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Vom schönsten Tor der Saison und, ach ja, dem Ende des Rechnens

Recht schnell war das mit der Rechnerei vorbei beim Spiel des MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue. Um uns herum hatte es sogar Kontakt zu Radiostationen gegeben, und Ergebnisse wurden per Knopf im Ohr mitgehört, aber auf dem Spielfeld ließ die Mannschaft vom MSV Duisburg keinerlei Zweifel daran, dass ein Sieg hersollte. Die Auer ließen keinen Zweifel daran, dass sie ihre Qualitäten eher im Verteidigungsspiel vermuteten als im konzentrierten Abschluss. Da brauchte es keine Ergebnisse aus anderen Stadien. Das Thema Klassenerhalt war für mich durch, nachdem die Auer es nicht geschafft hatten aus der einzigen Chance, die ihnen der MSV Duisburg schenkte, ein Tor zu erzielen.

Nebenbei: Verpflichten sich Spieler in Aue eigentlich mit ihrem Vertrag zu verstärktem Oberkörper-Muskelaufbau? Oder gibt es – umgekehrt – im Auer Scouting besondere Pluspunkte für stämmigen Körper und breite Schultern?  Das war mir schon in der letzten Spielzeit aufgefallen. Da gibt es doch einige Spieler beim FC Erzgebirge Aue, die man in Freizeitkleidung vom Ansehen her eher in Kraftsportarten vermuten würde. Dann ziehen sie sich aber Fußball-Klamotten an und los geht´s. In Duisburg zunächst nur nicht so erfolgreich.

Ich war entspannt und konnte deshalb das schönste Tor dieser Saison um so mehr genießen. Das 1:0 war ein wunderbares Teil-Ensemblestück, zunächst vorgetragen über den rechten Flügel durch Dzemal Berberovic, der  an den Rand des Sechszehnmeter-Raums flankt, wo Maurice Exslager mit dem Kopf hinter seinen Rücken in die Mitte zu Kevin Wolze verlängert. Der lässt den Ball von der Brust in den Rückraum abtropfen, wo Goran Sukalo wartet, um mit einem Volley-Schuss den Ball neben den rechten Pfosten ins Tor zu schießen. In der Gesamtheit von Vorbereitung und Abschluss das schönste Tor der Saison. Großartig!

Von Aue kam nicht mehr viel zu diesem Zeitpunkt. Nach vorne ging gar nichts. Dagegen waren vom MSV konstruktive Angriffe zu sehen, sowie zwei Freistöße, denen anzusehen war, dass da mit Verstand und Plan Varianten eingeübt waren, die den Gegner überraschen konnten. Einen dieser Freistöße brachte Kevin Wolze zum 2:0 im Tor unter.

Nach der Halbzeitpause war die Mannschaft vom MSV Duisburg allerdings dann überrascht, dass es sich die Auer doch anders überlegt hatten. Sie wollten sich gegen die Niederlage wehren. Das war so in der ersten Halbzeit nicht vereinbart gewesen. Deshalb schien es so, als begännen die Zebras zu schwimmen. Sie waren im Kopf auf diese starke Gegenwehr nicht mehr eingerichtet. Der Gegentreffer war nur eine Frage der Zeit. Erst von da an hielten sie einigermaßen dagegen, und das Spiel wurde ein zähes Ringen und sich Stemmen gegen den Ausgleich. Letztlich war diesem Ringen Erfolg beschieden, weil die Auer im Spiel nach vorne zu harmlos waren und Felix Wiedwald einen scharf geschossenen Freistoß, den ich schon im Tor sah, doch noch abwehren konnte. Daniel Brosinski hatte zwei-, dreimal die Gelegenheit dieses Ringen vorzeitig mit einem weiteren Tor zu beeenden. Doch dieses Mal zeigte er mit seinen Abschlüssen, was er neben dem Flanken in der Saisonvorbereitung  besonders üben sollte.

So war nach dieser zweiten Halbzeit die Stimmung auch nicht sonderlich ausgelassen, als der Klassenerhalt gefeiert werden konnte. Viele Zuschauer dachten schon an das Spiel gegen Düsseldorf. Vier von sechs zu verabschiedenden Spielern waren anwesend. Bruno Soares wurde dabei am meisten gefeiert. Anschließend ließ man Oliver Reck noch einmal hochleben, der zwar nicht auf den Zaun ging, aber noch ein paar Worte sprach. Erneut waren das hoffnungsfrohe Worte für die nächste Saison. Da könnte tatsächlich etwas wachsen. Ein wenig scheue ich mich von vorhandener Stabilität zu sprechen, auf die aufgebaut werden kann. Das sind die Zweifel, die uns als dem MSV Duisburg zugeneigte Menschen fast alle immer wieder überkommen, wenn wir von der Zukunft dieses Vereins reden sollen. Dennoch überwiegt bei mir die Vorfreude auf das, was kommt.

Für einen Verein wie dem MSV Duisburg ist es ungemein schwierig, sich im Mittelbau des professionellen Fußballbetriebs dauerhaft und ohne finanzielle Schwierigkeiten zu positionieren. Im Moment, so scheint es, kriegen wir gerade noch einmal die Kurve. Und um mit weiteren Gedankenspielen zur nächsten Saison zu enden. Wie im MSVPortal zu lesen ist, war Julian Koch am Sonntag im Stadion. Selbst wenn der MSV Duisburg sein Verein zur Ausleihe in der nächsten Saison dann doch nicht werden sollte. Es ist ein Zeichen für die gute Arbeit beim MSV Duisburg im Moment, dass bei der anstehenden Entscheidung für Julian Koch der Verein unserer Zuneigung als einer von zwei Vereinen mit im Rennen ist.

Nun bleibt noch, am nächsten Spieltag den zehnten Platz zu sichern, und  St. Pauli oder Paderborn die Chance auf das Relegationsspiel zu geben.  Womöglich gelänge dann sogar zum ersten Mal einem Zweitligist in der Relegation der Aufstieg. Weder der 1. FC Köln noch Hertha BSC machen ja im Moment den Eindruck, als könnten sie jemals wieder ein Spiel gewinnen.

Warum sich Bruno Soares über Constant Djakpa aufregte – Der Sieg bei Sky

Ausnahmsweise hier einmal der Hinweis auf die Möglichkeit in der Mediathek von Sky, den kurzen Spielbericht zum Sieg vom MSV Duisburg gegen Eintracht Frankfurt in der Endlosschleife sich zu ansehen. Vor allem weil sich für mich erst in diesem Spielbericht bei Minute 2:20 die Frage klärte, warum sich Bruno Soares wenige Minuten nach seinem Tor mit einem Spieler von Eintracht Frankfurt sehr in die Wolle gekriegt hat. Dieser Spieler war Constant Djakpa, und er hat beim Drübersteigen über den am Boden liegenden Bruno Soares mal kurz, aber mit Nachdruck seinen Fuß im Unterleib von Bruno Soares abgesetzt. Hätte mich auch sehr aufgeregt. Der Schiedsrichter und Mitspieler haben die beiden ja schnell voneinander getrennt. Und es hat mich schon im Stadion geärgert, wie Unschuldslamm Djakpa dem Schiedsrichter auf die Schulter geklopft hat, frei nach dem Motto, gut gemacht, Herr Steuer. Aus seiner Sicht natürlich mit der großen Erleichterung erklärbar, nicht erwischt worden zu sein bei seiner groben Unsportlichkeit.

Nachtrag, 11. April: „Das DFB-Sportgericht hat heute Vormittag im Einzelrichterverfahren den Spieler Constant Djakpa wegen eines ‚krass sportwidrigen Verhaltens in Form einer Tätlichkeit gegen den Gegner‘ zu einer Sperre von drei Meisterschaftsspielen verurteilt.“ Offizielle Meldung von Eintracht Frankfurt

Der MSV, der MSV, der MSV ist wieder da!

Wann ist das einmal so gut gegangen? Die Mannschaft des MSV Duisburg zieht sich nach einer Zwei-Tore-Führung zurück, überlässt dem Gegner das Spielfeld und diesem Gegner gelingt nicht einmal ein Anschlusstor? Dieser Gegner spielt wie eine Handballmannschaft immer um den Strafraum herum, und der Mannschaft fällt nichts ein, wie sie gefahrvoll vor das Tor des MSV Duisburg kommen kann. Dieser Mannschaft, Eintracht Frankurt, gelang ein bedrohlicher Schuss auf das Tor von Felix Wiedwald nach der 2:o-Führung. Er kam verdeckt, und der Ball hätte den Weg ins linke untere Eck  finden können. Doch Goran Sukalo bekam einen Fuß in die Schussbahn und lenkte den Ball zur Ecke ab.

Dennoch hatte ich nie die Sicherheit, mit der Oliver Reck nach dem Spiel vor die Presse trat. Er hatte in dieser zweiten Halbzeit nie das Gefühl, die Eintracht könne noch ein Tor erzielen. Das unterscheidet den Trainer vom Zuschauer, der Zuschauer erinnert sich an all die Spiele des MSV Duisburg, in denen in letzten Minuten – sogar gegen alle Wahrscheinlichkeiten – noch etwas schief gegangen ist. Der Trainer befindet sich mit seinen Gedanken nur in dem einen Spiel.

Wir können uns über den 2:0-Sieg gegen den Aufstiegsfavoriten freuen und über den Klassenerhalt. Da lege ich mich jetzt auch in der Öffentlichkeit fest. Mit etwas mulmigem Gefühl hatte ich das schon unter vier Augen Freunden  nach dem Unentschieden in Ingolstadt zugeflüstert. Nach dem Sieg gegen Eintracht Frankfurt bin ich nun doch aber froh, dass tatsächlich niemand aus der Schicksalsagentur, Sparte Rückschläge im Leben, heimlich mitgehört hat.

Natürlich hat man sehen können, dass Eintracht Frankfurts Spielanlage eigentlich der vom MSV Duisburg überlegen war. Der Ball lief besser, die Spieler schienen genauer zu wissen, wo ihre Mitspieler sich gerade befanden. Doch ahnte man immer wieder nur das Potenzial dieser Mannschaft, denn gleichzeitig spürte man auch, diese Eintracht war sich ihrer vermeintlichen spielerischen Überlegenheit zu sicher. Jederzeit zu sehen war sie ja nicht. Dennoch schien die Spieler der Eintracht zu meinen, ihr Spielaufbau werde sich zu überlegenem Spiel entwickeln In der ersten Halbzeit hatte es diese Möglichkeit der Spielentwicklung auch gegeben. Dagegen standen in der Defensive beim MSV Duisburg Einsatz und Laufbereitschaft. Großartig wieder Goran Sukalo, der von der Mitte aus so oft als zweite Absicherung an die Außenlinie ging und dann dort den Stürmer der Eintracht stellte, wenn die Außenverteidiger überspielt waren. Er war immer überall da, wo die Not wuchs.  Großartig war aber auch sein Volleyschuss zur 1:0-Führung.

Im Spiel nach vorne überzeugte wieder der Mut, die Angriffe kontrolliert vorzutragen und spielerische Lösungen zu suchen. Das brachte zwar keine klaren Chancen, erhöhte aber den Druck auf die Eintracht in der ersten Halbzeit. Die Eintracht konnte sich nie sicher sein, ob nicht einer dieser Angriffe sauber zu Ende gespielt werden würde. Zu Ecken hat das dann ja geführt. Und wie wir gesehen haben, entstand aus einer dieser Ecken im zweiten Anlauf die Führung.

Nach der Halbzeitpause warteten wir auf den beginnenden Sturmlauf der Eintracht, doch deren erstes kurzes Aufbäumen von drei, vier Minuten überstand der MSV und war danach wieder gefährlich im Spiel. Eine Doppelchance machte Oka Nikolov noch zunichte. Doch es gab ja wieder eine Ecke mit Gedränge vor dem Tor, in das Bruno Soares hineinrauschte und dabei den Ball irgendwie ins Tor drückte. Wie unbeschwert diese Spieler nun dort auf dem Spielfeld ihre Siege feiern. Welche Entwicklung ist das in den Wochen seit dem Jahresanfang.

Ein wenig Sorgen bereitet mir Jürgen Gjasulas Auswechlung. Schon zum Ende der ersten Halbzeit schien er Schmerzen in der Wade oder am Fuß zu haben. Hoffen wir, da gibt es nur eine Prellung. Die Mannschaft braucht seine Ballsicherheit, seinen Blick und seine Ideen. Da gibt es für mich keine Frage. Der Mut mit jedem Gegner die Augenhöhe zu suchen, hängt mit seiner wieder gewonnen Spielstärke zusammen. Es wäre doch schön, den Rest der Saison von der Siegeslaune der letzten Wochen noch so oft wie möglich begleiten lassen zu können.

Schade um den möglichen Sieg, aber …

Nun konnten wir im dritten Auswärtsspiel hintereinander nach einer Führung des MSV Duisburg auf einen Sieg hoffen. Nur wer hofft, kann enttäuscht werden. Es war schade, dass der Ausgleich kurz vor Spielende fiel, doch welch große Fortschritte hat diese Mannschaft gemacht, seit gegen Union Berlin das Ausgleichstor kurz vor dem Schlusspfiff fiel. Was damals ein Gefühl von Unglück hinterließ, betrachtete ich gestern als ein Ergebnis, das bei einer knappen Führung immer möglich sein kann. Damals war mein Vertrauen in diese Mannschaft jederzeit angreifbar und deshalb trauerte ich um verlorene zwei Punkte. Was man hat, das hat man.  Heute wirkt diese Mannschaft so gefestigt auf mich, dass sie eben in den nächsten Spielen ihre Punkte holen wird.  Sie nimmt den Ausgleich hin, holt damit aber sogar einen Punkt mehr, als ich in meinem Plan „Klassenerhalt“ vorgesehen habe und richtet den Blick auf das nächste Spiel.

Diese Mannschaft ist auf einem guten Weg, der durch späte Ausgleichstore nicht mehr irritiert wird. Wie ruhig und sicher hat sie in der ersten Halbzeit versucht Angriffe aufzubauen gegen einen FC Ingolstadt, der sich sehr weit zurück zog. Der MSV Duisburg war gezwungen, das Spiel zu machen. Die Mannschaft musste der Gefahr begegnen, durch ein Konterspiel ausgeknockt zu werden, durch das schon der SC Paderborn unter die Räder gekommen war. Doch dieses Konterspiel des FC Ingolstadt wurde im Keim erstickt.

Der MSV Duisburg wird sich seiner spielerischen Möglichkeiten immer sicherer. Dieses Spiel war von seiner Anlage her ein völlig anderes als das in Paderborn. Auch deshalb wächst mein Vertrauen in die Mannschaft vom MSV Duisburg weiter. Unterschiedliche Aufgaben werden unterschiedlich gelöst, und über allem steht das Wissen, wir werden Abwehr des Gegners mit spielerischen Mitteln überwinden. Die Mannschaft ist allerdings (noch) nicht so gut, dass keine Fehler passieren. Deshalb reicht eine Führung mit nur einem Tor nicht immer für den Sieg. Deshalb zittern wir zum Ende eines Spiels hin immer mehr. Schnittstelle ist das Stichwort, und die Sportberichterstattung spricht dann gerne von der Abstimmung zwischen Außen- und Innenverteidigung. Da kriege ich Herzklopfen, wenn kurz vor dem 16-Meter-Raum die Pässe steil gespielt werden, weil bei die Raumaufteilung unserer Verteidigung darauf angelegt ist, dass Pässe des Gegners auch immer mal ankommen. Beim folgenden eins gegen eins können wir aber nie ganz sicher auf den Ballgewinn setzen und im noch schlechteren Fall rennt unser einer dem gegnerischen anderen bei dessen einsamen Sprint auf Felix Wiedwald zu hinterher.

Bei meinem Plan „Klassenerhalt“ war sogar eine Niederlage in Ingolstadt einkalkuliert. Der Punktgewinn stimmt mich deshalb trotz kitzelnder Enttäuschung zufrieden. Wie er zustande kam, lässt mich sogar hoffen, das auch aus meiner einkalkulierten Niederlage im Spiel gegen Eintracht Frankfurt etwas anderes wird. Andererseits fallen André Hoffman und Valeri Domovchiyski wegen ihren fünften gelben Karten aus, Goran Sukalos Knie schmerzt und über weitere Folgen von Verdrehen will ich erst mal nicht nachdenken. Das Spiel gegen Aachen ist zwar weitaus wichtiger, aber wie gesagt, was man hat, das hat man.

Der Optimist Bruno Soares

Diese Nachricht ist ein weiteres Zeichen, das für den sicheren Klassenerhalt spricht. Bruno Soares plane den nächsten Schritt in seiner Karriere und werde im Sommer den MSV Duisburg verlassen, berichtet Der Westen. Wer so optimistisch wie Bruno Soares durchs Leben geht und vom Karriereschritt spricht, sollte auch unter Druck eine stabile Psyche besitzen. Lasse ich  seine Leistung in dieser Saison Revue passieren, sehe ich hartnäckige Deckungsarbeit gepaart mit gleich gebliebener, auffälliger Klammergarnitur sowie mininal verringerter Streubreite seiner weiten Pässe. Der Realist schmunzelt und denkt, vielleicht zahlt für die gleich gebliebene Mindestqualität ein anderer Verein besser. Ist schließlich auch ein Karriereschritt.

Wer gibt dem Freitag einen Namen und dem MSV die Punkte?

Veilchendienstag, Rosenmontag, Tulpensonntag, Nelkensamstag. Und der Freitag? Dieser bedauerliche Tag zwischen Weiberfastnacht und dem blumigen Rest hat keinen besonderen Namen. Was soll so ein Freitag denn nun nur machen? Erst wusste er nicht so recht, ob er fürs Karnevalfeiern geeignet ist, dann strengt er sich seit einiger Zeit an, um zu den tollen Tagen dazu zu gehören und gibt seine Zeit, damit die Menschen in Kneipen feiern können. Den besonderen Namen als Lohn bekommt er aber nicht.

Da geht es dem Freitag nicht anders als dem MSV Duisburg in der Zweiten Liga am selben Tag. Die Mannschaft des MSV wusste im Spiel gegen den FC St. Pauli erst einmal auch nicht so recht, was sie machen sollte. Eine Halbzeit lang wurde da hin und her überlegt, während das Spiel schon lief und die Spieler ja irgendwie auch dabei sein mussten. So bemühten sich die Spieler mit der Geschwindigkeit der Mannschaft aus Hamburg Schritt zu halten, auch wenn sie den Eindruck machten, als hätten sie gehörigen Respekt vor dieser Geschwindigkeit des gegnerischen Umschaltens zwischen Verteidigung und Angriff.

Dabei hätten sie mit ein wenig Ruhe erkennen können, gerade die eigene Langsamkeit in den Versuchen den Ball nach vorne zu bringen, erleichterte diese Geschwindigkeit. Sie hätten vielleicht auch noch gesehen, viel mehr als diese Geschwindigkeit war da nicht. Am Ende war der FC St. Pauli für sich selbst zu schnell in seinen Angriffsbemühungen. Vor dem Tor des MSV Duisburg liefen sie nämlich alle ganz schnell am Ball vorbei. Da brauchte es  schon mehr Ruhe im Spiel des FC St. Pauli, um das eine entscheidende Tor zu erzielen.  Der FC St. Pauli nutzte die absolute Bewegungslosigkeit eines ruhenden Balles zur gezielten Flanke in den Strafraum. In dieser ersten Halbzeit konnten wir also nicht einen Moment auf Gegenwehr und Ausgleich hoffen. Einmal mehr sah das Bemühen der Mannschaft hilflos aus.

Das Publikum zeigte sich in Teilen aber ebenso hilflos wie die Mannschaft in dieser ersten Halbzeit. Halbherzig machte sich da die Verzweifelung über das erfolglose Spiel im „Wir wollen euch kämpfen sehen“ Luft.  Das wurde mehrmals angestimmt, ohne große Resonanz, aber für Momente halblbaut genug. Dieses „Wir wollen euch kämpfen sehen“ war der Emil-Jula-Sprint des Fangesangs, die  Daniel-Brosinski-Flanke und die Bajic-oder-Soares-Spieleröffnung, allesamt bemühten sie sich, und die Erfolglosigkeit dieser Bemühungen war voraussehbar.

Mangelnden Einsatz kann man den Spielern vom MSV Duisburg wirklich nicht vorwerfen. Sie kämpfen, sie versuchen sich einzusetzen. Das Problem der ersten Halbzeit war nur, dass sie nicht so recht wussten, wie sehr sie ihren spielerischen Möglichkeiten vertrauen konnten. Das Problem der zweiten Halbzeit dagegen war erneut der harmlose Sturm. In dieser zweiten Halbzeit kam das Spiel der Mannschaft endlich ins Laufen. Endlich zeigte auch der MSV schnellere Spielzüge, endlich bewegte sich die Mannschaft nicht nur auf geraden Bahnen in der gegnerischen Hälfte. Es wurde gekreuzt, auch auf kurzen Strecken steil gegangen und der aufgenommene lange Ball wurde per Doppelpass verwertet. Der Abschluss war einmal mehr nicht vorhanden. In so einem Spiel fällt ein Ausgleich dann mehr zufällig. Ich bleibe dabei, es gibt keine Wahrscheinlichkeit der Voraussage, wie diese Mannschaft spielt. Alles ist möglich.

Entscheidende Positionen im Spiel besetzen Spieler, die sich ihrer Fähigkeiten zu unsicher sind. Sie brauchen den Lauf des Spiels. Baut der sich auf, wird alles gut. Gibt es den nicht, lastet die Gefahr der Niederlage immer schwerer auf deren Schultern. Es ist mehr als ein billiger Scherz, sich Gedanken über die Frisur von Daniel Brosinski zu machen. Das hat sehr viel mit der Psyche eines Menschen zu tun. Wir kennen die Geschichten von der anderen Frisur, mit der Menschen Wendepunkte ihres Lebens äußerlich unterstreichen. Ohne Haare war Daniel Brosinski ein selbstsicherer Fußballspieler. Das ist nur ein Hinweis, was alles zu den instabilen Leistungen dieser Mannschaft beiträgt.

Die Gefahr erkennen, ohne zu erstarren. Darum wird es für diese Mannschaft in den nächsten Spielen gehen. Deshalb lohnt die Unbeschwertheit der Gegenwart, wie sie die Karnevalsgröße Jupp Schmitz mit kölscher Jelassenheit und ebensolchem Zungenschlag empfahl. Schließlich steht der MSV Duisburg zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz: „Wer weiß, was morgen  noch alles uns blüht? Wer weiß, wie lange das Lämpschen (!) noch glüht? Komm lass die Sorgen, was immer auch geschieht. Denn wer weiß, was morgen noch alles uns blüht?“ Man weiß es eben nicht. Der Abstieg muss nicht dabei sein.

Von der Karl-Liebknecht-Straße zum Sieg in der Karl-Liebknecht-Straße

Kevin Wolze setzte sich am linken Flügel immer wieder durch.

Sagen wir mal so:  Karl Liebknecht war ein Friedrich Ebert der DDR, und Golm ist das Walsum oder Rheinhausen von Potsdam, wahlweise auch das Porz von Köln oder Spandau von Berlin. Wo immer auch während der 50er Jahre in Ostdeutschland eine Straße um- oder neubenannt werden sollte, stand Karl Liebknecht ganz oben auf der Auswahlliste für mögliche Straßennamen. Dementsprechend gibt es seit der Eingemeindung von Golm die Karl-Liebknecht-Straße in Potsdam zweimal, und flüchtiges Bedienen von Navigationsgeräten führte mich am Samstag erst einmal aufs flache Land, wo ich auf einer recht kurzen Karl-Liebknecht-Straße mit einer sehr überschaubaren Bebauung schon beim Einbiegen sofort ein schlechtes Gefühl bekam. Zwischen den kastenartigen Büro-Neubauten war selbst für ein kleines Karl-Liebknecht-Stadion einfach zu wenig Platz. Der zweite Blick bestätigte meinen Verdacht. Kein Stadion, nirgends. So fuhr ich am kleinen Bahnhof von Golm vor, ließ mir in althergebrachter Art von richtigen Menschen den Weg erklären und fuhr mit leichter Unsicherheit über den richtigen Weg, aber ohne weitere Umwege zum Ziel. Das Navigationsgerät hatte ich vorsorglich ausgeschaltet.

Meinem Sohn hat das nicht gefallen. Er meinte, ich hätte mich um die Anfahrt früher kümmern müssen. Im Nachhinein finde ich das auch, kann aber nun verstehen, wie es zu Zeitungsmeldungen über Autofahrer kommt, die ihrem Navigationsgerät bis zum Überfahren von Uferböschungen folgen. Allerdings macht so eine mühevolle Anfahrt auch die Wirkkraft des Stadionbesuchs meines sonst fußballabstinenten Sohnes größer. Hinzu kommen als Gute-Laune-Killer desweiteren: die eineinhalbstündige Anfahrt für die knapp dreißig Kilometer von Berlin aus wegen innerstädtischer Autobahnzufahrtsstraßenstaus sowie der etwa vier Kilometer Fahrt in Schrittgeschwindigkeit auf der AVUS, aber auch der Dauerregen ab etwa der 30. Spielminute, von uns verbracht ohne Überdachung im Gästebereich. Ich denke, seit Samstag sieht es damit gut aus für den MSV in dieser Saison. Mein sonst fußballabstinenter Sohn und ich haben meinen Plan übererfüllt, mit ein wenig Verspätung das zukunftsweisende Spiel des letzten Jahres zu wiederholen. Die Mannschaft hat mit leichten Einschränkungen das ihrige getan.

Noch ist der Ball nicht über der Linie. Doch am Rand des Strafraums herrscht schon Gewissheit über die frühe 1:0-Führung

Es war zwar kein 2:o-Sieg im Liga-Betrieb, doch es geht um das Gefühl, dass diese Mannschaft eine Einheit werden kann. Es geht um gelungene Kombinationen, um die Andeutung von Struktur. Diese Struktur ließ sich immer wieder entdecken. Es gab planvolles Spiel, wenn auch im Mittelfeld gelegentlich der Notausstieg mit dem langen Ball versucht wurde. Was verständlich war angesichts eines SV Babelsberg, der sich immer schnell zurück zog und dann nicht aus der eigenen Hälfte herauslockbar war. So war der lange Pass die sichere Variante gegenüber dem Dribbling mit dem möglichen Ballverlust an der falschen Stelle auf dem Spielfeld. Der Sieg war nicht gefährdet, weil die Tore für den MSV Duisburg sehr früh fielen und der SV Babelsberg 03 im Sturm bei allen Bemühungen in der zweiten Halbzeit vollkommen harmlos war. Gegen eine Mannschaft mit entschlosseneren Stürmern hätte der MSV Duisburg sicher Schwierigkeiten bekommen. Pässe in die Spitze schienen immer wieder möglich zu sein. Vielleicht rührt der Eindruck aber auch daher, weil sich die Spieler des MSV Duisburg ihrer Qualitäten sicher waren. Offensichtlicher sind unpräzise Pässe im Spiel nach vorne oder lange Bälle, die ins Aus geschlagen werden statt auf den Mitspieler. Davor verschließt Milan Sasic keinesfalls die Augen. Wäre ich schon gestern zum Schreiben gekommen, ich hätte ähnliche Worte für die Wertung des Spiels gefunden. „Präzision“ und „Timing“ hätten mitunter gefehlt, meint er und erkennt eine zu große Spannbreite zwischen sehr guten und misslungenen Spielaktionen. Ich denke aber eben auch an die Defensive. Gerade in der zweiten Halbzeit sah man wieder viele gelingende Pässe der Babelsberger in die Spitze hinein.

Nass und siegreich!

Milan Sasic hält es für möglich, dass die Entwicklung dieser Mannschaft noch bis in die Winterpause andauert. Ein ganz klein wenig kitzelt mich da eine Sorge. Einerseits bin ich sehr erfreut über den Realismus, der in Milan Sasics Worten anklingt. Da wird nichts schön geredet. Andererseits bin ich schon nach dem Spiel gegen den FC Energie Cottbus immer wieder über Kommentare gestolpert, die ich von anderen Vereinen auch aus späteren Phasen der Saison kenne. Sie kamen nicht von Milan Sasic sondern von neutralen Beobachtern, und solche Kommentare möchte ich möglichst nicht mehr so oft hören – dass etwa darauf hingewiesen wies, wie gut die Mannschaft eigentlich sein könnte. Am Anfang einer Saison klingt da ja noch nach Potenzial, irgendwann dann nicht mehr. Schluss jetzt und sich freuen auf die nächste Runde im DFB-Pokal. Da denke ich jetzt weiter und halte mich fest an dem Bild von zwei Sololäufen des neu verpflichteten Dzemal Berberovic. Das war sehr dynamisch und erinnerte neben seiner guten Abwehrleistung an ein Element, das dem Spiel des MSV Duisburg schon zu Ende der letzten Saison gefehlt hat. Und dabei ist Berberovic gar kein Nachwuchsspieler mit Zug zum Tor. Hoffen wir, er kann solche Leistungen dauerhaft zeigen.

Auch ohne das Elfmeterschießen wurde es dramatisch

Nein! Nein! Jaa! Ja. Nein, nicht, nein. Aah. Pfffffff. EM-ES-VAU-EM-ES. Aaaah. Ooooh. Nein. Pfffff. Hhhhhhhhhha. JAAAAAAAAA. So ungefähr muss ich mich angehört haben in den letzten Momenten dieses Halbfinales vom MSV Duisburg gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für ein taumelndes Stemmen vom MSV Duisburg gegen den drohenden Ausgleich kurz vor dem Abpfiff im Halbfinales des DFB-Pokals gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für eine Energie im Stadion auf den Rängen und auf dem Spielfeld. Diese Energie drohte in den letzten Minuten immer wieder richtungslos zu wabern. Und doch bündelte sie sich auf dem Spielfeld in großartigen Rettungsaktionen, mit denen das Tor der Cottbusser im letzten Moment verhindert wurde. Auf den Rängen verwandelte sich das Aufstöhnen und unartikulierte Schreien in das peitschende EM-ES-VAU, das diese Mannschaft unten auf dem Spielfeld zu dem so nah wirkenden Sieg tragen sollte.

So sicher schien der Sieg für den MSV Duisburg über etwas mehr als 70 Minuten, und so dramatisch wurden die letzten Spielminuten. Viel zu viele Spieler in roten Trikots befanden sich im Strafraum vor dem Tor von David Yelldell. Viel zu viele, um jeden so zu decken, dass er wirkungslos sein würde. Der Angriff kommt über den linken Cottbusser Flügel. Kein Bein eines MSV-Verteidigers verändert die Flugbahn der Flanke, und ich weiß irgendeiner dieser Spieler in den roten Trikots wird an den Ball kommen, schießen und wahrscheinlich treffen. Aber David Yelldell zerstört mit einem beeindruckenden Reflex auf der Linie die dritte Riesenchance zum Ausgleich.

Plötzlich bündelt sich nichts mehr, es wabert nur noch. Plötzlich entsteht ein Teppich an Energie, die nicht weiß, was das nächste Ziel ist, außer dass Schiedsrichter das Spiel abpfeifen soll. Plötzlich scheint das Tempo dem Spiel verloren gegangen zu sein. Sind die meisten Spieler zu weit vom Ball entfernt? Ist es Olcay Sahan, der den Ball in die Cottbusser Hälfte treibt. Schon im Ansatz ist zu sehen, er schafft das mit letzter Kraft und nur um den Ball möglichst weit Richtung Südtribüne zu bringen. Doch auch die Cottbusser Spieler sind so langsam. Wahrscheinlich kommt es mir auch nur so vor, weil  sich die Zeit bei den drei Cottbusser Großchancen kurz hintereinander so sehr verdichtet hatte. Dreimal hatte ich die Schüsse der Stürmer von Cottbus im Tor des MSV Duisburg gesehen. Ich war auf den Sturz in den Abgrund der Enttäuschung schon gefasst, und dann packten David Yelldell, Olivier Veigneau und der lebendig gewordene Pfosten mich bei der Hand. Sie zogen mich auf den schmalen Geröllpfad wieder hoch, der in die Glückseligkeit nach dem Abpfiff führen sollte.

Was waren das für dramatische letzte Minuten. Dabei habe ich selten zuvor ein so entscheidendes Spiel des MSV Duisburg einfach nur genossen. Bis ungefähr zur 75. Minute. Die Mannschaft des MSV Duisburg ließ dem FC Energie Cottbus in der ersten Halbzeit keine Chance. Cottbus wirkte verunsichert und übernervös. Dagegen schien die Mannschaft des MSV Duisburg von der Atmosphäre im Stadion beflügelt.

Diese Zuschauer waren für den MSV Duisburg gekommen und sie glaubten an ihre Mannschaft. In dieser Saison entsteht in Duisburg vielleicht zum ersten Mal eine Kultur des dauerhaften, intensiven Supports durch die Zuschauer. Die Stimmung war leichter als im Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern. Sie war aber selbstbewusster und vielleicht gerade deshalb auch nicht ganz so kraftvoll. Doch diese Stimmung war nahezu durchgehend vorhanden.

Klare Chancen konnte sich die Mannschaft vom MSV Duisburg zunächst nicht erspielen. Aber es war deutlich, solange jeder Cottbusser Angriffsversuch derart konsequent unterbunden wurde, könnte jederzeit ein Fehler in der Cottbusser Verteidigung zum Führungstor des MSV Duisburg werden. Das 1:0 von Stefan Maierhofer wirkte dann auch wie das perfekte Bild für die gesamte Spielweise des MSV Duisburg. Es wirkte wie die Mischung aus geplantem Angriff, dem unentwegten Hinterhergehen bei jedem verlorenen Ball und der in so einem ersten Moment der Balleroberung nicht ganz vorhandenen Ballkontrolle. Die Flanke in den Strafraum konnte Stefan Maierhofer nicht direkt köpfen, sondern der vom Verteidiger abgewehrte Ball prallte dem synchron mitspringenden Maierhofer an den Kopf, um dann erst ins Tor zu gehen.

Die Cottbusser starteten in der zweiten Halbzeit mit einem neuen Spieler, der sehr viel Gefahr verbreitete. Doch nachdem die ersten zwei heftigen Angriffe abgewehrt waren, gewann der MSV Duisburg die Kontrolle über das Spiel zurück. Konter wurden möglich, und so einen Konter schloss Srdjan Baljak nach Pass von Ivica Banovic zum 2:0 ab. Die Cottbusser gaben aber noch nicht auf. Das Anschlusstor durch den Elfmeter hätte mich nicht weiter beunruhigt. Erst die rote Karte gegen Bruno Soares ließ das Spiel noch einmal kippen. Für mich war diese rote Karte eine zu harte Entscheidung. Diese rote Karte brachte zwar zunächst keine Unruhe in der Hintermannschaft, sie brachte aber Zweifel beim Spiel nach vorne. Beeindruckend wie ruhig und abgeklärt in so einer Spielphase Branimir Bajic die Abwehr organisiert. Dieser Mann ist ein Phänomen. Wie kann ein Spieler derart unauffällig präsent sein?

Diese Mannschaft hat als Einheit den Sieg errungen. Eine so konsequentes Agieren wie in der ersten Halbzeit funktioniert nur als sorgsam organisiertes Miteinander. Ein Sinnbild dafür ist für mich auch der Jubel der Ersatzspieler beim zweiten Tor. Sie wollten nicht am Rand stehen bleiben, sondern sich gemeinsam mit David Yelldell über das Baljak-Tor freuen. Berlin, wir kommen. Und egal, was da im Finale passiert, es wird wieder gut werden.

Ehrenecke in der 90. Minute

Das Gedächtnis ist eine wunderbare Sache. Verläuft das Leben einigermaßen normal, rücken die unangenehmen Erfahrungen der Vergangenheit ins aushaltbare Halbdunkel. Gut ausgeleuchtet bleibt nur all das, was mit guten Gefühlen verbunden war. Erst bei erneuter Begegnung mit solch einer unangenehmen Erfahrung, ist es so, als schalte jemand mal eben das Licht an in diesem Halbdunkel.

Nicht nur eine 7-Watt-Sparbirne leuchtete in der ersten Halbzeit beim  Heimspiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Union Berlin recht früh schon auf. Nach und nach wurden eine Menge Lampen und Scheinwerfer herbeigeholt, damit ich mir Enttäuschung und Unzufriedenheit der vergangenen Jahre in jedem Detail mal wieder etwas näher ansehen konnte. Sechs bis sieben Minuten lang schien es nach Anpfiff so, als könne die Mannschaft des MSV Duisburg jeden Zweifel beseitigen, wer dieses Spiel gewinnen wird. In diesen sechs bis sieben Minuten strahlte die Mannschaft Entschlossenheit und Aggressivität aus. In diesen sechs bis sieben Minuten gab es einen von Julian Koch schnell vorgetragenen Angriff. Nach seinem Pass in den Strafraum kam Srdjan Baljak aber nur zu einem wenig gefährlichen Schuss. Im Rückblick war dieser Schuss von Srdjan Baljak ein erstes Zeichen für die beginnende Unsicherheit im Spiel nach vorne. Denn obwohl der Lauf von Julian Koch zunächst auf Gefahr für das Tor von Union hoffen ließ, wirkte der Angriff im Strafraum selbst harmloser.

Der MSV Duisburg musste gegen eine tief stehende Berliner Mannschaft spielen, die nicht einmal sehr interessiert am Konterspiel war. Wenn sich so viele Spieler in einer Hälfte aufhalten, braucht die angreifende Mannschaft eine große Ballsicherheit, damit die Verteidiger nicht jeden Angriff zerstören können. Diese Ballsicherheit gab es beim MSV Duisburg am Samstagmittag nicht. Beim Spiel über die Mitte versprangen Srdjan Baljak und Stefan Maierhofer die Bälle. Die von Stefan Maierhofer abgelegten Bälle kamen oft zu kurz oder zu lang. Das Spiel über die Flügel war mangels Platz so gut wie nicht vorhanden. Der 1. FC Union Berlin wartete ab, was dem MSV Duisburg einfiel. Doch die spielerische Qualität reichte an diesem Tag nicht aus, um in den Strafraum von Union zu gelangen. Die Spieler wirkten immer unsicherer und hilfloser.

Man kann das Spiel auch von der Psychologie her deuten. Die Mannschaft des MSV Duisburg spielt immer dann gut, wenn ihr kämpferischer Einsatz vom Gegner angenommen wird. Der 1. FC Union Berlin ließ diesen kämpferischen Einsatz in die Leere laufen. Diesen kämpferischen Einsatz hatte es nämlich in diesen ersten Spielminuten sehr wohl gegeben. Die Mannschaft des MSV Duisburg kam aber in die Verlegenheit aus ruhigen Spielsituationen ihre Angriffe zu entwickeln. In dieser Ruhe schien es oft so, als hätten die Spieler zu viel Zeit, Entscheidungen zu treffen. Im letzten Moment wurde der schon im Ansatz zu sehende Pass doch nicht gespielt. Als Konsequenz sahen wir verhungernde Pässe oder verzogene Schüsse. Die Alternative zum Fehlpass war der hohe Ball auf Stefan Maierhofer. Wir kennen das aus anderen Spielen dieser Saison. Wenn die Mannschaft sich keine andere Möglichkeit erspielt als die hohen Bälle auf Stefan Maierhofer, ist der Erfolg ein reines Glücksspiel. Gewonnen hat der MSV Duisburg nur dann, wenn die Mannschaft variabel gespielt hat. Ein Tor wie das vom 1. FC Union Berlin kann immer fallen. Da rutscht in der Mitte Bruno Soares aus, und die Berliner kommen zu einem Schuss, der normalerweise abgeblockt worden wäre. Es entsteht ein Durcheinander und irgendjemand stochert oder köpft in diesem Fall den Ball rein. Entscheidend war die Körpersprache der Mannschaft des MSV Duisburg nach diesem Tor. Da drückte sich zu viel Enttäuschung aus und zu wenig Selbstsicherheit. Die Hilflosigkeit bei den Angriffen des MSV Duisburg hatte sich als Grundgefühl in den Köpfen der Spieler anscheinend schon ausgebreitet.

In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel des MSV Duisburg etwas besser. Manches Zusammenspiel klappte nun, doch gefahrvoll in die Nähe des Strafraums kam die Mannschaft immer noch kaum. Was blieb war die Ehrenecke in der 90. Minute. Mehr braucht man eigentlich nicht über das Spiel zu wissen, um zu verstehen, warum der MSV Duisburg nicht gewonnen hat.

Die Spieler wissen, dass sie schlecht gespielt haben. Das lag meiner Meinung nach aber nicht am Einsatz. Wenn Milan Sasic in der ersten Halbzeit „Leidenschaft, Herzblut und Begeisterung“ vermisst hat, so greift das als Grund für die Niederlage zu kurz. Dieser Mangel war nur das Symptom der Hilflosigkeit. Diese Hilflosigkeit ergab sich für mich vor allem aus der schlechten Tagesform einzelner Spieler. Es fehlte der Spieler im Angriff, der den Ball auf engem Raum behauptet. Wir werden nun bei unserem Hoffen auf das Unaussprechliche warten müssen, wie stabil der VfL Bochum, die SpVgg Greuther Fürth und der FC Augsburg die Saison weiterspielen.

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun … Alle? Alle!

Großartig! Wunderbar! Lasst mich Bilder sehen! Mehr! Noch mehr! Und Clips! Die Stimmen nach dem Spiel hören. Und noch einmal alles von vorne. Noch immer schmecke ich die Begeisterung des gestrigen Abends. Noch einmal packt mich die Stimmung aus dem Stadion. Noch einmal werden einzelne Momente des gestrigen Abends lebendig. Doch beschreibende Worte für das Spiel gehen mir kaum durch den Kopf. Diese Beschreibung verlangt Distanz zum Geschehen, lässt mich Abstand nehmen von der Freude. Das will ich nicht. Diese Gefühle von gestern sollen mich so lange wie möglich durch den Tag begleiten. Alltag ist so viel öfter als Pokalsiege des MSV Duisburg vor Zuschauern, die alle von Anfang an dazu bereit waren, den Abend zu etwas Besonderem zu machen.

Allerhöchstens werde ich zum Spiel einzelne Sätze raushauen. Sätze, wie ich sie gestern dem Freund ins Ohr gebrüllt habe. Selten habe ich eine derart geschlossene Mannschaftsleistung vom MSV Duisburg gesehen, wo alle Spieler auf gleichermaßen hohem Niveau gespielt haben. Da ragte keiner raus, da fiel keiner ab. Alle auf den Zaun, natürlich! Alle verdienten es auf dem Zaun gemeinsam mit den Fans den Sieg zu feiern. Als die Banner-statt-Werbung-Fankurve  „Alle auf den Zaun“ sang, war das nicht nur die überschwappende Freude den höherklassigen Gegner besiegt zu haben, darin drückte sich auch spontan das Empfinden aus, dass der 1. FC Kaiserslautern durch eine von der Mannschaft gemeinsam erbrachten Leistung besiegt werden konnte.

Diese Mannschaft wirkte wie ein einziger Körper, der immer wieder an unterschiedlichen Stellen jeweils besondere Konturen gewann. Diese Konturen zeigten sich, wenn Olcay Sahan zu einem grandiosen Dribbling ansetzte oder er einmal mehr wieder einem Gegner hintersprintete, um ihn noch zu stellen. Das passierte, wenn Stefan Maierhofer sich selbst, die Mitspieler und immer wieder auch das Publikum mit großer Ausdrucksstärke dazu motivierte, auch noch die allerletzte Kraft  für den Sieg aufzubringen. Das passierte, wenn freie Räume durch Ivica Banovic und Goran Sukalo zugestellt wurden, Bruno Soares und Banimir Bajic die langen Bälle klärten oder Benjamin Kern und Olivier Veigneau sich die steilen Pässe auf die Kaiserslautern Flügel erliefen. Dann wiederum zeigte Julian Koch seinen dynamischen Antritt und Filip Trojan seine begnadete Technik. Diese Konturen zeigten sich natürlich, wenn Benjamin Kern mit Ecken und Freistöße für Gefahr im Kaiserslauterner Strafraum sorgte und als Branimir Bajic und Goran Sukalo die Tore für den MSV Duisburg erzielten.  Und es geschah, als in den letzten zwanzig Minuten David Yelldell sicher hielt, nachdem es den Kaiserlauternern bei ihrem vermehrtem Einsatz gelungen war, zweimal frei aufs Tor des MSV zu schießen. Nicht zuletzt zeigte sich die Konturen nach den Einwechslungen, als Sefa Yilmaz den Kontern des MSV Duisburg die notwendige Schnelligkeit gab und als Ivo Grlic souverän im Mittelfeld den Ball gegen jeden heraneilenden Kaiserslauter Spieler behauptete. Im Basketball nennt man so was, die Zeit klug ausspielen.

Wenn man die besondere Qualität dieses Sieges ganz begreifen will, so muss man sich an die ersten zehn Minuten des Spiels erinnern. In dieser Zeit war zu erkennen, dass der 1. FC Kaiserslautern sehr viel besser spielen kann als die sonstigen Gegner des MSV Duisburg aus der 2. Liga. Der MSV Duisburg hat nach kleineren Anpassungsschwierigkeiten bei den jüngeren Spielern problemlos mitgehalten. Olcay Sahan und Julian Koch etwa mussten sich darauf einstellen, dass ihnen vom Gegner mehr Widerstand entgegengebracht wurde, als sie es sonst gewohnt sind. Da blitzte zu Beginn zwei, dreimal der Olcay Sahan der Vergangenheit auf, wenn er beim Versuch des Dribblings am Gegenspieler abprallte und zu Boden ging. Doch zeigte sich schnell, das bleibt Vergangenheit, es war nur das andere Niveau, an das er sich gewöhnen musste. Und auch Julian Koch musste sich an ein anderes Timing für seine dynamischen Läufe mit dem Ball und der sich anschließenden Spielaktion gewöhnen. Auch das geschah schnell und reibungslos.

Knapp 23.000 Zuschauer waren im Stadion. Eine für Duisburger Verhältnisse zufriedenstellende Kulisse. Es war nicht ausverkauft, weil der MSV Duisburg seine Bedeutung für die Stadt erst wieder zurückgewinnen muss. Der Verein ist seit dieser Saison auf einem guten Weg, und nicht nur wegen der guten Leistungen, die die Mannschaft in dieser Saison zeigt. Dieses Mal wird erst an der Basis gearbeitet, und es werden keine unhaltbaren Versprechungen gemacht. Gute Voraussetzugen, um die Zuschauerzahl dauerhaft zu erhöhen. Dann werden Julian Koch und Stefan Maierhofer wie nach diesem Spiel häufiger von der Kulisse schwärmen können.

Dieser Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern war keine Pokalssensation. Die Mannschaft des MSV Duisburg durfte sich Chancen auf den Sieg ausrechnen. Deshalb schrumpft der Sensationsgehalt der Nachricht dieses Sieges doch erheblich zusammen. Der MSV Duisburg und seine Zuschauer brauchen die Überhöhung dieses Sieges nicht, um sich am Weiterkommen zu begeistern. Außerdem behalte ich mir die Sensation als Ausruf der Begeisterung lieber in der Hinterhand. Der Wettbewerb geht weiter, und ich möchte das Wort doch noch für das Geschehen benutzen, für das es dann passt.


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