Posts Tagged 'Borussia Dortmund II'

Alles Gute für 2016 mit Big Data von 2015!

Der Zebrastreifenblog mit seiner ganzen Belegschaft wünscht euch alles Gute für das Jahr 2016! Stig ist wie jedes in Aarhus und feiert Silvester mit alten Freunden. Ralf als spiritus rector im Hintergrund braselt weiter mit dem MSV-Buch rum. Auch zwischen den Jahren führt er  seine Interviews und ist in den Tagen selbst zum Ruhrgebietsfußball gefragt. So bleibt das Schreiben wieder an mir hängen.

Wie im letzten Jahr sind unsere Wünsche nicht uneigennützig. Wie im letzten Jahr hoffen wir mit euch allen auf durchschlagende Wunschwirkung auch bei der Mannschaft und den Verantwortlichen vom MSV Duisburg. Ein Paket also auch dorthin geschickt. Allerdings wird es in diesem Jahr schwieriger für den großen Wunschverwalter etwas zu bewirken. Aber man wächst ja an seinen Aufgaben. Gelobt sei die Zuversicht. Gelobt seien die Geschichten mit gutem Ausgang. Gelobt sei der große Wunschverwalter – aber nur wenn er es wieder so hinbiegt, dass auch im Rückblick des nächsten Jahres ein Text rund um eine Erfolgserzählung vom MSV Duisburg einer der fünf meistgeklickten Texte des Jahres ist.

Das war meine große Hoffnung vor einem Jahr, die sich erfüllt hat. Deshalb beginne ich auch mit Platz 4 der meistgeklickten Texte des letzten Jahres, der eine kleine Überraschung für mich ist. Diese Platzierung ist aber gleichzeitig sehr symbolhaft für die Aufstiegssaison. „Was einem 4:1-Sieg nicht alles folgt“ ist der Spielbericht über den Auswärtssieg gegen BVB II, jener Sieg, der in einer besonderen Diss-Erfahrung für mich am Köln-Mülheimer Bahnhof endete. Es war jener Sieg, bei dem zum ersten Mal der Siegeswille der Mannschaft als Aufstiegswille deutlich spürbar war. Es gab noch Rückschläge, doch in Dortmund war eine Mannschaft erkennbar geworden, die kompromissloser war, die Siege erzwingen wollte.

Auf Platz 3  steht Wie man aus aufgeblasenen Skandal-Bannern die Luft rauslässt“. Mit dem Text kommentierte ich die zum wohlfeilen Skandal aufgeblasene Berichterstattung über das Banner im Spiel gegen den FC Schalke 04, mit dem auf die Demenz-Erkrankung von Rudi Assauer angespielt wurde. Noch immer halte ich meine Kritik an der Berichterstattung aufrecht. Noch immer glaube ich, dass solche vom Boulevard inspirierten Geschichte die Seriösität des jeweiligen Mediums untergräbt.

Und nun zum Dauerbrenner dieses Blogs, die Fußballtorten. Die Älteren unter uns werden sich vielleicht an die Schlagerralley bei WDR 2 erinnern. In dieser Radiosendung habe ich zum ersten Mal das Dauerabonnement auf einen ersten Platz erlebt. Zumindest erinnere ich das so. In dieser Hörerhitparade besetzte Bohemian Rapsody von Queen über ein Jahr lang den ersten Platz. Den Jüngeren ist das Phänomen vielleicht von den O-Ton-Charts bei 1live bekannt, wo der Steinflüsterer seit fast zwei Jahren nicht aus den Top 5 verdrängt wird. Als Give-away bekommt ihr hier den Originalauschnitt der TV-Sendung.

Bohemian Rhapsody und Steinflüsterer dieses Blogs sind auf Platz 1 der meistgelesenen Texte im Zebrastreifenblog wie im Vorjahr „Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge VI – Borussia Dortmund“, knapp gefolgt auf Platz 2 von „Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge XXV – Borussia Dortmund Teil 2″. Jeden Tag kommen per Google und anderen Suchmaschinen die Tortenbäcker zu mir. Überall in der Welt müssen ununterbrochen Borussia-Kuchen gebacken werden. Unabhängig vom sportlichen Erfolg der Mannschaft wird Süßkram gegessen, was das Zeug hält. Warum das in Braunschweig in diesem Jahr ebenfalls so gewesen ist, ist mir ein Rätsel. Den 5. Platz nimmt jedenfalls „Die schönsten Fußballtorten der Welt – XI: Eintracht Braunschweig – Anlässlich des Aufstiegs“ ein. Erneut wird an dieser Platzierung klar, warum jemand auf den Long Tail als Theorie der Internet-Ökonomie gekommen ist.

Auch 2016 werde ich mich nicht auf Backwerke spezialisieren. Auch 2016 werden meine Themen breit gefächert sein. Auch 2016 gucke ich über den Tellerrand des Fußballs und des MSV Duisburg hinaus. Aber wenn ich an die Top 5 des Jahres denke, sollte wieder ein Text über den Fußball des MSV dabei sein. Dann wäre alles gut geworden. Wir werden sehen. Guten Rutsch!

Saisonabschluss Teil 1 – Soll und Haben im Tabellenrechner: 38. Spieltag

Nach all dem Feiern des Aufstiegs will ich mich mal an den Saisonabschluss in diesen Räumen hier machen. Es gibt mit dem Tabellenrechner einen losen Faden, den ich mir als erstes vornehme – aus einem einfachen Grund: Zum zweiten Mal habe ich recht gute Erfahrungen damit gemacht. Zum zweiten Mal konnte ich schon früh meine Nerven beruhigen, weil der Tabellenrechner mir große Zuversicht gab, das Saisonziel des MSV wird erreicht.

Wenn also mal wieder Not am Mann ist, kurzer Hinweis und ich schaue wieder, wie unter möglichst schlechten Vorzeichen für den MSV eine Abschlusstabelle zustande kommt, die uns allen Freude macht. Ich gebe zu, ich habe großen Spaß daran, die alles entscheidenden Tabellenplätze recht genau kalkuliert zu haben.

Eines erweist sich bei diesem Abgleichen auch noch: Bis ungefähr zum letzten Viertel der Saison haben die Trainer der in einem Spiel favorisierten Drittligisten immer wieder darauf hingewiesen, in dieser Liga könne jeder jeden schlagen. Die Zahlen bestätigen das. Bei  meiner Prognose bin ich fast immer von Favoritensiegen ausgegangen. Der erste Blick auf die Tabelle zeigt, wieviel Punkte mehr die Vereine im unteren Tabellensegment geholt haben, als es die Prognose nach der einfachsten Bewertungsgrundlage erwarten ließ.

Um so klarer wird auch erkennbar, wie sehr die ersten drei Mannschaften sich vom Rest der Liga unterschieden. Sie zeigten in jeweils unterschiedlichen Phasen der Saison stabil positive Ergebnisse. Der MSV war im letzten Viertel des Saison erfolgreich, als es entscheidend wurde. Im Rückblick lassen sich die Unentschieden zu Beginn der Saison auch anders bewerten. Was in der Anfangsphase der Saison für das Ziel Aufstieg nicht erfolgreich genug war, erweist sich in dieser Perspektive als das Fundament des Aufstiegs. Diese Unentschieden machen die Siegesserie zum Saisonende zu einem Erfolgsendspurt.

Im Abgleich seht ihr die Abschlusstabelle samt Punkten; in der ersten Klammer steht meine Prognose der Platzierung, in der zweiten Klammer meine Prognose der Punktezahl am Saisonende, daneben die endgültig Punkteabweichung von dieser Punkteprognose.

1. (1.) Arminia Bielefeld  74  (77) -3
2. (2.) MSV Duisburg 71 (70) +1
3. (3.) Holstein Kiel 69 (69) 0
4. (4.) Stuttgarter Kickers 65 (67) -2
5. (12.) Chemnitzer FC 59 (50) +9
6. (10) Dynamo Dresden 56 (54) +2
7. (6.) Energie Cottbus 56 (60) -4
8. (5.) Preußen Münster 54 (65) -11
9. (9.) SV Wehen Wiesbaden 53 (55) -2
10. (11.) Hallescher FC 53 (53) 0
11. (8.) VfL Osnabrück 52 (57) -5
12. (7.) Rot-Weiß Erfurt 51 (59) -8
13. (14.) VfB Stuttgart II 47 (42) +5
14. (13.) Fortuna Köln 46 (43) +2
15. (17.) SG Sonnenhof Großaspach 46 (36) +10
16. (18) Mainz 05 II 42 (34) +8
17. (15) Hansa Rostock 41 (41) 0
18. (17) Borussia Dortmund II 39 (30) +9
19. (16.) SpVgg Unterhaching 39 (36) +3
20. (20) Jahn Regensburg 31 (27) +4

Was einem 4:1-Sieg nicht alles folgt

Es muss meine Ausstrahlung gewesen sein. Nach einem 4:1-Sieg des MSV Duisburg steht man als Anhänger des Vereins wohl ganz anders auf einem Bahnsteig. Für mancheinen provozierend. Mit dem RE 1 war ich im Gegensatz zur letzten Saison problemlos von Dortmund bis Köln-Mülheim gekommen. Nun wartete ich am Gleis 7 auf meine S-Bahn. Der MSV-Schal wärmte meinen Hals, und ich konnte mir für einen Moment die Zeit vertreiben, indem ich den IC musterte, der im Schritttempo durch den Bahnhof fuhr. Hamburg war sein Ziel, und schon im ersten Waggon hatte ich flüchtig grüne Trikots von Anhängern eines anderen Fußballvereins gesehen.

Während ich noch im Geiste die Begegnungen der Bundesliga durchging, um zu wissen, wo die Werder-Fans eingestiegen waren, hörte ich aus der Ferne das uns allen bekannte Geräusch, wenn jemand ganz besessen auf die Fensterscheibe einer Straßenbahn, eines Busses oder eben eines ICs haut. Ich dachte mir nichts dabei, doch im selben Moment war der durchdrehende Werder-Anhänger im IC auf meiner Höhe und reckte mir den Mittelfinger entgegen. Ich weiß nicht, wie es euch gegangen wäre, aber nach kurzer Verblüffung breitete ich die Arme zum Himmel gerichtet aus und rief: „Halleluja! Wir sind wieder wer! Wir sind satisfaktionsfähig!“ Der Zug war lang. In jedem Waggon saßen sie, die Werder-Fans, und ich dachte nur, zeigt mir eure Stinkefinger, jetzt weiß ich es, wir steigen auf!

2015-03_bvbIISeht es mir nach, ich hatte das Wort vom Aufstieg nicht mehr aussprechen wollen. Aber es nutzt ja alles nichts. Wenn ich mit meiner Ausstrahlung Vorbild sein soll, muss ich Klartext reden. Ich hoffe jedenfalls sehr, auch die Spieler des MSV zeigen nach diesem 4:1-Sieg gegen die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund im weiteren Saisonverlauf weiter jenen Willen, den ich dort auf dem Bahnsteig spürte und der auch auf dem Rasen im Stadion Rote Erde erkennbar war. Die Freude dieser Spieler nach dem Sieg zeigt aber auch, wie sehr dieser Wille gefährdet wird, wie dieser Sieg erleichterte. Denn der Druck war groß.

Dieser Sieg war der nächste Pflichtsieg, und früh schon mussten wir um ihn bangen. In der 9. Minute fiel das Führungstor der Dortmunder. Eines verrät der hohe Sieg nämlich nicht: Wieviel die Mannschaft des MSV dafür hat arbeiten müssen, wieviel Kraft sie dieser Sieg auf dem völlig durchweichten, matschigen Spielfeld gekostet hat, und wie oft das schnelle Kurzpassspiel der Dortmunder vor allem während der ersten Halbzeit in der Duisburger Angriffshälfte gelang. Immer wieder mal drang der BVB damit in den Duisburger Strafraum, ohne allerdings einen Spieler zu finden, der abschlusssicher war. Hinzu kamen Eck- und Freistöße, die mit einer Ausnahme statt von der Duisburger Defensive von Dortmunder Spielern geköpft wurden – viel zu ungenau und nie wirklich gefährlich. Aber woher sollten wir wissen, dass es so bleiben sollte? Unruhig hat uns das auf den Rängen gemacht. Wirklich sicher war der Sieg erst mit dem 3:1 Tor durch Martin Dausch in der 78. Minute.

Martin Dausch war es auch, der Mitte der ersten Halbzeit den Ausgleich schoss. Martin Dausch ist so jemand, der einer Mannschaft zu Ausstrahlung verhilft, der Willen zum Sieg verköpert und dem Spiel gleichzeitig mehr als diesen Willen geben kann. Martin Dausch merkt man es an, wie sehr ihm ein Rückstand missfällt. Eine Mannschaft braucht solche Spieler. Der Ausgleich war auch eine Folge jener Entschlossenheit, mit der er auf freie Bälle geht. Der Dortmunder Torwart hatte einen Ball nicht weit genug fausten können, weil er mit einem Spieler der eigenen Mannschaft zusammenprallte und halb mit Kingsley Onuegbu. Zur Stelle war Martin Dausch, dessen Schuss so wirkte, als solle er sofort für zwei Tore zählen.

Doch regelkonform blieb es bei der Zählung plus eins, und erst Tim Albutat schoss dieses zweite Tor nach einem Pass von Nico Klotz. Dieser Führungstreffer brachte die erste große Erleichterung, für uns Zuschauer, für die Mannschaft und für Tim Albutat selbst, dessen Passspiel nach seiner Verletzung noch zuweilen zu ungenau bleibt. Nicht nur dieses zweite Tor bereitete Nico Klotz vor. Während des gesamten Spiels konnte er sich immer wieder im eins gegen eins durchsetzen. Er erlief sich die langen Pässe, und er war es auch, der nach einem langen Pass sich den Ball artistisch, mit der Hacke selbst über den Kopf gespielt, so vorlegte, dass er freie Bahn auf Tor hatte. Der Dortmunder Abwehrspieler foulte ihn kurz vor der Strafraumgrenze. Die rote Karte war die Konsequenz.

Martin Dauschs Ausgleichstor zählte ja eigentlich schon für zwei Tore. Da so etwas in den Fußballregeln nicht vorgesehen ist, musste er es eben tatsächlich erzielen. Zu dem Zeitpunkt drückte der MSV auf ein weiteres Tor und es erstaunte, wie schnell die Mannschaft um die 70 Minute herum auf dem Boden noch spielen konnte. Am Ende eines solchen schnellen Angriffs stand Martin Dausch halblinks frei und konnte mit einem wuchtigen Schuss abschließen. Mit einem Mann mehr auf dem Feld, zudem körperlich überlegen, – so ließ sich allmählich dem Auswärtssieg entgegen sehen. Das vierte Tor war dann etwas fürs Lehrbuch. Zlatko Janjic treibt den Ball von der Mittellinie aus nach vorne. Halblinks läuft der eingewechselte Marcel Stenzel den Konter mit. Er erhält den Pass, schiebt sofort nach innen, wo Kingsley Onuegbu eigentlich schon geblockt ist. Doch auch der King weiß mit der Hacke zu spielen und erzielt auf schön anzusehende Weise das 4:1.

 

Die Freude der Mannschaft war am Ende groß. Die Grundlage dieses Siegs war harte Arbeit. Wer diesen Boden gesehen hat, wer das Schuften dieser Spieler gesehen hat, wird ahnen, warum mir die auch erkennbare Leichtigkeit des Spiels in der Offensive Hoffnung macht. An die Defensive denke ich dann erst einmal besser nicht.

Übrigens macht es überhaupt keinen Unterschied, wen der Werder-Fan in mir auf dem Bahnsteig erkannt hat. Mag ja sein, er hat in meinem Blau-Weiß des Schals das eines Ligakonkurrenten erkannt. Es geht nur um die Wirkung.  So eine Ausstrahlung, die auf manchen erstligareif wirkt, schafft einen Anfangsvorteil. Wenn das der Mannschaft nach dem 4:1-Sieg nun ebenfalls gelingt, ist mir vor den nächsten Pflichtaufgaben des MSV nicht bange.

Der BVB – Stark wie die potemkinsche Mauer oder der Zwergen-Treueschwur-Zaun?

Samstag spielt der MSV Duisburg in Dortmund gegen die zweite Mannschaft vom BVB. Einmal mehr zählt nur der Sieg. Deshalb will ich über das Spiel selbst gar nicht so viele Worte verlieren. Ich möchte nach Dortmund fahren und eine Mannschaft des MSV sehen, die ihre Spielweise weder vom zerfurchten Rasen des Stadions noch von der gegnerischen Mannschaft irritieren lässt und dabei ein Tor mehr als der Gegner erzielt.

bvb_treueschwur_potemkin_1Dann könnte ich auch endlich meinen schon länger in der BVB-Schublade wie neu herumliegenden Vergleich nutzen. Irgendwas wie: Der BVB zeigte sich gerade mal so groß wie der hauseigene Treueschwur-Zaun. Ist der euch schon aufgefallen vor dem August-Lenz-Haus? Zwischen Stadion Rote Erde und dem Westfalenstadion, das unter uns Freunden diversifizierter Fußballunternehmensfinanzierung bekanntermaßen ja auch Dingensversicherungs-Park heißt.

Als ich diesen Zaun gesehen habe, musste ich grinsen. Der Fanshop befand sich damals noch in dem Haus, und ich dachte so vor mich hin, ein schöneres Motiv für ein Symbolfoto zur Kommerzialisierung dieses Fußballs habe ich noch nie gesehen. Zugespitzt zeigt sich hier nicht nur die Komplizenschaft zwischen Fans und Fußballvereinen, sondern der gesamte Wohlfühl-Service-Gedanke, der den Besuch eines Fußballspiels ja zum „Erlebnis“ machen will. Fußball als Ware der Unterhaltungsindustrie, als Konsumgut ist an diesem Ort in Dortmund auf den Punkt gebracht.

Die Liebe ist im Fußball seit einiger Zeit allgegenwärtig. In Dortmund heißt das:  „Echte Liebe“. Kollege Werber sagt dazu, ein „catchy brand slogan“ und begeistert sich anschließend an der Markenstärke des BVB. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wir Anhänger und die Fußballunternehmen haben uns gegenseitig darin befeuert, eine der wichtigsten Sinngebungsideen der Gegenwart, die romantische Liebe, auf den Fußball auszuweiten. Für das Geschäft ist das eine unfassbare Entwicklung. Denn die flüchtige Liebe braucht unentwegt Beweise ihrer Existenz.

bvb_treueschwur_potemkin_2 So findet der Fußball eben den Anschluss an jede Mode der zwischenmenschlichen Liebe. Schlösser an Brückengeländer hängen, braucht ohne vorhandene Brücke höchstens kreative Lösungsansätze. Warum nicht einen völlig unnützen Drahtzaun in die Gegend stellen? So wirkt es zunächst. Das Symbol deiner „Echten Liebe“ kaufst du im Fanshop, um es an der dir vorgeschriebenen Stellwand sofort anzuschließen. Bequemer geht’s nicht. Wenn überhaupt, wäre der eigentliche Ort für dieses Schloss der Stadionzaun. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein Schloss länger als einen Tag am Zaun vom Dingensversicherungs-Park hinge.

 

bvb_treueschwur_potemkin_3Die Fotos sind knapp ein Jahr alt. Ich weiß nicht, wie das BVB-Unternehmen die Geschäftsidee weiter entwickelt hat. Samstag werde ich mir das ansehen. Ich bin übrigens  auch so ein Anhänger, der das alles mit am Laufen hält. Ich kaufe nur beim Konkurrenzunternehmen MSV Duisburg. Und das wollte ich auch noch sagen: Manchmal ist die Geschichte besser als die Wirklichkeit. Ich bin ziemlich sicher, dass der Zaun nicht erst für die Schlösser dorthin gestellt wurde. Der Zaun schützt eine potemkinsche Mauer in gelb. In Stein steht dort nämlich nichts, das ist Kunststoff, der ohne Gitterzaun wahrscheinlich bald beschädigt wäre. Weiterer Stoff für schöne Vergleiche. Alles nur Fassade, BVB. Ich red gerade wieder vom Spiel am Samstag.

Drei Punkte bringt ein Sieg nebst werbenden Worten für das Steigerlied

Egal wie solche Spiele wie das des MSV Duisburg gegen die U23 von Borussia Dortmund ausgehen, sie erschöpfen mich auf eine Weise, die mich nach dem Spiel in tiefes Schweigen fallen lässt. Natürlich freue ich mich über das 2:1, aber diese Kombination aus erwartetem Sieg, zäher erster Halbzeit mit allmählich wachsenden Zweifeln, wie ein Tor je fallen soll, über die dann einsetzende Erleichterung gepaart mit Hoffnung auf ein entspannendes Restspiel und dem Zittern und Bangen danach, das alles ist eine emotionale Achterbahnfahrt, die mich sprachlos macht. Wenn ich dann genau überlege, entsteht diese Sprachlosigkeit vor allem durch die Zweifel.

Wenn ich Gino Lettieri in der Pressekonferenz höre, ist er dabei ganz auf meiner Seite. Er sieht noch einen langen Weg für seine Mannschaft. Allerdings bezieht er sich nur auf das Durcheinander in der Defensive nach dem Anschlusstreffer. Ich denke aber auch an die erste Halbzeit, als die Zebras zu risikoscheu waren, um die sichere Dortmunder Defensive in Gefahr zu bringen. Gegen so eine starke Defensive braucht es beim langsamen Aufbau das Zusammenspiel von zwei, drei Spielern. Es genügt nicht, wenn ein Spieler eine offensive Bewegung macht, er braucht Unterstützung und  er muss bereit sein, dieser Unterstützung zu vertrauen. Dieses Vertrauen fehlt noch zu oft. Immer wieder machten einzelne Spieler risikovolle Bewegungen nach vorne, nur um danach wieder den Rückzug anzutreten, anstatt den Pass zu spielen, der natürlich wiederum risikovoll gewesen wäre.

In dieser Spielphase lähmte es mich geradezu, so deutlich zu erkennen, dass die Dortmunder viel zu oft einen Moment schneller im Kopf waren als die Zebras. Gleichzeitig beruhigte es mich zu sehen, dass sie daraus keine Vorteil gewannen und derart harmlos blieben, dass nichts auf eine mögliche Torgefahr durch diese Mannschaft hindeutete. Vielleicht waren die Spieler des MSV deshalb auch in den letzten zehn Minuten des Spiels derart orientierungslos in der Defensive. Auch sie waren über den Dauersturmlauf überrascht. Der Trainer der Dortmunder David Wagner muss von diesen letzten Minuten derart beeindruckt gewesen sein, dass er die Realität auf der Pressekonferenz ein wenig aus den Augen verlor. Wieso seine Mannchaft vielleicht sogar den Sieg verdient hätte, müsste er mir noch einmal genauer erklären. Das Unentschieden als Verdienst dagegen, keine Frage.

Ein Kopfballspieler wird Zlatko Janjic in dieser Saison wohl nicht mehr. Einige Zeit sorgte ich mich um sein Selbstvertrauen, nachdem er die vermeintliche Großchance des MSV in der ersten Halbzeit so harmlos abschloss. Nico Klotz hatte sich beeindruckend am linken Flügel durchgesetzt, flankte von der Grundlinie aus, mit Glück kam der Ball zum freistehenden Janjic im Fünfmeterraum am hinteren Pfosten. Das war kein einfach zu spielender Kopfball. Das sah mehr nach Großchance aus, als dass sie eine war, aber nachdem er den Kopfball so harmlos zum Torwart genickt hatte, wirkte er für einige Zeit niedergeschlagen. Vielleicht sind seine selbstkritischen Stellungnahmen nach dem Spiel ein Hinweis, wie genau er auch die eigene Spielweise in den Blick nimmt. Gott sei Dank, war von Selbstzweifeln in der zweiten Halbzeit nichts mehr zu merken.

Die Einwechslung von Kingsley Onuegbu intensivierte das Pressing. so dass die Dortmunder zweimal kurz hintereinander den Ball in der eigenen Hälfte verloren. Beim ersten Mal zog Zlatko Janjic auf und davon, ohne dass die Torgefahr zwangsläufig hätte folgen müssen. Beeindruckend spielte er sich durch die verbliebene Dortmunder Defensive, um den Ball flach am Torwart vorbei aus halblinker Position einzuschieben. Viel wuchtiger setzte sich Kevin Scheidhauer beim zweiten Tor durch. Sein Sprint mit Ball war das klare Zeichen, ich will das zweite Tor machen. Ihr haltet mich dabei nicht auf. Doch statt danach den Sieg souverän nach Hause zu bringen, begann nicht allzu viel später das große Zittern. Andererseits denke ich auch, eine Mannschaft die solche Spiele gewinnt – ihr wisst schon, was ich meine.

Lasst mich zum Ende auch noch ein paar Worte über einen Moment vor dem Spiel verlieren. Es ist noch gar nicht so lange her, da warb ich in diesen Räumen dafür, das Steigerlied nicht den Schalkern zu überlassen. Damals schrieb ich: „Eigentlich müsste das Steigerlied zum Standardrepertoire von jedem Pott-Verein gehören, gab es in Gelsenkirchen doch keinen anderen Bergbau als in Duisburg, Dortmund, Bochum, Oberhausen oder Herne. Schließlich ist das “Glück auf” des Grußes im Lied nichts anderes als die gesungene Hoffnung eines jeden im Pott wohlbehalten und heil wieder heimzukommen“. Als ein großer Teil der Nordkurve den Chor vor dem Spiel beim Singen des Steigerlieds auspfiff, zeigte sich, dafür ist noch viel Reden und Erzählen notwendig.

Symbole und kulturelle Ausdrucksformen werden durch den Gebrauch in einer Gesellschaft bestimmt, und natürlich ist das Steigerlied als Stadionlied der Schalker sehr wirkmächtig und deshalb nicht problemlos in einem anderen Stadion dieser Region vor einem Fußballspiel zu singen. Kultur ist machmal sehr kompliziert, weil Identität mit ihr ausgedrückt wird. Das Steigerlied lässt sich aber auch vor einem Spiel des MSV Duisburg singen, wenn es auf eine andere Weise eingeführt wird. So etwas braucht Erklärung und leider ist so eine komplizierte Identitätsfrage nicht das Tagesgeschäft des MSV Duisburg. Die Verantwortlichen haben was Gutes gewollt und den Chor ins offene Messer hineinlaufen lassen. Daraus muss gelernt werden.

Eine Vorrede wäre notwenig geworden, in der der Bezug des Steigerlieds zum Ruhrgebiet hätte deutlich ausgesprochen werden müssen. Mehr noch, man hätte Stefan Leiwen genau diesen Satz mit auf den Weg geben müssen: Wir überlassen den Schalker doch nicht das Steigerlied. Es ist genausogut unser Lied wie das der Schalker. Die Zeche Westende hat der Straße den Namen gegeben, an der die Zebras ihre Heimat haben. Auch wenn der MSV Duisburg kein Zechenverein gewesen ist, so arbeiteten doch die Zuschauer der Zebras bis in die Gegenwart hinein auch im Bergbau. Noch einmal: das Steigerlied ist ein Lied des Bergbaus, und die Schalker haben es zum Teil ihrer Vereinsfolklore gemacht. Sie haben das Lied zumindest für den Fußball okkupiert. Das muss nicht so bleiben. Dazu müssen Fußballfans in Duisburg, Dortmund oder Essen aber nicht pfeifen sondern mitsingen. Das Steigerlied gehört dem Ruhrgebiet.

 

 

Das Zitat der Woche – Thomas Meißner über Karrierepech von Ersatzspielern

Im Vorbericht von WAZ/NRZ zum Spiel des MSV Duisburg gegen die U23 von Borussia Dortmund gibt Thomas Meißner einen Einblick in das Gefühlsleben eines Berufsfußballers, der großer Konkurrenz ausgesetzt ist. So eine unverblümte Wahrheit auszusprechen geschieht auch ohne Medienschulung und übergroße Vorsicht der Nachwuchsspieler nur selten. „In meinem ersten Dortmunder Jahr hatte ich das Pech, dass sich oben kein Abwehrspieler verletzt hatte“, soll Thomas Meißner gesagt haben. Auch außerhalb des Fußballs gilt es nicht gerade als fein, auf körperliche Malässen von irgendjemandem zum eigenen Vorteil zu hoffen. Um so mehr schätze ich diese wahrscheinlich ungewollte Ehrlichkeit, weil mit ihr der nie aufhebbare Widerspruch zwischen der für den Erfolg notwendigen mannschaftlichen Geschlossenheit und dem Karrierestreben des einzelnen Spielers auf den Punkt gebracht ist. Etwas wird enthüllt, was unweigerlich zum Alltag des Berufsfußballs gehört, was jeder weiß und worüber man eigentlich  nicht spricht.

Zeit als Zwangsgeschenk vom MSV

In unserer hektischen Gegenwart führen manche Menschen ja Leben, in denen die Tage mit Terminen auf die Minute genau durchgetaktet sind. Inzwischen gibt es nicht wenige Kinder, die sprechen als erstes die Lieblingsflüche der Eltern und das Wort „Zeitfenster“, in dem sie sich den Gute-Nacht-Kuss oder sieben Minuten gemeinsames Spielen abholen. In so einem Leben wäre Zeit ein wunderbares Geschenk. Vielleicht wollte die Mannschaft vom MSV Duisburg mit der 2:0-Niederlage im Stadion Rote Erde gegen die U23 von Borussia Dortmund einfach nur Gutes tun und den Alltag ihrer Fans von Aufgaben befreien. Mir jedenfalls hat sie Zeit des Sonntags geschenkt. Manchmal wird eben auch verschenkt, was der Beschenkte im Moment gar nicht braucht.

Die Zeit des Sonntags hätte ich nämlich gerne genutzt, um per Tabellenrechner vom Kicker auszuprobieren, welch ungünstigste Spielergebnisse in Liga 3 noch  zum 3. Tabellenplatz für den MSV Duisburg führen könnten. Ein ungünstiges Ergebnis als Voraussetzung hatte ich allerdings nicht vorgesehen und wusste mit dem Zeitgeschenk nun nichts Sinnvolles anzufangen. So habe ich trotz der Niederlage die Kicker-Seite aufgerufen, um mir die Tabelle anzusehen. Mein Blick fiel immer wieder auf die Menü-Leiste. Ich war ein Tabellenrechner-Rechner auf Entzug. Nicht mal was schreiben konnte ich. Der MSV hat mir eine ziemlich blöde Zeit geschenkt, nachdem mir schon die Zeit im Stadion Rote Erde immer weniger gefallen hatte.

2014-02-22_bvbu23-msv 007web

Vor dem Spiel – Die Gegengerade

Dabei konnten die Minuten vor dem Spiel im Stadion Rote Erde gerade den Fußballnostalgikern unter uns gefallen. Der Blick auf die unüberdachte Gegengerade erinnerte ebenso an alte Zeiten wie Bankreihen auf und Spielertunnel unter der Tribüne. In diesem unter Denkmalschutz stehenden Stadion fügte sich sogar der Rasen ins Gesamtbild historischer Stadienarchitektur. Wahrscheinlich gibt es irgendeine Ordnungsvorschrift des Landesdenkmalamtes, in der die zulässige Höchstzahl von Grashalmen pro Quadratdezimeter für den authentischen Zustand von Oberliga-West-Zeiten festgehalten ist. Und vermutlich unterschreitet die Stadt Dortmund diese Höchstzahl sicherheitshalber zur Vermeidung etwaiger Bußgelder.

2014-02-22_bvbu23-msv 008web

Vor dem Spiel – Der Rasen

Die gute Stimmung hielt nur wenige Minuten an. Diese Saison ist mal wieder eine, in der ich auf Textbausteine zurückgreifen kann. Bislang hatte ich die noch nicht abgespeichert. „Frühes Gegentor“ kommt auf jeden Fall in den Satzbaukasten hinein. Außerdem noch: „nach einer Standardsitution“ sowie „die Mannschaft brauchte Zeit, um die nötige Spielstärke an diesem Tag zu entwickeln“. In dieser ersten Halbzeit fand der MSV kaum mehr zu seinem Spiel, und es wirkt ironisch, dass nicht das befürchtete Konterspiel der Dortmunder zum Rückstand führte, zugleich aber im Anschluss an das frühe Gegentor aus Sorge vor besagten Kontern nicht genügend Druck in der Offensive entstand. Trotz vorsichtiger Spielweise gab es weitere Dortmunder Chancen durch besagte Konter. Abgerundet wurde mein zunehmender Ärger durch einen Schiedsrichter, der bei Körperkontakt während des Kampfs um den Ball zunächst meist für den BVB pfiff. Was sich erst in der zweiten Halbzeit änderte.

Dass dann erst auch der MSV Duisburg besser spielte, hatte mit den Schiedsrichterpfiffen aber überhaupt nichts zu tun. Die Zebras wurden druckvoller und erarbeitete sich Chancen. Doch der Abschluss war gelinde gesagt katastrophal. Soll ich die „Schein-Chance“ auch in den Satzbaukasten packen? Der BVB brauchte nicht einmal Glück, um die jeweiligen Angriffe zu überstehen. Schüsse und Kopfbälle gingen am Tor vorbei oder konnten vom Dortmunder Torhüter problemlos aufgenommen werden. Flanken fanden kaum einmal den Weg in die gefährliche Zone des Strafraums. Sie flogen am Strafraum vorbei oder zu nah vor das Tor. So enttäuschte mich das zweite Tor der Dortmunder nicht einmal mehr groß. Meine Hoffnung auf den Ausgleich war ohnehin kaum mehr vorhanden, als Michael Ratajczak weit aus dem Tor kam, um den Ball ein letztes Mal nach vorne zu schlagen, und er nicht sicher genug im Dribbling war, um den ihn angreifenden Dortmunder Stürmer souverän auszuspielen. Er verlor den Ball. Die Niederlage stand fest.

Mit dem Zeitgeschenk des MSV Duisburg habe ich letztlich doch noch was Sinnvolles angefangen. Ich habe mein neulich aufgesetztes Schreiben an den Spielausschuss des DFB erweitert. Die bestmögliche Förderung des MSV Duisburg mit seinen besonderen Stärken und Schwächen muss  sehr viel komplexer angelegt werden, als es mit der einfachen Streichung der 2. Halbzeit möglich ist. Manchmal zeigt die Mannschaft  gerade in der 2. Halbzeit erst die ihr am Spieltag best mögliche Leistung.

Eine frei wählbare Halbzeit als mögliches Streichergebnis beim Gesamtspielstand wäre sicher eine pädagogisch sinnvolle Maßnahme die schon kurzfristig nachhaltige Leistungssteigerungen vom MSV ermöglichte. Die Mannschaft des MSV braucht wie wir alle eine best mögliche Förderung durch die individuell angepasste Leistungsanforderung bei gleichzeitiger sehr genauer Diagnose der tagesaktuellen Leistungsgrenzen. Dann wird alles gut. Eine Antwort vom Spielausschuss des DFB habe ich bislang noch nicht erhalten.

Spielberichte aus Dortmunder Perspektive mit identischer Wertung bei Gib mich die Kirsche und sehr ausführlich bei schwatzgelb, inklusive Dortmunder Stimmen zum Spiel und der Pressekonferenz im O-Ton, auf der Karsten Baumann auch mit mir  und den meisten von euch einer Meinung ist.

Mit einem Klick weiter zum DFB und den Toren vom Spieltag. BVB vs. MSV ab Minute – 2.37. Die Zeit des Clips wird beim DFB runtergezählt.


JETZT BESTELLEN

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 9,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: