Posts Tagged 'Brauchtum'

Begeistertes Köln feiert Duisburgs Pokalsieg

In Duisburg, der Stadt, wo man sich notorisch selbst unterschätzt, wird der  Einzug des MSV ins DFB-Pokalendspiel beim Halbfinale gegen den FC Energie Cottbus, wenn überhaupt wahrscheinlich nur noch leise gefeiert. Das ist in Köln, der Stadt, wo man sich notorisch selbst überschätzt, natürlich ganz anders. Dort führt  der Einzug des Nachbarstadtteils der imaginären Kees-Jaratz-Stadt-am-Rhein dem Selbstbild der Kölner gemäß noch heute zu überbordender Begeisterung. Das Feiern, so habe ich den Eindruck, wird von Stunde zu Stunde maßloser. Der Kölner, der sonst immer glaubt, alles was es gibt auf der Welt, „dat-jibbet-so-nur-nur-nur-in-Kölle“, sah am Dienstagabend nach Duisburg, erinnerte sich an ein Gebot des Rheinländers und dachte, man muss och jönne könne. Da fiere mer ewe met, und dabei hätt uns noch keiner wat vürjemaacht. Die lokalpatriotischen Kölner können aber ihre sie selbst überraschende Freude über den Sieg des MSV Duisburg natürlich nicht offen zeigen. Was für ein Glück, dass heute mit Weiberfastnacht der Straßenkarneval beginnt. So können sie sich hinter der Maske des Frohsinns verstecken und behaupten, sie ständen bei diesem sonnigen Wetter doch nur „wegen dem Brauchtum“ auf der Straße.

Doch schon im Anschluss des Spiel am Dienstag waren in der Sportredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger die Sportjournalisten aus dem Häuschen. Anscheinend waren sie so begeistert über den Einzug des MSV Duisburg ins Pokalendspiel, dass in ihnen der Wunsch entbrannt sein muss, dieses Endspiel mit Duisburger Beteiligung unbedingt in Köln sehen zu wollen. Oder wie soll der Untertitel für den Vorbericht zum Frauenpokalfinale zwischen Turbine Potsdam und dem FFC Frankfurt gedeutet werden, das ja bekanntermaßen am 26. März in Köln stattfindet? Etwa, dass an ein Frauenpokalfinale ohne den FCR 2001 Duisburg nicht zu denken ist?

Am Nachmittag werde ich mich als Duisburgstämmiger Kölner oder Duisburger mit Kölner Wohnsitz oder Kölner mit Duisburger Wurzeln oder auch als Imi unter die feiernden Menschen begeben und vorbildhaft für ein gelungenes integriertes Leben mit beiden Kulturen und in beiden Städten werben. Ich werde die Freude über den Finaleinzug keinesfalls hinter der Maske des rheinischen Frohsinn verstecken, dennoch allerlei kölsches Liedgut lauthals mitsingen und dabei auch in diesem Jahr sämtliche FC-Jubelgesänge allerhöchstens nachsichtig summen.

Nachtrag: Ich bemerke gerade, dass der Kölner in mir manchmal ein wenig übermütig wird und ich die Duisburger Bodenhaftung verliere. „Pokalsieg“ hört sich in der Überschrift einfach gut an, selbst wenn es nur ein Halbfinal- oder Pokalspielsieg. Ich lasse das stehen und betrachte es als Aufmunterung. Diese Überschrift hat überhaupt nichts mit möglichen Folgen von verfrühten Glückwünschen zu tun.

Alaaf! – „Wegen dem Brauchtum“

Bevor ich mich gleich zur Eröffnung des Straßenkarnevals  begebe – in meinem Veedel wohlgemerkt – möchte ich schnell noch einmal ein wenig zur Völkerverständigung im Rheinland beitragen. Den Fußball berührt das zwar auch, doch nur am Rande, wichtiger scheint mir heute einmal mehr der Wahrheit von  Statistiken die Wahrheit einer ausgewählten Wirklichkeit entgegenzuhalten. Wer hier schon einmal „Über Blog und Autor“ gelesen hat, weiß warum.

Heute morgen erfahre ich nämlich im Vermischten des Kölner Stadt-Anzeigers, die Zahl der aktiven Karnevalisten nehme ab. „Während vor 40 Jahren noch mehr als jeder Dritte (38 Prozent) an Karnevals- und Faschingsveranstaltungen selbst teilnahm, ist es heute nur noch jeder Fünfte (22 Prozent)“. Damit können eigentlich nur solche Aktivitäten gemeint sein, die etwa den Besuch eines  Duisburger Kinderprinzenpaares beim Spiel gegen SV Wehen Wiesbaden im Stadion möglich machen. Die erwachsenen Tolitäten lassen sich wahrscheinlich im Spiel am Sonntag gegen 1860 München blicken und pflegen damit das, was in Köln in meinem Milieu mit einem Lächeln aus Sympathie das Brauchtum genannt wird und das  Köbes Underground, die Hausband der Stunksitzung, unter anderem auch zu jenem Liedtext inspiriert hat, dessen Titel sich in der Überschrift wiederfindet. Dort also, in Köln nehme ich nämlich eine ganz andere Entwicklung wahr.

Damit meine ich nicht, dass der Karneval sich in den letzten zwanzig Jahren anscheinend den Fußball zum Vorbild genommen hat und ein florierendes Unterhaltungsgewerbe geworden ist. Diese Parallelen finde ich allerdings schon auch bemerkenswert. Da gibt es die Konzentration der Menschen auf die großen Marken. Köln als Deutschlands führende Karnevalsmarke entspricht da dem FC Bayern. Fans gibt es überall in Deutschland und zu den großen Ereignissen wird angereist. Die Medienpräsenz ist in beiden Unterhaltungssparten ebenfalls gleich inflationär geworden. Inzwischen beginnt die Sitzungszeit im Fernsehen ja schon lange vor der eigentlichen Karnevalswoche und Karneval im Fernsehen gleicht zum Höhepunkt um Rosenmontag einer TV-Berichterstattung über Fußball zu einer Weltmeisterschaft. Ich muss mir da noch mal ein paar mehr Gedanken machen.

Denn eigentlich will ich ja davon erzählen, dass ich in Köln in den letzten zwanzig Jahren eine eher zunehmende Bereitschaft erlebe, Karneval zu feiern und zwar unabhängig vom organisierten Sitzungskarneval der Karnevalsgesellschaften. Dieses Karnevalsfeiern greift das Verkleiden auf und die ausgelassene Stimmung. Und dieser Karneval wird eher in Kneipen gefeiert und in den Veedeln als in der von Karnevalstouristen überfluteten Innenstadt. Je mehr ich schreibe, desto interessanter finde ich diese Entwicklung. Das braucht ausführlichere Überlegungen über soziales Geschehen an anderer Stelle. Denn dazu gehört das Ankommen eines alternativen Milieus in der Mitte der Gesellschaft ebenso wie die Veränderungen in den Karnevalsgesellschaften und noch einiges mehr. Schon nehme ich wieder einem Soziologen die Arbeit ab.

Natürlich gibt es in Köln auch weiterhin Karneval in organisierten Bahnen. Und auch da, scheint mir, gibt es nur Veränderung und keine Abwendung, eher gehört es weiterhin zur gesellschaftlichen Verpflichtung für bestimmte Kreise an solch einem Karnevalsgeschehen teilzunehmen. Wenn man etwa Fußballprofi beim 1. FC Köln werden will, gibt es bestimmt einen Passus im Vertrag, der den Spieler verpflichtet, bei der alljährlich stattfindenden Karnevalssitzung des 1. FC Kölns, kurz auch FC-Sitzung genannt, dabei zu sein. Vielleicht reicht ja auch die Anweisung des Trainers und der Vereinsführung. Anders als beim beruflichen Sport wird ein Profi von der Teilnahmepflicht nur entbunden, wenn der Vereinsarzt eine schwerwiegende Verletzung im Armbereich diagnostiziert. Denn auch mit Gipsbein kann man immer noch schunkeln. Deshalb zählt jeder FC-Profi neben Trikots  auch Karnevalsorden zu den Erinnerungsstücken seiner Karriere. Was vielleicht auch die lang anhaltende Erfolgslosigkeit des FCs erklären könnte. Haben die des Kölschen nicht mächtigen Fußballnomaden aller Nationen doch vielleicht gedacht, der Karnevalsorden sei so eine Art Medaille für irgendeine errungene Meisterschaft. Die waren einfach über Jahre zu satt die Profis vom FC. Aber egal, von allen, die es nicht auf die große FC-Bühne schaffen, lässt sich diese entsprechende Erinnerung natürlich auch umsatzsteigernd im FC-Fanshop erwerben. Das Geld dient wahrscheinlich immer noch dem Kölner guten Zweck des letzten Jahres. Denn noch wird jeder Cent wegen dieses Shopping-Feelgood-Erlebnisses wieder gebraucht.

Mein Blick auf die Uhr sagt mir, ich muss los. Deshalb mache ich es jetzt wie die Profis unter den Büttenrednern und erzähle noch schnell eine letzte Pointe. Die muss nicht unbedingt gut sein, das Orchester spielt ja ohnehin den Tusch und das hat dann wiederum liturgische Wirkung.  Man weiß einfach besser, was zu tun ist, wenn einem ein paar Signale helfen. Der eine kniet in der katholischen Messe eben nieder, der andere klatscht. Die Karnevalsmuffel unter den hier lesenden Fußballfans kennen so was Ritualhaftes ja auch vom Stadionbesuch. Also,  als MSV-Fan weiß ich nämlich, kollektive Begeisterung ist nicht so oft zu haben und wird deshalb natürlich besonders genossen oder durch den Sitzungspräsidenten des Fußballspiels, den Stadionsprecher, animiert. Ich weiß nur nicht, was es öfter gibt zurzeit, gute Pointen beim Sitzungskarneval oder Tore für einen Sieg vom MSV.

Tusch! Und der Sitzungspräsident sagt an solch einer Stelle, Kees, wir danken dir für deinen so humorvollen Beitrag, der uns Kölsche mal so richtig gezeigt hat, wie wir su sinn – hier ganz wichtig, ein bisschen Kölsch einfließen lassen – un so viel Spass an d´r Freud haben. Kees, do häss en kölsches Hätz un ne Duisburger Seele. Mach et joot und fiere prächtig Fastelovend. Eein dreeifach  Kölle alaaf für Kees.

In dem Sinne! Schöne Karnevalstage auch in den Regionen mit den abnehmenden Karnevalsaktivitäten.


JETZT IM BUCHHANDEL
Die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte über ein Leben in Duisburg mit dem MSV

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: