Posts Tagged 'Bildungsdiskussion'

Was haben Straßenfußball, Ausdrucksfähigkeit und Sparen der Kommunen miteinander zu tun?

Straßenfußballer gibt es keine mehr in Deutschland, hieß es vor einigen Jahren. Schon damals war das Unsinn. Die Straße voller Autos statt Fußball spielender Kinder war nur ein medienwirksames Bild für die unzureichenden spielerischen Fähigkeiten deutscher Fußballer bei Länderspielen; ein Bild, das auch deshalb gerne verwendet wurde, weil es beim DFB und den Fußballvereinen des Profibetriebs das sichere Wissen erträglich machte, während der Ausbildung von Nachwuchsfußballern Fehler begangen zu haben.

Straßenfußballer gab es damals, und sie gibt es immer noch. Im Duisburger Norden habe ich im letzten Jahr eine Straßenmannschaft kennengelernt. Das waren fünf Jungen zwischen zwölf und fünfzehn Jahren, die sich im Jugendzentrum „Zitrone“ regelmäßig trafen, sich als Mannschaft verstanden und ihr Fußballspiel untereinander an manchen Tagen Training nannten. Diese Jungen spielten nur nicht auf der Straße sondern im Hof dieses Jugendzentrums. Am Bild vom verschwundenen Straßenfußballer war nämlich eines richtig. Die Straße ist heute nur noch selten organisatorischer Kern eines anarchischeren, vereinsunabhängigen Fußballspiels. In den Städten sind oft die Jugendzentren an die Stelle der Straße gerückt. Denn eines ist für ein Fußballspiel unabdingbar, irgendwo müssen sich Jugendliche zunächst einmal treffen, wenn sie Fußball spielen wollen.

Die Mitarbeiter dieses Jugendzentrums sorgen also für die Möglichkeit zum Fußballspiel von Jugendlichen, für die die Mitgliedschaft in einem Verein fern liegt. Irgendjemand muss sich nämlich um den Eintritt in so einen Sportverein kümmern. Das sollte eigentlich die Aufgabe von Eltern sein, doch es gibt in den Großstädten dieses Landes inzwischen Stadtteile, in denen Kinder schon sehr früh in ihrem Leben sich selbst überlassen werden. Eine größere Öffentlichkeit bemerkt das meist nur dann, wenn Katastrophen wie der Tod eines Kindes geschehen.

Wer sich im Ruhrgebiet auskennt weiß, besonders in den nördlichen Stadtteilen der Region wachsen Kinder unter schwierigen sozialen und ökonomischen Bedingungen auf. In diesen Stadtteilen werden Jugendhilfe-Einrichtungen wie das Jugendzentrum „Zitrone“ schnell zu Familienersatz, Kinderrestaurant, Sportmöglichkeit, Berufsberatung und Nachhilfeinstitut in einem. Ich habe die „Zitrone“ vor fast vier Jahren kennen gelernt, als ich einen vom Jugendzentrum verantworteten Theaterworkshop für ein Buchprojekt beobachtend begleitet habe. So gebe ich gerne zu, wenn ich über dieses Jugendzentrum schreibe und es als Beispiel für die Arbeit von Jugendzentren überhaupt nutze, bin ich Partei. Mit der „Zitrone“ hat sich für mich ein regelmäßiger Kontakt ergeben, und zurzeit führe ich dort eine Schreibwerkstatt durch, in der jener von mir zu Heiligabend veröfffentlichte Liebesbrief an den Fußball entstanden ist. Ohne die Initiative des Jugendzentrums hätte es die Kooperation mit den Schulen nicht gegeben und die Schreibwerkstatt als zensurfreier Raum wäre nicht entstanden. Dort erleben Schüler ihre Sprache nicht mehr als für eine gute Zensur nicht ausreichendes Mittel, sondern als Möglichkeit sich selbst und die eigenen Ideen verständlich zu machen. Wer das möchte, verbessert seine Ausdrucksfähigkeit automatisch.

Die Arbeit dieses Jugendzentrums ist nun bedroht durch die finanzielle Situation der Stadt Duisburg. Vor Ort weiß es wahrscheinlich jeder, umfassende Sparmaßnahmen sind notwendig. Zurzeit liegt dem Rat der Stadt Duisburg eine Vorschlagsliste zu diesen Sparmaßnahmen vor. Werden diese Sparpläne in Bezug auf die Jugendhilfe Wirklichkeit, wird die soziale Arbeit mit Jugendlichen dort unmöglich, wo sie am nötigsten ist. Geld das an dieser Stelle gespart wird, kostet die Bürger wenige Jahre später das Doppelte und Dreifache, wenn Jugendliche ihre Zeit ohne Orientierung durch Erwachsene verbringen müssen.

Nun frage ich mich, ob die öffentliche Diskussion in der Stadt über die notwendigen Sparmaßnahmen in Duisburg überhaupt stattfindet. Ich schreibe das allerdings mit Vorbehalt, weil ich mich meist maximal zwei Tage in der Woche in Duisburg aufhalte. Sollte ich also etwas übersehen haben, lasse ich mich nur allzu gerne korrigieren.

Es war im Dezember, als zum ersten Mal eine Zeitungsmeldung zu diesen Sparmaßnahmen veröffentlicht wurde. Damals hatte es eine von der politischen Führung der Stadt einberufene Beratungsrunde gegeben, aus der erste Überlegungen zu den Sparplänen bekannt wurden. Mir fiel damals sofort auf, dass an oberster Stelle der möglichen Sparmaßnahmen die Jugendhilfe und die Kultur standen. Alleine der ehemalige Oberbürgermeister Josef Krings reagierte sofort auf die Bekanntgabe der Sparpläne und blieb aus Protest der VHS-Jubiläumsfeier fern. Andere Reaktionen darauf blieben lange Zeit so gut wie aus. Nun gibt es aktuell ein paar einzelne Stimmen, die sich für einzelne Projekte stark machen, aber ich erlebe das nicht als öffentliche Diskussion um die Bedeutung der Kultur etwa für die Stadt Duisburg.

In Köln hatte ich kurz zuvor etwas anderes erlebt. Dort machte der Stadtkämmerer seine Überlegungen zur Kürzungen des Kulturhaushaltes öffentlich. Sofort ergab sich eine Diskussion im Kölner Stadt-Anzeiger, verschiedene Personen des Kölner Kulturlebens nahmen Stellung, einzelne Bürger schrieben Leserbriefe und schließlich betonte sogar Oberbürgermeister Jürgen Roters die besondere Bedeutung der Kultur für Köln und dass dies bei allen notwendigen Sparmaßnahmen zu berücksichtigen sei.

Gibt es diese besondere Bedeutung der Kultur trotz aller Lippenbekenntnisse der Politiker vor und im Kulturhauptstadtjahr 2010 in Duisburg nicht? Natürlich geht es letztlich um Geld für das einzelne Projekt. Aber vorher geht es darum in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür zu wecken, was diese einzelnen Projekte als Teil von Kultur für das Leben in Duisburg bedeuten. Für dieses Leben in Duisburg haben Kultur und Jugendhilfe dabei eine ähnliche Bedeutung. Nicht umsonst wurden beide Bereiche nach jenem ersten Politikergespräch im Dezember in einem Atemzug genannt.

Weiß Duisburg etwa um die Bedeutung jenes Kulturangebots rund um den Dellplatz? Weiß Duisburg als Stadtteil der Kulturhauptstadt RUHR.2010 darum, dass in Jugendzentren Kinder mit grundlegenden Kulturtechniken vertraut gemacht werden? Wenn ich die Reaktion auf diese ersten Gedanken zu den Sparmaßnahmen betrachte, habe ich das Gefühl, selbst die politisch Verantwortlichen der Stadt wissen das nicht.

Was die Sparmaßnahmen in der Jugendhilfe angeht, so haben verschiedene Verbände der Jugendhilfe zu einer Protestkundgebung am morgigen Freitag um 16.30 Uhr vor dem Duisburger Rathaus aufgerufen. Mir ist klar, dass die anvisierte Summe Geld tatsächlich eingespart werden muss. Ich hoffe für Duisburg sehr, dass Kultur und Jugendhilfe so wenig wie möglich zu dieser Summe beitragen werden.

Geist und Seele des Spiels

Ich spiele gerne Fußball, weil es mir sehr viel Spaß macht und man da sehr viel laufen muss und weil ich immer für meine Mannschaft da bin. Ich lasse keinen von denen hängen.
Ich liebe Fußball spielen mehr als meine Freundin. Ich würde alles machen für einen dummen Fußball.
Ich kann gar nicht beschrieben, wie ich Fußball liebe. Da fehlen mir die Wörter.
Aber eins kann ich sagen, wenn ich Fußball spiele, habe ich immer die Beine auf, weil ich immer weggetreten werde oder ich grätsche immer rein.

M. Sch., 16 Jahre

Eigentlich wollte ich mir gar nicht so vorkommen wie die Priester bei ihren Predigten vor der Weihnachtsgemeinde. Doch unweigerlich kommen mir beim Lesen dieses Liebesbriefs an den Fußball jene Gedanken vom Geist und von der Seele dieses Weihnachtsfestes Sports. Im besten Fall wird auch im Unterhaltungsbetrieb Fußball darum gerungen, von diesen Ursprüngen möglichst viel lebendig zu halten. Das gelingt nicht immer und ich habe das Gefühl, das Publikum des Fußballs wird immer uneiniger darüber, was denn als Zeichen für dieses Gelingen deutbar ist. Braucht es für diese Orientierung öfter Sätze über den ursprünglichen Geist und die Seele des Spiels? Und wer soll solchen Sätzen zuhören? Wo sind die Guten und die Bösen? Ich bin mir da nicht sicher.

Darüber hinaus gibt es über den Entstehenszusammenhang dieser Worte eines Duisburger Jugendlichen noch einiges zu sagen. Das sind dann Sätze, bei denen ich mir ganz sicher bin. Dann geht es um die unzähligen Bekenntnisse zur Bildung, zur Jugendhilfe und um die finanzielle Not der Kommunen. Wer auf Bundesebene nichts bezahlen muss, kann schön reden. Wer auf kommunaler Ebene sparen muss, sieht sich als erstes die Kultur- und Jugendhilfeeinrichtungen an. Dazu nach Weihnachten mehr, sonst wird aus der Vorfreude aufs Familienfest ganz schnell schlechte Laune.

Ach?! Auch Schule ist wie Fußball?

Das war mir bislang noch nicht aufgefallen. „Schule ist wie Fußball“. Das lese ich gerade in einem Leserbrief der Süddeutschen Zeitung, der sich gegen die Forderung wendet, das dreigliedrige Schulsystem müsse reformiert werden. Da heißt es: „Unterricht ist und bleibt wie ein Fußballspiel. Das Team und der Einzelne wollen den Sieg, die möglichst beste Note, den weiterführenden Abschluss. Das ist natürlich und bedarf keiner reformpädagogischen Weichspülerei. Würde jemand auf die Idee kommen, die Bundesliga möge nicht mehr um Tore und Punkte kämpfen, sondern um ´unterschiedliche Wegmarken´?“

Mit Vergleichen sollen Argumente ja gerne auch bildmächtig vom Tisch gewischt werden. Die Redner möchten dann das Nachdenken verhindern, weil es – wie in diesem Fall – so einleuchtend für jedermann sein soll, dass Fußballspieler gewinnen möchten und Schüler entsprechend gute Zensuren haben wollen, anstatt sich gemäß ihrer Talente zu entfalten. Da muss man also erstens nichts für tun, das kommt von ganz alleine aus einem innersten Spiel- und Wettbewerbstrieb des Menschen, und zweitens brauchen wir uns um Inhalte der Schule keine Gedanken machen.

Angesichts meiner Aufmerksamkeit der letzten Tage für die Abmahnkultur im Internet, möchte ich geradezu den gegenüber öffentlichen Meinungsäußerungen doch auch empfindlichen DFB auf diesen Leserbrief hinweisen. Als Sachverwalter des Fußballs, wie der DFB sich doch versteht, könnte er eigentlich gegen solch missbräuchlichen Vergleiche vorgehen. Da möchte jemand die Popularität von Fußball benutzen, um eine wichtige Diskussion in dieser Gesellschaft einzudämmen. Dieser einzelnen Stimme wird das natürlich nicht gelingen. Aber so ganz alleine ist diese Stimme leider nicht und womöglich wird so ein verkürzter Vergleich dann irgendwo aufgenommen.

Deshalb will ich den Vergleich mal ernst nehmen und überlegen, wie es denn wäre, wenn Schule tatsächlich wie Fußball ist. Der Leserbriefschreiber mit seinem sicheren Wissen über die unveränderliche Welt steht dann plötzlich als vorgestrig da, als ein Mann, der weder über die Lernbedingungen an Schulen noch vom gegenwärtigen Fußball viel weiß. Denn wenn wir seinen Vergleich zu Ende denken, erkennen wir schnell, was alles geschehen muss, damit das Team der Klasse in überschwänglichen Zensurjubel ausbrechen kann.

Wenn dieser Mann schon die Bundesliga ins Spiel bringt, wo ist dann der fest angestellten Physiotherapeut einer Klasse? Einer, der sich um die Fitness des Teams kümmert, der den Schülern bei Schwierigkeiten außerhalb des Spielfelds Schule hilft. Wo sind die Schusstrainer, Konditionstrainer und Torwarttrainer, also solche Lehrer der Schule, die neben dem hauptverantwortlichen Trainer, nämlich dem Fachlehrer, die einzelnen Schüler in individuell zugeschnittenen Trainingsprogrammen in ihren Lerngrundlagen weiterbilden? Wo sind die Sprachkurse die es den neuen Mitgliedern im Kader aus aller Welt ermöglichen, die Sprache dieses Landes zu lernen?

Vieles davon gibt es als vereinzelte Initiativen von besonders engagierten Schulen mit Unterstützung von besonders engagierten Eltern. Doch im Schulalltag fehlen dazu eigentlich die Ressourcen. Die Regel ist das nicht, und deshalb müssen wir über das System Schule reden. Ihr seht, mich regt das nur noch auf, diese Borniertheit in pädagogischen Fragen. Also, Vergleiche immer schön zu Ende denken, dann können sie sogar als Argumente genutzt werden.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: