Posts Tagged 'Bergbau'

Halbzeitpausengespräch: Bergbau in Lyrik, Prosa und Reportagen

Das Erinnern gehört zum Abschied. Über den Steinkohlebergbau wurde so viel schon lange nicht mehr berichtet und gesprochen wie im letzten Jahr, als sein Ende in Deutschland nahte. Nun ist die Arbeit unter Tage Geschichte. Nun wird die Lebenswirklichkeit dieser Arbeit in Deutschland endgültig nur noch erinnert. Sie ist eine Sache der Worte geworden. Die Gegenwart findet jeweils neue Worte und wird in Zukunft auf alte Worte zurückgreifen müssen. Denn über die Wirklichkeit des Steinkohlebergbaus wurden über die Jahre immer wieder Texte geschrieben und veröffentlicht.

Es wurde in Reportagen berichtet. Prosa wurde über die Arbeit geschrieben, und es entstanden Gedichte. Arnold Maxwill hat in drei Bänden solche Texte über den Steinkohlebergbau gesammelt herausgegeben. „Schlot, Schacht, Arbeitslandschaft“ heißt die Sammlung von Berichten und Reportagen. In „Seilfahrt, Siedlung, Schwielenhand“ ist Prosa gesammelt, also kurze Erzählungen und Ausschnitte aus Romanen. Im dritten Band „Grube, Grus, Gedinge“ sind Gedichte zu finden.

Es gibt eine Gemeinsamkeit aller gesammelten Texte über die unterschiedlichen Form hinweg. Diese Gemeinsamkeit ist die notwendige Haltung der Schreibenden zur körperlichen Arbeit unter Gefahr. Ohne diese Haltung entstand kein Text. Alle Autoren und die wenigen Autorinnen sahen sich vor die Aufgabe gestellt, sich auf diese körperliche Arbeit zu beziehen. Meist richtete sich die Aufmerksamkeit also auf die schweren Arbeitsbedingungen unter Tage, auf lebensbedrohliche Gefahren, auf die Belastung, denen Männerkörper ausgesetzt waren, auf die notwendigen Eigenschaften der Arbeiter. Die Wertung der jeweiligen Stimmen war dabei unterschiedlich. Heroische Schilderungen von Arbeiterkraft gab es ebenso wie den dokumentarischen Realismus, der den Blick auf Opfer richtete und aufrütteln sollte, um Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Gerade im Prosaband finden sich fast ausschließlich Texte, mit denen die Autoren versuchen die Arbeit selbst zu schildern. Dagegen führen einzelne Berichte und Reportagen führen über die Arbeitswelt hinaus. In diesem Band gibt es auch die Lebenswirklichkeit der Bergleute außerhalb der Zechen. Gedichte waren Klage, sollten trösten oder feierten Arbeiter als Helden für die Gesellschaft. Der Gedichtband gefällt mir am besten, weil hier am meisten zu entdecken ist. Wer sich schon immer für die Lebenswirklichkeit im Ruhrgebiet interessierte, wird viele der Prosatexte und Reportage kennen.

Die drei Bände sind liebevoll gestaltet, und Arnold Maxwill hat jeweils drei ausgezeichnete Nachworte geschrieben. Er ordnet die Texte literaturgeschichtlich und historisch ein. Er macht aufmerksam auf Haltungen hinter den Texten und auf den Bezug zur Lebenswirklichkeit, die es zur Entstehenszeit gab. Arnold Maxwill hat, als Nachwort versteckt, gleichsam Grundlagenartikel zur Arbeiterliteratur des Ruhrgebiets geschrieben. Inhaltlich so reich und zugleich konzentriert habe ich solche Texte bislang nicht gelesen.

Schlot, Schacht, Arbeitslandschaft

 

Arnold Maxwill (Hrsg.): Schlot, Schacht, Arbeitslandschaft
Berichte und Reportagen zum Ruhrgebiet
272 Seiten
14,95 Euro
ISBN: 978-3-8375-1956-3

 

 

Grube, Grus, Gedinge

 

Arnold Maxwill (Hrsg.): Grube, Grus, Gedinge
Gedichte zwischen Flöz und Förderturm
272 Seiten
14,95 Euro
ISBN: 978-3-8375-1954-9

 

 

Seilfahrt, Siedlung, Schwielenhand

 

Arnold Maxwill (Hrsg.): Seilfahrt, Siedlung, Schwielenhand
Prosa aus dem Kohlenrevier
272 Seiten
14,95 Euro
ISBN: 978-3-8375-1955-6

 

Mit den Links gelangt man auf die Seite vom Klartext-Verlag mit den Verlagsinformationen zu den Büchern.

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Akzente 2017 inoffiziell – Als der Bergmann Heinrich Kämpchen ab 1890 zu dichten begann

Momentan finden die  38. Duisburger Akzente statt. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Berufsinvalidität bringt Zeit fürs Dichten. Diese Kurzformel verweist auf das lyrische Werk des 1847 im heute zu Essen gehörenden Burgaltendorf geborenen Bergmanns Heinrich Kämpchen – zu Wikipedia geht’s per Klick. Er war einer der ersten Arbeiterdichter, die mit ihren Worte nicht nur agitieren wollten. Ihm ging es nicht um die Lyrik als Mittel zum klassenkämpferischen Zweck. Er wollte sich selbst ausdrücken. Unweigerlich bekamen seine Gedichte deshalb einen bürgerlicheren Ton, auch wenn sie das Leid und Schicksal von Bergleuten aufgriffen. Er schrieb wie bürgerliche Dichter über die Natur als Gegenwelt zur Arbeit. Er schrieb über Gefühle. Sein dritter Gedichtband aus dem Jahr 1909 steht bei Wikisource online.

Hier veröffentliche ich ein früheres Gedicht über das Leben als Bergmann.

Ideal und Prosa

Wer nie im Schacht die Keilhau schwang,
Wer nie, vom Pulverdampf umgeben,
Nach Luft und Atem röchelnd rang,
Der kennt dich nicht, du Bergmannsleben.

Man wirft uns in die Gruft hinein,
Wer bürgt, daß nicht zerschmettert färben
Wir unten blutig das Gestein?
Es geht auf Leben und Sterben.

Und wer den Bergbau besang
Und wer ihn pries in Melodieen,
Er wolle nur zwei Monde lang
Mit uns durch seine Grüfte ziehen.

Er habe nur wie wir im Schacht,
Durchleuchtet nie von Tageshelle,
So manche schwere Schicht vollbracht,
Den bleichen Tod als Mitgeselle.

Und meinen Kopf setz ich zum Pfand,
Ihm sind die Lieder ausgegangen –
Das Schaumgold ‚Ideal‘ verschwand
Dort, wo die ‚Prosa‘ angefangen.

 

Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms 2017 im Zebrastreifenblog.

Halbzeitpausengespräch: Junges Licht – Die Ruhrstadt der 60er im Kino

Gestern hat für Junges Licht von Adolf Winkelmann die dritte Kinowoche begonnen. Den Film über eine Bergarbeiterfamilie zu Beginn der 1960er Jahre in der Ruhrstadt sahen in den bisheringen 14 Tagen Laufzeit laut Produzentenallianz.de 24.000 Kinobesucher, davon 5.100 in der zweiten Woche. Das könnten ruhig noch ein paar mehr Kinobesucher werden. Zeit für ein paar weitere hinweisende Worte nach den sehr guten Kritiken zum Filmstart, die Google News mit einem weiteren Klick auflistet.

Als Vorlage für Junges Licht hat Adolf Winkelmann der gleichnamige Roman von Ralf Rothmann gedient. Ein Autor der Geschichten des Ruhrgebiets hat für seine Worte jenen Filmemacher des Ruhrgebiets bekommen, der für diese Worte berührende und ausdrucksstarke Bilder fand, der ein bis in die Nebenrollen großartig besetztes Schauspielerensemble zusammenstellte und der  atmosphärisch dicht die Wirklichkeit um 1960 herum wieder erweckte.

Eine starke, vorwärtstreibende Handlung darf man nicht erwarten, wenn man sich diesen Film ansieht.  Junges Licht erzählt nicht mehr als den Alltag der Ruhrstadt jener Zeit vor allem aus der Perspektive des zwölfjährigen Julian Collien, und das ist vollauf genug. Sein Vater arbeitet unter Tage, die Mutter ist in ihrer Ehe frustiert. Für seine kleine Schwester ist er öfter verantwortlich als ihm lieb ist. Kinder sind damals meist sich selbst überlassen und erhalten Aufmerksamkeit dann, wenn sie den Ablauf des Alltags stören. Aufmerksamkeit bedeutet die Tracht Prügel von der Mutter mit dem Kochlöffel, bis der zerbricht.

Wir erleben mit Julian Collien seine in Teilen schmerzhafte Emanzipationsgeschichte. Einige Sehnsüchte bestimmen sein Leben, vielem ist er einfach ausgesetzt. Für Erwachsene hat er kaum Mitspracherecht. Das 15-jährige Nachbarsmädchen spielt mit seinem erwachenden Interesse für das andere Geschlecht. Einer „Bande“ möchte der empfindsame Julian angehören, einer Welt, die ihm eigentlich fremd ist und in der er ausgenutzt wird. Der Hausbesitzer sucht auf verstörende Weise seine Nähe. Viel wird in Junges Licht nur angedeutet. Manche Nebenlinie bleibt offen. So schafft Adolf Winkelmann Raum für Atmophäre. Wer die direkte Sprache und den trockenen Humor des Ruhrgebiets liebt, wird an den Dialogen seine helle Freude haben. Allein das musikalische Leitmotiv dieses Films riss mich aus der dichten Atmosphäre des Films kurz hinaus, sobald es erklang. Es wirkt auf mich zu modern, zu schnell und nicht stimmig.

Es ist nichts Neues, welch großartiger Schauspieler Charly Hübner ist, aber wie ihm das Sprechen des Ruhrgebiets als Julians Vater, Walter Collien, über die Lippen kommt, ist erstaunlich. Man kann es kaum glauben, dass solch eine selbstverständliche Ruhrpott-Färbung jemand spricht, der in Neustrelitz, im Nordosten Deutschlands, aufgewachsen ist. Lina Beckmann als dauerrauchende Mutter Liesel Collien beindruckt so sehr wie der junge Oscar Brose in der Rolle Julians. Man müsste sie alle bis in die Nebenrollen erwähnen diese Schauspieler, weil sie jede Szene für sich genommen so berührend, manchmal komisch, immer kraftvoll und lebendig haben werden lassen. Egal ob Greta Sophie Schmidt, die die 15-jährige Marusha auf der Grenze zwischen mädchenhafter Naivität und weiblicher Verführung spielt; ob Peter Lohmeyer,  der die pädophile Neigung des Hausbesitzers so subtil in der Schwebe hält oder Ludger Pistor als polternder Pfarrer, dem seine Berufung manchmal auch nicht mehr ist als lästiger Berufsalltag.

Doch wie gesagt, zunächst muss man sich auf das langsame Erzählen und das Fehlen eines starken Plots einlassen. Wäre der Film in Frankreich produziert worden, würde man solch ein Erzählen auch unabhängig von der Kritik als ureigene Qualität des Films wahrnehmen. Ohne Frage hätte das Gütesiegel Frankreich schon für mehr Zuschauer gesorgt. Noch läuft der Film in den Kinos – Junges Licht eigentlich ein Pflichtprogramm für Ruhrstadt-Kinogänger.

Im Wikipedia-Artikel zu Junges Licht ließe sich vorab noch weitere Eindrücke von Handlung und Kritik gewinnen.

Zudem der Trailer zum Film

 

Und eine der berührendsten Szenen des Films – das Vater-Sohn-Gespräch über die Zukunftsvorstellungen von Julian

 

 

Lesen, lesen, lesen! – Zechenkinder von David Schraven

Mit das Schwerste beim Schreiben sind erklärende Worte für die eigene Begeisterung. Am liebsten wäre es mir, für „Zechenkinder“ von David Schraven glaubt ihr einfach ohne weitere Gründe so eine Art Klappentext-Megaloblyrik á la „Die vielen Stimmen der Bergmänner finden zu einem beeindruckenden Gesang auf die Revier-Vergangenheit zusammen“ oder prosaischer „Wunderbarer Lesegenuss für Menschen- und Revierfreunde“.  Vielleicht auch: „Großartige Worte über eine fast vergangene Zeit, ohne die Gegenwart aus dem Blick zu verlieren!“

Wenn ihr mir das einfach mal glaubt, könnte ich mich wieder meiner Begeisterung hingeben, mich vom Klang der Sprache der von David Schraven interviewten Bergmänner in die Wirklichkeit hinein ziehen lassen, in der ich aufgewachsen bin – eine Wirklichkeit, die im Ruhrgebiet der Gegenwart beim Umgang der Menschen miteinander so oft weiterhin lebendig ist. Aber das nutzt ja alles nichts, hier kommen schließlich auch immer wieder mal  Leute vorbei, denen meine Begeisterung als Argument für die Lektüre von „Zechenkinder“ nicht genügen wird.  Dabei verdient das Buch von David Schraven jede Unterstützung.

In „Zechenkinder“ lässt David Schraven 25 Bergleute selbst zu Wort kommen. Was sie über ihr Berufsleben im Besonderen und ihre Haltung zum Leben, zur Welt im Allgemeinen erzählen, hat er aufgezeichnet und zu einem O-ton-nahen Fließtext verdichtet. Drei bis sieben Seiten sind diese Erzählungen lang. Der älteste Bergmann ist Jahrgang 1932, der jüngste Jahrgang 1971. Sie haben in unterschiedlichen Funktionen auf Zechen gearbeitet. Die verschiedenen Bereiche ihres Berufslebens sind der Grund für ihr Erzählen über die Welt. Beeindruckende Portraitfotos von Uwe Weber sind den Texten vorangestellt, eine kurze Fotoreportage von ihm über den Bergbau leitet das Buch ein. Diese Fotos verweisen auch auf die liebevolle Ausstattung des Buches. „Zechenkinder“ ist ein Fest für bibliophile Leser.

David Schraven wollte ein „Bild von den Zechenkindern zeichnen: offen, ehrlich und ungeschönt“. Dieses Vorhaben ist ihm in jeder Hinsicht großartig gelungen. „Zechenkinder“ ist aber noch sehr viel mehr geworden. Ein einzige Stimme nur erzählt in diesem Buch in ausschließlich biografischer Perspektive. Alle anderen Erzählungen verweisen über das eigene Leben hinaus. In allen anderen Erzählungen ist das eigene Erleben nur Anlass, um Einblicke in andere Welten zu geben. Natürlich wird über das Leben unter Tage berichtet. Wehmut klingt manchmal an, wenn an den Zusammenhalt in den 1950ern und 1960ern erinnert wird und an die harte Arbeit damals, die die „einzige Währung“ war, die zählte. Deshalb wurden Ex-Nazis unter Tage in Ruhe gelassen.

Die 1970er Jahre werden lebendig. Konkurrenzdruck wird zum Thema, und heil ist die Welt des Bergbaus nicht mehr für alle. Über Zechenschließungen können die Gewerkschafter unter den Bergleuten viel erzählen. Bis in die Gegenwart hinein führen die Erinnerungen, die Einblicke in die Wirklichkeit von Politik und Gewerkschaftsarbeit geben. Da mangelt es ebenso wenig am harschen Urteil über EU-Kommissar Günter Oettinger wie am lebendigen Erzählen über die explosive Stimmungen unter den Kumpels Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er.

Ein Kapitel versammelt zudem all die „Zechenkinder“, die in die Welt hinaus gekommen sind. Sie arbeiteten in Russland oder nahmen in China an der Weltmeisterschaft der Bergleute teil. Manche Bergleute verließen aber auch schon früh die Zechen und kamen in anderen Berufen und Milieus der deutschen Gesellschaft unter. Dennoch blieb die Arbeit auf Zeche für sie eine prägende Erfahrung.  David Schraven gelang mit „Zechenkinder“  mehr als er zunächst vorhatte. Im Buch findet sich  die Auslandsreportage ebenso wie die Milieustudie. „Zechenkinder“ wurde zum Geschichtsbuch. Es ist Heimatbuch, und natürlich ist es auch ein wunderbares Buch über die Menschen des Ruhrgebiets.

Zechenkinder

David Schraven
Zechenkinder
25 Geschichten über das schwarze Herz des Ruhrgebiets.
Mit Fotografien von Uwe Weber
Ankerherz, Hamburg 2013
ca. 230 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
Leineneinband mit Prägung
inkl. E-Book
ISBN-13: 978-3-940138-54-5
24,99 EUR

Have you really known this teammate of Lionel Messi?

„HE won a title in his homeland Brazil, is a former teammate of Lionel Messi, and learned his craft in three of the most competitive leagues in Europe.“ One of this „most competitive leagues in Europe“ is the deutsche 2. Liga, und der Verein, in dem er spielte, waren die so called Zebras. Der, von dem der Newcastle Herald sich ganz angetan zeigt, ist Tiago. Er spielte mit dem 17-jährigen Lionel Messie Messi in der B-Mannschaft vom FC Barcelona zusammen. Wie oft? Keine Ahnung. Aber ein Spiel reicht allemal aus, damit das strahlende Licht des Weltstars den neuen Spieler der Newcastle United Jets  noch ein wenig attraktiver wirken lässt. Das sind esoterische, von uns nicht wirklich verstandene Prozesse, die aus Tiago nun einen noch besseren Spieler machen. Das Putzen der Schuhe eines Weltstars hat dagegen zwar denselben Nachrichtenwert, weckt aber weniger Hoffnung auf Einflüsse beim Leistungsvermögen eines Fußballspielers. Tiagos Newcastle befindet sich übrigens in Australien, und Tiago ist auch wegen seines Heimwehs dorthin gewechselt. Heimweh nicht nach Brasilien, Heimweh nach Duisburg. Es dauerte einige Zeit, bis er mit den Newcastle United Jets  einen Verein in einer Stadt fand, in der die lebendige Geschichte von Kohle und Stahl seinem Defensivspiel zur alten Klasse verhelfen soll.

Zum Glück ist Wacker nicht der Spielverein – Teil 1

Hans F. (* 1939)

Es muss 1954 gewesen sein, als ich das erste Mal beim MSV war. Da spielten die noch auf der Westender Straße. Da war noch das alte Stadion. Der MSV spielte in der Oberliga. Das war ja die höchste Liga, und da habe ich erstmal richtig Fußball gesehen … wie Fußball gespielt wurde. Da kamen ja auch die ganzen Vereine wie Rot-Weiß Essen, Westfalia Herne und alles und vor allen Dingen waren zu der Zeit schon diese vielen Zuschauer bei den Spielen. Ich glaube, in das Stadion gingen ja 20.000 Zuschauer rein. Das war schon enorm für mich. So was hatte ich ja noch nie gesehen. Ich kam ja … wie sagt man …sagen wir mal, von so einem Klüngelsverein. Da waren ja höchstens an die fünfzig, sechzig Zuschauer immer. Das war noch in Schleswig-Holstein, so ein Dorfverein.

Nach Duisburg waren wir ja gekommen, weil mein Bruder hier auf der Zeche Arbeit bekommen hatte. Die vom Bergbau sind damals durch die Gegend gefahren und haben Reklame gemacht. Die waren damals überall, in den Städten und so und auch in Schleswig-Holstein, und aufgrund dessen hat mein Bruder sich gemeldet. Und weil mein Bruder jetzt hier unten war, konnten wir auch umsiedeln. Wir waren ja sowieso noch drei Kinder, die noch Arbeit suchten und aufgrund dessen sind wir dann hier runter gezogen – in den Kohlenpott.

Ich komme ja eigentlich aus Schlesien und nach Schleswig-Holstein sind wir nach dem Krieg gekommen. Wir mussten ja unsere Heimat verlassen. Da kam an einem Tag die SS, und da hieß es, sofort hier weg, nur das Nötigste mitnehmen, in sechs Wochen seid ihr wieder zu Hause. Aber drei Monate später waren wir in Schleswig-Holstein. Da sind wir dann für neun Jahre gelandet. Als kleines Kind hatte ich in der Nähe von der Schneekoppe gelebt. Nachdem wir da weg mussten, haben die uns in den ersten zwei Tagen auf diesen großen Lkws durch die Gegend gefahren und dann war auf einmal Schluss. Da waren die Russen vor uns. Die ganzen Soldaten haben reißaus genommen, und dann ging´s zu Fuß weiter – bis zu so einem Aufnahmelager. Da wurden wir dann entlaust, und von da aus wurden wir verteilt. Wir mussten nach Schleswig-Holstein. Da habe ich mit meiner Mutter und meinen drei Brüdern neun Jahre auf einem Bauernhof gelebt, und da bin auch zur Schule gegangen.

Und dann erst kam Meiderich wegen meinem Bruder. In Meiderich musste ich noch ein Jahr zur Schule gehen, weil ich in Schleswig zu spät eingeschult wurde. Als wir in Meiderich ankamen, wollte ich auch sofort den Meidericher Spielverein sehen. Weil ich vorher immer schon die Zeitung gelesen hatte mit den ganzen Tabellen vom Fußball, deshalb kannte ich den Meidericher Spielverein. Da bin ich dann los und hab einen auf der Straße gefragt, wo spielt der Meidericher Spielverein? Ja, und da hat der mich nach Meiderich-Berg geschickt. Zu Wacker Meiderich! Ich weiß noch, da bin ich von Mittelmeiderich aus durch den Tunnel durch. Der hatte gesagt, wenn du da durchkommst, direkt links, hinter dem Berg, da ist der Platz. Ooh, was war ich erschrocken. Da hatten wir ja da oben in dem Dorf einen besseren Sportplatz. Das Spiel habe ich mir angeguckt. Und auch das Spiel, das war genauso wie da oben auf dem Dorf. Ich bin wieder nach Hause, und auf dem Weg nach Hause da traf ich einen Schulkollegen, und den habe ich gefragt: „Hör mal, das ist doch nicht der Meidericher Spielverein?“ „Ne!“, hat der gesagt, „Wart mal Sonntag, dann gehen wir beide auf den Platz.“ Ja, und dann hat er mich dann zur Westender Straße mitgenommen.

Bei dem ersten Mal haben wir dann Eintritt bezahlt, aber später sind wir auch viel über den Zaun geklettert. Auf einer Seite waren ja nur Gärten, und da sind wir dann rüber gekrochen und haben uns da reingemogelt. Und ich hatte nachher das große Glück, dass bei mir in der Klasse der Peter Danzberg war und der spielte ja in der A-Jugend beim MSV. Wir waren gut befreundet, und der hat mich immer mitgenommen. Da bin ich auch zu den Spielen mit, wo die gespielt haben, sagen wir mal nach Hamborn. Da bin ich dann überall mitgefahren – immer mit der Straßenbahn.

So bin ich beim MSV geblieben. Da wollte ich auch mal zur Leichtathletik rein. Aber da war so ein blöder Trainer. Der hat Sprüche losgelassen … das fand ich nicht in Ordnung. Wenn du neu bist, und wenn sich dann einer so ausdrückt … ich will die Wörter gar nicht wiederholen, die der alle zu mir gesagt hat. Da habe ich gesagt, der kann mich mal. Tschüss, und weg war ich. Dann bin ich zu diesem Turnverein in Meiderich, wie hieß der noch, ich komm jetzt nicht auf den Namen, und von da bin ich zum Ruhrorter Turnverein. Aber zum Fußballgucken bin ich immer noch zum MSV gegangen. Da bin ich noch lange hingegangen. Dann habe ich anfangs auch noch Bundesligaspiele gesehen … danach aber irgendwann nicht mehr … nicht im Stadion.

Aufgezeichnet von Kees Jaratz
Und ab ins Fan-Gedächtnis …


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