und es läuft immer schlecht. Wie soll diese Mannschaft außer durch Zufälle Tore erzielen? Der Ausgleich wurde nicht durch kontinuierlich wachsenden Druck auf die Bochumer erspielt. Der Ausgleich fiel durch einen  Freistoß. Er kam aus dem Nichts.  Und nebenbei: Wer schoß den Freistoß? Es war Benjamin Kern. In dieser schon länger anhaltenden Phase der völligen Verunsicherung braucht es Spieler, die sich ihrer selbst sicher sind. Benjamin Kern ist so ein Spieler.  Er strahlt auf dem Platz das aus, was diese Mannschaft in Gänze vermissen lässt. Kevin Wolze strahlt das aus. Goran Sukalo ebenfalls. Aber diese Ausstrahlung springt nicht über auf die gesamte Mannschaft. Die Angst der Bochumer wuchs nach dem Ausgleich und trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, die Mannschaft des MSV Duisburg gewinnt psychische Energie durch diese so deutlich spürbare Angst des Gegners. Sicher, die Mannschaft erarbeitete sich Chancen. Doch der Blick dieser Mannschaft liegt auf der verpassten Chance. Der Blick liegt nicht auf der Wiederholung von Chancen. Diese Mannschaft ist anfällig für die Enttäuschung. Diese Mannschaft trauert erst immer einen kurzen Moment darüber, dass aus einer Gelegenheit zu einem Tor sich doch kein Tor ergibt. Erst nach diesem kurzen Moment der Resignation wird wieder angegriffen. Dem Gegner wird so für einen Moment Zeit gelassen, sich wieder zu orientieren. Der Schreck des Gegners wird nicht ausgenutzt. Außerdem ist die eigene Anstrengung sich erneut zu motivieren weitaus größer, als wenn die Mannschaft kontinuierlich weiterspielte. Diese Mannschaft denkt zu viel über den Misserfolg nach.

Mit solcher Spielweise wird diese Mannschaft des MSV Duisburg nicht genügend Punkte schaffen, um dem Abstieg zu entkommen. Das ist kein Pessimismus. Das ist Realismus. Im Moment sehe ich bei der Spielweise der Mannschaft keinen Ansatz, um auf bessere Zeiten zu vertrauen. Natürlich kann diese Mannschaft dennoch Spiele gewinnen, und sie kann genügend Spiele gewinnen, um sich am Ende im gesicherten Mittelfeld zu platzieren. Wir können das allerdings nicht sicher glauben, sondern nur erhoffen, weil – und nun alle zusammen im Chor – im Fußball alles möglich ist.

Ich bezweifel übrigens, dass ein neuer Trainer irgendetwas ändern würde. Viel wichtiger wäre das Engagement eines Sportdirektors, der Milan Sasic auf Augenhöhe begegnet und mit dem er sich vertrauensvoll austauschen könnte.  Vielleicht überrascht euch diese Haltung bei meiner Skepsis gegenüber Milan Sasics Handeln in den letzten Wochen. Aber wir haben unter Milan Sasic schon Mannschaften gut spielen sehen. Es geht um das Abgleichen von Ideal und Wirklichkeit des Spielvermögens dieser Mannschaft. Es geht um das Überprüfen, welche Spieler welchen taktischen Anforderungen genügen können. Es geht um das Überprüfen, wo welche Spieler mit ihren Fähigkeiten am besten zu Geltung kommen. All das müsste ein neuer Trainer ohnehin machen. Warum soll es also Milan Sasic nicht mit einem neuen Sportdirektor gemeinsam machen?

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel mit dem Podcast vom letzten Donnerstag

Im Moment gerät der Zebra-Talk zu einem Podcast, über dessen tagesaktuelle Bezüge der Spieltag hinwegrauscht. Es mangelt an Zeit, um Routinen der Produktion und zeitnahen Veröffentlichung zu entwickeln. Während Tina im Urlaub weilt, trafen André und ich uns am Donnerstag vor dem Auswärtsspiel gegen die SpVgg Greuther Fürth und haben erneut das Mikro im „Badezimmer“ der Rheinschafe auf den dort vorhanden Tisch gestellt. Am Sonntag konnte André den Podcast dann auf die Facebook-Seite vom Zebra-Talk stellen. Seit dem ersten hier veröffentlichten Podcast habe ich mich noch nicht damit beschäftigen können, warum mein WordPress-Account mir als mögliche Audio-Dateien zum Hochladen ins Medienarchiv nur Bildformate anbietet und deshalb die mp3-Datei nicht erkennt. Darum gibt es erneut nur diesen Link. Wer möchte, höre also:

Zebra-Talk 5

Mutmaßungen über Benjamin Kern in der RP

In der Netzwelt werden von einem Teil der Anhänger des MSV Duisburg, mich inklusive, schon länger Mutmaßungen über das Verhältnis von Milan Sasic und Benjamin Kern angestellt.  Nun stellt Bernd Bemmann solche Mutmaßungen im klassischen Printmedium Rheinische Post auch einer netzfernen Öffentlichkeit vor. Er führt all die Fragen auf, die hier und anderer Stelle auch schon mal aufgeworfen wurden, nachdem der Spieler nur noch in der 2. Mannschaft spielen durfte.  Da springt jemand Benjamin Kern bei, um dessen Ruf zu stärken. Ich kann das verstehen.


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