Posts Tagged 'Cauly Souza'

Das neue alte Stadiongefühl beim MSV

Auch drei Tage nach der 2:1-Niederlage des MSV Duisburg gegen Darmstadt 98 kitzelt noch die Enttäuschung über das späte Tor der Darmstädter. Die Enttäuschung hält an wie ein anderes Gefühl, dem ich schon Jahre nicht mehr bei einem Spiel des MSV begegnet bin. Ein wenig misstrauisch beäuge ich dieses andere Gefühl. Es geht nämlich darum, wie ich durch dieses Spiel gegangen bin. Es geht dabei um meine Grundhaltung, die zu dieser Saison entstanden ist und die mir nach dem Spiel erst bewusst wurde. Wer jahrelang zum MSV geht, weiß, dass wir auf den Rängen immer mit allem rechnen müssen, nur nicht mit Normalität. Darum geht es.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Stadion war, dort ein derart spannendes Spiel gesehen habe und ich mir keinen Gedanken über dieses Spiel hinaus gemacht habe. Ich habe nicht an Abstieg verhindern gedacht oder an die Chance auf den Aufstieg. Ich war in diesem Stadion und war Anhänger des MSV als einem etablierten Zweitligisten, der am Ende der Saison im Mittelfeld landen wird, der die Aufstiegsaspiranten jederzeit schlagen kann, der unglückliche Niederlagen gegen gleich starke Mannschaften hinnehmen wird und immer einen sicheren Abstand zu den Abstiegsplätzen halten wird.

Am Freitagabend standen zwei Mannschaften auf dem Platz, die beide den Sieg wollten. Der MSV war der chancenreiche Underdog und zeigte den Darmstädtern Grenzen auf. Bei den Darmstädtern gab es Spieler, die als Einzelspieler denen des MSV leicht überlegen waren. Das waren nur wenige, aber sie machten den Unterschied in den letzten Minuten aus mit der Folge des Siegtreffers. Demgegenüber fiel das Ausgleichstor der Darmstädter als Folge der mannschaftlichen Stärke. Es war eine Art Lehrgeld, denn dieses Ausgleichstor wurde absehbar, weil es dem MSV nicht gelang, den entstehenden Druck der Darmstädter zu mindern. Die Mannschaft wollte nach jedem abgefangenen Angriff der Darmstädter weiter spielerisch aus der eigenen Hälfte heraus kommen. Wenn das aber viermal in der eigenen Hälfte scheitert, muss der Ball auch mal planlos nach vorne geschlagen werden. Nur dann kann sich die Defensive so organisieren, dass der spielerische Aufbau bei der nächsten Balleroberung wieder gelingt. Dieses Ausgleichstor war Lehrgeld.

Das Spiel war bis dahin ausgeglichen gewesen. Schon vor dem Führungstor durch Moritz Stoppelkamp hatte es auf beiden Seiten erste Chancen gegeben. Beim MSV war Cauli Souza einmal steil in den Strafraum geschickt worden und konnte dort nach artistischer Ballmitnahme nur unpräzise abschließen. Bei Darmstadt erhielt Kevin Großkreutz im Fünfmeterraum nach einem Flankenlauf den Ball und übergab ihn wie bei einem Rückpass Mark Flekken.

Nach dem Ausgleichstor war das Spiel wieder offen. Klare Chancen ergaben sich weder vor der Halbzeitpause noch danach. Dennoch verringerte sich der Offensivdrang beider Mannschaften nicht. Erst Mitte der zweiten Halbzeit wurde es auf beiden Seiten wieder torgefährlich. Der eingewechselte Stanislav Iljutcenko hatte sich bei Kevin Großkreutz abgeschaut, wie man im Fünfmeterraum frei steht und den Ball nicht verarbeiten kann. Sicher, die Flanke von Moritz Stoppelkamp kam zu hoch um zu schießen und zu flach zum köpfen. Am liebsten hätte ich Iljutcenko mitsamt dem in der Körpermitte festgeklemmten Ball ins Tor geschoben. Es sollte nicht sein.

Als der MSV die Führung verpasste, wurde es immer deutlicher, das Unentschieden zu halten würde schwierig werden. Auch wenn die Zebras weiter ihre Chance in der Offensive suchten, spielten die Darmstädter etwas präziser. Ihre Offensivaktionen strahlten mehr Gefahr aus. Die erste große Chance zur Führung ergab sich für den Gast durch einen Elfmeter. Mark Flekken hielt diesen harten Schuss von Tobias Kempe sensationell. Doch die Freude hielt nur kurz. Der Unterschied zwischen beiden Mannschaften war nicht groß in diesen letzten Minuten, aber groß genug, damit Yannick Stark in der 88. Minute den Siegtreffer für die Darmstädter erzielen konnte.

In der Bewertung dieses Spiels gibt es kaum Meinungsverschiedenheiten. Wieder hat der MSV eine sehr gute Leistung gezeigt, bei der in der Offensive vor allem Moritz Stoppelkamp und Cauly Souza im Blickpunkt standen. Simon Brandstetter rieb sich im Sturmzentrum auf. Die Defensive steht grundsätzlich gut. Die Anlage des Spiels ist erfolgsversprechend. Ob meine Haltung der Normalität angemessen ist, wird sich daran erweisen müssen, wie die Mannschaft mit der Enttäuschung umgeht. Diese Mannschaft muss lernen, dass sie trotz sehr guten Spiels nicht unbedingt gewinnt. Das wird schwer werden, denn der Einsatz dieser Mannschaft ist sehr groß. Wenn dann der Ertrag in der Selbstwahrnehmung nicht stimmt, wird es schwierig, diesen Einsatz weiter aufrecht zu halten. Deshalb war der Sieg in Heidenheim sehr wichtig. Diese Belohnung gilt es im Kopf zu behalten, dann werde ich meine Zweitliganormalität immer weniger kritisch beäugen.

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Pflaumenkuchen backen mit dem MSV

Seit Äonen vor meiner Geburt backe ich am 19. August Pflaumenkuchen. Daran ist nicht zu rütteln. Gegessen wird er danach auch. Sahne gibt es dazu, natürlich, und es wird weit geschnittene Kleidung getragen, damit der Bauch hinein wachsen kann. Die Bleche müssen leer werden. Dieser Tag im August verlangt also einige Umsicht von mir. Die notwendigen Zutaten vorzuhalten ist nicht das Problem. Aber nicht jeder Ort verfügt über Backöfen. Der Stehplatz in Heidenheim etwa wurde leider ohne Backofen-Zugang errichtet. Die Stadionordnung untersagt zwar nicht ausdrücklich die Selbstversorgung per portabler Backstube, aber ich war skeptisch, ob ich meinen kleinen Ofen unter der Jacke ins Stadion hätte hineinschmuggeln können.

Deshalb blieben Bewegtbilder vom Spiel auf dem Laptopbildschirm. Während der Hefeteig ging, gelang es dem MSV in der ersten Halbzeit die guten Leistungen der bisherigen Spiele zu bestätigen. Das Mittelfeld gehörte den Zebras. Ich sah das Spiel vornehmlich in der Hälfte der Heidenheimer, denen es nicht oft gelang, das frühe Pressing des MSV erfolgreich zu überspielen. Schafften sie es einmal den Ball in die Nähe des MSV-Tores zu bringen, waren lange Pässe viel zu unpräsise, als dass daraus Gefahr für das Tor hätte entstehen können. Mark Flekken oder die Defensivreihe liefen die meisten Bälle ab, Verlegenheitsschüsse gingen am Tor vorbei. In der Offensive arbeitete der MSV wieder viel. Die Mannschaft setzte auf den bekannten kontrollierten Spielaufbau. Wirkliche Torgefahr schaffte der MSV aber auch nicht. Dennoch wirkte das Spiel der Zebras gefälliger.

Beim Ausrollen des Teiges in der Halbzeitpause beschlich mich leise Furcht, dass die bis dahin gute Leistung erneut unbelohnt bliebe. Ohne Torgefahr kein Tor, aber die Erinnerung an die Pokalniederlage war noch frisch. Bewahre uns vor der Standardsitutation des Gegners. Schütze uns vor Zufall und Glück bei dessen Abschlüssen. Ich verpasste die ersten Minuten der zweiten Halbzeit, weil das Belegen des Teigs mit Plaumen länger dauerte, als ich dachte. So hörte ich den Torjubel nur, und er hörte sich nach Stadion an, nicht nach Gästekurve. Ich war erschüttert. Nicht schon wieder diesen Spielvorlauf, der irgendwann in die Geschichte münden würde, der MSV musste Lehrgeld bezahlen. Ich legte die letzten Pflaumen auf den Teig, schob die Bleche in den Ofen und konzentrierte mich aufs Spiel.

Vor dem Laptop blieb ich stehen, denn der Ball stürzte gerade in den Heidenheimer Strafraum hinunter und schien gleich in klassischer Rücken-zum-Tor-Stürmer-Weise per Drehschuss aufs Tor zu fliegen, so wunderbar wurde er von Boris Tashchy angenommen. Doch von der Seite kam Moritz Stoppelkamp herbei und hatte es sehr viel einfacher aufs Tor zu schießen. Tashchy überließ ihm, Stoppelkamp zirkelte ins rechte Eck und der Ausgleich fiel. Der MSV wollte danach das Führungstor. Das war so deutlich zu sehen. Boris Tashchy selbst erzielte es nur wenig später, wie gegen Bochum mit einem Schuss von der Strafraumgrenze nach sehr guter Vorarbeit von Cauly Souza.

Auch nach der Führung minderte der MSV sein Offensivspiel nicht. Das war beruhigend anzusehen, dass die Heidenheimer zunächst keinen großen zusätzlichen Offensivdruck entfalten konnten. Sicher gab es eine Chance durch einen Schuss aus etwa 16 Metern, doch der MSV hat mit Mark Flekken einen Torwart, der Chancen auch zunichte macht. Erst in den Schlussminuten geriet die Defensive des MSV tatsächlich unter Druck. Wo die Nachspielzeit von Minuten herkam, weiß ich nicht. Vier Minuten, die nicht nur meinen Pflaumenkuchen fast gefährdet hätten. Vier Minuten, in denen die größte Chance zum Ausgleich durch einen Schuss aus etwas zehn Metern auf oder kurz vor der Linie von Dustin Bomheuer abgewehrt wurde. Standen alle Spieler des MSV im Fünfmeterraum? Wahrscheinlich nicht, aber die Hälfte der Mannschaft war dort bestimmt versammelt. Mit aller Macht sollte der Ausgleich verhindert werden.

Endlich pfiff der Schiedsrichter ab. Dieser verdiente Sieg war wichtig und mein Pflaumenkuchen gerettet. Er war etwas zu lange im Ofen geblieben, die ersten Pflaumen waren schon sehr dunkel geworden. Ein verbrannter Pflaumenkuchen hätte mir wie eine erneute Niederlage die Laune verdorben. Je öfter nach erneut gutem Spiel nicht gewonnen wird, desto schwieriger wird es, an das eigene Können zu glauben. Dieser Sieg ist die Folge der guten Arbeit schon in der letzten Saison, als die Grundlage für diese Möglichkeiten des Spielaufbaus gelegt wurde. Was haben wir geschimpft auf die Spielweise des MSV. Doch seht euch an, wo Würzburg und Karlsruhe nach 5 Spieltagen in der 3. Liga stehen. Der KSC muss wie der MSV in der letzten Saison notwendig aufsteigen. Vor der Saison gab es keine Zweifel an der Verwirklichung dieses Plans. Vier Punkte aus fünf Spielen ist das Ergebnis bislang. So kann es auch gehen.


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